Part 10
Bis die Pferde zur Weiterreise bereitet sind, sollen wir in diesem Gasthofe ruhen, der neu gebaut und für europäische Reisende eingerichtet, in seinen drei Fremdenzimmern zwar nur geweißelte Wände, aber doch Bettstellen bietet. In der Wirthsstube spielt ein türkisches Orchester auf der Tarabuca, einem tamburinartigen Instrumente, auf einigen kleinen Pfeifen und schwach besaiteten Violinen Melodien, die mich durch ihre Ruhelosigkeit, durch das Hinüberziehen des einen Tones in den andern gar sehr an den ungarischen Csardas erinnern. Die Musik ist betäubend. Mir, dem das Plötzliche aller dieser neuen Eindrücke schon den Schwindel gegeben, droht sie die Sinne völlig zu verwirren. Ich flüchte auf die Terrasse, die vor dem Hause in das Meer hinaus gebaut ist; hier finde ich Einsamkeit und athme mit der salzig gewürzten Luft auch die Ruhe, die auf dem Meere den warmen Mittagsschlummer schläft. So fest ist der, daß selbst die Brandung, die doch sonst immer unbekümmert um Windesstille ihre eigenmächtige Sprache fortlispelt, in regungsloses Schweigen versunken, und die Fluth zu meinen Füßen geglättet wie draußen auf der hohen See ist. Dort liegen einige Fischerboote; mit ihren Steuerleuten rasten auch ihre Segel, die schlaff und halb gesenkt an den Masten hängen, von der gethanen Arbeit. So ist Ruhe und Erholung überall, in den Menschen und in den Dingen, lebendig und bewegt nur noch das Licht. Grüne und blaue Farben gleiten wechselnd über das Wasser, und silberne Streifen wellen leuchtend dazwischen. Mir gegenüber, auf der andern Seite des Golfes, glühen die runden Berge in rothen Lichtern, indessen tiefer drinnen, wo die Ufer sich treffen, und man das Land nur noch sieht, weil es bis in die Höhen des ewigen Schnees emporsteigt, versöhnliche Schatten um die schrofferen Formen gehüllt sind, damit sie passender in den heiteren Ton des ganzen Bildes stimmen. Dort ragt höher als alle anderen, wie er auch alle durch Schönheit übertrifft, der Katerlü Dag empor.
Der Schlaf einer ganzen Nacht hätte mir nicht mehr Erquickung und Sammlung geben können als das ungestörte Schauen dieser einen Stunde. Wie eine Wechselwirkung spannt sich der Verkehr zwischen uns und der Natur aus. Ich fühle den Frieden, der in ihr ruht, und sie scheint -- so wenigstens meinem Auge, das alles glaubt, was in seinen Vorstellungen gegenwärtig ist -- von Gedanken erregt, wie sie aufwühlend mein Inneres durchziehen. Wer das so erfahren, wird den Orientalen nicht mehr tadeln, wenn er ihn tagelang in stummem Sehen vor solchen Bildern sitzend findet. Müßig mag man dabei seine Hände und Füße schelten, aber nicht seinen Geist; der kann solcher Schönheit gegenüber nicht anders als nach ihrem Schöpfer fragen und ihm danken, daß er sie geschaffen und daß er ihn sie schauen läßt. Derselbe Gedanke wird zugleich Erkenntniß, Anbetung und Opfer, und dieselbe Betrachtung: Offenbarung und Glauben werden. So ist der Orient eben dadurch, daß er die Heimath aller Schönheit, der in der Natur wie in der Kunst gebornen, ist, auch die Geburtsstätte aller edelsten Religionen geworden. An den Ufern des Ganges, wie an denen des Nils und an dem großen griechischen Weltmeere, wie an dem kleinen galiläischen See Tiberias hat die hellere Sonne selbst dem Menschen geholfen, sich den Gott und den Glauben zu finden, der den Völkern und den Jahrtausenden erst ihre Richtung und ihre Würde gab. Solche Entdeckung wieder zu verlieren und zu läugnen, das war nur dem Norden möglich, wo sich Nebel zwischen die Augen und die Gotteswerke legen und Kälte die Gedanken einer warmen Empfindung in jammervolle Hungergestalten erstarrt. Der Atheismus ist keine Pflanze des Südens, sein Boden treibt schönere und nahrhaftere Früchte.
Brussa, Hôtel d’Olympe, 24. Mai Mitternacht.
Um 2 Uhr stiegen wir in Mudania auf die Pferde; es waren ihrer achte. Die beiden Kawassen voraus und die Packpferde hinten nach zogen wir aus, Einer hinter dem Andern, im sonderbarsten Aufputze, wie ihn sich Jeder als Schutzmittel gegen den Sonnenstich zusammengestellt hatte. Der Jaschmack, ein weißer Schleier, der in dichten Falten um den Kopf des Hutes gewunden wird und dessen Zipfel über den Nacken bis auf den Rücken hängen, fehlte keiner Toilette. Ich verstärkte diese Abwehr noch durch einen weißen Sonnenschirm.
Eine Weile geht der Weg über den Strand des Meeres. Eine leichte Brise hatte sich erhoben und trieb die Wellen bis unter die Füße unserer Pferde. Wo sie aufschlugen und zerrannen, da brachen die zurückbleibenden Tropfen in alle Farben des Regenbogens auseinander. Wie ich das und unseren Zug sah, fiel mir ein Gemälde und der Wunsch ein, der mir davor gekommen war; Peter +Heß+ hat es gemalt und König Ludwig es in der neuen Pinakothek zu München ausgestellt: „Griechische Landleute ziehen auf dem Strande des Meeres dahin.“ Das ist so, wie heute unser Ritt war; das Meer so blau, der Strand so bunt und die Luft so klar, wie das Wasser neben, der Boden unter und der Himmel über uns. Und wie ich mir damals gewünscht hatte, heiß, und jedesmal wenn ich das Bild wieder sah begehrlicher, daß ich das auch einmal erlebe, so war es mir nun geworden. Es ist das nicht das erste Mal, daß mir scheinbar Unmögliches, das ich übermüthig begehrt hatte, gewährt worden ist; dem Wunsche, wenn er nur fest und unablässig bleibt, wird selten die Erfüllung fehlen. Eine eigenthümliche Kraft, etwas wie ein elektrisches Fluidum ist in ihm wirksam, das instinktiv unsere ganze Thätigkeit nach dem einen Ziele richtet. Wird dieses dann so wie heute erreicht, dann scheint es mir die Pflicht eines schuldigen Dankes, der glücklichen Stunde und der Veranlassung zu gedenken, die zuerst die Sehnsucht und das Verlangen geboren hat.
Vom Ufer weg biegt der Weg rechts in Felder und in Thäler hinein und steigt dann die Berge hinauf. Oliven- und Feigenbäume, Reb- und andere Schlingpflanzen des Südens wachsen im üppigsten Reichthum, die Blätter goldig grün und noch frisch von der ersten Kraft ihrer Jugend. Eine Aloestaude stand hart neben der Straße, saftiger Epheu hat sich um sie geschlungen, aber vorsichtiger als die Liebe, die sich hingebend um das fremde Herz legt und für ihre Umarmung nur Stiche erntet, so gewandt, daß keines der großen Blätter durch die Stacheln verletzt war. Das waren mir lauter neue Bilder, nie hatte ich die Landschaft so gesehen; jedes überraschte mich, und doch war mir auch, als erkenne ich da etwas wieder. Aber wo hatte unsere Bekanntschaft begonnen? Umsonst tastete ich in der Erinnerung herum, in ihrem Zwielichte wollte sich keine Spur finden lassen. Da kam uns eine Gestalt entgegen, die von oben bis unten in ein großes weißes Tuch gegen die Sonnenstrahlen vermummt war. Die war wie eine Erscheinung aus der Bibel. Nun hatte ich es; so wie dieses Land hatte meine Kinderphantasie schon die Erzählungen des neuen Testamentes illustrirt gesehen. So willkürlich verzweigt und in den Weg gebogen hatte ich mir den Feigenbaum vorgestellt, so dichtbuschig und melancholisch den Oelbaum, so wild und weitrankig die wilde Rebe, so hoch und knorrig den Cactus, so stachlig und emporgeschossen die Aloe, so gewellt die Hügel, so schollig den Boden, so wie diese Straße den Weg von Nazareth über Sichem gegen Jerusalem. Der Drang meiner Gefährten wurde mir zu ungeduldig, jeder Schritt meines Pferdes zu schnell, überall wollte ich halten, weil mir jeder Busch, jeder Baum, hier der Einblick in ein Thal, dort der Ausblick von einem Berge hundert neue Erinnerungen der schönsten Zeit, der unbewußt glücklichen Kindheit weckte. So greift die ferne Vergangenheit über breite Zwischenräume weg in die Gegenwart herein, und wirkt belebend und wird zugleich belebt. Da erfährt man, wie werthvoll solch’ ein thatenreicher Boden ist, und wie von den Ländern dasselbe was von den Menschen gilt: interessant und ergiebig sind nur jene, die schwer an Erinnerungen tragen. Ich weiß nicht, ob alle Kinderphantasien sich Asien so vorstellen wie es die meinige gethan; wenn es wäre, dann würde es meine Behauptung bestätigen, daß die freie Einfalt des Kindes das Wahre meistens errathe.
Zweimal blickt das Auge zurück auf den Golf. Jedesmal, je höher wir gestiegen waren, ist das Bild größer und schöner. Dann fällt der Weg über zwei Berge in’s Thal von Brussa. Um halb 5 Uhr passirten wir den Nilufer, einen schmalen aber tiefen Fluß, der gegen Westen strömt. Sein sonderbarer Name, der so viel als Lotosblume bedeutet, ist ihm gewiß von jener griechischen Prinzessin geblieben, die Osman, der Gründer des heutigen Sultansgeschlechtes, von ihrem griechischen Hochzeitfeste weg seinem erst vierzehnjährigen Sohne Orchan raubte. Von der Blume selbst, die in ihm wachsen soll, fand ich keine, aber große gelbe Lilien, die aus dem Schilfe aufragen. Das Wasser war schmutzig von lehmiger Erde, welche die Strömung mitgerissen hatte.
Auf dem anderen Ufer rasteten wir; es war unseren Pferden nothwendig wie uns selbst. Die Hütte eines Wachtcorps war der Stationsplatz. Vier Pflöcke, ein Dach darauf und eine Wand gegen die Wetterseite genügen der Anspruchslosigkeit dieser Leute und der Milde des Klima’s, um sie gegen seine Unbilden zu schützen. Mehr als mit Bequemlichkeiten waren sie mit Waffen versehen. Die vier Soldaten hatten ein ganzes Bataillon von Pistolen und Säbeln in ihren Gürteln stecken. Uns zeigten sie nur die freundlichen Seiten ihres Amtes und ihres Charakters; Strohschemel, Kaffeeschalen, Nargilehs und Kirschen brachten sie uns so viel sie hatten. Nur Zucker und Brod fehlten ihrem Haushalte und unserem Mahle. Dafür war das Wasser um so köstlicher und der Hunger, welchen wir den ganzen Tag über gesammelt hatten, um so begieriger. Genährt und gestärkt stiegen wir wieder auf die Pferde zu dem Ritte, der immer noch zwei Stunden dauerte.
Die Landschaft wechselt das Aussehen. Oben auf den Bergen hatte ich beinahe nur Arbutus, den Erdbeerstrauch, gefunden und den nur an einzelnen Stellen zur Höhe von Bäumen aufgeschossen, aber überall so dicht, daß seitab vom Wege nicht durchzudringen war. Unten im Thale stehen Pappeln, Platanen, zahme Kastanien, Terebinthen und Ahorn in feste Gruppen gesammelt und einzeln über die Wiesen zerstreut. Wo das Gras fehlt, da decken beinahe noch grüner und saftiger die Maulbeerbaumfelder den Boden. Diese Felder sind auf’s sorgsamste gepflegt, die Stöcke gleichmäßig weit von einander gepflanzt, dazwischen alle Unkräuter ausgejätet, damit den Bäumchen nichts von der Kraft des Bodens absorbirt werde. Da man sie sehr nieder und alle gleich hoch hält, fließen ihre Säfte in die Blätter, und sehen die Felder von oben und aus der Entfernung betrachtet wie gesunde, von der Sonne beglänzte Wiesenmatten aus. Wo ein Bauernhaus stand, da saß auch der Friede mit einigen Storchennestern auf dem Dache; ich zählte auf einem einzigen nicht weniger als eilf Nester mit siebzehn Störchen. Keiner kümmerte sich um uns, und so auch jene nicht, die auf den Wiesen und Feldern herumstolzirten. Sie müssen sich bei dem hiesigen Volke heilig wie die Katzen bei den alten Egyptiern wissen. Es kann dort solcher Vierbeiner kaum mehr als hier dieser Einbeiner gegeben haben.
Zwei Karavanen überholten wir, jede wohl von 50-70 Kameelen. Mit leichten Ketten und starken Stricken ist eines an das andere gebunden, ab und zu ein Esel dazwischen, weil sie ihm williger folgen. Ein paar Führer leiten und bewachen den langen schwer beladenen Zug. Gravitätisch und mit großen Schritten, die an den Gang der Störche erinnern, und im gleichgemessenen Heben und Senken des Rückens ziehen diese sonderbaren Thiere ihre Straße dahin, gleichgiltig für jedes Rechts und Links, nur immer geradeaus blickend. Dabei ist ihr Auge nicht todt, nicht glanzlos, es ist mehr, als sei ihnen Alles, was sie umgibt, verächtlich, als wüßten sie das einzig Berücksichtigungswürdige in sich selbst.
Es verräth eine Episode aus der Geschichte der türkischen Volkswirthschaft, daß das erste Geldmaß seinen Namen von der Kameellast entlehnte. ~Juk~, die Last, hieß die Summe, mit welcher anfänglich gerechnet ward. So gibt das, was einem Volke in seiner Beschäftigung das Wichtigste ist, auch dem Tauschgeschäfte den ersten Namen. ~Pecus~, das Rindvieh, der ~pecunia~ der römischen Hirten.
Immer fand ich, daß sich zwischen dem Menschen und seinen zumeist gebrauchten Hausthieren eine gewisse Aehnlichkeit bilde, nie aber sah ich die auffallender, als hier zwischen den Kameelen und seinem Landsmanne ausgeprägt. Beide haben dieselbe Ruhe der äußeren Erscheinung und dieselbe Erregbarkeit der inneren Empfindung; beide sind unterwürfig ihrem Schicksale und folgsam den Sclavendiensten, wenn sie ihnen ihre Bestimmung auferlegt hat; daher denn auch das Verständniß und die treue Anhänglichkeit, die sie einander zeigen. Der Mensch und das Thier sind nicht so scharf geschieden, als dies die wissenschaftliche Definition beweisen will. Ja den ersten Zeiten unserer Culturentwicklung, da unser Hochmuth noch weniger eingebildet und unser Instinkt noch freier ist, tritt das klar zu Tage, und hält es Niemand für nothwendig, Zweifel daran zu legen, um die menschliche Würde zu erhöhen.
Es waren dieses die ersten Kameele gewesen, die ich anders sah, als man sie bei uns gewöhnlich der Merkwürdigkeit halber zeigt. Wer sich erinnert, wie oft ihm irgend eine Kleinigkeit, die er aber sonst nur aus der Ferne und so gewissermaßen respectvoll gegen Entrée hatte anstaunen können, in dem Augenblicke, wenn sie als alltägliche Gewöhnlichkeit an ihn herangetreten ist, auch alle die Phantasien lebendig gemacht hat, die er früher daran geknüpft hatte, der wird es begreifen, daß ich mich nun vollends in die Wirklichkeit jener Dichtungen versetzt fühlte, die ich über den Orient gelesen und gedacht habe. Lange noch blickte ich vom Pferde nach dem gleichförmig schleichenden Zuge zurück, der sich wie eine Schlange über die Hügel wand. Erst ein neues Bild vor mir lenkte meine Aufmerksamkeit davon ab. Unter ungeheuren Platanen waren um einen schönen Brunnen bunte Gestalten bei heiteren Spielen versammelt. Griechische Jünglinge übten einen Tanz; Armenierinnen wiegten sich in Schaukeln, die sie von einem Baume zum anderen gespannt hatten; türkische Frauen saßen auf ihren Teppichen zuschauend dabei, ihre Kinder balgten sich; ein Caffeegi bot seine kleinen Schalen und großen Pfeifen aus; Zuckerbäcker hatten ihre tragbaren dreifüßigen Tische aufgestellt; reichgeschirrte Pferde wurden herumgeführt und vergoldete Arabats harrten, um ihre Herrschaften wieder nach der Stadt zurück zu fahren.
Wir waren Brussa nahe gekommen. Die Vegetation wurde noch reicher, und die Bäume noch höher und dichter; oben schließen sich ihre Kronen zu festen Gewölben, und unten verengen ihre Zweige den Durchlaß; darum und dazwischen sind wilde Reben, Nachtschatten und andere mir unbekannte Schlingpflanzen in wuchernder Fülle geschlungen, und Brennessel drohen daraus mit mehr als mannshohen Stauden hervor, daß jede Abweichung vom Pfade in die Felder hinein unmöglich oder doch gefährlich ist. Ueber diese natürlichen Hecken strecken wieder Feigenbäume ihre großblätterigen Aeste in die Straße, an denen die Früchte schon Farben der Reife angesetzt haben, und Granatblüthen leuchten mit glühendem Roth in all’ das Wirrniß und Dunkel herein. So dicht und schattig ist das, daß man den Abend schon gekommen glauben könnte, erschiene nicht auf den Hängen der Berge noch das Licht der Sonne; die erheben sich vor uns langgezogen und himmelanstrebend, wie nur irgend eine Kette der Alpen. Das ist der asiatische Olymp, nicht ein Berg, ein Gebirge, das vom Marmora-Meere bis zum schwarzen Meere reicht. Mit einer geraden Linie schließt es vor uns gegen Süden die Ebene unmittelbar aus der Thalsohle aufwachsend, an seinem Fuße grün und frisch wie das Thal selbst, auf seinem Haupte weiß wie das älteste Alter. In großen Feldern liegt dort noch der Schnee des Winters. Die Stadt Brussa steht unten auf dem Fuße dieses Riesen wie bewacht, aber auch wie bedroht, so im Laube verborgen, daß man ihr sehr nahe kommen muß, um mehr als einige Kuppeln und Minarete von ihr zu erspähen. Der Ueberfluß, der unbändigbar aus diesem wunderkräftigen Boden sprießt, scheint ihr über den Kopf gewachsen zu sein. Grüner als den Olymp und das Thal von Brussa habe ich keine Gegend, auch das höchste Alpenthal nicht gesehen; dabei ist es nicht jene einförmige Farbe, die in unseren Ländern den Maler so oft in Verzweiflung bringt. Vom hellsten Gold bis zum dunkelsten Schwarz steigt es in zarten Mischungen alle Abstufungen hinauf; der Schnee der Alpen und die Sonne des Südens sind zugleich Gevatter an seiner Wiege gestanden, und reicher und schöner ist kein anderes Kind beschenkt worden. Nur wer Brussa gesehen, weiß was die Erde leisten kann. Ein Regenbogen stand über dieses Paradies ausgespannt, als wir darein einzogen, das würdige Thor zu solcher Herrlichkeit. Immer glaubte ich das Beiwort „unbeschreiblich“ ein Bequemlichkeitspolster der Faulheit; jetzt, da ich Brussa gesehen, gestehe ich ihm seine Berechtigung zu. Die lebhaftesten Farben in die schönsten Contouren gelegt, und das Bild, das sich die Phantasie gemalt, wird doch arm neben der Wirklichkeit erscheinen, wie sie hier ist.
Es war 7 Uhr, als wir vor dem Hôtel d’Olympe von unseren Pferden stiegen. Der Gasthof ist gleich hinter der westlichen Vorstadt in einem der ersten Häuser eingerichtet. Er steht auf dem Abhange des Berges, der nur durch die schmale Straße unterbrochen von ihm wieder tiefer in das Thal hinabfällt. Das liegt bis zur gegenüberstehenden Kette des Katerlü-Gebirges überschaubar vor unseren Fenstern ausgebreitet. Die Zimmer sind rein, sogar europäischer Verwöhnung genügsam; der österreichische Consul, Herr Falkeisen, hat sie uns bestellt.
Beim Diner, das nach 8 Uhr genommen wurde, sahen wir, daß der Gasthof noch andere Fremde beherberge. Eine französische Familie fiel mir auf, weil sich Mann und Frau trotz zweier schon ziemlich erwachsener Kinder noch immer Zeichen einer jugendfrischen Liebe erwiesen. Man nannte mir den Namen des Vaters und erläuterte dazu, er sei ein Ingenieur in dem Dienste und in der besonderen Gunst des Sultans, der hierher zur Berathung des kaiserlichen Commissärs, Achmed Veffick Effendi, gesandt worden. Von diesem allgewaltigen Beherrscher dieser Provinz war zwischen den Tischgästen so viel die Rede, daß meine Neugierde bald noch mehr zu hören begehrte.
Besteigung des Olymp.
Brussa, den 24. Mai.
Es war noch völlige Nacht als wir aufstanden; die Pferde ließen warten. In der Stadt regte sich kaum einiges Leben. Wir ritten durch sie über einen Gießbach, der in einer tiefen Felsschlucht vom Olymp dem Thale zufließt. Gleich hinter den letzten Häusern steigt der Weg steil an und wird immer steiler. Der dichte Reichthum dieses üppigen Bodens, Platanen, Eichen, Maulbeer-, Nuß- und Kastanienbäume beschatten ihn. Männliche und weibliche Cypressen, oft beide einander nahe wie zu ehelichem Bunde, bringen mit ihrer dunkleren Farbe Wechsel in das hellere Grün des Laubes. Darunter sprießen in wundervoller Farbenpracht Anemonen, Hyacinthen und Tulpen, und Quellen geben dem geblümten Boden Frische und Kraft, wie das Blut sie dem menschlichen Körper gibt. Wo sie aus der Erde herauswollen und nicht sollen, weil sie weiter geleitet sind, da beweisen Steine, die schützend über die offene Stelle gelegt sind, die Achtung des Türken für dieses Leben gebende Element.
Nach beinahe zweistündigem Ritte hatten wir das erste Plateau erstiegen. Blumen fanden wir dort noch mehr und schönere als im Thale unten. Die großen Bäume schrumpfen immer mehr in niedere Sträuche zusammen; die Zwergeiche, früher nur vereinzelt, füllt jetzt beinahe ausschließlich das Feld. Die Kastanie kömmt nur noch in seltenen Büschen vor und auch an diesen sind die Blätter kleiner und in der Entwicklung zurück. Allmälig geschieht diese Wandlung an allem Laubholze, bis es ganz ausbleibt und Nadelholz an seine Stelle tritt; selbst auf solcher Höhe zeigt sich an diesem der Einfluß der wärmeren Sonne. Die Tanne und Fichte ist reicher bezweigt und jeder Zweig reicher mit Nadeln besteckt, so daß die Bäume voller und weicher als die des deutschen Waldes erscheinen. Inzwischen ist der Weg an einzelnen Stellen sogar gefährlich geworden, weil sich zu seiner Rechten ein steiler Abgrund in eine Schlucht senkt, die der Ebene zustrebt mit demselben Goldgrün gefüllt, das auch uns umgab, und das den Blick erfreut soweit er das Land überschauen kann. Getrennt durch solche Schluchten stützen herausspringende kleinere Berge, wie die Strebepfeiler an den gothischen Domen, den Hauptstock des Olymp’s, als müßten sie den Koloß vom Ausweichen und Ausgleiten nach der Stadt, die sich vertrauensvoll zu seinen Füßen gebettet, zurückhalten.
Mit der höheren Höhe war auch die Aussicht gewachsen. Schon sahen wir ziemlich das Beste, was der Olymp überhaupt sehen läßt. Im Westen die silberglänzende Fläche des Apollonia-See’s mit einer größern und einer kleinern Insel darauf. Der Spiegel des See’s schließt nach dieser Richtung den Horizont. Im Nordwesten über dem Katerlü-Gebirge den Golf von Mudania, welchen im Osten die Arganthonischen Berge von dem Busen von Ismid trennen, bis sie mit Bos-burun in die offene See fallen, welche darüber hinaus in zarten Düften lag. Die Ferne war überhaupt durch die Schleier, wie sie sich nach den ersten Stunden des Sonnenaufgangs bilden, unkenntlich. So auch ahnte ich mehr den nikomedischen Golf, als daß ich behaupten dürfte, ihn gesehen zu haben. Brussa selbst, das während des Aufsteigens lange und oft mit seinen malerischen Formen und Farben, wie die unterste der Berglilien, womit wir die Höhen des Olymp geschmückt fanden, sichtbar ist, Brussa war und blieb nunmehr dem Auge verborgen. Wir ritten in eine eigenthümliche Welt, in ein wahres Schattenreich der abgestorbenen Natur ein. Lemuren starrten uns von allen Seiten an und streckten uns die kahlen grauen Aeste lebloser Stämme entgegen; Laub und Rinde waren ihnen abgefallen, nur die knochigen Körper aufrecht geblieben. Ganze Wälder umgaben uns in dieser skeletartigen Gestalt. Ein Brand, der vor einigen Jahren durch drei Wochen den Olymp verheert hatte, hat sie so zugerichtet. Abstechend und unvermittelt, so wie das Leben überall neben dem Tode steht, blühten unter diesen saftlosen Gespenstern ganze Felder von Stiefmütterchen, so weit verbreitet und so blau gefärbt, daß es wie Wolkenschatten auf den Abhängen des Berges lag. Die Asche der Bäume hatte die natürliche Zeugungskraft des Bodens noch gemehrt; die Zerstörung des Einen war das Leben des Andern geworden. Es ist derselbe Vertilgungskampf, der auch die Menschenwelt durchzieht. Alles wird und ist nur durch den Tod des Gewesenen. Wie sollte da der Egoismus nicht der vorlauteste Trieb unseres Willens sein?
Nach der dritten Stunde kamen wir auf eine ebene Wiese. Zwergtannen, Zwergkiefern begannen den Boden zu überziehen, aber immer noch wuchsen auch baumhohe Nadelhölzer dazwischen. Durch ihre Zweige schimmerte von nahen Höhen der Schnee herab; Felsen stellen sich in den Weg, der eben weiter geht. Da thut sich plötzlich eine Gruppe von Bäumen, die uns aufgenommen hatte, auf, und eingerahmt von riesigen Föhren, hinter einem kleinen Tümpel und einem großen Steinfelde, zeigt sich überwältigend nahe die langgezogene, in Schnee erstarrte Kette der obersten Gipfel des Olymp’s. Schöner als von diesem Punkte aus sahen wir sie nicht wieder. Der Vordergrund, der vom Wasser, von den Steinblöcken, von den Tannen und Büschen vielfältig belebt ist, gestaltet im Contraste mit der ruhigen Einförmigkeit des gewaltigen Hintergrundes das Bild zu einem der außerordentlichsten und stimmungsvollsten.