Ein Mann Des Seefahrers Und Aufrechten Burgers Joachim Nettelbe

Chapter 38

Chapter 383,572 wordsPublic domain

Hier fing ich Feuer und brach begeistert aus, indem ich mit der Hand auf mein Herz schlug: »Ew. Majestät, dazu lebt der freudige Mut in uns und unsern Kindern, und verflucht sei, wer seinem Könige und Vaterlande nicht treu ist!« -- »Das ist recht! das ist brav!« versetzte der Monarch, und als er darauf fragte, wie wir sonst in Kolberg lebten, gab ich zur Antwort: »Gut, Ew. Majestät! Kleinigkeiten machen wir unter uns ab, und ist es etwas Bedeutendes und wir können nicht durchkommen, da wenden wir uns geradezu an Ew. Majestät. Wir hoffen, Sie werden uns nicht sinken lassen.«

»Nein, nicht sinken lassen -- nicht sinken laß ich euch!« rief der König, wobei er mir die Hand entgegenbot. »Wendet euch nur an mich, und was zu erfüllen möglich ist, soll geschehen.« -- Dann fragte er, ob wir eigens dieserhalb gekommen wären, oder ob uns andre Geschäfte nach Stargard führten? -- »Kein andres Geschäft, als der Auftrag der Unsrigen,« entgegnete ich, »und eben dadurch wird dieser Tag der glücklichste unsres Lebens.«

Jetzt beurlaubte uns der König mit den Worten: »Ich danke euch! Grüßt eure guten und braven Mitbürger und sagt ihnen, auch ihnen dankte ich für die Treue und Anhänglichkeit, die sie mir erwiesen haben. Haltet immer auf Religion und Moralität.« -- Als wir uns darauf verbeugten und Miene zum Abtreten machten, sagte der König: »Sie bleiben noch hier!« -- worauf auch bald hernach die Königin sich näherte, neben ihren Gemahl trat und sich mit gütigem Lächeln und der Bemerkung zu uns wandte: »Wir haben uns heute schon gesehen,« -- und der Monarch fiel ihr ein: »Nicht wahr? Ich hatte doch recht geraten?« -- So ergab sich's denn, daß ich oder meine Uniform dem königlichen Paare bereits im Vorbeifahren aufgefallen sein mußte. Sie aber fuhr zu mir fort: »Ich bin gewiß recht froh, Sie hier zu sehen und persönlich kennen zu lernen.« -- »Und ich,« war meine Antwort, »ich danke Gott dafür, daß er mich den Tag hat erleben lassen, wo meine Augen den guten König und unsre allgeliebte Königin in solchem Wohlsein erblicken. Der Name des Herrn sei dafür gelobt!« -- So erhielten wir nunmehr unsre gnädige Entlassung, eilten nach unserm Gasthofe zurück und waren von Herzen froh, unser Geschäft so wohl und mit solchen Ehren abgetan zu haben.

Indes hatte mein Freund sich entfernt, um einige Besuche in der Stadt bei seinen Bekannten abzustatten, als etwa nach einer Stunde ein königlicher Page, der uns lange vergeblich gesucht und erst durch den Polizeidirektor Struensee hatte ausfindig machen können, zu mir eintrat, um uns zur königlichen Tafel einzuladen. Es war spät; mein Gefährte war abwesend und ich mußte mich entschließen, ohne ihn zu gehen. Im Tafelzimmer hatte auch schon alles seine Plätze eingenommen. Als ich dann mich dem Könige präsentierte, fragte er nach meinem Mit-Deputierten, und als ich darauf nicht Genügendes zu erwidern wußte, fiel ein ungnädiger Blick auf den Pagen, der noch nächst der Türe stand, daß er seinen Auftrag so unvollständig ausgerichtet.

Ein Kammerherr führte mich zu meinem Sitze hin, wo rechts der General v. Pirch und links der General-Chirurgus Görke meine Tischnachbarn waren. Beide unterhielten sich mit mir während der Tafel aufs freundlichste und ersterer erbot sich, heute abend zu dem großen Balle, der von der Stadt veranstaltet worden, seinen Wagen zu meiner Abholung bei mir vorfahren zu lassen, was mit herzlichem Danke angenommen wurde.

Nach aufgehobener Tafel machte ich, wie ich es die andern tun sah, dem königlichen Paare das stumme Zeichen meiner Verehrung und war im Begriffe, gleich jenen mich zu entfernen, als der König mich noch bleiben hieß und dann der Königin einen Wink gab. Hierauf kam dieselbe herbei und führte mich in ein besonderes Nebengemach, wo ich nun mit freudiger Überraschung mich ohne Zeugen dem hohen Paare gegenübergestellt fand. Beide taten eine Reihe von Fragen an mich, die ich nach bestem Vermögen beantwortete, deren Inhalt aber nicht in diese Blätter gehört. Mein Herz geriet dabei mehr und mehr in eine hohe Bewegung. -- --

Auf dem Balle, zu dem wir, nach des Königs ausdrücklicher Bestimmung, eingeladen worden, verweilten wir des starken Gedränges wegen nur kurze Zeit. Des nächsten Morgens reisten wir ab, und zufolge den Wünschen meines Freundes begleitete ich ihn nach Stettin, wohin ihn Geschäfte führten und wo uns eine sehr freundliche Aufnahme zuteil ward, so daß wir mehrere uns zugedachte Güte und Auszeichnung von uns ablehnen mußten, weil ich mich noch zum Feste wieder nach Hause sehnte und ich mich überdies ein wenig kränklich fühlte. Mein Geist war aber frei und froh, und es mag auch wohl sein (was mein Reisegefährte behauptet und wessen ich mich gleichwohl wenig mehr entsinne), daß ich manches holländische Liedchen für mich gesungen habe. Das aber kommt nur an mich, wenn meine Seele in innerem geistigen Wohlbehagen schwelgt.

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Das war also mein kurzes, aber erfreuliches Leben am Hofe! In ein längeres hätte ich mich freilich schlecht zu schicken gewußt und überdies wäre mir dadurch meine gute ehrliche Pfahlbürgerei vielleicht verleidet worden, zu welcher ich nun mit doppeltem Behagen zurückkehrte und wobei ich mich ohne Zweifel auch besser befand. Ich hatte meine frühere Hantierung, soweit meine verminderten Vermögensumstände es zuließen, klein und bescheiden wieder angefangen und fand dabei, als ein einzelner Mann von wenigen Wünschen und Anforderungen, auch mein notdürftiges Auskommen. Ich würde sogar sagen können, daß ich glücklich und zufrieden lebte, wenn ich irgend bei meinen Hausgenossen, durch die ich meine Geschäfte betreiben mußte, nur etwas von der Treue und Anhänglichkeit gefunden hätte, auf die ich rechnete und deren ich bedurfte. Wenn aber das Gesinde, gegen frühere Zeiten gehalten, schon vor dem Kriege ziemlich aus der Art geschlagen schien, so hatte es nunmehr der Krieg selbst und das Beispiel der lockeren französischen Sitten vollends verdorben, und wenn ich auch zugeben wollte, daß ich in meinen Forderungen an die junge Welt etwas strenger und mitunter auch wohl wunderlicher geworden, als jene gutheißen wollte, so ist's darum nicht minder wahr, daß die, welche mich zunächst umgaben, nur ihrem eignen unerlaubten Nutzen nachgingen und mich in meinem Haushalte auf jede mögliche Weise übervorteilten.

Da fiel mir's denn schwer und immer schwerer aufs Herz, daß ich so ganz abgesondert und verlassen in der Welt dastand. Ich zählte bereits 75 Jahre und in meinen Gedanken hatte ich meine Lebensrechnung sehr viel früher abgeschlossen. Was sollte mit mir werden, wenn Gott mich noch nicht wollte? wenn nun die unvermeidlichen Schwachheiten des Alters näher herzutraten? wenn Kränklichkeit und körperliche Leiden überhandnahmen? wenn meine edleren Sinne mich verließen? wenn ich unvernehmlich und kindisch würde? -- Mir grauste, wenn ich auf diese Weise in die Zukunft blickte! Meine Freunde, denen ich aus diesen Betrachtungen kein Geheimnis machte, rieten mir lachend, aber bald auch im wohlgemeinten Ernste, zuversichtlich noch einmal in den Glückstopf des Ehestandes zu greifen. Ich hingegen schüttelte mächtig den Kopf -- ein Bräutigam mit drei Vierteln eines Säkulums auf dem Nacken! Überdies: wer, der, wie ich, bereits zwei so böse Nieten aus jenem Topfe gezogen, hätte sich's wohl zugetraut, das dritte Mal mit dem großen Lose davonzugehen?

Dennoch war der Gedanke ein Feuerfunke in meine Seele, der unablässig darin fortglimmte und all mein Sinnen und Streben beschäftigte. Es ließ sich nicht leugnen, daß der Ruhe und dem Wohlsein meines Lebensabends nicht füglicher geraten werden konnte, als durch eine Gefährtin, die mir aus Güte und Wohlwollen die Pflege, welche ich aus bezahlter Hand nur widerwillig erhalten haben würde, mit unendlich treuerer Sorgfalt erwiese. Allein wie konnte und durfte ich Greis irgendwo erwarten, daß ein Frauenherz zu solchen Gesinnungen fähig, den eignen Anspruch ans Leben dergestalt verleugnen sollte, um es mit mir zu wagen? -- Ich fing wiederum an, den Kopf noch mächtiger zu schütteln.

Da traten nun endlich meine Freunde im Ernste zu, und ihrem Rate, wie ihren Vorschlägen, danke ich's, daß nicht nur meine tausend Bedenklichkeiten besiegt, sondern auch die Einleitungen zur Verwirklichung meines Entschlusses aufs glücklichste getroffen wurden. Ihre Bemühungen führten mir eine würdige und erwünschte Gattin zu, die nicht nur den Pflichten einer Hausfrau im vollen Umfange zu genügen verstand, sondern die auch durch eine gute Erziehung, Milde der Gesinnung und reine Güte des Herzens mir in Wahrheit ein großes Los, wie ich es nimmer gehofft hätte, geworden ist. Tochter eines würdigen Landpredigers in der Uckermark, war sie zwar frühe Waise geworden, aber unter der Fürsorge liebreicher Verwandten hatten sich Herz und Geist bei ihr trefflich gebildet, und es fehlte ihr an keinem Bedingnis für die Bestimmung zu einem stillen bürgerlichen Leben und Wirken. Was ich damals schon mit völligster Überzeugung aussprach, das hat sich mir jetzt, nach beinahe zehn Jahren, noch wahrhafter erwiesen: Gerade so und nicht anders mußte mir der gnädige Gott eine Gefährtin zuweisen, wenn sie der Trost und die Stütze meines Alters sein sollte!

So ward ich denn im Jahre 1814 der glücklichste Ehegatte und bin es noch: allein was den Leser dieser Blätter vielleicht noch weit mehr überraschen wird, -- ich ward gleich im nächsten Jahre auch _Vater_. Ein liebes Töchterchen ward mir geboren, und lebt, wächst und gedeiht zu unsrer herzinnigen Freude. Gleicht es einst der _Mutter_, wie ich mir das verspreche, an Sinn und Gemüt, so bleibt mir kaum noch etwas zu wünschen übrig. Was vom _Vater_ auf sie vererben kann und auch vererben soll, ist freilich nicht viel; doch habe und hege sie nur meine Scheu vor Unrecht und meine es gut und redlich mit allen Menschen, so wird auch dieses geringe Erbteil ihr reichlich wuchern! -- Ich nahm mir das Herz, Se. Majestät um die Übernahme der Patenstelle bei meinem Kinde zu ersuchen. Des Königs Gnade bewilligte mir nicht nur diese Bitte, sondern erlaubte dem Täufling auch, in einer teuren Erinnerung, den Namen _Luise_ zu führen.

Noch führte ich mein Gewerbe einige Jahre mit günstigem Erfolge fort, als aber in den Jahren 1817 und 1818 die Gewerbscheine zum freien Betrieb aller Hantierungen im Staate immer allgemeiner verbreitet wurden, sah ich meinen Nahrungsverkehr fast gänzlich eingehen, denn belastet mit allen städtischen Abgaben, war es länger nicht möglich, mit dem vom platten Lande hereingeführten Branntwein Preis zu halten. Mir blieb auf diese Weise nichts übrig, als diese Fabrikation ganz aufzugeben, wie wenig ich auch in meinem hohen Alter eine Aussicht gewann, mich in eine andre Beschäftigung zu werfen und dadurch meinen täglichen Unterhalt zu sichern. So begann denn meine häusliche Lage in Wahrheit bedenklich zu werden.

Gleich nach geendigter Belagerung hatte der edle Gneisenau, der um meine mancherlei Einbußen wußte, sich erboten, mir zur Schadloshaltung eine königliche Pension zu erwirken. Mein Ehrgefühl lehnte sich dagegen auf, und mit tränenden Augen bat ich ihn, von diesem Gedanken abzustehen, denn damals waren meine Umstände noch immer leidlich, und ich hatte niemand zu versorgen. Gegenwärtig aber, wo meiner Lebenslast noch zehn Jahre mehr zugewachsen waren, standen meine Sachen um vieles anders, und ich erkannte es mit dankbarer Rührung, als die Huld meines gnädigen Königs mir ein jährliches Gnadengehalt von zweihundert Talern aussetzte, wovon auch nach meinem Tode die Hälfte auf meine Witwe übergehen wird. Nicht minder ward meiner kleinen Tochter zu ihrer Erziehung eine Stelle in dem Luisenstifte zugesichert, oder nach meinem und der Mutter bestem Befinden eine Novizenstelle in dem hiesigen Jungfernstifte vorbehalten. Gottlob! Nun werden meine Lieben nicht ganz verlassen sein, und ich werde mein Haupt ruhig niederlegen!

Solchergestalt hätte ich allem menschlichen Absehen nach nunmehr mit Welt und Leben so ziemlich abgeschlossen, und ich dürfte hier wohl die Feder niederlegen, wenn ich nicht noch ein paar Schwachheiten zu beichten hätte, die mich noch in so späten Jahren versucht haben, mich dennoch mit Welt und Leben wieder zu befassen.

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Was für ein sonderbares Ding es um das Projektmachen sei, das habe ich im lebendigen Beispiel an mir selbst erfahren. Der freundliche Leser erinnert sich ohne Zweifel noch, was für ein feines Plänchen zu einer preußischen Kolonie am Kormantin ich schon seit den siebziger Jahren auf dem Herzen trug, und wie ich nach unsres großen Friedrichs Tode einen neuen herzhaften, aber vergeblichen Anlauf nahm, den Plan zur Wirklichkeit zu bringen. Seitdem hatte ich nun noch von englischen Seeleuten hier im Hafen wiederholt vernommen, daß ihre Landsleute längst zugegriffen und jene Landstriche mit Glück angebaut hätten. Wer sollte nun nicht gemeint haben, daß endlich jeder Gedanke solcher Art aus meinem Hirne gewichen sei? Ich glaubte es selbst und schalt mich oft einen Toren, daß ich so etwas hatte träumen können.

Allein das bunte Traumbild war nicht entwichen, sondern hatte sich nur in den dunkelsten Hintergrund meiner Gehirnkammern bis auf gelegenere Zeit zurückgeschoben. Wunderbare Dinge waren vom Jahre 1812 an, vor den Augen der erstaunten Zeitgenossen, wie vor den meinigen, vorübergegangen; die Welt war plötzlich eine andre geworden; Frankreichs Übermacht lag zu Boden, und unser geliebtes Vaterland hatte sich von seinem tiefen Falle glorreich wieder aufgerichtet. Mein altes Herz schlug mir jugendlich freudig bei jeder neuen Großtat, welche die preußischen Waffen verrichtet; ich sah den Staat auf dem Wege, eine immer glänzendere und ehrenvollere Stelle unter den europäischen Mächten einzunehmen. Da erwachte plötzlich auch mein alter langgenährter Lieblingswunsch in der Seele, ich wollte Preußen auch jenseits der Weltmeere groß, blühend und geachtet sehen, es sollte seine Kolonien gleich andern besitzen!

Bald ließ es mir bei Tag und Nacht keinen Frieden mehr. Während die verbündeten Heere 1814 den Kampf der Entscheidung auf französischem Boden vollends ausfochten, (ich selbst hatte damals noch keine Ehestandsgedanken, die mir sonst wohl den Kopf zurechtgesetzt haben würden), mußte ich, um es nur vom Herzen loszuwerden, mich hinsetzen und an meinen hochverehrten Gönner, dem seine glänzenden Erfolge im Felde eine bedeutsame Stellung im Staate erworben hatten, etwa in folgenden Worten zu schreiben:

»Bereits seit vielen Jahren hat mir in meinem Herzen ein Wunsch für König und Vaterland gebrannt, und ich glaube, die Vorsehung hat gerade jetzt Zeit und Umstände zu dessen möglicher Erfüllung herbeigeführt. Dieser Gedanke drückt und drängt mich auch dermaßen, daß ich mich nicht enthalten kann, ihn hier vor Ew. &c. auszuschütten. Mögen Sie dann auch von mir denken, wie Sie wollen, oder mich auch gar damit auslachen! Gott weiß, ich meine es dennoch von Grund des Herzens gut. Aber zur Sache!

»Frankreich ist an unsern preußischen Staat mehr schuldig, als es uns jemals wird ersetzen können. Sollte aber ein solcher Ersatz nicht auf andre Weise zu leisten sein, indem es uns in dem bevorstehenden Frieden (der hoffentlich von Preußen und den verbundenen Mächten diktiert werden wird), und unter Englands Genehmigung, eine bereits in Kultur stehende französische Kolonie in Amerika abträte? -- z. B. Cayenne mit ihrem Zubehör auf dem festen Lande, oder eine andre, in guter Kultur stehende Insel unter den Antillen, wie Grenada mit den dazugehörigen Grenadillen oder Dominika. So würden wir die Kolonialwaren, die uns nun einmal ein Bedürfnis geworden sind und wofür so große Summen aus unserm Lande gehen, für unsre selbst erzeugten einheimischen Produkte aus jenen Kolonien unter eigner Flagge und Wimpel eintauschen können. Schweden und Dänemark sind ungleich ärmer an inländischen Erzeugnissen und finden dennoch ihren Vorteil dabei, ihre westindischen Besitzungen in St. Thomas und St. Barthelemy zu unterhalten.

»Daß dieser Handel durch Aktien leicht zustande kommen könnte, leidet wohl keinen Zweifel, da unsre Kapitalisten gerne ihre Fonds darin anlegen würden. Nicht nur könnten die Kapitalien assekuriert werden, sondern auch die Assekuranzprämien im Lande selbst verbleiben. -- Auch fehlt es uns jetzt nicht an gründlich unterrichteten Seeleuten. Ich selbst für meinen geringen Teil habe dazu wie bekannt seit dreißig Jahren mitgewirkt, indem es mein Lieblingsgeschäft gewesen ist, eine Steuermannsschule zu unterhalten, worin mehrere tüchtige Seemänner gebildet worden, welche auch jene entfernteren Meere und Gewässer zu befahren wohl imstande sein würden.

»Ich habe mich hiermit unterwunden, nur ein kleines schwaches Bild aus meiner Gedankenwerkstatt zu entwerfen; Zeit und Umstände mögen lehren, ob es von den Weiseren und Machthabern nicht lebendiger auszumalen sein möchte. Meinesteils schreibe und urteile ich nur als alter Seemann, der ich in meinen jüngeren Jahren und wiederum von 1770 ab längere Zeit in holländischen und englischen Diensten jene amerikanischen Küsten und Gewässer in allen Richtungen befahren habe. Jetzt bin ich 76 Jahre alt, sollte es aber noch gelingen, daß meine Vorschläge irgend zu ihrem Zwecke führten, so würde ich mir die Gnade erbitten, das erste preußische Schiff selbst dorthin führen zu dürfen.«

Zweifle niemand, daß ich in diesem letzteren Erbieten nicht treulich Wort gehalten hätte! Ich fühlte damals meine Kräfte im ganzen noch ungeschmälert, und was hätte nichts vollends der Feuereifer vermocht, womit die Erfüllung meines Lieblingsgedankens mich beseelt haben würde! Allein diese Erfüllung stand nun einmal nicht im Buche des Schicksals geschrieben, und ich gab mich endlich gern in den Gründen zufrieden, welche mir in der wohlwollendsten Gesinnung, als gegen meinen Vorschlag streitend, aufgestellt wurden; z. B., daß es das System unsres Staates sei, keine Kolonien in auswärtigen Weltteilen zu haben, daß, wie vorteilhaft es sonst auch sein möge, durch Absatz der Produkte des Mutterlandes die Kolonialwaren einzutauschen, uns hingegen ein solcher Besitz nur abhängig von den Seemächten machen würde usw. Das ließ sich hören, und dem war denn auch weiter nichts zu entgegnen, wenngleich mein schönes Projekt darüber in den Brunnen fiel.

Und doch ist es das einzige nicht, was mir in meinen alten Greisentagen den Herzensfrieden stört und mitunter die schlaflosen Nächte wohl noch unruhiger macht, obwohl man mich ebensogut um des einen, wie um des andern willen tadeln möchte, daß ich mir Dinge zu Herzen nehme, die mich nicht kümmern sollten. Und doch dürfte ich wohl fragen: _Warum_ nicht kümmern? In jenem war mir's lediglich um die Ehre und den Vorteil meines lieben Vaterlandes zu tun, die mir bis zum letzten Hauche meines Lebens teuer sein werden. In dem andern, das ich noch nennen will (obzwar ich es am Ende auch für eine Schwachheit meines von jeder Mißhandlung, welche Menschen gegen ihresgleichen üben, tief verwundbaren Herzens halte), sorge und bekümmere ich mich als Mensch und für die Ehre und den Vorteil der Menschheit. _Wann will und wird bei uns der ernstliche Wille erwachen, den afrikanischen Raubstaaten ihr schändliches Gewerbe zu legen, damit dem friedsamen Schiffer, der die südeuropäischen Meere unter Angst und Schrecken befährt, keine Sklavenfesseln mehr drohen?_

Wenn ich _das_ noch heute oder morgen verkündigen höre, dann will ich mit Freuden mein lebenssattes Haupt zur Ruhe niederlegen!

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Nettelbeck ist 1824, sechsundachtzigjährig, gestorben, seine jüngste, Seite 454 erwähnte Tochter hat bis 1897 gelebt.

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Als erster Band der neuen Sammlung »Schicksal und Abenteuer« sind unter dem Titel »Eine preußische Königstochter« im März 1910 die »Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Bayreuth«, der klugen und sehr temperamentvollen Lieblingsschwester Friedrichs des Großen, ausgegeben worden. Vor genau hundert Jahren ist bei Cotta in Tübingen die erste deutsche, bei Vieweg in Braunschweig die erste französische Ausgabe dieses höchst merkwürdigen Buches erschienen. Was so kurz nach dem Zusammenbruch des preußischen Staates sensationell wirkte, wird nach einem Jahrhundert aufsteigender staatlicher Entwickelung und geschichtlicher Forschung einem ruhigen, aber tiefgehenden menschlichen Interesse begegnen. Entrüstet oder ergriffen oder amüsiert, niemals aber gelangweilt, begleitet der Leser diese preußische Königstochter auf ihrem Lebenswege, die einen wundervollen Frauentyp des achtzehnten Jahrhunderts darstellt und deren künstlerische Gestaltungskraft stark genug ist, um die Personen und Zustände am Berliner Hofe wie in der kleinen fränkischen Residenz vollkommen lebendig werden zu lassen.

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Memoiren sind keine Geschichte. Später Geborene überblicken mehr. Der Markgräfin ist Friedrich Wilhelm I. der gefürchtete Vater, dessen Härte ihr Kindheit und Jugend zerstörte. _Wir_ kennen den Polterer als einen der größten Erzieher zum Staate, der, den Künsten und Wissenschaften, aber auch allem Schein und Prunk gründlich abhold, im Willen zur Einfachheit den Weg zur Macht erkannte und beschritt. _Wir_ wissen, daß der über alles geliebte Bruder der Markgräfin, Friedrich der Große, sein siegreiches Schwert diesem Vater verdankte, daß er ohne gerade dieses Vaters Schule und Erbe nicht der erste Diener seines Staates, der Philosoph auf dem Throne und der menschlichste der Könige geworden wäre, als den ihn nicht nur die deutsche Welt bis auf diesen Tag bewundert. Immer wieder begegnen wir auf den Blättern dieses Buches, das vor nord- und süddeutschem Hintergrunde eine bedeutende, der nationalen Kultur vorarbeitende Epoche unserer Vergangenheit veranschaulicht, der werdenden Größe des alten Fritz, die zu allen Zeiten auch nicht preußisch Gesinnte mit Goethe »gut fritzisch« gesinnt sein ließ.

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Eine preussische Königstochter

Denkwürdigkeiten der Markgräfin von Bayreuth Schwester Friedrichs des Großen Herausgegeben von _Johannes Armbruster_ 1,80 Mark in Pappband, mit Lederrücken Mark 3,00

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Die Bücher der Rose Erster bis sechster Band In biegsamem Pappband je M. 1.80, in Ganzleinenband je M. 3.--

Die Ernte aus acht Jahrhunderten deutscher Lyrik Gesammelt von _Will Vesper_ 1. bis 85. Tausend 1906 bis 1909

Alles um Liebe Goethes Briefe aus der ersten Hälfte seines Lebens Mit biographischen Verbindungen und sachlichen Erläuterungen von _Ernst Hartung_ 1. bis 100. Tausend 1906 bis 1909

Kügelgen Jugenderinnerungen eines alten Mannes Ausgabe mit großer Schrift und vielen Bildern, z. T. nach Gemälden des Verfassers 1. bis 85. Tausend 1907 bis 1910

Vom tätigen Leben Goethes Briefe aus der zweiten Hälfte seines Lebens Mit biographischen Verbindungen und sachlichen Erläuterungen von _Ernst Hartung_ 1. bis 65. Tausend 1907 bis 1909

Der heilige Krieg Friedrich Hebbel in seinen Briefen, Tagebüchern, Gedichten Herausgegeben von _Hans Brandenburg_ 1. bis 32. Tausend 1907 bis 1910

Menschen und Mächte Ausgewählte Erzählungen von _E. T. A. Hoffmann_ 1. bis 30. Tausend 1908 bis 1910

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Die Bücher der Rose Siebenter bis zwölfter Band In biegsamem Pappband je M. 1.80, in Ganzleinenband je M. 3.--

Über allen Gipfeln Goethes Gedichte im Rahmen seines Lebens Mit 30 Bildnissen Auswahl und Anmerkungen von _Ernst Hartung_ 1. bis 50. Tausend 1908 bis 1909

Pitt und Fox Die Liebeswege der Brüder Sintrup Ein Roman von _Friedrich Huch_ 1. bis 40. Tausend 1908 bis 1910

Die Droste Annette v. Droste-Hülshoff: Briefe, Gedichte, Erzählungen Biographisch verbunden und sachlich erläutert von _H. Amelungk_ 1. bis 30. Tausend 1909 bis 1910

Von Wald und Welt Eichendorffs Gedichte und Erzählungen mit Bildern von Moritz Schwind Herausgegeben von _Wilhelm von Scholz_ 1. bis 40. Tausend 1909 bis 1910