Ein Sommer im Orient

Part 1

Chapter 13,347 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription

In der gedruckten Fassung wurde eine Reihe von Zeichen verwendet, die mit der zur Verfügung stehenden Schrift nicht darstellen lassen. Diese können folgendermaßen beschrieben werden:

[Symbol 1]: Großes Lambda, großes S mit verbindendem Breve über beiden.

[Symbol 2]: Auf dem Kopf stehendes großes Pi - Epsilon - auf dem Kopf stehendes großes Tau - sigma - zwei übereinander stehende kleine Kreise

[Symbol 3]: Verdrehtes großes L - zwei kleine öffnende Klammern übereinander - langer Strich - schließende Klammer

[Symbol 4]: Zwei gegeneinander übereinander gelegte, verdrehte Quadrate

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Wie in vielen Frakturschriften üblich, werden auch hier Umlaute in Großbuchstaben (Ä, Ö und Ü) durch ihre Umschreibungen (Ae, Oe und Ue) dargestellt; außerdem wird für 'I' und 'J' dasselbe Zeichen verwendet. Im Zweifelsfall wurde vom Bearbeiter eine sinnvolle Entscheidung getroffen.

Die von der Standardschrift abweichenden Schriftschnitte wurden in der vorliegenden Fassung mit den folgenden Sonderzeichen gekennzeichnet:

fett: =Gleichheitszeichen= gesperrt: +Pluszeichen+ Antiqua: ~Tilden~

EIN SOMMER IM ORIENT.

* * * * * *

Verlag von Carl Gerold’s Sohn in Wien:

Erinnerungen aus Aegypten und Klein-Asien. Von =A. Prokesch= Ritter v. =Osten=.

3 Bände. gr. 12. brosch. Preis 7 fl. 90 kr Ö. W.

Geschichte des Abfalls der Griechen vom türkischen Reiche im Jahre 1821 und die Gründung des hellenischen Königreiches.

Aus diplomatischem Standpunkte. Von =A.= Freiherr von =Prokesch-Osten=.

5 Bände. gr. 8. brosch. Preis 15 fl. Ö. W.

Aus dem Hofleben Maria Theresia’s. Nach den Memoiren des Fürsten =Jos. Khevenhüller=. Von =A. Wolf=.

2. Aufl. gr. 8. brosch. Preis 3 fl. 80 kr. Ö. W.

Maria Christine, Erzherzogin von Oesterreich. Von =A. Wolf=.

2 Bände. 8 mit 2 Kupferstichen brosch. Preis 6 fl. Ö. W.

Oesterreich unter Maria Theresia. Von =A. Wolf=.

gr. 8 brosch. Preis 6 fl. Ö. W.

Leopold II. und Marie Christine. Ihr Briefwechsel (1781-1792). Von =A. Wolf=.

gr. 8. brosch. Preis 4 fl. Ö. W.

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EIN SOMMER IM ORIENT.

von

ALEXANDER FREIHERRN VON WARSBERG.

Wien. Druck und Verlag von Carl Gerold’s Sohn. 1869.

Warnungstafel.

Dieses Buch ist nur für Jene geschrieben, die das Land, das es schildert, gesehen haben und es lieben.

=Wien=, den 30. September 1868.

=Der Verfasser.=

Inhalt.

I. Hinreise.

Nabresina, Erinnerung an Venedig, Triest, sein Freihandel, Seite 1-7.

Einschiffung, Pirano, Pola, der „Stadium“ und seine Passagiere, S. 7-11.

Lissa und der heil. Hieronymus, S. 11-14.

Die akrokeraunischen Berge, der Hades, das jonische Meer, Corfu, seine Geschichte, Landung, die Stadt, Spazierfahrt, der alte Hafen, die Villa der Kaiserin, die Bucht von Butrinto und das Wunder des Pan, neue Passagiere aus dem „Stadium“, Regen, Busen von Arta und Schlacht von Aktium, Leukadia, Cephalonia und Ithaka, S. 14-31.

Der Taygetus, Navarin und Modon, Sapienza und Cabrera, Venetico, Cerigo, Cap Malea und sein Einsiedler, Gewitter, türkische Frauen und Kinder, S. 31-35.

Syra, Verkäufer, Sturm, S. 35-38.

Tenedos, Troja, Gräberbetrachtung, die Dardanellen, Sestos und Abydos und die Brücke des Xerxes, die Leandersage, das Marmora-Meer und die Insel, S. 38-47.

Im goldenen Horne, Enttäuschung, S. 48.

II. Erste Eindrücke.

Constantinopel, Landung, Top-Hane, der Hamal, die Gassen, der erste Ausblick auf die Stadt, Kahnfahrt nach Fener Bagdsche, das Kaïk, Delphine im Bosporus, das Abbild eines Benjamin, das Vorgebirge und der Tempel der Aphrodite, Ruhe und Aussicht von dort, türkische Musik und Freitagsfeier, Rückfahrt, Erinnerung an Chalcedon und den Kaiser Mauricius, das heutige Kadi-Köi, Riza Pascha, Versuch einer Aenderung der türkischen Thronfolge-Ordnung, die Ebene von Haider Pascha, Cap Heraeon und die Caserne Selim’s, der Leanderthurm, S. 49-60.

Der At-Meidan und Hippodrom, die Schlangensäule und die beiden Obelisken, S. 61-68.

~La grande rue de Pera~, Mahnung an Venedig, Gassenleben, Arabats, Feuerwehr, Saka’s, Surugi’s, Soldaten, Kaffeehaus über Dolma Bagdsche, Phantasien des Baccio, der Cypressenfriedhof des großen Campo, S. 68-77.

Armenische Hochzeit, Ballfest, die Gäste, Moustier, Bulwer, die Fürstin von Samos, Mondnacht, S. 77-84.

Das goldene Horn, sein Name und seine Gestalt, Verkehr darin, Kaïk, Fahrt nach Ejub, Hinfälligkeit der türkischen Häuser, polizeiliche Gleichgiltigkeit, Gräberstraße in Ejub, Friedhof und Blick auf das goldene Horn, S. 84-90.

III. Brussa und der Olymp.

Abreise, der Dampfer, Fahrt durch das Marmora-Meer, Kalolimni, Mudania und sein Golf, Alttürke auf dem Schiffe, Unordnung beim Landen, herrliche Mittagsruhe, Ritt über den Meeresstrand, über die Hügel, der Nilufer, Rast an seinem Ufer, Maulbeerbaumfelder, Störche, Karavanen und das Kameel, Brunnen vor Brussa, Schönheit der Landschaft, Ankunft im Hôtel d’Olympe, andere Gäste dort, S. 91-104.

Besteigung des Olymp’s, S. 104-110.

Moschee und Bäder von Tschekirdsche, Unterredung mit einem Erzvater, ein Aquarell des Malers Pretiozi, ein Lorbeerbaum auf dem Grabe eines Türken, die Hunde und Kampf mit einem, S. 110-116.

Geschichte der Stadt, Hannibal und sein Castell, Lage der Stadt, ihre Burg, die Gräber der beiden ersten Sultane, Sträflinge an der Arbeit, die Ulu Djami, Ungezogenheit eines Griechen, Jeschil Djami und ihre Restauration durch Achmed Vessik Effendi, die Moschee Bajasid I., die Murad II. und ihr Gräbergarten, Kritik der mohammedanischen Baukunst, Abendruhe zu Burnabaschi, S. 117-131.

Türkisches Bad und Reinlichkeit der Orientalen, die Wirksamkeit des kaiserl. Commissärs Achmed Vessik Effendi, Bevölkerung von Brussa, die Stellung der mohammedanischen Frau, S. 131-140.

Wirthschaftliche Thätigkeit der Bewohner von Brussa, sein Bazar, die Waaren und ihre Preise, Besuch der Seidenfabriken, die Mühle und Weberei, die Arbeit durch türkische Weiber, die türkische Seidenzucht, Irrthümer der unserigen, Menge der Production und Ausfuhr, Zukunft der türkischen Seiden-Industrie, S. 140-159.

Das Himmelsthal, Frühstück bei Armeniern, Erinnerung an das Erdbeben von 1855, das armenische Haus, die Grotten und Keller des Burgfelsens, badensischer Kellermeister, Weinproduction Brussa’s und der Türkei, S. 159-165.

Die Moschee Emir Sultans und Geschichte eines Bettlers, S. 165-170.

Abreise und Rückblick auf Brussa und den Olymp, Rast in einem Karavanenlager und bei einem Chan, türkische Post, S. 170-174.

Gemleck und die Baumwollcultur der Türkei, die Pflanze, heutige Arbeitsform, Geschichte der Baumwollproduction, hiesige Reform und Erfolge derselben, die Nationalökonomik der Türkei überhaupt, S. 174-194.

Abreise von Gemleck und „die Nacht auf einem türkischen Dampfer“, S. 194-195.

Einfahrt in den Bosporus, Procession in Pera, S. 195-197.

IV. Constantinopel.

Um- und Ueberblick, Bevölkerung der Stadt, Genuesen und Venetianer in Pera und Galata, die Mauern und Thürme von Galata, Skutari, Umfahrt um die Stadt, Erinnerung an die Seeschlacht der Venetianer und Genuesen in der Nacht des 14. Februar 1352, das Schloß der sieben Thürme, die goldene Pforte und der Triumphzug des Kaisers in byzantinischer Zeit, heutige Besatzung des Schlosses, Ritt um die Mauern der Landseite, Friedhöfe dort, die Wallfahrtskirche von Balikli, ihr Wunder und ihre Weißfische, Charakterbild des griechischen Christenthums, S. 198-213.

Die Aja Sophia, das Unkirchliche des ersten Eindrucks, gespenstisches Mosaikbild in der Apsis, Typus der griechischen Götterbilder überhaupt, die Umgebung der Moschee, Sultansgräber, der alte Vorhof, geographische Lage des Baues, künstlerische Schilderungen desselben, S. 213-220.

Die anderen großen Moscheen: Achmedjie, die Bajasid’s, die Schah-Sadeh Djami, die Mohammed II., die Suleiman des Großen, das Grab der Roxelane, die Nuri-Osmanjie, die Moschee Mahmud Pascha’s, Kütschük Aja Sophia, die Moschee Ebul Wefa’s, das Grab des letzten Constantin, Kilisse Djami und die Gräber der Komnenen, Porphyr-Sarkophag dort und hohes Alter dieser Grabform, Kahrjie Djami und Ruinen anderer ehemals griechischer Kirchen, die Rosen-Moschee, S. 220-237.

Das Alter der Stadtmauern, Imrachor Djami, die Basilika und das ehemalige Kloster des Studius, S. 237-243.

Die heulenden Derwische, S. 244-248.

Gassenscenen, tscherkessisches Kaffeehaus und Dirnenquartier in Galata, Hafenbrücke, Hof und Markt der Jeni Djami, die Bazare, S. 249-264.

Die tanzenden Derwische, S. 264-268.

Der Fürst Cousa, S. 268-270.

Gassen- und Friedhofsbilder, S. 270-272.

Mondnacht und Meerfahrt, S. 272-274.

Schreibweise und Formengefühl der Orientalen, S. 274-277.

Gang +auf+ den Stadtmauern der Landseite, S. 277-281.

Die Cisternen des alten Constantinopel, S. 282-288.

Handelsverkehr im goldenen Horne, S. 288-289.

Eine Nacht in den Ruinen des byzantinischen Kaiserpalastes, S. 289-300.

Die heutigen Sultanspaläste, das Geburtsfest Abdul Aziz’, diplomatischer Empfang in Dolma Bagdsche, das Schloß, die Garden des Sultans, Beleuchtung der Stadt und des Bosporus, Ball bei Ali Pascha in Bebek, Heimfahrt vom Balle auf einem Dampfer, S. 300-311.

Die Reste der Denkmale des alten Constantinopel, S. 311-317.

Vogelschau von dem Seraiskeriatsthurme, die Lage und die Grenzen des alten Byzanz, seine Zerstörung durch Septimus Severus, Dio Cassius darüber, die neue Stadt- und Palastanlage des Constantin, S. 318-329.

V. Die Prinzen-Inseln.

Kahnfahrt nach Prinkipo, S. 330.

Die Insel Chalki, S. 331-333.

Das Georgskloster auf Prinkipo und der wahnsinnige Schiffscapitän, S. 333-335.

Geschichtliche Erinnerungen dieser Inseln, das Grab der Kaiserin Irene, stürmische Seefahrt um Prinkipo, das Kloster und die Mönche des h. Nikolaus, S. 335-341.

VI. Der Bosporus.

Bujuk-Dere, das Thal, die Bucht, der Ort und seine Gärten, S. 342-345.

Besteigung des Bulgurlu, S. 345-348.

Der Riesenberg, das fabelhafte Grab auf seiner Spitze, das Genueser Schloß, Alter seiner Anlage, älteste Tempel und Stadtbauten hier, neuentdeckte Inschrift, Lorbeerbüsche und Fabel dieses Strauches, S. 348-356.

Spaziergang zum schwarzen Meere, S. 356.

Kiredsch-Burun und der Schlüssel des Pontus, S. 357-359.

Der Kabatasch Dag und seine Aussicht, S. 359-361.

Kastanjesu und sein Thal, S. 361-363.

Rumili Kawak, verlassener Wachtthurm, Hochebene auf den europäischen Uferbergen und weiter Blick auf das schwarze Meer, Scene mit türkischen Marinesoldaten, S. 363-368.

Die Gartenanlagen des Bosporus, in Jeni Köi bei dem Logotheten Aristarchi und in Kandlische bei Fuad Pascha, Sonntagsfeier in Tschibukly, S. 368-371.

Geologische Bildung des Bosporus, die Cyaneen, Fahrt dorthin und Besteigung derselben, S. 371-376.

Das Paradies, lorbeerbekränzter Esel, S. 376.

Unter der Platane Gottfried’s von Bouillon, S. 377-380.

Chunkjar Iskelessi, seine Platanen und seine Wiese, Spaziergang nach Tokat, ein Feiertagsabend am Bosporus, S. 381-383.

Das Lager zu Maslak, unterirdische Gänge dort entdeckt, S. 383-385.

Monastir Deressi, S. 385.

Die armen Seelen des Bosporus, S. 386.

Die Jasonsage, ein neuer Versuch ihrer Erklärung, S. 388.

Therapia, S. 393.

Die süßen Wasser von Asien, S. 394.

Ein Abend auf dem ~Quai de Bujuk-Dere~, S. 395.

Wallfahrt nach Belgrad zu den Erinnerungen an Lady Montague, S. 396.

Eine neue Gefahr der orientalischen Frage, S. 399.

VII. Athen. Rückfahrt und Rückblicke.

Abschied von Constantinopel und Schiffbruch im Hafen, S. 402.

Fahrt durch das Marmora-Meer, S. 403.

Im Archipel, Euböa, Cap Sunium und seine Tempelruine, Aegina, das attische Festland, poetische Abendfeier, neugriechische Unwissenheit altgriechischer Heldenthaten, S. 405.

Athen, unpraktische Anlage der neuen Stadt, baierisches Uebersehen der nationalen Eigenthümlichkeiten, Sonnenaufgang auf der Akropolis, der Zeustempel, das Dyonisische Theater, die Straße der Dreifüße, der Theseustempel, neuentdeckter antiker Friedhof, die Hügel zu Füßen des Burgfelsen, S. 409-418.

Stürme im äginetischen und adriatischen Golfe, Heimweh nach dem Orient und Vision seiner geschauten Herrlichkeiten, S. 419.

I. Hinreise.

Triest, Hôtel de la Ville, den 13. Mai 1864.

Briefe und die letzten Vorbereitungen füllten den gestrigen Tag. Müde und abgespannt, eigentlich krank und fiebernd stieg ich in Graz Abends 6 Uhr in den Eisenbahnwagen; erst da ich heute Morgens das Meer wieder sah und dem alten Lieblinge das freudige Θάλαττα! Θάλαττα! entgegenrufen konnte, ward mir wieder wohl in Leib und Seele.

Die Nacht war kalt gewesen, wie wenn dem Kalender zum Trotze der Winter noch fortdauere. Oder wollte sich die Heimath nur eindringlich dem Scheidenden in’s Gedächtniß heften? Umsonst die Angst, daß ich sie vergesse! es liegt ja die Nothwendigkeit der Rückkehr vor mir. Lange konnte ich den Schlaf nicht finden; dafür fand ich in der Ungestörtheit des Alleinseins mich selbst wieder, der sich in den Sorgen und Mühen der letzten Monate verloren hatte. Es ist das ein Vortheil des Reisens, daß es uns mit der Unabhängigkeit auch die unabweisliche Selbständigkeit gibt; herausgerissen aus der Bequemlichkeit der gewöhnlichen Verhältnisse, zwingt es uns die Gedanken und die Hilfe, die wir sonst rechts und links neben uns schon hergerichtet fanden, nunmehr in uns selbst zu suchen. Menschen, die sich bisher noch gar nicht kannten, haben sich oft am ersten Reisetage erst erkennen lernen. Ein Gang in die weite Welt ist die beste Schule für das Leben, und gerade für uns Kinder der Civilisation eine um so unentbehrlichere, als wir in stubenhockerischen Gewohnheiten den Contact mit der Natur verloren haben. Diese und sich selbst findet der verzogene Mensch dort wieder und so auch die Freiheit, die nur dort ist, wo der Mensch allein, oder wo er fremd unter Hunderten seines Gleichen steht.

Nach 6 Uhr erwache ich. Ich sehe den Karst, auf dessen Höhe wir fahren; die Sonne ist vom Regen versteckt, der die Steinfelder dieser Berge noch unwirthlicher als sonst erscheinen läßt. In Nabresina hält der Zug; die Bahn nach Italien trennt sich hier von der, welche den Karst hinab nach Triest führt. Der Bahnhof ist groß und zweckmäßig eingerichtet. Schon singt Alles das Italienische. Erfreut durch die bekannten Klänge beobachte ich das zu- und abströmende Gedränge. Ein Conducteur war mir darin aufgefallen, weil seine Blicke mich unablässig verfolgten. War der Mann ein Vertrauter der Polizei und hielt er mich für einen Flüchtling? Jetzt drängte er sich zu an die offene Wagenthüre, umfaßte meine Knie, er hatte mich erkannt! Es war Venerando, der Gondolier, der mich in Venedig immer geführt hatte. Wie aber auch hätte ich ihn, den zierlichen, schlanken Burschen, der mich so oft in der ärgsten Sommerhitze, nichts als ein Hemd und die leichte Hose an, nach dem Lido, nach den Inseln, nach Torcello oder nach San Francesco del Deserto gerudert hatte, in der steifen, zugeknöpften Eisenbahnuniform erkennen sollen? Früh Morgens schon klopfte er damals an meine Thüre. Ich wollte die Leute schonen und so verneinte ich die Absicht einer Fahrt. Er aber kannte die stille Neigung meiner Wünsche und aufopfernd wußte er mich bald zu überreden, mich ihm und seinem Genossen hinzugeben. Landeten wir dann nach stundenlanger Fahrt an einsam abgelegener Küste und hatte ich die Früchte, die ich mitgenommen, mit ihnen getheilt, so geleitete er mich in das Innere des Landes, dem Fremdlinge die herrlichen Reste einer abgestorbenen Kunst mit all’ dem Schönheitssinn und all’ der Liebe zu seinem Vaterlande zu erklären, die dem Südländer, und dem Italiener insbesondere, eigen sind. War ich müde geworden, so ruhten wir neben einander auf dem Strande aus, dem das Meer mit leicht aufschlagenden Wellen, die immer näher unsern Füßen kamen, vertraute Grüße aus entlegenen Fernen zubrachte. Sein fortwährendes Gelispel machte die Rede meines Venerando noch geschwätziger. Von Venedig erzählte er mir, das vor uns lag im Dufte gluthvoller Mittagssonne, von den Lagunen und von den Geheimnissen, die sich nächtlich darauf begeben; zuweilen auch, wenn ich ihm besonders geneigt schien, von sich und seinen Freunden und daß er schon einmal das Messer gezückt, weil man seinem Weibe zu nahe treten wollte. Ich hörte ihm immer mit regem Interesse zu; seine Worte waren gut gewählt und seine Stimme klang melodisch. Erst Abends, wenn die Sonne schon auf den schneeigen Gipfeln der Alpen ruhte, ruderte er mich zurück durch das purpurfarbene Meer nach der goldbethürmten, kuppelbedeckten Stadt. Mit mir trug ich kostbare Erinnerungen, die ich unvergeßlich festhalte und ihm treulich danke. Sein Gefährte hieß Beppo, aber er war vergleichsweise unbedeutend.

„Venerando“, rief ich auch heute meinem Freunde wieder, „wie ist es möglich, Du, der schönste, der schnellste Gondolier des ganzen Venedig, hier in diesem Kleide Conducteur einer Eisenbahn?“ -- „Konnt’ ich anders, Signore? Ich bin verheirathet, habe Kinder, und meine Frau meinte, ich solle von meinem mächtigen Dienstherrn das Fürwort zu einer Staatsanstellung erbitten. Das sei ein bleibender Verdienst, sichere mir das Alter, ihr und den Kindern sogar für den Fall meines Todes das Leben. Und ich liebe mein Weib über Alles, wie hätte ich ihr diesen Wunsch nicht erfüllen sollen?“ -- Ich begriff und schwieg, denn selbst ein Wort des Mitleidens wäre Kränkung gewesen. Der Mann fühlte ohnedem seine ganze Herabwürdigung tief genug, das zeigte seine Haltung und der niedergeschlagene Blick seiner Augen. Aber so sind die Weiber! das Höchste wie das Niedrigste können nur sie aus den Männern machen. Und doch gibt’s noch Eingebildete, die sich die Herren der Schöpfung träumen!

Ueber andere Dinge wechselten wir noch einige Worte, der Anklang an die frühere Zeit erheiterte sie; dann trennte uns die Pfeife und das Weitergehen des Zuges. Wir haben es uns nicht gestanden, aber er muß die Freude des Wiedersehens aus meinen Blicken wie ich aus den seinigen gelesen haben. Wozu auch reden, wenn die Augen aufrichtiger als alle Worte sprechen!

Gleich hinter Nabresina öffnen sich zwei Felsen, zwischen denen durch und über die vorliegenden Steinmassen hinab man sonst den ersten Blick aus das Meer (Miramar) hat. Heute erschienen dort nur undurchsichtige, regenhaltige Nebel. Aber wenige Windungen weiter, wie sie die Bahn so vielfältig über diesen Gebirgsrücken schlingt, jetzt eine die entschieden gegen Süden wendet, und übermächtig, durch keinen Nebel und durch keine Wolken, nicht durch Regen und auch durch die Nacht nicht mehr verbergbar liegt das Meer weit ausgebreitet, rechts unten an den Felsenhängen, Alles beherrschend, die Natur und unser Denken. Dunkle Farben kleiden es, aber auch so ist es groß, bezwingend in seinem Eindrucke; und wenn es noch düsterer, noch unfreundlicher wäre, von dieser Stelle gesehen, wird es mir immer nur entzückende Freude gewähren. Es haftet an diesem Puncte einer der beglücktesten Augenblicke meines Lebens. Ich hatte die See sonst nur im Norden gesehen, wo sie grau und kalt ist, und mir doch lieber als das Grün der Wiesen und der Schnee der Alpen geworden war, so lieb, daß ich nicht glauben wollte, daß sie irgendwo noch schöner erscheinen könne. Da zeigte mir ein warmer Julitag, es war Abends und die Sonne eben im Scheiden, von dieser Stelle das erste Mal das adriatische Meer. Ein Schrei des Entzückens und dann verlor ich im Schauen jede Besinnung. In Thränen löste sich die Freude auf, daß Gott so Herrliches geschaffen und daß er mir gegeben es zu sehen. Wie in dem Halbkreise eines Theaters ruhte das Meer in seinen Felsenmauern; tiefes Rothblau auf seiner Fläche, nur rechts hinüber, wo Venedig liegt, und in seiner Mitte, wo die Sonne in zerrissenen Wolken untertauchte, flüssiges Gold darauf. Von seinem Horizonte schossen breite, feurige Strahlen in die Kuppel empor, daß Himmel und Wasser wie in einem Brande glühten. Schiffe waren weithin zerstreut mit weißen und rothen Segeln, die mit lautlosem Leben die geweihte Stille des Bildes durchzogen. Von kleinen Wellen getrieben segelten sie und verrinnende Kreise schlugen hinter ihnen an die grünen Abhänge des Ufers. Links erschienen die ersten Lichter von Triest und das Leuchten seines Leuchtthurms.

Wer einmal ein solches Bild lebhaft in sich aufgenommen, dem wird es auch die geringste Mahnung ganz wieder lebendig machen. Das ist eben das Gottgesegnete solcher begeisterten Augenblicke, daß sie unvergeßliche werden. Der erste Eindruck kehrt an derselben Stelle immer wieder, verschönert und vergrößert, weil die Erinnerung ihn genährt hat. Und dabei sind die angenehmen Erinnerungen weit zäher in ihrer Lebensdauer als die unangenehmen. Es ist das auch eine der vielen Gottesgaben, die der Mensch unbewußt und gewöhnlich undankbar genießt. Er nimmt sie wie die Luft, die er athmet, und das Licht, das er sieht, als ein ihm Gebührendes, als etwas Alltägliches. Heute kam zu diesem Vergnügen noch die sichere Hoffnung hinzu, dieses befreundete Element, das Meer, nun durch Monate besitzen und es zu jeder beliebigen Minute schauen zu dürfen.

Um halb 9 Uhr stiegen wir im Bahnhofe aus; immer noch dieselbe dürftige Bretterbude. Nun, da ich in der Stube des Gasthofes sitze, hat der Regen aufgehört. Warmer Sonnenschein schlüpft durch die Fenster herein, den Süden und seinen Frühling kündend. Ich eile ein um das andere Mal vom Schreibtische weg auf den Balkon hinaus, die Luft, die ich in diesem Jahre noch nicht gekostet, in vollen Zügen zu athmen. Unten auf dem Quai ist dasselbe Gedränge und Geschrei wie ehemals und sogar die Blumenmädchen vom Jahre 1860 glaube ich zu erkennen. Die See weiter draußen, wo ich sie zwischen und über den Masten der vorliegenden Schiffe weg erspähe, ist dunkelblau geworden und an dem Himmel ziehen die Nebel in mächtigen Wolkenballen davon. Ein großer englischer Schraubendampfer gleitet eben am Molo di San Carlo vorüber nach der Darsena. Der Hafen erscheint mir leerer als sonst.

Abends fuhr ich auf der Straße nach Servola. Das Meer auf der einen Seite im rothen Abendlichte, auf der andern Seite links die Hügel mit Gärten und Villen bepflanzt, ist das einer der schönsten Spazierwege der Welt. Ich habe schon manche inhaltsvolle Stunde stiller Melancholie dort zugebracht; gewöhnlich waren es die letzten vor der Abreise.