Ein Sommer im Orient

Part 15

Chapter 153,549 wordsPublic domain

Die Erklärung dafür ist ebenso leicht begriffen als gegeben. Der natürliche Zustand dieses Thieres ist der, sich wie jede andere Raupe an dem Baume selbst die Nahrung zu holen. Dazu muß es kriechen, muß von einem Blatte zum anderen sich bemühen, muß Bewegung machen. Diese Bemühung wird ihm erspart, wenn man ihm klein zugerichtet die Speise in Unmasse auftischt; es fehlt ihm dann aber auch die Veranlassung das Genossene zu verdauen und den Appetit zu neuem Genusse zu sammeln. Gefräßig, wie alles Thierische, füllt es, wenn nicht anders gezwungen, die Zeit nur mit dem Fressen aus und überfrißt sich. Der Schaden, den die Menge anstiftet, wird noch schlimmer durch den Zustand der Speise, der meistens ein verdorbener ist, weil die Blätter, die dicht auf einander liegen, leicht in Gährung übergehen. Das veranlaßt dann, wie es unter solchen Bedingungen auch dem Menschen nicht fehlen würde, eine ~indigestion de l’estomac~, die hinwiederum in der Beharrlichkeit, in der sie erhalten wird, die Seidenwürmer-Krankheit erzeugt. So ist denn diese nicht durch das Klima, nicht durch eine üble Einrichtung der Zuchthäuser, nicht durch eine Erkrankung der Maulbeerbäume verschuldet, weil nirgends nachgewiesen ist, daß die Bäume von einer Krankheit befallen sind, sie ist -- wie gezeigt -- allmälig durch die Zähmung des Maulbeerbaumes und durch die Fütterung mit den bloßen Blättern, durch die Wahl und Art der Nahrung also verursacht und befestigt worden. Wo sich der Stoff einmal festgesetzt, da ist die Krankheit, wie das so oft bei zeugenden Organismen geschieht, eine erbliche geworden. Ansteckend hat sie Herr Dufour jedoch nicht gefunden. Die Krankheiten, welche auch in der Türkei während der Jahre 1857 und 1858 herrschten, hatten nach seinen genauen Beobachtungen keine Aehnlichkeit mit den europäischen.

Der gesunde Sinn des Orientalen, der dem Natürlichen überhaupt näher geblieben sei, habe -- so meint Herr Dufour -- den Türken in dieser wichtigen Frage das Richtige treffen und dabei beharren lassen, während es in Frankreich Jahre brauchte, um nur einen Zweifel an der Vortrefflichkeit der dortigen Uebercultur glaubhaft zu machen. Er hofft übrigens, daß auch in Italien und in Oesterreich seine Untersuchungen nicht unbeachtet bleiben. In Oesterreich könnten sie sich ganz besonders vortheilhaft erweisen, weil die türkische Züchtungsmethode neben anderen Vorzügen auch den der Wohlfeilheit hat und die österreichische Industrie an zu theueren Productionskosten krankt. Schon die andere Pflege des Maulbeerbaumes begünstigt den Türken mit einem Gewinne von 25 Procent, die ihm der wild und strauchartig gehaltene Baum mehr an Blättern trägt. Weiters enthält das Blatt des Wildlings 30 Procent Nährstoff, darunter 5 Procent Seidenstoff mehr. Zwei Erziehungen derselben Gattung und Zahl von Würmern nebeneinander gestellt, brauchten die mit den Blättern des zahmen Baumes gespeisten 30 Procent mehr als die vom wilden gefütterten. Auch zieht der Wurm den Wildling vor. An Handarbeit werden hier überdies 70 Procent erspart. Alle Vortheile zusammen und in Geld umgerechnet, gewinnt der türkische Züchter durch seine Methode an der Unze Seidenwürmersamen ein Plus von 126 Frcs. 20 Cents. Der Gewinnst steht den europäischen Seidenproducenten zur Verfügung und dazu noch die Ersparniß der kostspieligen und lebensgefährlichen Expeditionen nach Persien und China, die doch resultatlos blieben, weil schon im nächsten Jahre nach der Umpflanzung der neue Same wieder krank geworden war durch dieselbe verkommene Frucht, die man der Raupe wieder zu fressen gegeben hatte. Herr Dufour behauptet übrigens, und er züchtet hier alle Raupengattungen nebeneinander, daß die von Brussa die beste sei, wie ja auch die Brussaer Seide als die beste auf den französischen Märkten gekauft werde. Er räth von hier sich Eier kommen zu lassen, sie nach hiesiger Art zu erziehen, und verspricht, daß dann Europa bald seiner Seidenwürmer-Krankheit ledig und wieder reich an Ernten sein werde. Er machte mich aufmerksam auf die Eigenschaften, welche Dalmatien zu dieser Production angeboren sind. Ganz andere Resultate als die bis jetzt erreichten seien dort leicht mögliche. Diese regsamer anzustreben könne vielleicht die Einführung einer neuen Productionsmethode den Anstoß geben. Den gegeben zu haben, das wäre nun allerdings eine Wohlthat, etwas empfindlicher, als sie bureaukratische Erlässe gewöhnlich sind; denn in Dalmatien, das isolirt außer aller Weltbewegung geblieben, wird jetzt noch die erste Ermunterung von der Regierung ausgehen müssen. Das Land hat Arbeitskraft genug, und es hat das Meer vor seiner Thüre, aber es fehlt ihm die Findigkeit und der Eifer, die eine und das andere zu verwerthen. Kein geschickteres Mittel dazu, als ein großartiger und emsiger Betrieb der Seidencultur, die der Landwirthschaft und Industrie zu thun, der Gesundheit keinen Schaden und dem Handel fortwährende Beschäftigung gibt, weil der Seidenmärkte so viele und so reiche sind, daß die Nachfrage noch lange als eine unerschöpfliche gelten kann.

In Brussa sind dermalen 56 Seidenfabriken thätig, im ganzen Bezirke ihrer 90 mit 5400 Kesseln. (In Oesterreich 83 Filanden mit 4000 Kesseln, in Preußen 133 Anstalten für Mouliniren, Haspeln und Zwirnen.) Es sind nicht mehr als 16 Jahre, daß dieses Gewerbe sich hier fabriksmäßig constituirt und so entwickelt hat. Daneben thut immer noch viel die Hausindustrie, wie sie denn allein die Weberei besorgt. Darum aber auch für alle Gewebe Preise, die zur Ausfuhr auf den europäischen Markt zu hohe sind; denn dort, wo die Mode jeden Tag Anderes ordinirt, ist die Dauerhaftigkeit des Stoffes eher ein Hinderniß des Absatzes und nur die Niedrigkeit des Preises eine Empfehlung geworden. Und es ist ganz in der Ordnung und wäre wirthschaftliche Verschwendung, wenn es der Producent anders machte, daß dem veränderten Bedürfnisse veränderte Waare geboten werde. Das Idealziel eines unbedingt besten Productes kennt das Streben des heutigen Gewerbsmannes nicht; ihm ist jede Waare bedingt durch die dermaligen Ansprüche seiner Kunden und diejenige die beste, welche diese Ansprüche am vollständigsten befriedigt. Hier im Oriente, wo sich wie in dem Mittelalter unserer Entwicklung die Prachtgewänder der Eltern mit dem anderen festen Besitze in die Nutznießung der Kinder vererben, sind diese Ansprüche an die Waaren andere, und darf darum auch die Production eine anders eingerichtete sein. Durch dieselbe für den europäischen Markt arbeiten zu wollen, wird ein unglückliches Experiment sein, dem ich nur die wenigen Käufer verspreche, welche die Raritätenpassion zur Nachfrage treibt. Auch zur Uebertragung der europäischen Productionsmethoden in die hiesige Seidenweberei halte ich den Augenblick hier noch nicht gekommen; es fehlt an dem Ueberflusse von Arbeits- und Capitalkräften, der dazu nothwendig ist. Was davon vorhanden und auch das Mehr, welches in den nächsten Jahren vielleicht zufließt, wird vortheilhafter für den Einzelnen und für den Staat in anderen mehr primitiven Productionszweigen angelegt. Ueberläßt man diese Industrie ihrem natürlichen Selfgovernment, so werden türkische Seidenstoffe noch lange, vielleicht ein ganzes Jahrhundert fort, einen großen und ergiebigen Markt nur in ihrer Heimath haben, wo ihnen die Besonderheit des Geschmackes gegen fremde Eindringlichkeit einen gewissen Schutz verleiht. Diese Lage voreilig günstiger, die Grenzen der Consumtion auch für türkische Gewebe weiter gestalten zu wollen, wäre ein widernatürliches Bestreben, das sich zuletzt in den volkswirthschaftlichen Dingen noch schädlicher als in allen Lebensverhältnissen überhaupt bewährt.

Ich habe wohl einige Zahlen über die Brussaer und die gesammte türkische Seidenproduction gesammelt, aber nicht auf sie eigentlich, mehr auf die unmittelbare Anschauung des Lebendigen selbst meine Urtheile gegründet. Denn entgegen der allgemeinen Meinung habe ich für statistische Zahlen nur geringen Respect und für die Sache, die sich nur durch sie beweisen läßt, gar keinen Glauben. Ich habe sie zu oft doppelsinnig und dieselbe Zahl in zu vielen Parteilagern gefunden, und muß überdies sogar, weil ich den Leichtsinn, der diese Zahlen sammelt und zusammenstellt, persönlich kennen lernte, diese Vielseitigkeit ihrer Natur gemäß finden. Bestätigen und ordnen das, was die Augen im Leben selbst gesehen haben, das können sie; aber alleiniger und verläßlicher Wegweiser werden sie mir nie sein, und waren sie mir auch hier nicht.

Zu den Zahlen, die ich oben schon mittheilte und die mir so wie jene dienten, verzeichne ich noch die folgenden: Brussa erzeugt jährlich an Cocons 600.000 Okas, das sind 13.687 Ctr. Davon führt es 36.000 Okas, das sind 821 Ctr., aus; den Rest verarbeitet es zu Rohseide im Gewichte von 300.000 Okas, das sind 6843 Ctr. (Oesterreich producirte 1863 an Rohseide und Abfällen 18.000 Ctr.) 161.700 Okas, das sind 3688 Ctr., von dieser Productionsmenge von Rohseide überläßt Brussa an fremde Märkte. Seine gesammte Seidenausfuhr beträgt also:

Cocons 36.000 Okas = 821 Ctr., Rohseide 161.700 „ = 3688 „ ------------------------------------ Summa 197.700 Okas = 4509 Ctr.,

im Werthe von ungefähr 8 Mill. Frcs. Daneben stelle ich die Zahlen der Ausfuhrwerthe einiger anderer Seidenländer, mehr um die Bedeutung ersichtlich zu machen, welche dieser Productionszweig in der Weltwirthschaft überhaupt hat, als um einen Maßstab für die Werthbestimmung der türkischen Production zu geben. Denn ein Vergleich, wo die Ausfuhren der einzelnen Länder beinahe mehr durch die Waarengattungen als durch die Zifferngrößen von einander verschieden sind, würde hier zu einer Sünde gegen die Wahrheit werden. Jede Ausfuhr vertritt ein anderes Stadium der Seidenproduction, worin das ausführende Land eben besonders stark ist. Danach geordnet steht allen voran die Türkei mit einer Ausfuhr von größtentheils Cocons, Roh- und Flockseide im Werthe von ungefähr 79 Mill. Frcs.; ihr beinahe gleich durch die Waarengattung Oesterreich mit einer Seidenausfuhr von 15 Mill. fl.; zunächst England, das alles Rohmaterial einführen muß, um es zumeist in Garne zu verarbeiten und in solcher Gestalt einen Werth von 60 Mill. Frcs. auszuführen; endlich auf der dritten Productionsstufe, der der Weberei, der Zollverein mit einer Seidenausfuhr von 27 Mill. Thlr.; die Schweiz mit einer Ausfuhr von 188 Mill. Frcs. und Frankreich mit einer Seidenausfuhr von 494 Mill. Frcs. Werth.

Bestochen durch die ungeheueren Summen, welche auf dieser letzten Stufe gewonnen werden, preist man sie gewöhnlich als die der Arbeit lohnendste und das Land, welches sie erklommen hat, als das glücklichste. Insbesondere sind es die Schutzzöllner, die mit solcher Darstellung ihre Grundsätze und Wünsche zu motiviren suchen. Ich halte das für einen Irrthum. Als Ganzes genommen erwirbt die Weberei allerdings größere Summen, als irgend eine der voraus liegenden Productionsstufen; die Arbeit selbst aber, das einzelne Maß ist auf allen durchschnittlich gleich bezahlt. Denn abgesehen davon, daß von den producirten Werthen der Weberei die Kosten abzuziehen sind, welche sie dem Garn- und Rohseidelieferanten gezahlt hat, ist auch in ihr ein größeres Quantum von Arbeit nöthig, als in den früheren Productionsstadien. Das Mehr des Erworbenen gleichmäßig unter dieses Mehr der Arbeitskräfte nach dem Verhältnisse der von ihnen geopferten Zeit und Mühe vertheilt, wird sich schließlich jede einzelne Arbeiterzahl ziemlich mit demselben Betrage wie in der Zwirnerei und Coconszucht belohnt finden. An und für sich ist also die Weberei nicht besonders vortheilhafter; sie wird es nur dort, wo ein größerer Reichthum an Arbeitskräften Beschäftigung und Lohn sucht. Solchen Ländern wird sie, aber das wie jede neue Erwerbsquelle überhaupt, eine Speise für den Hunger sein. Daß sie im rechten Augenblicke das werden, daß sie aufleben und sich ausbreiten könne, wenn die Volkszahl dem Becher der Landesgrenzen überzufließen droht, daß ihr aber einstweilen nur die Wurzel zu diesem künftigen Wachsthume bewahrt werde, das finde ich die eigentliche Aufgabe einer schutzzöllnerischen Politik, wie ich sie verstehe. Was die Schutzzöllner gewöhnlich wollen, die Weberei ohne jede Rücksicht auf das Zeitgemäße, blos weil sie sie bei dem Nachbar glänzend und einbringlich sehen, auch in ihres Volkes Wirthschaft einzuzwängen, das kömmt mir wie die gewaltsame Heranbildung von Wunderkindern vor; die vorzeitige Reife rächt sich durch frühzeitige Verkümmerung.

Der größte Theil der türkischen Seidenausfuhr von 79 Mill. Frcs. geht nach England und Frankreich. Nach England 213.400 Okas, das sind 4868 Ctr., für 5 Mill. Frcs., und nach Frankreich 1,258.700 Okas, das sind 28.717 Ctr., für 51 Mill. Frcs. Die französische Seidenspinnerei und -Weberei bezahlt für Rohmaterial überhaupt an das Ausland 181 Mill. Frcs., der Türkei also allein den dritten Theil ihres ganzen auswärtigen Bezuges. Dieses eine Verhältniß scheint mir zu genügen, um die Bedeutung des türkischen Reiches für die französische Volkswirthschaft festzustellen. Uebrigens reden nicht in diesem einen Handelszweige allein so die Zahlen. Im vorigen Jahre hat Frankreich aus der Türkei bei sich eingeführt einen Werth von 138 Mill. Frcs. und nach ihr ausgeführt einen anderen von 114 Mill. Frcs., zusammen also einen Verkehr von 252 Mill. Frcs. Werth mit der Türkei gehabt. Das repräsentirt 5 Procent seines gesammten auswärtigen Handels. Daß in diesem Tausche die Türkei zumeist Rohproducte, Frankreich dafür Manufacte liefere, sagt die dermalige national-ökonomische Lage der beiden Länder. Welches ergiebige Feld der Ernte also für die französische Industrie dieses türkische Reich, das ihr näher als andere überseeische Länder und offen ist, beinahe wie die heimischen Märkte selbst, denn den türkischen Zoll von 8 Procent fühlt der Handel kaum. Und einen solchen Kunden umzubringen sollte Frankreich, wie manche Politiker vermuthen, ernstlich gewillt sein? Die Türken aus der Türkei fortjagen, um Gott weiß wen an ihre Stelle zu setzen, der seine Thüre vielleicht ganz verschließen, gewiß nicht so freihändlerisch offen stehen lassen würde? Es wäre Mord, aber zugleich auch Selbstmord, und den traue ich einer Nation und einer Regierung, die lebenslustig wie die französische ist, nicht zu. Die Pläne der französischen Politik in der Türkei wollen Anderes als die Vernichtung. Das beweisen die vielen Fabriken, womit die Franzosen Kleinasien bevölkern; das die Schulen und die Kirchen, die sie, wo nur der Schein eines Bedürfnisses auftritt, den Christen und Juden zuvorkommend erbauen, mit Geldern und Lehrern dotiren, um sie von Paris aus wie die Dependenzen irgend einer ihrer Präfecturen zu verwalten. Das verpflichtet sie dann, schon scheinbar um der Humanität willen, neue Rechte zum Schutze ihrer Angehörigen zu beanspruchen, und erwirbt ihnen ohne zu erobern die Oberherrschaft über ein Land, dessen Volkswirthschaft insbesondere sie sich wie die einer Colonie unterthänig haben wollen. Dieses sind die Wünsche und Ziele, die ich in den Plänen der orientalischen Politik Frankreichs vermuthe; Glauben an den Zusammensturz der Türkei gebe ich ihr keinen schuld. Den hat sie vielleicht manchmal geheuchelt, um beutegierigen Concurrrenten den kranken Mann als keiner Bemühung mehr werth erscheinen zu lassen, aber ernstlich und dauernd gehegt hat ihn die französische Politik gewiß nicht. Einer der erfolgreichst Getäuschten ist Oesterreich. Dort hat sich der Glaube schon beinahe in den Wunsch nach dem Ableben des kranken Mannes verwandelt; natürlich weil man von seinem wahrscheinlichen Erben, den griechischen Russen, schon so viel Freundliches erfahren hat. Von dort aus regt sich denn auch keine Thätigkeit, um den französischen Händlern Concurrenz zu machen; kein Versuch z. B. mit Glas, mit Eisen, mit Baumwollwaaren in Brussa Seide einzutauschen, wenn auch nicht für die eigene Weberei, weil diese noch nicht entwickelt genug ist, so doch für den ansehnlichen Bedarf (jährlich 34.000 Ctr.) der Züricher und Baseler Fabriken. Der Gewinn an Frachtlöhnen bliebe unseren Schiffen, dem Lloyd, den Häfen von Triest und Venedig und den südlichen Eisenbahnen. Allerdings hemmt gleich bei diesen eine Lücke dermalen noch die Ausführung eines solchen Projectes. Die Eisenbahn durch Tirol nach dem Bodensee ist durchaus nothwendig, um der Schweiz einen Theil ihres Seidebedarfs auf österreichischen Schiffen aus der Levante zuzuführen. Diese Bahn ist gerade mit Rücksicht auf den für Oesterreich so sehr wichtigen Handel mit dem Oriente eine der nothwendigsten.

Brussa, den 30. Mai.

Gög-Dere -- Himmelsthal -- heißt die Schlucht, welche die Stadt in zwei Theile scheidet, und Gög-Su das Wasser, das darinnen vom Olymp herabkömmt. Oben auf dem Berge ist Gög-Dere wirklich ein Thal, breit und mit reichlichem Grün ausgefüllt; unten im flachen Lande aber stehen seine Wände einander so nahe, daß sie zu überspannen der einzige Spitzbogen einer kühn geschwungenen Brücke genügt. Steil und tief senken sie sich zu dem Wildbache hinab. Felsen springen aus den Uferhängen hervor, scharf und kantig als seien eben erst Stücke davon weggebrochen, und unten im Bette liegen andere glatt und rund vom anprallenden Wasser zugeschliffen. Auf einem solchen Blocke haben wir heute Morgens das Frühstück genommen, die Gäste einer armenischen Familie, die eines der Häuser oben auf dem Ufersaume der Schlucht besitzt. Von einer kleinen Blumenterrasse waren wir schmale Fußsteige und eingehauene Stufen hinab und unten über eine künstliche Brücke auf das Felseneiland geführt worden, wo Tisch und Stühle bereitet waren. Dort sitzend tafelten wir eingeengt wie in eine der himmelhohen Gassen unserer europäischen Hauptstädte, nur daß statt des unruhevollen Menschengedränges das einsame Rauschen des Wassers und statt der häßlichen Häusermauern lebendiges Erdreich uns umgab. Denn Blumen und Schlingpflanzen und selbst ganze Stauden wachsen aus den Uferhängen hervor und verkleiden sie, und wo sich auf einem vorspringenden Felsen so viel Erde gesammelt hat, um einer Wurzel Halt und Kräftigung zu geben, da haben sich sogar Bäume wie auf Postamenten aufgestellt; die neigen sich über und schauen herab, als wollten sie sich im Wasser bespiegeln. Hinter uns, dort wo der Bach mit hüpfenden Fällen herkömmt, war die Aussicht durch eine undurchdringliche Wildniß von Büschen und Schlinggewächsen verschlossen, und vor uns sahen wir unter dem malerischen Bogen der sarazenischen Brücke hinweg in die Ebene, die eingerahmt zwischen den Uferwänden in weiter Ferne wie der Ausblick aus irgend einer Lebensenge auf breitere Hoffnungsfelder erschien. Das ganze reiche Wachsthum der überfließenden Natur hier unten ist das Werk weniger Wochen. Denn jährlich mit dem ersten Frühlinge, wenn die Schneemassen des Olympes geschmolzen zu Thale fließen, nehmen sie auch das Holz mit sich, welches das vorige Jahr in dieser immerkühlen Höhlung geschaffen hatte. Das zeigt recht wie zeugungskräftig dieser Boden ist.

Die Hausleute erfreuten sich sichtlich an dem Gefallen, welches ich an dem Orte und an der ganzen Situation fand. Mit ihrer Freundlichkeit entwickelte sich auch ihre Mittheilsamkeit. Weine, Liquere, Caffee, frische Erdbeeren, eingesottene Früchte und Bäckereien wurden herum gereicht, und dazu von dem erzählt, was hier noch immer die Phantasie der Menschen füllt -- so schrecklich muß es gewesen sein -- dem Erdbeben des Jahres 1855. Sie zeigten die Felsen, die es damals aus den Ufern herabgestürzt hat, und die, zu mächtig selbst für die Gewalt des Frühjahrsstromes, immer noch mitten im Flusse liegen, leicht unterscheidbar von den anderen, die als Gerölle von den Bergen herabgespült worden sind, durch ihre scharfen Kanten und Ecken. Von der Brücke erzählten sie, daß sie ehemals bedeckt und von Buden eingefaßt gewesen sei, daß diese aber auch das Erdbeben zu Falle gebracht habe. Zweimal hatten sich die Stöße wiederholt, jedesmal mit solcher Intensität, daß in wenigen Secunden ganze Stadttheile niedergelegt und die festesten Bauten verletzt waren. Wer konnte, rettete sich hinab in die Ebene, um wenigstens geborgen vor den vom Berge herabfallenden Steinblöcken zu sein. Dort lebten Tausende wochenlang unter Teppichen und Decken, die sie in Zelte zusammengeflickt hatten. Insbesondere schien die Frau unseres Wirthes noch unter dem Eindrucke jenes Ereignisses zu zittern. Ein einziger Felsblock hatte vor ihren Augen ihr Haus zerdrückt; sie war dann nach Constantinopel geflüchtet, und hatte ein ganzes Jahr lang nicht den Muth zur Rückkehr finden können. Die schwächeren Erdstöße, die seitdem immer wieder verriethen, daß die Kraft, welche diese Berge geformt, noch nicht zur Ruhe gekommen ist, haben sie in eine fortwährende Aengstlichkeit versetzt, so daß sie jedes Geräusch für das Zeichen eines neuen Erdstoßes hält. Das gab Veranlassung zu manchem Scherze und quälender Neckerei.

Dann aber sprachen die Leute auch von dem Glücke ihrer Ehe, von Kindern und Enkeln. Das brachte mich dahin das Begehren auszusprechen, das unseren Besuch eigentlich veranlaßt hatte, das Innere ihres Hauses zu sehen. Das wurde gerne gewährt. Eine breite Holztreppe führt nach dem ersten Stockwerke. Sie läuft dort in die Sala aus, welche hier aber nicht nur in der einen Richtung von vorne nach hinten das Haus durchschneidet, wie in Italien, sondern auch von rechts nach links, so daß in das Quadrat des ganzen Baues ein regelmäßiges gleichschenkliches Kreuz gelegt ist; da an jedem Ende desselben Fenster sind, ist dadurch noch mehr Durchzug und Kühle als in dem italienischen Hause gewonnen. Die vier durch das Kreuz ausgeschnittenen Winkel des Hauses dienen zu den besonderen Gemächern der Familie. In einem sind die Staatsstuben, in dem anderen die Arbeitszimmer des Hausherrn, in dem dritten die Schlafzimmer und in dem vierten die Wohnungen für den Schwiegersohn und die Tochter angebracht. An den Wänden laufen niedere Divane her, die mit einfachem Kattun überzogen sind, wie denn überhaupt die ganze Einrichtung unserer Verwöhnung sehr einfach erscheint, und das bei Leuten, die ihr Vermögen nach Hunderttausenden zählen. Nur der sogenannte Salon macht einigen Anspruch auf größere Eleganz durch die europäischen Canapees, Schaukelstühle und Standuhren, die darin zur Schau gestellt sind. Auf der Treppe stand eine große Marmorvase aus so dünnem Steine, daß er beinahe durchscheinend ist, mit folgender bisher unentzifferter und auch meiner Unwissenheit nicht lesbaren Inschrift:

ΕΛΕΥξΙΕCΤξΙΖΙΔ.

Die Vase ist in Kutahia, dem alten Cotiaium, einer phrygischen Stadt, zwei Tagereisen von hier gefunden. Ihre Formen sind die rohen einer verkommenen Bildung, welche aber doch noch die Spuren einer edleren Abstammung festgehalten haben.

Was bei uns Hof wäre, ist hier als Garten hergerichtet. Die Wege sind geradlinig und schmal, mit blendend weißem Sande bestreut; die Beete klein, von Buchs umsäumt, mit außerordentlich bunten Blumen in symmetrischer Anordnung bepflanzt. Der ganze Eindruck mahnt mich lebhaft an das, was ich auf chinesischen Bildern gemalt gesehen, und in chinesischen Romanen beschrieben gelesen. So auch die Wirthschaftsgebäude, die alle klein und pavillonartig wie das Wohnhaus selbst um den Garten gereiht sind. Der Baustyl der türkischen Häuser überhaupt, wie ich sie hier und in Constantinopel sehe, läßt mich diese Aehnlichkeit finden. Vielleicht, daß er so Asien von einem Ende zum andern allen seinen Völkern mehr oder weniger gemeinsam ist, weil er zu den Eigenthümlichkeiten des Klima’s stimmt. Unter den Wirthschaftsgebäuden ist auch ein türkisches Bad, im kleinen Raume dasselbe was die großen öffentlichen Bäder sind. Auch hier reiner Marmor auf den Dielen und an den Wänden, und kleine spinnwebverdüsterte Fenster in der Kuppel. Keinem nur einigermaßen reichen Hause fehlt diese Anstalt eines unentbehrlichen Luxus!