Ein Sommer im Orient

Part 24

Chapter 243,562 wordsPublic domain

Ich beobachtete heute eine solche Scene, die mit ihrer Schilderung andere vertreten mag. Aus einem Freudenhause führte ein jüngerer Matrose seinen älteren Genossen. Beide waren Engländer, der ältere mit beinahe weißem Haare so besoffen, daß er keinen Schritt ohne die Unterstützung des jüngern vorwärts thun konnte. Der war ein hübscher Bursche, nicht älter als 22 Jahre; das Haar stand ihm wirr zu Berge, die Mütze hatte er vergessen. Sein Gesicht, stark geröthet, lachte fortwährend, wenn er zurückblickte. Dort sahen aus jedem Fenster, eine über die andere gelehnt, geschminkte Dirnen heraus; unten in die Thüre trat eine, die hatte nichts an als ein blendend weißes mit Stickerei eingesäumtes Hemd, falsche Rosen in dem schwarzen Haare und ebenso falsches Roth krustendick auf den Backen. Ihr, als sie erschien, winkte der junge Matrose zu, indeß er mit der rechten Hand, die er über die Schulter des älteren gelegt hatte, hinter dessen Rücken diesem drohend eine Faust ballte. Das schien als Scherz gemeint, der auch den lohnenden Beifall des ganzen Mädchen-Chores erntete. Ich zweifle nicht, daß auch bei den Türken das Laster in mannigfaltigen Arten heimisch ist, aber in so schamloser und öffentlicher Gestalt sah ich es bei ihnen nie auftreten.

Wohl zur Bewachung dieser Räuberhöhle ist in der Galata-Gasse das Wachthaus so stark mit Polizeimannschaft besetzt. Die Seite dieser Gasse, welche mit der Rückwand ihrer Häuser in dieses eben beschriebene Stadtviertel sieht, ist beinahe durchgehends von offenen Schreinerwerkstätten eingefaßt. Dort arbeiten sie jene Truhen, in welchen der Türke seine Schätze in der Moschee hinterlegt oder auf Reisen mitnimmt. Aus Cypressenholz gezimmert, duftet die ganze Gasse danach. Dann werden sie gewöhnlich grün angestrichen und zuletzt mit goldenen Nägelköpfen beschlagen. Die andere Seite der Gasse ist in ihren unteren Geschossen ebenso beinahe ausschließlich von einem Gewerbe besetzt; es sind Schusterbuden, nur daß sie ihr Handwerk nicht so offen zu Jedermanns Schau ausstellen. Civilisirter als die Schreiner haben sie Auslagekästen, und zeigen darin Producte, die wirklich den Wettstreit mit den besten französischen, italienischen und wiener Waaren nicht zu scheuen brauchen. Die Kaufläden weiter unten in der Gasse, wo man der Brücke näher kömmt, und in denen weiße Sonnenschirme, fertige Sommeranzüge, Handschuhe und andere Kleidungsstücke verkauft werden, gleichen ganz unseren hölzernen Meßbuden, nur daß hier über der offenen Auslage noch ein oder zwei Stockwerke eines Hauses stehen.

Ist das Gedränge schon weiter zurück in der Galata-Gasse dicht, so wird es hier oft beinahe stockend und einige Schritte vorwärts, wo die Gasse um ein scharfes Eck zu dem Brückenkopfe umbiegt, undurchdringlich. Sieben Gassen münden dort in die eine schmale zusammen, alle aus den belebtesten Stadttheilen herauskommend. Den Berg herab über vielfältige Absätze und Stufen steigen zwei, darunter eine an dem Feuerthurme von Galata vorüber, der Hauptverbindungsweg nach Pera hinauf. Die bedeutendsten englischen Waarenmagazine liegen in oder an derselben, wo man Alles und zuweilen, nach dem Eintreffen großer Sendungen, Manches recht gut und sogar wohlfeiler als bei uns kauft. Die anderen Gassen münden links aus dem liederlichen Stadtviertel und rechts aus jenem Theile Galata’s ein, in welchem die größten Waaren-Depots der europäischen Produktion und auch das ist, was hier die Börse vorstellt. Das Aergste, was man von dem Gedränge unserer europäischen Hauptstädte in der Erinnerung hat, verschwindet neben dem Knäuel, der hier zusammenläuft. Dort sind es doch immer Wagen, welche die Mitte der Straße besetzt und diese dadurch wenigstens scheinbar frei halten; hier ist Alles, die Seitenwege an den Häusern wie die Mitte der Gasse mit Menschen gefüllt. Ob Reiter oder Fußgänger, das ist gleichgiltig und unterschiedslos zusammengemischt. Wagen kommen selten, beinahe nie vor, dazwischen aber die um Platz schreienden Hamale mit ihren ungeheuren Lasten, Pferde und Esel mit Thürmen von Ziegeln oder mit Balken auf dem Rücken, deren eines Ende ihnen dort aufliegt, das andere weit abstehend auf dem Boden nachschleppt. Sie passiren die Menge wie Mauerbrecher oder Schneepflüge. Wer die Vorstellungsgabe hat, der stelle sich das nun Alles zusammen; hat er es jemals gesehen, so wird ihm durch das wieder erschienene Bild auch das Geschrei und der Lärm lebendig werden, welche die Ohren betäuben, und die Buntheit der Farben, welche die Augen verwirren. Wie oft ist es mir nicht schon geschehen hier auf dieser Seite der Brücke oder drüben auf dem Stambuler Brückenkopfe, daß, wenn ich zu Fuße war, mir eine Pferdsnase plötzlich über die Schulter weg ins Ohr pustete, oder wenn ich zu Pferde ritt, eine fremde Hand in die Zügel griff, um das Thier gemächlich aufzuhalten, bis sich der Fußgänger daran vorüber gequetscht.

Auf der Brücke ist der Raum etwas freier; die Menge strömt nach den beiden Seiten auf die Localdampfer ab. Links liegen die, welche hinaus in den Bosporus, nach Scutari und den Prinzeninseln gehen, rechts die, welche den Verkehr nach dem inneren Hafen besorgen. Durch diese Raumerweiterung wirkt die Brücke wie eine Erholung, ähnlich einer Mozart’schen Beruhigungssonate nach einem Wagner’schen Dissonanzen-Gedränge. Es ist auch die Freiheit des Bildes, die sich nach beiden Seiten auf die spiegelglatte Fläche des goldenen Hornes und vor sich auf die kuppelgekrönten Hügel Stambuls aufthut, welche zu dieser Stimmung beiträgt. Außer diesem Wohlgefühle lohnt die Brücke auch noch durch andere Reize allein die Reise nach Constantinopel. Wer nur sie und sonst nichts von dieser Großstadt gesehen, hat immer noch mehr gesehen, als ihm das ganze übrige Europa zeigen kann. Ich bin oft halbe Tage hier, auf und ab wandelnd, oder mich wie die anderen Müßigen und die Bettler auf die erhöhten Balken der Trottoire setzend. Da ziehen denn Türken und Griechen, Perser und modische Franken, Kurden und Armenier, Tscherkessen und Neger, beinahe alle Völker der Welt, Männer und Weiber, zu Fuß und zu Pferd und die elegante Europäerin in der Portantine an mir vorüber, und das Alles so bequem zu sehen, als sei es eigens wie die Wandeldecoration einer Ausstattungsoper zu meinem Vergnügen hergerichtet. Auch ein Wagen kam so an mir vorbei, ein ungedeckter Karren auf vier hohen plumpen Rädern, in dem eine zahlreiche Tscherkessenfamilie saß, Weiber und Kinder und all’ ihr flüchtiges Hausgeräth mit darinnen; die Männer gingen treibend neben den Pferden. Eines der Mädchen, das weniger dicht als die anderen Frauen in alte Schleier und Lumpen verhüllt war, zeigte ein classisch-schönes Gesicht; Augen dunkel, wie ihr rabenschwarzes Haar, aber Hunger und Kummer um die Lippen eingegraben und die Gleichgiltigkeit des abgestumpften Elends in den Blicken. Eine herrliche Gestalt lehnte neben mir, ein Araber in weiße Gewänder und in einen Burnus weißlich gelb mit violetten Streifen gehüllt, um das edle herrische Gesicht ein Bart schwarz wie Ebenholz. Besonders aufmerksam sah er den Dampfschiffen zu und den Passagieren, die hinabstiegen. Die meisten waren Soldaten, Officiere und Gemeine, die kommen aus den Aemtern, um mit den Dampfern nach ihren entlegenen Wohnsitzen zurückzukehren. Fällt mir irgend Jemand auf, das Fezz auf dem Kopfe aber sonst in unsere Kleider gekleidet, weil sein Anzug besonders gewählt, seine Hose besonders weit und seine Cravatte übertrieben bunt ist, so ist das, wenn ich ihm dann von vorne ins Gesicht sehe, immer ein Neger und gewöhnlich ein Eunuche. Die Neger und Eunuchen sind hier die Dandys der Gassen, das was man in Wien die feschen Kerle nennt; sie tragen Moden und Farben am auffallendsten. Alles ist sehr eilig, und der herumlungernde Faulenzer, als welcher gewöhnlich der ganze Orient geschildert wird, erscheint hier wenigstens nur in vereinsamter Ausnahme. Was mich aber am meisten befremdet, ist die absolute Gleichgiltigkeit dieser Leute für einander. Nicht der beturbante Alttürke und nicht die modische Dame, nicht der zerlumpte Kurde und nicht der stutzerhafte Eunuche sehen sich neugierig an. Es ist die Stadt der schärfsten Gegensätze, aber zugleich die der vollkommensten Ausgleichung und darum mehr als jede andere eine Groß- und eine Weltstadt. Das sieht sich hier auf der Brücke aus dem Völkergedränge als Ganzes und aus jedem einzelnen Gesichte im Besonderen heraus.

Drüben in Stambul, wo die Brücke aufliegt, ist der Platz weiter und freier. Dort halten sich darum auch die meisten der Hausirer auf, solche, die fest hinter ihren Körben stehen, in denen von Laubkränzen umwundene Südfrüchte ausgeboten werden, und andere, die aufdringlicher ihr Wasserglas mit dem gellenden Rufe „Saka! Saka!“ zum Munde des Vorüberwandelnden hinhalten, oder den weißleinenen Sonnenschirm auf den Sattelknopf des Reiters legen. Verstummen der Augen und des Mundes ist das sicherste Mittel sich ihrer zu erwehren. Reite ich ruhig weiter ohne Blick nach rechts und links, den Sonnenschirm unberührt liegen lassend, dann ist der Kerl bald wieder da, um ihn schweigend zurückzunehmen. Das ganze Geschäft macht sich, als ob es nicht geschehen wäre. Ein Wort der Zurückweisung aber verschafft ihm den Sieg; er antwortet, und je gröber man wird, immer humoristischer und artiger, daß man zuletzt, blos um Ruhe zu haben, ihm seine dreißig Piaster hinwirft. Die stumme Sprache ist diesen Leuten die einzig imponirende; es liegt auch nur in ihr die wahrhaftige Würde. Die meisten dieser Sonnenschirmverkäufer sind Armenier. Buben tragen Zündhölzer, Cigarrettenpapier; einzelne alte Türken Pfeifenköpfe und papierne Cigarrenspitzen; Griechen reichlich überzuckertes Backwerk. Alle schreien, aber am lautesten die Wasserverkäufer.

Unmittelbar der Mündung der Brücke gegenüber ist ein großer Obst- und Gemüseladen; nie kam ich ohne Aufenthalt an seiner appetitlichen Auslage vorüber. Aus den absichtlich umgestürzten Körben strömen Erdbeeren, groß wie unsere Pröbstlinge, hellrothe Kirschen, weiße Maulbeeren, gelbe Mispeln, kleine weiße und große dunkle Feigen, duftende Melonen, frühreife Trauben und Artischoken groß wie Kinderköpfe, der weiche Blumenkohl und die Perle aller Gemüse, die köstliche Melensane, heraus. Um die Oeffnung jedes Korbes ist ein buschiger Lorbeerkranz gewunden, und Büsche frischen Laubes, die Fliegen abzuhalten, sind um die ganze Bude gesteckt und werden von dem immer geschäftigen Verkäufer, der dahinter steht, zu ihrer Abwehr geschwungen. Der hat, wie alle Leute dieses Standes, möglichst wenig an, eine Jacke über der Brust zusammengezogen, den Shawl um den Bauch, kurze Pumphosen, Arme und Beine nackt, einen dünnen Turban auf dem Kopfe. Aber der Mann ist artig und zuvorkommend; jedesmal hat er ein anderes freundliches Wort für mich; gebildet möchte ich ihn nennen, wie das bei uns die Menschen durch die Erziehung werden, wie sie es im Süden durch die Natur sind.

Wenige Schritte links von diesem Laden in der Gasse, die parallel mit dem Ufer des goldenen Hornes zu dem Serai führt, ist die Treppe hinauf zu der Jeni Djami, der Moschee der Sultanin Valide, der Sultanin-Mutter Achmed III., welche, zum Unterschied von einer in der Mitte der Stadt auch von einer Valide erbauten Moschee, die neue (Jeni) genannt wird. Die Treppe ist eine doppelarmige. Zwischen den beiden Aufgängen liegt ein Brunnen; die Stiege ist nur schmal, und da über sie der kürzeste Weg zu den Bazaren und dem heutigen Montags-Markte in den Außenhöfen der Jeni Djami hinaufführt, ist sie immer menschengefüllt.

Auf dem Markte sind die Ersten, wenn man von dieser Seite kommt, die Verkäufer der Jacken, welche die Hamale, Surugi’s, Saka’s, die Kaïkgi’s, die Schiffer, Matrosen und andere Arbeitsleute der unteren Stände tragen. Die meisten verschieden in der Farbe, je nach dem Stande, dem sie bestimmt, dunkelbraun, grau, schwarz aus haarigem Kotzentuche, aus einem Gewebe von Kameelhaaren, weiß aus grober Leinwand, bei Allen die Nähte mit wollenen Borden, bei den weißen mit schwarzen Litzen besetzt. Dazu die kurzen Pumphosen aus grobem weißen und blauen Zwillich, die in ihrer freien Entfaltung, wenn sie der Verkäufer mit ausgestreckten Armen dem Käufer zum verlockenden Angebote entgegenhält, ein sonderbares, zu ihrer späteren Verwandlung unbegreifliches Viereck bilden; die rothen Binden um den Leib, die Shawls und die Fezz für den Kopf, die gestickten Westen und die feinen mit Seiden-, Gold- und Silberstickereien verzierten Schnupftücher, das liegt in Thürmen aufgeschichtet, hängt über Stricken und wird den Vorübergehenden mit derselben Beflissenheit wie unten die Sonnenschirme auf der Brücke aufgedrungen. Ein niederer Thorbogen, unter dem man bei weiterer Wanderung durchgeht, ist ganz mit solchen Waaren austapezirt.

In den zweiten Theil des Hofes hängen aus dem abgeschlossenen Garten, dem Friedhofe der Moschee, ein paar prächtige Bäume herüber; ein Feigenbaum lehnt sich weit über die Mauer hinab.

Der dritte Theil des Hofes, der neben der anderen Langseite der Moschee, hat seine eigenen Bäume; Platanen, alt, hoch und breit, geben kühlen Schatten. Zwischen den zackigen Blättern zittern einige Sonnenstrahlen hindurch; um auch sie abzuwehren, sind von einem Stamme zum anderen Zelttücher gespannt. Hier ist das geschäftliche Treiben am lebhaftesten; die Trödler haben noch weit werthloseren Tand ausgebreitet, als man ihn auf den Tandelmärkten von Wien und Graz sieht. Obst- und Gemüsehändler sind in großen Mengen vorhanden, auch bewegliche Garküchen. Eine ganze Gasse von Zeltbuden verkauft gefälschte Tabaksorten. Quacksalber tragen in offenen Kistchen ihre Heilmittel herum; zu ganz unglaublich hohen Preisen finden sie willige Käufer. Scheerenschleifer, aber auch Barbiere treiben offen unter freiem Himmel ihr Geschäft; Rasirmesser und Seife sind die einzigen Erfordernisse ihres Gewerbes. Als Sitz für seine Kunden benutzte der eine, den ich heute beobachtete, die Wurzeln einer Platane. Er rasirte einem sonnenverbrannten Perser das Kinn und den Schädel; der Perser fuhr, als die Operation vollendet, wohlgefällig prüfend über die Kopfhaut, dann setzte er die gestickte Mütze darauf und wickelte sie sich mit einem weißen Turban fest. Der Mann sah mehr als ärmlich aus, seine Kleider waren nur Lumpen, aber sein Körper erschien reinlich. Ich beobachte ihn nun seit drei Montagen; jedesmal sitzt er auf demselben Platze, hat dieselben Eisenreste, verbogene Nägel und zerbrochene Messerklingen vor sich liegen, spricht aber mit keinem Nachbar ein Wort, als gälte es Juwelen zu bewachen.

Zog ich mich dann aus dem Gedränge nach dem Harem, dem inneren Vorhofe der Moschee zurück, so fand ich dort im erquicklichen Gegensatze geachtete Ruhe, die abgelegenste Einsamkeit. Hohe Säulenhallen umfassen ihn auf allen Seiten und in Mitte seines Viereckes den nie fehlenden Brunnen. Eine Tscherkessenfamilie hatte in dem Winkel des Säulenganges, wo sie zusammengedrängt saß, mehr als ich, nicht blos die Ruhe und Erholung, geradezu die Unterkunft gesucht. Was ihr der habgierige Czar genommen, verlangten sie von dem lieben Herrgott. Die Männer allein gingen ab und zu, wieder Gestalten von jenem wunderbar leichten elastischen Schritte, den Kopf mit dem schönen Profil, der freien Stirne und den offenen Augen stolz tragend, und herabschauend als hätten sie keine Sorge, keine Kümmerniß. Es ist ein eigenthümlicher Typus, der mich an Menschen mahnt, wie sie sonst nur die Phantasie sieht. Die Weiber dagegen erschienen gedrückt und getroffen von der Schwere ihres Schicksals. Eine Alte saß da, den Kopf und den Körper in ihre Schleier gehüllt, den Ellenbogen auf das Knie und das Kinn in die hohle Hand gestützt und den Blick stumpf vom erlittenen Kummer wie die Hekuba, die gleichgiltig ist für Troja’s Fall und den Mord der Ihrigen, auf dem erschütternden Bilde des Cornelius, dieses einzigen Riesen der Gegenwart, in den Marmorsälen der Münchener Glyptothek. Ich habe unter den tscherkessischen Frauen, die russische Barbarei von ihrem Herde vertrieben hat, noch nicht ein sorgloses Gesicht gesehen. Alle scheinen karg an Worten aber erfüllt von trauernden Gedanken zu sein. Wie sie da saßen, alt und jung, neben jener Aeltermutter an die Mauer des prächtigen Säulenganges gelehnt, in elende abgeblaßte Fetzen gehüllt, konnte ich nur an die Juden denken, die von den Ufern des Euphrat Seufzer an die Heimath sandten. Zwei Kinder, ein Bube und ein Mädchen, spielten dabei, heiter und zufrieden mit der Gegenwart, durch die Vergangenheit nicht bedrückt und unbesorgt um die Zukunft. Mit einem alten Fetzen verfolgten sie sich, schlugen sich, wenn das Eine das Andere erreicht hatte, und unterhielten sich als sei es das kostbarste Spielzeug. Daß ihnen dabei die weiten Pumphosen fortwährend herabfielen, sie zum Stillestehen zwangen, machte mich lachen; den Alten blieb es gleichgiltig, die Väter verwiesen sie wohl auch noch zur Ruhe.

Als ich mich einigermaßen erholt hatte, trat ich wieder hinaus vor den Harem. Eine Marmortreppe führt auf den Platz hinab. Auf ihren Stufen stehend überschaute ich das ganze Bild. Neben mir, an die Mauer der Moschee gelehnt, lag eine wilde, sonnenverbrannte Gestalt; sie war beinahe nackt. Der Mann schlief. In den äußeren Arcaden der Djami saßen Gelehrte, die studirten. Wie deutsche Professoren schienen sie in der Gesellschaft ihrer Gedanken das Augenmerk für die Außenwelt verloren zu haben. An den Brunnen, die aus dem Sockel der Moschee herausfließen, wuschen sich Soldaten und andere Bursche der unteren Stände die Füße; Scheerenschleifer drehten emsig die Räder, und auf den Wurzeln der Platane wurde eben ein Derwisch barbiert.

Nur mit mühsamer Ueberwindung riß ich mich von dieser Beschau zu weiterer Wanderung los. Sie ging durch die enge Gasse hinter der Moschee hinauf zu den Hallen des Besestan. Dieser Hohlweg dient als Gemüsemarkt. Es war heute dort vielleicht das undurchdringlichste Gedränge von Constantinopel. Wie in einem Theaterparterre stand ich Momente lang, ohne einen Schritt vor- oder rückwärts thun zu können. Der Boden ist weich wie eine Matratze durch die aufgehäuften Gemüseabfälle, auf welchen man geht. Der Besestan von Stambul ist größer als der von Brussa; im Vergleich mit diesem auch schöner, aber auch nur im Vergleiche, denn ich möchte damit keine Vorstellungen von Tausend und Einer Nacht geweckt haben. Alle Gänge, die alten wie die neuen, sind rauchig, winkelig, meistens niedrig, dunkel, ohne Schönheit der Architektur und offenbar ohne die Absicht gefälliger Wirkung nur für den praktischen Gebrauch gebaut. Amerika könnte sich nicht realistischer erweisen, als das hier der oft als so überschwänglich verschriene Orient gethan. Ueberhaupt, je mehr ich mich umsehe, die Länder des Südens sind die des eigentlich praktischen Wirkens. Auch die Staatsverfassungen sind hier gesünder, so lange man sie nicht mit dem Gifte der europäischen Cultur zersetzt. Die Unnatur läßt sich eben nur in nordischen Studirstuben aushecken. Wie einer dieser Träume um den anderen schwindet und der Orient mir immer realistischer erscheint, so würden mir wohl auch, wenn ich mich auf einmal in so weite Vergangenheit zurückversetzen könnte, die Gassen des alten Rom und Athen ähnlicher den heutigen orientalischen erscheinen, als sie uns unsere Schulmeister vorzeichnen. Der Besestan ist gewiß nur ein ausgearteter Abkömmling der berühmten Kaufhallen des byzantinischen Constantinopel. Die Chroniken schildern sie als säulengetragen und prächtig über allen Vergleich; aber ich finde allen Grund, wenn ich das Uebriggebliebene mit ihren Schilderungen vergleiche, diesen Chronisten zu mißtrauen und von ihrem Worte einiges abzustreichen. Schildern nicht so auch die türkischen Geschichtschreiber ihre Bazare? Europa, das sich so viel auf seine Fortschritte zu gute thut, wiederholt doch nur in den glänzendsten Sammelpunkten seines Lebens, was der Orient schon lange vor ihm besessen. Die Passagen und Markthallen in Paris sind nur etwas kleiner als die Bazare und Besestane von Constantinopel.

Der hiesige Besestan füllt eigentlich ein ganzes Quartier der Stadt. Von der Jeni Djami zieht er sich mit einem Arme nach rechts neben dem goldenen Horne hin, mit einem anderen steigt er gleich vom Marktplatze der Moschee die Hügel hinauf. Oben in dem Dreiecke zwischen der Nuri-Osmanjieh, der Bajasid Moschee und dem Seraskeriate liegt sein Hauptkörper. Vom Thurme des Seraskeriates gesehen ist er ein ganz unerklärliches Durcheinander von kleinen Bleikuppeln und langgestreckten Wölbungen; unten, wenn man in ihn eintritt, ein Labyrinth von Gängen, in dem ich mich ohne Führer lange nicht zurechtfand. Allmälig unterschied ich drei Theile; das Alter ihres Bestandes scheint sie abgesondert zu haben. Der finsterste und wohl auch der älteste ist der, wo die Waffenhändler ihre Magazine haben, das gesuchte Ziel aller persische Dolche, Streitäxte, Morgensterne und andere Raritäten liebender Fremden, der Engländer insbesondere. Es ist das ein ziemlich regelmäßiges Viereck, die hohe Halle von Pfeilern getragen, die Wände geschwärzt vom Zeitschmutze, der Boden festgetretene Erde, die aber feucht ist von der eingesperrten Moderluft. An den Wänden hoch hinauf stehen alte Schränke übereinander; in ihnen hängen die Waaren. Auch durch die goldigste darunter kann diese finstere Höhle nicht freundlicher werden. Mir erschien dieses Schatzhaus persischer und türkischer Kostbarkeiten wie eines der unterirdischen Verließe unserer Ritterburgen. Der Waffen-Besestan hat, was die anderen Theile des Besestan nicht absondert, seine besonderen Thore. Einer alten Sitte zufolge werden sie um die Mittagsstunde schon gesperrt.

Der zweite, der jüngere Theil des Besestan, ist auch der größere; die Gassen laufen neben einander her und kreuzen sich. Gedeckt sind sie mit niedrigen Gewölben, die wenig Licht einlassen, und auf beiden Seiten mit Arcaden eingefaßt. Dort sitzen die Verkäufer mit untergeschlagenen Füßen auf ihren Auslagstischen, die Waaren hinter sich in den Gestellen an der Wand, das Bessere aber in der kleinen Stube verschlossen, die keinem Stande fehlt. Der vornehme Fremde wird dort hinein gezerrt, mit Kaffee und Zuckerwerk tractirt und dann von redlichen Griechen und Armeniern geprellt. Wer hier nicht bis auf die Hälfte herabhandeln kann, mag das Bewußtsein nach Hause tragen, betrogen worden zu sein. Die meisten Gewerbe sind in gesonderten Quartieren vereinigt. So gibt es Quartiere der Schuster, der Buchhändler, der Juweliere u. s. w., jedes mit vielen Gassen. Das Princip der Arbeitstheilung ist also in dieser Beziehung hier weiter ausgebildet als selbst England es zu Stande brachte.

Mich ziehen die Buchhändler immer am meisten an. Gewöhnlich drängt sich eine begierige Menge davor; sitzend oder stehend ist Jeder aufmerksam in ein Buch oder Manuscript vertieft. Komme ich nach Stunden wieder, so stehen immer noch dieselben Gestalten dort. Es zeigt das einen eifrigen Willen zum Studium und auch eine andere Art des Buchhandels, als sie bei uns üblich ist; sie erinnert an die, wie sie in Italien ehemals gepflegt wurde und wie sie auch Goethe schildert. Statt sich die Bücher zur Einsichtnahme zuschicken zu lassen, geht man hin und sucht sie sich. Die Frucht wird nicht gleich in den offenen Mund gesteckt, man muß sie sich erst pflücken; vielleicht genießt man sie dann auch etwas bedächtiger. Der Orientale wenigstens liest sein Buch öfter, er hat deren nur einige, aber die wandern durch sein ganzes Leben. Es bleibt erst noch die Frage, welche Gattung von Studium nutzbringender ist: europäische Vielleserei oder orientalische Sparsamkeit.