Ein Mann Des Seefahrers Und Aufrechten Burgers Joachim Nettelbe

Chapter 7

Chapter 73,764 wordsPublic domain

Auch der Kapitän sah, was vorging, und schlich bleich und zitternd nach der Kajüte, während ich, mit Hilfe der übrigen, das Schiff wendete und, da mir der Wind günstig in die Segel stand, auch das kaum verhoffte Glück hatte, mich mit Kreuzen und Lavieren endlich wieder aus dem Untergang drohenden Gedränge wieder herauszufinden. Von unserm Schiffer war und blieb nichts zu sehen, bis zur Essenszeit, da er mich, wie gewöhnlich, zu Tische rufen ließ. Kaum trat ich in die Kajüte, so fiel er mir um den Hals, gestand, er sei ganz von Sinnen gewesen, und bat mich, alles Geschehene zu vergessen; mit heiliger Zusicherung, daß er mir künftig ganz meinen Willen lassen wolle. Ich schärfte ihm jedoch ein wenig das Gewissen durch Vorstellung, wie nahe es daran gewesen, daß wir alle durch seine Schuld Kinder des Todes geworden. Er erkannte das, gab gute Worte, und damit war die Sache abgetan.

Auf der Heimreise hatten wir den Kanal bereits wieder passiert und bei Nacht die Leuchtfeuer bei Dover deutlich erkannt, indem wir bei einem, zum Sturme werdenden West-Südwest-Winde herliefen. Weiterhin in der Nordsee, wo diese mehr Breite gewann, fanden wir gewaltig hohe Wogen, die unsrem tief mit Salz geladenen Schiffe durch öfteres Überstürzen sehr beschwerlich fielen. Eben war meine letzte Nachtwache von zwölf bis vier Uhr zu Ende. Ich ging demnach zum Kapitän in die Kajüte, um ihm zu sagen, daß seine Wache beginne, daß es gewaltig stürme und daß, wofern der Wind nicht bald nachließe, es nötig werden möchte, die Segel einzunehmen und gegen den Wind zu legen. Anders sei mir bange, daß uns nicht Boot, Wasserfässer und selbst Menschen durch die Sturzwellen über Bord gerissen würden.

Müde suchte ich meine Lagerstätte, ohne jedoch einschlafen zu können. Ich hörte den Kapitän aufs Deck hervorkommen und wieder in die Kajüte zurückkehren, wobei er Morgen- und Bußlieder zu singen begann. Das deuchte mir an ihm um so verwunderlicher, da er während der ganzen Reise, außer der Zeit des gewöhnlichen Schiffsgebetes, nie ein geistliches Buch in die Hände genommen, noch eine Gesangnote angestimmt hatte. »Das mag wohl gar ein Zeichen vor seinem Ende sein,« sagte ich zu mir selbst. »Nun, so ist es doch immer das Schlimmste nicht, was er tun kann.«

Eine Stunde später trat er an mein Bett, um mich zu fragen, ob ich schliefe? -- »Kann man es wohl bei Eurer seltsamen Musik?« war meine Antwort. Nun sagte er mir: es werde nicht anders sein, als daß wir die Segel einreffen und gegen den Wind würden drehen müssen. Zugleich bat er mich, daß ich mich etwas in die Kleider würfe und mit meinen Leuten auf dem Platze wäre, während er selbst mit seinem Wachvolke die Kliefhack (Besane) einnehmen wolle. -- Flugs sprang ich mit gleichen Füßen aus den Federn, machte Lärm und brachte meine Mannschaft auf die Beine. Aber noch steckte ich selbst erst halb in einem Stiefel, so begann der Mann am Ruder ein helles Geschrei, ohne daß ich eine Veranlassung dazu begriff. Ich stürzte hervor -- »Kerl, bist du toll? Was ficht dich an?« -- »Mein Gott! mein Gott! Da vorn muß ein Unglück passiert sein. Sie lamentieren alle ganz kläglich durcheinander.«

In drei Sprüngen war ich vorn am Bug. »Was ist's? was fehlt euch? sprecht!« -- »Ach, daß Gott erbarme! der Schiffer ist über Bord!« -- »Nun denn, nicht lange besonnen! Frisch, daß wir ihm helfen!« -- Sogleich griff ich nach allem Tauwerk, das mir zunächst zur Hand kam, und ließ die Enden über Bord laufen, damit sich der Unglückliche vielleicht daran halten möchte. Das gleiche tat ich hinten auf dem Kajütendeck, aber immer noch, ohne zu wissen, nach welcher Seite ich ihn eigentlich zu suchen hatte, da das Schiff eine fliegende Fahrt lief. Endlich nahm ich wahr, daß er hinten im Kielwasser in die Höhe tauchte, sich in einer Entfernung von zehn oder zwanzig Klaftern hinter dem Schiffe zum Schwimmen umwarf und nun mit Macht zu rudern begann. Daß er ein fertiger Schwimmer sei, der in Ostindien wohl Strecken von mehr als einer Viertelmeile zurückgelegt habe, hatte er selbst mir oftmals erzählt, und auch wohl hinzugesetzt: Er glaube gar nicht, daß er ersaufen könne.

Sobald ich seiner ansichtig wurde, holte ich das Ruder nach der Steuerbordseite, um das Schiff bei dem Wind zu legen und dadurch möglichst aufzuhalten. In dieser Stellung aber legte es sich (da es ohnehin der tiefen Ladung wegen nur wenig Bord hielt) so übermäßig auf die Seite, daß sogar die Kajütentür unter Wasser geriet und dasselbe wie zu einer Schleuse hineinstürzte. In dieser Lage standen wir, wenn sie noch einige Minuten anhielt, in der augenscheinlichsten Gefahr, auf der Stelle zu sinken. Ich mußte mich entschließen, das Ruder wieder nach der andern Seite zu holen, um das Schiff in die Höhe zu bringen, bevor es seinen Schwerpunkt verlöre.

Wohl brach mir mein Herz, wenn ich an den armen Kapitän gedachte, den wir noch von Zeit zu Zeit mit dem stürmenden Elemente kämpfend erblickten, sooft die Woge ihn emporhob. Es gab kein Mittel mehr, uns in seiner Nähe zu erhalten, da das Schiff, vom Winde gejagt, gleich einem Pfeile durch die Fluten dahinschoß. Der Unglückliche war nicht zu retten, selbst wenn wir unser eigenes Leben hätten preisgeben wollen! Sogar jetzt, wo ich mich frei von der unsäglichen Bestürzung fühle, die in jenen schrecklichen Augenblicken auf uns alle drückte, weiß ich nicht, was noch anderes und mehr zu seinem Beistande von uns hätte versucht werden können.

Mittlerweile hielt der Sturm noch immer an, ohne jedoch härter zu werden. Ich wagte es daher, das Schiff vor dem Winde hinlaufen zu lassen, bis sich mit dem nächsten Tage das Wetter allmählich wieder besserte. Nun aber lag mir eine andere schwere Sorge auf dem Herzen, wie ich bei übernommener Führung des Schiffes den mancherlei Verantwortlichkeiten entgehen wollte, die über den Nachlaß unseres unglücklichen Kapitäns entstehen konnten. Unser ganzer Vorrat an Brot, Grütze, Erbsen und übrigen Lebensmitteln war in der Kajüte aufbewahrt, und Koch und Kochsmaat hatten täglich und stündlich ihren Gang in dieselbe, um das Nötige hervorzuholen. Zugleich aber lagen hier auch des Schiffers Habseligkeiten umher, und ich wußte, daß es ihm nicht an Geld und Geldeswert gefehlt hatte. Noch mehr: er hatte mir zuzeiten einen bedeutenden Vorrat von Kostbarkeiten an Gold und Silber vorgewiesen, zu deren Einkauf in Amsterdam ihm von seinen Königsberger Freunden Auftrag gegeben worden. Auch diese mußten in der Kajüte und, wie ich vermutete, in seinem Kasten befindlich sein.

Um mich dieserwegen auf jede Weise zu sichern, ließ ich gleich am andern Tage das ganze Schiffsvolk, bis auf den Matrosen, der das Steuer versah, in die Kajüte zusammenkommen. In ihrer Gegenwart nahm ich ein schriftliches Verzeichnis von sämtlicher Habe unseres verstorbenen Schiffers auf; wir packten dies alles in die vorhandenen Kisten, Kasten und Säcke, und schritten dann zu einer allgemeinen Versiegelung derselben, damit weiter keine Hand daran rühren dürfte. Das dazu gebrauchte Petschaft aber ward von mir vor ihrer aller Augen durch das Kajütenfenster in die See geworfen.

Da bei dieser Verhandlung alle und jede Behältnisse hatten geöffnet werden müssen, um nachzusehen, ob sie keine Schiffspapiere enthielten, die mir im Sunde oder sonst nötig werden konnten, so erstaunte ich nicht wenig, daß sich hierbei nirgends weder Gelder und Barschaften, noch seine Taschenuhr und silbernen Schuh- und Knieschnallen, noch endlich auch jene vorerwähnten goldenen und silbernen Galanteriewaren vorfinden ließen. Unsere Meinung fiel endlich dahin aus, daß der verunglückte Eigentümer diese Sachen wohl hier und da versteckt haben möchte, um sie vor den gierigen Blicken und langen Fingern der Kapermannschaften zu sichern, die je zuweilen ungelegene Besuche an unserm Borde machten. Allein wie sorgfältig wir auch jeden Winkel der Kajüte durchsuchten, so ließ sich doch nicht die mindeste Spur des Verlorenen entdecken.

Des dritten Tages nachher war ich im Sunde, und zwei Tage später vor Pillau. Der Wind stürmte gerade auf das Land zu, es ging eine hohe See; und wie gern ich auch lieber geradeswegs auf Königsberg gegangen wäre, so blieb hier doch nichts anderes zu tun, als in den Pillauer Hafen einzusetzen. Allein auch dies blieb ein Wagestück, wozu Mut gehörte. Sobald jedoch die nötigen Vorbereitungen getroffen, die Kajütenfenster vermacht und die Leute auf ihrem Posten waren, ließ ich das Schiff vor dem Winde laufen. Glücklich trafen wir das Fahrwasser zwischen den Haken; zugleich aber überflutete uns in der Brandung eine Sturzwoge nach der andern von hinten her, das Schiff stieß auf den Grund, hob sich jedoch mit der nächsten nachfahrenden Welle wieder, und ich wäre mit dem bloßen Schrecken davongekommen, hätte nicht diese nämliche Welle uns das Steuerruder aus den Angeln gehoben und davongeführt. Noch aber verlor ich die Besinnung nicht, steuerte mit den Segeln, sogut ich vermochte, und kam endlich bei Pillau, ohnweit des Bollwerks, wohlbehalten vor Anker.

Mein kühnes Beginnen hatte eine Menge neugieriger Menschen am Bollwerke versammelt, und das nur um so mehr, als man bald auch unser Schiff erkannte. Ich meinerseits bemerkte unter diesen Zuschauern mit wehmütiger Empfindung unseres verunglückten Schiffers Frau, die ihre Kinderchen zur Seite hatte und eifrig nach uns aussah. Kaum trat ich ans Land und fiel ihr in die Augen, so rief sie mit sichtbarer Beängstigung: »Gott im Himmel! wo ist mein Mann?« -- Alles, was zugegen war, umstand mich und fragte: »Wo ist Schiffer Karl Christian?« -- »Krank! krank!« war meine zwar vorbereitete, aber durch Ton und Gebärde nur schlecht beglaubigte Antwort. Ich suchte nur mich loszumachen und eilte zum reformierten Prediger, dem Beichtvater der armen Frau, dem ich den ganzen traurigen Vorfall erzählte mit der Bitte, ihr die Todespost auf eine gute Weise beizubringen und mit seinem Troste nahe zu sein.

Das geschah denn auch auf der Stelle. Ich selbst fand mich demnächst auch ein, um der leidige Bestätiger seiner Zeitung zu sein; und ich darf wohl sagen, daß mir das ein schwerer und bitterer Gang geworden. Am nächsten Morgen, wo ich hoffen konnte, daß die unglückliche Witwe sich der Weheklage etwas begeben und zu mehr Fassung gekommen sein würde, ging ich wiederum zu ihr und kündigte ihr an, daß, da ich mit dem Schiffe unverweilt nach Königsberg hinaufgehen müßte, ich ihr heute noch ihres verstorbenen Mannes Sachen und Gerätschaften vom Schiffe ins Haus schicken würde. Zugleich aber mußte ich ihr leider auch ankündigen, daß sowohl seine Barschaften als eine Menge anderer Sachen von Wert auf eine, uns allen unbegreifliche Weise unter seinem Nachlasse vermißt würden, wofern sich nicht etwa noch in seinen Papieren darüber eine nähere Auskunft ergäbe.

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Nach diesem betrübenden Abschiede langte ich mit dem Schiffe bei Königsberg an und meldete mich bei den Reedern desselben. Hier war es sofort das erste, daß wir sämtliches Schiffsvolk zu einer eidlichen Erklärung über alle einzelnen Umstände des dem Schiffer widerfahrenen Unglücks aufgefordert wurden. Wir alle, und ich insonderheit, mußten uns auf gleiche Weise von jedem Verdachte einer Veruntreuung seines Eigentums reinigen und unsere Unkenntnis, wohin die verschwundenen Sachen gekommen, erhärten. Hätte nur diese gerichtliche Prozedur zugleich auch meine Unschuld vor den Augen der Welt und der giftigen Stimme der Lästerung zu rechtfertigen vermocht! Aber leider! fiel hier die Sache ganz anders! Ich mußte mir hinter meinem Rücken Dinge nachsagen lassen, an die meine Seele nie gedacht hatte. Ich galt wohl überall für den Dieb, der Witwen und Waisen verkürzt habe, und mußte es dulden, daß oftmals auch in meinem Beisein mit spitzigen Worten auf dergleichen gedeutelt wurde. Wie oft, aber auch wie schmerzlich bitter habe ich's Gott geklagt und darüber im stillen meine Tränen geweint!

Die nächste Wirkung dieses unseligen Verdachtes war, daß, nachdem das Schiff ausgeladen worden, ich, anstatt die Führung desselben zu erhalten (wie sonst wohl geschehen wäre), es an den Schiffer Christian Kummerow übergeben mußte. Ja, meine ganze Lebenslage schien hierüber eine andre Richtung nehmen zu wollen. Als verlobter Bräutigam einer Tochter des Segelmachers Johann Meller in Königsberg und mit großen Aussichten und Plänen, war ich vormals ausgefahren: jetzt kam diese Heirat zwar wirklich zustande; aber ich ließ die Flügel mächtig hängen und beschränkte meinen in die weite Welt strebenden Sinn nunmehr auf den engen Verkehr eines kleinen Bording-Reeders, und meine weitesten Reisen begrenzten sich in dem spannenlangen Raume zwischen Königsberg, Pillau und Elbing. Es war der leidige Gang eines Langohrs in der Mühle!

Wäre aber mein freier, immer ins Weite gestellte Sinn eines solchen Austernlebens nicht schon an sich selbst frühzeitig müde geworden, so waren doch Zeit und Umstände ebensowenig dazu gemacht, mir diese Unlust durch anderweitige Vorteile zu vergüten. Mein Bordingskahn war ein altes Fahrzeug, das meinem Schwiegervater gehörte, und worauf ich ihm die Hälfte des taxierten Wertes von zweitausend preußischen Gulden bar ausgezahlt hatte. Es währte auch nicht lange, so ward ich, gleich vielen andern meinesgleichen, von den Russen, die damals in ganz Preußen den Meister spielten, gepreßt und zum Transport von Proviant und Militäreffekten von Pillau nach Elbing und Stuthof gebraucht. An Bezahlung war hierbei im geringsten nicht zu denken: desto reichlicher aber gab es hier üble Behandlung und allerlei Verdrießlichkeiten zu verdauen, die mir die Galle ins Blut jagten. Ich entschloß mich daher kurz und gut, der Pauke ein Loch zu machen.

Eben lag ich auf dem Frischen Haff bei Stuthoff vor Anker. Ich war ledig und sollte nach Pillau gehen. Ein russischer Soldat war mir an Bord zur Aufsicht gegeben, der keinen Augenblick von mir weichen sollte. Dennoch war leicht ein Vorwand gefunden, ihn ans Land zu locken und dort bei der Flasche so angelegentlich zu beschäftigen, daß ich mich auf mein Fahrzeug zurückschleichen, den Anker lichten und meines Weges davonsegeln konnte. Der arme Kerl, der mich indes nur zu bald vermißte, lief mir wohl eine halbe Meile am Strande nach, schrie und beschwor mich bei all seinen Heiligen, daß ich ihn wieder einnehmen möchte. Dazu hatte ich nun freilich keine Ohren; ich spannte vielmehr noch ein Segel mehr auf und kam ihm so bald aus dem Gesichte, bis ich auf dem Pregel bei Fischhof anlegte. Hier wimmelte es eben von Schiffen, welche Bordings brauchten, um ihnen einen Teil ihrer Fracht nachzuführen, und wo ich auf eine bessere Ernte zu rechnen hatte.

Wirklich auch akkordierte ich hier sogleich eine gute Fracht nach Pillau; doch machte ich, zu meiner Sicherheit, dem Schiffer die Bedingung, daß ich jenem Orte nicht näher als über den Grund in der Rinne (dem Fahrwasser) kommen dürfte, und daß er mich, sobald ich ihm die Güter wieder an Bord gegeben, durch seine Leute sogleich aufs Haff zurückbugsieren helfen sollte. So dachte ich denn dies Spiel noch öfter zu wiederholen, ohne den Russen in die Scheren zu geraten und sie obenein ins Fäustchen auszulachen. Diesmal zwar gelang es, aber dennoch war der Handel, als ich Fischhof wieder erreichte, schon verraten, und ein paar bekannte Lotsen, die von Pillau kamen, warnten mich, dort dem Frieden nicht zu trauen, indem mir von meinen Widersachern bereits aufgepaßt werde.

Das Schiff, dessen Güter ich diesmal eingenommen hatte, war indes schon vor mir nach Pillau abgesegelt, und es blieb nichts übrig, als ihm nachzufolgen; aber zu gleicher Zeit verließ mich mein Schiffsvolk heimlich, dem es wohl bange werden mochte, mit mir bei den Russen in die Patsche zu kommen. Ich sah mich also auf meinem Bording allein, ohne mir Rat zu wissen, bis am andern Tage ein betrunkener Mensch (er war Nachtwächter in Pillau) seines Weges von Königsberg, längs des Dammes einhergetaumelt kam, dem ich die freie Fahrt nach Hause anbot, wenn er an Bord kommen und mir etwas helfen wollte. Das ward gerne angenommen; und obwohl er sich einigermaßen wunderte, daß er mich so mutterseelenallein hantieren sah, so beruhigte ihn doch meine Versicherung, daß sich mein Volk wohl finden werde; er half mir mein Fahrzeug losmachen und die Segel aufziehen, sogut er's in seinem Zustande vermochte, und suchte dann bald einen Winkel, sein Räuschchen vollends auszuschlafen.

Der Wind war günstig und ich steuerte, sogut es gehen wollte, auf Pillau zu. Gegen den Abend sah ich das Schiff, welches ich suchte, bereits in der Rinne vor Anker liegen. Allein in eben dem Augenblicke, wo ich mich ihm an Bord legte, erblickte ich auch ein Boot mit russischen Soldaten angefüllt, die sich mir näherten und es unfehlbar auf mich gemünzt zu haben schienen. Nun galt es denn im Ernste! Auf mein Bitten versprach mir indes der Schiffer, nicht nur mich in seiner Jolle und durch seine Leute alsogleich bei dem Schwalkenberge an Land bringen zu lassen, sondern auch meinen Bording, sobald er ledig geworden, hinter den Haken in Sicherheit zu schaffen.

Schnell warf ich mich nun in das Boot und schlüpfte in der eingebrochenen Dunkelheit an meinen Verfolgern glücklich vorüber. Der Wind ging heftig aus Westen, und es gab eine hohe See. Obenein kamen wir, noch in weiter Entfernung vom Lande, auf den Grund zu sitzen, so daß das Boot hoch voll Wasser spülte. Während die Kerle fluchten und schöpften, bedachte ich mich nicht lange, über Bord zu springen. Ich kam auf der Bank bis an den halben Leib ins Wasser, sowie ich aber dem Ufer näher watete, geriet ich immer tiefer -- jetzt bis unter die Arme, dann bis an den Hals -- hinein, und endlich mußte ich mich zum Schwimmen bequemen. So erreichte ich triefend das Land und ging nach Lockstädt, wo ich nicht nur Gelegenheit fand, mich am warmen Ofen zu trocknen, sondern mir auch ein Pferd bestellte, auf welchem ich früh vor Tage mich davonmachte und zu Mittag Königsberg mit dem Vorsatze erreichte, mich im Hause meines Schwiegervaters zu verbergen.

Doch etliche Stunden später fand sich auch bereits ein russischer Offizier mit vier Mann Wache und in Begleitung des Bordings-Faktors Mager ein, um mich hier aufzusuchen und festzunehmen. Sie trafen sogleich auf der Hausflur mit mir zusammen, und der Faktor, welcher sich stellte, mich nicht zu kennen, fragte mich, wo der Schiffer Nettelbeck zu finden sei? Ich stutzte einen Augenblick, ermutigte mich aber doch alsbald zu dem Bescheide: Den würden sie wohl in Pillau suchen müssen. »Nein! nein!« unterbrach mich der Offizier, welcher deutsch sprach, »wir wissen, daß er hier schon wieder zu haben ist. Wir wollen ihn wohl herausklopfen.« -- Klopft nur, dachte ich, und schritt ganz lässig zur hinteren Hoftüre hinaus. Kaum aber hatte ich diese auch nur im Rücken, so hätte man sehen sollen, was für lange Beine ich machte, um in den Garten und über alle Zäune, Planken und Hecken hinweg an den neuen Graben zu kommen, wo ich bei einem guten Freunde, Heinrich Topen, eine neue Zuflucht zu finden wußte.

Hier blieb ich unentdeckt, während im Hause meines Schwiegervaters jeder Winkel aufs sorgfältigste nach mir durchstöbert wurde. Dagegen ward in Pillau mein Bordingskahn nicht so bald ledig, als ihn die Russen in Beschlag nahmen, neu bemannten und bis spät in den Herbst hinein zu ihrem Gebrauch verwandten, wo sie ihn endlich, rein ausgeplündert und der Segel und des Tauwerkes beraubt, als ein Wrack liegen ließen. Vergebens bat ich schriftlich einige Freunde in Pillau, nach meinem Eigentum zu sehen, denn niemand wollte sich damit befassen, um sich nicht vielleicht mit den Russen böse Händel zu machen.

Endlich verblutete sich die Geschichte, so daß ich es allmählich wagte, aus meinem Verstecke hervorzukommen; und im Frühling 1762 durfte ich mich selbst wieder in Pillau blicken lassen. Mein Fahrzeug stand hier am Damm auf dem Grunde, von welchem ich es vor allen Dingen abbrachte. Dann setzte ich es nach Möglichkeit wieder instand und führte es nach Königsberg, um seiner nur zu jedem Preise loszuwerden und nun die Arme ein wenig freier zu rühren. Zu diesem Ende erstand ich wieder ein zwar nicht großes, aber tüchtiges Seeschiff, »der Postreiter« genannt, von fünfundvierzig bis fünfzig Lasten, und fand auch sogleich eine erwünschte Ladung von Malz, nach Wolgast bestimmt, die für zweiundzwanzig holländische Gulden die Last bedungen wurde. Nun säumte ich nicht, unter russischen Pässen meine erste Reise dahin anzutreten.

Als ich in Wolgast vor Anker gekommen, vertraute mir Herr Cantzler, der Empfänger der Ladung, daß dieselbe für die Preußen in Stettin bestimmt sei, und bat mich, so lange zu verweilen, bis er eines Fahrzeuges habhaft geworden, das sie heimlich, bei Nacht und Nebel, dorthin schaffen solle.

Ich ließ mir das gefallen. Als aber die Ankunft des Schmugglers sich von einem Tage zum anderen verzog, ward mir Zeit und Weile lang; und zugleich auch erwachte in mir der Patriotismus, meinen pommerschen Landsleuten in Stettin etwas zuliebe zu tun. So machte ich mich denn auf zu Herrn Cantzler und stellte ihm vor: mein Fahrzeug ginge nicht zu tief und wäre wohl geeignet, übers Haff und dessen Untiefen zu passieren. Wäre es ihm recht, so unternähme ich es wohl selbst, die Ladung nach Stettin zu bringen, da ich dieser Gegend hinreichend kundig wäre.

»Mir schon recht!« erwiderte der Handelsherr erfreut. -- »Will _Er_ sein Schiff dran wagen, Herr: die _Ladung_ muß gewagt werden! -- Wie hoch die Fracht?« -- Wir wurden um fünfhundert Taler einig. -- »Aber sehe sich der Herr wohl vor!« setzte jener warnend hinzu. -- »Auf dem Haff liegt eine ganze Flotte von unseren schwedischen armierten Schiffen. Das wird Künste kosten!« -- Was war zu machen? Der Schritt war einmal getan; und wäre mir der Handel nun auch leid geworden, so erlaubte mein Ehrgefühl doch nicht, jetzt noch zurückzutreten.

Vorerst ging ich mit meinem Schiffe die Peene hinauf, bis unfern an den sogenannten Bock am Eingange des Haffs. Hier sah ich die schwedische Armierung in einem weiten Halbzirkel vor mir liegen und in der Mitte derselben eine Fregatte, so daß das Ding nicht wenig bedenklich aussah und ich meinem Mute wacker zusprechen mußte. Indes peilte ich noch bei Tage mit dem Kompaß, wo hinaus die größte Öffnung zwischen den Fahrzeugen war. Die Nacht fiel rabendunkel ein, der Wind war frisch, mit Regen und Donnerwetter vergesellschaftet, und alles schien mein Unternehmen begünstigen zu wollen.

Um elf Uhr endlich hob ich den Anker und segelte glücklich und ohne Hindernis durch die Flotte, deren eigne aufgesteckte Feuer mir sogar die Richtung noch deutlicher angaben. Schon hatte ich sie eine Viertelmeile im Rücken und glaubte mich geborgen, als unerwartet ein Schuß nach mir hinfiel, der, wie ich jetzt erst bemerkte, von einer auf Vorposten ausgestellten Galley kam. Himmel! wie sputete ich mich, jedes Segel aufzusetzen, das mein Schiffchen nur tragen konnte, welches überdem, zu meinem Troste und seinen Namen rechtfertigend, ein trefflicher Segler war. Nicht lange aber, so blitzte noch ein zweiter Schuß von der Seite nach mir auf, und dieser kam von einem anderen Vorpostenschiffe, dem ich ebensowenig Rede zu stehen gesonnen war.

Nunmehr machten beide Galleyen die ganze Nacht hindurch Jagd auf mich und kamen mir in der Tat nahe genug, daß unter den unzähligen Kugeln, womit sie mich begrüßten, vier durch meine Segel gingen. Mit Tagesanbruch war ich New-Warp gegenüber. Hier aber kamen mir bereits drei von unseren preußischen armierten Fahrzeugen entgegen, die gewöhnlich bei Ziegenort lagen und durch das nächtliche Schießen alarmiert worden waren. Unter ihrem Schutze hinderte mich denn nichts, meinen Bestimmungsort zu erreichen und meine Fracht abzuliefern.

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