Ein Sommer im Orient

Part 20

Chapter 203,600 wordsPublic domain

Wenn der Triumphzug der griechischen Kaiser von dem Marsfelde durch die goldene Pforte in die Stadt eingetreten war, dann machte er den ersten Halt bei dem Kloster des Studius, der heutigen Mir-Achor Djami. Bis dorthin ging der Kaiser zu Fuße, weil das wunderthätige Bild der wegweisenden Mutter Gottes unmittelbar vor ihm getragen wurde. War er zu Pferde gestiegen, so ordnete sich der Zug neuerdings. Die Soldaten mit den eroberten Trophäen und Gefangenen voran; dahinter der ganze Hofstaat, die Eunuchen darunter, alle in goldenen Kleidern, große Hellebarden in den Händen, der Kaiser in goldenem Waffenrocke, eine dreifache Krone auf dem Haupte und das Scepter in der Hand auf einem prächtigen Pferde, dessen Zaumzeug und Decke mit Juwelen geschmückt waren. Die Glieder der kaiserlichen Familie und die Senatoren schlossen die Procession. Durch die Bäder des Zeuxippus, die zwischen dem Hippodrome und der Sophien-Kirche lagen, zog sie auf das Forum Augusteum; dort in der Mitte desselben unter dem Thorbogen des goldenen Meilenzeigers, wo heute ein Conglomerat schmutziger Häuser steht, stieg das Gefolge des Kaisers von den Pferden, der Kaiser selbst erst an der Seitenthüre der Aja Sophia, durch die er gewöhnlich den Dom betrat. Auch in den ärmsten Zeiten fehlte dieses Ceremoniell und diese Pracht dem Kaiser nicht. Der letzte, der seinen Einzug damit feierte, war der Paleologe Michael, nachdem sein General in der Nacht vorher, vom 24. auf den 25. Juli 1261, die Stadt durch einen kühnen Handstreich den Lateinern abgenommen hatte.

Die goldene Pforte scheint ein außerordentlich hohes Thor, oben durch eine Kuppel gedeckt, gewesen zu sein, wohl Babi-Humajun, dem ersten Thore des Serai’s, ähnlich. Die Kuppel wird, wie so viele in Constantinopel, mit goldener Glasmosaik ausgefüttert gewesen sein, daher der glänzende Name. Daß die Pforte schon 989 zugemauert worden sei, um den Lateinern den Einzug zu wehren, glaube ich nicht; es marschirten noch nach diesem Jahre zu viele Triumphzüge hindurch. Jetzt ist sie mit Trümmerresten von byzantinischen Kirchen geschlossen, und mag in der Gestalt, wie sie dasteht, ziemlich das einzige Ueberbleibsel des vormohammedanischen Baues sein.

Als wir wieder in den Hof hinabgestiegen waren, fanden wir unseren Kavassen im Streite mit dem Wache habenden türkischen Officier, weil er Fremde ohne Erlaubniß in dieses feste Schloß geführt habe. Daß wir keine bösen Menschen seien, glaubte der Beamte erst, als er einiges von österreichischer Gesandtschaft u. s. w. gehört hatte; dann aber zeigte sich seine Gefälligkeit auch eben so eifrig als es seine Wachsamkeit gewesen. In Winkel und zu Felswänden führte er uns, worin verschiedene Gefangene ihre Namen hatten einmeiseln lassen. Ungarische und venetianische fand ich darunter; die Geschichten, die uns der Türke dazu zum Besten gab, hatten eben so viel Schauriges und Glaubwürdiges als die anderer berühmter Schlösser. Warum die türkische Regierung übrigens dieses durch eine feste Besatzung schützt, ist nicht wohl zu begreifen; zu vertheidigen ist es nicht und zu bewachen ist nicht viel.

Wir kehrten auf die Straße außerhalb der Stadtmauern zurück. Der Cypressenhain mit den Gräbern läuft unausgesetzt zur Linken neben der Straße her; dem Thore von Silivri gegenüber bogen wir in denselben ein. Es war Balikli, das griechische Kloster mit den wunderbaren Weißfischen, das wir suchten. Wie sie heute in dem Bassin herumschwimmen, so sollen sie bei der letzten Eroberung der Stadt schon geröstet einem Mönche aus der Pfanne gesprungen sein. Und warum nicht? Der Glaube ist das auf Erden allein entscheidende. Die Griechen halten die Fische und den Ort in hoher Verehrung. An einzelnen Festtagen pilgert alles Volk hierher, und selbst heute fand ich viele Fromme, die ihre Wachskerzleins über dem Becken aufsteckten und dafür von dem heiligen Wasser mit nach Hause nahmen. Die Stiege, die zu einer unterirdischen Kapelle hinabführt, war so damit begossen, daß man Gefahr lief, auf den Marmorstufen auszugleiten. Die große Kirche nebenan hat der Sultan den griechischen Christen gebaut; ich höre, daß er den katholischen einen Friedhof schenken will drüben in Asien bei Skutari. Sind das vielleicht Zeugnisse der Christenverfolgung, von der unsere Zeitungen seit den griechischen Freiheitskriegen so viel zu erzählen wissen? -- Das Innere der Kirche ist in dem überladenen Style einer verkommenen Renaissance ausgeschmückt, der gleich der steifen Haltung ihrer Bilder den Griechen religiöser Typus geworden zu sein scheint; nur daß die Pracht der früheren Mosaiken und Marmortäfelungen nunmehr durch Oelanstrich und ärmliche Vergoldung vorgestellt werden muß.

Mit vieler artiger Lebendigkeit machten zwei Geistliche unsere Führer. Auch sie waren Ueberbleibsel einer längst vergangenen Zeit mit ihren langen Bärten, wie man sie im alten Byzanz als elegante Mode getragen hatte. So sehr scheint das ein Kennzeichen des Griechen gewesen zu sein, daß sich die Venetianer einmal bei einer ihrer vielen Fehden mit den Byzantinern das Kinn scheeren ließen, um ja den verhaßten Gegnern in nichts zu gleichen. Es ist übrigens nicht blos dieses äußere Merkmal, was sich an griechischen Geistlichen aus der Vergangenheit erhalten hat. Ihr ganzes Wesen ist starr und unverändert wie der Typus ihrer Heiligenbilder, und so ist es eigentlich das ganze Volk und auch der Glaube, zu dem es sich bekennt. Mehr als von irgend einer Religion gilt von der griechischen, daß sie die eine und dieselbe geblieben sei, vor allem Volksreligion, erst in zweiter Instanz eine christliche.

Es war gleich nach den ersten Anfängen, daß sich die Griechen des Christenthums bemächtigten; das läßt die Apostelgeschichte deutlich erkennen. Die Philosophen nahmen es wie alles Neue, das sich ihrem nicht mehr schaffenden, sondern nur noch sammelnden Eifer vorstellte, unter ihre Studien auf, formten und dogmatisirten es und das Volk warf sich ihm in die Arme wie einem Tröster in seiner Armuth und Glaubenslosigkeit. Denn der feste Bund von Brüdern bot ihm Hilfe in seinen wirklichen Leiden, und das mächtige Wort von dem einen und unsichtbaren Gotte, dem einzigen, der sich ihm bisher noch nicht gefühllos gezeigt hatte, versprach ihm Belohnung durch ein anderes besseres Leben. So fest ist der Glaube in die Welt eingepflanzt, daß er nie leichter als in der Zeit völliger Glaubenslosigkeit zu erwecken ist. Immer, und das gilt von dem Einzelnen wie von den Völkern, geht aus dem Zustande des völligsten geistigen Verfalles das wärmste Gottesvertrauen hervor. Die Verfolgungen des Christenthumes, wo sich das Volk daran betheiligte, waren bei den Lateinern viel blutiger als bei den griechisch redenden Römern. Das gab dem Christenthume seine erste Gestalt, und lange ehe es Constantin zur Staatsreligion erhob und dann später das entscheidende Wort der Spaltung ausgesprochen ward, war eine griechische Kirche. Sie war schon eins mit den Sitten geworden und über den ganzen Orient verbreitet. Vielleicht war es das instinctive Errathen dieser Lage, das Constantin, als er die Stärkung seines Thrones im Christenthume suchte, bestimmte, den Sitz seiner Regierung von den sieben Hügeln der Tiber auf die des Bosporus zu verlegen. Rom war schwach und dort opferte man im Senate noch den Göttern; die deutschen Völker standen drohend gegen das Römerthum gekehrt. Was sollten ihm die Einen und die Anderen? Stärke, Reichthum und Blüthe sah er nur im Oriente, und dort war das Christenthum glänzend und herrschend durch den Einfluß des Griechenthums, dem es sich in die Arme geworfen hatte, nicht ärmlich und verachtet wie in Rom, wo es immer noch eine Religion der Dürftigen und Sclaven war. So lösen sich vielleicht die vielen Fragen und das Erstaunen, das bis zur Stunde immer noch diese ungeheure That erregt, die für Jahrhunderte den Lauf der Geschichte rückwärts gewendet und die doch kein deutliches Wort der Zeitgenossen erklärt hat.

Die Verlegung der kaiserlichen Residenz von Rom nach Byzanz mußte die Sonderstellung und die Eigenmacht der griechischen Kirche sehr fördern. Es lag das wohl nicht in den Absichten des Kaisers; aber wer den Samen streut, der erntet auch die Frucht. Wie sollten sich die Griechen, den Kaiser in ihrer Mitte, dem römischen Papste unterwerfen, sie, die selbst in den Zeiten ihres tiefsten Falles, als Sulla Athen geplündert hatte, auf die geistigen Arbeiten der Römer als auf Barbarenwerke herabsahen, und die auch später wieder sich als die Lehrer und Bildner des Christenthums rühmen durften? Denn es war in griechischen Redner-Schulen und an der griechischen Literatur, daß sich Hieronymus und Chrysostomus vorwiegend gebildet hatten. Nicht die Dogmen und die Politik schieden die beiden Kirchen zuerst, die geistige Bildung der Völker that es. Als dann die Spaltung entschieden war, vereinigten sich die griechischen Geistlichen nur um so fester mit ihren Pfarrkindern. Sie hatten nicht wie die Päpste über alle Völker der Welt zu verfügen, sie hatten nur das einzige zugleich nationale, welches ihnen zur Obsorge unterstand; von dem schied sie nichts, auch die Sprache ihres Gottesdienstes nicht. Je mehr innere Noth und äußere Feinde sie bedrängten, desto fester knüpfte sich das Band. Der griechische Geistliche wurde der Helfer gegen den feindlichen Soldaten wie gegen den einheimischen Fiskalbeamten, und als dann später ein fremder Glaube und ein fremder Stamm im Lande herrschend wurden, ward der Priester auch der Amtsträger der ehemals kaiserlichen Machtstellung und Gewalt. Allmälig ging beiden die literarische Bildung verloren, die sie einmal in so hohem Grade besessen hatten; aber da es gleichzeitig bei dem Volke und bei seiner Geistlichkeit geschah, trennte sie auch das nicht. Die griechische Kirche hat heute nichts Achtungswerthes und Anziehendes, aber auch das griechische Volk nicht, wenigstens nicht im Vergleiche mit den Mohammedanern, in dem ich sie hier beständig sehe. Indessen glaube ich nicht, daß das die Folge eines fortwirkenden Verfalles, einer stätigen Degenerirung sei; ich glaube, daß Volk und Kirche gleich bei ihren Anfängen dasselbe waren, was sie heute sind, und halte es für einen großen Irrthum, auf die entgegengesetzten Anschauungen, wie das im Abendlande zuweilen geschieht, die Hoffnung auf eine Wiedervereinigung zu gründen.

Vor den Mauern des Klosters ist ein armenischer Friedhof. Statt der Cypressen, die auf den türkischen Friedhöfen sind, stehen Platanen und Maulbeerbäume darauf. Die Grüfte sind durch große Steinplatten geschlossen. Zwei Löcher in jeder derselben sammeln das Regenwasser für die Vögel. Ein Caffegi hatte mitten unter den Gräbern seine Wirthschaft aufgeschlagen; Schalen und Pfeifen fanden wir schon für uns vorgerichtet. Nackte Kinder und wilde Hunde drängten sich zu, von dem Zuckerwerke und dem Brode zu naschen, das wir den umstehenden Händlern abkauften. Das Brod ist in großen kreisrunden Reifen gebacken, als Zöpfe geflochten, reich mit Sesam bestreut. Ich fand es gut und wohlfeil.

Der weitere Ritt um die Mauern ward immer schöner. Es kömmt eine Stelle, wo man den Hügel hinauf muß und von oben herab eine Moschee mit ihrer Kuppel und dem Minarete über die Mauern heraussieht, die ein fertiges Bild für den Maler bietet. Die Mauern sind dreifache, jede innere höher als die davorliegende; durch runde und eckige Thürme, Bogengänge und Fensternischen, und jetzt auch durch die Breschen der Zeit sind sie vielfältig unterbrochen. Nicht nur Schlingpflanzen, Jahrhundert alte Bäume haben darin Wurzel gefaßt und stehen an einzelnen Stellen so dicht, daß die Stadt und alles Mauerwerk dahinter verborgen bleibt. Ziegen, Schafe und andere Hausthiere weiden friedlich dazwischen und steigen die herabgestürzten Mauerblöcke hinauf, als seien es grüne Hügel wie die draußen im freien Lande. Ab und zu lagern ein paar Hirten, meistens kleine Buben, so daß alles zur Ländlichkeit stimmt. Der Graben vor den Mauern, der nie sehr tief gewesen sein kann, ist an einzelnen Stellen durch Gartenanlagen ausgefüllt. Der Gräberhain zur Linken der Straße zeigte dunkle, schattige Tiefen. Jeder Schritt wechselte die Bilder, und beinahe jedes verdiente die Hand eines geübten Künstlers. Ich kenne wenige Wege, welche stimmungsvoller sind, Stimmungen die traurig und düster waren, denn Gräber liegen ja rechts und links von dem Wanderer. Darüber leuchtete die Sonne des Orients, hell und warm wie sie das hier um die Mittagszeit nicht anders kann.

Die Mauer dem Hafen entlang ist nur schwach und einfach, wie denn dort auch die Stadt am öftesten erobert wurde. Ich bemerkte viele Inschriften und häufig den byzantinischen Adler, dieses sonderbare Wappen, das sich die Griechen ähnlich ihren Heiligenbildern durch Entstellung der Natur geschaffen hatten. Erstaunlich ist mir, daß bisher so Weniges von den Inschriften und Denkmälern dieser Stadt gesammelt und veröffentlicht worden ist; für die Geschichte dürfte Manches wichtig wie das zu Rom Gefundene sein. Im Augenblicke finde ich Professor Dethier, Lehrer an der österreichischen Schule, und Nordtmann, den Chronisten der Einnahme Constantinopels, mit dem Sammeln beschäftigt.

Constantinopel, den 8. Juni.

Erwartungsvoll, wie man jedem ersten Anblicke des Größten und Schönsten, dem Meere und den Alpen, der Sixtina des Rafael und der Venus von Milo gegenüber tritt, ritt ich heute hinüber nach der Sophienmoschee. „Gott hat sie gegründet, und sie wird nicht erschüttert werden; Gott wird ihr beistehen im Morgenroth!“ hat ihr Justinian in die Ziegel brennen lassen, und die Sage bestätigt, daß statt des Teufels, der sonst bei übermenschlichen Bauten geholfen, der Christengott selbst gekommen sei und den Bauplan vorgezeichnet habe. So ist von allem Anfange an eine Geschichte, ehrfurchtgebietender als die jedes anderen Baues, an diese Mauern geheftet. Es ist überhaupt bemerkenswerth wie viel von dem Leben eines Volkes in seinen Kirchen spielt; so recht ein Zeugniß für die Allgiltigkeit des Gebetes.

Man hatte mir immer erzählt, daß die Marcus-Kirche zu Venedig nur eine Wiederholung im Kleinen der großen Sophien-Kirche sei. Da ich das nun nicht fand, warf diese Ueberraschung zuerst meine Sammlung aus dem Sattel. Nichts hinderlicheres als Vorurtheile. Wäre ich unbefangen gekommen, so würde ich schnell die Grundzüge des Planes aufgenommen haben, so verlor ich damit viel Zeit. Vor der ganzen Breite des Innenraumes liegen zwei Gänge, die Vorhallen, wie sie in jenen Zeiten allen Kirchen zum Aufenthalte für die noch unwürdigen Christen nothwendig waren; der erste ist schmucklos, der zweite mit Marmor getäfelt. Aber auch dieser hat etwas Leeres und Langweiliges und beinahe Unförmliches in seiner unverhältnißmäßigen Länge, welche die Breite nicht zur Geltung kommen läßt. 16 Thüren sind die einzige künstlerische Ausschmückung und Unterbrechung der einförmigen Wände. Die Pforten mahnen durch ihre gegen oben verengte Oeffnung an ägyptische und durch die einfache Cannelirung ihrer Thürstöcke an griechische Bildung. Wirklich reicht das eine wie das andere aus jener früheren Zeit herüber und ist in Constantinopel wieder typisch feststehend geworden. An öffentlichen Gebäuden wenigstens scheinen so die Pforten hier in byzantinischer Zeit immer gestaltet worden zu sein. Wer unbefangen sieht, muß diese Form als die wohlgefälligste anerkennen, wie sie auch die natürliche ist. In den Flügeln der neun Thüren von der Vorhalle nach dem Inneren der Kirche sah ich noch das gleichschenklige griechische Kreuz in dem Erze erhalten; durch die mittlere trat ich ein. Was mich nun da am meisten überraschte, war das Fehlen jedes kirchlichen Eindruckes, und es sind nicht die Mohammedaner, die das verschulden. Außer einigen großen Schriftzügen, die sie oben in der Kuppel angeheftet, haben sie nicht viel verändert. Nein es liegt in der ursprünglichen Anlage des Baues. Bis auf die bei solchen Dimensionen verschwindende Differenz von 25 Fuß, welche die Länge mehr als die Breite mißt, ist er viereckig; der Eindruck der weihevollen Tiefe fehlt. Auch die im Verhältnisse zum Ganzen nur kleine Apsis kann den nicht geben. Sie zeigt eher wie wenig tauglich ihrem Zwecke diese Bauform ist. Ein unentbehrliches Hilfsmittel des Gottesdienstes ist sie, bei der Basilika entlehnt, ganz willkürlich der einen Flachwand des vierseitigen Kuppelraumes zugeflickt.

Zugleich mit diesem Mißbehagen fühlte ich mich enttäuscht, das Innere der Kirche nicht so groß wie den Eindruck des Aeußern zu finden. Man muß erst auf den oberen Galerien stehen und von dort herab die Menschen klein zu Pigmäen zusammenschrumpfen und über sich noch immer weit und hoch die Wölbung gehoben sehen, um den ganzen Inhalt des Raumes zu begreifen. Es ist nicht das Gefühl, das ihn findet, der Verstand muß ihn erst messen. So ist es mit allem Unmäßigen und das die Strafe für die Anmaßung; wer sich selbst erhöhet, wird erniedrigt werden! Die kleinen griechischen Tempel erscheinen anders, größer als sie wirklich sind. Und ist diese Verschiedenartigkeit der Wirkung nicht auch ein Hinweis auf die Grenzen, welche dem menschlichen Können gesteckt sind? Wo es sich bescheidet und bei dem ihm Zustehenden bleibt, da wird es das Angestrebte übertreffen; wo es das Unbändige will, gar oft nur das Mittelmäßige erreichen. Man soll wohl bei seinem Schaffen große Vorbilder haben, aber es ist unklug sie durchscheinen zu lassen. Das fordert zu nachtheiligen Vergleichungen heraus; so hier bei der Aja Sophia, wo das Vorbild des Himmelsgewölbes unverkennbar ist. Die Kuppel ist flach, sie steigt nur an ihrem Horizonte etwas auf; kein Tambour trägt sie, und kein Mittelpunkt verliert sich in entfernteres geheimnißvolles Dunkel; 40 Fenster sind in sie eingeschnitten. Vier Rundbogen, von machtvollen Pfeilern gestützt, tragen sie. Auf den Seiten sind diese Bogen ausgefüllt, nach vorne und nach hinten, dort wo die Apsis und der Eingang liegen, offen. Je eine niedrigere Halbkuppel und um diese gereiht je drei kleinere Vollkuppeln decken dort die Räume, und vier andere schwächere Pfeiler tragen diese Decken. Säulen von Verde antico, von Porphyr, Marmor und Granit helfen mit bei diesem Geschäfte in einem Ueberfluß der Dienste, denn hundert sind im unteren Raume, sechzig oben auf den Galerien vertheilt. Das Centrale des Kuppelbaues tritt in allem hervor; unter den Kernpunkt des großen Kreises ist das hauptsächliche Viereck und unter kleinere Kreise sind die Details des Nebensächlichen gelegt. Diese flache, nieder gewölbte Kuppel ist die wesentliche Erfindung der byzantinischen Kunst. Von ihr übernahmen sie die Araber, durch Gewohnheit und durch den Koran darauf vorbereitet. Ihr Wanderleben hatte keine andere Decke als das Firmament gekannt, und der Prophet ihnen gesagt: „daß Gott ihnen zum Teppiche die Erde und den Himmel zum Gewölbe ausgebreitet.“ Wo sie dann höher und enger gebildet worden, wie in Aegypten bei den Mameluken und auch in unseren sogenannten romanischen Domen, da geschah das durch eine Ausartung des ursprünglichen Gedankens.

Die oberen Wände der Aja Sophia sind mit Mosaikbildern verkleidet. An einzelnen Stellen leuchten sie unter der Tünche hervor, welche die Türken darüber gestrichen. So am deutlichsten das Muttergottesbild mit dem Kinde zwischen den Knieen auf dem Hintergrunde der Apsis. Wenn die Sonnenstrahlen darüber zittern ist es, als träte eine übernatürliche Erscheinung, so recht also das, was es vorstellen soll, aus Nebeln heraus; in dem Wechsel des Schattens und Lichtes scheint das Bild lebendig und bewegt. Die Rechte des Kindes ist aufgehoben, ich weiß nicht ob zur Drohung oder um Zeugniß zu geben; die Gestalt weiß bekleidet, die Gesichtszüge sind furchtbar ernst. Ich habe nie etwas Wirkliches gesehen, das einem Traumbilde ähnlicher gewesen wäre. So muß Christus dem Kaiser Constantin erschienen sein, nur milder, nicht so gewaltthätig drohend, ein Heiland, was er ihm ja sein wollte und ward. Mir war, als grolle er mit der erhobenen Hand und mit den großen Augen zu den Türken hinab, die dort unter der Mittelkuppel der Moschee im Kreise um einen Ausleger des Korans gereiht lagen. Nicht lauter als ferner Wellenschlag drang das Wort des fremden Lehrers zu unseren Ohren; aber es klang doch eben genug, um die Mahnung an den Wechsel der Dinge nicht zu überhören. Wäre ich Sultan, dieses Rachegespenst dürfte nicht so fortwährend vor meinen Augen bleiben.

Uebrigens muß die Wirkung dieses Bildes immer eine außerordentliche gewesen sein. Sie liegt schon in der Concipirung der übermenschlichen Gestalten. Die byzantinische Kunst hat ihre Heiligenbilder nach ganz eigenthümlichen Gesetzen gezeichnet. Sie durften nicht mehr wie die Götter der Griechen und Römer menschenähnlich sein, sie mußten eher wie die der alten Aegyptier etwas Menschenfeindliches haben. Ich glaube nicht, daß das, wie man gewöhnlich behauptet, nur Folge technischen Unvermögens gewesen, ich glaube, daß es so vom Anfang an in der Absicht gelegen. Lange hatte das Christenthum nichts als symbolische Zeichen für seinen Gott gehabt; als man es endlich wagte, sich von ihm ein körperliches Bild zu formen, suchte man es gleich von den lebenswahren Darstellungen der Heiden zu unterscheiden. Daher denn diese unmöglichen Gestalten, die eher wie Schemen zu einem erst zu erschaffenden Menschen, als wie Abbilder des fleischgewordenen Christus und seiner Mutter Maria erscheinen. Dem Volke aber stellte man sie gerade als solche -- ~vera icon~ -- vor, um ihnen größere Achtung und längere Verehrung zu sichern. Und wirklich, so wie er hier in der Aja Sophia hingezeichnet ist, lebt der Erlöser in der Phantasie jedes Griechen fort.

Es hat dieses unabänderliche Festhalten eines Götterbildes viel für sich; wie bei den Dogmen schützt es vor manchen Verirrungen. Wir sehen an den Werken einer späteren Kunstthätigkeit, daß in Griechenland und Aegypten dasselbe zur Rettung der Religion versucht ward. Und die Bestrebungen unserer Schule der Nazarener, Overbeck und Veit, wollen sie Anderes? Das Abendland, das seine Kunst von diesem religiösen Zwange emancipirt hat, müßte den ersten Bekennern des Christenthumes weit heidnischer als das heutige Morgenland erscheinen. Das Wesentliche dabei ist, daß das Heidenthum tief dem menschlichen Fleische eingeboren ist, und daß alle Völker, die hochgebildeten Aegyptier wie die wilden Indianer in Mexiko, mit dem Glauben an den einen Gott begonnen und mit der Vielgötterei geendigt haben; eine Entwicklung, der überall die religiösen Bilder behilflich waren. Das christliche Constantinopel hatte einen Cultus der Vielgötterei so ausschweifend, als ihn nur Rom in den Tagen seiner tiefsten Verkommenheit gehabt. Nicht genug, daß eine wegweisende und eine stadtbeschützende Mutter Gottes und jede mit ihrem besonderen Publicum und ihren eigenthümlichen Wunderthaten da war, man verehrte auch Götterbilder aus der früheren Zeit des Heidenthumes. Die Statue des Glückes der Stadt stand in mannigfaltigen Abbildungen auf den öffentlichen Plätzen, bewahrt und mißhandelt von dem Aberglauben der Bürger, je nachdem sie sich ihren Schicksalen günstig oder ungünstig zeigte. So fest haftete die alte Gewohnheit, daß noch im 15. Jahrhundert ein ausgezeichneter Bürger ~diis divus~, göttlich unter den Göttern, genannt ward. Der Stein, der diese Inschrift trägt, ist mit der Jahreszahl 1446 an einem Thore von Galata eingemauert.

Kann man solchen Beispielen gegenüber das Verbot, welches der Koran gegen die Bilder gesetzt hat, tadeln und es unverzeihlich finden, daß die Türken die Mosaikbilder der Aja Sophia übertüncht haben? Gewiß, diese Enthaltsamkeit ist ihnen kein geringeres Opfer, als es uns das wäre, die vier Wände unserer Stuben nackt und bilderlos zu lassen.