Ein Parcerie-Vertrag Erzählung zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde
Part 9
Behrens schüttelte mit dem Kopf; er hatte sich den Besuch eines deutschen Consuls in den fernen brasilianischen Colonien anders gedacht, aber er gehorchte doch dem direct gegebenen Befehl, und trat im bloßen Kopf in die Thür, -- der andere Deutsche war gerade nicht zu Haus, sondern nach trockenem Holz in das nächste Dickicht gegangen, und Frau und Kinder drängten sich neugierig nach.
Draußen vor der Thür hielten die Reiter, Senhor Almeira, ein anderer Brasilianer aus Porto Seguro, wie sich später herausstellte, der Beamte des Hafens, und der fremde Deutsche, der sie augenblicklich mit einem freundlichen: »Guten Tag, ihr Leute, wie geht's?« anredete.
Es war ein noch junger, ziemlich elegant gekleideter Herr, in einem leichten, hellen Rock und einen großen, feinen Panamahut auf. Er trug eine goldene Brille und viele Ringe an den Fingern, und eine schwere, goldene Uhrkette. Er hatte auch ein gutmüthiges Gesicht und blaue Augen, und die Anrede allein gewann ihm schon die Herzen; lieber Gott, es waren ja die ersten deutschen Laute, die seit langer, langer Zeit zu den Ohren der armen Auswanderer drangen, und =der= Mann gerade sollte ihnen helfen.
»Ja, wie geht's, Herr,« seufzte Behrens, »was soll man da sagen. Gesund sind wir noch bis jetzt, Gott sei Dank, und gearbeitet haben wir rechtschaffen, und auch noch gerade keine Noth gelitten.«
»Nun, ich denke,« lächelte der Consul, »dann ließe es sich schon aushalten, und Ihr könntet immerhin antworten: =gut!= Ist das Eure Familie?«
»Ja, Herr,« erwiderte Behrens, »von dem =gut= ist's aber doch noch ein großes Stück weit weg, denn wir haben einen Contract, von dem wir kein Ende absehen können, und neulich hat uns der Herr da gesagt, daß wir im ganzen vorigen Jahre, trotz unserer schweren Arbeit keinen Pfennig verdient hätten, und also noch immer, wie früher, in seiner Schuld wären, und das ist doch entsetzlich hart.«
Der Consul erwiderte ihm nichts hierauf, sondern wandte sich an den ihn begleitenden Almeira, der ihm achselzuckend Einiges entgegnete, worauf der Deutsche langsam mit dem Kopf nickte.
»Eure Nahrung oder Kost habt Ihr doch immer reichlich erhalten?« frug er dann weiter.
»Ja, Herr,« sagte Behrens, »sie sollen uns auch wohl noch hungern lassen?«
»Und überarbeiten werdet Ihr Euch nicht?«
»Überarbeitet? man überarbeitet kein Pferd den einen Tag, wenn man es am nächsten wieder brauchen will -- übrigens können wir's ertragen. Aber ein Ende möchten wir doch wissen, wann wir je mit unserm Contract zu Ende kommen, denn auf die Art ist keins abzusehen, und wir sind am Ende gar auf Lebenszeit verkauft.«
»Aber, Leute, =verkauft= hat Euch Niemand,« sagte der Consul; »es war doch Euer freier Wille, als Ihr den Contract unterschriebt und auf ein Schiff gingt.«
»Das schon,« sagte Behrens bitter, »aber wir wußten damals freilich nicht, daß wir hier wie eine Heerde Schaafe auf offenem Markte ausgeboten und verauctionirt werden sollten.«
»Verauctionirt?«
»Ja wohl, Herr Consul; fragen sie die Andern, und im Hafen sind auch noch eine ganze Menge, die Ihnen das bezeugen können.«
»Hm,« sagte der Consul, »das -- das hat vielleicht nur so schlimm ausgesehen; aber ich werde mich darnach erkundigen. Habt Ihr Euch über sonst noch etwas zu beklagen?«
»=Sonst noch etwas?=« sagte Behrens, über diese Ruhe und Gleichgültigkeit erstaunt; »aber ich dächte, =das= wäre schon genug, wenn man unter den fremden Menschen für Nichts arbeiten soll, und noch nicht einmal die Aussicht hat, etwas zu bekommen. Doch das nicht allein; in unserm Contracte steht, daß ich ein Stück Land zu einem Garten soll angewiesen bekommen, und der Herr hat's mir auch schon versprochen; aber gekriegt haben wir's nicht, und werden's auch nicht kriegen, wenn Sie sich nicht der Sache annehmen und uns zu unserem Recht verhelfen.«
»Ich werde mir den Contract zeigen lassen,« sagte der Consul.
»Und dann,« fuhr Behrens fort, »=wie= wohnen wir hier? Wenn sie nur einmal von ihrem Pferd heruntersteigen wollten, Herr Consul, und sich den Platz ansehen -- bei uns daheim haben ihn die Kühe genau so, und wie die Neger wohnen, die nie ein anderes Leben gesehen haben, so sind wir auch einquartiert, wobei es nur ein reines Wunder ist, daß wir noch nicht Alle krank geworden.«
»Aber das Dach scheint doch dicht zu sein,« sagte der deutsche Herr, indem er einen Blick über das Gebäude warf, ohne jedoch der Einladung Folge zu leisten und näher zu treten.
»Dicht ist's,« sagte jetzt die Frau hinter ihres Mannes Schulter vor; »nur an der einen Ecke schlägt der Regen etwas herein; aber sonst gehören keine Menschen hinein, das weiß Gott -- aber Gott weiß hier eigentlich überhaupt nichts mehr von uns, denn in eine Kirche sind wir nicht mehr gekommen seit dem letzten Mal daheim, und wenn einer von uns krank wird, so fragt auch kein Arzt nach uns, und wenn wir sterben -- nun so kommen wir wohl auch in so ein Loch, wie das ist, wo hinein sie die Neger werfen.«
»Ihr guten Leute,« sagte der Consul, indem er auf seinem Sattel umherrückte, »Ihr scheint mir über Alles unzufrieden zu sein. Daß Ihr mitten im brasilianischen Urwald in keine Kirche gehen konntet, mußtet Ihr doch vorher gewußt haben. Macht nur Eurem Herrn das Leben nicht zu schwer.«
»Ja, =wir= machen's ihm schwer,« lachte der Mann bitter vor sich hin, »der hat sich zu beklagen. Sogar dafür, daß der Junge, der Pölke, ihm weggelaufen ist, wollte er uns verantwortlich machen, und dem seine Rechnung auf =unsere= Kosten ausgleichen -- aber da müßte ja doch keine Gerechtigkeit mehr auf der Welt sein, und das wollten wir einmal sehen.«
»Ihr dürft keinen Streit hier anfangen, Leute,« wehrte aber der Consul ab, »das kann Eure Lage nur verschlimmern -- ich will mit Senhor Almeira über all Eure Verhältnisse sprechen. Er ist ein sehr braver, billig denkender Mann; er wird sein Möglichstes thun, um Euch gerecht zu werden; verlaßt Euch darauf und fahrt nur ruhig und unverdrossen in Eurer Arbeit fort, ohne den Herrn durch Widersetzlichkeit zu reizen.«
»Ja wohl, Herr Consul,« sagte Behrens bitter -- »ungefähr sowie ich's mir gedacht habe -- es bleibt eben Alles beim Alten.«
»Das wollen wir erst sehen,« sagte der Consul, indem er sein Pferd wandte -- »ich werde mir Euren Contract vorlegen lassen und selber nachsehn. Ich bringe Euch dann noch Antwort, ehe ich gehe,« und zu den beiden Brasilianern hinüber reitend, die sich indessen mit einander unterhalten hatten, sprengten die drei Herren wieder zum Haus zurück, wo indessen, auf der schattigen Veranda, das Frühstück war servirt worden.
»Nun, Senhor,« lachte Almeira, als sie den Platz verließen, »haben sie Ihnen die Ohren recht voll geklagt?«
»Lieber Gott,« erwiederte der Consul, »ich bin schon daran gewöhnt. Die Leute sind nie zufrieden, wohin man sie auch bringt, weil sie mit zu großen Hoffnungen herüber kommen. Übrigens lassen sie sich leicht behandeln und mit ein wenig Nachsicht werden Sie gewiß mit ihnen fertig werden. Sie arbeiten doch fleißig?«
»Ich will mich darüber nicht beklagen,« sagte der Brasilianer gleichgültig, »wenn mir auch =ein= Neger gerade so viel fertig bringt, wie zwei Deutsche; wenigstens sind sie zuverlässig, und was die Hauptsache ist, trinken nicht.«
»Dürfte ich Sie nachher wohl einmal um den Contract bitten?«
»Ja wohl, mit dem größten Vergnügen, -- aber jetzt lassen wir die langweilige Gesellschaft, denn ich sehe, daß unser Frühstück bereit ist.«
In der luftigen Veranda des Hauses saßen die drei Herren allein bei allen Delicatessen, die das reiche Land erzeugte, lachten, plauderten und tranken den gekühlten Wein dazu. Drinnen in der elenden Negerhütte, den Kopf in beide Hände gestützt, saß Behrens, der deutsche Arbeiter, und stierte still und schweigend vor sich nieder, während Keines der Seinen auch nur ein Wort zu ihm zu reden wagte -- hatte man ihnen doch eben auch ihre =letzte= Hoffnung genommen.
Wie rasch der Herr Consul übrigens seine Inspectionen beendet, sollten sie schon am nächsten Mittag erfahren, wo Hannchen die Nachricht nach Hause brachte, daß der Deutsche mit Tagesgrauen den Platz verlassen habe, um in der Kühle einen Theil des Weges nach dem Hafen zurück zu legen. Aber in etwas schien er trotzdem für die Deutschen gewirkt zu haben, denn Mancal, der Mulatte, betrat bald darauf ebenfalls die Hütte, und theilte Behrens mit, er werde ihm heute Abend einen Gartenplatz anweisen, den er für sich benutzen und darauf bauen könne was er wolle. Es war ein einziger Lichtblick in ihr trauriges Dasein.
Und welchen Platz wies ihm der Gelbe an? -- ein Stück Wald neben der nächsten Kaffeepflanzung, etwa tausend Schritt von ihrer Hütte entfernt, und noch mit vielen hohen Bäumen bestanden. Wie mußte er da erst arbeiten, ehe er nur daran denken konnte den Boden zu benutzen. Doch murrte er nicht; er war selbst für das Wenige dankbar, und da ihm der Aufseher sagte, daß er sich da ausbreiten könne soweit er wolle, ging er mit seinen Kindern schon am nächsten Sonntag an die Arbeit, um das Ausroden zu beginnen.
Neuntes Capitel.
Die Folgen des Contracts.
Von da an gab es keine Sonntage mehr für die Familie, denn jeder freie Augenblick mußte benutzt werden, um ihren »Garten« in Stand zu setzen, und da sie Alle mit größtem Eifer angriffen, ja die nächste Familie ebenfalls dazugezogen wurde, um den Platz nachher gemeinschaftlich zu benutzen, rückten sie auch rasch vorwärts.
In zwei Monaten hatten sie schon die Bäume, die nothwendig gefällt werden mußten, umgeworfen und aus dem Weg gerollt, kleine Fruchtbäume konnten jetzt schon gepflanzt und der Boden hergerichtet werden, und noch zwei Monate, und ihr heiß ersehntes Ziel war endlich erreicht, -- der Gartenplatz wenigstens fertig und wurde nun besäet und besteckt.
Die gewöhnliche Arbeit ging indessen fort, wieder ein ganzes Jahr, -- aber die Frau fing an zu kränkeln, -- das feuchte und doch so heiße Klima sagte ihr nicht zu, und sie wurde häufig von Fiebern heimgesucht, -- auch das jüngste Kind wollte sich nicht recht kräftigen und machte ihnen viele Sorge.
Schweres Unglück hatte aber auch in diesem Jahr das Herrenhaus betroffen, denn Senhora Almeira war gestorben und von all ihren Sclaven und Dienern auf das Aufrichtigste beweint worden, -- nur nicht von ihrem Gatten, der sich die letzte Zeit fast gar nicht um sie gekümmert, und ihre Pflege allein der jungen Deutschen und einer alten, treuen Negerin überlassen hatte.
Hannchen führte indessen drüben die Wirthschaft im Hause, und zwei Monate etwa schien das gut zu gehen, -- da kam sie eines Mittags zu ihren Eltern mit verweinten Augen herüber, und erklärte, daß sie das Herrenhaus nicht wieder betreten würde.
Die Eltern frugen nicht weshalb, und als Mancal an dem Nachmittag herunter kam und sie wieder zu ihrem bisher besorgten Dienst schicken wollte, wies sie ihn mit so zornigen Worten ab und erklärte so bestimmt, nie wieder anders, als in Gemeinschaft mit ihren Eltern und Geschwistern zu arbeiten, daß er ordentlich scheu vor dem indessen hoch aufgeschossenen, bildschönen Mädchen zurücktrat und sie in der Hütte ließ. Von da ab wurde sie nie wieder in das Herrenhaus gerufen.
Senhor Almeira verließ am nächsten Tag seine Pflanzung. Sie sahen ihn nach dem Hafen zu reiten, und glaubten, daß er nur einen seiner gewöhnlichen Besuche dort abstatte, aber er kam nicht zurück. Woche nach Woche verging, Monat nach Monat, und er ließ sich nicht wieder da draußen sehen. Aber die Arbeit ging fort und Behrens, der indessen doch auch ein wenig Portugiesisch gelernt hatte, verlangte von ihrem Aufseher zu erfahren, wie ihre Rechnung stand. Dieser freilich zuckte die Achseln, und meinte, davon wisse er gar nichts. Sein Herr sei mit dem Dampfer nach Rio Janeiro gefahren und habe ihm nur den Befehl hinterlassen, die Arbeiten bis zu seiner Rückkunft in der gewöhnlichen Art fortzuführen. Er könne aber kaum mehr lange ausbleiben, und dann möge er mit ihm selber sprechen, -- bis dahin müßten sie sich gedulden.
Die Frau wurde indessen kränker, und Behrens verlangte einen Arzt. Mancal versprach ihm, nach der Stadt zu schicken, und am nächsten Tag ging auch ein Zug mit einigen vierzig Maulthieren dorthin ab, um den vorräthigen Kaffee nach dem Hafenplatz zu senden, -- aber es dauerte viele Tage, bis diese dort eintrafen, und als der Doctor endlich wirklich ankam, fand er Jammer und Thränen in der Hütte, aber keinen Patienten mehr.
Das Kind war zuerst gestorben und die Mutter, deren Zustand der furchtbare Schmerz nur noch verschlimmerte, ihm bald gefolgt.
Und wieder vergingen Monate -- Monate voll schwerer Arbeit, als Senhor Almeira eines Tages -- so plötzlich, wie er gegangen, auf sein Gut zurückkehrte und eine neue Frau, eine junge Französin, mitbrachte. Begleitet war er dabei von einer ganzen Gesellschaft von Herren und Damen aus Porto Seguro, und die Festlichkeiten nahmen kein Ende. Die Deutschen wollten jetzt mit ihm sprechen, aber wo hätte er Zeit gehabt sie anzuhören; sie wurden auf später vertröstet, und er ließ ihnen nur sagen, sie sollten sich beruhigen, ihre Zeit sei noch nicht um -- wenn sie es wäre, würde er es ihnen selber mittheilen.
Die Deutschen weigerten sich jetzt zu arbeiten, aber sie verschlimmerten nur dadurch ihren Zustand, denn Mancal drohte die Neger gegen sie zu bewaffnen und Militär aus der Stadt holen zu lassen; dazu wurde das frische Fleisch und Mehl zurückgehalten und die wenigen Menschen fühlten wohl, daß sie hier nichts mit =Gewalt= ausrichten konnten. Sie waren auch schon geistig wie körperlich so gebrochen, daß sie nicht wagten, es auf das Schlimmste ankommen zu lassen.
Senhor Almeira verkehrte von da an nie wieder selber mit ihnen, oder erwiderte nur selbst ihren Gruß, wenn sie ihm begegneten, und seine junge Frau dachte nur an Putz und Festlichkeiten. Sie waren auch nur selten zu Hause, denn das Leben auf der abgeschiedenen Hacienda mochte ihr wohl, als sie der Besuch verlassen, zu einsam sein. Bald ritten sie da, bald dort hin und dann kamen große Sendungen aus dem Hafen, ganze Maulthierzüge mit neuen Meublen, Tapeten, Geschirren und anderen Dingen, um die stille Pflanzerwohnung in einen Palast zu verwandeln.
Behrens der jetzt wohl fühlte wie sie mit ihrem Herrn standen, dachte auf Flucht -- aber er hätte doch nicht mit seiner ganzen Familie entfliehen können, und sollte er allein fliehen, um in der Hauptstadt des Landes Schutz und Recht bei seinen Landsleuten zu suchen, wie wäre es indessen den Seinen ergangen, und wie durfte er selber hoffen, ohne die geringsten Mittel die ferne Stadt zu erreichen? Es wäre ein verzweifeltes und völlig nutzloses Unternehmen gewesen.
So vergingen wieder anderthalb Jahr, in denen die Verschwendung des Brasilianers den höchsten Grad erreichte. Trotzdem gab ihnen sein Aufseher -- denn er selbst ließ keinen der Deutschen mehr vor sich -- nur immer auf alle Fragen die eine Antwort: Die Kaffeeernte habe nicht die erhofften Preise gebracht, und sie müßten sich noch gedulden. Allerdings klagte der andere Deutsche, der noch manchmal mit Transporten in den Hafen geschickt wurde, dem dortigen Kaufmann jedes Mal ihr Leid, aber auch der war nicht im Stande etwas für sie auszurichten, und sie sahen in der That ihres Jammers kein Ende.
Da geschah das Äußerste, was Behrens bis jetzt für möglich gehalten, denn der Mulatte kam eines Morgens zu ihm und kündigte ihm an, daß sein Garten, dem sie jetzt Jahre lang jeden Sonntag geopfert, nothwendig zu der Kaffeeplantage geschlagen werden müsse, an welche er stieß. Die Deutschen sollten aber dafür ein ebenso großes Stück Land dicht daneben angewiesen bekommen, um sich einen anderen herzustellen.
Behrens lief jetzt, wahrhaft außer sich, nach dem Herrenhause hinüber, und wäre in =diesem= Augenblick vielleicht zu Allem fähig gewesen. Herr und Madame aber waren den Morgen fortgeritten und wurden auch vor acht Tagen nicht zurück erwartet, und schon am nächsten Morgen stellte der Mulatte seine Neger an, um die als Umzäunung dienenden Hölzer fortzuschaffen, welche zwischen dem Garten und dem Cafezal lagen, und junge Kaffeebäume dicht neben einander dort einzupflanzen.
Als Behrens an dem Tag nach Hause zurück kam, ergriff ihn ein hitziges Fieber, das ihn Wochenlang an sein Lager gefesselt hielt. Er phantasirte dabei und fing ein paar Mal an so zu rasen, daß ein paar Negerburschen zu Hülfe gerufen werden mußten, um ihn nur zu bändigen. Endlich, nach einer der schlimmsten Nächte dieser Art, verhielt er sich ruhig, -- es war die Krisis gewesen, und als ihn der Arzt, der jetzt öfter, der jungen Frau wegen, auf die Hacienda kam und oft eine ganze Woche dort blieb, wieder besuchte, erklärte er ihn außer Gefahr und verordnete nur noch gute Pflege.
Behrens erholte sich in der That rasch, nur matt war sein Körper noch, und er hatte mit den Übrigen noch nicht wieder an die Arbeit gedurft. So saß er eines Tages bleich, abgemagert und zusammengebrochen, die Stirn mit einem Tuch umwunden, vor der Thür seiner Hütte im Schatten, und sog, seinen trüben und düsteren Gedanken nachhängend, an einer Apfelsine, als Pferdegetrappel laut wurde und ein einzelner Reiter den Weg herabsprengte, der auf das Herrenhaus zuführte. Als er den Mann dort vor der Hütte sitzen fand, zügelte er sein Pferd ein und frug, ob Senhor Almeira zu Hause sei.
»Ich weiß es nicht, Herr,« sagte der Deutsche in sehr gebrochenem Portugiesisch, »wir erfahren hier nichts davon.«
Der Fremde betrachtete ihn aufmerksam eine kleine Weile und sagte dann plötzlich in deutscher Sprache: »Seid Ihr etwa Einer von den deutschen Parcerie-Arbeitern auf der Hacienda?«
»Leider, Herr,« erwiderte Behrens, den nicht einmal die deutsche Sprache aus seiner Apathie aufrütteln konnte. Was lag auch daran, es war vielleicht wieder ein Consul, und was ihnen der vorige genützt, hatten sie erfahren.
»Leider?« frug der Fremde, blieb aber nicht auf dem Pferd sitzen, sondern stieg ab, hing den Zügel seines Thieres über den nächsten Baumzweig, und trat näher zu dem Deutschen. »Ihr seid krank, Freund?«
»Ich =war= krank, Herr; jetzt geht es, Gott sei Dank, etwas besser, bin aber doch noch zu schwach zum Arbeiten und deshalb hier allein in der Hütte zurückgeblieben.«
»Ist das Eure Wohnung?«
»Ja, Herr.«
»Und wie lange haust Ihr jetzt schon etwa hier?«
»Es wird nahe an die sechs Jahre gehen.«
»Sechs Jahre? Das ist eine lange Zeit. Und habt Ihr Euch indessen was Ordentliches verdient?«
»Verdient?« frug der Mann, und ein eigenes, trübes Lächeln zuckte um seine Lippen, »wenn wir nicht noch in =Schulden= wären, brauchten wir wenigstens nicht länger unter einem Mulattenaufseher zu arbeiten, wie die anderen Sclaven auch.«
»So?« sagte der Mann, und sah ihn rasch und aufmerksam an, »und habt Ihr fleißig gearbeitet in der Zeit?«
»Wie wir's von daheim gewohnt waren, Herr, -- wir haben als rechtschaffene Leute unsere Pflicht gethan. Der einzige Fehler war nur, daß ich meinen Namen unter eine Schrift auf ein Stück Papier setzte. Ich wußte wohl, was drin stand, aber doch nicht so recht, die Sache hatte einen kleinen Haken, und was mir gute Menschen darüber sagten, glaubte ich nicht, -- oder doch wenigstens nicht, daß andere Menschen so =schlecht= sein könnten. Mit meinem Namenschreiben habe ich damals mich und meine Familie für ewige Zeit verkauft, -- verauctionirt wurden wir auch gleich, so wie wir nur nach Brasilien herkamen.«
»So?« sagte der Fremde wieder und sah dabei still vor sich nieder, »und habt Ihr vielleicht das Papier oder eine Abschrift davon bei der Hand, auf daß Ihr Euren Namen gesetzt?«
»Nein, Herr, das Papier haben sie uns abgenommen; es war auch eigentlich nicht für uns, sondern für den =Käufer=; aber mein Name steht richtig darauf und jetzt ist an der Sache nichts mehr zu thun, wie sie mir es auch in Deutschland vorhergesagt. Wir =sind= einmal verkauft und bleiben verkauft.«
Der Deutsche schwieg; er hatte sich neben Behrens -- sehr zu dessen Verwunderung -- auf die Bank gesetzt und sah still vor sich nieder, endlich frug er: »Wie viel seid Ihr Eurer?«
»Nun,« sagte der Mann, »ein Paar wenigstens haben's schon hinter sich. Jetzt sind wir noch unser Fünf.«
»Ist Jemand von Euch gestorben?«
»Nur die Mutter der Kinder, Herr, -- es hat nicht viel zu bedeuten,« lachte Behrens bitter vor sich hin, »und dann das Jüngste, -- war ein kleiner, lieber herziger Kerl und unser Aller Freude, -- jetzt ist ihm wohl; er hat's überstanden, und wir -- werden's ja mit Gottes Hülfe auch einmal überstehen.«
Der Fremde sprang von seinem Sitz auf und ging ein paar Mal mit raschen Schritten vor dem Mann auf und ab.
»Und hat Niemand in der ganzen langen Zeit nach Euch gesehen?« sagte er nach einer Weile.
»O ja, doch,« lautete die Antwort, »es war einmal ein deutscher Consul hier, sind aber schon viele Jahre her, ein sehr vornehmer Herr; dort an derselben Stelle, wo Sie Ihr Pferd angebunden haben, da hielt er, und wir durften wohl eine halbe Stunde mit ihm sprechen. Nachher habe ich freilich nichts weiter von ihm gesehen; er hatte wohl viel zu thun und konnte sich nicht so lange um solche arme Teufel bekümmern.«
»Er stieg gar nicht vom Pferde?«
»O ja, doch, -- oben beim Haus, und da haben sie mitsammen gegessen und getrunken.«
»So? Ja, lieber Freund,« sagte der Fremde, »dann will ich nur auch einmal zum Haus hinaufreiten, -- aber ich komme wieder,« setzte er hinzu, als er den schmerzlichen Blick bemerkte, den der Mann ihm zuwarf, und damit trat er zu seinem Pferde, warf den Zügel ab und sprengte zum Haus hinauf.
»Das hat der Andere auch gesagt,« nickte Behrens vor sich hin, »ich komme wieder, -- ich glaube, es waren genau dieselben Worte, aber er soll heute noch wieder kommen. Ja, wenn ich nur an dem unglückseligen Tag nicht meinen Namen unterschrieben hätte.«
Es dauerte aber in der That nur wenige Minuten, als er das Pferd schon wieder hörte. Es war der Fremde, der aus dem Sattel sprang und dabei ausrief: »Das ist eigentlich schneller gegangen als ich dachte, aber vielleicht auch besser so. Euer Herr ist nicht zu Haus, -- er ist einmal hinaus zu seinen Arbeitern geritten und unter der Zeit können wir mitsammen plaudern: Übrigens habe ich hier in meiner Satteltasche noch eine halbe Flasche Wein, -- ein Glas Wein, sollte ich meinen, müßte Euch gut thun, -- es ist vortrefflicher Medoc. Habt Ihr ein Glas im Haus?«
»Eins muß noch da sein,« sagte Behrens, ganz bestürzt über das Anerbieten, »die meisten haben die Kinder freilich in den langen Jahren zerbrochen, aber eins war neulich wenigstens noch ganz. Wir brauchen sie hier nicht viel; wir trinken unser Wasser aus den Kalebassen, und die wachsen ja glücklicher Weise an den Bäumen.«
Er war aufgestanden und in das Haus gegangen, kam auch gleich darauf mit dem gefundenen Glas zurück und der Fremde betrachtete sich indessen, in der Thüre stehend, den öden inneren Raum.
In diesem Augenblick kam ein junges Negermädchen, was es nur laufen konnte, den Weg entlang vom Herrenhaus herunter, und redete, ganz außer Athem, den Fremden an.
»O, Senhor, -- die Senhora läßt Euch bitten, zum Haus zu kommen, der Herr muß gleich zurückkehren; die Senhora ist sehr böse, daß die anderen dummen Schwarzen den fremden Herrn wieder fortgeschickt haben.«
»Sage Deiner Senhora, mein Töchterchen,« erwiderte der Fremde, »daß sie mich gar nicht fortgeschickt hätten, ich wäre von selber gegangen, weil ich hier mit dem Mann etwas zu sprechen habe. Wenn es mir die Senhora erlaubt, werde ich ihr nachher meine Aufwartung machen.«
»Aber das Frühstück steht auf dem Tisch, Senhor.«
»Ich danke Dir, mein Kind, ich habe schon gefrühstückt,« und dabei schenkte er Behrens ein Glas Wein ein, und reichte es ihm.
Das kleine Negermädchcn sah vor lauter Erstaunen mit offenem Munde zu. Der fremde Senhor gab dem »weißen Nigger« Wein; so etwas hatte sie noch nie erlebt, und noch viel rascher, als sie von dem Haus herunter gekommen, lief sie dorthin zurück, um die merkwürdige Neuigkeit zu erzählen.