Ein Mann Des Seefahrers Und Aufrechten Burgers Joachim Nettelbe
Chapter 4
Jetzt erst konnten wir uns untereinander beraten, was wir in dieser unserer gänzlichen Verlassenheit anzufangen hätten? Der Schluß fiel dahin aus, daß wir des nächsten Morgens zu unserem Schiff und unseren anderen Kameraden zurückkehren wollten. Wo _diese_ blieben, wollten auch _wir_ bleiben und ihr Schicksal mit ihnen teilen. Unser einziger und letzter Notanker aber war des verstorbenen Oheims Taschenuhr, die wir an uns genommen hatten und, wenn uns zuletzt das Wasser an die Kehle ginge, loszuschlagen gedachten. Ob dies schon im roten Löwen würde geschehen müssen, wohin wir nun zunächst zurückkehrten, sollten wir alsbald erfahren. Gesättigt und durch einigen Schlaf erquickt, kam denn auch am Morgen darauf unsere bisherige Zeche zur Sprache. Doch der gute Wirt, den unser trauriges Schicksal erbarmt hatte, war mit unserem Danke und einem herzlichen Gott lohn's! zufrieden; wir aber wanderten ebenfalls in Gottes Namen wieder den Strand entlang, um unsere zurückgelassenen Unglücksgefährten aufzusuchen.
Noch waren wir indes keine Meile gegangen, als unser Schiffskoch, namens Roloff, uns aufstieß und uns berichtete: die österreichischen Strandwächter hätten unsere preußische Flagge von dem zertrümmerten Schiffe am Ufer aufgefischt; die Mannschaft sei hierauf nochmals in ein scharfes Verhör genommen worden und habe sich endlich zu ihrer wahren Landsmannschaft bekennen müssen. Von Stund an habe man sie als Kriegsgefangene und mit Härte behandelt, habe sie genötigt, die Trümmer des Schiffes und der Ladung mit angestrengter Arbeit ans Land bergen zu helfen, zugleich aber auch sie in so genauer Obacht gehalten, daß nicht einer, ohne militärische Begleitung, sich nur bis zwischen die nächsten Sanddünen habe entfernen dürfen. Dennoch sei es ihm selbst in dieser letzten Nacht geglückt, seinen Aufsehern zu entwischen, und er gedenke nunmehr nach Dünkirchen zu gehen, wo er in Sicherheit zu sein hoffe; -- uns aber rate er wohlmeinend, auf der Stelle wieder mit ihm umzukehren.
In der Tat war dieser Vorschlag der beste und ward unbedenklich von uns angenommen. Indem ich aber in unserer neuen Not alles reiflich bei mir überdachte, kam mir wieder der Kaufmann in Dünkirchen in Sinn, an welchen Schiffer Damitz vor vier Jahren, als er mit mir von Liverpool kam, seine Ladung Tabak abgeliefert hatte. Sein Haus war mir noch erinnerlich: doch sein Name nicht. Indes beschloß ich, geradesweges zu ihm zu gehen, ihm unsere Not zu klagen und ihn um Rat und Beistand zu bitten. Daneben fiel mir bei, daß unser Schiff in Amsterdam für Seeschaden und Türken-Gefahr versichert gewesen und daß der Kommissionär, der dies Assekuranz-Geschäft besorgt hatte, den Namen Emanuel de Kinder führte. Ich konnte demnach den Dünkircher Kaufmann bitten, daß er an diesen Agenten unsers Reeders nach Amsterdam schriebe und in unserem Namen um einen Vorschuß von einhundert Gulden für Rechnung Herrn Beckers oder meines Vaters in Kolberg bäte. Damit ließ sich dann schon hoffen, unsere Heimat wieder zu erreichen.
Alles dieses ging auch nach Wunsch in Erfüllung. Der Kaufmann war willig und bereit, uns in der vorgeschlagenen Weise zu dienen. Binnen acht Tagen ging auch eine Antwort von Emanuel de Kinder an ihn ein, mit der Anweisung: daß, wenn wir des Nettelbecks Kinder wären, er uns die hundert Gulden, oder falls wir es verlangten, auch das Zweifache auf sein Konto vorschießen möge. Allerdings war das brav von dem Amsterdamer: aber noch heute diesen Tag freut es mich, daß ich diese Wohltat im Jahre 1783 -- also 27 Jahre nachher -- an seinem Sohne, Florens de Kinder, habe vergelten können, indem ich mich, mit einer reichen Ladung von Lissabon kommend, an diesen adressieren ließ; und gewiß hat er hierbei, als Korrespondent, über 2000 Gulden gewonnen.
Ich war ein so guter Wirt, daß ich mich mit der Hälfte des angebotenen Darlehns begnügte; und das um so lieber, da uns der Dünkircher belehrte: Es sei auf diesem Platze der Brauch, daß Seefahrer, die an der dortigen Küste ihr Schiff verloren, einen Sou (etwa vier Pfennige unseres Geldes) für eine jede Meile bis nach ihrer Heimat, als Reisegeld, empfingen. Zugleich erbot er sich, jemand von seinen Leuten mit uns nach dem Stadthause zu schicken, um uns diesen Zehrpfennig auswirken zu helfen. Dort war jedoch den Herren, denen wir Kolberg als unsere Vaterstadt nannten, dieser Ort ein ganz unbekanntes Ding, denn damals hatten ihm die wiederholten Belagerungen noch keinen Ruf in der politischen Welt gegeben. Ich bat mir demnach eine Seekarte aus und wies in derselben die Lage dieses Handelshafens nach; ward aber zugleich auch aufgefordert, dessen Entfernung von Dünkirchen abzumessen. Dies trug über See gegen 190 Meilen aus; und ebensoviel Sous wurden auch jedem von uns dreien auf der Stelle ausgezahlt.
So waren wir denn mit unserem Reisebedürfnis notdürftig ausgerüstet: doch nun galt es die Frage, welchen Weg wir einschlagen sollten, um wieder zu den unsrigen zu gelangen? Es war Winter und die See so gut wie gesperrt. Zu Lande aber hätten wir uns durch die österreichischen Niederlande wagen müssen, wo wir, als Preußen, Gefahr liefen, gleich an der Grenze in Nieuport, Ostende, oder wo es sonst sei, angehalten zu werden. Indes ereignete sich, über unser Erwarten, bald genug eine Gelegenheit, die wir zu unserem Weiterkommen nicht glaubten versäumen zu dürfen. Die Dünkircher Kaper hatten nämlich einen englischen Kutter als Prise aufgebracht und denselben an einen Schiffer von Bremen namens Heindrick Harmanns verkauft. Dieser belud denselben sofort mit losen Tabaksstengeln und war willens, damit nach Hamburg zu gehen. Die gesamte Schiffsmannschaft bestand, außer ihm selbst, nur aus zwei Matrosen; und wir drei waren ihm als Passagiere um so lieber, da wir uns erboten, gegen die Kost, die er uns reichen sollte, die Wache mit zu halten.
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Vier Tage vor Weihnachten gingen wir in See. Es begann hart zu frieren, und das ganze Fahrzeug nahm zuletzt die Gestalt eines großen Eisklumpens an. Da wir so wenig auf dem Leibe hatten, wurden uns unsere Wachen herzlich sauer. Uns fror jämmerlich; daher begruben wir uns, so oft die Wachzeit zu Ende lief, im Raume tief in die Tabaksstengel; kamen aber gewöhnlich ebenso erfroren wieder heraus, als wir hineingekrochen waren. Unsere Schiffsleute verfuhren auch so unbarmherzig mit uns, daß sie uns nicht in ihre Schlafkojen aufnehmen wollten, wiewohl dies, während sie selbst sich auf der Wache befanden, füglich hätte geschehen können. Ebensowenig ließen sie uns, zu unserer Erwärmung, das geringste von ihren Kleidungsstücken zukommen; und selbst die kärglichen Mundbissen, die wir erhielten, wurden uns nur mit Widerwillen und Brummen hingestoßen.
So kamen wir vor die Mündung der Elbe. Da wir hier aber alles mit Eis besetzt fanden und überdem auch sich ein Ostwind erhob, wurde der Beschluß gefaßt, wieder umzukehren und an der holländischen Küste einen Nothafen zu suchen. Vor der Insel Schelling fand sich auch ein Lotse zu uns an Bord, der uns, schon bei später Abendzeit, zwischen die Bänke im Vorwasser brachte. Weil uns indes der Wind entgegenstand und wir nicht weiter hineinkommen konnten, warfen wir Anker, und der Lotse ging wieder an Land, mit dem Versprechen, sobald der Wind sich umsetzte, zu uns zurückzukehren. Aus den Äußerungen unseres Schiffers ging hervor, wie erwünscht es ihm sei, gerade an diesem Punkte an Land gekommen zu sein, denn sein Vater fahre als Beurtschiffer von Bremen nach Haarlingen, und eben jetzt müsse die Reihe an ihm sein, so daß er hoffen dürfe, ihn an letzterem Orte vorzufinden, von wo wir hier nur zwei oder drei Meilen entfernt seien.
Es war gerade der erste Januar des Jahres 1757. Abends um zehn Uhr setzte sich der Wind in Nordwesten; und indem er zu einem fliegenden Sturme anwuchs, wurde das Schiff vom Anker getrieben; saß auch, ehe wir uns dessen versahen, auf einer Bank fest, wo die Sturzwogen unaufhörlich über das Fahrzeug hinwegrollten und bis hoch an die Masten emporschäumten. Das Schiff war scharf im Kiel gebaut; so oft daher eine Welle sich verlief, fiel es so tief auf die Seite, daß die Masten beinahe das Wasser berührten. Gleichwohl erhielt uns Gottes Barmherzigkeit, daß wir nicht vom Borde hinweggespült wurden. Diese ängstliche Lage dauerte wohl vier bis fünf Minuten, bis endlich eine besonders hohe und mächtige Welle uns hob und mit sich über die Bank hinüberschleuderte.
So gelangten wir zwar für den Augenblick wieder in fahrbares Wasser: doch ehe wir noch Zeit hatten, uns unserer Rettung zu freuen, jagte der Sturm unser Fahrzeug vollends auf den Strand, und die brandenden Wellen zogen aufs neue im schäumenden Gebrause über das Verdeck und unsere Köpfe hinweg. Der Schiffer mit seinen beiden Leuten befand sich zufällig auf dem niedriger liegenden Hinterteile des Schiffes, während wir drei Passagiere uns vorn in der Höhe befanden und den Fockmast umklammert hielten, um nicht von den spülenden Wogen mit fortgerissen zu werden. Die Angst, mit etwas Hoffnung vermischt, machte uns mäuschenstille: jene aber schrien und wimmerten, daß die Luft davon erklang, ohne daß wir ihnen helfen, oder sie zu uns emporklimmen konnten.
Die Nacht war ziemlich dunkel; auf dem Lande lag Schnee, und rings um uns her schäumte die Brandung; folglich war alles weiß, und es ließ sich nicht unterscheiden, wie nahe oder wie fern wir dem trockenen Ufer sein möchten. Je länger ich indes meine Aufmerksamkeit hierauf spannte, desto gewisser auch deuchte mir's, daß beim Rücklauf der Wellen nur ein kleiner Zwischenraum zwischen uns und dem Lande sein könne. Ich nahm einen Zeitpunkt wahr, wo das Verdeck nach vorne frei von Wasser war, und kroch an dem langen Bugspriet hinan, das nach dem Strande hin gerichtet stand; da sah ich nun deutlich, daß jedesmal, wenn die See zurücktrat, das Ufer kaum eine Schiffslänge von uns entfernt blieb.
Jetzt schien mir unsere Rettung länger nicht unmöglich. Ich nahm behutsam den Rückweg zu meinen Gefährten, teilte ihnen meine glückliche Entdeckung mit und sprach ihnen Mut ein, mir nach auf das Bugspriet zu klettern. Sobald die nächste Welle sich weit genug zurückzöge, wollte ich's zuerst versuchen, mich schnell an einem Tau (deren dort überall eine Menge zerrissen hing) hinabzulassen; und wenn ich festen Boden unter mir fühlte, sollten sie, auf mein gegebenes Zeichen, beim nächsten Ablauf einer Woge, meinem Beispiele getrost nachfolgen. Auch den übrigen schrie ich zu, sich auf diesem Wege zu retten; allein das Sturm- und Wellengebrause war zu mächtig, als daß ich hätte können verstanden werden.
Unser Wagestück gelang nach Wunsch; wir kamen glücklich an Land und fielen alle drei voll Entzücken auf unsere Kniee, um dem göttlichen Erretter unseren Dank darzubringen. Durchnäßt bis auf die Haut und erstarrt vor Frost, war indes hier nicht der Ort und die Zeit, lange hinter uns zu sehen. Vielmehr wanderten wir unverzüglich auf eine Feuerbake zu, die hier auf dem Schelling zum Besten der Seefahrenden unterhalten wird, und deren Licht wir etwa 2000 Schritte von uns flimmern sahen. Wohl hundertmal fielen wir in der dicken Finsternis und auf den unebenen Sanddünen über unsere eigenen Füße; aber innig froh, dem tosenden Meere entronnen zu sein, hätten wir auch wohl größeres Leid nicht geachtet, und gelangten endlich auch wohlbehalten zu dem Feuerturme. Die Türe desselben ward im Dunkeln ausgetastet; vor uns öffnete sich eine Wendeltreppe, die wir hinanstiegen; und droben im Wachtstübchen fanden wir einen Mann auf der Pritsche ausgestreckt, dem, bei unserem unerwarteten Eintritte, im Todesschrecken das Pfeifchen aus dem Munde entsank, bis wir uns beiderseits besannen und näher miteinander verständigten.
Auf den Bericht von unserer unglücklichen Strandung erklärte er uns, daß er verpflichtet sei, dies Ereignis sofort im nächsten Dorfe, welches kaum einige Tausend Schritte entfernt liege, anzuzeigen. Er lud uns ein, ihn dorthin zu begleiten; kam uns erstarrten armen Burschen aber gar bald aus dem Gesichte und überließ es uns, ihm, so gut wir konnten, nachzuhumpeln. Unzähligemal purzelten wir auf diesem kurzen Wege; kamen selbst in Gefahr uns zu verirren, und fanden uns nur dann erst zu dem Dorfe hin, als wir eine Glocke gezogen hörten, welche das Zeichen gab, daß alles Mannsvolk auf und empor sollte, um unser gestrandetes Schiff aufzusuchen und zu bergen.
Wir wurden indes in ein Haus geführt, wo des Fragens nach unserem erlittenen Unglücke kein Ende war, wo aber die guten Leute zugleich auch trockene Kleider, Speisen, Warmbier und sogar Glühwein, und was sie sonst irgend im Vermögen hatten, herbeibrachten, um uns zu erquicken. Sie weinten in die Wette mit uns -- _wir_ vor Freude, _sie_ vor Mitleid; und nicht eher verließen sie uns, als bis sie uns in einem warmen Bette zur Ruhe gebracht hatten.
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Am Morgen, da wir uns wieder ermuntert hatten, erfuhren wir, daß die Dorfsmannschaft von ihrem nächtlichen Zuge wieder heimgekehrt sei. Sie hatte das gestrandete Schiff in der Dunkelheit nicht finden können, war aber, bei anbrechendem Tage, auf die einzelnen, längs dem Ufer umhertreibenden Trümmer gestoßen, ohne jedoch weder einen lebendigen Menschen, noch eine ausgeworfene Leiche anzutreffen. Wir blieben also leider die einzigen Geborgenen! Es ward uns indes angeraten, uns zu Mynheer de Drost, der die polizeiliche Aufsicht auf der Insel führte, zu begeben und demselben unser Unglück vorstellig zu machen, da zudem eine Kasse vorhanden sei, woraus armen Schiffbrüchigen Leuten, wie wir, eine Unterstützung gereicht zu werden pflege. Auch möchten wir deren wohl um so mehr bedürftig sein, da jetzt zwischen dem Schelling und dem festen Lande alles mit Eis gestopft und so bald an kein Hinüberkommen zu denken sei.
Dieser Vorschlag kam uns gar gelegen. Ohne uns also zu äußern, daß wir noch mit Geld und mit einer Taschenuhr (beides hatte ich sorgfältig in meinen Beinkleidern verwahrt) versehen wären, machten wir uns zu dem Landdrosten auf den Weg, ihm unsere Lage zu schildern. Der brave Mann hörte uns mit dem äußersten Mitleid an, ließ auch sofort einen Schneider kommen, der uns eine tüchtige Jacke und Hosen anmessen mußte, und versah uns mit doppelten Hemden, Halstüchern, Strümpfen, einer Filzmütze und anderen Notwendigkeiten mehr. Hiermit auch nicht zufrieden, ließ er einen Mann kommen, dem er uns in die Kost befahl; und so blieben wir in dieser menschenfreundlichen Pflege bis in die Mitte des Januar, wo endlich das Eis zwischen dem Schelling und Haarlingen aufging und wir ein Schiff von dorther nach dem Schelling durchbrechen sahen.
Sobald dies Fahrzeug an Land gekommen war, beeilten wir uns, den Schiffer, welcher schnell löschen und dann den Rückweg antreten wollte, dahin zu vermögen, daß er uns einen Platz an seinem Borde gestattete. Auf seine ausweichende Antwort, die uns wenig Hoffnung übrig ließ, hielten wir's für das Geratenste, auf der Stelle unseren großmütigen Gönner, den Drosten, anzutreten und ihm unser neues Anliegen vorzutragen. Sogleich auch war er zur Vermittelung bereit, ließ den Schiffer rufen, verdingte uns ihm als Passagiere bis Haarlingen und an seinen eigenen Tisch, wie lang oder kurz die Überfahrt auch währen möchte, und berichtigte die Kosten mit fünfzehn Gulden vor unsern Augen. Es versteht sich, daß wir ihm aus Herzensgrunde und mit weinenden Augen dankten, indem wir zugleich Abschied von ihm nahmen, um mit unserem Schiffer zu gehen. Diesem halfen wir vergnügt löschen und eine neue Ladung einnehmen; und so konnten wir schon nach 48 Stunden mit ihm vom Schelling absegeln.
Wir brauchten einen Tag und beinahe die ganze folgende Nacht, um uns durch das Eis zu arbeiten, bis wir mit dem Morgen vor Haarlingen anlegten. Hier nahmen wir sofort unser kleines Bündel auf den Arm, und waren im Begriff, längs dem Kai zum nächsten Tore hinauszuziehen, als wir zufällig an einem Fahrzeuge vorüberschlenderten, welches, wie mehrere andere, im Eise eingefroren war. Auf demselben stand ein kleiner alter Mann, der uns anrief und dessen Neugier wir über unsere Umstände, erst im allgemeinen und dann im besonderen, befriedigen mußten. Wir taten es, als ehrliche Pommern, in aller Unbefangenheit, und nannten letztlich auch den Namen »Heindrick Harmanns«, als des Schiffers, mit dem wir unseren neuerlichen Unfall erlitten und der dabei ein Raub der empörten Wogen geworden.
Kaum ging der unglückliche Name über meine Lippen, so schlug der alte Mann die Hände über dem Kopfe zusammen und schrie, daß es in die Lüfte klang: »Barmherziger Gott! Mein Sohn, mein Sohn!« Zugleich sank er auf seine Knie nieder und mit dem Angesichte auf das Verdeck, und jammerte unablässig: »Mein Sohn! o mein Sohn!« -- Uns schnitt der klägliche Anblick durchs Herz; wir weinten mit ihm und konnten nicht von der Stelle. Als wir uns beiderseits ein wenig erholt hatten, drang er in uns, ihm in seine Kajüte zu folgen. Hier mußten wir ihm den ganzen Verlauf umständlich erzählen; auch wollte er uns (als ob ihm dies einigen Trost gäbe) den ganzen Tag nicht von seiner Seite lassen; aber während er uns Kaffee, Wein und alles, was er nur bei der Seele hatte, vorsetzte, überwältigte ihn immer von neuem der Gram um sein verlorenes Kind und preßte auch uns Tränen der Rührung und des Mitleids aus.
Gegen den Abend, wo es uns endlich die höchste Zeit deuchte, unseren Stab weiter zu setzen, hub er an: »Liebe Jungen, heute könnt und sollt ihr nicht mehr von dannen. Ich will euch in ein gutes Haus bringen, wo ihr euch die Nacht über erholen könnt. Aber morgen früh hol' ich euch ab und gehe eine Strecke Weges mit euch. Ihr seid jung und unerfahren und braucht Anweisung und guten Rat, wie ihr eure Reise weiter anzustellen habt. Kommt denn, in Gottes Namen!«
Unser Führer schien in der Herberge, zu welcher er uns geleitete und wo es von Biergästen wimmelte, gar wohl bekannt. Er erzählte seines Sohnes und unser Unglück; auch wir mußten erzählen, und so verstrich der Abend, bis der Wirt, in Ermangelung seiner abwesenden Ehegenossin, uns in ein recht artiges Zimmer hinaufleuchtete, uns dreien ein großes, mit Betten hoch ausgestopftes Nachtlager anwies und uns sodann eine freundliche Ruhe wünschte. Wirklich tat sie uns not und wir krochen wohlgemut und behaglich unter die Decke zusammen.
Leider aber hatten wir diesmal unsere Rechnung zwar nicht ohne den Wirt, aber doch ohne die Wirtin gemacht; denn kaum war uns so ein süßes halbes Stündchen zwischen Schlaf und Wachen verlaufen, so kam es unter Zank und Gepolter die Treppe heraufgestürmt; unsere Zimmertür ward ungestüm aufgerissen und eine gellende Stimme gebot uns, sofort das warme Nest zu räumen und ihr sauberes Bettzeug nicht zu verunreinigen. Da half kein Widerreden; wir sprangen auf, ließen die Ohren hängen und duckten uns in einen Winkel zusammen, bis die Betten, die der Dame so fest ans Herz gewachsen waren, mit einem Strohsack, einer Matratze und einer Art von Pferdedecke vertauscht worden. Das war ein böser Wechsel, und den unfreundlich genug ausgestoßenen Wunsch einer guten Nacht, womit uns die gestrenge Hausfrau verließ, hinderte nicht, daß wir eine sehr böse Nacht unter Frost, Verdruß und Schlaflosigkeit zubrachten.
Unser ehrlicher Vater Harmanns, der in seiner Kajüte geschlafen hatte und dem wir am Morgen unser nächtliches Abenteuer mitteilten, nahm sich den Affront, welcher seinen Schützlingen widerfahren war, mehr zu Herzen, als wir erwarteten. Trotz unserer Vorstellungen las er der Wirtin einen derben Text, sagte ihr und ihrem Hause, wo er so viele Jahre verkehrt hatte, alle Gemeinschaft auf und wollte jede Christenseele warnen, keinen Fuß über diese unwirtliche Schwelle zu setzen. Wir hatten genug zu tun, den lieben alten Mann zu beschwichtigen, der sich's nicht nehmen ließ, uns noch zu guter Letzt durch ein vollständiges Frühstück satt zu machen, ja auch alle unsere Taschen mit Brot, Käse, gekochtem Fleisch und was er sonst wußte und hatte, vollzustopfen.
Das getan, ergriff er seinen Stab und wanderte mit uns zum Tore hinaus, wie sehr wir ihn auch bitten mochten, umzukehren und seine Kräfte zu schonen. Vielmehr hörte er nicht auf, uns eifrig wegen unseres besseren Fortkommens zu beraten, und während dieser Besprechungen verlief ein Stündchen nach dem anderen, es ward Mittag, und wir befanden uns in Franecker. Hier zog er mit uns in ein Wirtshaus, ließ auftragen, als ob wir uns für drei Tage sattessen sollten, und konnte sich endlich nur schwer entschließen, uns das Valet zu geben. Noch drückte er uns beim Abschiede zwei holländische Dukaten in die Hände; wir aber schieden mit Tränen der Dankbarkeit von diesem Ehrenmanne und gelangten abends wohlbehalten nach Leuwaarden, wo wir übernachteten.
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Die nächste Tagereise brachte uns spät in der Dunkelheit nach Dockum, aber es wollte uns nicht gelingen, hier eine Herberge zu finden. Überall, wo wir anklopften, beleuchtete man uns sorgfältig von allen Seiten und zog dann die Tür uns vor der Nase ins Schloß mit einem frostigen: »Geht weiter mit Gott!« -- Es war eine kalte, stürmische Nacht; wir irrten umher und jammerten, bis wir endlich bei einem Hinterhause an einen Stall gerieten, wo ein Knecht noch den Dünger auskehrte. Vergebens klagten wir auch diesem unser Leid und baten ihn, uns die Nacht in seinen warmen Stall aufzunehmen; er fürchtete, sich dadurch Scheltworte bei seinem Herrn zu verdienen, und uns blieb zuletzt nichts übrig, als uns hinter einer Scheune zunächst dem Tore, wo es etwas Überwind gab, zusammenzukauern und uns recht herzlich satt zu weinen. Hatten wir eine Weile gesessen, so sprangen wir wieder auf und rannten auf dem Platze hin und her, um nicht vor Frost zu erstarren. Es ward uns aber wahrlich je länger je übler zumute.
Das währte so fort, bis nach Mitternacht, wo wir Räder rasseln und ein Posthorn blasen hörten. Eine Kutsche hielt am Tore, und auch wir kamen hinter unserer Scheune hervor, um zu sehen, was es gäbe? Bis die Torflügel und Gatter sich öffneten, standen wir aus Langeweile um den Wagen her, an welchem der Schlag von innen aufgemacht wurde und von welchem ein lautes »Wer da?« an uns erging. Wir fanden keine Ursache, unserer Personen, Drangsale und gegenwärtigen Not ein Hehl zu haben, und unser unwillkürliches Zähneklappern legte genugsames Zeugnis ein, daß wir die Wahrheit redeten.
Es fand sich nun, daß ein einzelner Mann im Wagen saß und daß ihm unser trübseliger Zustand zu Herzen ging. Nachdem er seinem Unwillen durch einige Verwünschungen gegen die hartherzigen Dockumer Luft gemacht, uns um unsere Heimat befragt (freilich mochten wohl Pommern und Kolberg böhmische Dörfer für ihn sein) und endlich noch erfahren hatte, daß unser Weg zunächst auf Gröningen ginge, so überraschte er uns durch die willkommene Einladung, zu ihm in die Kutsche zu steigen und ihn bis zu dem genannten Orte zu begleiten. Es versteht sich wohl, daß wir arme, erfrorene Schlucker uns das nicht zweimal sagen ließen. Der Wagen rollte mit uns fort und wir mußten unserm Wohltäter die ganze Nacht hindurch alle unsere erlebten Schicksale erzählen. Mit Tagesanbruch sahen wir uns nach Gröningen versetzt und der Mann im Wagen fuhr seines Weges weiter, doch nicht, ohne uns zuvor mit drei holländischen Gulden beschenkt zu haben.