Ein Sommer im Orient

Part 16

Chapter 163,711 wordsPublic domain

Für den Nachmittag hatte uns unser Consul, Herr Falkeisen, zu einem Feste geladen, das er in seinen Gärten und Kellern auf dem Schloßberge gab. Diese sind natürliche Grotten, wie sie den ganzen Olymp durchwühlen. Einige derselben hat das Erdbeben verschüttet und die Fässer darinnen zertrümmert. Ein riesiger Felsblock, der aus der Wölbung sich losgelöst, hält eine Höhle so fest verschlossen, daß Herr Falkeisen dort heute noch nicht nach dem Schicksale seiner Weine forschen konnte. Vielleicht öffnen erst spätere Jahrhunderte dieses Grab, und finden statt eines wartenden Kyffhäuser diesen anderen auch vergessenen aber saftvoll gebliebenen Geist. Der Schaden war für Herrn Falkeisen ein bedeutender gewesen; zu dem Verluste des Weines kam auch die Auslage, neue Keller graben, die verschütteten ausputzen, vergrößern und stützen zu lassen. Das Ganze dieser Gänge bildet ein kleines Labyrinth, in dem wenigstens Anfangs ein Zurechtfinden ohne Führer unmöglich ist. Er hatte es uns zu Ehren beleuchten lassen, und die tiefe Perspective der sich verlierenden Lichter gab gleich auf den ersten Blick einen Begriff von der Größe dieser Keller, die die Natur ihrem edelsten Bodenproducte selbst geformt hat.

Die Weine, welche uns zu kosten gegeben wurden, glichen bis zur Möglichkeit der Verwechslung denen der Mosel- und Rheingegenden. Das ist ein Erfolg der Weinbau- und Kellerzucht des Herrn Falkeisen. Als ich bei einem, der mir dadurch besonders auffiel, mein Erstaunen laut äußerte, rief eine Stimme aus dem Dunkel neben mir: „Ach, Herr Jeses, Sie müssen ja ein Rheinländer sein; Sie reden gerade so!“ „Nun, Sie können auch nicht weit weg von Freiburg sein?“ frug ich zurück. Und so war es. Der Bursche, eine struppige und etwas verwilderte Gestalt, ist von Herrn Falkeisen vor 14 Jahren aus dem Breisgau hierher als Kellermeister verpflanzt worden. In der langen Zeit ist er nicht in seine Heimath zurückgekommen, und auch von seinen Landsleuten hat er hier nicht viel gesehen; seine Freude in mir einen zu finden, war daher unbändig, so recht wie jedes Gefühl, das zehn Jahre lang gehungert hat. In einiger Entfernung bleibt er mein steter Begleiter, und hält, die Hände über dem Bauche zusammengefaltet, die Blicke halb glückselig und halb melancholisch unverwandt nach mir gerichtet. Sein lange nicht mehr gekämmtes Haar steht ihm dazu sonderbar zu Berge. Ich erzählte ihm von der deutschen Heimath was ich weiß und auf der Höhe seines Begriffsvermögens vermuthe, und hielt ihm dann die Predigt gegen das Laster des Trunkes, welche Herr Falkeisen für ihn begehrt hatte. Vergebene Mühe! Wie sollen auch Worte Leidenschaften zähmen, wenn die nur eine Nacht alten Entschlüsse schon am nächsten Morgen wieder derselben Versuchung unterliegen! Dann war auch seine Philosophie nicht ohne Gründe, die er den meinigen entgegenstellte. Er suchte Vergessenheit, Vergessenheit der Gegenwart und der Vergangenheit, die ihm beide unerträglich sind, weil die eine besser als die andere war. Die abendliche Wirthshauspfeife, das Bierglas, das Kartenspiel und die anderen edlen Vergnügungen, die alle diesen uncivilisirten Ländern der Türkei fehlen, hat ihm nichts ersetzt. Wer in der Gegenwart nichts hat, von der Zukunft wenig hofft, dem gibt auch die Erinnerung meistens nur Stiche. Da ist denn Vergessen seiner selbst allerdings der einzige Trost.

Ohne Badenser oder Schweizer fand ich übrigens noch keinen Winkel der Welt; das verräth die große Rührigkeit dieser zwei kleinen Völkchen. Ihren Namen und ihr Geld tragen sie hin, wo nur irgend etwas zu erwerben ist.

Die jährliche Weinproduction von Brussa soll ungefähr 140.000 Pfunde, das sind etwas über 100.000 Flaschen, betragen. Zur weiteren Ausfuhr verkäuflich ist davon nur das, was Herr Falkeisen producirt. Daß von dem Reste, bei so außerordentlichen Begünstigungen wie sie das Klima und der Boden hier bieten, so wenig ausgeführt wird, liegt zum Theile in dem Verschulden der hiesigen Production, ebenso aber auch in der Abneigung der auswärtigen Consumtion. Die türkische Weincultur ist wenig sorgsam. Man läßt die Reben flach über den Boden wie Unkräuter kriechen und keltert die verschiedensten Trauben in demselben Fasse zusammen. Indeß auch wenn diese Zucht verbessert wird, glaube ich nicht, daß türkische Weine, so lange unser Geschmack so bleibt wie er heute ist, starken Absatz auf den europäischen Märkten finden werden. Darum hätte ich auch kaum den Muth, der Regierung besondere Bemühungen zur Hebung der Weinproduction anzurathen. Man könnte da die Staats- und Privatcassen zu großen Ausgaben verführen, die schließlich nutzlos verschwendet erschienen. Sicherer glaube ich die Hoffnung, wenn die Capitalien zu dem Zwecke der Rosinenerzeugung angelegt sind, wie das viel auf den Inseln des Archipel geschieht. Smyrna führte davon Millionen aus.

Wein baut die Türkei den meisten auf Lemnos (1,260.000 Pfunde, das sind 12.000 Eimer), auf Tenedos, der Küste von Smyrna, auf Candia und den besten auf Cypern (21.000 Eimer). Weitere Ausfuhr hat nur dieser letztere und der seit den letzten Jahren auch in sinkenden Quantitäten. Dasselbe Hinderniß, das ich überhaupt der Ausfuhr türkischer Weine entgegenstehend finde, der andere Geschmack des Auslandes, dem sie zu süß sind, hemmt auch diesen.

Brussa, den 31. Mai.

Schon an einem der ersten Tage nach meiner Ankunft besuchte ich die Moschee Emir Sultans im Osten vor der Stadt, auch wie die Mohammed I. und Bajasid Ilderim’s beherrschend auf einem Hügel gelegen, mit der Aussicht in das fruchtbare Land und das Grab des Fürsten der Heiligen bei ihr in dem weiten Vorhofe. Djami und Türbe sind schön übrigens nur aus der Entfernung; in der Nähe, wo die täuschenden Schleier schwinden, zeigen sie sich als morsche Holzbauten in den verschnörkelten Formen des vorigen Jahrhunderts. Selim III. hat das verschuldet, nachdem ein Brand das frühere Denkmal vernichtet hatte. Das Erdbeben und die Zeit sind seitdem bemüht, bald wieder dasselbe zu erreichen. Emir Sultan ist einer der gefeiertsten Heiligen des Islam und seine Grabstätte einer der besuchtesten Wallfahrtsorte der Mohammedaner. Lebendig und todt ist seine Geschichte mit Wundern durchflochten, wie nur die eines unserer abenteuerlichsten Heiligen. Ein Perser und schlichter Derwisch, proclamirte ihn eine geheimnißvolle Stimme aus der Kaaba als den ersten aller Heiligen, und er wies aus seinem Grabe so wieder Sultan Selim I. zur Eroberung von Aegypten an. Wie der Stern die heiligen drei Könige nach Bethlehem, so führte diesen eine vorausschwebende Lampe nach Brussa. Um aller dieser Wunder willen achtet das Volk diesen Heiligen bis weit in die persischen Berge hinein und zeichneten ihn die Sultane durch die zweimalige Erbauung dieser weitläufigen Djami aus.

Als ich aus ihrem Harem heraustrat, erregte ein Bettler meine Aufmerksamkeit durch die Melodie, welche er auf einer kleinen Querpfeife spielte. Sie klingt als wolle sie einen Marsch vorstellen, aber so sonderbar, so durchaus originell, daß ich sie durch keinen Vergleich mit denen in Europa gehörten begreiflich machen kann. Am ersten erkläre ich sie noch, wenn ich sie wie die Begleitung zu dem Gange des Kameeles, zu dem Schleichen der Karavanen schildere, ebenso gleichförmig, ebenso melancholisch und doch auch so ganz das Gemüth erschütternd. Das ist mir gewiß, Meyerbeer hätte um den einen Effect dieser Melodie eine ganze Oper geschlungen, und wenige Wochen nach der ersten Pariser Ausführung das Clavier den Marsch des Bettlers von Brussa bis zu den amerikanischen Hinterwäldern getrommelt.

Der Mann saß auf seinen untergeschlagenen Beinen zusammengekauert unter den niederen Zweigen eines blühenden Rosenbusches. In sich gekehrt und der Welt abgewandt, hatte er keinen Blick und keinen Dank für das Almosen, das ich in die blecherne Schüssel neben ihm warf. Ich glaubte ihn blind. Nachdem ich eine Weile zugehört, griff ich, eine Rose zur Erinnerung an den Spieler und seine Melodie zu bewahren, in den Busch, der sich über und um ihn wölbte. Da erst rührte er sich und blickte mit einem Auge, dunkelschwarz, von zündender Blitzeskraft in das meine, daß ich unwillkürlich vor der Berührung zurückwich. Es war nur die Wirkung und die Dauer eines Augenblickes, vielleicht das Aufleuchten einer ehemals herrischen, nunmehr unterworfenen Leidenschaft. Schnell, wie sie geglüht, erlosch ihre Flamme, und das Auge schaute wieder ruhig und ernst, beinahe traurig wie der einsame Bergsee, der noch die letzten Wolken eines überstandenen Gewitters widerspiegelt. So hatte sich mir gleich der Eindruck des ganzen Mannes eingeprägt. Ich brach die Rose dann unbefangen.

Seitdem traf ich ihn täglich wenigstens einmal wieder; an heiter bevölkerten oder an still abgelegenen Orten, überall begegnete mir die etwas gebeugte Gestalt im alten grünen Kaftan, einen bunten Turban um den Kopf, und klingt mir das sonderbare Lied mit den nicht eigentlich klagenden und doch so wehmuthsvoll stimmenden Tönen entgegen. Sie ist wie die Erscheinung des grauen Bettlers in Raimund’s tiefsinnigem Verschwender, die abmahnend den leichtfertigen Flottwell durch die fünf Acte seines wechselvollen Lebens begleitet. Schon als Knabe, da ich das Zauberspiel zum ersten Male sah, hatte mich diese verkörperte Mahnung einer schützenden Geisterwelt mit ihrem immer wiederkehrenden so einfachen, aber rührenden Liede ungewöhnlich erschüttert, und nun führt mir hier die Wirklichkeit Aehnliches zu. So gleich sind sich beide Eindrücke, der heutige und der von damals her bewahrte, daß ich zuletzt die fortwährende Wiederkehr des türkischen Bettlers nicht mehr ohne ein geheimes Grauen sehen konnte. Wollte auch er mich mahnen? Bin auch ich der Warnung bedürftig? Das wirkliche Leben wiederholt so oft, was die Phantasie vorahnend im Traume schon erlebt hat.

Heute Morgens, da ich vor der Abreise noch einmal meinen Lieblingsweg nach den Granatblüthen von Tschekirdsche gehen wollte, fand ich den Bettler neben einem Brunnen, der an der Straße unter einer überhängenden Hecke sein kühles Wasser gibt und mit verblaßter Goldschrift dem Wanderer Allah’s Segen für seinen Trunk und seine Wege verspricht. Die schwachen Töne der Pfeife, die wieder dieselben waren, berührten mich dieses Mal noch empfindlicher. Ich mußte wissen, was ihre Bedeutung sei: Leichter, als ich besorgt, brachte ich den Mann zum Reden, und bald auch dazu, seine Geschichte zu erzählen. Es ist dieselbe alte, die hier wie bei uns ewig neu bleibt, und türkische wie deutsche Herzen entzwei bricht.

Er war, so begann sie, der einzige Sohn ziemlich wohlhabender Bauersleute. Ihr Tschiflik lag einige Stunden von Brussa in der Richtung gegen den Apollonia-See zu. Auf den Feldern bei der Pflege des Maulbeerbaumes und zu Hause bei der Wartung der Seidenwürmer war seine Kindheit vergangen und seine Jugend gekommen. Nun wurde er jedes Jahr ein paar Mal im Seidengeschäfte nach der Stadt geschickt; er fand dort Freunde, lärmende Genossen, und in ihrer Gesellschaft auch eine Dirne, die er bald für besser als ihr Gewerbe hielt. Liebe, die sich in die bloße Sinnenlust gemischt hatte, betrog ihn. Wenn diese Bauernburschen nach Brussa kommen, alle zusammen aus weiter Umgebung, an Tagen, welche ein alter Gebrauch bestimmt hat, dann umlagert Nachts Lärm und Streit, oft auch blutiger Angriff und Todtschlag die Häuser dieser unglücklichen Mädchen. In den letzten Jahren, als der Unfug immer schlimmer wurde, brauchte die Behörde die Vorsicht, für solche Tage die Dirnen oben auf dem Schlosse einzusperren. Mein Jüngling hatte die seinige diesem Leben abgewendet geglaubt. Da führten ihn seine Freunde, die lange schon diesen Glauben durch Spötteleien zu entwerthen suchten, in einer dunklen Nacht vor das Haus des Mädchens. Er glaubte immer noch, auch da er mehrstimmiges Geräusch hörte, wo er die lautlose Stille der Einsamkeit vermuthet hatte. An die Thüre gelehnt, erkannte er es; das war die Stimme eines Mannes. Auf die Schwelle gebettet, wo er sich niedergelegt hatte, starrte er, eine endlose Nacht, hinauf in den wolkenschweren Himmel, der schwarz und sternenleer wie seine Zukunft war. Die Anderen schleppten indeß Reisigbündel, Holz und was sonst von Brennbarem zu Handen war, vor die zwei einzigen Fenster. Ohne Lohe drang der Rauch durch die springenden Scheiben in die Stube; aber erst die Flamme, als sie züngelnd die Zimmerdecke erfaßte, weckte die Schuldigen. Vom Feuerschein verwirrt, vom Rauche wohl auch betäubt, rettete er, der Unglückliche, sich allein zur Thüre. Er riß sie an sich, stürmte hinaus, fiel aber über einen Körper, der regungslos davor lag, und war im selben Augenblicke eine Leiche durch ein langes spitzes Messer, das ihm von unten herauf in den Unterleib gestoßen worden war. Nicht ein Schrei war erklungen, auch den Fall hatte man nicht gehört, weil ein Lebendiger den Todten in seinen Armen aufgefangen hatte und das Feuer eben lauter aufprasselte. Es füllte den Raum schon wie einen glühenden Ofen; die Balken knisterten und neigten zum Einsturz: da kam durch die Gluth das Weib gewankt. Sie hatte tastend die Thür gefunden, die Schwelle erreicht, als sich eine junge kräftige Gestalt -- sie muß die Züge in dem rothen Lichte erkannt haben -- vor ihr aufrichtete; die faßte sie und stieß sie mit erbarmungslosem Blicke, mit unwiderstehlichem Stoße in das Zimmer zurück. Das gab den einzigen Schrei, der in dieser schauerlichen Nacht gehört worden ist. Der Rächer verschloß die Thüre. Er war der Einzige, den die Wache, als Hilfe nach der abgelegenen Gasse kam, auf der Brandstätte fand. Das hölzerne Häuschen war schon eine Ruine, aber der Schutt noch zu warm, als daß man ihn vor dem nächsten Tage untersuchen konnte. Da grub man daraus zwei Leichen hervor, die eine so verkohlt, daß man kaum mehr ihr Geschlecht bestimmen konnte, und die andere die eines Mannes.

Mein Bursche gestand nichts und gegen ihn trat kein Zeuge auf; aber das Urtheil schickte ihn doch für den dritten Theil seines Lebens auf die Galeere. Seine Füße mußten Ketten und Kugeln ziehen und seine Hände Arbeiten thun, wie ich neulich oben auf der Burg vor den Gräbern Osman’s und Orchan’s die Sträflinge Canäle graben sah. Seine Eltern sah er nicht wieder; sie starben kurze Zeit ehe ihm die Freiheit wurde. Den Hof, der nun sein Eigenthum war, schenkte er dem alten Vater des jungen Menschen, dem er in jener grausen Nacht den Messerstich versetzt hatte. Der Bursche hatte oft für Lohn neben ihm in den Maulbeerfeldern des Tschifliks gearbeitet und war sein Freund gewesen. Dem alten Manne fehlte mit dem Sohne die Quelle, die ihn in den letzten Jahren genährt hatte. Er hatte wieder arbeiten und zuletzt, da ihm das Alter auch diese Kraft genommen, betteln gemußt.

Der entlassene Sträfling aber gesellte sich dem Derwische, der den Anfangs starren und eigensinnigem bei Gott und der Welt die Ursache seiner Schuld findenden Charakter zum Selbstbekenntnisse des Fehlers gedemüthigt hatte. Mit ihm wanderte er die weite sandige Pilgerstraße nach Mekka, und erst als sein Herz den letzten Groll getilgt und dem Todten völlig verziehen hatte, folgte er seiner Sehnsucht zurück nach den Bergen seiner Heimat. Seitdem lebt er hier von Almosen, mit sich und der Welt so im Frieden, daß die unmittelbare Stätte seiner Leiden und seiner Verbrechen keine Dornen mehr für ihn hat.

„Diese Welt ist, damit wir den Willen Gottes kennen lernen, die andere wird ihn uns erst zu verstehen geben,“ schloß er, sich selbst über die Härte des irdischen Geschicks tröstend, die Geschichte seines Lebens. Das Volk, das sie nicht kennt, und dem er als ein Fremder zurückgekehrt ist, verehrt ihn als einen jener Gottgesegneten, denen vorzeitig der Geist genommen und in den Himmel versetzt worden ist, so daß hier nur mehr ihr Körper herumwandelt. Es nennt sie Abdahls und hält so alle Irren, Blöd- und Schwachsinnigen und die sich zurückziehen von dem Verkehre mit der Welt, besonderer Rücksicht und Achtung werth. Keine Gegend des türkischen Reiches ist mit solchen muselmännischen Anachoreten bevölkerter als die waldige Umgebung Brussa’s und von hier aus wandern sie, Apostel ihres Glaubens, bis in das ferne Indien, an die Ufer des brahmanischen Ganges. Das mohammedanische Klosterleben des asiatischen Olympes hält dem griechischen des beinahe gegenüberliegenden europäischen Berges Athos das Gleichgewicht.

Gemleck, den 31. Mai, Mitternacht.

Wer, dem das Reisen Gewohnheit ist, hat es nicht schon erfahren, daß ihm eine Trennung von geliebten Menschen, die er lange wie etwas Unerträgliches gefürchtet, im letzten Augenblicke beinahe ungefühlt vorübergegangen ist, so daß er sich nachher herzlose Undankbarkeit vorwerfen mußte? So ist es mir mit dem Abschiede von Brussa geworden; im Augenblicke des Aufbruches war er leichter, als mir dieses jetzt möglich erscheint. Die Geschichte des Bettlers, die all’ mein Denken und Fühlen beschäftigte, endlich auch die Geschäfte der Abreise, die ich zuerst hinausgeschoben, dann vergessen hatte, und die zuletzt doch gethan werden mußten, hatten alle Wolken des Schmerzes zerstreut. Das aber weiß ich heute schon: wo ich auch den bloßen Namen Brussa hören werde, die Mahnung wird immer ein freundliches Lächeln in die Erinnerung zurückrufen und die Möglichkeit einer Rückkehr mich überall willig finden. Mir ist jetzt, wenn ich zurück denke an das Grün und die Blüthenpracht, an die schneeigen Berge auf der einen und an die rothen Felsen auf der anderen Seite, als biete das Thal von Brussa auch in der schlechtesten seiner Hütten die Erfüllung aller irdischen Wünsche, als sei dort das letzte und verdiente Ziel mühsamer Lebenspilgerschaft zu finden, bis mir mein Bettler einfällt und mich mahnt, daß Schuld und Sorge überall und daß Ruhe und Zufriedenheit nicht an den Wänden eines Thales und eines Hauses, sondern tief im Gemüthe des Menschen haften. Dem Glücklichen kann die Lüneburger Haide dasselbe Paradies sein, wie mir das Thal von Brussa.

Erst nach 4 Uhr verließen wir das Hôtel d’Olympe. Gewitter drohten, wichen und gaben uns endlich doch einigen Regen; dann aber blieben nur Wolken mit kühlendem Schatten. Auch daß der Staub festgelegt war, priesen wir als eine Wohlthat. Wir durchritten das Thal in seiner ganzen Breite über zwei Stunden; die neue Straße durchschneidet es, eine häßliche gerade Linie, die ich bedauerte, weil sie zuerst mir wieder Europa und seine Civilisation in’s Gedächtniß brachte. Wir lenkten bald von ihr ab auf kürzere Pfade zwischen die Berge hinein und dann hinauf und über diese. Die Landschaft wird dort ausgestorben, einsam, auch völlig unbebaut, beinahe wild in ihrer Leerheit. Sie mahnt mich durch die Kahlheit ihrer Hügel und den gerundeten Fall ihrer Linien an das, was ich von den griechischen Inseln gesehen. Eine gewisse Poesie bleibt dem Wege immer eigenthümlich, und zurück hat man lange den Blick frei auf Brussa und die mit der Entfernung immer mehr aufsteigende Höhe des Olymps. Seine Abhänge erscheinen nach dieser Seite viel wilder und seine Schneefelder, die sich gegen Osten zu ziehen, viel größer als nach der Straße von Mudania zu. Den letzten Blick gab er uns auf das kostbarste geschmückt. Ich hatte lange nicht mehr zurückgeschaut, als ein plötzlicher Stillstand meines Pferdes das zufällig veranlaßte. Ein Schrei der Ueberraschung hielt alle meine Gefährten auf. Da lag unter uns in tiefem Schatten, so dunkel, daß dort schon die Nacht sein mußte, das Thal von Brussa und über ihm goldig und roth glühend das weiße Haupt des Olymps. So intensiv und farbenprächtig habe ich das Alpenglühen früher nur einmal gesehen; das war in Tirol auf der Höhe des Passes Thurn, und damals unter mir der sumpfige Pinzgau und mir gegenüber der Hohe Tenn und das Wiesbachhorn in so wunderbarem Violett, als sollte dort für andere Geister eine verklärte Welt erstehen. Heute aber stand ich auf asiatischem Boden, und Lorbeer, Arbutus, Clematis, Nachtschatten und Myrthen blühten und dufteten bis zur Betäubung um mich, und weiche, warme Luft quoll wie stärkender Balsam in die erschöpfte Lunge. Ich war wie verwandelt, zugleich zurückgeführt in die Erinnerung und doch auch weit voraus durch Alles, was die Eindrücke Neues brachten.

Den ersten Halt machten wir in dem Lager einer Caravane. Lange hatten wir gestritten, was die vielen schwarzen Punkte vor uns auf dem Bergrücken, über den wir mußten, sein könnten. Mitten unter ihnen stehend erkannten wir sie als Kameele, die, wohl ein Hundert, einzeln weit von einander zerstreut lagen, daß wir eine Viertelstunde lang durch ihre Lagerstätte ritten. Alle hatten ihre Lasten auf den Rücken behalten; nur einige reckten die langhalsigen Köpfe in die Höhe, die Luft nach den Fremdlingen prüfend, die meisten blieben in Schlaf und Ruhe versenkt. Nirgends war eine Vorkehrung, den Thieren das Entweichen zu wehren; es scheint in ihrem eigenen Willen zu liegen, das Zusammenhalten bei den Wandergenossen und Führern. Diese waren Kurden, wilde, schwarzbärtige Kerle, Hosen und Jacken roh aus abgenützten persischen Teppichen zusammengeflickt, den Schädel in einem ungeheuern Shawl verborgen. Ihre Umgangsweise hatte aber nichts von dem Bedrohlichen ihrer äußeren Erscheinung. Mit Sprüngen und Späßen umringten sie uns und suchten sich mit kleinen Diensten Almosen zu erwerben. Bis auf die Höhe des Berges klang ihr Jubelgeschrei und leuchteten uns ihre Zeltfeuer nach.

Bei einem Chan dort oben, wo wir rasteten und aßen, fiel die Nacht völlig ein und so dunkel, daß wir uns Einer hinter dem Anderen halten mußten, um den Weg nicht zu verlieren; der fällt nun meistens bergab der Seeküste zu. Einmal noch bei einer Wachthütte hielten wir; zwei Leute, darunter ein Neger, bildeten ihre Besatzung. Ohne auch nur ein Wort des Auftrages zu erwarten, übernahmen sie gleich die Besorgung unserer Bedürfnisse. Es liegt in der Sitte dieser Länder, daß die Gendarmen auch zugleich die Wirthe sind. Jeder weitere Augenblick auf diesen Reisen bringt neue Eindrücke, und wem die Phantasie nicht ganz erstorben ist, der stellt sich Bilder und ganze Gemäldesammlungen daraus zusammen. Belebt werden sie durch die ausdrucksvollen Köpfe der Menschen, und Farben gibt selbst die Nacht hier reichere, weil die Augen glühender und die Kleider bunter als in unseren Ländern sind. Unser Lager sah ich als ein solches Bild. Wir, müde auf dem Boden ausgestreckt; der eine Soldat beschäftigt, uns den Caffee zu serviren und die Pfeifen mit Kohlenstücken zu entzünden, der andere das Feuer anzublasen, das schwarze Gesicht grell von der Flamme beschienen; die Pferde an die Pfähle der Hütte und eines an das andere gebunden, und Diener, Kawassen und Führer bemüht, das eine, das sich losgerissen hatte, einzufangen. Die zwei Leute der reitenden Courierpost kamen noch dazu gesprengt und lagerten sich zu uns. Der Eine, den wir den Conducteur nennen würden, mit langem grauen Barte, in buntgestickter blauer Jacke, einige Dutzend Ellen rothen Zeuges als Gürtel um den Bauch gewunden und silberbeschlagene Pistolen darinnen, weite blaue Pumphosen und gestickte Gamaschen an den Beinen, auf dem Kopfe einen grünen Turban, also ein Abkömmling des Propheten, ganz eine jener würdevollen anständigen Gestalten, die mir jetzt schon als die schicklichen Vertreter des ganzen Volkes erscheinen.

Wir brachen erst später hinter den Eiligen auf. Vor einer halben Stunde sind wir hier eingetroffen. Der Ritt hat also sieben Stunden gedauert. Wieder fühle ich mich wach und ohne Müdigkeit; die Neuheit der Lebensart und der Eindrücke hält Alles in mir rege. Der Körper erliegt nur, wenn das geistige Fühlen und Denken erschlafft. Und das thun nicht die Mühen der Arbeit, sondern die hundert kleinen Nadelstiche unserer gewöhnlichen Verhältnisse; darum das Aufleben in der Fremde, in der Freiheit, und nun gar erst, wenn sie getrennt und losgelöst von aller europäischen Sclaverei wie hier in Asien ist.

Gemleck, den 3. Juni.