Ein Parcerie-Vertrag Erzählung zur Warnung und Belehrung für Auswanderer und ihre Freunde
Part 11
»Rechnen Sie nur unseren Transport, -- außerdem ist mir in den Jahren eine ganze Schiffsladung voll verloren gegangen.«
»Welchen Verlust die Arbeiter natürlich mit zu tragen haben.«
»Natürlich, -- ihr ganzer Contract beruht ja auf den Antheil.«
»Der etwas unbestimmt mit =Hälfte des Gewinnes= ausgedrückt ist.«
»Allerdings sehr unbestimmt,« sagte Almeira achselzuckend, »denn man weiß nicht einmal von was die Hälfte.«
»Also würde nach dieser Übersicht die Familie wohl kaum die Aussicht haben, in diesem Jahre frei zu kommen.«
»In =diesem= Jahre?« rief Senhor Almeira erstaunt aus, »sie schulden mir jetzt fast noch mehr, als an dem Tag, an welchem sie auf die Facienda kamen. Aber was verlangen sie auch mehr? Sie haben zu leben, was sie in ihrem eigenen Vaterland =nicht= hatten, sonst würden sie es wohl schwerlich auf einen solchen Contract hin verlassen haben.«
»Es ist freilich immer hart für die armen Leute,« sagte der Deutsche, »wenn man bedenkt, daß sie eigentlich sechs Jahre hier für =nichts= gearbeitet haben sollen und dann noch das Gefühl mit sich herumschleppen müssen, bis über die Ohren in Schulden zu stecken. -- Hattet Ihr Schulden in Deutschland, Behrens?«
»Nie einen Pfennig, Herr,« sagte Behrens, der mit zitternden Lippen seinem hier gefällten Urtheil gelauscht, aber auch nicht eine Sylbe dagegen eingewendet hatte. -- Was half es ihm auch, -- dort stand Alles schriftlich und sein eigener Name, von ihm selbst geschrieben unter dem Contract, -- was war da zu machen? Sie =waren= verkauft und blieben verkauft; selbst der deutsche Herr konnte nichts dagegen thun. Und nicht einmal den Tod durfte er sich dabei wünschen, denn was sollte dann aus seinen Kindern werden.
»Ich dachte es mir,« nickte der Fremde. »Recht traurig das, -- aber wissen Sie wohl, Senhor Almeira, daß Sie da ein gutes Werk thun könnten?«
»Ich, Senhor? Inwiefern?«
»Die Deutschen haben Ihnen doch, wie Sie selber sagen, wacker gearbeitet und sind eigentlich unschuldig an den vielen Mißfällen, welche Sie betroffen.«
»Ich habe ihnen auch nichts davon zur Last gelegt oder es sie entgelten lassen.«
»Sehr freundlich von Ihnen,« nickte der Fremde, »aber meiner Meinung nach würde es doch Zeit, daß sie jetzt einmal für sich selber anfingen, wenn sie nicht elend hier verkümmern sollen. Auch das heiße Klima dieser Gegend sagt ihnen nicht zu. Der Mann da gleicht eher einem Skelett, als einem lebenden Wesen.«
»Und was kann ich dazu thun?«
»Der Contract,« fuhr der Deutsche fort, »ist von schurkischen Agenten zusammengestellt; die armen Teufel, denen man noch obendrein hier in Brasilien goldene Berge versprach, glaubten ihrem Glück entgegenzugehen, und rannten dadurch in ihr Unglück. Die Mutter der Kinder, das jüngste Kind, ihre eigene Gesundheit haben sie dabei eingebüßt: lassen Sie es damit genug sein und geben Sie die armen Menschen frei.«
»Sie haben vortrefflich reden, mein bester Herr,« lachte Almeira, »aber so reich bin ich nicht, daß ich einen solchen Verlust aus meiner Tasche tragen könnte und möchte. Ich gebe zu, daß beide Theile unter dem Contract leiden, aber -- ich glaube Ihr könnt jetzt gehen, Freund, -- unsere =Geschäfte= sind so weit beendet, nicht wahr?«
Der Fremde nickte, und Behrens stand langsam auf, grüßte ehrfurchtsvoll und wollte dann die Veranda verlassen, als die Senhora plötzlich aufstand und rief: »Halt, Freund, -- Ihr seid sehr angegriffen, -- trinkt erst hier ein Glas Wein, das wird Euch gut thun.« Sie schenkte auch augenblicklich ihr eigenes Glas voll und reichte es ihm hin, und wenn auch Senhor Almeira gar nicht damit einverstanden schien, denn er sah ziemlich finster dabei aus, so hinderte er es wenigstens nicht. Er wußte außerdem recht gut, daß sich die Senhora nichts verbieten ließ.
Behrens kam in Verlegenheit, denn das war ihm noch nie in dem Hause geboten, aber er nahm das Glas, trank es langsam aus, stellte es wieder hin und dankte herzlich, hätte auch gern der jungen Frau die Hand gereicht, aber das wagte er nicht. Er fühlte, daß er jetzt hier überflüssig war, stieg mühsam die Treppe der Veranda hinab, und schwankte seiner eigenen Wohnung wieder zu.
Der Fremde war ein stiller aber aufmerksamer Beobachter der ganzen Scene gewesen; jetzt, als der Kranke den Platz wieder verlassen, sagte er freundlich: »Sie unterbrachen sich vorhin in Ihrer Rede, verehrter Herr; Sie wollten etwas sagen, was der -- Alte da nicht zu hören brauche.«
»Es betrifft die Verhältnisse unseres Landes,« erwiderte Almeira gleichgültig.
»Und in wie fern, wenn ich fragen darf; so weit sie mit den Parcerie-Arbeitern in Verbindung stehen?«
»Wir können uns nicht verhehlen,« fuhr der Pflanzer fort, »daß in den nächsten Jahren diesem ganzen Reiche Veränderungen bevorstehen. Der in Nordamerika gegen die Sclaverei ausgebrochene Krieg, -- wie sich nun auch das Resultat stellt, kann nicht ohne Folgen bleiben. Es giebt eine Partei, die immer nur von zertretenen Menschenrechten faselt und der einen Hälfte gerade die Rechte abstreiten möchte, die sie für die andere verlangt. Möglich, daß uns hier noch ein wirklicher Ausbruch auf lange Jahre hinaus erspart bleibt, möglich aber auch, daß er doch rascher eintritt, als wir jetzt denken, und was soll aus dem Land selber werden, wenn uns hier im Süden die Sclavenarbeit fehlt? Es müßte zu einer Wildniß werden.«
»Und deshalb sehen Sie in den Parcerie-Arbeitern einen einigermaßen nützlichen oder vielmehr völlig nothwendigen Ersatz?«
»Allerdings.«
»Und so wollt Ihr aus den armen verkauften Menschen Europas, die auf betrügerische Weise hierher gelockt wurden, =weiße= Sclaven machen?« frug die Französin, die selber mit äußerster Spannung der Auseinandersetzung gefolgt war.
»Es scheint allerdings so,« lächelte der Deutsche.
»Liebes Kind, das verstehst Du nicht,« sagte aber Senhor Almeira, »denn Euch Frauen läuft gewöhnlich das Gefühl mit dem Verstand davon. Thue mir auch die Liebe und mische Dich nicht in Dinge, die Dir so fern liegen.«
»Und doch nicht so fern, als Sie vielleicht glauben oder wünschen, Senhor,« rief die junge Frau, die sich in einer merkwürdigen Aufregung zu befinden schien. »Als ich Ihr Haus betreten --«
»Entschuldigen Sie mich,« sagte der Deutsche, rasch von seinem Sitz aufstehend, »ich möchte nicht Zeuge einer Familienscene sein, bei der ich nicht einmal unparteiisch bleiben könnte. Ich habe Alles erfahren, was ich zu erfahren wünschte, und wiederhole nur noch einmal die Frage an Sie, Senhor, wollen Sie die deutschen Familien, nachdem sie =sechs= Jahre für ihre Überfahrt gearbeitet, frei geben oder nicht?«
»Mein Herr,« rief nun aber auch der Brasilianer erbittert, »in thörichter Gutmüthigkeit bin ich bis jetzt auf Ihre Forderung eingegangen, den Arbeitern Auskunft über den Stand ihrer Angelegenheiten zu geben; ich muß mir aber jede weitere Einmischung in meine Verhältnisse auf das Ernstlichste verbitten. Wenn =ich= es an der Zeit halte, den Leuten die Erfüllung ihres Contractes zu erlassen, werde ich es thun, wünsche aber nicht von irgend Jemandem, wer es auch sei, dazu getrieben zu werden, und sehe außerdem -- vor der Hand wenigstens -- noch nicht die geringste Veranlassung dazu.«
»Dann habe ich die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen,« sagte der Fremde, »und nur Ihnen noch, gnädige Frau, muß ich herzlich für den Antheil danken, den Sie an dem Schicksal meiner armen Landsleute nehmen.«
»Bleiben Sie noch, Senhor,« sagte die junge Frau leidenschaftlich, »die Bande, die mich an dieses Haus knüpfen --«
»Senhora!« rief Almeira fast erschreckt aus.
Der Deutsche wartete aber keine weitere Erklärung ab. Er hatte seinen Hut aufgegriffen, und rasch die Veranda hinabeilend, trat er zu seinem Pferd, das an einem, in einen Orangenbaum geschlagenen Ring befestigt war, warf es los, schwang sich in den Sattel und sprengte dann, seinem Thier die Sporen einsetzend, die Straße hinab. Am Hause des Deutschen war es einmal, als ob er einzügeln wollte, aber er mußte sich eines Anderen besonnen haben, denn er verfolgte seinen Weg und war bald, auf einer Biegung der Straße, in dem dichten Laub der Bäume verschwunden.
Elftes Capitel.
Gerettet.
An dem nämlichen Tag, an welchem der Deutsche die Plantage verlassen hatte, erlebte die Dienerschaft im Hause des Senhor Almeira eine sehr ungewöhnliche und hier wahrlich ungewohnte Scene: einen Zank zwischen ihrer Herrschaft, der ihnen, wenn sich die Parteien auch von der offenen Veranda fort in ihre Zimmer zogen, doch nicht verborgen bleiben konnte. Plötzlich gab die Senhora den Befehl, ihr Pferd zu satteln, und wenn auch augenblicklich Gegenordre vom Herrn selber kam, bestand sie doch so heftig darauf und drohte jetzt sogar =vor= den Leuten, =zu Fuß= die nächste Plantage zu erreichen, daß ihr zuletzt gewillfahrtet werden mußte.
Das Pferd stand schon gesattelt vor dem Haus, und noch war sie drinnen beschäftigt, -- wie das kleine Mädchen nachher erzählte, ihre Koffer zu packen, -- jetzt trat sie auf die Veranda. Auch das Pferd ihrer Dienerin, einer jungen Mulattin, wurde gebracht.
Senhor Almeira folgte ihr und suchte sie noch einmal zurückzuhalten. Sie antwortete ihm gar nicht. Von der Treppenstufe herab sprang sie in den Sattel und schon im nächsten Moment sprengte der kleine, muthige Schimmelhengst mit ihr die Straße hinab, daß ihr die Mulattin kaum folgen konnte.
Von dem Tage an hatten die in unmittelbarer Nähe des Herrn befindlichen Sclaven eine schwere Zeit, denn so hart war er noch nie mit ihnen verfahren. Er war wohl immer rauh und heftig mit ihnen gewesen, aber nie grausam; jetzt ließ er ein Paar, nur wegen leichter Vergehungen, auf das Unbarmherzigste peitschen, und ein junger Bursch, der ihm Morgens aus Versehen die Chocolade über das Beinkleid goß, wurde zur Strafe den ganzen Tag draußen in der brennenden Sonne an einen Pfahl gebunden.
So vergingen drei lange schwere Wochen, und Behrens hatte sich indessen wenigstens so weit von seiner Krankheit erholt, um doch wieder leichte Arbeiten zu verrichten, wozu ihn der Mulattenaufseher schon lange gedrängt. Es wurde ihm auch selber zu einsam in dem öden Hause, denn selbst die Kinder mußten jetzt den ganzen Tag draußen im Baumwollenfeld sein, um die reifgewordene Baumwolle aus den aufgesprungenen Kapseln zu pflücken.
Senhor Almeira hatte in der Zeit kaum sein Haus verlassen und außergewöhnlich viel in seinen großen Büchern geschrieben und gerechnet. Saß er doch manchmal bis spät in die Nacht darüber und Niemand durfte ihn dann stören. Ja, selbst wenn er zum Essen gerufen werden mußte, hatte der Diener strengen Befehl, nur eben draußen an die Thür zu klopfen.
Es war Sonnabend Nachmittag geworden und das Corps der Arbeiter und Sclaven -- wenn überhaupt zwischen Beiden ein Unterschied stattfand -- noch draußen im Feld beschäftigt, als eine kleine Cavalcade von Reitern auf der Straße sichtbar wurde. Ein Negerbursche hatte den Zug schon entdeckt, wie er sich nur eben durch das dunkle Grün der Kaffeebäume wand und seinem Herrn Meldung davon machen wollen, auch ein paar Mal schüchtern an die Thür desselben geklopft, aber keine Antwort erhalten, und dann natürlich auch nicht gewagt weiter vorzudringen. Jetzt sprengten sie den Weg hinauf, der nach dem Hause zuführte; der Herr drinnen im Hause mußte sie ja selber hören, und nun stiegen sie ab und warfen den herbeispringenden Negerburschen die Zügel zu. Und wahrhaftig, der Fremde, der an dem Tag hier gewesen, an welchem die Senhora das Haus verlassen, befand sich auch wieder unter ihnen, was die armen Teufel von Negern nicht wenig erschreckte. Daß =der= dem Herrn keine Freude machen würde, fühlten sie schon heraus, und wer anders mußte es nachher entgelten, als ihr armer Rücken, -- an dem weißen Senhor durfte er ja seinen Zorn nicht auslassen.
Almeira hatte in der That das Gestampf der Pferde auf dem sonst so stillen Platz gehört und war in die Thür seiner Veranda getreten. Er mußte auch den Besuch von früher erkannt haben, denn er erbleichte und trat unwillkürlich einen Schritt zurück, -- aber zu spät; die eben Gekommenen hatten ihn schon bemerkt, und wenn er auch einige Bekannte aus Porto Seguro darunter erkannt, beunruhigte ihn doch die kalte Höflichkeit, mit der man ihn grüßte, denn es verrieth, daß der Besuch kein freundschaftlicher sein konnte.
Der Deutsche ließ ihm aber nicht lange Zeit, sich mit Vermuthungen zu quälen, denn die Treppe zu der Veranda ersteigend, sagte er, sehr höflich aber auch sehr ernst: »Senhor Almeira, ich war vor einiger Zeit als flüchtiger Besuch bei Ihnen und nahm da Gelegenheit, mit Ihnen über die Verhältnisse Ihrer deutschen Parcerie-Arbeiter zu sprechen.«
»Und was mit denen, Herr?« fuhr Almeira heftig auf.
»Bitte, ereifern Sie sich nicht unnöthig,« erwiederte ruhig der Deutsche, »Sie verweigerten damals ihre Freilassung. Jetzt komme ich -- in Begleitung dieser Gerichtsbeamten mit einer Anklage zu ihnen, die ich selber in Rio anhängig gemacht, daß Sie -- =falsches Buch= über Ihre Ausgaben und Einnahmen in Betreff dieser unglücklichen Menschen geführt, und die mich begleitenden Gerichtsbeamten sind beauftragt worden, der Sache auf den Grund zu gehen.«
Almeira war bei der Beschuldigung emporgefahren, aber auch jeder Blutstropfen hatte seine Wangen verlassen und nur mit fast tonloser Stimme rief er aus: »Das ist eine niederträchtige Lüge!«
»Es wird sich jetzt zeigen wer sie gesprochen,« nickte der Deutsche, »Senhores, ich ersuche Sie, keine Zeit zu versäumen und die Revision vorzunehmen.«
»Und wer hat das Recht, sich in meine Angelegenheiten zu drängen?« zischte der Brasilianer zwischen den Zähnen durch, »regieren auf einmal die Fremden hier im Land oder =wir= noch?«
»Seien Sie vernünftig Almeira,« sagte einer der Beamten, »der Herr hat eine Vollmacht von Seiner Majestät selber unterzeichnet, und wir müssen der Genüge leisten. Wo sind Ihre Bücher?«
»Also sollen =alle= unsere Rechte untergraben werden?« rief der Pflanzer höhnisch aus, »beim Himmel, es ist weit gekommen, wenn man das einem brasilianischen Gutsherrn auf seinem eigenen Besitzthum bieten kann.«
Der Beamte zuckte die Achseln, es war ihm aller Wahrscheinlichkeit nach selber nicht recht, aber der Deutsche, der den Befehl mit dem letzten Dampfer gebracht, schien genau zu wissen, was er thue, und das Schreiben des Ministeriums war ebenfalls in so scharfen bestimmten Ausdrücken abgefaßt, daß selbst ein Verschleppen der Sache zur Unmöglichkeit wurde, -- sie wären auch sonst wahrlich nicht so rasch mit hier herausgeritten.
Übrigens hatte Senhor Almeira lange nicht mehr so viele Freunde als er glaubte; denn schon ehe dieser Befehl aus der Hauptstadt eintraf, der den Verdacht eines Verbrechens auf ihn warf, -- wenn das auch bei den übrigen Kaffeepflanzern wohl schwerlich sehr hoch angeschlagen wäre -- hatte sich ein bis jetzt noch dumpfes und unbestimmtes Gerücht in Porto Seguro verbreitet, nach welchem die finanziellen Verhältnisse des Pflanzers durch seine übergroße Verschwendung einen bedenklichen Charakter sollten angenommen haben. Daß jene junge Französin, die ihn aus Rio hierher begleitet, gar nicht seine wirkliche Frau gewesen, schien man ziemlich allgemein gewußt zu haben, und es verhinderte das gar nicht den Besuch der ersten und angesehensten Familien; aber daß sie ihn jetzt plötzlich verlassen hatte, bestärkte die Leute in dem schon überhaupt gefaßten Verdacht, denn den wahren, edlen Beweggrund traute ihr Niemand zu.
So gingen denn die Beamten williger an ihre Pflicht, als sie es vielleicht unter anderen Umständen gethan hätten, und zwei volle Stunden lang blätterten und rechneten sie in Almeira's Büchern und verglichen zu derselben Zeit mitgebrachte Preiscourante der verflossenen Jahre mit den angegebenen Zahlen.
Das Resultat mußte ein, für den Brasilianer nicht sehr günstiges sein, denn sie schüttelten dabei oft sehr bedenklich die Köpfe. Endlich stand der Eine von ihnen auf, winkte dem Deutschen, ihm zu folgen und schritt mit ihm draußen ein Stück die Straße hinauf, die in das Innere führte.
»Senhor,« sagte er hier, »der von Ihnen angeregte Verdacht war nicht ganz unbegründet --«
»Ich wußte es vorher.«
»Und Senhor Almeira --?«
»Wird ins Zuchthaus wandern müssen.«
Der Brasilianer schwieg eine Weile und sah nachdenkend vor sich nieder, endlich blieb er stehen, sah seinen Begleiter voll an und sagte: »Welchen Zweck verfolgen Sie eigentlich bei der Sache?«
»Welchen Zweck? Nun den, einen Schurken zu entlarven und seiner Strafe zu überliefern.«
»Und diesen wirklich nur allein?«
»Ei, Gott bewahre; die Hauptsache ist, daß diese armen, unglücklichen Menschen, deren Arbeitskraft nicht nur, wie deren ganzes Leben der Bube gemißbraucht hat, wieder freie Menschen und für ihre Arbeit bezahlt werden.«
»Schön,« sagte der Brasilianer, »Sie scheinen mir ein vernünftiger Mann und mit den brasilianischen Verhältnissen ziemlich vertraut, auch im Ganzen =practisch= zu sein, eine Eigenschaft, die Ihren Landsleuten sonst gewöhnlich abzugehen pflegt. Ich glaube, wir bringen Senhor Almeira, nach den heutigen Erfahrungen, ohne große Schwierigkeit dazu, seine Ansprüche auf die Dienste der deutschen Arbeiter aufzugeben.«
»Ei, zum Teufel, Herr, das glaube ich auch, aber --«
»Bitte, lassen Sie mich ausreden: wir werden aber keine Vergütung für sie von ihm verlangen.«
»Ist auch gar nicht nöthig; die Vergütung werden die Gerichte nachher schon feststellen.«
»Also werden Sie wirklich einen Proceß anstrengen?«
»Aber, verehrter Herr, ist denn das nicht eine sonderbare Frage? =haben= denn die Gerichte die Sache nicht schon in die Hand genommen?«
»Wie man das so nimmt,« sagte der Beamte achselzuckend. »Dem Ministerium liegt besonders daran, die deutschen Arbeiter -- da Sie selber scheinen beim Kaiser Gehör gefunden zu haben -- von einer Ungerechtigkeit zu erlösen und die Sache damit abzumachen. Sagt man jetzt Almeira, daß er noch das Ganze beilegen kann, ohne viel Lärm zu machen, so wird er nicht so thöricht sein und sich weigern. Verlangt man aber etwas von ihm, was er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht leisten =kann=, Geldzahlungen nämlich, denn seine Vermögensverhältnisse sind in der That zerrüttet, so =muß= er es auf einen Proceß ankommen lassen, der drei, vier Jahre dauern mag, während die Arbeiter bis zu dessen Entscheidung gezwungen wären, in ihren alten Verhältnissen zu bleiben. Doch das nicht allein; würde der Proceß auch -- wie ich gar nicht bezweifle -- zu ihren Gunsten entschieden, und die Passiva überstiegen die Activa, so gehen, wie Sie recht gut wissen, die Hypotheken vor und Ihre Landsleute bekämen doch keinen Reïs, -- trotz all ihren gerechten Ansprüchen.«
»Aber damit deuten Sie nichts Geringeres an,« rief der Deutsche, »als daß der Verbrecher -- denn wahrlich, er hat ein Verbrechen an den unglücklichen Menschen verübt -- vollkommen straffrei ausgehen solle.«
»Ändern Sie Brasilien,« sagte der Beamte zu dem Deutschen achselzuckend; »ich will auch eingestehn, daß wir faule Schäden im Lande haben, die ausgeschnitten werden könnten, aber sie hängen innig und unzertrennbar mit der Productionskraft des Landes zusammen, und es begegnen sich in ihnen so viele und zahlreiche Interessen, daß es Jeder gern so lang es möglich vermeidet, die Hand daran zu legen. Folgen Sie deshalb meinem Rathe. Ist es Ihnen ernstlich darum zu thun, den armen Deutschen =bald= zu helfen, so überlassen Sie =mir= die Sache, und ich glaube, daß ich damit zu Stande komme; wollen Sie aber die strenge, unnachsichtliche Verfolgung mit einer Entschädigungsklage für Ihre Schützlinge, so -- werden wir jetzt nach Porto Seguro zurückreiten und einen getreuen Bericht über den befundenen Thatbestand absenden; danach wird dort berathen und nachher --«
»Ich bitte Sie um Gotteswillen,« rief der Fremde, »halten Sie ein; ich habe vollkommen genug. Der Himmel bewahre uns Alle vor einem brasilianischen Proceß, -- die deutschen sind schlimm genug und ich verspüre nicht die geringste Lust, sie hier zu provociren. Wenn =Ihnen= nichts daran liegt, einen anerkannten Lump und Betrüger frei herumlaufen zu lassen, =mir= kann's gewiß recht sein, -- also bitte um Regulirung der Sache sobald als möglich. Nur noch eins; was wird aus den armen Familien, wenn sie hier, ohne die geringsten Mittel in Händen zu haben, fort sollen?«
»Dafür liegt ein specieller Befehl der Regierung bei,« sagte der Beamte, »sie mit dem nächsten Dampfer nach Rio zu senden, von wo aus sie auf Regierungskosten nach Santa Chatarina und Blumenau geschickt werden sollen. Dem Schriftstück nach scheint es, als ob das der besondere Wunsch der Deutschen wäre.«
»Gut -- ich verlange nicht mehr,« sagte der Deutsche, »etwas bringen wir auch in Rio für sie zusammen. Wann kann ich also Antwort haben?«
»In einer halben Stunde,« sagte der Beamte, augenscheinlich selber sehr erfreut, die fatale Sache noch auf eine so ausgleichende Weise beigelegt zu haben, »verlassen Sie sich darauf.«
»Und ich kann mit den Deutschen sprechen?«
»Auf =meine= Verantwortung; sie sind von diesem Augenblick an frei.«
Als sie zum Herrenhaus der Plantage zurückkehrten, suchte der Beamte augenblicklich Senhor Almeira auf, während der Deutsche, ohne auch nur das Gebäude wieder zu betreten, so rasch er konnte, zu seinen armen Landsleuten hinab eilte.
Und sollte ich versuchen, die Scene jetzt zu beschreiben, als er ihnen mittheilte, daß sie =frei= wären, -- daß sie von jetzt an keinen =Herrn= mehr hätten, und die Regierung selber sie mit dem nächsten Dampfer in ein gesunderes Klima, ja gerade dorthin senden wolle, wohin sie sich die lange schwere Zeit immer gesehnt, und wo sie nun doch noch vielleicht einen Theil der Hoffnungen verwirklichen konnten, die sie in dieß ferne Land geführt?
Senhor Almeira schien auch in der That nicht die geringsten Schwierigkeiten gemacht zu haben, denn die Gründe, die ihm der Beamte vorgelegt, mußten doch wohl zu überzeugend gewesen sein. Kaum eine halbe Stunde später erschien dieser selbst, um den Deutschen anzuzeigen, daß sie am nächsten Morgen ihr Gepäck nach Porto Seguro verladen möchten, da in den nächsten Tagen das vom Norden kommende Dampfboot dort erwartet würde. Kosten hätten sie dabei nicht, ja, es sollte sogar Jedem ein Reitthier geliefert werden, um den ziemlich entfernten Hafenplatz zu erreichen.
Von jetzt an hatte die Noth der Armen aufgehört. Eine schwere Stunde stand ihnen freilich noch bevor: der Abschied von den Gräbern ihrer Lieben, von denen sie sich ja auf immer trennen mußten, und bittere Thränen wurden dort geweint, aber auch das überstanden sie, wie sie so Manches in diesem Aufenthalt der Qual überstanden hatten, und am nächsten Morgen mit Tagesanbruch wurden die Thiere herbeigetrieben, auf denen sie die Plantage verlassen sollten.
Senhor Almeira machte ihnen allerdings den Abschied insofern leicht, als er sich nicht mehr vor ihnen sehen ließ, aber sie verlangten auch nicht nach ihm, und als sie im Hafen angelangt das eben eingetroffene Dampfboot bestiegen, und mit diesem wieder hinaus in die offene See -- in die frische, kühle Luft hinein hielten, war ihnen fast so zu Muthe, als ob sie nicht einen anderen Platz in dem fernen Reich aufsuchen wollten, sondern aufs Neue der Heimath entgegen steuerten.
Zwölftes Capitel.
In der Colonie Blumenau.
Schluß.