Part 22
Schon um 6 Uhr Morgens ritten wir aus, hinüber nach Stambul und vom At-Meidan die Hügel hinunter und unten den Seemauern entlang, durch die das blaue Meer herein sieht, nach der kleinen Aja Sophia. An die große mahnte sie mich eigentlich nicht, wohl aber an den Dom zu Aachen. Unsere Schulbücher lehren zwar, daß der sein Muster in Ravenna an San Vitale gehabt habe, ich aber glaube, seitdem ich Kütschük Aja Sophia gesehen, daß er es hier gefunden. Bei den vielfältigen Verbindungen Karls des Großen mit dieser Stadt und bei der Weltstellung des damaligen Constantinopel hat es auch nichts Außerordentliches. Justinian baute diese Kirche; sie stand also schon zweihundert Jahre, als Karl der Große seinen Baumeistern den Auftrag gab, ihm eine Pfalz und eine Domkirche in Aachen zu errichten. Das war lange genug, daß der Ruf der byzantinischen Bauten auch auf den schwierigsten Verkehrswegen bis an das andere Ende der damaligen Culturwelt gedrungen sein konnte. Die Architekten mögen selbst in Constantinopel das Vorbild gesehen, oder ihre Bildung von Lehrern erhalten haben, die dort gewesen. Für die Malerei gibt man, weil anderen Behauptungen die Beweisstücke entgegenstehen, diesen unmittelbaren Einfluß zu; bei der Architektur glaubt man eine Zwischenstation machen zu müssen. Nun war aber Italien damals ohne Geltung, die Städte im Verfalle, Rom beinahe nur ein Dorf, das ganze Land eben nur eine Provinz des oströmischen Kaiserthumes. Dorthin waren suchend alle Augen gerichtet, und von dort kamen alle Künstler, Handwerker und Gelehrte. Byzanz war im achten Jahrhundert unserer Zeitrechnung immer noch die tonangebende Macht und bei dem gänzlichen Fehlen anderer Concurrenten in der damaligen Mode vielleicht sogar herrschender als es heute Paris ist. Das können nur jene Geschichtschreiber außer Acht lassen, welche sich die Berührungen und Communicationen der früheren Zeiten weit seltener und mangelhafter vorstellen als sie wirklich waren.
Neben der Kirche stand einmal das Haus, in welchem Justinian 45 Jahre als Privatmann gelebt hatte. Nach seiner Thronbesteigung widmete er den Palast des Hormisdas, so hieß es, den frommen Zwecken eines Klosters. Die Kirche wurde als nothwendiges Zugehör dazu gebaut. Die späteren Kaiser pilgerten dann immer am dritten Osterfeiertage hierher in feierlicher Prozession, den ganzen Hofstaat hinter sich vom Triklinium des Justinians aus über den Hippodrom. Die Kirche war dem heiligen Sergius geweiht und wahrscheinlich auch dem heiligen Bacchus; das lassen wenigstens die Trauben und die Rebenblätter in den Verzierungen vermuthen. Die Inschrift, welche um den inneren Rundkreis läuft, nennt zwar nur den heiligen Sergius, aber die byzantinischen Geschichtschreiber sprechen mit Beharrlichkeit das Patronat auch dem anderen Heiligen zu. Diese Inschrift ist voll von Lob für die Tugenden der Kaiserin Theodora; wollte Justinian, der zugleich als Erbauer genannt wird, seiner Frau, oder wollte man dem Kaiser durch solche Lügen schmeicheln?
Jetzt steht in der Apsis der Mihrab. Wesentliches ist nichts an dem Baue verändert. Sein Grundplan ist ein Viereck; seine Höhe ist in zwei Stockwerke getheilt; acht Pfeiler tragen darüber die Mittelkuppel, aus ihr kommen vier Halbkuppeln als Decke der vier Ecken. Zwischen diesen liegen verbindend vier Tonnengewölbe. Unten und oben auf den Galerien sind zwischen die Pfeiler je zwei mittragende Säulen aus rothem und grünem Steine gestellt. Außer diesen Säulen ist alles Uebrige übertüncht, doch scheint das Darunterliegende noch genug hervor, daß man die Bildhauerarbeiten als rohe verurtheilen darf. Mosaik entdeckte ich nirgends, vielfältig aber Marmor. Die Verhältnisse des Baues sind von schöner Harmonie, daß es wohl that eine halbe Stunde betrachtungsvoll in so edlen Räumen zu weilen. Dem Aeußeren drängen sich die Bäume so zu, daß die Luft darum und darunter kühl und feucht war. Ueberhaupt ist der ganze Ort versteckt abgelegen und still einsam.
Auch die Moschee des Ebul Wefa, eines Heerführers in der Armee des Eroberers, wird als eine ehemalige Kirche gezeigt. Ein reicher Adeliger soll sie im vierten Jahrhundert erbaut haben. Jener frühen Zeit können höchstens die Seitenmauern des heutigen Baues entstammen; Vorhalle und Kuppeln sind sicherlich Werke türkischer Hände. Auch jetzt wieder bessern sie daran; Gerüste füllen den Bau bis in die Wölbungen hinauf. Die Mauern zeigen fußbreite Sprünge. Der Bau hat nur Besonderheiten aber nichts Schönes; mehr noch als die anderen ist er nämlich in die Breite gezogen. Nebeneinander liegen drei große Kuppeln über ihm; sie sind beachtenswerth durch ihre hoch aufstrebende Kühnheit. Unter jeder ist der Grundplan in ein besonderes Viereck gegliedert, und in jedem derselben tragen vier Rundbogen das Gewölbe. Die Ecken sind wie durch eingeschobene und die Kuppel tragende Postamente abgeschnitten, nur in den vier äußersten des ganzen Planes sind sie durch kleine Halbkugeln ausgefüllt. Dem Eingange gegenüber liegt der mittleren Kuppel eine kleine Halbkuppel für die Apsis vor. Schön ist die äußere Umgebung; Bäume schließen die Moschee ein, und ein kleiner alter Friedhof ist hoch darum gelegt, daß sie zwischen den Grabsteinen selbst wie in ein Grab eingesunken erscheint.
Auf einem Platze nahebei, dem des Scheichs Ebul Wefa, saßen unter weitschattigen Platanen vor einem kleinen Kaffeehause ein paar Türken bei ihren Schalen und Wasserpfeifen. Sie mochten unser Handwerk an dem neugierigen Sehen unserer Augen erkannt haben; unaufgefordert boten sie sich an uns das Grab des letzten römischen Kaisers zu zeigen. Durch elende Weberhütten führten sie uns in einen engen Hof zu der Stelle, wo neben altem Kehricht, zerbrochenen Holzlatten und weggeworfenen Lappen der tapfere Constantin ruhen soll. Kein Baum breitet sich darüber, der doch sonst keinem orientalischen Grabe fehlt; auch die Lampe brannte nicht, deren ewiges Licht Mohamed II. hieher gestiftet, und durch welches eben, wie man deducirt, die Wahrheit der Stätte bezeugt werden soll; nur ein alter zerbrochener türkischer Grabstein war als Merkmal an die Wand gelehnt. So ärmlich das Ende, was so allmächtig an der Tiber begonnen hatte.
Wir pilgerten weiter zu Gräbern, die ganze Geschlechter von Kaisern beherbergt hatten. Kilisse Djami, die Kirchen-Moschee, steht klein und versteckt aber kuppelbedeckt auf steilem Hügel, der am herrschendsten über alle anderen constantinopolitanischen emporragt. Darum setzten sich auch die Kreuzfahrer dort oben in dem Kloster des Allherrschers, Pantokrator, wie die Kirche ehemals hieß, fest. In den Grüften wurden die Kaiser begraben, seitdem die Apostelkirche nebenan auf dem nächsten Hügel mit Leichnamen überfüllt war: So ruhten hier die meisten der Komnenen und Paleologen. Von all’ dem ist nichts mehr übrig als ein einziger Sarkophag aus Verde antico, der unverletzt auf dem kleinen Platze vor der Moschee steht. Neben ihm schaut ein Säulenstumpf aus dem Schutte auf, wie um anzuzeigen, daß einmal diese Gräber durch Säulenhallen gedeckt waren. Aber selbst dieser Sarg dient nicht mehr seinem ursprünglichen Zwecke; was den Tod bergen sollte, ist eine Quelle lebendigen Wassers geworden; die Türken haben die Asche und die Gebeine hinausgeworfen und die Hülle in einen Brunnen verwandelt, eine Verwendungsart solcher Monumente, die im Oriente häufig vorkömmt. Ich möchte behaupten, daß es verrathe, um wie viel weniger schrecklich der Tod den Menschen hier erscheine. Andere ganz gleiche Sarkophage, auch wie dieser mit einem giebelförmigen Deckel geschlossen, der dem Dache des altgriechischen Tempels ähnlich ist, nur aus Granit und Porphyr gebildet, werden in dem ersten Seraishofe neben der Irenenkirche bewahrt. Man will die Beweise dafür haben, daß nach dem neunten Jahrhundert kein Sarkophag mehr aus Verde antico, dem thessalischen Marmor, und schon nach dem sechsten Jahrhundert keiner mehr aus ägyptischem Porphyr gebildet worden ist. Es ließe sich also allenfalls für den aus Porphyr gemeißelten im Vorhofe des Serais befindlichen behaupten, daß er wirklich einmal die Gebeine des großen Constantin oder doch die der Eudoxia umschlossen habe. Es ist diese schwerlastende, giebelgekrönte, sonst alles Schmuckes kahle Form der byzantinischen Sarkophage weitaus die würdigste für ein Grabmal, die ich kenne. Für uns, die wir nicht weiter zurückschauen, steht das erste Beispiel ihres Ursprunges in den ägyptischen Grabkammern, und von dort aus scheint sie zugleich mit dem Serapiscultus nach Rom eingewandert zu sein. Mir kam heute die Vermuthung, daß die Türken auch dieses griechische Muster für ihre Bedürfnisse benutzt haben. Die Holzgerüste, die sie über ihren Gräbern aufzimmern, gleichen wenigstens auffällig diesen monumentalen Särgen.
Die Moschee hat von den 46 Kuppeln der früheren Kirche nur wenige behalten. Trümmer liegen noch sichtbar weit herum, andere mögen unter den späteren Neubauten begraben sein. Aufrecht stehen noch ein doppelter Porticus und hinter ihm zwei je dreischiffige Basiliken, die durch ein siebentes besonderes Schiff von einander getrennt sind. Denn so erkläre ich mir die sonderbare Anlage dieses Baues. Vielleicht deckten die heute fehlenden Kuppeln andere ganz gleich geformte Kirchen, die im Anschlusse an diese in einem Vierecke um einen Hof gestellt waren? Es hat dann wohl jede einem anderen Kaiser als Grabcapelle gehört. Die eine Seite, die ich jünger als das andere Mauerwerk finde, und die gewiß einmal offen zu weiterer Fortsetzung war, bringt mich insbesondere auf diese Vermuthung. Neun Thüren führen in den Porticus und ebenso viele von ihm in das Innere der Kirche. Sie sind in denselben Formen und mit demselben rothen Marmor wie die der Aja Sophia gebaut. Die kleinen Kuppeln, die den Porticus decken, sind mit Mosaiken verkleidet; aber keine Menschenbilder, nur Laubgewinde und Blumen sind darin dargestellt. Im Inneren ist nur türkisches Machwerk.
Als Erbauer der Kirche gibt die Geschichte den dritten Komnenen an. Kaiser Johann war dann auch der Erste des Geschlechtes, der hier begraben wurde. Das war jener milde und verzeihende, dabei doch starke und kräftige Herrscher, der im Auslande das Gebiet des Reiches vermehrte, und daheim schon im zwölften Jahrhundert das Ideal unserer heutigen Menschenfreunde verwirklichte, indem er für die 25 Jahre seiner Regierung die Todesstrafe abschaffte. Das Gegentheil all’ seiner Tugenden war der letzte des Geschlechtes, der hier begraben wurde, Andronikus I., der auch der letzte Komnene auf dem Throne von Constantinopel war. Seine Lebensgeschichte ist eine so abenteuerliche, daß wer sie heute in der Regelmäßigkeit unserer Zustände liest, kaum mehr den Glauben für so bunt zusammengewürfelte Schicksale hat. Vor seiner Thronbesteigung abwechselnd der Vertraute und der Verräther seines Vetters, des damals regierenden Kaisers Manuel I., lebte er bald im Glanze und Wohlleben des Hofes zu Constantinopel, bald auf der Flucht durch Wälder und Steppen, bei Türken und Persern, bei Polen und Russen, und auch bei diesen wieder je nach dem Werthe seiner Handlungen als Fürst und Freund erhöht oder als Feind und Flüchtling in den Kerker geworfen, bald Christ und Mohammedaner, alles was der Tag und der Vortheil von ihm begehrte, treu nur in einem, in der Verführung und in der Untreue gegen die Frauen. Ueberall, wo er gewesen, von allen Nationen, bei denen er Gastfreundschaft genossen, hatte er eine entführt und verlassen. Als er dann den Sohn des Manuel, den zwölfjährigen Kaiser Alexius II., erdrosselt und sich dadurch die Krone erworben hatte, kam er hieher an das Grab seines Vorgängers, des Kaisers Manuel. Seine Begleiter wies er zurück, sie glaubten weil er sich seiner Reue und Buße schäme. Er aber murmelte statt der Gebete nur Verwünschungen, nur Flüche, Worte des Triumphes und der Rache über den Sarkophag, denn selbst dem Todten verzieh er es nicht, daß dieser der Einzige im Stande gewesen, seine Zügellosigkeit zu bändigen. Da ihm die Macht allein überlassen war, mißbrauchte er sie zu solchen Grausamkeiten, daß ihm zuletzt das empörte Volk Augen, Haare, Zähne und Arme ausriß, und den immer noch lebenden Körper auf einem räudigen Kameele durch die Stadt trieb, bis ihm zwischen zwei Pflöcken aufgehängt ein paar barmherzige Schwerthiebe die Qual verkürzten.
So wild und kräftig, so maßlos in allen Eigenschaften waren die Glieder dieses Geschlechtes. Von Italien leitete es seinen Ursprung ab, von Asien, wohin es übergewandert, war es gekommen. Sechs Kaiser setzte es auf den wankelmüthigen Thron von Byzanz, die meisten schön und groß durch die äußere Bildung ihrer Gestalt und auch riesig durch den Werth ihrer Thaten. Dann setzte das vertriebene Geschlecht seine Herrschaft drüben in Trapezunt fort, bedeutungs- und wechselvoll wie sie in Constantinopel gewesen, daß seine Fürsten mehr als andere zu den abenteuerlichen Zwecken von Romanen und Dichtungen brauchbar sind. Neben Kapiteln, so blutig und bewegt wie die der byzantinischen Geschichte, verblassen selbst die Schicksale der rothen und der weißen Rose. Den Mord der Brüder des thronbesteigenden Prinzen, den die Türken bis zum letzten Sultan als dynastisches Hausgesetz ausgeübt, fanden sie wie anderes, das sie nach der Eroberung unter ihre Sitten aufnahmen, fertig und zur Regel geworden in Constantinopel vor. Die Willkür überhaupt, welche so lange die türkische Thronfolge erschütterte, mögen sie nach dem vorausgegangenen Beispiele gebildet haben.
Kahrjie Djami in der Nähe der Landmauern, zwischen dem Thore von Adrianopel und dem ehemaligen Viertel der Blacherner, soll noch eine der 24 Kirchen sein, welche Justinian in Constantinopel erbaute. Die Mauern mögen so alt sein, die Ausschmückung muß längst erneuert worden sein. In der Vorhalle wenigstens fand ich Mosaiken von so trefflicher und freier Zeichnung, daß ich sie in eine jüngere Zeit als die älteste der Marcus-Kirche versetze. Eine schreitende Figur des Erlösers und in der Kuppel der linken Halle aufrechte Gestalten unterschied ich deutlich. Die Kuppeln sind muschelförmig eingefalzt, ihrer drei über der Vorhalle, die in drei Vierecke abgetheilt ist, nebeneinander. Thür- und Fensterstöcke sind in denselben Formen wie in der Aja Sophia gearbeitet. In dem Kreuzgange, der später angebaut ward, sind Malereien so entwickelter Art, daß man bei dem Erlöser kaum mehr die Spur des alten byzantinischen Typus findet. Die Kuppeln, die ganze Vorhalle und auch das Innere sind nur klein; die byzantinischen Kirchen scheinen sich überhaupt nicht durch Größe ausgezeichnet zu haben, wenigstens macht unter den übrig gebliebenen nur die Aja Sophia hiervon eine Ausnahme. Die Menge derselben muß den Rauminhalt der Einzelnen ersetzt haben. Es kann ihrer nicht weniger, als heute in Venedig sind, gegeben haben. Gleich auf dem Rückwege, den wir direct zur Gül Djami suchten, auf dem wir uns aber verirrten, fanden wir in der Nähe der Mohammedje, abseits gegen den Hafen zu hinab, Ruinen, welche einmal einer altbyzantinischen Kirche angehört haben müssen. Ich finde sie auf keiner Karte und in keinem Handbuche verzeichnet. Die Kuppeln sind herabgestürzt und auch die Seitenmauern geborsten; die abgefallene Tünche stellt es außer Zweifel, daß seitdem eine Moschee hier gewesen. Die Verwüstung kann nicht alt sein, denn noch hat sich nirgends das in diesem Klima so rasche Grün um die Ruinen gelegt, und verursacht scheint sie durch eine Feuersbrunst zu sein, weil das ganze Stadtviertel ringsherum aus noch unangestrichenen Latten neu aufgebaut ist. Wie vor anderen stand auch vor dieser Kirche eine mit drei Kuppeln gedeckte Vorhalle. Eine Hauptkuppel scheint die Kirche selbst, eine zweite kleinere den Altarraum gedeckt zu haben; das unterscheidet man heute noch. Wie lange wird diese Spur dauern? Schon schleppt man Steine fort zu weltlichen Neubauten; so werden allmälig aber fortwährend auch die Ruinen der Vergangenheit ausgejätet. Kann man sich, wenn zuletzt alles Sichtbare fehlt, noch wundern, daß das Frühere der Nachwelt unverständlich wird?
Gül Djami (Rosen-Moschee), die wir endlich, aber erst mit Hilfe der Magnetnadel fanden, liegt so tief in einem Thale, daß wir an Gassen kamen, die so steil abwärts führen, daß wir, um nicht zu fallen, von den Pferden steigen mußten. Die Rosen-Moschee zeigt sich als byzantinisches Bauwerk trotz späterer türkischer Veränderungen. Sie scheint besonders fest zu sein und der Zeit zu trotzen. Von einem unterirdischen Gewölbe, welches Hammer erwähnt, wollte keiner der Moscheediener und der Umwohnenden, die in Menge herbeigekommen waren, etwas wissen.
Nach Galata hinüber ritten wir über die zweite Hafenbrücke. Eine eigenthümliche Beleuchtung wurde uns von dort aus durch das Abendlicht geboten. Der ganze Hafen war so von Nebeln und von dem Rauche der Dampfer bedeckt, daß er und die Stadt unsichtbar waren. Die untergehende Sonne färbte diese Wolkenmassen roth und blau, nur das Thürmchen der Seraispitze sah daraus hervor, aber scheinbar in die Ferne gerückt, als lägen viele Meilen zwischen ihm und uns. Schon Morgens hatte ich die Nebel beobachtet; sie zogen so dicht über die See, daß außer der Seraispitze Alles in ihnen verschwand, selbst die Körper der Schiffe. Zuweilen nur ragten die Masten und die geschwellten Segel, welche die Schiffer dem Südwinde ausgespannt hatten, daraus hervor, daß es aussah, als hätten die Wolken Segel vorgelegt, ihren Flug noch mehr zu beschleunigen und mir die eilenden Wolken, die Segler der Lüfte verwirklicht erschienen, welche die gefangene Maria Stuart grüßend an ihr Heimathland sandte.
Constantinopel, den 11. Juni.
Ich schreibe den ganzen Vormittag. Gewitter drohen und hindern eine gemeinsame Fahrt im großen Boote nach Bujuk-Dere. Ich aber wage mich Nachmittags allein im Kaïk um die Seraispitze in’s freie Meer hinaus, die Mauern der Stadt auf dieser Seite genauer zu untersuchen. Es ist herkömmlich, auch diesen Theil der Bollwerke als einen übrig gebliebenen Vertheidiger des Christenthums gegen den Mohammedanismus zu ehren. Ich brachte den Mauern dieselbe Glaubensstimmung entgegen und die Inschriften auf der Seeseite unterstützten diesen Wahn. Hört man nur sie, so baute schon Kaiser Theophilus, derselbe, welcher auch den kaiserlichen Palast so reichlich verschönerte, also 830 oder doch nahe daran diese Mauern. Erst als ich ihre Fügung, die Steine und ihre Bearbeitung prüfte, begann dieser Glaube zu zweifeln. Das Werk kann nicht das Product eines Jahrhunderts sein, das für Byzanz die Blüthezeit aller Künste und Wissenschaften war. Und wäre es das gewesen, so konnte es in dieser Gestaltung nicht dem Wogendrange und dem Wettersturme eines ganzen Jahrtausends widerstehen. Die schlecht gefügten Ziegellagen und der Mörtel zeugen gegen eine solche Alterslast. Nur tief in dem unteren Theile, der noch unter Wasser steht, sind es sorgfältiger gefügte Quadern; darüber liegen Säulenschäfte geschichtet, dicht und hoch wie Klafter Holzes, Gesimsstücke und andere Bautenreste dazwischen, Alles Zeugen der Prachtliebe einer früheren und der Barbarei einer späteren Zeit. So baut eine jede mit den Werkstücken wie mit den Ideen ihrer Vorfahren. In Aegypten schon trieben sie es nicht anders und wir treiben es wie es hier geschehen. Welch’ eine Stadt muß das gewesen sein, die der Säulen so viele hatte, daß man einmal ihre Mauern daraus aufrichten konnte! Dieses Später kann aber nicht schon die Zeit des Theophilus gewesen sein. Es ist nicht anzunehmen, daß er, dem die Verschönerung des Palastes und der Stadt so sehr im Sinne lag, so viel zerstört, und selbst wenn er damit seinen Neubauten Platz schaffen wollte, daß er das kostbare Material der früheren nicht entsprechender verwendet haben sollte. Daß aber auch die anderen Byzantiner nach ihm diese Grausamkeit nicht geübt haben, beweist mir eine andere Einwendung, die ich mir gegen den griechischen Ursprung dieser Mauern in diesen Tagen gefunden habe.
Hier hinaus gegen das Marmora-Meer zu öffnete die Stadt ehemals drei, vielleicht sogar vier Häfen. Der erste zunächst der Seraispitze, wahrscheinlich ziemlich unterhalb der Achmedjie, welcher der des Palastes, auch der des Bukoleons hieß; von ihm westlich und westlich neben der kleinen (Kütschük) Aja Sophia, dort wo der Platz heute noch Kadriga-Liman d. h. der Galeeren-Hafen heißt, der zweite, der julianische, und wenn man diesen nicht denselben mit dem nächsten glaubt, was nach den byzantinischen Schriftstellern streitig erscheinen kann, noch tiefer in den Halbmond der Küste hinein, dort wo heute noch Steintrümmer eines Molo’s im Meere den Mauern vorliegen, vielleicht bei Kum-Kapu, dem Sandthore, der dritte, der der Kaiserin Sophia, so daß dann der theodosianische zunächst dem Schlosse der sieben Thürme der vierte gewesen wäre.
1422, also nur 31 Jahre vor der Eroberung der Stadt durch die Türken, besuchte sie ein Florentiner, Christof Bondelmonti, der von der Stadt unter Anderem auch einen Plan geliefert hat. Auf dem ist z. B. der erste Hafen noch deutlich eingezeichnet und vor ihm sind zwei weit in die See vorspringende Molo’s markirt; er nennt ihn ~portus palatii~. So ist noch Manches anders dargestellt als es heute auf diesen Küsten aussieht. Nahe der Seraispitze stand eine Kirche der wegweisenden Mutter Gottes (Hodegetria), dann eine des heiligen Georg, von denen heute keine Spur mehr übrig ist. Kann das Alles in den 31 Jahren vor der Eroberung weggeräumt und umgewandelt worden sein, in einer Zeit vollkommener Entkräftung und leichtsinniger Sorglosigkeit? Das ist nicht nur unwahrscheinlich, das ist unmöglich. Uebrigens beschreibt uns auch ein noch späterer Reisender, der sogar erst nach der Eroberung durch die Türken Constantinopel besuchte, 1550, noch immer manche dieser Uferstellen anders als sie heute sind. Es können also, wenigstens auf der Seeseite der Stadt, nur die Türken die heutigen Mauern errichtet haben.
Murad IV. 1635, vielleicht sogar erst Achmed III. 1721, werden als Wiederhersteller der Stadtmauern gerühmt. Die alten Grundlagen mögen sie benutzt haben, daher unten im Wasser die stärkere Quaderfügung, auch einzelne Thürme in den Neubau mit aufgenommen haben. Daß frühere Inschrifttafeln in den Mauern haften, ist kein Beweis für das Zeitgenössische ihres Werdens. Die Türken mauerten sie, so gut als man das früher schon that, und als man es heute wieder thut, an den Stellen ein, wo sie sie fanden. Die Reste alter Bauten legten sie dazwischen und erst darüber ihre schlechten Ziegel. Man stelle sich nur vor, wie viel fallen mußte, bis der Raum zu dem heutigen Serai frei ward.
Unter den Resten, die sie so verwendet haben, sind auch drei Fenster gleich neben dem ehemaligen Leuchtthurme eingemauert; ihre Formen sind die ägyptisirenden wie an den Thüren der Aja Sophia, die allen byzantinischen Bauten gemein waren. Seitab und höher oben erscheint ähnlich befestigt eine kleine Häuserfronte, zwei Löwen zu ihren beiden Seiten. Es kann das nicht der natürliche Platz dieses Baustückes sein; auch dieses muß hierher erst übertragen worden sein; so wie es da steht wäre es ganz sinnlos. Vielleicht daß es das oberste Stockwerk eines kleinen Palastes gewesen und die Löwen frei daneben standen? Gylles nennt es ein Ueberbleibsel vom Palaste des Leo Marcellus, nicht vom Bukoleon, wie Hammer ohne weiteren Beweis behauptet. Dann wären auch diese Trümmer eine Bestätigung für meine Vermuthung von der äußeren Unscheinbarkeit der byzantinischen Bauten. Sie haben nichts Großes und verrathen keinen großen Sinn; sie sind klein und manchmal auch unförmlich, wie Vieles in Kütschük Aja Sophia, Kilisse Djami und Kahrije Djami. Die große Aja Sophia ist die einzige und darum auch so sehr gepriesene Ausnahme. Denn selbst von dem Kaiserpalaste glaube ich nicht, daß er etwas unseren oder den römischen Bauten Aehnliches gehabt habe; er wird wie noch die heutigen Paläste der Orientalen aus einer Summe von Pavillons bestanden haben, über ein weites Gebiet die Hügel hinab und durch Gärten zerstreut. Kein Theil war höher als einstöckig und die Pracht daran nur im Innern.