Part 25
Was ich den dritten Theil des Bazars nenne, nach dem Alter seiner Herstellung, sind größere, breitere Gassen, von gerader, in weite Ferne sich verlierender Länge, auch höher und lichter. Hier passiren auch Wagen und Pferde. Der Verkehr ist am lebendigsten in der so gestalteten Verbindungshalle zwischen der Nuri-Osmanjieh und der Bajasid Moschee. Das Gedränge schiebt und hält zugleich auf. Die Lastträger gehen hier durch und die Hausirer schreien auch hier ihre Waaren aus. Vor einer Bude stand ein Brougham, die Pferde ganz gemächlich ausgespannt, weil die darin sitzenden türkischen Frauen seit ein paar Stunden sich unterhielten, Stoffe und die Vorübergehenden anzusehen. So polizeiwidrig unseren Begriffen ist hier der Verkehr geordnet. Ein anderer Wagen, ein altmodisch vergoldeter, der wackelig in den Federn hing, kam hinter mir her, langsam von den Pferden geschleppt; der Kutscher ging daneben her und Weiber und Kinder sahen aus den Fenstern heraus. Auf mich zu aus dem Dunkel der Entfernung, das nur stellenweise durch die Lichtstrahlen der Kuppelöffnungen unterbrochen ist, kam auf einem Esel ein silberbärtiger Greis.
Zurück nahm ich den Weg durch die lange gedeckte Gasse den steilen Hügel hinab zu dem Besestan der Specereien, der Gewürze, der Farbehölzer, der Rosenöle, der Ambra, der Tamarinde, des Sandel- und Aloeholzes, der Henna und all’ des Duftenden, was sonst noch die gesegneten Stammländer der heil. Drei Könige uns senden. Liegt auf dem oberen Markte gar manches europäische Product zu Kauf, wie es bei der Herrschaft, welche das Fremdländische sich über alles Einheimische anzumaßen weiß, nicht anders möglich ist, so ist hier unten Alles dem Heimathslande der ausgebotenen Waaren getreu. Die Verkäufer sind ausländisch in Kleidung und Wesen. Ich bewunderte das Geschick, womit sie den unförmlichsten Gegenstand zierlich aufstellen. Vor und in den Buden steht Alles in großen Körben so appetitlich hergerichtet, daß jeder Korb dem Gaumen eine Versuchung wird.
Eine solche Wanderung, die sieben Stunden dauerte, gibt deutlicher als alle statistischen Zahlen einen Begriff von dem Handelsumfange dieser Stadt. Lebhafter habe ich nirgends ein Bild des menschlichen Treibens gesehen.
Constantinopel, Dienstag, den 14. Juni.
Um die Eindrücke aneinander zu reihen, weil mir die der heulenden Derwische noch frisch im Gedächtniß stehen, besuchte ich heute ein Tekke der tanzenden. Der Stifter dieses Ordens war der große mystische Dichter Mewlânâ Galâl addyn Rumy, der zu Balkh in Persien geboren, 1273 starb. Nach ihm wird der Orden auch heute von den Eingebornen benannt. Die Mewlewijjeh-Derwische bewahrten sich der Richtung ihres Gründers getreu, die sich scharf gegen die Glaubensenge des arabischen Islamismus kehrte, einen rein türkischen Charakter. Auch haben die Araber ihnen nirgends ein Tekke errichtet. Der Saal des Ordenshauses neben dem kleinen Campo, in das ich trat, ist achteckig. Säulen tragen eine breite Gallerie mit den Logen des Sultans und der Frauen; unter ihnen ist der offene Gang für die männlichen Zuschauer. Das Material ist Holz; der Anstrich grell in den Farben, neu, aber nicht ohne Uebereinstimmung der Töne. Das Ganze mahnt mich wieder an den Eindruck chinesischer Bilder.
Dem Eingange gegenüber, gerade gegen Südost, ist die Gallerie unterbrochen für den Mihrab. Rechts und links sah durch die offenen Fenster die blaue Fluth und das rothe Hügelland des Bosporus herein, ein wundervoller Anblick und eine stimmungsvolle Decoration zu dem, was sich im Saale begab.
Im Achtecke, das in der Mitte des Saales frei blieb, drehten sich auf dem, eine Stufe tiefer liegenden, glatt gewichsten Boden sechzehn Derwische; vierzehn gewöhnlich einen äußeren weiten Kreis bildend, zwei, manchmal auch drei in seinem Centrum einschließend. Von den Hüften hängt ihnen ein weites, langes, weißes Kleid, ähnlich einem Weiberrocke; der Stoff ist Wolle. Unten ist etwas wie eine Schnur eingenäht, das den Rock beim Stillestehen niederzieht, beim Tanze ihn aber aufschwellen macht. Die Füße unter dem Rocke sind nackt, die Beine in weiße Hosen gekleidet. Den Oberkörper tragen sie in einer Jacke aus demselben Stoffe wie der Rock; den rechten Zipfel der Jacke in den Gürtel gesteckt; unter der Jacke ein buntgestreiftes Hemd; auf dem Kopfe die bekannte cylinderförmige Mütze aus Kameelhaaren, Kulah genannt, die nach dem Muster der Vase geformt sein soll, welche die Seele des Propheten vor ihrer irdischen Geburt in der Geisterwelt enthielt. Denn der mit indischen Schwärmereien vermischte Glaube der Mewlewijjeh-Derwische stellt sich die Seele als ein immer existirendes Licht dar, das aber, weil es körperlos ist und das Auge nur die Eigenschaften eines Spiegels hat, dem Menschen unsichtbar bleibt. Als der Tanz begann, hoben die Derwische die Arme langsam von dem Gürtel und breiteten sie wie Flügel aus. Die rechte Hand strecken sie mit der Fläche nach aufwärts, die linke mit der Fläche abwärts. Den Kopf lehnten einige hinüber zum rechten Arme, was ihrem Tanze etwas besonders Zierliches gab, an Tänzer auf antiken Vasengemälden erinnernd. Den Tanz selbst möchte ich die Ruhe in der Bewegung nennen. Man sieht eigentlich nur das Umkreisen der eigenen Person und merkt kaum das Bewegen nach vorwärts, und doch legen sie in kurzer Zeit den Weg um den ganzen Saal zurück. Mit gleitenden Schritten geben sie den rechten Fuß über den linken und schieben sich so weiter. Eine eigenthümliche Musik, die unsichtbar über mir herabtönte, Flöten, Tamburin und ein Triangel, gab den Tact dazu; nicht schnell und nicht lärmend. Störend in dem beinahe märchenhaften Eindrucke, den das Ganze auf mich machte, war nur der Gesang, der von Zeit zu Zeit einfiel. So ganz individuell ist das Ohr der Völker gebaut. Sie fanden gewiß dieses Gekneife nicht weniger bewundernswerth, als der selbstgefällige Held in Hofmann’s Kater Murr seine Arien.
In gemessenen Pausen unterbrachen die Derwische ihren Tanz durch einen gravitätischen Umgang, der mir den Chor in Schiller’s Kranichen des Ibikus in die Erinnerung zurückbrachte. Vor dem Scheich verneigten sie sich jedesmal. Es waren alle Altersstufen unter ihnen vertreten, auch ein bildschöner Knabe von höchstens zwölf Jahren. Der älteste war der Scheich. Er stand in dunkle Gewänder gehüllt, einen grünen Turban um die Derwisch-Mütze geschlungen, innerhalb der Umzäunung des Mihrab; ein würdiger kleiner Alter mit langem Silberbarte, der die Verehrung, welche ihm die Jüngeren zollten, schon durch sein Aussehen zu verdienen schien. Assistirt ward ihm von einem anderen, der zum Schlusse die weitärmeligen Arme erhob und ein Gebet sprach. Die Tänzer fielen dabei nieder und lauschten dem Gebete mit zur Erde geneigtem Haupte. Ein Diener warf ihnen dunkle Kaftans um, offenbar um die sehr Erhitzten vor einer Erkältung zu bewahren.
Früher als ich es erwartet hatte, war die Ceremonie zu Ende. Man hat sie viel commentirt und durch die mannigfaltigsten Hypothesen zu erklären gesucht. Ich wage keine Deutung und erinnere nur an die vielen Gebräuche in beinahe allen Religionen, die ihren Ursprung verloren haben, aber gewiß einmal wesentlich durch denselben waren und es heute durch ihr Alter geworden sind. Wer sie abschaffen will, der versteht eben nur sich und nicht den Geist des Volkes, der meistens historischer denkt als die bloßen Rationalisten es begreifen können. Und der Einzelne selbst, der Hochgebildete, der sich erhaben glaubt über all’ solchen Albernheiten der Menge, wie viele solcher Gebräuche schleppt er nicht widerstandslos durch sein Gesellschaftsleben? Man übt sie eben, weil es nun einmal Sitte, und weil sich in der Sitte, wenn auch undefinirt, doch ein wirkliches Gefühl ausspricht; der erste Anfang mag sich verloren haben, aber der Gedanke, der ihn geweckt, wirkt noch fort. Es ist wie mit jenen wunderbaren Seepflanzen, die aus endloser Tiefe kommend auf dem Meere mit ihren Blättern und Blüthen herumschwimmen und deren Wurzeln nicht zu finden sind. Mir hat der Tanz der Derwische nur andächtige Eindrücke geweckt und ich sah nicht ein Gesicht unter den Tanzenden, das von anderen als gottesdienstlichen Gedanken bewegt sein mochte.
Man übersetzt das Tekke der Türken, wie hier diese Uebungshäuser der Derwische heißen, in den europäischen Sprachen durch das Wort „Kloster“ und gibt damit zugleich auch einen irrigen Begriff von der ganzen Art und von der Lebensweise der Derwische. Die Derwische gleichen weit mehr unseren Bruderschaften, denn wie diese leben sie auch außer dem Hause, jeder in anderen Lebenskreisen und seinen Berufspflichten nachgehend. Der Scheich allein residirt in dem Tekke und überläßt die Sorge für seinen Unterhalt der Vorsehung. Von den 200 Klöstern in Constantinopel sind nur 50 genügend mit Unterhaltscapitalien versehen. Die Derwische treten nur periodisch zur Uebung ihrer religiösen Gebräuche zusammen, und was ihre Versammlungsorte betrifft, so finde ich diese unseren Theatern ähnlicher als unseren Klöstern. Man sitzt dort ohne unmittelbare Theilnahme nur als stummer Zuschauer und läßt den Eindruck auf sich wirken. So war auch der Ursprung unseres Theaters und der jedes Theaters überhaupt: eine religiöse Wirkung, die durch das bloße Zuschauen und Zuhören erzielt werden sollte. Es war der sinnliche Theil des Menschen, den man für die Religion auf diese Weise fassen wollte.
Im entfernteren Oriente lebt auch wirklich noch das Theater mit diesen Absichten und Formen fort. In Persien ist es mit der Darstellung der traurigen Schicksale der Aliiten in den Unglückstagen von Kerbella ein wesentlicher Behelf des Cultus. Es ist eine Gattung Charwoche, die sich dort auf der Bühne vor den erschütterten Zuschauern abspielt und das ganze Volk lebt diese Charwoche wieder mit. Auch die äußeren Räume des persischen Theaters geben die Anknüpfungspunkte, um die Aehnlichkeit mit dem altgriechischen zu behaupten. Und diese Tänze der Derwische, ich halte sie für nichts anderes als die Ueberbleibsel solcher religiös-theatralischen Darstellungen.
Unbegreiflich ist es mir, wie ich jetzt Abends die ganze Ceremonie wieder überdenke, daß sich unser Theater, das doch so lüstern nach den Eigenthümlichkeiten fremder Völker ist, diese Effectscene noch nicht angeeignet hat. In einem Ballette müßte solch’ ein Tanz der Derwische, begleitet von der gehörigen Musik, einen ganz unwiderstehlichen Eindruck machen.
Pera, den 16. Juni.
Ich speiste gestern mit dem Fürsten Cousa; ein großes Diner von einigen dreißig Personen in der österreichischen Internuntiatur. Nach dem Essen war allgemeiner Empfang, zu dem viele Diplomaten erschienen: Moustier, Bulwer, Brassier u. a. Fürst Cousa ist ein mittelgroßer, starker, breitschulteriger Mann. Der Kopf, welcher ihm in den Schultern steckt, ist nicht schön; die Nase unedel spitz geformt. Ein spitzer Knebelbart entstellt ihn beinahe. Aber die Augen sind scharf; sie scheinen zu lauern und zu lauschen, so lange er schweigt, bis sie plötzlich zugleich mit einem kecken Worte in das Gespräch blitzen. Wie der Fürst gerne den Charakter des Soldaten herauskehrt, so trägt er auch meist die militärische Uniform; dann steckt er die Hände in die Seitentaschen der weiten Beinkleider und stellt die Füße breitspurig auseinander. Schon der Eindruck seiner äußeren Erscheinung läßt an dem Manne nichts Geschliffenes, aber viel Derbheit, ein muthiges Nichtbeachten der gewöhnlichen Formen erkennen. Und so ist auch seine Rede, sein ganzes Wesen. Der Fürst wagt es, kräftige Gedanken, die sonst die Heuchelei der guten Erziehung zu verschlucken zwingt, offen auszusprechen. Er erstürmt mit einer Frage seinen Zielpunkt, zu welchen Andere mit überflüssigen Winkelzügen herankriechen. Dadurch überrascht er und wirft Menschen, die solch’ kurzes offenes Verfahren nicht gewohnt sind, noch ehe er sie eigentlich angegriffen, aus dem Sattel. Es ist dies ein Vortheil, den die meisten Eingebornen der hiesigen Länder uns gegenüber voraus haben, vielleicht gerade, weil sie weniger „erzogen“ sind.
Fürst Cousa kam zumeist, um ein neues Wahl- und Verfassungsgesetz für die Donaufürstenthümer zu erlangen. Das wird ihm, wie ich schon weiß. Er brachte im Uebrigen nicht die übertriebenen Hoffnungen, mit denen ihn die Wiener Blätter hierher reisen ließen. Er verlangte allerdings zuerst mehr als er erlangt hat; aber was er erlangte, ist gewiß mehr als er gehofft. Die Türken, viel zu klug, um nicht zu erkennen, daß der Mann sie mehr brauche als sie ihn, und daß er eben dadurch ihr Werkzeug werden könne, empfingen ihn auf das freundlichste. Die Versuche Frankreichs und Italiens, den unterthänigen Fürsten feindlich gegen seinen kaiserlichen Herrn zu stellen, scheiterten an der Klugheit der beiden Orientalen. Alle bis zur Kriecherei gehenden Huldigungen des französischen Botschafters, der im preußischen Gesandten einen immer helfenden Genossen findet, vermochten nicht den Fürsten Cousa zu verblenden, daß er die richtigen Mittel zu seinen Zwecken übersehe. Noch kann der Fürst die Pforte nicht entbehren; ein Zwiespalt mit ihr würde ihn schneller als der Zusammenbruch irgend einer seiner anderen Stützen stürzen. Gewählt und erhoben aus unbekannter Unbedeutendheit -- er war einfacher Oberst -- hat ihn nicht die Neigung und Macht einer Partei, sondern die Uneinigkeit und Eifersucht aller. Keine wollte der andern zur Wahl ihres Führers helfen und keine war stark genug, selbständig den ihrigen durchzusetzen. Cousa war also ohne Partei und muß sich erst eine bilden. Unter den geborenen Großen des Landes, zu denen er nicht gehört, wird er sie kaum finden. Jeder dieser Herren glaubt, weil einmal seine Familie das Fürstenamt ausgeübt, immer noch Rechte darauf zu besitzen. Auch sucht Cousa seinen Halt mehr in den Mittelständen. Weil diese aber schwach sind dem eingewurzelten ererbten Einflusse der Bojaren gegenüber, muß ihm jede von außen kommende Unterstützung willkommen sein. Von Rußland kann er diese nicht erwarten, weil der Czar als oberster Glaubensherr gegen ihn für die confiscirten griechischen Klostergüter auftreten muß. Diese Lage, ist sie nicht der Türkei günstig? und ist sie es nicht auch Oesterreich? Ein neuer Fürst von willenskräftigem und muthigem Charakter, fähig, die Pflichten seines Amtes zu üben, streckt hilfsbedürftig die Hände zu seinen Nachbarn aus. Ist’s da klug, ihn ohne Weiteres abzuweisen, und zur Abweisung auch noch, wie es die Wiener Presse thut, den Stachel des Spottes zu fügen? Und das nur, weil er ein ~homo novus~, ein Abenteurer ist, und weil er wünscht, die neu erworbene Würde für seine Nachkommen erblich festzuhalten. Sind die Stirbey, die Ghika weniger Abenteurer als der Oberst Cousa? und haben nicht auch sie schon nach der souverainen Krone getrachtet? Mit hochmüthigen Witzeleien über Nachäffung des 2. December u. s. w., wie sie z. B. die „Ostdeutsche Post“ brachte, thut man den Mann nicht ab. Mir scheint es klüger, da er einmal Fürst ist und ihn zu Gunsten einiger seiner Landsleute zu stürzen kein österreichisches Interesse gebietet, zu prüfen, ob nicht Umstände denkbar sind, wo uns seine Hilfe nützlich sein könnte und ihn bis dahin durch zuvorkommende Gefälligkeit zu gewinnen und zu künftigem Dienste zu verbinden. So auch hat wohl Baron Prokesch die Lage gefaßt und ausgebeutet.
Pera, Freitag, den 17. Juni.
Den Morgen sah ich Aquarelle bei dem Maler Pretiozi an, und Nachmittags suchte ich ihre Originale in den Gassen. Unten in Galata führt eine dem Hafen parallel nach Dolma-Bagdsche. Kaufläden säumen sie rechts und links ein; dazwischen fällt ein und das andere Mal von einem freien Platze der Blick auf das Meer. Unmittelbar vor dem großen, der vor den hohen Thoren des sultanlichen Schlosses liegt, ist die Gasse noch mehr eingeengt. Rechts ragen die zierlichen, wie aus Zucker gebauten Minarete der Moschee Abdul Medschid’s empor, links hinter einer hohen Mauer und über sie herabhängend Cypressen, Platanen und buschiges Goldgrün mit rothen Granatblüthen darin. Die Minarete stehen im lichten Sonnenglanze, die Bäume und Gebüsche im tiefen Schatten. In der Gasse, die dunkel ist, kommt mir ein Engländer mit blauem Schleier auf dem Hute zu Pferde entgegen, und hinter ihm auf langsamem Eselein ein alter Türke; Matrosen dazwischen in ihrer sauberen Uniform, weiße Hosen und weißes Hemd mit Roth eingesäumt und besetzt; Soldaten, Albanesen und vermummte türkische Weiber: das Bild war fertig, wie ich es bei Pretiozi gesehen hatte.
Auf dem großen Platze vor Dolma-Bagdsche saßen hunderte von türkischen Weibern, erhöht auf einer Stufe, die sich dort über den ganzen freien Raum hinzieht. Sie schauten auf’s Meer hinaus und feierten so ihren Sonntag.
An dem Strande schiffte man eine Menagerie aus, die ein Dampfer aus Aegypten dem Sultan als Geschenk des Vicekönigs gebracht hatte. Die Giraffe war eben in’s Meer gefallen und stolzirte gar seltsamlich auf ihren hohen Füßen durch die Felsen des Ufers hindurch. Der Löwe brüllte noch auf dem Schiffe.
Ich stieg den Hügel hinauf durch den großen Friedhof. Von oben, zwischen den Cypressen hindurch, ist der Blick beinahe schöner als irgend ein anderer auf das Meer, den Bosporus und die Seraispitze. Die See lag tiefblau. Auf den Hängen der asiatischen Küste hoben sich beherrschend einige Pinien hervor.
Zwei Kinder saßen nahebei auf einem Grabe, die Füße in die Oeffnung hinabhängen lassend, die das religiöse Sittengesetz jedem Mohammedaner in der deckenden Steinplatte anzubringen befiehlt. Es war als seien sie die Engel Nakyr und Monkar, die der altüberkommene Aberglaube der Mohammedaner dort zu dem Verhöre der Todten ein- und aussteigen läßt, damit sie, wenn der Todte ihrer inquisitorischen Frage mit dem muselmännischen Glaubensbekenntnisse antwortet, ihm das Grab um 70 Ellen erweitern und ihn so bequemer gebettet ruhig bis zur Auferstehung fortschlafen lassen, wenn er aber diesem Gerichte ausweicht, sie ihm die Erde fester um den Leib schlagen, daß ihm die Rippen brechen und er gepeinigt bis zum jüngsten Tage liege.
So ist überall hier neben dem blühendsten und prachtvollsten Leben Mahnung an den Tod.
Pera, Sonntag, den 19. Juni, 3 Uhr Nachts.
Ein schwüler Tag. Der Telegraph brachte erfreuliche Nachrichten aus Europa; das und die Hitze hielten mich im Hause fest. Abends nahmen wir den Thee im Garten und betrachteten durch das Teleskop die Sterne. Dadurch ward schon meine Sehnsucht von der Erde weggewendet. Nach 11 Uhr stieg ich in Top-Hane in’s Kaïk und ließ mich um die Seraispitze herum in’s mondbeglänzte Meer rudern. Eine Nacht, ruhig, friedsam, selig wie das bewußtlose Gemüth eines Kindes. Mir wurde wohl und heiter, wie ich die Ruhe und den Frieden auf dieser Erde nicht mehr wieder zu finden erwartet hatte. Gegenwart und Vergangenheit mischten sich im betrachtenden Geiste, in der fühlenden Seele und verloren ihre Unterschiede; das ganze Leben ward ein Augenblick ohne Reue und ohne voraussichtiges Hoffen. So vielleicht wird auch einmal das Dasein in jener andern Welt, die das große Fragezeichen aller unserer irdischen Bestrebungen ist. Der Maßstab der Zeit muß erst verloren sein, damit das Leben ein ganz sorgenloses werde; die Erinnerung so gut als das Hoffen ist zeitlich und in dieser Welt geboren. Wer also sie mit in die andere nehmen will, der stellt sich diese als auch mit dem Staube unserer Erde behaftet vor.
Die See war glatt, unbewegt, von mattem Silberglanze übergossen und in der Entfernung wie in die Tiefe abfallend, als sei in meinem engen Gesichtskreise schon der Einfluß der Kugelgestalt merkbar. Nur am Horizonte lag stärkeres Licht. Zuweilen hob sich links neben dem Boote, wo das freiere Meer war, ein Delphin, und dann glänzte in der silbernen Fassung des Wassers sein Rücken goldig. Die Bäume rechts auf dem Ufer standen regungslos wie die Steine und Mauern, die sie auch in der Nacht noch gegen das Licht beschatteten. Auf den Hügeln wuchsen die Aja Sophia und die Achmedjie empor, auf dem Ufersaume hart neben mir der Leuchtthurm. Vor mir lagen hohe Segelschiffe, zwischen ihnen schweigsame Fischerboote. Sie erwarteten den Morgen und die Sonne, die einen um ihr Geschäft zu beginnen und in den Hafen einzufahren, die anderen um es zu enden und mit der eroberten Beute heimzukehren. So gibt jede Stunde Jedem anderes; dem Einen die Mühe und die Arbeit, dem Anderen den Lohn und den Schlaf. Weit draußen, undeutlich und doch erkennbar, lagen die Prinzen-Inseln. Dünste des warmen Tages lagerten um sie; aber es war, als tauchten sie abwechselnd hervor und verschwänden wieder in der Fluth.
Ich lag lange draußen auf der ruhigen See; die Ruder ruhten und das Boot trieb wie es wollte. Es war nicht, als sei die Natur erstorben, aber es war, als schlafe sie, und schlafe so fest, daß sie nicht einmal träumen könne.
Die Rückfahrt ging noch näher der Seraispitze gegen die starke Strömung. Mit ihr auf und nieder schaukelte sich der überhängende Schatten einer Pinie, die dort hart am Meere steht. Unter ihrem Dome, dem Cypressen wie Minarete der Moschee gesellt sind, bemerkte ich eine weiße Gestalt, den Kopf turbangekrönt, die sich hob, die Arme ausbreitete und dann wieder niederfiel um die Erde zu küssen. Es war ein Muselmann, der den Ruf des Muesin gehört und ihm hier, zwischen den Mauern und der See eingeklemmt, gehorchte, und mit dem Auge Mekka suchte. Der Mond stand im Osten, so konnte es scheinen, als richte der Beter seine Worte an ihn. Und was wäre es gewesen, wenn er es gethan? Gottlosigkeit, weil er in seiner Einfalt der Gabe schon gegeben, was erst dem Geber gebührt? Gott ist milder und verständiger; Er findet den Glauben, wo er +ist+.
Soldaten schauten vom Ufer mich und die See an; sie hatten die Wache dort bei den Batterien.
Im goldenen Horne zogen sie Handelsschiffe durch die geöffnete Brücke in den Bosporus. Es war das erste Leben, das ich wieder hörte. Gespensterhaft ragten die Schiffe auf und gespenstisch war ihre Bewegung, leise und ohne die nothwendigen Segel. Und wie ich jetzt ans Fenster trete, sehe ich das Alles wieder; nur der Mond steht etwas tiefer und ein leichter Wind zieht über das Ganze hin. Es ist der Morgen, der sich kündet. Und da gibt es Menschen, die im 19. Jahrhundert die Poesie aus der Welt geschwunden glauben! Ueberall und immer ist sie; über und um uns, nur nicht in uns, wenn wir sie nicht sehen und nicht fühlen:
„Das ganze Leben ein Gedicht!“
Prinkipo, Montag, den 20. Juni.