Part 21
Um das Aeußere der Moschee liegen auf drei Seiten Höfe; frei ist sie nur auf der vierten, in welcher die Apsis steht, und die dem Seraiplatze zugekehrt ist. Der Erdboden rings herum ist wenigstens um zwei Klafter höher als der marmorne des Inneren. Das zeigt sichtbar genug, wie hoch der Schutt über dem alten Constantinopel gehäuft liegt. Wie vieles mag darin noch begraben sein, hoffentlich wie andere Todte zu künftiger Auferstehung. Säulenschäfte und breite Capitäle ragen daraus hervor, die heute den Obst- und Tespiehhändlern zu Tischen für ihre Waaren dienen. So wachsen aus Trümmern die Berge wieder auf.
In dem Hofe zur Linken, dem nordöstlichen, steht ein Grabmal, das die Gebeine Mustapha I. und des Sultans Ibrahim bewahrt; schönere Grabcapellen stehen in dem rechtsseitigen Hofe, dem südwestlichen. Sie sind aus Marmor gebaut und ihr Inneres reich mit bunten Porzellantafeln und edlen Steinen verkleidet. Blasse Rosen in mattblauem Grunde ist die Zeichnung, die am häufigsten vorkömmt. Kostbare Teppiche decken den Boden und persische Shawls die Grabhügel. Alle Mausoleen standen offen, und in den säulengetragenen Portiken saßen Beter, die zum Heile der Todten in dem Koran lasen, denn der Mohammedaner glaubt wie wir und übt diesen Glauben sogar in einem weit reichlicheren Maße, daß man den Todten die ewige Seligkeit durch die Fürbitte des Gebetes erkaufen oder vergolden könne. Große Maulbeerbäume stehen um die Capellen herum und trennen mit schattiger Abgeschiedenheit den Ort von der Straße, die sich draußen so nahe und so lärmend zudrängt. Selim II., Murad III., Mohammed III. und neben ihm seine 17 Brüder, die er selber hatte hinrichten lassen, sind es, die hier bestattet liegen.
Der eigentliche Vorhof, schon in griechischer Zeit das Proauleion, der Harem der Mohammedaner, ist vor dem Haupteingange auf der West-Nord-Westseite. Von alten Holzhäusern umgeben, voll Gerümpel, verkümmerter Bäume und ärmlichen Gemüsepflanzungen, macht er den Eindruck des Verfalles und der Vernachlässigung. Nichts als ein kleines verstecktes Holzpförtchen führt zu ihm. Ich ließ mich auf einem alten Marmorblocke nieder, mit den Karten und der Magnetnadel die Lage der Aja Sophia zu bestimmen. Bald sah ich mich von einem schaulustigen Publicum, Diener, die zur Moschee gehören, umrungen. Eine Weile schauten sie mir schweigend zu; dann, als sie wohl das Verständniß der Karten gelernt hatten, begehrten sie, daß ich ihnen die kaiserliche Moscheen und Serais darauf zeige. Daß die Aja Sophia doch die schönste unter Allen sei, war der Schluß jeder ihrer Reden; mir vergalten sie die kleine Gefälligkeit mit schwarzem Caffee. So finde ich das Volk überall dankbar und freundlich.
Die Lage der Aja Sophia glaube ich auf den Karten irrthümlich gezeichnet; die Handbücher verlegen, selbst wenn ihre Verfasser das Richtige wußten, der Kürze wegen den Haupteingang gegen Westen, die Apsis gegen Osten, die beiden Flügelseiten gegen Süden und Norden. Statt dessen durchschneidet die Magnetnadel als Diagonale das ganze Quadrat, so daß der Haupteingang West-Nord-West, die Apsis Ost-Süd-Ost, die linke Seite Nord-Ost-Nord und die rechte Seite Süd-West-Süd liegt.
Die beste künstlerische Schilderung des Baues hat Salzenberg geliefert. Was Hammer darüber gibt, ist mit so vielen handgreiflichen Unwahrheiten vermischt, daß mir auch das rein Geschichtliche verdächtig geworden ist. Kugler bringt nicht mehr als klingende Phrasen, weil ihm die eigene Anschauung fehlte; sehen ist aber zum Urtheile über architektonische Kunstwerke nothwendig wie das Hören bei der Musik. Bei beiden Künsten ist die Stimmung der vom Künstler beabsichtigte Erfolg; die aber empfinden wir bei beiden nur dann, wenn Mauern und Säulen um uns aufragen und die Töne uns im Ohre liegen.
Constantinopel, den 9. Juni.
Ich setzte die Wanderung nach und durch die Moscheen fort. Die Achmedjie hatte ich bisher nur von Außen gesehen. Weithin auf das Marmora-Meer leuchten ihre Minarete, und die Bäume ihres Vorhofes beschatten den Schutt auf dem ehemaligen Hippodrome. Einen kleineren Hof vor dem Haupteingange umschließen hohe Säulenhallen. Ihre breiten Spitzbogen sind nach der Mitte des Vierecks geöffnet, wo unter säulengetragener Kuppel der schönste aller Moscheenbrunnen steht. Die Säulen der umliegenden Hallen sind aus dunklem Steine, die Capitäle aus weißem Marmor stalaktitartig gebildet. Solche hallenumschlossene Vorhöfe haben alle größeren Moscheen; sie sind eine edle Eigenthümlichkeit des orientalischen Kirchenthums. Ihre stille Abgeschiedenheit trennt und vermittelt zugleich den Uebergang von dem geschäftigen Lärm der Gasse zu der Insichgezogenheit des Gebetes. Die Waschung, die der Gläubige darin vornimmt, ist nur ein sinnliches Zeichen der Läuterung, die seine Seele reinigen soll. In vervollkommneter Gestalt sind sie ein Ueberbleibsel aus jener früheren Nomadenzeit, als der Tempel nur ein tragbares Zelt und Keinem zugänglich war als dem dienstthuenden Priester. Alle Völker haben dieses Entwicklungsstadium durchgemacht und so auch alle Religionen. Der conservative Orient allein hat die Spuren davon festgehalten.
Im Inneren der Achmedjie sind das Auffälligste die vier kolossalen Säulen, 36 Ellen im Umkreise, wohl die umfangreichsten der Welt. Wie viel sie auch zu sein affectiren, sie +sind+ im Grunde doch nur maskirte Pfeiler. „Setz’ deinen Fuß auf ellenhohe Socken, du bleibst doch immer was du bist!“ Auch sie zeigen mir wieder, wie feindlich jeder künstlerischen Wirkung das Unmäßige ist. Die schöne Form der Säule ist in dieser Uebertreibung degradirt, und statt zu heben und zu steigen, lastet und erniedrigt sie. Die Decke bildet eine Gruppe von Kuppeln; in der Mitte eine größere, um sie vier Halbkuppeln und in den freigebliebenen Ecken des Quadrates vier kleinere Vollkuppeln. Auch an den Innenwänden laufen Bogengänge herum, nur die eine, dem Haupteingange gegenüber, wo der Mihrab steht, ist frei davon geblieben. In mehreren Reihen über einander sind dort Fenster in die kahle Wand geschnitten, die geben dem Raume allzuviel Licht; den Kuppeln fehlt dadurch der rechte Effect, den ihr oberirdisches Licht in das unterirdische Dunkel bringen sollte. Auch tritt durch diese Erhellung die gegenüberliegende Wand dem Eintretenden noch näher, als sie dieses wirklich schon ist; das Quadrat des Baues dehnt sich in die Breite, und jeder Eindruck der Tiefe fehlt.
Vom At-Meidan führt eine von Buden eingefaßte und von Menschen voll gedrängte Gasse nach dem Eski-Serai, dem alten, d. i. dem ersten Schlosse, welches sich die türkischen Herrscher hier gebaut haben. Aus einem gelbangestrichenen Wachthause dieser Gasse ragt die verbraunte Säule auf; von Feuersbrünsten verkohlt ist der Porphyr beinahe schwarz geworden. Dort, wo die einzelnen Blöcke aufeinander aufliegen, sind Lorbeerkränze um den Schaft gelegt, um die Fügungen zu verkleiden. Einmal standen solcher Blöcke mehr als zu dem Doppelten der heutigen Höhe übereinander, und doch ragt sie immer noch über alles Andere hinaus, auf das Meer und in das Land weithin sichtbar.
Auch der große Platz vor dem Eski-Serai ist von Buden umsäumt und von Handel treibendem Volke gefüllt. Da der Besestan (der Bazar) mit seinem großartigen Verkehrsleben daran grenzt, ist die Bajasid-Moschee, welche hier steht, die besuchteste unter allen. Der Sohn und ebenbürtige Nachfolger des Eroberers hat sie gebaut; das Volk aber nennt sie Taubenmoschee, weil in ihrem Vorhofe hunderte von diesen Thieren durch eine fromme Stiftung erhalten werden. Hohe Thore erschließen diesen Vorhof. Er ist nur klein; nicht mehr als drei säulengetragene Bogen zäunen jede Seite ein, aber in dem engeren Raum erscheinen sie nur um so kühner und höher gehoben, wie die Bäume, die um den Brunnen herum stehen. Der einen Cypresse, vom Blitze getroffen, ist nichts Lebendiges am verknorpelten Stumpfe geblieben als ein einziger Zweig; der ist wieder so groß geworden, daß auch er über Mauern und Kuppeln hinaussieht. Mehr Schatten als das Laub dieser Bäume geben die Strohdecken und Leinwandfetzen, welche die Verkäufer von Tespiehs, Büchern und anderen frommen Waaren gegen die Tauben ausgespannt haben. Ueber Stricke und Latten sind sie von einem Aste zum anderen gelegt; durch die Löcher brechen Lichter durch, warm und farbig, die das Bild für den Maler noch tauglicher machen. Staffagen sind die Käufer und Verkäufer, Männer und Weiber, die meisten im alttürkischen Kleide, die dort handeln und sich eilig durchdrängen, oder auch stumm zuschauend mit untergeschlagenen Füßen auf den Stufen der hohen Säulenhallen sitzen.
Auch im Innern beschäftigte ich mich hier mehr mit dem Publikum als mit der Betrachtung des Baues. Die Moschee war mit Andächtigen gefüllt. In kleinen Kreisen lagen sie um die Ausleger des Korans herum. Die saßen auf atlassenen Pfühlen, Pergamentblätter des heiligen Buches auf niederen, kostbar mit Elfenbein und Perlmutter ausgelegten Schemeln vor sich. Ihr Vortrag war frei und so laut, daß mir Einer den Andern unverständlich zu machen schien, und das Geschrei Aller betäubend von den Wölbungen bis in die zurückgezogensten Winkel wiederklang. Weniger gebildete Gläubige, gemeine Soldaten und andere Leute der untersten Stände, traten dazwischen um ihre Gebete zu verrichten. Sie blieben wie der Zöllner im Evangelium am Eingange stehen, kreuzten die Arme über der Brust, breiteten sie dem Himmel entgegen und warfen sich auf den Boden nieder seinen Staub zu küssen. Nur in den Seitengängen, die sich rechts und links weit in die Nebenräume ausdehnen, war es einsam und stiller. Der Mittelbau ist durch eine Voll- und zwei Halbkuppeln der Länge nach gedeckt. Dadurch erscheint er tiefer als die anderen Moscheen. Was mich besonders erfreute, war die große Reinlichkeit trotz der Menge der Besucher.
In den nächsten Gassen traf ich reges Treiben der offenen Kaufläden und breitkronige Bäume, die über die Garten- und Friedhofsmauern heraushängen; die sonderbarst verzweigte Platane vor der Schah-Sadeh Djami. Aus niederem Klotze streben wie Arme, die im Ellenbogen gebogen sind, zwei mächtige Stämme auseinander. Ein Zaun, der darum gelegt ist, beweist, daß auch Andere den Baum bewundern. Der Baumeister Sinan, der geschickteste, den die Türken hatten, baute diese Moschee. Zwei Söhne begrub der gewaltige Sultan Suleiman in dem Garten hinter der Moschee; daher ihr Name, die Moschee der Prinzen. Im Innern liegen um die Hauptkuppel vier Halbkuppeln, aus welchen wieder ein System von je drei kleineren Halbkuppeln herauswächst, deren mittlere indessen nur über dem Haupteingange ausgeführt ist, über den drei anderen Seiten in flachen Wänden abbricht. In den vier Ecken wie gewöhnlich vier kleinere Vollkuppeln. Vier Hauptpfeiler stützen dieses Gewölbe, in den Ecken auch noch Säulen. Die Moschee ist dunkler als andere; das schien sie mir auszuzeichnen. Aber auch bei dieser ist es das Aeußere, das mir am besten gefällt. Dort sind die Seitenwände nicht wie an den anderen gewöhnlich durch zweistöckige Galerien, sondern durch Bogen, die hoch und schlank vom Boden bis zum Dache reichen, verkleidet. So stehen ihrer neun auf jeder Seite, oben spitz zulaufend, auf zierlichen Säulen. Je zwei sind durch Mauerfelder von der nächsten Gruppe geschieden, und der mittelste ist erhöht, daß die Stufen unter ihm hinaufsteigen können und der Eingang gleich erkennbar sei. Diese Ordnung gibt dem Baue etwas Aufstrebendes, während die zweistöckige Bogenstellung bei aller Zierlichkeit in die Breite zieht und erniedrigt.
Aus dem Thale, in dem Schah-Sadeh Djami geborgen liegt, ritten wir durch geradlinige Gassen über die Rücken der Hügel der Wasserleitung entlang. Rechts in den Seitengassen sahen wir ihre tropfenden Bogen, hinter uns aber das Meer und die Inseln, denn zu solchem Ueberblicke steigt die Straße auf bis zur Moschee Mohammed II. des Eroberers, die herrschend über der Stadt thront, wie das Geschlecht ihres Erbauers über den Völkern des alten Griechenreiches. Schon die Lage des Ortes verräth, daß hier immer bedeutungsvolle Denkmäler gestanden haben müssen, und die Geschichte erzählt, daß hier schon Constantin den zwölf Aposteln eine Kirche und sich das Grab gebaut hatte. Zweihundert Jahre später erneuerte die Kaiserin Theodora, die lüderliche Gemahlin des großen Justinian, den Bau. Auch ihr halfen dabei wie dem Kaiser bei der Sophien-Kirche Traumbilder und himmlische Erscheinungen. Am 28. Juni 550 konnte die neue Apostelkirche eingeweiht werden. Lange ruhten die griechischen Kaiser in ihren Grüften und neben Julian Apostata der heilige Gregor von Nazian, bis sie die Lateiner, die christlichen Kreuzfahrer, aufweckten. Sie erbrachen die Sarkophage und streuten die geplünderten Gebeine in die Luft. Das Volk der Franken war eben damals schon bemüht, in derselben Weise wie es heute Nanking und Peking zerstörte, die Civilisation nach dem Osten zu tragen. Auf der Stelle baute dann Mohammed seine Moschee, aber etwas nördlicher als die Kirche. Ein Grieche, Christodulos, war sein Baumeister dabei, und erhielt als Lohn das Eigenthum einer ganzen Gasse geschenkt. Sonderbar, daß trotz solcher Gegenbeweise die Erzählungen von der Unduldsamkeit dieses Eroberers entstehen und fortwährenden Glauben finden konnten.
Im Vorhofe ist auf der Seite des Einganges zu dem Innern der Moschee der Säulengang höher als vor den drei übrigen Wänden; das stört, wo die Bogen in den Ecken zusammentreffen, die Harmonie des Baues. Das Innere finde ich durch Tünche und Malerei entstellt, gerade so geschmacklos in den Zeichnungen und eintönig in den Farben, wie ich es in Brussa an der großen Moschee so sehr getadelt habe. Die Mittelkuppel ruht auf vier Pfeilern; auf jeder der vier Seiten sind drei Halbkuppeln um sie gelegt; die vier Ecken des Baues, welche dabei noch übrig bleiben, sind durch besondere kleinere Vollkuppeln gedeckt. Von Außen gesehen steigt dieses System kleiner und niederer Kuppeln zu größeren und höheren auf, wie ein Gebirge von seinen vorliegenden Hügeln. Ein ungeheurer freier Platz breitet sich darum aus; das ist die Ebene, die zu den Gebirgen hinführt. Der Boden ist ihm durch mächtige Unterbauten gesichert, Quaderfügungen, die vielleicht nach dem Muster der Fundamentirung des Hippodroms gebaut worden sind. Alte Bäume wurzeln darin. Unter ihrem Schatten hatten einige Verkäufer von türkischem Schreibzeug auf verwahrlosten Säulenknäufen die Rohrfedern, Pergamentblätter und das übrige Studirmaterial zum Ankaufe für die Studenten der umliegenden gelehrten Stiftungen ausgebreitet. Solche Schulen, Armenküchen, Spitäler, Brunnen und andere Stiftungsgebäude, alle gleichförmig und mit bleiernen Kuppeln gedeckt, bilden eine weitere, die äußerste Schutzwehr um die Moscheen. Auf der einen Seite schaut das Auge über sie weg weit in die Tiefe und in die Ferne hinein; die Häuser der Stadt und der Hafen liegen dort, und darüber hinaus der Bosporus und die Berge des pontischen Asiens. Solch’ ein Bild stellt uns die würdigsten Gedanken vor die Seele und ist die tauglichste Vorbereitung zu dem Eintritte in das Gotteshaus, daß sich der Hochmuth niederwerfe vor der göttlichen Herrlichkeit, die so viel erschaffen konnte.
Ebenso günstig hat auch Suleiman seine Moschee gestellt. Länger als eine Stunde saß ich vor ihr auf dem niederen Mauersockel, der den Platz an dem Abfalle des Hügels umzäunt, rücksichtslos für die Pracht des Baues hinter mir, das Auge und die Gedanken nur auf das Leben in der Stadt und im Hafen drunten und auf das wechselnde Spiel der Lichter gerichtet. Es war schon Abend und der Verkehr darum im goldenen Horne und im Bosporus am regsten. Ganze Gewölke von Dampf legten sich aus den Rauchfängen der ab- und zugehenden Dampfer momentan über die Landschaft; ein scheidender Sonnenstrahl färbte sie glühend purpurn und dann im Verblassen dunkelblau, bis sie der Abendwind auseinander jagte, noch ehe ihr angebornes Grau sichtbar werden konnte. Der Spiegel des Wassers, der am längsten das Licht festhielt, erschien jedesmal nach solcher Entschleierung nur um so strahlender. Kein Laut drang herauf. Wer die Augen schloß oder im Denken das Sehen vergaß, konnte mitten im Herzen der ungeheuren Stadt sich in die stille Einsamkeit einer Wüste versetzt glauben, und wie auf den hohen Bergen kam auch hier jene Vorahnung von der sorgenlosen Betrachtung aus einer anderen Welt auf die hier unten über mich. Zuletzt fühlte ich mich wie die Geister-Erscheinungen in den Raimund’schen Zauberspielen, die bequem in ihren Wolkensitzen über die untergeordnete Erde wegschweben. Man braucht eben nur einen Augenblick außerhalb der Welt zu stehen, sich ganz in sich selbst zurückzuziehen, um mit der Gleichgiltigkeit auch das Bewußtsein der Herrschaft über sie in sich erwachen zu fühlen; ein deutliches Zeichen von der höheren Art des Geistes und von dem Vorübergehen seiner irdischen Verbindungen. Der Erde gehört nur, was der Tod ihr läßt: der Körper, diese wandelbare Hülle.
Zwischen dem Vorhofe und dem Friedhofe steht die Sulimanjie, frei auf dem freien Platze, kein Haus und keine Bude, die ihr wie bei unseren Kirchen den Zugang und das Licht verstellen. Diese Freiheit weiß der Mohammedaner, seinen Gotteshäusern auch in den beengtesten Stadttheilen zu bewahren. Das Thor zu dem Vorhofe steigt hoch und gewaltig zwischen den festen Umfassungsmauern auf, als solle es eine Festung vertheidigen. Eine Nische, stalaktitartig gebildet, wölbt sich über dem Thorwege und feine Schriftzüge und Arabesken sind in die Stirnkrone darüber damascirt. Drei Stockwerke hoch ist die Thormauer und neben der Thüre setzt sie sich in dieser Höhe noch zwei Fenster breit fort. Dann fällt sie ab und hat zur weiteren Umfassung des Vorhofes nur mehr die Höhe von zwei Stockwerken. Die oberen Fenster sind blind, die unteren allein offen, aber stark vergittert.
Die beiden Seitenfronten der Moschee gehören als Ganzes und durch ihre Details zu dem Schönsten der mohammedanischen Baukunst. In zwei Stockwerken stehen Spitzbogen übereinander, im oberen sechzehn kleinere, alle gleichförmig, im unteren neun, von diesen jedoch zwei viel niedriger und schmäler als die sieben übrigen, so daß die drei mittleren von zwei Endgruppen gesondert sind. Auch die Farben der Marmorsäulen helfen bei dieser Abtheilung. Hinter den Bogen laufen breite offene Gänge her. Der Eindruck mahnte mich an das, was ich in Venedig gesehen, geradezu der Dogenpalast fiel mir ein. Am hinteren Ende des Gebäudes, wo sich der Friedhof anschließt, wechselt diese zweistöckige Bogenstellung mit einer einfachen ab. Es sind drei große Spitzbogen von zwei Säulen getragen, durchbrochene Marmorbalustraden dazwischen, unter denen sieben Stufen zu Nebeneingängen in die Moschee hinauf führen. Wie Bruchstücke aus den Seitenansichten der Schah-Sadeh Djami entlehnt, so erscheinen diese reizenden Loggien. Und wirklich hat derselbe Meister beide Moscheen gebaut. Sinan begann die Suleimanjie zwei Jahre nach jener im Jahre 1550 und vollendete sie schon im Jahre 1555.
Von dem Inneren behauptet man, daß es, nach dem Muster der Aja Sophia gebaut, die Absicht diese zu übertreffen erreicht habe. Ich sehe wohl die Nachbildung, aber nicht, daß das Muster übertroffen worden. Vier starke Pfeiler tragen wie in der Aja Sophia die Decke und zwischen ihnen auf beiden Seiten je zwei Säulen die obere Galerie. Auch das Gewölbe ist wie dort ein System von Halb- und Vollkuppeln um eine größere Centralkuppel gelegt. Aber das Licht, das in der Aja Sophia so wenig vorhanden ist und dessen Mangel den Bau so stimmungsvoll dunkel macht, ist in der Sulimanjie verschwendet, und die byzantinischen Rundbogen sind hier in spitzige emporgezogen. Eben das ist das wesentlichste Merkmal der Unterscheidung. Das eine nach dem anderen sieht sich an, wie sich die Uebersetzung eines dichterischen Werkes liest; es sind wohl dieselben Gedanken, aber es ist doch nicht dasselbe Gedicht.
Von der einen Porphyr-Säule unter den Galerien erzählt Gylles einen offenbaren Irrthum. Sie soll mit der Statue des Kaisers Justinian auf dem Platze zwischen der Aja Sophia und dem kaiserlichen Palaste, dem Augusteon, gestanden haben. Nun saß aber Kaiser Justinian, wie man in einem Werke der Seraibibliothek diese Statue abgebildet sieht, auf einem Pferde. Gylles selbst fand noch Bruchstücke von diesem Thiere vor; die Hufe allein waren ungeheuer. Wie könnte das auf dem schmalen Durchschnitte einer Säule Platz gefunden haben? Ein Reiterstandbild auf einer Säule aufzustellen ist überhaupt ein Gedanke, der wohl kaum irgendwo verwirklicht worden sein dürfte.
Hinter der Moschee liegt wie gewöhnlich der Garten; so nennt der Mohammedaner die Grabstätten seiner Todten. Was der Koran ihnen erst für die andere Welt verspricht, sucht er ihnen schon auf dieser zu bereiten, und wirklich blühen Rosen und Akazien um die Gräber Suleiman’s und Roxelane’s, seiner blutdürstigen Geliebten. Schöner und kostbarer noch als die der Muradje zu Brussa sind sie, mit Marmor- und Porzellanplatten, im Innern sogar mit Edelsteinen verkleidet, und dabei doch in ihrem Erscheinen bescheiden und ohne eitle Anmaßung, ernst und feierlich, so wie es sich für Grabstätten geziemt. Die innere Wartung war sorgsam und rein, als seien noch der erste Schmerz und junge Trauer die Wächter und Pfleger des Ortes.
Den Rückweg nahmen wir durch das Seraiskeriat nach der Moschee Sultans Osman III., Nuri-Osmanjie, die Lichte ob der Menge ihrer Fenster genannt. Sie ist ein Werk der Rococozeit und zeigt ihren Styl. Schon früher, als Achmed III. die Gärten an den süßen Wässern anlegte, machte dieser die Rückwirkung Europa’s auch im Oriente geltend. Auch diese Moschee, hart auf der Kante eines Hügels, über dem gedrängtesten Quartiere der ganzen Stadt, dem Besestan, stehend, hat von einer festen Quaderterrasse den Ausblick frei nach den Bergen und dem Bosporus.
Weiter kamen wir, weil ich es so nach der Karte wählte, an der Moschee Mahmud Pascha’s vorüber, in enger steil absteigender Gasse ein malerischer Bau. Halb verfallen decken ihn mächtige Bäume. Vorne vor der Eingangsthüre liegt eine Loggia aus schön gewölbten Bogen.
Constantinopel, den 10. Juni.