Ein Mann Des Seefahrers Und Aufrechten Burgers Joachim Nettelbe
Chapter 35
Am folgenden Tage war es, daß unser Kommandant mich mit einer Sendung in das feindliche Hauptquartier nach Tramm beauftragte. Er gab mir dazu sein Pferd und ein offenes Schreiben an den General Loison, worin nur mit wenig Worten bemerkt war, daß mir für mein Anbringen voller Glauben beizumessen sein werde. Als ich damit bei den französischen Vorposten anlangte, wurden mir die Augen verbunden und das Pferd von zwei Begleitern am Zügel geführt, während zwei andre, mit Gewehr versehen, mir zur Seite gingen. So kam ich endlich in Tramm an und hier ward mir auch das Tuch wieder von den Augen genommen.
Gleich darauf ward ich zum General Loison geführt und brachte meinen Auftrag zur Sprache, der darin bestand, daß das feindliche Geschütz fernerhin nicht mehr auf denjenigen Teil der großen Kirche gerichtet werden möchte, wo die verwundeten und gefangenen Franzosen untergebracht worden. Das Verlangen fand nicht nur eine willige Aufnahme, sondern ein Offizier begleitete mich auch auf eine Anhöhe, damit ich ihm von dort den Flügel des Gebäudes noch näher bezeichnete, wo seine Landsleute lägen.
Nachdem noch einige Höflichkeiten gegenseitig gewechselt worden, begab ich mich auf gleiche Weise wie ich gekommen war, nach der Stadt zurück. Wovon ich im Hauptquartier hatte Zeuge sein dürfen, das deutete auf Vorbereitungen, welche an dem Ernst der Belagerung nicht zweifeln ließen. Weniger glücklich war ich indes, ein Wort zu erhaschen, welches uns über die Lage der Dinge in Preußen einigen näheren Aufschluß hätte geben können, während uns von den dortigen neuesten Ereignissen schon seit längerer Zeit alle Nachrichten fehlten. Daß der Friede zu Tilsit in dem Augenblicke schon wirklich abgeschlossen worden, ahnten wir damals nicht. Allein unsre Belagerer waren nur zu wohl davon unterrichtet und boten darum von jetzt an auch um so mehr alle ihre Kräfte auf, sich Kolbergs zu bemächtigen, bevor die Friedensnachricht uns erreichte und ihnen die Waffen aus den Händen schlüge.
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Alles, was von Anbeginn der Belagerung bis jetzt vom Feinde unternommen worden, mochte nur als ein leichtes Vorspiel von demjenigen gelten, wozu die dritte Morgenstunde des 1. Juli die Losung gab. Denn da eröffnete er aus allen seinen zahlreichen Batterien ein Feuer gegen die Stadt, so ununterbrochen, so von allen Seiten kreuzend und so mörderisch und zerstörend, wie wir es noch nie erlebt hatten. Die Erde dröhnte und man kann sagen, daß es war, als ob die Welt untergehen sollte. Sichtbarlich legten unsre Gegner es darauf an, uns durch ihr Bombardement zwischen dem engen Raume unsrer Wälle dergestalt zu ängstigen, daß wir, nirgends mehr unsers Bleibens wissend, die weiße Fahne zur Ergebung aufstecken müßten.
Ich befand mich in dieser entsetzlichen Nacht neben unserm Kommandanten auf der Bastion Preußen, als dem höchsten Punkte, den unsre Wälle zum Umherschauen darboten. Von hier aus konnten wir beinahe alle feindlichen Schanzen übersehen, und ebenso lag die Stadt vor uns. Es ist nicht auszusprechen, wie höllenmäßig das Aufblitzen und Donnern des Geschützes Schlag auf Schlag und Zuck auf Zuck um uns her wütete, während auch das Feuer unsrer Festung in seiner Antwort nichts schuldig blieb. In der Luft schwärmte es lichterloh von Granaten und Bomben, wir sahen sie hier und da und überall ihren lichten Bogen nach der Stadt hineinwälzen, hörten das Krachen ihres Zerspringens, sowie das Einstürzen der Giebel und Häuser, vernahmen den wüsten Lärm, der drinnen wogte und toste, und waren Zeuge, wie bald hier bald dort, wo es gezündet hatte, eine Feuerflamme emporloderte. Von dem allen war die Nacht so hell, als ob tausend Fackeln brennten, und das gräßliche Schauspiel schien nicht ein Menschenwerk zu sein, sondern als ob alle Elemente gegeneinander in Aufruhr geraten wären, um sich zu zerstören.
Was aber drinnen in der Stadt unter dem armen wehrlosen Haufen vorging, ist vollends so jammervoll, daß meine Feder nicht vermag, es zu beschreiben. Dann gab es bald nirgends ein Plätzchen mehr, wo die zagende Menge vor dem drohenden Verderben sich hätte bergen können. Überall zerschmetterte Gewölbe, einstürzende Böden, krachende Wände und aufwirbelnde Säulen von Dampf und Feuer. Überall die Gassen wimmelnd von ratlos umherirrenden Flüchtlingen, die ihr Eigentum preisgegeben hatten und die unter dem Gezisch der feindlichen umherkreisenden Feuerbälle sich verfolgt sahen von Tod und Verstümmelung. Geschrei von Wehklagenden, Geschrei von Säuglingen und Kindern, Geschrei von Verirrten, die ihre Angehörigen in dem Gedränge und der allgemeinen Verwirrung verloren hatten, Geschrei der Menschen, die mit Löschung der Flammen beschäftigt waren, Lärm der Trommeln, Geklirr der Waffen, Rasseln der Fuhrwerke -- nein, es ist nicht möglich, das furchtbare Bild in seiner ganzen Lebendigkeit auch nur von ferne zu schildern!
Indem ich in diesem allgemeinen Tumult mich veranlaßt fand, einmal nach meinem eignen Hause zu sehen, erwartete mich dort ein Anblick, der auch nicht dazu geeignet war, mich sonderlich zu erfreuen. Eine Bombe war, durch den Giebel einschlagend, durch zwei Böden bis in den Keller hinabgefahren und hatte, indem sie dort platzte, sieben Oxhoft voll Branntwein zersprengt, deren Inhalt nun gänzlich für mich verloren ging. Außerdem waren überall im Hause die größten Verwüstungen angerichtet, die ganze Eingangsflur aufgerissen und ebensowenig irgendeine Fensterscheibe, als ein Ziegel auf dem Dache unbeschädigt geblieben. All meine Leute hatten, wie leicht begreiflich, das Weite gesucht, und so stand es nicht bloß bei mir, sondern auch links und rechts und in vielen Nachbarhäusern.
Wie gern aber hätte man jede eigne Not verschmerzt und vergessen, gegen die tief niederschlagende Zeitung, daß um vier Uhr morgens die Maikuhle an den Feind verloren gegangen. Mitten unter dem heftigsten Bombardement, wodurch unsre Aufmerksamkeit von dieser Seite hatte abgezogen werden sollen, war auf diesen Posten von der äußersten westlichen Spitze, sowie von der Seeseite her, ein Angriff geschehen, der wohl für einen Überfall gelten konnte, da der dortige interimistische Befehlshaber der Schillschen Truppen, Leutnant v. Gruben I., auf ein solches Ereignis durchaus nicht gefaßt gewesen zu sein scheint, -- eine Sorglosigkeit, die um so unbegreiflicher und tadelnswerter erscheint, da die Bewegungen des Feindes tags zuvor nur zu deutlich die Absicht verrieten, von neuem etwas auf dieser Seite zu unternehmen.
So war die Erstürmung der Maikuhle das Werk weniger Augenblicke gewesen, da auch die Richtung des Angriffs weder dem Münderfort, noch der Morastschanze gestattet hatte, die Behauptung dieses Postens durch ihr Feuer zu unterstützen. Nur die schwedische Fregatte verfehlte nicht, dem Feinde gegen vierhundert Kugeln zuzusenden, allein wenn dieser auch dadurch für Augenblicke aufgehalten, so sahen die Stürmenden sich alsobald durch ihr eigenes Feuer im Rücken und durch den Druck der nachfolgenden Massen wieder vorwärts getrieben. Jede noch so verzweifelte Gegenwehr ward fruchtlos, und genötigt zum übereilten Rückzuge auf das rechte Stromufer, hatte das Schillsche Korps kaum noch Zeit, die Verbindungsbrücke hinter sich abzuhauen.
Mit dem Verluste der Maikuhle war unsere Verteidigung gelähmt, denn nun war auch das Münderfort zur Beschützung des Hafens nicht mehr hinreichend, was sich zeigte, als das englische Schiff beim Vordringen der Franzosen die Ankertaue kappte, um wieder die offene See zu gewinnen. Es gelang ihm nur mit harter Not und unter einem dichten feindlichen Kugelregen, wodurch ihm zwei Mann auf dem Deck erschossen wurden. Und so waren wir denn, vom Meere und von aller von dorther zu erwartenden Hilfe abgeschnitten, fortan einzig unseren eigenen Kräften und Hilfsmitteln überlassen, die sich von Stunde zu Stunde immer mehr erschöpften.
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Mit wenig verminderter Stärke hielt den ganzen Tag des 1. Juli das Bombardement an und häufte Verwüstung auf Verwüstung. Dennoch waren unsere Löschanstalten wirksam genug, um immer noch des Feuers Meister zu bleiben. Erst am späten Abend zündete es wieder im Gouvernements-Bauhofe, und da hier alles voll von brennbaren Materialien lag, mußte man es geschehen lassen, daß das Gebäude bis auf den Grund niederbrannte.
Solchergestalt von Schrecken umgeben und auf noch Schrecklicheres gefaßt, sahen wir der nächsten Nacht entgegen. Das feindliche Geschütz vereinigte sich zu neuen, noch höheren Anstrengungen, und seine zerstörenden Wirkungen im anhaltenden Geprassel einstürzender Häuser, fallender Ziegel und klirrender Fensterscheiben, betäubten das Ohr. Alle jammervollen Szenen der vorigen Nacht erneuerten sich in noch weiterem Umfange. Aber auch mitten in der ringsum drohenden Gefahr erzeugte sich allmählich eine Gleichgültigkeit bei vielen, die nichts mehr zu Herzen nahm. War auch nicht der Mut, so war doch die Natur erschöpft; Anstrengung, Schlaflosigkeit, immerwährende Anspannung des Gemüts und Sorge für Weib und Kind und Eigentum fielen auf die meisten mit einem solchen Gewichte, daß sie selbst in den Trümmern ihrer Wohnungen sich ein noch irgend erhaltenes Plätzchen ersahen, um den bis in den Tod ermatteten Gliedern einige Ruhe zu gönnen.
Da geschah es, daß eine Bombe, verderblicher als alle übrigen, in denjenigen Teil des Rathauses niederfuhr, wo die Ratswage sich befand, und ein hellaufflackerndes Feuer war die unmittelbare Folge ihres Zerspringens. Als naher Nachbar sprang ich auf, um, was ohnehin mein angewiesener Beruf war, schnelle Anstalten zur Brandlöschung zu betreiben, denn an der Erhaltung des ansehnlichen Gebäudes, in welchem unsere Stadtarchive und soviel andere Sachen von Wert aufbewahrt lagen, mußte uns allen vorzüglich gelegen sein. Aber rundum in meiner Nachbarschaft regte sich keine menschliche Seele zum Löschen und Retten. Ich rannte hierhin und dorthin zu den nächsten Bekannten, braven und wackeren Männern, um sie zu Hilfe aufzurufen, aber schlaftrunken und ohne Gefühl für die drohende Gefahr, beachteten sie mein Bitten und Ermuntern ebensowenig wie mein Toben und Schelten. Sie schlummerten fort und ließen es brennen.
In steigender Angst lief ich auf die Brandstätte zurück. Was mir begegnete, packte ich an, um Hand anzulegen, aber kaum einer oder der andere schien auf mein flehentliches Ermahnen zu achten. Ein vierschrötiger Kerl, den ich nicht kannte und dem ich auf diese Weise einen gefüllten Löscheimer aufdrang, nahm ihn und schlug mir ihn, samt seinem nicht gar sauberen Inhalte, geradezu um die Ohren, so daß ich fast die Besinnung verlor und, von Schmutz und Ruß bedeckt, wohl eine sehr jämmerliche Figur machen mochte.
Alles dies achtete ich jedoch weniger, als das Unglück, das dem Rathause bevorstand, und da ich einsah, daß eine wirksame Hilfe allein vom Militär ausgehen könne, so hastete ich mich, das nächste Wachhaus auf dem Walle zu erreichen. Wild stürme ich in das halbdunkle Wachtzimmer hinein. Ich sehe auf der hölzernen Pritsche sich eine Gestalt regen, die ich zwar nicht erkenne, aber sie für den Mann haltend, den ich suche, von ihrem Lager aufschreie, indem ich rufe: »Bester Mann, zu Hilfe! Das Rathaus steht in Flammen!«
Aber weniger meinen Schrei, als mich selbst und mein Jammerbild beachtend, erhebt sich der Offizier mir gegenüber, schlägt die Hände zusammen und spricht: »Ach, du armer Nettelbeck!« -- Jetzt erst an der Stimme erkenne ich ihn -- es ist Gneisenau. Er hört, er erfährt, er gibt mir einen Adjutanten samt einem Tambour mit, die Lärmtrommel wird gerührt, die Soldaten erscheinen, Patrouillen durchziehen die Straßen, kräftigere Löschanstalten kommen in Bewegung, die zwar den Brand nicht mehr zu unterdrücken vermögen, aber ihm doch dergestalt ein Ziel setzen, daß wenigstens zwei Seiten des ein großes Viereck bildenden Gebäudes erhalten werden, während der schon ergriffene Teil noch bis zum Abend des folgenden Tages in sich selbst niederbrennt und fortglimmt. Zu gleicher Zeit war in der allgemeinen Verwirrung auch eine Anzahl Baugefangener aus dem Stockhause losgebrochen und begann hier und da in den Häusern zu plündern, wie denn auch das meinige von diesem Schicksal betroffen wurde, bis der tätige Eifer des Militärs die versprengte Rotte wieder einfing und unschädlich machte.
So besonnen, wo es Handeln galt, so allgegenwärtig gleichsam, wo eine Gefahr nahte, und so beharrlich, wo nur die unabgespannte Kraft zum Ziele führen konnte, wie der Kommandant in _dieser_ furchtbaren Nacht sich zeigte, hatte er immer und überall seit dem ersten Augenblick seines Auftretens sich erwiesen. Seit Wochen schon war er so wenig in ein Bett, als aus den Kleidern gekommen. Nur einzelne Stunden, die er ungern der Tätigkeit auf den Wällen, unter dem heftigsten Kugelregen, abbrach, ruhte er auf einer Pritsche in einem armseligen Gemache über dem Lauenburger Tore, jeden Augenblick bereit, mich oder andere anzuhören, wenn wir ihm etwas von Wichtigkeit zu melden hatten. Vater und Freund des Soldaten wie des Bürgers hielt er beider Herzen durch den milden Ernst seines Wesens, wie durch teilnehmende Freundlichkeit gefesselt. Jeder seiner Anordnungen folgte das unbedingteste Zutrauen.
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Der Morgen des 2. Juli brach an: aber auch das feindliche Bombardement, so wenig es die Nacht geruht hatte, schien mit dem Morgen wieder neue Kräfte zu gewinnen. Not und Elend, Jammergeschrei und Auftritte der blutigsten Art, einstürzende Gebäude und prasselnde Flammen: -- das war fast das einzige, was bei jedem Schritte den entsetzten Sinnen sich darstellte. Mut und besonnene Fassung waren mehr als jemals vonnöten, aber nur wenigen war es gegeben, sie in diesem entscheidenden Zeitpunkte zu behaupten, noch wenigere vielleicht erhielten die Hoffnung eines glücklichen Ausganges in sich lebendig, aber alle ohne Ausnahme gaben das Beispiel einer willigen Ergebung in das unvermeidliche Schicksal. Sie hatten es in Gneisenaus Hand gelegt, mit ihm standen, mit ihm fielen sie! Vertrauensvoll ließen sie ihn walten!
Höher aber und höher stiegen Gefahr und Not von Stunde zu Stunde. Um neun Uhr morgens, während noch das Rathaus loderte, geriet durch eine andere Bombe entzündet auch das Gebäude des Stadthofs in Flammen, die sich auf drei angrenzende Häuser fortpflanzten. Man sah sich genötigt, brennen zu lassen, was brennen wollte.
Gneisenaus scharfes Auge aber, das mitten in diesem gräßlichen Tumulte jede Bewegung seines Gegners hütete, ließ nicht unbeachtet, daß dieser bereits Vorbereitungen traf, sich von der Wolfsschanze aus auch über das Münderfort herzustürzen und so auch die östliche Seite des Hafens zu überwältigen. Gegenanstalten wurden auf der Stelle getroffen, Befehle flogen, alles war in der lebendigsten Anspannung, und ein neuer Kampf von blutigster Entscheidung sollte losbrechen. Es war drei Uhr nachmittags ... Da, plötzlich schwieg das feindliche Geschütz auf allen Batterien. Auf das Krachen eines Donners, wie am Tage des Weltgerichts, folgte eine lange öde Stille. Jeder Atem bei uns stockte, niemand begriff diesen schnellen Wechsel, dies schauerliche Erstarren so gewaltiger losgelassener Kräfte.
Da nahte ein feindlicher Parlamentär, und neben ihm ein Mann, den man in der Ferne als eine Militärperson -- dann aber, sowie die Umrisse der Gestalt sich immer deutlicher ausbildeten, unter Zweifel und Verwunderung, sogar als einen _preußischen_ Offizier erkannte. Schärfere Augen versicherten sogar, sie unterschieden die Züge ihres Freundes, des Leutnants v. Holleben, vom 3. Neumärkischen Reserve-Bataillon, der erst vor einigen Wochen mit einer Abteilung Kriegsgefangener über See nach Memel abgegangen war. Das schien unmöglich, und doch war dem also! Das erste Wort, als er sich fast atemlos in den Kreis seiner Bekannten stürzte, war der Ausruf: »Friede! Kolberg ist gerettet!«
O des Freudenboten! O der willkommenen Botschaft! der zur rechten, _rechten_ Zeit gekommen! Er war unmittelbar aus dem Hauptquartiere des Königs zu Pilkupönen bei Tilsit als Kurier abgefertigt und der Überbringer der offiziellen Nachricht von einem mit Napoleon abgeschlossenen vierwöchentlichen Waffenstillstande, welchem unverzüglich der Friede folgen sollte. Eilend, wie es seine wichtige Zeitung erheischte, aber schon in weiter Ferne noch mehr beflügelt durch den dumpfen Donner des Geschützes, der ihm unseren noch ausharrenden Mut verkündigte, war er vor wenigen Augenblicken erst in Tramm angelangt; schwerlich gern gesehen, aber auch schwerlich wohl mit noch neuer oder unerwarteter Botschaft. Indes -- er war da, und die Feindseligkeiten mußten eingestellt werden!
Alsogleich auch ward die fröhliche Kunde den Bürgern durch die ganze Stadt unter Trommelschlag bekannt gemacht, samt der hinzugefügten Ermahnung, nunmehr mit verdoppelter Tätigkeit zur Löschung der immer noch brennenden Gebäude zu eilen. Es geschah, und die Flammen waren nach wenigen Stunden bezwungen.
Aber welche Feder reichte hin, den trunkenen Jubel zu schildern, der in so überraschendem Wechsel alle Gemüter ergriff und aus sich selber hinwegrückte! Man muß wahrlich selbst in der Lage gewesen sein, sich und die Seinigen samt Leben und Wohlfahrt gänzlich aufgegeben zu haben, um dies neue, kaum glaubhafte Gefühl von Ruhe und Sicherheit nachzuempfinden, wobei sich, auf Augenblicke wenigstens, alles verschmerzt und vergißt, was man Drangvolles gelitten hat. Es ist wie ein böser Traum, den man endlich abgeschüttelt hat und aus dem man nun zu vollem freudigen Bewußtsein zurückkehrt.
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Die Belagerung war geendigt, eine völlige Waffenruhe trat ein, und die Bilder des Krieges verschwanden. Zunächst ward zwischen dem Kommandanten und dem französischen General eine Übereinkunft getroffen, welcher zufolge den Einwohnern gestattet wurde, sich über die französische Postenlinie hinaus in die umliegende Gegend zu begeben. Nach einem anderweitigen Vertrage blieb zwar die Maikuhle noch von den jenseitigen Truppen besetzt, doch sollten Schiffe mit Lebensmitteln frei in den Hafen zugelassen werden. Unsere tätige Freundin aber, die schwedische Fregatte, verließ uns am 12. Juli, und fortan, bis zu Ende des Monats, räumten auch nach und nach die Belagerungstruppen ihre Schanzen und Lager, um etwas entferntere Kantonierungen in der Provinz zu beziehen.
Wenige Tage nach Einstellung der Feindseligkeiten trieb es mich hinaus auf die Lauenburger Vorstadt, wo mein liebes Gärtchen gelegen war. Fast erkannte ich die Stelle meines Eigentums, auf der ich so manchen süßen Schweiß vergossen hatte, nicht wieder. Alles war aufgewühlt und verheert (denn gerade auf diesem Fleck hatten wir eine Batterie von fünf Kanonen errichtet), oder es war dem frei und üppig wuchernden Unkraute preisgegeben! Meine schönen edeln Obstbäume, die Genossen meiner Jugend -- sie starrten mich an in ihren abgehauenen Stümpfen ... Doch da gab es nichts zu klagen, denn ich selbst hatte ja, als es not tat, die Axt an sie gelegt! Aber es war mir doch wunderlich und weh ums Herz, und ich mußte dem verödeten Plätzchen den Rücken wenden, um nicht noch weicher zu werden.
Da blickte ich in die nächste Nachbarschaft und sah bald, daß ich es nicht allein war, der Trost und Ermutigung bedurfte. Auf der ganzen weiten Brandstätte umher schlichen die unglücklichen Bewohner zwischen den Schutthaufen ihres Eigentums, scharrten hier und da etwas aus der Asche hervor, das der Glut widerstanden, aber nun doch keinen Nutzen mehr für sie hatte; jammerten und weinten schmerzliche Tränen, daß sie nun nirgends eine bleibende Stätte fänden. Das schnitt mir durchs Herz, und ich verfiel in Nachdenken, wie doch diesen Unglücklichen, wenn auch nur vorderhand, zu helfen sein möchte? Indem ich aber über einige verkohlte Balken und andere halbverbrannte Trümmer, die mir im Wege lagen, dahinstolperte, fiel mir's plötzlich ein, daß sich eben davon wohl einige Nothütten würden errichten lassen, um den armen Leuten, zumal jetzt in den Sommermonaten, einstweilen ein leidliches Obdach zu verschaffen.
Voll von diesem Gedanken machte ich mich sogleich auf den Weg zu unserm Kommandanten, um ihm die Not der Heimlosen samt meinem Einfall vorzutragen, und die Erlaubnis von ihm zu erbitten, daß sie sich auf den verwüsteten Stellen notdürftig ansiedeln könnten. Ich langte an und stieß unten im Hause auf ein großes Gewühl von Menschen, denn der Kommandant hatte den General Loison, samt seinem ganzen Generalstab, zu sich eingeladen, und eben saß die Gesellschaft zu Tafel. Indes stieß mir unter den Kommenden und Gehenden alsbald unser Vizekommandant, der Major v. S., auf, der mich wegen meines etwaigen Anliegens befragte. Obwohl nun gerade er nicht allemal mein Mann war, so trug ich doch kein Bedenken, mich in meinen Wünschen gegen ihn auszusprechen. Seine kurze Antwort war: »Daraus kann nichts werden. Und wenn ich selbst der Kommandant wäre, wurde ich es nimmermehr zugeben.« -- Nun, das war kurz und deutlich, und so verließ er mich auch und ging die Treppe hinauf.
Aber ich folgte ihm auf der Ferse, bis er in den Gesellschaftssaal eintrat und die Tür hart hinter sich zuzog. Deß war ich nicht gewohnt an diesem Orte; ich bedachte mich also auch nicht, fein säuberlich anzuklopfen und unmittelbar darauf einzutreten. Meine Augen suchten den Kommandanten, er saß dem General Loison zur Seite an der Tafel. Kaum ward er meiner ansichtig, so stand er auf und trat mir einige Schritte entgegen. Mit leiser Stimme trug ich ihm kurz vor, was zur Sache gehörte und was sichtbar seine volle Aufmerksamkeit beschäftigte. »Die armen Leute!« rief er dann, »ja, Nettelbeck! laß sie in Gottes Namen bauen!« -- Zugleich füllte er mir ein Glas Wein; ich dankte und nahm mir im Davoneilen nur noch die Zeit, dem Herrn v. S., der gleichfalls zu Tische saß, eine lächelnde Verbeugung zu machen.
Aber nicht um diesen kleinen Triumph war mir's zu tun, sondern um dem kummervollen Häuflein dort draußen unverzüglich Trost und Freude zu bringen. Mit Jauchzen ward ich angehört und empfangen, als ich ihnen in Gneisenaus Namen verkündigte, daß ihnen gestattet sein solle, sich auf ihren Brandstätten in leichten Baracken wieder anzusiedeln. Wirklich auch verliefen nicht vier Tage, so stand dort eine neue Anlage fertig, die mich in ihren äußeren Umrissen auf das lebhafteste an ein indianisches Dorf erinnerte. Sicher aber war es den Bewohnern selbst unter diesem armseligen Obdach leichter und wohler ums Herz, als damals, da ich sie hoffnungslos unter den Trümmern ihres früheren Wohlstandes umherkriechen sah.
Indem ich jedoch nun selbst wieder zu einiger Ruhe kam, konnte ich nicht umhin, den Blick auch auf meine eigene Lage zu richten und mir zu gestehen, daß diese Zeit der Belagerung mich leicht zum armen Manne gemacht haben könne. Mein kleines bares Vermögen war gänzlich daraufgegangen, teils an Arbeiter, die ich aus meiner Tasche bezahlte, teils durch Spenden an unser braves Militär, das jede Art der Erquickung so verdient hatte. Mir aber war es das süßeste Geschäft, wenn ich den wackeren Leuten bei ihrem harten Dienst dann und wann einen warmen Mundbissen, oder was es sonst gab, selbst auf die Wälle, vor die Tore, in die Blockhäuser hinbringen und ihnen Trost und guten Mut einsprechen konnte.
Es ist wahr, meine guten Freunde haben mir deshalb oftmals Vorstellungen getan, daß mich mein guter Wille zu weit führe und zum Verschwender mache, aber nie verließ mich der frohe Mut, ihnen zu antworten: »Ich bin ein alter Mann ohne Kind oder Kegel: _wem_ sollte ich es sparen? Aber wäre ich auch der jüngste unter euch, wie leicht kann man in diesen Zeiten den Tod haben! Mir liegen König und Vaterstadt allein am Herzen, und überlebe ich diese Zeit, -- nun, so werden ja _sie_ mich auch nicht darben lassen.«