Part 17
Ich habe diese letzten Tage ausschließlich zu dem Studium der Baumwollcultur verwendet, die in der Türkei jetzt vorwiegend die Hände und Interessen beschäftigt. Im weiten Umkreise, bis nach Ismid hin, durchzog ich das Land, um auf den Feldern selbst zu prüfen, wie die Erfolge, von denen man mir erzählte, möglich geworden. Da überraschte mich zuerst die Gestalt der Pflanze, weil, wie so oft, ein Mißbrauch unserer Sprache eine irrthümliche Vorstellung in mir festgesetzt hatte. Von Baum sollte nicht die Rede sein, denn das, was die vielbegehrte Wolle spendet, ist eine Staude, nicht mehr und nichts Größeres.
Die nächste Ueberraschung war die Arbeit der Bauern, die ich eifrig und sogar beim Gebrauche der Maschinen geschickt fand. Die Einführung dieser Maschinen soll beinahe überall, wenigstens an den Seeküsten, wo der Transport nicht zu kostspielig, leicht und schnell gegangen sein, erzählen Missude Bey und die Engländer, junge Söhne von Liverpooler Handlungshäusern, welche sich hier um die Baumwollcultur besonders verdient gemacht haben. Nothwendig war nur, daß sie die Maschinen, welche ihnen englische Dampfer gebracht hatten, auf ihren Zimmern zusammensetzten und zuerst selbst bei dem Handwerke erprobten. Schon am ersten Tage meldeten sich dann Bauern mit dem Antrage, ihnen die neuen Werkzeuge gegen Abschlagszahlungen zu überlassen. Und auch der große Haufe habe bald die Vortheile der Neuerung begriffen. Nicht in England und nicht in Amerika würde diese Einsicht und diese Uebung so schnell gekommen sein, behaupten diese Engländer, die in allen drei Welttheilen gelebt und gearbeitet haben. Der türkische Bauer sei unter den Factoren, welche bei der Einführung dieser Cultur behilflich sein müssen, der bereitwilligste und anstelligste; zögernd nur vor dem ersten Versuche, überrede ihn zu diesem am leichtesten das Beispiel; einmal sein Glaube gewonnen, fehle auch sein Wille nicht lange. So wollen es diese Geschäftsmänner eher mit dem hiesigen als mit dem Bauer ihrer Heimath zu thun haben.
Die Geschichte der kleinasiatischen Baumwollcultur gleicht in sehr vielem der des Landes selbst. Wie diese ist auch sie ein fortwährendes Auf und Nieder von weltbeherrschender Blüthe zum Verfalle in beinahe völlige Vergessenheit. Zwei-, dreimal im Laufe der Jahrtausende standen die kleinasiatischen Staaten allen anderen voran, und ihre Schicksale schienen die der Welt zu sein. Dazwischen liegen lange Perioden der Verwüstung und Unbedeutendheit, wo kaum ihre Ruinen übrig blieben. Und ähnlich so ist das, was heute der Baumwollpflanze hier wird, die Wiederholung einer glänzenden Rolle, die sie schon einige Male nach Zwischenfällen völliger Vernachlässigung auf diesen Feldern gespielt hat.
Die Heimath der Baumwolle ist vielleicht für die Production der ganzen Welt, jedenfalls aber für die kleinasiatische, Indien. Dort, so erzählt zuerst Herodot, trugen schon zur Zeit, als Indier dem ersten Darius Tribut brachten, also ungefähr um das Jahr 523 v. Chr., die wilden Bäume als Frucht eine Wolle, die an Feinheit und Güte weit über die Schafwolle kam; wie denn auch die Indier von diesen Bäumen ihre Kleider hatten. Daß Herodot hiebei unterläßt, diese Neuigkeit durch eine Hindeutung als auf etwas seinen Landsleuten auch schon Bekanntes zu erläutern, beweist, daß auch später noch, da er schrieb, 450 Jahre v. Chr., die Baumwollenstaude und das Gewebe daraus in Griechenland und Kleinasien unbekannt gewesen sein müsse. Der Handel hat also den Griechen die feinen indischen Stoffe, welche dann ebenso wie heute als etwas Außerordentliches geschätzt wurden, erst in verhältnißmäßig neuer Zeit zugeführt. Indische Schiffe brachten sie nach dem Hafen Moscha, dem heutigen Maskat auf der arabischen Küste, und phönicische Kaufleute weiter nach den kleinasiatischen, ägyptischen und europäischen Märkten. Den Geweben wird, da sie erst einmal diese große Nachfrage gefunden hatten, die Pflanze und die Productionsmethode bald nachgefolgt und so die Baumwollencultur in Kleinasien heimisch geworden sein. Babylon, das im Alterthume die größten und geschicktesten Webereien hatte, lieferte der ganzen damaligen Welt Baumwollenstoffe und realisirte dabei Gewinne, welche die Phönicier, die ursprünglich nur den Handel besorgt hatten, auf den Gedanken brachten, in ihren syrischen Küstenstädten die Production selbst nachzuahmen. Später, besonders in der Glanzzeit des römischen Luxus, war die Insel Kos um ihrer feinen Baumwollengewebe berühmt.
Im byzantinischen Constantinopel bestanden förmliche Baumwollenfabriken und andere in den griechischen Küstenstädten des mittelländischen und des schwarzen Meeres. Wo im Innern des Landes diese Production den Kriegen erlegen war, da frischten sie die Araber wieder auf; die bauten, spannen, woben und färbten die Baumwolle noch fleißiger als die Griechen, und suchten ihren Anbau nach Spanien, Sicilien und Italien zu verpflanzen. Aber auch diese Blüthe zerstörten wieder Kriege, die blutigen, langen, welche Europa und Asien um den Glauben und die Weltherrschaft kämpften. Doch muß im vorigen Jahrhundert noch so viel davon übrig gewesen sein, daß der Orient außer seinem eigenen Bedarf, den bedeutendsten Theil der damals freilich sehr kleinen Nachfrage der europäischen Industrie mit seiner Baumwollenproduction decken konnte. 1784 wurde sogar aus Smyrna der Same zu der heute weltüberschwemmenden Produktion nach Amerika gebracht.
Völlig ausgerottet, oder doch beinahe so gut als das, hat erst das laufende Jahrhundert die Baumwollstaude aus dem hiesigen Boden. Nur an wenigen Orten erhielt sich kümmerlich eine dürftige Production, um der inländischen Manufactur den Rohstoff zu liefern, und auch an diesen nur so lange, bis die englischen Garne erschienen, und mit ihren wohlfeileren Preisen die türkischen Spinnereien zu Grunde richteten. So z. B. in Syrien, wo vor zwanzig Jahren die Baumwollcultur mehr als 2 Millionen Pfunde Rohstoff producirte und sie die jüngsten Wiederbelebungsversuche von der englischen Einfuhr erdrückt, auf eine Production von nicht 700.000 Pfunden herabgesunken fanden. In anderen Theilen Kleinasiens überlebte nicht einmal so viel den Verfall, ja kaum die Erinnerung an die Möglichkeit in diesem Boden die Pflanze zu erziehen; daß einmal hier die Baumwolle geblüht und reiche Frucht getragen, war aus dem Gedächtnisse der meisten Menschen entschwunden. Unglauben und Zweifel antworteten daher den Vorschlägen, welche beim Ausbruche der Baumwollkrisis auch auf Kleinasien als auf einen möglichen Helfer wiesen.
Unter den rührigsten, welche so riethen, war Missude Bey, von Geburt ein Belgier, durch dienstlichen und religiösen Verband aber ein Türke. Schon zur Zeit der ersten Londoner Industrie-Ausstellung, der er als türkischer Regierungscommissär beigewohnt, hatte er in einer ausführlichen Rede den Liverpoolern die Wahrscheinlichkeit eines Ausbleibens der amerikanischen Baumwolllieferungen und die Möglichkeit, für diesen Fall einen Ersatz in den türkischen Ländern vorzubereiten, vorgehalten; damals ohne jede Theilnahme. Ein ganzes Decennium später, da er eben in Bagdad mit der Einführung der Dampfschifffahrt auf dem Euphrat beschäftigt war, schickten ihm einige Engländer, die sich an seine prophetischen Rathschläge erinnerten, das Anerbieten nach, dem englischen Publicum dieselben noch einmal vorzutragen. Die türkische Regierung bewilligte ihm den Urlaub, ernannte ihn sogar förmlich zu ihrem Bevollmächtigten in dieser Sache. In Liverpool hatte Missude Bey nichts zu thun, als seine frühere Rede vorzulesen, an seine Prophezeiung zu erinnern und den Antrag zu wiederholen: es solle sich eine eigene Gesellschaft bilden, um den Anbau der Baumwollstaude in den türkischen Ländern anzuregen, und den Einkauf und die Ausfuhr des türkischen Productes als kaufmännisches Geschäft im Großen zu betreiben. Im Namen der türkischen Regierung konnte er deren eifrige Unterstützung versprechen. Eine Stunde nach dem Schlusse seiner Rede war eine solche Gesellschaft gebildet und das Unternehmen durch die Subscriptionen verwirklicht. Jede Actie zahlt nur so viel von ihrem Nominalwerthe ein, als der Betrieb des Geschäftes erfordert. Das war bis jetzt so wenig und der Ertrag des Unternehmens ein so reichlicher, daß die bisherigen Einzahlungen den Actionären bald durch die Superdividenden zurück erstattet sein werden. Missude Bey wurde zu einem der Bevollmächtigten der Gesellschaft ernannt; Andere wurden aus England gesandt, meistens junge Leute, die sich früher in Amerika bei demselben Geschäfte umgethan hatten.
Die türkische Regierung blieb dabei nicht gleichgiltig. Rasch und ohne die erste Kraft des Entschlusses in dem Scheindienste büreaukratischer Begutachtungen zu erschöpfen, mehr durch individuelle Initiative ordnete sie ein ganzes System zusammengreifender Maßregeln an, die alle Organe der Verwaltung in derselben Richtung thätig und alle Stadien der Production begünstigt sein lassen.
Sie gewährte jenen Grundstücken, die früher brach gelegen und künftig zum Baumwollbau verwendet werden, für die fünf ersten Jahre ihrer neuen Cultur Freiheit von der Grundsteuer.
Sie überläßt den ihr eigenthümlichen Boden der unentgeltlichen Benutzung zur Baumwollproduction.
Sie verwandelt bei dem zum Baumwollbau verwendeten Boden den Zehenten, welchen er bisher vom Ertrage hatte abgeben müssen, in eine feste Grundsteuer, welche dem räumlichen Umfange des Feldes nach seinem Durchschnittserträgniß der letzten sechs Jahre zugemessen wird, und verspricht diesem Zugeständnis eine zehnjährige Dauer.
Sie vertheilte 90.000 Okas, das sind 205.625 Pfunde Baumwollsamen gratis unter das Landvolk.
Sie ließ in allen üblichen Landessprachen Broschüren schreiben, drucken und unter das Volk ausstreuen, um Belehrung über die Baumwollcultur, die Wahl des dazu tauglichen Bodens, die Bestellung der Felder, der Aussaat, die Pflege der Pflanze, über die Ernte und den Gebrauch der Maschinen zu verbreiten.
Sie selbst ließ Maschinen als Modelle für die Ackerbauer und die Fabrikanten kommen, und die, welche die Privaten einführen, befreit sie von jeder Zollpflichtigkeit.
Sie reducirt den Ausgangszoll der jetzt so sehr verfeinerten Baumwolle auf den Werth der früher viel weniger guten und auch diese Gewährung mit zehnjähriger Giltigkeit.
Sie hat endlich an allen Hauptproductionsorten Commissionen aus Eingebornen und Fremden mit dem Auftrage eingesetzt, die wirksamsten Mittel zur Förderung der Baumwollcultur zu finden und vorzuschlagen.
So haben sich staatliche und privatliche Bemühungen die Hände gereicht. Ihren Erfolg erzählt das letzte Capitel der Geschichte kleinasiatischer Baumwollcultur mit den Zahlen, die ich hier im Folgenden gebe:
1861, wo nach langem Winterschlafe die ersten Wiederbelebungsversuche gemacht wurden, betrug die türkische Baumwollproduction nicht mehr als 171.000 Ctr. im Werthe von ungefähr 1,300.000 Pfd. Sterling. 1863 brachte sie schon 890.000 Ctr., und in diesem Jahre 1864 erwartet man wenigstens 2,000.000 Ctr. und blos für die Ausfuhr einen Werth von 15 Mill. Pfd. Sterl. In diesen summarischen Zahlen steht unter den einzelnen Posten die Ausfuhr von Smyrna als der überraschendste Erfolg da; 1860 nicht mehr als 42.750 Ctr., war sie 1863 300.000 Ctr. und wird sie in diesem Jahre 500.000 Ctr. im Werthe von 4 Mill. Pfd. Sterl. sein. In Macedonien bestand 1861 keine Production; 1863 führte sein Hafen Salonik 125.468 Ctr. und der andere, Kawala, 13.784 Centner Baumwolle aus. Ebenso bedeutend ist die Entwickelung in Syrien. Nur in Rhodus, dessen Erde die ersten Versuche der ~Cotton supply association~ als sehr geeignet zur Baumwollproduction erwiesen hatten, verfällt sie, weil Hände zu ihrer Bestellung fehlen.
Die Productionszahlen der Jahre 1861 und 1864 nebeneinander gestellt, 171.000 Ctr. Baumwolle neben 2 Millionen Ctr., zeigt das einen Fortschritt, der in drei Jahren die Production verzwanzigfacht hat, und der seines Gleichen nur bei der ägyptischen Baumwollproduction findet, die 1860 für 2,770.000 Francs, 1863 für 234 Mill. Frcs. und in diesem Jahre für wenigstens 400 Mill. Frcs. ausführt, denn selbst Amerika, das Land der Sieben-Meilenstiefel, kann nichts Aehnliches daneben setzen.
Auch in Oesterreich nahm die Regierung die Einführung der Baumwollproduction unter ihre Pläne auf. Bis heute sind aber im Banate und in Dalmatien nur jene Stauden gepflanzt worden, durch welche versuchsweise die Tauglichkeit des Bodens und des Klimas bewiesen worden ist. Desto ansehnlicher sind die Resultate, welche durch diese Proben für die Archive erreicht wurden; Handelskammern, Bezirksämter und Statthaltereien haben ihnen und den Aktenwürmern mit „erleuchteten Gutachten“ und „gefälligen Meinungsäußerungen“ ein reichliches Futter geliefert. Ueber die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, die Nützlichkeit oder Schädlichkeit einer dalmatinischen Baumwollcultur sind alle Zweifel gehört und entschieden worden. Daß dem armen Dalmatiner damit eine neue Erwerbs-, dem Staate eine neue Steuerquelle flüssig gemacht werden könne, gestanden die meisten Federn zu; aber gethan ist darum nichts worden. Jedes Jahr schloß mit der Ausrede ab, daß es zu spät war, um mit der Ausführung der Absichten zu beginnen. Das muß überall so sein, wo statt der Willenskraft eines egoistischen Interesses die Uneigennützigkeit einer Maschine eingestellt ist. In der Türkei ist das Räderwerk nicht immer so gut geschmiert, auch nicht so künstlich construirt wie bei uns und es bleibt mehr dem Willen und der Einsicht des Leitenden überlassen, so daß, wenn dieser faul ist, allerdings überhaupt nichts geschieht, aber auch das allgemeine Interesse nicht durch das geistlose Weiterarbeiten rein mechanischer Kräfte geschädigt wird; wenn aber der Machtbegabte geistig stark und willenskräftig ist, dann werden auch die staatlichen Dinge mit jener ausschließlichen Rücksichtnahme auf praktische Vortheile gethan, welche sonst nur den Bestrebungen des Privatlebens eigen ist. Unsere Amtsleute halten indeß immer die Theile in der Hand, lassen auch nicht ab sie zu kutschiren, es fehlt ihnen leider nur oft das geistige Band.
Ich will übrigens nicht behaupten, daß der Verlust, der Oesterreich durch diese Verzögerung wird, ein sehr schwerer sei, weil ich nicht daran glaube, daß die Baumwolle in Oesterreich eine glückliche Heimath finden werde. Ich wollte nur an einem Beispiele zeigen, wie unsere officiellen Schreibstuben die Volkswirthschaft betreiben, und wie nicht alles Türkische schlechter als das Europäische sei. Wer so wie ich eben erst von dorten kömmt, die Mängel der Heimath immer erkannt und auch noch frisch im Gedächtnisse hat, so daß er nicht den selbst erfundenen Maßstab eingebildeter Vollkommenheit mitbringt, der wird gewöhnlich dieses günstigere Urtheil für die fremden Dinge haben. Mir will es scheinen, daß er damit nicht nur der Billigkeit, sondern auch der Wahrheit näher stehe als diejenigen, welche bei ihrer Kritik die längere Bekanntschaft der Dinge ihm voraus, aber vielleicht auch den Nachtheil haben, die Uebelstände ihrer ehemaligen Heimath zu vergessen, und alles was hinter ihnen liegt als rosige Felder des Blühens und Gedeihens zu betrachten. Dazu neigt die Natur des Menschen. Mit der Gegenwart immer unzufrieden und auch von der Hoffnung nur selten völlig getröstet, weil selbst der Leichtsinnigste die Zweifel der Ungewißheit nicht ganz überwindet, vergoldet er sich die Erinnerung um so verschwenderischer, damit er wenigstens ein Feld habe, sich Blumen für die steinige Wanderung des Lebens zu pflücken. Denn selbst das Unangenehme, das ihm dort erzählt wird, klingt eben, weil es von dem Siegerbewußtsein des Ueberstandenen begleitet ist, versöhnlich und trostreich. Die Wehmuth, und sie ist ja dieses schmerzliche Fühlen der Erinnerung, wird die blasse Rose in diesem Blumenstrauße, die weit aufgeblüht und dem Entblättern nahe immer noch sticht aber auch durch balsamisch lindernden Wohlgeruch heilt.
Ich mußte meine europäischen Landsleute, die hier in den Diensten der Türkei leben, an die vielen Unerträglichkeiten ihrer früheren Vaterländer erinnern, und wie sie ja gerade durch den Kampf mit diesen in das Exil getrieben worden seien, um ihr Urtheil über die türkische Regierung gerechter und ihre Klagen über das Traurige ihrer Lage weniger unzufrieden zu machen. Es war das große Wort des großen deutschen Dichters Franz Bacherl, den ich blos um dieses Einen willen unter die Ersten unseres Stammes reihe, das ich ihnen zurief:
Ja! So sind sie! So ist ihr Verlangen! Was sie wirklich schon haben, das wollen sie nicht; Was sie dünkelhaft wollen, das haben sie nicht!
Wie ein Donnerschlag hatte mich das einmal aus der heiteren Komik einer Trauerspielsvorstellung des Münchener Schweiger-Theaters geweckt, als Thusnelda mit hochtragischem Pathos diesen Vorwurf dem Häuptlinge Narisko, dem Repräsentanten der Deutschen, entgegenschleuderte, und seitdem klingt er mir aller Orten wieder, ähnlich den Sprüchen der sieben Weltweisen, welche die Griechen ja auch überall hin mit sich trugen. Dieselben Männer, welche sich in Europa nicht mit dem Zuviel des Regierens vertragen hatten, klagen hier über das Zuwenig, über den Mangel des Eingreifens und der Hilfe. Indessen scheint leider wirklich das alte Lied, wo es auch hier über den kleinlichen Sinn, den nationalökonomischen Unverstand der Bureaux jammert, nicht immer ganz im Unrechte zu sein. So soll die Regierung z. B. nicht zu bewegen sein, derjenigen Baumwolle, welche zur weiteren Ausfuhr durch Dampfpreßmaschinen zusammengedrückt werden muß, weil die englischen Dampfer der Raumersparniß wegen sie nur in diesem verminderten Volumen aufnehmen, die zollfreie Ausschiffung im Hafen von Constantinopel, wo diese Maschinen aufgestellt sind, zu gestatten.
In nationalökonomischen Dingen mehr als in allen anderen ist zu wirklichen Erfolgen ein oberster, leitender Grundsatz Bedingung. Um seinen Kern muß sich die ganze Politik krystallisiren, so daß er allem Ursprung, daß seiner Rücksicht jede andere untergeordnet werde. Es ist das keine zu herrische Forderung, weil zuletzt doch nur auf der wohlbestellten Wirthschaft das Haus und die Familie sicher steht. Die absolute Monarchie ist zumeist darum der Geduld der Völker unerträglich und der Zukunft der Staaten unmöglich geworden, weil sie es versäumt hat, ihre Wirthschaft durch ein solches Princip leiten, Ordnung durch dasselbe in ihren Haushalt und Zweckmäßigkeit in ihre Politik bringen zu lassen. An den nationalökonomischen Irrthümern geht eine Staatsform nach der anderen unter, soweit wir in der Geschichte zurückschauen können. Taucht die demokratische aus diesen Trümmern immer am öftesten und mächtigsten wieder hervor, so ist das, weil in ihr vermöge ihrer vielköpfigen Bildung ein Vergessen und Verläugnen der volkswirthschaftlichen Interessen schwerer als in jeder anderen ist. Die Nationalökonomie duldet eben wie der Magen kein Verkennen der angeborenen Rechte; sie verlangt Nahrung und die richtige, damit der Körper des Staates und des Volkes lebe.
Daß die türkische Regierung solche Forderungen nicht immer genügend befriedige, haben Andere und hat sie selbst erkannt, und hat sie darum auch einige der Rathschläge, welche ihr verschieden von Engländern und Franzosen, als Leitsterne ihrer wirthschaftlichen Politik, gegeben wurden, versucht, aber immer mit dem übelsten Erfolge. Natürlich, denn nichts als fremder Eigennutz hatte sie gerathen. Das hat die Türken mißtrauisch gemacht, und nicht zu ihrem Nachtheile. Der Europäer glaubt den Türken sein geborenes Opfer. Bei sich selbst sollen die Türken das Princip ihrer Politik suchen. Der Entschluß, der aus der eigenen Erfahrung aufwächst, ist immer der nutzbringendste, und gerade die letzten Erfahrungen bei der Baumwollcultur sind dazu geeignet, einem solchen als Material zu dienen. Sowohl die überraschenden Erfolge, als die Maßregeln, wodurch sie errungen worden, aber auch die Klagen, welche die Producenten und die Handelsleute immer noch erheben, weisen die Wege. Was erreicht, was angeordnet worden und was begehrt wird, liegt alles in der Richtung der Rohproduction, und dort liegt auch der Keim der Kräftigung und der nächsten Zukunft der Türkei. Diesen Gedanken wird die türkische Regierung zum Principe aller ihrer Handlungen erheben, ihm in der äußeren wie in der inneren Politik alle anderen Absichten unterordnen müssen. Ist das einmal klar verstanden, dann werden sich von selbst die Aenderungen anmelden, die in allen Zweigen der Verwaltung nothwendig sind. Der türkische Volksgeist wird sie bald verträglicher erkennen mit den Grundlagen seines Glaubens, als dieses die Unformen Mahmud’s und seiner im Respecte vor allem Europäischen erzogenen Nachfolger waren. Die Pflege des Ackerbaues, der Viehzucht und des Handels, überhaupt der Production, liegt so sehr im Willen des Korans, den ja ein Kaufmann gegeben hat, daß kaum von irgend einer Maßregel, welche die Wirthschaft des Volkes zu unterstützen beabsichtigt, Widerspruch gegen die Lehre der Religion zu befürchten ist.