Ein Parcerie-Vertrag Erzählung zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde

Part 2

Chapter 23,727 wordsPublic domain

Der Pachter seufzte, aber er erwiderte nichts darauf.

»Na, Behrens,« sagte er nach einer Weile, »thut keinen unüberlegten Schritt. -- Es sollte mir leid thun, Euch hier zu verlieren, denn Ihr seid ein braver, ordentlicher Arbeiter gewesen, die ganze Zeit, ich möchte Euch aber auch nicht abrathen, wenn ich wüßte daß es zu Eurem Glück wäre, und Ihr Eure Lage dadurch wirklich verbessertet. Das Papier da sichert Euch aber gar nichts, und ehe Ihr das unterschreibt, besinnt Euch lieber noch einmal,« und seinem Pferd die Sporen gebend, trabte er rasch in den Hof hinein, um dort die für die Feldarbeiten nöthigen Anordnungen zu treffen.

Behrens aber faltete langsam das Papier zusammen, steckte es in die Tasche und schritt ruhig dem Hause des Schulmeisters zu, der heute Nachmittag, wo er keine Schule hatte, das warme Frühlingswetter ebenfalls benutzte, und in seinem, freilich sehr kleinen Gärtchen hackte und schaufelte.

Auch der Schulmeister war überrascht, den Tagelöhner Behrens in seinem »Geh zur Kirche« Rock am Werktage bei sich zu sehen, und hörte erstaunt mit arbeiten auf. Behrens ließ ihn aber nicht lange über die Absicht seines Besuchs im Zweifel, und der kleine Mann, mager, wie eigentlich nur ein Schulmeister sein kann (und mit der vollen Berechtigung dazu, denn sein Gehalt stellte ihn nicht viel über den Tagelöhner, und dabei hatte er eine Frau und sechs Kinder zu ernähren, und außerdem noch sechszig zu unterrichten) wischte sich plötzlich die Hände an den fettglänzenden, alten schwarzen Hosen ab, ehe er das ihm dargereichte Papier nahm, und sagte nun, völlig aufgelöst in Bewunderung:

»Nach Brasilien? -- ja, freilich, Behrens, wenn Ihr =dahin= kommen könntet. -- Du lieber Gott, da möchte ich gleich selber mit. Aber wie wollt Ihr das möglich machen?«

»Das steht Alles in dem Papier da, Schulmeister,« sagte der Mann, »und ich wollte Sie nur einmal bitten es durchzulesen und mir Ihre Meinung darüber zu sagen.«

»Hm,« nickte der kleine Mann, indem er einen flüchtigen Blick über das Blatt warf, »ich habe aber meine Brille drinnen. Kommt mit hinein, Behrens, meine Alte hat mich doch eben zum Kaffee gerufen, und der Rücken thut mir auch von dem vielen Schaufeln weh, -- kommt nur mit hinein.«

»Ach, wenn Sie jetzt Kaffee trinken wollen,« sagte der Mann zurückhaltend, »so komme ich lieber später wieder; stören wollte ich ja nicht.«

»Ach, was,« nickte der Schulmeister, denn der Tagelöhner hatte durch das eine Wort »Brasilien« einen ganz neuen Nimbus bekommen, »Ihr trinkt eine Tasse mit, -- so viel wird schon da sein, und wenn Ihr erst in Brasilien seid, schickt Ihr mir einmal gelegentlich einen Sack Kaffee herüber, -- da kommt er ja her, Behrens, und dort giebts ganze Wälder von lauter Kaffeebäumen.«

»Wenn Sie's erlauben,« sagte der Mann, indem er etwas verlegen den Hut zwischen den Händen drehte, denn es war das eine =Ehre=, die ihm widerfuhr, und er nicht gewöhnt, von irgend einem Menschen eingeladen zu werden.

Schulmeister Peters, nachdem er sich vorher erst ein paar Mal gestreckt und gedehnt und dabei ein sehr schmerzhaftes Gesicht geschnitten, weil ihm der Rücken noch vom langen Krummstehen weh that, konnte endlich wieder aufrecht gehen, und das Papier noch immer in der Hand haltend, schritt er seinem Gast voraus in das kleine Häuschen, wo ihn seine Frau schon mit der dampfenden Kanne erwartete. Als sie freilich den Tagelöhner Behrens mit ihrem Manne eintreten sah, wollte sie die Kanne wieder zurück auf den Ofen stellen, weil sie glaubte der Arbeiter hätte etwas mit Peters zu sprechen, und der Kaffee sollte indessen nicht kalt werden.

Der Schulmeister aber, mit seinem Steckenpferd »Brasilien« im Kopf, rief ihr lachend zu: »Laß stehen, Alte, und gieb uns noch eine Tasse für Behrens her. Denk Dir einmal, der ist unterwegs nach Brasilien.«

»Nach Brasilien?« sagte die Frau, setzte die Kanne wieder auf den Tisch und schlug die Hände zusammen, »es ist doch die Möglichkeit.«

»Und nun setzt Euch, Behrens, -- da drüben ist ein Stuhl, stellt Euren Hut nur dort auf die Kommode, -- Alte, hast Du meine Brille nicht gesehen? Ich habe sie doch vorhin hierher gelegt, -- ach, da ist sie, -- setzt Euch nur, und nun wollen wir einmal sehen was hier in dem Papier steht. Das ist wohl der Überfahrts-Contract? -- aber, Behrens, das wird schmähliches Geld kosten. Brasilien liegt in gerader Richtung etwa tausend deutsche Meilen von uns entfernt, und was für einen Umweg müßt Ihr da noch vorher machen. Seht einmal her, hier ist Deutschland,« sagte er, auf eine kleine, an der Wand hängende Weltkarte zeigend, »hier, wo ich den Finger halte, und da müßt Ihr nun erst nach Norden hinauf, damit Ihr an die Nordsee kommt, und dann geht's hier hinaus, in gerader Linie nach Westen, durch den britischen Canal -- La Manche heißt er -- hinaus in das weite Weltmeer, und dann geht's hier quer hinüber, über all die Striche weg, immer da hinunter, bis Ihr da ganz unten an Brasilien anfahrt. Da liegt's und unterwegs ist's so heiß, daß Euch die Butter vom Brod herunterschmilzt. So eine Reise kostet vieles Geld.«

»Bitte, lesen Sie nur einmal das Papier durch,« sagte Behrens, »da drin steht Alles, und dann wollte ich Sie um Ihren Rath dabei fragen, was ich thun und wie ich mich verhalten soll.«

Behrens täuschte dabei sich selber und den Schulmeister, denn im eigenen Herzen war er schon fest entschlossen den Schritt, der über sein ganzes künftiges Lebensglück entscheiden sollte, zu wagen, und eigentlich nur zum Schulmeister gekommen, um sich von diesem in dem gefaßten Plan bestärken -- nicht davon abrathen zu lassen, was er übrigens auch kaum zu fürchten brauchte.

»Na,« meinte Peters, »dann wollen wir also erst einmal sehen was hier geschrieben steht. Schenk derweil ein, Alte, und trinkt nur, Behrens, genirt Euch nicht, es ist gern gegeben.«

Die Frau Schulmeisterin schenkte, noch immer den Kopf über das eben Gehörte schüttelnd, dem Tagelöhner den Kaffee, der eine frappante Farbenähnlichkeit mit schwachem Thee hatte, in eine henkellose Tasse, denn eine von ihren »guten« Tassen konnte sie doch nicht dazu von der Kommode nehmen, wo sie zur Schau ausstanden. Behrens nahm aber auch selbst das auf das Dankbarste an, -- besseres Geschirr war er ja zu Hause auch nicht gewöhnt, ja nicht einmal das, denn =seinen= Kaffee trank er daheim aus einem kleinen Topf, und daß er etwas dünn war, merkte er ebenfalls nicht; er wußte wahrscheinlich nicht einmal, wie besserer Kaffee schmeckte.

Während er aber trank und der Schulmeister las, sah er sich ein wenig im Zimmer um, wo ihm besonders die Bücher auffielen, von denen Peters wohl zwölf bis vierzehn auf einem Regal zwischen den beiden Fenstern stehen hatte. Auch die Landkarte an der Wand imponirte ihm. Darauf konnte der Mann nur mit seinem Zeigefinger über die ganze Welt herum fahren und dabei jeden Platz und Ort mit Namen nennen, und beschreiben wie es dort aussah. Sonst freilich bot das Zimmer nicht viel Besonderes. Die Möbel bestanden aus einfachem, weißtannenem Holz und waren nicht einmal angestrichen; auf der Kommode stand noch eine kleine, blaugemalte Glasvase mit einem Büschel Schilfblüthen und Strohblumen darin, und über dem entsetzlich hart gepolsterten Sopha hing ein kleiner Spiegel, und rechts und links davon die Bilder von Peters und seiner Frau, als Braut und Bräutigam, mit einer wahren Verschwendung von bunten Farben und rothen Backen gemalt. Wo aber waren jetzt die rothen Backen hingekommen? wo der üppige Haarwuchs des kleinen Mannes und das frische, fröhliche Gesicht? -- Nur die große Warze über dem linken Auge hatte er noch als einzige Ähnlichkeit behalten, sonst war Alles verschwunden und gebleicht.

Und auch die Frau Schulmeisterin.

»Lieber Gott,« seufzte Behrens in Gedanken vor sich hin, »wie sich der Mensch doch verändern kann, man sollte es nicht für möglich halten.«

»Hm, Behrens,« sagte da Peters, der das Blatt erst einmal leise für sich durchgelesen hatte, »nach dem Schreiben scheint es, als ob die ganze Überfahrt für Euch bezahlt würde und Ihr den Betrag nur einfach abzuarbeiten habt.«

»Ja wohl, Schulmeister, das sind die Bedingungen.«

»Hm -- und da könntet Ihr ohne einen Pfennig Geld und ganz umsonst nach Brasilien herüberkommen?«

»Ja so umsonst doch nicht,« lächelte Behrens etwas verlegen. »Was die Herren jetzt für uns bezahlen, müssen wir später Alles wieder bei Heller und Pfennig abverdienen.«

»Na, das versteht sich von selbst,« sagte Peters, »schenken werden sie's Euch nicht. Wer schenkt einem Anderen heut zu Tage auch wohl noch was; aber Ihr seid doch einmal nachher an Ort und Stelle, und wenn Ihr Euch da nichts verdient, verdient Ihr Euch auf der ganzen Welt nichts.«

»Also meinen Sie daß Alles in Ordnung wäre,« frug Behrens, dem die Zustimmung doch fast ein wenig zu schnell kam.

»Ja, wenn Ihr gar nichts zu bezahlen braucht,« rief Peters »und frei hinübergeschafft werdet, was wollt Ihr denn noch mehr? Wenn =ich= nur könnte wie ich wollte, meiner Seel, ich ginge heutigen Tages mit, denn =die= Schinderei hier soll der Böse holen. Aber ich bin schon zu alt, -- arbeiten wird mir schwer und mein Rückgrat will nicht mehr so recht mit fort.«

»Aber der Herr Pachter Frommann meinte,« fuhr Behrens fort, »es wäre eigentlich kein rechter Contract und nur so eine Art Verpflichtung für =mich=.«

»Hm -- ja,« sagte der Schulmeister, »ein Contract ist es auch eigentlich nicht, -- Alte, schenk dem Behrens noch einmal ein, -- aber sonst steht nichts davon drin, daß Ihr etwas zu bezahlen hättet.«

»Nein -- aber ich werde auch nicht so recht klug daraus,« fuhr Behrens fort, »wie es einmal werden soll wenn ich meine Schulden abgearbeitet habe.«

»Hm, -- nein,« nickte Peters, »na, ich will Euch einmal etwas sagen. Ich werde Euch die Geschichte laut vorlesen, dann kommen wir besser dahinter.«

»Das wäre recht.«

»Also -- =Verpflichtung!= das ist die Überschrift,« sagte Peters, und las:

»»Verpflichtung[2] des Landarbeiters Carl Gottlieb Behrens aus Groß-Emmen mit Familie, nämlich:

seine Frau Sophie, 38 Jahre alt, seine Tochter Johanna Marie, 14 Jahre alt, sein Sohn Fürchtegott Hans, 10 Jahre alt, seine Tochter Lisbeth Anna, 8 Jahre alt, sein Sohn Christian Leberecht, 5 Jahre alt, ein Säugling,

gegen Herrn Franz Berthold Hoeker in Antwerpen.

Der Endes-Unterzeichnete, der die Passage für sich und obenstehende Familienglieder nach untenstehenden Specificationen mit -- -- Thalern vorgeschossen erhielt, verpflichtet sich nicht nur Herrn Franz Berthold Hoeker in Antwerpen Vollmacht zu ertheilen vermittelst seines Hauses in Porto Seguro, für sich und seine Familie, mit einem brasilianischen Plantagenbesitzer Contract abzuschließen, zur Verdingung seiner und seiner Familie Arbeitskräfte auf eine Colonie der Provinz Minas Geraes, sondern macht sich auch, durch Unterzeichnung dieses Contracts, für sich und seine sämmtlichen Familienglieder anheischig, durch den Theil-Ertrag ihrer Arbeit die vorgeschossene Passage und sonstige Kostenvorschüsse abzuverdienen, dergestalt, daß: da nach der Bestimmung derartiger Arbeitsverträge der Ertrag der Arbeit zwischen Arbeiter und Brodherrn getheilt wird, von der ihm als Arbeiter zufallenden Hälfte des Ertrags der Arbeit in usancemäßiger Abtragung zu ersetzen.

Indem Carl Gottlieb Behrens durch seine Namensunterschrift solidarisch mit seinen Familiengliedern zur getreuen Erfüllung der contractlich eingegangenen Verpflichtung sich verbindlich macht, verpflichtet er sich ferner für sich und seine Familienglieder, den gesetzlichen Befehlen seiner Brodherren oder deren bevollmächtigten Vertreter getreulich nachzukommen, und während der Dauer des Contractes seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit dem ihm übertragenen Dienst zu widmen.

Antwerpen, den --ten März 185--.

=Passagegeld bis Porto Seguro:=

Für drei Erwachsene à -- " -- " Für drei Kinder unter zehn Jahren à -- " -- " Ein Säugling frei. ----------- Pr. Cour. -- " -- " Hier bezahlt -- " -- " ----------- Summa Pr. Cour. -- " -- "««

»Die Summe ist, wie ich sehe, noch nicht ausgefüllt.«

»Nein,« sagte Behrens, »das können sie auch noch nicht, weil sie noch nicht wissen wie viel wir auf der Reise brauchen werden. Das wird nachher gemacht.«

»Hm,« sagte der Schulmeister, »ja wohl, -- da steht aber freilich nichts weiter drin, als daß Ihr das Geld, was Ihr vorgeschossen kriegt, wieder abverdienen sollt. Das ist gerade wie bei uns.«

»Ja wohl, Schulmeister, und das wäre auch ganz in der Ordnung, aber es steht gar nichts vom Tagelohn darin, und was sich ein Mann wohl in der Woche verdienen kann, damit man doch im Stande wäre sich nur ein klein wenig zu berechnen, wie lange man ungefähr für die Herren arbeiten muß.«

»Ja, das wäre freilich gut,« sagte der Schulmeister, der sich völlig außer seiner Sphäre fand, sobald sich irgend etwas auf practisches Leben erstreckte, »aber den Kaffee habt Ihr da umsonst, und der Zucker wächst ebenfalls in Brasilien; ja, in der heißen Zone kommen sogar Milch- und Butterbäume vor, und immer Sommer, -- nie einen Ofen heizen und die Finger erfrieren -- und Hüte könnt Ihr Euch selber aus Palmblätter flechten, und die Baumwolle wächst dort auch.«

»Ja,« sagte Behrens und sah still vor sich nieder, »das ist wohl Alles recht gut, aber ob das Land auch wohl so gesund ist, daß mir Frau und Kinder nicht krank werden. Es muß dort schmählich heiß sein.«

»Das können wir gleich sehen,« sagte Peters, stand auf und nahm eines seiner alten Bücher vom Regal herunter, »wartet einmal, Brasilien -- Brake -- Brandis -- Brasilien, Seite 470 -- da haben wir die ganze Geschichte: Dieser einzige monarchische Staat, -- nein, das ist's nicht: hier kommts! »In Hinsicht der äußeren Bodenbeschaffenheit bestehen vielleicht zwei Drittheile aus Hoch- und Gebirgsland,« -- seht Ihr wohl. Halt, hier steht es: »Das Clima ist der vielen Gebirge und Wälder wegen milder, als man es bei der Lage des Landes, welches mit seiner Hauptmasse zwischen dem Äquator und dem südlichen Wendekreise liegt, erwarten sollte.« Seht Ihr wohl? -- »In Rio Janeiro, ungefähr unter dem Wendekreise des Steinbocks (nämlich unter 22° 56' S. Br.) wechselt die Hitze zwischen 16 und 30° Reaumur« -- und so heiß wird es bei uns hier manchmal auch, denn im letzten Sommer hatten wir ein paar Mal 29° im Schatten. -- »An der Küste tragen überhaupt die täglichen Seewinde viel zur Minderung der Hitze bei. Am heißesten sind die Ebenen im nördlichen Theil des Landes,« -- aber dahin braucht man ja auch gar nicht zu gehen; und was bauen sie da nicht Alles, hört einmal zu, Behrens: »Fernambuk oder Brasilienholz, Campeche oder Mahagoniholz, ferner Palmen, Tulpen-Rosenholz, Kampher-, Copal- und andere Bäume, sodann Zucker, Kaffee, Baumwolle, =Tabak=, Indigo, Cacao, Vanille, Reis, Mais, Waizen, Gerste, Maniok, Melonen, Yams, europäische Südfrüchte, Ananas, Gewürzpfeffer,« -- das Wasser läuft Einem ordentlich im Munde zusammen. Und dann hier die Beschreibung von dem Gold und den Diamanten, die dort gefunden werden. Diamanten haben sie dort, von denen ein einziger so viel werth ist, wie hier ein ganzes Königreich.«

»Also meinen Sie, ich soll hingehen, Schulmeister?«

»Ich wollte ich könnte mit,« seufzte dieser, »den Augenblick schnürte ich meinen Bündel, packte meine paar Bücher zusammen und setzte mich auf ein Schiff, aber -- der Knüppel ist an den Hund gebunden.«

»Peters, Du schämst Dich doch gar nicht,« sagte seine Frau.

»Ach, Alte, =so= war es ja nicht gemeint,« seufzte ihr Mann, »aber mein verwünschtes Rückgrat.«

»Und daß gar nichts davon in dem Contract steht, wie es einmal werden soll, wenn ich das Geld abverdient habe,« sagte Behrens, dessen Gedanken nur allein auf diesem einen Punkt hafteten.

»Darüber macht Euch doch keine Sorge,« antwortete Peters, »schon das ist ein Beweis, daß es dort viel zu verdienen giebt, daß man Euch so viel hundert Thaler vorschießt, nur um Arbeiter hin zu bekommen. Hier könntet Ihr hundert Jahre arbeiten ehe Ihr's fertig brächtet.«

»Ja, das ist wahr,« nickte Behrens, »zu verdienen muß es da geben, und ich verstehe nur nicht was das heißen soll, -- hier, da unten Schulmeister; lest doch den Satz noch einmal.«

»Den? -- »»daß: da nach der Bestimmung derartiger Arbeitsverträge der Ertrag der Arbeit zwischen Arbeiter und Brodherren getheilt wird««, -- nun, das ist doch deutlich genug: Ihr bekommt die Hälfte von Allem, was verdient wird.«

»Aber das ist doch gar nicht möglich.«

»Aber hier steht's ja noch einmal, gleich dahinter: von der ihm als Arbeiter zufallenden Hälfte des Ertrags der Arbeit in usancemäßiger Abtragung zu ersetzen.«

»Was ist denn das?«

»Usancemäßig? das ist, wie es dort gerade Gebrauch ist, mit der Abzahlung nämlich, denn zum Leben müßt Ihr doch auch was haben, also vielleicht die Hälfte oder das Viertheil von Eurem Verdienst. Begreift Ihr?«

»Das wär Recht,« nickte Behrens, »aber da ist noch ein fremdes Wort, was ich nicht verstehe -- solidarisch --.«

»Nun, das heißt weiter nichts, als daß Ihr für Eure Frau und Kinder einsteht, damit die auch helfen die Schuld abzutragen.«

»Nun, das versteht sich ja doch von selbst,« sagte Behrens.

»Aber wißt Ihr was mir auffällt,« bemerkte der Schulmeister. »Erstlich steht hier kein Wort davon, daß Ihr die Sonntage frei bekommt, und wenn das auch bei uns Sitte ist, so weiß man doch nicht wie sie es drüben machen, und jedenfalls gehört das mit in den Contract. Dann aber ist auch noch das Wichtigste vergessen, und das könnte einen Haken haben.«

»Das Wichtigste, Schulmeister?«

»Jedenfalls eine Hauptsache, und die muß auch noch mit hinein, sonst unterschriebe =ich= wenigstens den Contract nicht. Ein Haus werdet Ihr natürlich kriegen, denn eine Wohnung gehört dazu, wenn man irgendwo arbeiten soll; die erhält bei uns selbst ein Schulmeister, dem sie doch alles Mögliche abzwacken, aber von einem =Garten= steht kein Wort darin. Das vergeßt nicht, -- den macht Euch noch vorher aus, denn ein Garten ist die Hauptsache -- und wenn er noch so klein wäre, wo Ihr Euch ein paar Kaffeebäume und Palmen und Zuckerrohr, und ein bischen Indigo vielleicht, pflanzen könnt. Den geben sie Euch auch. -- Und dann noch eins, Behrens,« fuhr der Schulmeister fort, »schreibt mir einmal, wie es Euch geht, und was Ihr treibt, hört Ihr wohl, das müßt Ihr mir versprechen.«

»Recht gern, Schulmeister, recht von Herzen gern,« erwiderte Behrens, »wenn's auch bei mir nicht gerade vom besten mit Schreiben geht, denn Sie wissen wohl, in =unserer= Zeit wurde noch nicht viel darauf gehalten, so kann mein Mädel, die Johanna Marie, doch prächtig damit fertig werden, und die soll schon einen Brief schreiben.«

»Gut, Behrens, und vergeßt nur den Garten nicht; ein Stück Land müssen sie Euch geben, das Ihr selber nur für Euch bauen könnt, -- wenn nicht =so= viel übrig ist, wäre es auch nicht der Mühe werth daß Ihr hinüber ginget.«

»Ich will's nicht vergessen, Schulmeister, und ich dank Ihnen auch vielmals für den Wink. -- Ich wußte wohl, daß ich mich bei Ihnen an den rechten Mann wandte. Nichts für ungut, Frau Peters, daß ich gestört habe, -- ich wollt's eigentlich nicht.«

»Recht gern geschehen, Behrens,« sagte die Frau Schulmeisterin, die ganz stolz darauf war was ihr Mann sagte. »Mein Schulmeister hilft ja recht gern, wo er irgend kann, mit Rath und That.«

»Werd's ihm nicht vergessen, -- und nun leben Sie wohl; ich will jetzt gleich nach der Stadt hinein, daß ich heute Abend noch was abmachen kann, und im schlimmsten Fall bleib ich dort über Nacht bei dem Andres, dem Steffen seinem Jungen, der Kutscher ist und mir die Wohnung angegeben hat. Recht vergnügten Abend allerseits,« -- und damit nahm er seinen Hut, griff seinen Stock auf und wanderte mit rüstigen Schritten, das eben Gehörte dabei wieder und wieder überlegend, die Straße hinab, die nach der Stadt zu führte. Drüben im Feld arbeiteten die Leute, um ihn her flogen und zwitscherten die Lerchen, die vaterländische Sonne schien hell und warm auf seinen Pfad, aber er sah und hörte weder Kameraden, noch Sonnenschein, noch wirbelndes Lerchengeschmetter, denn Auge und Ohr weilte bei anderen Bildern und sein Herz war in Brasilien.

Zweites Capitel.

Verschiedene Auskunft.

Die Stadt -- eine kleine Residenz in Thüringen -- lag ungefähr zwei Stunden Wegs von Groß-Emmen entfernt, und Behrens, mit seinen Gedanken beschäftigt, konnte sich nicht erinnern jemals so rasch hineingekommen zu sein, wie heute. Er sah sich ordentlich erstaunt um, als er sich zwischen den ersten Häusern fand, und doch erfaßte ihn auch wieder ein ganz eigenes und beklemmendes Gefühl, das etwas Fremdes und Unbehagliches für ihn hatte.

War er bis jetzt je gewohnt gewesen selbstständig zu handeln? Nicht seit der Zeit wo er seine Frau genommen, und selbst damals hatte =sie= eigentlich mehr bei der Sache gethan, als er selber. Außerdem war er, seit er die Schule verlassen, nur Tagelöhner bei fremden Leuten gewesen, der die Arbeit eben that, zu der er gestellt wurde, ohne die geringste Verantwortlichkeit dafür. Morgens zur bestimmten Zeit begann er damit, -- Abends eben so wurde Schicht gemacht und Sonntags gefeiert, -- weiter kannte er keine Abwechselung in seinem Leben. Jetzt aber trat dieses selber an ihn heran. Aus seiner gewohnten Beschäftigung herausgerissen und dadurch von dem bisherigen und regelmäßigen Einkommen abgeschnitten, sollte er auf einmal selbstständig einen Entschluß fassen, der ihn weit hinweg vom Vaterland über das große Weltmeer führte, und einer ungewissen Zukunft in die Arme warf. Allerdings erfüllten ihn dabei die größten Hoffnungen, -- aber =wenn= es mißlang? wenn er dann mit Frau und Kindern unter fremden Leuten im Elend saß, und nicht wieder zurück konnte in die alten Verhältnisse? Wer trug nachher die Schuld an seinem Unglück und dem der Seinen? Nur er selber, und welche Vorwürfe hätte er sich nachher machen müssen.

Diese Gedanken quälten ihn unterwegs, aber sein Schritt zögerte deshalb nicht. Es war, als ob er durch eine innere, unwiderstehliche Gewalt vorwärts gedrängt würde. Wie von einem unbestimmten Etwas getrieben, wanderte er die Straße hinab, und wollte eben in den Platz einbiegen, auf welchem der Auswanderungsagent wohnte, als ihn eine Stimme von einem Wagen herab anrief, daß er stehen blieb und sich überrascht umsah.

»Hallo, Gottlieb!« rief es, »wo kommt Ihr denn heute in die Stadt? und wie gehts daheim?«

»Ei, Andres!« rief Behrens erfreut, wie er den Kutscher erkannte, der jetzt neben ihm am Wege hielt. »Das ist mir lieb, mein Junge, daß ich Dich finde. Wie gehts?«

»Oh, gut geht's; aber wo wollt Ihr hin, Behrens?«

»Nach Brasilien, Andres.«

»Nach wohin?«

»Nach Brasilien.«

»Alle Wetter,« sagte der junge Bursch erstaunt, »weiter nicht?«

»Ne, Andres; -- wie wär's, wenn Du mitgingst? -- Reise und Alles frei, und die Schinderei hier zu End.«

»Hm, Behrens, kommt doch einmal mit vorn auf den Bock; ich schaffe nur den Wagen nach Haus und versorge die Pferde, und habe dann weiter nichts zu thun, daß wir noch ein Wort zusammen reden können, -- heute kommt Ihr doch nicht mehr hin.«

»Nein, Andres,« sagte Behrens, »und morgen wahrscheinlich auch nicht, aber ich fahr mit, denn es wär mir lieb, wenn Du mich nachher begleiten könntest.«

»Und unterwegs erzählt Ihr mir die ganze Geschichte,« sagte Andres, während Behrens zu ihm auf den Bock stieg.

So fuhren sie langsam der Wohnung des Doctor Maller, Andres' Brodherrn, zu, und der Tagelöhner theilte jetzt dem Kameraden Alles mit, was seine künftigen Pläne betraf, während dieser kein Wort dazu sagte, sondern nur manchmal mit dem Kopf nickte oder schüttelte.

Endlich langten sie bei der Wohnung des Doctors an. Behrens half die Pferde mit ausschirren und in den Stall führen, wo ihnen Andres ihr Futter gab, während der Mann ein paar Eimer Wasser holte.