Ein Parcerie-Vertrag Erzählung zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde

Part 4

Chapter 43,848 wordsPublic domain

»Ach, da kommt er selber,« rief Herr Meier, der dabei zugleich hinter das Schreibpult an seinen Platz glitt und die Feder eintunkte; auch der Kleine war blitzschnell an seinen »Marterpfahl« gefahren, wie er den Ort, wo er zu arbeiten hatte, gewöhnlich nannte, wenn der Principal nicht zugegen, und beide jungen Leute schienen, als der Agent im nächsten Augenblick das Zimmer betrat, so emsig mit dem Copiren einiger Briefe beschäftigt, daß sie sein Kommen fast gar nicht bemerkten.

»Herr Kollboeker,« sagte Meier, von seinem Brief aufsehend, »da ist Behrens aus Groß-Emmen, der schon eine Weile auf Sie wartet, und Sie zu sprechen wünscht.«

Herr Kollboeker, der, ohne seinen Hut abzunehmen in das Zimmer getreten war und sehr eilig zu sein schien, sah über die Achsel nach den beiden Leuten hinüber und nickte, während er ein Packet Schriften auf den Tisch legte: »Oh, Behrens, das ist gut daß Ihr heute herein gekommen seid; es wird die höchste Zeit, und ich glaubte schon, Ihr wolltet Euch die Gelegenheit entschlüpfen lassen, ein brasilianischer Pflanzer zu werden.«

»Ja, Herr Kollboeker, -- ich möchte Sie nur noch um Eins fragen,« sagte der durch das geschäftsmäßige Benehmen eingeschüchterte Mann. Herr Kollboeker hörte aber vor der Hand nicht auf ihn.

»Sind Briefe angekommen während ich fort war?«

»Ja, Herr Kollboeker,« sagte Meier, mit der Feder nach den auf dem Pult liegenden deutend.

Der Agent nahm sie in die Hand, es waren drei, -- einen davon warf er wieder zurück. »Wie oft habe ich Ihnen schon gesagt, daß unfrankirte Briefe refüsirt werden.«

»Ich habe das Porto noch nicht dafür gezahlt.«

»Gut, er geht zurück, -- das fehlte auch noch: man hat mit den Geschäften anderer Leute schon Auslagen genug an Geld. Nun, Behrens, was wolltet Ihr mir sagen?« frug er den Mann, ohne ihn aber anzusehen, denn er hatte den einen Brief erbrochen und fing an, darin zu lesen.

»Ja, Herr Kollboeker, -- wegen des Contracts wollte ich Ihnen gern noch etwas sagen, -- denn eigentlich ist es doch gar kein Contract, sondern nur eine Verpflichtung --«

»Nun, steht das nicht auch darüber?« frug der Agent, ohne von seinem Brief aufzusehen.

»Ja, allerdings, -- aber -- ich habe da mit einem Herrn Doctor gesprochen, und der meinte --«

»So? mit einem Herrn Doctor?« frug Kollboeker, den Mann ansehend, »und war der Herr schon einmal in Brasilien?«

»Nein, in Brasilien war er noch nicht.«

»Aha, und was weiß er denn nachher davon?« rief der Agent, »etwa mehr als =wir= hier, die täglich Briefe und Zeitungen von dorther bekommen, und das Land so genau kennen, wie unsere eigenen Taschen, heh?«

»Aber der Herr Frommann, unser Rittergutspachter --«

»=Der= hat Euch abgeredet, fortzuziehen, nicht wahr?« rief Herr Kollboeker triumphirend aus, »na, das versteht sich doch von selbst, denn daß es =den= Herren nicht recht ist, wenn ihre =Knechte= selber einmal =Herren= werden, läßt sich denken. Wo sollen sie denn nachher die Arbeiter hernehmen, wenn die Leute erst merken, daß sie nur über See zu fahren brauchen, um selbständige Guts=besitzer= zu werden, nicht blos Pachter. Also der hatte auch etwas dagegen einzuwenden? Es ist doch wirklich merkwürdig, was es für gescheidte Leute auf der Welt giebt,« und verächtlich mit dem Kopf schüttelnd, fuhr er in der Lectüre seines Briefes weiter fort.

»Abgeredet hat er mir eigentlich nicht«, sagte Behrens, »aber der Herr Doctor meinte, es wäre eigentlich gar kein Contract, und dann besonders die Stelle, wo von der ganzen Zeit und Aufmerksamkeit steht --«

»Kein Contract?« fuhr aber jetzt Herr Kollboeker auf -- »so soll ich mich etwa heute auch noch mit Euch herumärgern, heh? -- Was ist denn das, wenn Einer das Geld hergiebt und der Andere verspricht nachher dafür zu arbeiten, bis es abverdient ist, heh? -- Was sind denn Eure Miethcontracte auf dem Lande, wo so ein armer Teufel von Ochsenknecht lumpige achtzehn oder zwanzig Thaler für's ganze =Jahr= bekommt und sich dafür das ganze geschlagene Jahr von Morgens früh drei oder vier Uhr bis Abends Glock sieben schinden und plagen und das Fleisch von den Knochen herunterarbeiten muß? Sind die etwa was Anderes und findet Ihr hier nur einen einzigen von all den großmäuligen Rittergutsbesitzern und Pachtern, die Euch nur so viel hundert =Groschen= vorschössen, um Euch zu einem bessern Leben zu verhelfen, als Ihr hier =Thaler= bekommt? Hab' ich Recht oder nicht?«

»Ach ja, Herr Kollboeker, wahr ist's schon und läßt sich Nichts dagegen einwenden; wenn man nur einmal zehn Groschen Lohn voraus haben will, so muß man vor Gott und nach Gott darum bitten, und kriegt's dann gleich in der nächsten Woche wieder bei Heller und Pfennig abgezogen.«

»Na also -- und was wollt Ihr sonst noch?«

»Ja«, sagte Behrens verlegen -- »eins liegt mir doch noch auf dem Herzen, und ich wollte Sie dringend darum gebeten haben.«

»Und das ist?« frug Herr Kollboeker, indem er den zweiten Brief hernahm und aufbrach.

»Ich wollte doch gern,« fuhr Behrens der sich ein Herz faßte, fort, »so nah wie möglich dorthin nach Brasilien kommen, wo mein Bruder drüben ist.«

»So? Ihr habt schon einen Bruder drüben? und wo steckt denn der?«

»In der Colonie Blumenau.«

»Na da geht doch hinüber,« meinte Herr Kollboeker kurz -- »es hindert Euch Niemand daran. Dorthin gehn immer Schiffe.«

»Wo man seine Passage auch abarbeiten kann?« frug Behrens rasch.

»Ne,« lachte Herr Kollboeker, daß das kleine Comptoir dröhnte -- »wenn Ihr direkt dahin wollt, müßt Ihr Eure Passage selber bezahlen. Aber seid Ihr unbehülfliches Volk,« rief er, indem er seinen Brief auf das Pult warf und sich gegen die an der Wand hängende kleine Weltkarte wandte. »Seht einmal hier,« fuhr er fort, und zeigte mit seinem Finger auf einen Platz auf dem Behrens gar Nichts erkennen konnte, als buntgemalte aber ihm vollkommen unverständliche Linien »hier ist Blumenau wohin =Ihr= gern wollt, und wo Euer Bruder sein soll, und hier gleich darüber, kaum mehr wie ein =Zoll= davon entfernt, fängt die Provinz Minas Geraes an, wohin Euer Contract lautet, nachdem Ihr unentgeldlich hinübergeschafft werdet.[3] Verlangt Ihr =noch= mehr? und wenn Ihr dort Eueren Contract abgearbeitet und Geld in der Tasche habt, hindert Euch denn etwa wer, die kurze Strecke da hinunter zu gehen und Euch anzusiedeln wo Ihr Lust habt? -- Es ist rein zum Verzweifeln wenn Menschen etwas nicht einsehen wollen, was =so= sonnenklar auf der offenen Hand liegt.«

»Aber der Herr Doctor,« sagte Behrens schüchtern, »meinte, die Provinz wäre so sehr groß.«

»Na, wenn Euch das genirt, ob die Provinz groß oder klein ist,« rief Herr Kollboeker, indem er wieder zu seinem Pult ging, »dann bleibt doch meinetwegen in Deutschland -- was liegt =mir= dran. Der Herr Doctor wird dann wahrscheinlich für Euch sorgen, damit es Euch hier an Nichts fehlt und Ihr leben könnt, wie der liebe Gott in Frankreich.«

»Ja du lieber Gott,« seufzte der Mann, der damit an sein Elend zu Haus erinnert wurde -- »für Unsereinen sorgt auch Jemand, wenn wir es nicht selber thun können. Also Sie meinen wirklich, daß es nicht so weit von da wäre, wo mein Bruder ist?«

»Na, =ich= habe die Karte doch nicht gemacht,« sagte Herr Kollboeker, »die lassen die Regierungen selber ausarbeiten und was da drauf steht, =ist= richtig und muß richtig sein -- Und ist sonst noch etwas, das Ihr auf dem Herzen habt?«

»Ja sehen Sie, Herr Kollboeker,« sagte Behrens, da der Agent das Erstere als beseitigt zu betrachten schien, »wenn Sie nur einmal so gut sein wollten, den letzten Satz durchzulesen, der da im Contract steht. -- Bitte schön.«

»Nun was ist mit dem?«

»Ja, da steht, so lange der Contract dauerte, sollten wir Alle mit einander für unsern Brodherrn in einem fort arbeiten?«

»Nun? -- versteht sich denn das nicht von selbst?«

»Ja, in der Woche gewiß -- aber doch Sonntags« --

»Dummes Zeug -- glaubt Ihr denn, daß in Brasilien Sonntags gearbeitet wird?« rief Herr Kollboeker -- »das ist ja ein streng katholisches Land und hat noch außerdem eine Masse Fest- und Feiertage, die Euch ebenfalls zu Gute kommen --«

»Danke Ihnen,« sagte der Mann -- »aber von einem Gärtchen steht kein Wort drin, -- ein klein Stückchen Land müßte unser Einer doch haben, damit er sich selber ein wenig Gemüse bauen und ein paar Hühner und Schweine halten könnte. Das haben wir ja sogar hier in Deutschland gehabt, wo das Land so theuer ist.«

»Du lieber Gott,« lachte Herr Kollboeker gerade heraus -- »das macht Euch doch etwa keine Sorge -- ein Stück Land, wo der ganze Acker ein paar Thaler kostet? Lieber Freund, das sollt Ihr haben, und das will ich Euch, auf eigene Verantwortung auch noch in den Contract setzen, in sofern Euch das beruhigen sollte. Gebt einmal her -- da ist ja gleich noch Platz. »Der besagte Carl Gottlieb Behrens erhält von seinem neuen Brodherrn auch noch ein Stück Land zur eigenen Bebauung angewiesen, um sich darauf einen Garten anlegen zu können.« So, seid Ihr jetzt damit zufrieden?«

»Ich danke Ihnen recht vielmals, Herr Kollboeker, damit ist mir ein großer Stein vom Herzen. Wissen Sie, unser Einer ist an sein kleines Gärtchen gewöhnt, und es würde uns hart anthun, wenn wir es in dem fremden Land missen sollten.«

»Ei versteht sich von selbst, Behrens, versteht sich von selbst; aber Ihr müßt mich entschuldigen -- ich habe noch sehr viel zu thun. Wenn Ihr also weiter nichts zu bemerken habt, so könnt Ihr ja den Contract unterschreiben und da lassen -- da ich doch morgen Briefe nach Antwerpen schicke.«

»Ja, Herr Kollboeker,« sagte Behrens etwas bestürzt, denn das kam ihm zu rasch, und so weit war er noch nicht einmal mit sich im Reinen, ob er überhaupt gehen wollte oder nicht, »so geschwind geht's doch freilich nicht. Es ist gar so ein wichtiger Schritt, den ich vorher noch reiflich mit meiner Alten überlegen möchte.«

»Na ich dächte, Ihr hättet Zeit genug zum Überlegen gehabt, aber wie Ihr denkt; =ich= wäre der Letzte der Euch dazu drängte, denn was hab =ich= dabei, ob Ihr geht oder da bleibt; mir kann's einerlei sein. So überlegt Euch denn meinetwegen die Sache noch eine ganze Woche lang, bis Ihr selber abreist, und wenn Ihr wollt, könnt Ihr den Contract auch erst in Antwerpen selber unterschreiben, wenn Ihr einmal das Schiff gesehen habt. Das bleibt sich gleich, und bei uns geht Alles offen und ehrlich zu, aber in =einer= Sache kann ich Euch nicht helfen, wenn Ihr überhaupt mitwollt, -- heute ist Mittwoch, bis morgen Abend spätestens muß Euer Gepäck, was Ihr unterwegs mitnehmen wollt, d. h. die großen Kisten, hier sein. Kleinigkeiten könnt Ihr bei Euch behalten, denn übermorgen früh mit dem Packzug um acht Uhr, geht Alles, was =ich= zu befördern habe, nach Antwerpen ab, um gleich verladen zu werden.«

»Morgen Abend schon?«

»Ja, =spätestens=,« sagte Herr Kollboeker, »denn wegen Euch allein und extra kann ich doch keine Fracht abschicken; das sieht ein Kind ein. Alles was später kommt, müssen die verschiedenen Eigenthümer auf ihre eigenen Kosten transportiren lassen, und =viel= später hilft's ihnen nicht einmal mehr was, denn wenn das Schiff erst einmal geladen ist, dann werden die Luken zugemacht und versiegelt, damit unterwegs nichts wegkommen kann, und dann wird keine Fracht mehr angenommen. -- Sind Sie denn noch nicht mit den paar Briefen fertig, Meier, das dauert ja eine wahre Ewigkeit.«

»Wir hatten so viel Abhaltung, Herr Kollboeker.«

»Ja, ich kenne Eure Abhaltung schon, -- Maulaffen feil halten, wenn ich den Rücken drehe. Eilen Sie sich ein bischen; in einer Viertelstunde bin ich wieder zurück, damit ich sie dann unterschreiben kann. -- Also bis morgen Abend vor sieben Uhr, Behrens, denn pünktlich um sieben Uhr wird zugemacht. Bei mir geht Alles auf die Minute, und muß auch bei einem solchen Geschäft so gehen. Also auf Wiedersehen, Behrens. -- Apropos, will der junge Mensch, den Ihr da bei Euch habt, auch mit?«

»Nein, Herr Kollboeker, das ist nur ein --«

»Na, gute Nacht Behrens, gehabt Euch wohl,« und ohne sich weiter um die Beiden zu bekümmern, verließ der Agent das Haus, es Behrens anheimgebend seine weiteren Maßregeln zu treffen, wie es ihm beliebe, -- er wußte, daß das Gift jetzt wirkte.

Behrens war das gar nicht recht, denn er hätte am liebsten noch eine längere Zeit zum Überlegen frei behalten, auch wohl gern noch einmal mit dem Doctor gesprochen, und Andres, der bei der ganzen Unterredung auch nicht eine Sterbenssylbe gesagt oder gar einen Rath gewagt hatte, ging auch mit zurück. Der Doctor war aber noch nicht nach Hause gekommen, und Niemand wußte wann er wieder kam, da er, sehr ungleich dem Agenten Kollboeker, nichts auf die bestimmte Minute that, und in seinem Beruf auch nicht thun konnte.

Es war dabei schon spät geworden und Behrens mußte an den Heimweg denken, wenn er nicht in stockfinsterer Nacht nach Hause kommen wollte. Er nahm sich deshalb auch kaum Zeit, ein paar Bissen Brod und Käse mit Andres, der hier in gutem Verdienst stand, in der nächsten Restauration zu essen und ein Glas Bier dazu zu trinken, was ihm sein Vetter aufnöthigte, -- dann wanderte er mit schwerem Herzen und von Zweifeln gequält den langen Weg nach Groß-Emmen zurück, um mit seiner braven Frau zu berathen, was sie nun thun, -- ob sie bleiben und das bisherige karge Leben, das ihnen nur Noth und Mangel gebracht, fortführen oder auswandern sollten in ein fremdes, weit gelegenes Land, um die Heimath nie -- nie wiederzusehen.

Und was hatte ihnen das Vaterland eigentlich bis jetzt geboten? Lieber Gott, sie verlangten ja wahrlich nicht viel, -- nur =leben= wollten sie, -- nur nothdürftig leben und sich satt essen und nicht ewig in Sorge und Angst sein, um das Nothdürftigste für sich und die Kinder herbeizuschaffen. Aber selbst das war der Mann in der letzten Zeit -- und da noch ein Kind dazu gekommen -- nicht mehr im Stand gewesen, zu erschwingen. Kinder sollten ein Segen sein, und sie wurden ihnen hier zur drückendsten Last, während noch außerdem die Frau an zu kränkeln fing, da sie in ihrem schwächlichen Zustand jeder stärkenden Nahrung und kräftigen Kost entsagen mußte.

»=Schlimmer= kann es dort auch nicht sein,« lautete auch zuletzt das Resultat der langen Verhandlung zwischen den beiden Gatten; schlimmer =kann= es nicht kommen, denn zu essen und zu trinken werden wir doch in dem fremden Lande haben und -- wir brauchen nicht zu fürchten, daß unsere Kinder =betteln= gehen müssen, wenn ihnen der Vater einmal plötzlich wegsterben sollte.

Es ist das jene furchtbare Aussicht, die Tausende von braven, wackeren Menschen hinaus aus Deutschland in ein fernes Land treibt, und mit wie schwerem Herzen gehen sie fort! -- O, wie gern, -- wie gern wären sie daheim geblieben.

Viertes Capitel.

Die Abreise.

Am nächsten Tag hatte Behrens und seine Familie alle Hände voll zu thun, um ihr weniges Eigenthum in Kisten zu packen. Behrens war an dem Morgen wieder zweifelhaft geworden was er thun sollte, denn die Warnungen des Doctors und selbst Herrn Frommann's Einwürfe fielen ihm wieder ein und ließen ihn fast die ganze Nacht nicht schlafen -- aber das Gepäck =mußte= fort, der Agent hatte es ihm ja gesagt, wenn er nicht die ganze Fracht dafür bezahlen wollte, und wie wäre er das im Stande gewesen? Mußte er nicht sogar das mühsam aufgefütterte Schwein, seine paar Hühner und manches Andere verkaufen, um nur ein paar Thaler in die Hände zu bekommen und die nöthigsten Ausgaben damit zu decken?

Herr Frommann vom Gut ließ ihm die Sachen in die Stadt fahren, oder gab ihm vielmehr einen Rüstwagen und ein paar Pferde dazu, daß er es selber besorgen konnte, und Herr Kollboeker stand schon in der Thür und wartete darauf, besorgte auch sogleich, daß sie mit anderen, schon dort stehenden Kisten an den Bahnhof gefahren wurden. Er hatte einen besonderen Waggon für seine Güter genommen, die augenblicklich eingeladen und noch mit dem nächsten Zug befördert wurden.

Nach dem Contract frug ihn der Agent aber gar nicht wieder, das hatte Zeit und drängte nicht, denn =jetzt= waren ihm die Leute sicher genug. Ihr ganzes Gepäck hätten sie doch nie im Stich gelassen.

Behrens fuhr still und schweigend, ohne nur ein einziges Mal in der Stadt einzukehren, nach Groß-Emmen zurück, und scheute sich fast seine eigene Wohnung zu betreten, so wüst und leer sah es an dem Abend darin aus.

Nur die nothwendigsten Betten für das Kind hatten sie zurückbehalten; für die andere Familie war Stroh im Schlafzimmer aufgeschüttet worden, das ihm der Pachter ebenfalls geborgt. Es that ihm leid einen braven Arbeiter zu verlieren, denn er hatte Behrens immer gern gehabt, hütete sich aber auch wohl, ihm von dem, wie es schien fest gefaßten Plan abzureden, denn wäre es ihm später einmal schlecht gegangen, so hätte er sich am Ende gar, wenn auch noch so ungerechten Vorwürfen ausgesetzt, der Familie in ihrem »Glück« hinderlich gewesen zu sein. Es war das eine Sache, die Jeder mit sich selber ausmachen, aber dann auch selber vertreten mußte.

Den Freitag und Sonnabend hätte Behrens gern noch mit auf dem Gut gearbeitet, um wenigstens die paar Tage Lohn zu verdienen -- aber es ließ ihm keine Ruh. War es, daß er jetzt ein paar Thaler in der Tasche hatte -- war es das Gefühl, nun bald für immer von so vielen lieb gewonnenen Plätzen Abschied nehmen zu müssen, aber rastlos wanderte er am nächsten Tag von Fleck zu Fleck, bald hinaus auf das Feld, bald zum Schulmeister, bald zum Kirchhof, wo seine Eltern und ein vor drei Jahren gestorbenes Kind ruhten, und wohl eine volle Stunde lang saß er auf dem nächsten Hügel der das kleine Dorf überschaute, und blickte hinab auf die Häusergruppe mit ihren rothen Ziegeldächern, auf den alten Kirchthurm, die Pfarrwohnung und seine eigene kleine Hütte, in welcher er so viele, viele traurige Stunden, aber doch auch wieder manche glückliche verlebt, und gerade diese gingen jetzt an seinem inneren Geiste vorüber.

Am Feierabend kamen nachher viele der frühern Kameraden zu ihm, um mit ihm über Brasilien zu sprechen -- =er= mußte es ja doch jetzt wissen, denn er ging hin in das weite, fremde Land; aber ihm selber war viel zu weh ums Herz, als daß er einem Andern hätte zureden mögen, einen gleichen Entschluß zu fassen; er blieb einsilbig und niedergeschlagen, und der Besuch ging unbefriedigt fort.

Es ist eigenthümlich, mit welcher fabelhaften Zähigkeit die menschliche Seele an alt Gewohntem hängt, und wir verlassen mit fast eben so schwerem Herzen einen Ort, in dem wir uns elend gefühlt, und aus dem wir uns tausend und tausend Mal hinausgesehnt, wie eine Stelle, die nur glückliche Erinnerungen für uns trägt.

Am nächsten Morgen ging Behrens noch einmal in die Stadt, um mit Herrn Kollboeker die genaue Abfahrtszeit zu besprechen und noch Manches über das fremde Land, und wie er sich besonders in der Seestadt zu benehmen habe, zu erfragen. So redselig Herr Kollboeker aber auch früher über Brasilien gewesen war, als es noch galt die Lust zur Auswanderung in dem Mann rege zu machen, so wenig Zeit hatte er jetzt sich mit ihm einzulassen.

»Mein lieber Freund,« sagte er, in seinem Comptoir zwischen einer Unzahl von Papieren herumkramend -- »Sie kommen mir heute =sehr= ungelegen. Die Abfahrtszeit wissen Sie jetzt -- Sie müssen Sonntag Morgen Punkt halb Zwölf =spätestens= hier am Bahnhof sein, denn um zwölf Uhr zwanzig geht der Zug. Auf Weiteres kann ich mich aber für jetzt nicht einlassen, denn ich habe bis zur nächsten Post noch einige zwanzig Briefe zu schreiben und zu dictiren.«

»Aber meinen Contract --«

»Den nehmen Sie mit nach Antwerpen. Dort am Bahnhof wird Jemand sein der Sie empfängt, und dort erfahren Sie auch Alles, was Sie zu wissen brauchen. Bitte, Meier, stellen Sie sich einmal dahin und schreiben Sie, damit wir das nur endlich fertig kriegen.«

Behrens ging; er sah ein, daß er den so sehr beschäftigten Herrn Kollboeker heute nicht stören dürfe. Er schüttelte den Kopf; der Mann war früher so herzlich und theilnehmend gegen ihn gewesen, und jetzt auf einmal so kalt und vornehm -- aber du lieber Gott, er hatte wohl den Kopf voll -- zwanzig Briefe -- das war keine Kleinigkeit und er wußte recht gut, welche Mühe und Arbeit es seiner sonst in Allem so flinken Frau gemacht, wenn sie nur einmal einen einzigen hatte schreiben müssen.

Wie er die Straße langsam und traurig hinunterschritt, begegnete er dem Doctor, der ihn augenblicklich wieder erkannte.

»Heh?« sagte er, indem er stehen blieb, »ist das nicht unser Brasilianer? -- Nun, wie ist's? Den Contract habt Ihr doch nicht unterschrieben?«

»Nein, Herr Doctor,« sagte der Mann, und wurde bis hinter die Ohren roth, -- »ich kann's mir noch eine Weile überlegen.«

»Das ist gescheut,« nickte der alte Herr, »und noch gescheuter wär's, Ihr bliebet ganz hier, denn wenn sie Euch auch einen bessern Contract aufsetzen, so ist =hier= doch Deutschland und drüben Amerika, und was =hier= gilt, kann möglicher Weise dort drüben auch nicht einen Stecknadelknopf werth sein.«

»Ja« sagte Behrens mit einem Seufzer, »das ist wohl wahr. Nun ich soll ja aber in Antwerpen ganz genau erfahren, wie es damit wird.«

»In Antwerpen? -- was wollt Ihr denn =dort=?«

»Ja da liegt ja das Schiff, und unsere Sachen sind schon voraus gegangen.«

»Eure Sachen habt Ihr schon fortgeschickt?« rief der Doctor in blankem Erstaunen aus, »und noch keinen ordentlichen und anständigen Contract in den Händen?«

»Der Herr Kollboeker meinte das hätte bis dort Zeit.«

»Natürlich,« nickte der Arzt, »weil sie Euch jetzt sicher genug in der Tasche haben, denn =Ihr= lauft ihnen nun nicht mehr fort. Na, dann glückliche Reise, Freund. Wer nicht hören will muß fühlen« und ihm zunickend ging er ärgerlich die Straße hinab.

Behrens schaute ihm verdutzt nach. »Wer nicht hören will muß fühlen,« hatte der alte Herr gesagt, -- sollte er denn wirklich einen dummen Streich gemacht haben? -- Und jetzt waren die Sachen fort. Er hatte allerdings keinen freien Willen mehr und mußte nach, und daß er von dort nicht wieder zurück konnte, war ebenso gewiß. Ein Gutes hatte aber dieser Zwang trotzdem: er war endlich die Zweifel losgeworden die ihn bis dahin immer noch gequält. Jetzt, nachdem die Würfel gefallen, half auch kein Überlegen und kein Grübeln mehr, und zum ersten Mal, als er weiter schritt, hob er trotzig und entschlossen den Kopf, denn er fühlte die Kraft in sich, seine Familie mit Fleiß und Ausdauer -- wo es auch sei und unter welchen Verhältnissen, eben so gut -- und jedenfalls besser durchzubringen wie hier im Vaterland. »Es hat einmal so sein sollen,« tröstete er sich, »der liebe Gott hat's gewollt, und der wird uns ja auch schon weiter helfen.«

Von jetzt an betrieb er das Nöthige vor der Abreise mit Ruhe und Besonnenheit, und nur als der Abschied wirklich heranrückte, und seine Frau bitterlich weinend auf dem Wagen saß, den ihnen Einer der Bauern zur Verfügung gestellt um die zum Gehen noch zu schwache Frau fortzubringen, da liefen auch ihm die Thränen an den wetterbraunen Wangen nieder.

Ja, wär es ein stürmischer, regnerischer Tag gewesen, ein wildes Wetter, wo die Windsbraut über die Felder jagte und düstere Wolken den Horizont beengten, Behrens hätte sich vielleicht leichter hineingefunden, -- aber der helle, warme Sonnenschein, die Lerchen jubelnd in der Luft, Glockengeläute vom alten Kirchthurm nieder, neben dem er die theuren Gräber ließ, und freundliche geputzte Menschen um sich her, die ihm Alle zunickten und den davon Ziehenden mit den Tüchern nachwinkten. Das faßte ihm das Herz wie mit eisernen Zangen, und Wald und Sonnenschein, Heimath und Freundesgruß schwammen in seinen Thränen zusammen, während es ihm war, als ob bei dem Geläute der alten, lieben Glocken Alles noch einmal zu Grabe getragen würde, was er je in der Welt verloren.