Ein Sommer im Orient

Part 23

Chapter 233,501 wordsPublic domain

Wilde Hunde lagen vor den Mauern auf Steinen, die dort den Anprall der Wellen aufhalten. Ab und zu wechselten Kinder mit ihnen ab, die auf jenem gefährlichen Punkte wohl nur im Genusse verbotener Frucht waren. Vom freien Meere her und von den rothen Inseln drohten dunkle Wolken mit neuem Regen und finsterer Verhüllung der Ferne, wie sie schon die Sonne verbargen.

Bei Psamatia Kapu hieß ich das Kaïk landen. Ich ging von dort in das Innere der Stadt nach der nahe dem Strande gelegenen Moschee des Oberststallmeisters (Imrachor Djami). Der Bau ist ein Rest, und bei näherer Prüfung ein überraschend wohlerhaltener, des einst so berühmten Klosters des Studius. Es war das ein Patricier und Consul, der im sechsten Jahre der Regierung Leo des Großen, auch des Fleischers genannt, also im Jahre 463 den Nichtschläfern diese Kirche erbaute. Die christlichen Lateiner verwüsteten sie, und erst Andronicus der Jüngere schützte sie wieder mit einem Dache. Das Kloster spielte in der byzantinischen Geschichte eine große Rolle; Leben und Sterben vieler Kaiser sind daran geknüpft. Einige wurden dort erzogen, denn die Mönche waren gelehrt und gebildet; Andere wurden dorthin in die Einsamkeit und Büßung verwiesen, und wieder Andere unter dem Paviment der Kirche begraben. Hier stationirten zum erstenmale die Züge, welche der Stadt vom goldenen Thore aus zum kaiserlichen Palaste hin den Sieg brachten. Alles was dieser Bau war, ist bei ihm leichter als bei anderen aus den vorhandenen Resten herzustellen. Das Trümmerfeld von Säulenstümpfen, welches Hammer rings herum gebreitet sah, ist entweder seitdem weggeräumt, oder er hat es überhaupt nicht gesehen. Es muß ihm so jedenfalls mit dem Mihrab dieser Moschee geschehen sein. Denn hätte er diesen gerade so wie bei der Aja Sophia und bei allen anderen Moscheen, welche ehemals Kirchen waren, schief in die Apsis gestellt gesehen, so hätte er dadurch allein, wenn auch sonst durch keine andere der markanten Eigenthümlichkeiten des Baues, auf die Vermuthung kommen müssen, daß er es hier mit einer ehemaligen Kirche zu thun habe, und nicht drucken lassen dürfen, daß diese Djami ein Werk des großen Baumeisters Sinan sei. Die Stätte und die Mauern sind heute noch dieselben, welche einmal den gottesdienstlichen Zwecken der griechischen Christen dienten.

Ein kleiner Porticus, getragen von zwei alten Säulen, führt in den Friedhof, der hier ausnahmsweise vor der Moschee liegt. Die Gräber zu beiden Seiten liegen höher als der Weg. Frisches Grün sproßt dazwischen, und Rosen ranken sich darüber. In dem Marmorpflaster des Weges fand ich einen Stein, der das Monogramm trägt: [Symbol 1]; ich lese es als den Namenszug des Stifters. Steine mit anderen Zeichnungen sind mannigfaltig sichtbar.

Vor dem Baue der Basilika in ihrer ganzen Breite öffnet sich eine freie Halle. Vier Säulen korinthischer Ordnung mit reichem aber geschmacklosem Capitäl tragen ihre Decke. Gesimse mit Verzierungen desselben Styles treten überall aus der Tünche hervor. Zwei Bogen trennen die Vorhalle in drei Abtheilungen; heute ist nur noch die linke offen, die rechte zugemauert. Aus jeder scheint ehemals eine Thüre in das Innere geführt zu haben, also im Ganzen ihrer drei; auch davon ist nur noch eine, die mittlere, übrig. Das Innere ist lang, breit und hoch und durchaus im glücklichen Zusammenstimmen der einzelnen Theile. Zu klein zum Ganzen ist nur die heutige Apsis. Steht sie auch genau an der Stelle der früheren, so daß der Mihrab schief in sie gestellt werden mußte, so halte ich sie doch für ein Flickwerk der Türken. Das Mittelschiff wird auf beiden Seiten durch eine Säulenreihe von den Seitengängen getrennt. Ueber diesen Gängen und auf den Säulen ruhend liegen offene Galerien. Kleinere und enger zusammengeschobene Säulen zäunen diese ein und stützen die flache Decke; die beiden Seitenschiffe sind an ihrem Kopfende durch flache Wände, nicht durch Nischen, wie das sonst wohl üblich, geschlossen. Die Thüren, die ehemals dort offen waren, und die Karniese darüber sind heute zu- und eingemauert; ebenso die fünf Bogenfenster, welche einmal durch jede der beiden Langwände das Licht gaben. Unter ihnen treten neun Tragpfeiler aus der Wand hervor, vermuthlich um das Gebälke oder doch um querüber verbindende Balken zu tragen. Von den 14 Säulen, je sieben auf beiden Seiten des Mittelschiffes, sind sechsen die prachtvollen Schäfte aus Verde antico übrig geblieben; den anderen achten sind sie aus Mauerwerk, aus Tünche und aus grüner und weißer Farbe nachgemacht worden. Und aus demselben Stoffe hat man auch jenen sechsen wohlerhaltenen die prachtvollen Capitäle mit einer Maske verkleistert, um sie dem rohen Kopfputze der acht anderen Schwestern ähnlich zu machen. Es fehlte den Späteren das Geschick und die Liebe der Kunst, sich zur Fertigkeit der Früheren zu erheben, und so degradirten sie die Vergangenheit zu dem Ungeschmacke der Neuzeit. Die Säulen der Galerien oben sind aus Holz und ganz jung.

Wie alle Moscheen ist auch diese rein gehalten. Hügel umgeben sie, wohl Gräber des einstmals Gewesenen, und Saatfelder ziehen sich darüber.

Hinter der Kirche, dem Meere zu und wo der Blick darauf frei und unbegrenzt ist, fand ich eine unterirdische Capelle und daneben eine Cisterne. Zwei starke Säulen tragen das Gewölbe der Ersteren, drei Nischen schließen sie; sie ist breiter als tief; ihr Mauerwerk einfach und alt. In der Cisterne sind die Säulencapitäle in Blumenformen gestaltet. Nicht weit von diesen unterirdischen Bauten ist ein Ziehbrunnen in die Erde eingelassen. Ein Stein, den ich hinabwarf, verrieth nur wenig Wasser darinnen, aber ansehnliche Tiefe. Zwei starke Feigenbäume wachsen aus seiner Mündung hervor mit dichtem Blätterschmucke und wilden Früchten. Alles um dieses Gemäuer haben Bäume, Schlinggewächse und Blumen malerisch geziert, und weiter hinaus über die Mauern weg schaut das Auge die blaue See, Schiffe, welche der Einfahrt in den Bosporus harren, und links hin die Prinzeninseln.

Auf dem Rückwege nach Psamatia Kapu fand ich in der Straße, die eine weite Strecke mit dem Ufer in gleicher Richtung läuft, nur durch die Stadtmauer von ihm geschieden, Säulenschäfte und ein mächtiges Capitäl, das byzantinische Kreuz darauf. Sie liegen herren- und dienstlos, zeigen aber, was ehemals hier gestanden haben muß. Die Straßen waren leer, wie ausgestorben, ein furchtsamer Hund das einzige Lebende, welches ich begegnete. So förderte Alles die Stimmung schwermuthsvoller Betrachtung.

Constantinopel, den 12. Juni, Sonntag.

Gewöhnlich suchen die Fremden drüben in Skutari den Gottesdienst der von ihnen sogenannten heulenden Derwische kennen zu lernen. Es ist dort ein Tekke schon in Erwartung solcher Besuche hergerichtet, und man befindet sich wie in einem europäischen Theater des bloßen Zuschauens wegen. Ich begehrte heute nach einem anderen, von jeder Europäisirung möglichst abgelegenen Bruderschaftshause geführt zu werden. So kamen wir nach Kaßim Pascha, einer der ärmlichsten unter den vielen elenden Vorstädten dieser kaiserlich schönen über zwei Erdtheile ausgespannten Weltstadt. Neben Pera liegt Kaßim Pascha auf demselben Ufer des goldenen Hornes. In dem ersten Tekke, wo wir Einlaß begehrten, waren die Uebungen schon zu Ende. Es liegt in einem Garten anmuthig hinter Rosenhecken versteckt, ein dürftiger kleiner Holzbau. Der einzige Derwisch, der noch zu Hause war, saß in einer Laube, in einen weißen Kaftan gehüllt und so in die Träumereien seiner gottesdienstlichen Betrachtungen oder seines Nargileh’s versunken, daß es einer Weile bedurfte, bis wir von ihm die Auskunft erhielten, wo allenfalls in der Nachbarschaft seine Glaubensgenossen mit ihren religiösen Uebungen an diesem heißen Nachmittage noch nicht zu Ende gekommen sein könnten.

Das Tekke, wo er uns hinwies, liegt nicht so poetisch, ist zwischen den anderen Häusern eingeklemmt, selbst eine Hütte und in nichts von diesen verschieden. Unten eine kleine Eintrittshalle; in sie einmündend die Vorzimmer, wo wir Stöcke und Schuhe ablegten; aus ihr hinaufsteigend eine schmale hölzerne Stiege und oben im ersten Stocke ein mäßig großer Saal, bedeutend länger als breit, die eine Langseite von kleinen nach dem Saale zu offenen Stuben eingefaßt, die eine Schmalseite durch Fenster nach dem goldenen Horne zu geöffnet, die schöne Aussicht hereinzulassen, die andere durch das Gitter der dahinter liegenden Frauentribüne geschlossen. In der Ecke, die gegen Osten zu gekehrt ist, ist aus Teppichen und Fahnen der Mihrab aufgebaut. Das ist die ganze Herrlichkeit, und sie ist nur aus ungedielten rohen Brettern fabricirt. Aber ausgezeichnet ist die Aermlichkeit durch außerordentliche Reinlichkeit. Daß man sich auf die Vließe von Schafen niederläßt, geschieht nur, weil es die Ordensregel so gebietet, denn der Zustand des Bodens bedingt nicht diesen Schutz. Ein Diener breitet gleich jedem Ankömmlinge das seinige aus. Man sitzt natürlich mit untergeschlagenen Beinen darauf.

Die Zuschauer waren zahlreich und aus allen Ständen gemischt; mir fielen die vielen Soldaten auf. Alle beobachteten jenen Anstand, der dem Türken angeboren ist und ihn dem ersten Eindrucke als ein Wesen höherer Ordnung erscheinen läßt. Uebrigens folgten auch ihre Mienen andächtig dem Cultus. So sitzt ungefähr eine Menge bei uns in einem Trauerspiele, nicht in einer Kirche, denn dort ist leider selten so viel Aufmerksamkeit zu Hause. Nur den Kindern war es gestattet, ungebunden und sich um nichts bekümmernd mitten durch die Reihen der Sitzenden und auch durch den ehrfurchtsvoll der Ceremonie leer gelassenen Mittelraum des Saales zu laufen. Diese Rücksichtnahme der Türken auf die Natur der Jugend hat etwas Rührendes; sie steht ihnen offenbar über jedem Menschengesetze. Es liegt etwas von dem evangelischen „Lasset die Kleinen zu mir kommen, denn ihrer ist das Himmelreich“ darinnen.

Der Orden muß eigentlich der der Rifa’yjah-Derwische genannt werden, da der neuerliche Gebrauch die Derwische nicht mehr wie früher nach ihren Statuten und Glaubensregeln, sondern nach ihrem Stifter bezeichnet und dieser Ahmed Rifa’y hieß. Er stammte, wie alle die wesentlichsten Ordensgründer, aus Persien, der Provinz Ghilân, und starb 1182 in den Buschwäldern zwischen Bagdad und Bassora. Im ganzen Orient gilt er als ein besonders heiliger Heiliger, der sagen durfte, „sein Fuß stehe auf den Nacken aller Heiligen Allah’s.“

Die Derwische, die sich zu den Uebungen versammelt hatten, standen an der anderen Schmalseite des Saales, den Fenstern gegenüber, in einer Linie nebeneinander gereiht. Die Meisten warfen im Verlaufe der Ceremonie ihre Oberkleider weg und legten weiße Kaftans an, so wie ihn Der getragen, den wir vor dem ersten Tekke in der Rosenlaube sitzend gefunden hatten. Der Vorbeter allein, der vor ihnen stand, trug einen Kaftan aus grünem Stoffe, die auszeichnende Farbe des Propheten und der Mantel selbst ein Symbol dessen, den Mohammed getragen hatte. Sie sprachen dem Scheich nach und sangen dann eine Weile selbständig fort. Der Körper folgte in gleichmäßigen Schwingungen von rückwärts nach vorwärts der Stimme, anfangs langsam, nachher aber mit dem Gesange so an Schnelligkeit zunehmend, daß das Auge ihnen kaum mehr folgen konnte. Dabei ward der Tact der Bewegung wie der des Gesanges keinen Augenblick gestört. Sie glauben und wollen durch diese Beweglichkeit den Körper so ermüden, daß sich die Seele von ihm loslösen und mit dem einzigen fortwährend wiederholten Begriffe „Gott“ verschmelzen könne. Einige behaupten, dieses Mittel begeisternder Absorbirung so erfolgreich erprobt zu haben, daß sie in ihrem Herzen sogar die freilich nur dem geistigen Auge sichtbaren Buchstaben des Wortes Allah durch die vielmalige Wiederholung eingeprägt tragen.

Nicht lächerlich, aber doch wie eine Verirrung des menschlichen Geistes erschien mir dieser Gottesdienst; daß er religiös und daß er wahrhaftig gemeint sei, verkannte ich nicht. Darum, so sehr mich die Raserei, denn das wurde er zuletzt, entsetzte, ich mußte doch immer dem Wahne Achtung zollen. Das Geheul verlor den Ton der Menschlichkeit, und die Bewegung der Kette beinahe den Grad des denkbar Möglichen. Einzelne schwangen im Wahnsinne nicht mehr den Oberkörper, nur noch den Kopf, so waren sie erschöpft; zwei fielen nieder, denen der Schaum auf den Lippen stand; man trug sie ohnmächtig hinaus. Andere arbeiteten aber gleich rüstig weiter, als habe die Uebung eben erst begonnen. Die Turbans, die sie verloren, wurden von Vorbetern unter dem Schutze des Mihrab’s aufgehäuft. Die Greise, welche betend dort standen, durch grüne Kaftane ausgezeichnet, legten zum Zeichen heiliger Waschungen, die das vorstellen soll, die Hände vor das Gesicht, banden sich dann wechselseitig mit Gebetsprüchen rothe Schürzen um, und die, welche sich so bedient hatten, reichten sich grüßend die Hände. Es war etwas außerordentlich Würdevolles in der Ruhe dieser alten Männer, das durch den Gegensatz des Lärmens und der Unruhe der Heuler noch erhöht wurde.

Ein Kopf unter den Heulern mit wegstehenden Haaren und roth gewordenem Gesichte haftet unvergeßlich in meiner Erinnerung. Ein junger Matrose ebenfalls; dieser war ganz Ruhe, trotz der Hast seiner Bewegungen, jener sichtbar auch innerlich ein förmlich Rasender. Zuletzt übermannte mich das Gefühl, daß das Alles über mich herstürzen und mich, den einzig Ungläubigen der zugegen, erschlagen werde. Ich floh, wie von einem Traumgespenste gejagt, und auch unten noch in der freien Luft dauerte es eine Weile, bis ich meine Sinne wieder in das Gleichgewicht gebracht hatte.

Unwillkürlich versuchte ich es auf dem Heimwege, mit den empfangenen Eindrücken die Würdigkeit des Mohammedanismus zu messen. Ich wollte ihn eben verurtheilen, als mir noch rechtzeitig die Springprocession von Echternach bei Luxemburg am St. Veitstage einfiel, die von den vorwärts gethanen Schritten immer wieder einige zurückspringt. Mit dieser Erinnerung kamen mir eine Menge anderer in den Sinn an die ascetischen Gebräuche meiner Religion. Ich ließ also von der hochmüthigen Verurtheilung ab und suchte lieber die Gründe zu finden, welche die Menschheit in solch’ wenig angenehme Sitten verführt haben mögen. Da war wohl am mächtigsten jenes ewig uralte Naturgesetz von dem Kampfe zwischen dem Geiste und der Materie, der Seele und dem Fleische, das sich als ungelöstes Problem durch die ganze Geschichte der Menschheit von ihrem adamitischen Anfange bis zu ihrem einmaligen seligen Ende hinzieht. Warum sollten davon die Kirchen und ihre Gebräuche unberührt bleiben? Alle haben die Spuren davon aufgenommen; die orientalischen, weil die Phantasie dort am lebendigsten ist, sind mit den erniedrigendsten Büßungen und den strengsten Kasteiungen ausgerüstet.

Sonderbar ist es, wie die Religionen, obwohl sie sich oft mit ihren Grundsätzen so feindlich entgegenstehen, ihre Gebräuche geliehen haben. Solche Gebetsübungen, wie die der Rifa’yjah-Derwische, die sich nur in der völligen körperlichen Erschöpfung genügen, finden sich bei uns Katholiken wie bei den Mohammedanern, und auch das endlose ~La ilâha illâ-llâh~ (es ist kein Gott außer Gott), welches diese Beter heulen, ist unsere Gebetsform der Litanei. Der ganze mohammedanische Kirchengesang hat diese Formen; es sind Exclamationen, welche zum Lobe des Allerhöchsten in die Luft ausgestoßen werden:

„O Fürsprecher! o Geliebter! o Seelenarzt! o Auserwählter! o Fürsprecher am Tage des Gerichtes, wo die Menschen rufen werden: O meine Seele! o meine Seele! und wo Du sagen wirst: O mein Volk! mein Volk!“

Der Koran selbst spricht ganze Seiten hindurch in dieser einsilbigen Sprache. Es ist dieses offenbar eine alte Formel des Orients, und der Katholicismus setzt nur eine Tradition fort, die vor Jahrtausenden begonnen hat. Nicht anders ist es mit den Waschungen vor den Kirchen, die bei den Mohammedanern sich noch erhalten, im kalten Abendlande aber sich in das weniger erkältende Bespritzen mit dem Weihwasser modificirt haben. Ich finde in diesem gleichmäßigen Benutzen derselben Gebräuche durch so verschieden gedachte Religionen ein Zeugniß dafür, daß die Welt ärmer an äußerlichen Zeichen denn an Gedanken ist, und in der That selten gleichen sich zwei Menschen durch ihre geistigen Fähigkeiten, aber alle arbeiten mit den Händen und Füßen.

Wir ritten zurück durch Gassen, durch die wir gekommen waren, gefüllt mit solchem Schmutze, daß er selbst in Constantinopel überraschen durfte. Die Pferde gingen in Mitte zweier ungefähr vier Fuß erhöhter Trottoire in dem Kothe der Gasse, der an einzelnen Stellen flüssig, an anderen zu festem Brei getrocknet war. Mich unterhielt es mehr, als daß es mich verdroß; nur die allwärts gleiche Geschminktheit unserer Gassen ist mir zuwider.

Constantinopel, Montag, den 13. Juni.

Mehr aber als alles Uebrige interessirt mich immer wieder das Straßenleben. Wenn man von Pera an der französischen und österreichischen Gesandtschaft vorüber zur ersten Hafenbrücke hinabsteigt, kommt man unten am Hügel, wo rechts die Ecke nach der großen Galatagasse hinüberbiegt, an ein tscherkessisches Kaffeehaus. Ein ebenerdiges Häuschen, die rauchige Stube nach der Gasse zu offen, daneben ein kleiner Garten, die Umzäunungs-Mauer von Bäumen überragt: das ist der Sammelpunkt all der Unglücklichen, welche russisches Culturträgeramt aus der angestammten Heimath vertrieben hat. So oft ich hier vorbeikomme, immer finde ich neue Gruppen dieser elenden edlen Gestalten, Reiche und Arme, -- wenn bei Heimathslosen von solchem Unterschiede die Rede sein kann -- Vornehme und Geringe, unterschiedslos zusammengemischt. Es scheint, daß ein alter Brauch, vielleicht durch eine Kunde begonnen, die den Ruf dieses Kaffeehauses über das schwarze Meer in die kaukasischen Berge getragen, jeden neuen Ankömmling dieses Stammes zunächst hierherführt, um durch den Rath seiner Landsleute Leitung durch die verwirrende Fremdartigkeit dieser großen Stadt zu gewinnen. Freunde und Verwandte, die sich in der Heimath verloren hatten, mögen sich da wiederfinden; die Fremde und der Zufall gibt oft wieder, was schon aufgegeben war. Es sind große stolze Männer, die dort hinter ihren Wasserpfeifen auf den Strohschemeln sitzen, ausgestreckt auf dem Boden liegen, oder mit gekreuzten Armen an der Gartenmauer lehnen. So ruhig ihre Blicke, keiner ist geistlos; Alle, der ärmlichst wie der reich Gekleidete, haben, wie sie schmächtig und in die Höhe gezogen sind, auch etwas Aufrechtes und Gerades in ihrer Haltung und in ihrem Gange, wie das bei uns nur den Männern eigenthümlich ist, welche gewohnt sind, auf den Höhen des Lebens zu stehen. Keinen sah ich, der den Kopf mit dem adelig langen Oval des Gesichtes anders als hoch erhoben mit frei in die Welt hinausschauendem Blicke auf dem länglichen Halse getragen hätte. Die Schultern fallen stark abwärts, ganz das, was man in Frankreich ~une belle chute d’epaule~ nennt. Stierköpfig und breitschulterig habe ich keinen Tscherkessen gesehen. Es wird ihre Körperbildung überhaupt von einem das Kolossale Liebenden getadelt werden. ~Svelte~ ist das einzige Wort, das ihre Erscheinung und ihre Bewegung wiedergibt; ihre Knöchel sind es und ihr Gang ist es. Es ist ein Volk, als ob es von Göttern abstamme; vielleicht weil ihre Berge so hoch in den Himmel hinaufragen. Bekleidet sind sie gewöhnlich auf dem Kopfe mit einer hohen spitzen Pelzmütze, auf dem Leibe mit einem langen engen Rocke, von einem Stoffe, den wir hären nennen würden, und der schmutziggrau aussieht. In den beiden Brustseiten des Rockes sind fünf bis sechs Röhren für die Patronen gesteppt, ähnlich den Cigarrentaschen, die man vor Kurzem bei uns trug. Ein Gürtel hält den Rock zusammen, zwei Dolche stecken darin; die weiten Hosen unter dem Rocke, die aber kaum sichtbar werden, sind in die hohen Stiefel gesteckt. Der größere Reichthum macht wenig Unterschied in dieser Kleidung, wenigstens erscheint er nicht. Ich sah die ärmlichsten Fetzen mit solcher Hoheit getragen, daß das Kleid geadelt war, und das Sprichwort im umgekehrten Sinne galt. Man versuche einmal bei uns für diese Behauptung ein Beispiel zu finden.

Vor dem Kaffeehause ist ein kleiner Platz. Mehr als irgendwo sonst liegen auf ihm wilde Hunde herum; gehe ich Nachts diesen Weg, so stolpere ich gewiß immer hier über eine dieser unangenehmen Bestien. Die Abfälle einiger Fleischerbuden mögen sie hierher locken. Der Geruch, den diese Gewerbe jetzt in der Hitze verbreiten, ist empfindlich und treibt mich über diesen Platz immer mit größerer Eile. Zu Pferde gelingt mir das auch; bin ich aber zu Fuße, dann halten mich die Surugis auf, die hier ihren Standpunkt haben und ihre Pferde an den Mann bringen möchten.

Auf dem Ufer zwischen dem goldenen Horne und der langen Galatagasse, der einzigen, welche eine so weite Strecke gerade fort läuft, steht der Stadttheil, welcher alle ärgste Liederlichkeit und Verworfenheit Constantinopels an sich gezogen hat. Auch wer an das Schlimmste unserer europäischen Hauptstädte gewöhnt ist, wird hier noch überrascht werden. Man hat mich gewarnt, dieses Stadtviertel zu betreten, und zur Nachtzeit mag es allerdings ein Wagniß sein. Ich will auch diesen Theil des hiesigen Lebens kennen lernen, und treibe mich dort öfters beobachtend und betrachtend herum. Hart an dem Wasser, so nahe daran, daß kein verbindender Kai davor herführt, stehen die Häuser der verschiedenen Dampfschifffahrts-Compagnien. Der anständige Zugang zu ihnen ist zu Wasser, zwischen den in dichten Reihen davor liegenden Schiffen durch, der rückwärtige führt durch die Höfe, Thorwege, Gäßchen und Winkel eben jenes verrufenen Viertels. Einen Wirrwarr der Wege wie dort habe ich nirgends sonst gefunden, und ebenso nicht anderswo einen ähnlichen Schmutz. Von den Kohlen der verschiedenen Dampfschifffahrts-Depôts ist der Boden seit langem ein schwarz gefärbter; darauf werden aus allen Häusern die Abfälle geworfen, und die Gossen, die darüber zusammenrieseln, haben das Ganze in eine dunkle nachgiebige Masse verwandelt. Die Häuser selbst zu beiden Seiten sehen nicht viel appetitlicher aus. Ihre Wände sind auch geschwärzt vom Kohlenstaube, hängen nach vorne oder auch der Seite über, Thüren und Fenster sind zum Theile eingeschlagen, mit Papier verklebt, wenn nicht gar ihre Fassung aus der Mauer theilweise herausgebrochen. Beinahe bei allen sieht man offen und frei in das Innere des Hauses und dort in rauchigen hölzernen Stuben die Inwohner mit den scheußlichsten Lastern beschäftigt. Spiel, Trunksucht, alle Gattungen von schlechten Ausartungen, auch Raub, Mord und Todtschlag sind hier die gewöhnlichen und Allen sichtbaren Beschäftigungen. Schreitet die türkische Polizei in diesem Sodoma nach irgend einem gar zu grellen Falle ein, so sind gleich die europäischen Gesandtschaften zur Hand, sich vertheidigend vor ihre verleumdeten Schützlinge zu stellen, und die gesammte europäische Presse trommelt hinter ihnen den Sturm gegen türkische Unduldsamkeit, gegen muhammedanischen Christenhaß und barbarische Civilisations-Feindseligkeit. Der italienische und französische Gesandte sind hierbei gewöhnlich die bereitwilligsten. Die meisten der ständigen Bewohner dieses Quartieres sind Italiener, Griechen, Malteser, die Fremden meistens englische und italienische Matrosen und Flüchtlinge aller Nationen.