Ein Mann Des Seefahrers Und Aufrechten Burgers Joachim Nettelbe
Chapter 20
Es war nämlich gerade um diese Zeit, daß eine englische Transportflotte mit fünfzehnhundert Seesoldaten nach der Küste von Guinea abgehen sollte, um die Besatzungen in den dortigen englischen Forts abzulösen. Zugleich aber suchte man auch für diese Expedition Seeleute und zumal Steuermänner, welche jener Weltgegend kundig wären. Als mir ein solcher Antrag geschah, bedurfte es keines langen Zuredens. Ich kam nach Portsmouth, wo jenes Geschwader ausgerüstet wurde, und man setzte mich als Schiffsleutnant auf den Jupiter mit vierundsechzig Kanonen, geführt von Kapitän Cappe, welcher diesem Konvoi zur Bedeckung dienen sollte. Es schien mir schon der Mühe wert, auch einmal den _englischen_ Seedienst zu versuchen.
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Schon im halben März 1774 segelte die Flotte, außer dem Jupiter aus sechs Transportschiffen bestehend, von Portsmouth aus, langte in den ersten Tagen des Mai auf der Küste von Guinea an, schiffte nach und nach ihre eingenommenen Truppen in den englischen festen Plätzen aus, nahm die Reste der alten Garnisonen wieder an Bord und stach zuletzt, etwa Mitte Juni, von Kap Coast quer über den Ozean nach Jamaika hinüber. Hier langten wir nach sechs oder sieben Wochen glücklich an, verweilten auf dieser Station noch einen Monat, ließen gleichwohl unsere bisherige Begleitung, die ihre Frachten so schnell nicht einnehmen konnte, dort zurück und erreichten im November England wieder, ohne daß uns irgendwo ein denkwürdiges Ereignis aufgestoßen wäre.
Meine Lust, mich im englischen Dienste umzusehen, hatte ich mit dieser Reise vollständig und für immer gebüßt. Diese Verhältnisse und Lebensweise waren nicht für meinen nüchternen deutschen Sinn gemacht. Schwerlich auch kann man sich eine Vorstellung davon machen, wie rauh und ungefügig es auf den Schiffen dieser Nation hergeht. Da ist keine Ehre und kein Respekt, man hört nichts anderes als »Goddam!« und brutale Reden ohne Zahl. Alles, vom geringsten Matrosen an, ist gegen die Offiziere im Widerspruch; wiewohl ich nicht zweifle, daß sie dennoch, wenn es irgend zum Schlagen kommt, untereinander einig und brav sind. Von Ordnung habe ich auf diesen Schiffen wenig verspürt. Selbst Essen und Trinken hat keine bestimmte Zeit. Nicht selten hängt ein gekochtes Stück Fleisch von zehn bis zwanzig Pfund am Mast, wovon sich ein jeder abschneidet, wann und wie viel er will. Zu beiden Seiten daneben steht das Brotfaß und das Gefäß mit Grog (Wasser mit etwas Rum vermischt), um die offene Tafel vollständig zu machen. Dies Leben ging mir denn freilich auf die Länge zu bitter ein. Ich bat um meine Entlassung, erhielt sie, und begab mich nach Amsterdam.
Während ich hier den Winter über, wo es nichts für mich zu tun gab, bis in den März 1775 verweilte, hatte ich Muße, über meine Lebenslage und was ich ferner tun und treiben sollte, reiflich nachzudenken. Ich hatte jetzt meine vollen siebenunddreißig Jahre auf dem Nacken, hatte unter tausend Gefahren und Mühseligkeiten und unter allen Himmelsstrichen meine besten Jahre und Kräfte im Dienste von Fremden verschwendet, und sah immer deutlicher ein, wie wohl ich tun würde, mit meinen Erfahrungen meinem Vaterlande und mir selbst zu dienen. Dies brachte mich denn auch zu dem Entschlusse, mein ferneres Fortkommen in meiner Vaterstadt, an der ich noch immer mit ganzer Seele hing, zu suchen; demzufolge begab ich mich nach wieder eröffneter Schiffahrt als Passagier nach Swinemünde, von wo ich mich nach Kolberg verfügte.
Eigentlich aber kam ich doch schon für dieses Jahr zu spät, um eine Anstellung im Seewesen zu finden. Ich begnügte mich also, wieder eine Navigationsschule zu eröffnen, um junge Leute für den Seedienst zu bilden, denn an solchen Anstalten fehlte es damals noch gar sehr. Auch darf ich mir das Zeugnis geben, daß aus meinem Unterrichte nicht wenige Schiffskapitäne und Steuermänner hervorgegangen sind, welche sich jedes Vertrauens überall wert erwiesen haben, und jetzt so viel ihrer noch leben, auch schon mit Ehren graues Haar tragen. Einige von ihnen haben in der Folge hier in Kolberg meine Stelle ersetzt und sich als Lehrer in der Steuermannskunst verdient gemacht.
Da die Lehrlinge in solchen Schulen den Sommer hindurch den praktischen Übungen des Erlernten obzuliegen pflegen und der Unterricht meist nur ihre müßigen Wintermonate ausfüllt, so gab dieser auch mir nicht hinreichende Beschäftigung. Kurz, ich fühlte hier Langeweile, fühlte aber zugleich, daß ich an Geist und Leib noch keineswegs so flügellahm geworden, um untätig hinter dem Ofen hocken zu müssen. Auf die Gefahr also, für wetterwendisch gehalten zu werden, will ich nur gestehen, daß mich nebenher doch immer wieder nach der eigenen Führung eines tüchtigen Schiffes verlangte, und daß, da sich's damit nicht nach meinem Sinne fügen wollte, meine Gedanken abermals auf Holland und die jüngst verlassene Lebensweise standen.
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Wer weiß, was geschehen wäre, wenn einige Freunde, die es mit ansahen, wie mich der Tätigkeitstrieb verzehrte, mich nicht aufgemuntert hätten, daß ich mir das Verdienst um meine Vaterstadt erwerben möchte, sie den Sommer hindurch aus der Ferne, vom Stettinschen Haff her, und reichlicher als es bisher der Fall gewesen, mit lebendigen Fischen zu versorgen. So ganz zwar wollte dieses Projekt mir selbst nicht gefallen, indes ließ ich mich dazu überreden, kaufte ein Haus am Wasser, welches die zu dieser Hantierung passende Einrichtung besaß, und war nun darauf aus, mir auch ein zu solchem Handel eingerichtetes Fahrzeug (man nennt es eine Quatze) anzuschaffen. Zu dem Ende begleitete ich meinen guten Freund, den Schiffer Blank, der eben nach Swinemünde steuerte, weil ich dort oder in der Nachbarschaft mich zu meinem neuen Gewerbe am besten zu versehen hoffte.
Ein steifer Südwestwind wollte uns an jenen Hafen nicht sogleich herankommen lassen, sondern trieb uns zwei oder drei Meilen weiter an die Küsten der Insel Usedom und in die Gegend, wo einst die alte wendische Handelsstadt Wineta im Meere versunken sein soll. Natürlich drehte sich in solcher Nähe das Gespräch zwischen meinem Freunde und mir um diesen Gegenstand. »Man muß,« sagte jener, »bei der Schiffahrt sich um so vieles und so genau bekümmern, und dieser merkwürdige Fleck ist uns überdem so nahe gelegen, daß es doch fürwahr eine Schande wäre, wenn wir darüber nicht mit Was und Wie und Wo sollten richtige Auskunft geben können.«
»Das könnte ich wohl,« war meine Antwort, »aber doch nur auf Treu und Glauben des holländischen Schiffers, mit dem ich meine letzte Reise als Passagier von Amsterdam nach Swinemünde machte. Dieser erzählte mir, als wir diesen nämlichen Strich hier hielten, er sei vor vier Jahren bei jener versunkenen Stadt auf den Grund geraten und habe sein Schiff verloren. Um so sorgfältiger habe er sich mit den Merkzeichen der Küste bekannt gemacht, um sich künftig vor Schaden zu hüten.« »Seht dort,« sprach er, »ist ein schwarzer Berg im Westen, und weiter ostwärts liegt ein anderer Berg von gleicher Farbe. Zwischen beiden entdeckt Ihr einen weißen Sandhügel, und gerade vor diesem, eine halbe Meile vom Lande, ist das verwünschte Steinriff, das mich bald zum armen Manne gemacht hätte.« -- »Irre ich aber nicht, so stehen uns seine angegebenen Merkzeichen dort gerade im Gesicht, und es möchte wohlgetan sein, ein wenig aufzupassen.«
Kaum war mir das Wort über die Lippen, so stieß unser Schiff plötzlich und so hart auf den Grund, daß uns die Füße unterm Leibe entglitten und wir auf das Verdeck hinstürzten. Indem wir uns schnell besannen und um uns schauten, überzeugten wir uns, daß wir auf der nämlichen Stelle festsaßen, die den Gegenstand unseres Gespräches gegeben hatte. Denn etwa zwanzig Klafter nördlich vom Schiffe entdeckten wir eine ebene Platte, die fast mit dem Wasserspiegel gleichstand, und deren Dasein uns nur darum entgangen war, weil der Wind gerade vom Lande kam und also schlichtes Wasser machte, daß keine Brandung auf der Untiefe entstehen konnte.
Was war indes zu tun? Der Schiffer ließ flugs das Boot aussetzen, um einen Anker auszubringen und daran das Schiff von der Bank wieder abzuwinden. Ich selbst stieg hinein, um dies ins Werk zu setzen, und fuhr südlich von der Untiefe, die wir im Norden liegen sahen, abwärts. In einer Entfernung von etwa achtzig Klaftern ließ ich den Anker fallen, erstaunte aber nicht wenig, als er noch überm Wasser stehen blieb, indem die See hier an dieser Stelle nicht über vier bis sechs Fuß Tiefe hatte. Der Anker mußte wieder emporgebracht und nach dem Schiffe gezogen werden.
Jetzt begann ich (was freilich früher hätte geschehen sollen) rings umher zu sondieren, um ein Fahrwasser von hinreichender Tiefe zu finden. Es gab aber überall nichts als Klippen und Steine, dicht unter dem Wasser; nur hinter uns war es offen, und ich sah, wir würden uns des nämlichen Weges zurückarbeiten müssen, den wir gekommen waren. Demnach ward der Anker gerade nach hinten ausgebracht und die Schiffswinde in Bewegung gesetzt, allein das Fahrzeug wollte weder wanken noch weichen. Da wir nun mit Sandballast fuhren, so ward dessen eine ziemliche Menge über Bord geschafft, um das Schiff zu erleichtern, welches noch immerfort auf den Grund stieß, jedoch ohne Schaden zu nehmen.
Während jener Anstrengungen stieg ich abermals ins Boot, um den ganzen Umfang dieser Bank noch weiter zu sondieren. Zuerst begab ich mich nach der Stelle, die am höchsten und mit dem Wasser gleich lag, bestieg sie und fand, indem ich mit den Füßen tiefer scharrte, daß der Grund aus grobem Sande bestand, der mit einzelnen Brocken von Dachziegeln untermischt war. Meines Vermutens mochte hier wohl früher ein Schiff, mit solcherlei Ziegeln geladen, gestrandet sein und diese zu seiner Erleichterung über Bord geworfen haben.
Beim weiteren Umherfahren fand sich's, daß diese Bank durchgehend aus großen Steinblöcken bestand, die mit vier bis fünf Fuß Wasser überflossen waren. Dazwischen gab es eine Tiefe von sechs bis sieben Fuß, und da das Wasser ziemlich klar war, ließ sich die Lage der Steine sehr wohl unterscheiden, aber durchaus keine absichtliche Anordnung und Regelmäßigkeit darin entdecken. Diese ganze Steinplatte mag vielleicht sechshundert Klafter in der Länge und Breite haben. Zugleich aber fallen ihre Ränder so steil ab, daß, während jene Blöcke nur auf die bemerkte geringe Tiefe unter Wasser stehen, unmittelbar daneben der Seegrund sich auf fünfzehn und mehr Fuß vertiefte.
Es währte fast sechs Stunden, bevor es uns gelang, wieder flott zu werden. Während dieser Zeit trieb der starke Wind ein Boot vom Lande herbei, worin sich zwei Bauernknechte, aber ohne Ruder, befanden. Statt solcher waren sie mit ein paar Stangen versehen, womit sie ihr Fahrzeug, sogut es angehen wollte, zu steuern versuchten, um bei uns an Bord zu gelangen. In der Tat stießen sie auch so unvorsichtig und heftig gegen unser Schiff an, daß wir fürchteten, ihr Fahrzeug würde davon in Stücke gehen.
Erst als wir sie an Bord hatten, wurden wir gewahr, daß sie sich im besten Sonntagsstaat befanden und mit einem gewaltigen Blumenstrauße vor der Brust im Knopfloche prangten. Auf unser neugieriges Woher? und Wohin? nannten sie uns ihr nicht weit entlegenes Dorf und berichteten, sie seien soeben auf dem Wege über Feld nach der Kirche begriffen gewesen, als sie unser Schiff auf dem Grunde sitzend erblickt hätten, und da sich zufällig in ihrer Nähe ein leeres Boot am Strande vorgefunden, so wären sie in Gottes Namen hineingestiegen, um zu sehen, ob sie uns damit einige Hilfe leisten könnten. Da es jedoch in dem Fahrzeuge an Rudern gefehlt, mit denen sie ohnehin nicht umzugehen wüßten, so hätten sie gemeint, sich mit den vorrätigen Stangen wohl notdürftig fortzuhelfen.
War das echt pommerisch brav und gutherzig gemeint, so muß man doch gestehen, daß es auch herzlich dumm beraten und ausgeführt war. Denn hatten sie nicht das Glück, vom Winde gerade gegen unser Schiff getrieben zu werden, so kamen sie immer weiter landabwärts, waren ohne Barmherzigkeit verloren, und kein Mensch hätte auch nur einmal gewußt, wo sie hingestoben wären. Sie sahen endlich selbst ein, daß sie einen einfältigen Streich unternommen, und da wir inzwischen auch vom Grunde glücklich wieder abgekommen waren, so banden wir ihr Boot an unserm Schiffe fest und nahmen sie mit uns nach Swinemünde, wo es ihnen denn überlassen bleiben mochte, wie sie wieder ihren Heimweg finden wollten.
Ich meinerseits ging von hier nach Caseburg, wo ich eine Quatze, wie ich sie brauchte, für vierhundert Taler erstand und, nachdem ich zugleich eine Ladung lebendiger Fische eingenommen, mich nach dem Swinemünder Hafen und so über See nach Kolberg auf den Rückweg machte. Kaum aber war ich aus der Swine und über die Reede hinaus, und es an der Zeit, daß mein Koch Feuer anmachen sollte, so fand sich's, daß der Lotse, der uns in See gebracht, zufällig unsre Zunderbüchse, womit er seine Pfeife in Brand gesteckt, mit sich genommen hatte. Wir sahen uns dadurch über zwei Tage und drei Nächte ohne Feuer und Licht.
Nun machte ich mit meiner Quatze zwar noch mehrere Ausflüge, aber diese Fahrten und die ganze Hantierung waren, je länger je weniger nach meinem Sinne. Überdem war der Absatz meiner Ware keineswegs so reißend, als man mir vorgespiegelt hatte, und da zudem die Fische durch das heftige Schlingern des Fahrzeuges in den Wellen häufig abstanden, so hatte ich bei jeder Reise nur Verlust und Schaden. Ich gab also meinen Kram beizeiten wieder auf, brachte meine Quatze nach Stettin und bot sie dort zum Verkaufe aus. Das gelang mir aber erst nach Jahr und Tag, und ich litt auch bei diesem Handel eine empfindliche Einbuße. So kam also das Jahr 1776 heran und fand mich wieder als Lehrer in der Steuermannskunst, wobei ich mich, da ich tüchtige und lernbegierige Schüler hatte, immer noch in meinem angemessensten Elemente befand. Auch im Winter 1777 trieb ich diese nützliche, wenn auch eben nicht sonderlich einträgliche Beschäftigung.
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Am 28. April dieses Jahres stand ich hier in Kolberg, etwa um die Mittagszeit, eines abzumachenden Geschäftes wegen, beim Herrn Advokat Krohn am Fenster, als mitten in unserm Plaudern plötzlich ein ganz erschrecklicher Donnerschlag geschah, so daß jener vor Schrecken neben mir niederstürzte und wie ohne Leben und Besinnung schien. In der Tat glaubte ich, daß er vom Blitzstrahle getroffen worden, bis mein Rütteln und Schütteln ihn endlich doch wieder auf die Beine brachte. »Wo hat es eingeschlagen?« fragte er, immer noch hochbestürzt. -- »Ich hoffe, nirgends,« war meine Gegenrede, »oder mindestens doch nicht gezündet, da Regen, Schnee und Hagel die Luft erfüllen und alle Dächer triefen«.
Allein im nämlichen Augenblicke auch stürzte der Kaufmann, Herr Steffen, welcher schräg gegenüber wohnte, aus seinem Hause hervor, schlug die Hände überm Kopf zusammen, schrie aus Leibeskräften und richtete dabei den Blick immer nach dem Kirchturme empor, den er jenseits wahrnehmen konnte. Ich ahnte Unheil, lief also stracks hinüber, mußte aber lange auf ihn einreden, bevor ich's von ihm herauskriegte: »Mein Gott! Unsere arme Stadt! -- Sehen Sie denn nicht? Der Turm brennt ja lichterloh!« -- So war es denn auch wirklich. Die helle Flamme spritzte bei der Wetterstange, gleich einem feurigen Springbrunnen, empor, aus den Schallöchern sprühten die Funken umher wie Schneeflocken und flogen bereits bis in die Domstraße hinüber.
Ich, herzlich erschrocken, rannte nach der Kirche und die Turmtreppe hinan. Im Hinaufsteigen überdachte ich, wie groß das Unglück werden müsse, da wohl schwerlich jemand unternehmen werde, bis in die höchste Spitze hinanzuklimmen, wo er in den finsteren Winkeln nicht so bekannt sei wie ich, der ich sie in meiner Jugend so vielfältig und oft mit Lebensgefahr durchkrochen hatte. »Also nur frisch drauf und dran!« rief eine Stimme in mir, »du weißt hier ja Bescheid!«
In der Tat wußte ich auch, daß droben auf dem Glockenboden stets Wasser und Löscheimer bereit standen, aber an einer Handspritze, die hier hauptsächlich not tun würde, konnte es leichtlich fehlen. Dies erwägend, machte ich auf der Stelle kehrt, drängte mich mit Mühe neben den vielen Menschen vorüber, die alle nach oben hinauf wollten, flog gleich ins erste nächste Haus und rief um eine Spritze, die aber hier wie auch im zweiten Hause nicht zu finden war und meiner steigenden Ungeduld erst im dritten gereicht wurde.
Jetzt wieder (die Angst und der Eifer gaben mir Flügel) zum Turme hinauf! In der sogenannten Kunstpfeiferstube, die dicht unter der Spitze ist, fand ich bereits mehrere Maurer und Zimmerleute, mit ihren Meistern, die indes alle nicht recht zu wissen schienen, was hier zu tun sei. »Liebe Leute,« sprach ich, indem ich unter sie trat, »_hier_ ist freilich nichts zu beginnen. Wir müssen höher hinauf. Folgt mir!« -- »Leicht gesagt, aber schwer getan!« antwortete mir der Zimmermeister Steffen. »Wir haben es schon versucht, aber es geht nicht. Sobald wir die Falltüre über uns heben, fällt ein dichter Regen von Flammen und glühenden Kohlen hernieder und setzt auch hier die Zimmerung in Brand.«
Das war freilich eine schlimme Nachricht! »Ei, es muß schon etwas drum gewagt sein!« rief ich endlich, -- »ich will hinan! Helft mir durch die Luke. Ich will sehen, was ich tun kann!« -- Sie öffneten mir die Falltür; ich stieg hindurch, ließ mir einen Eimer voll Wasser und die Handspritze reichen und -- »Nun die Luke hinter mir zu, damit das Feuer keinen Zug bekommt!« befahl ich; und indem sie das taten, sah ich zu, was oben passierte. Eine Menge Feuerkohlen prasselte nieder; so daß ich mir den Kopf mit dem Wasser aus meinem Eimer anfeuchten mußte, um nicht aus meinen Haaren ein Feuerwerk zu machen. Um zugleich die Hände frei zu bekommen, schnitt ich ein Loch vorn in den Rock, durch welches ich die Spritze steckte; den Bügel des Eimers nahm ich in den Mund und zwischen die Zähne; und so ward denn die fernere Reise angetreten!
Die Turmspitze ist inwendig mit unzähligen Holzriegeln durchaus verbunden, die mir zur Leiter dienen mußten. Allein wohin ich griff, um mir empor zu helfen, da fand ich alles voll glühender Kohlen; nur hatte ich nicht Zeit, an den Schmerz zu denken, oder machte mich gegen ihn fühllos, indem ich Kopf und Hände zum öfteren wieder anfeuchtete. Mit alledem hatte ich mich endlich so hoch verstiegen, daß mir in der engen Verzimmerung kein Raum mehr blieb, mich noch weiter hindurch zu winden; und hier sah ich denn den rechten Mittelpunkt des brennenden Feuers annoch acht oder zehn Fuß über mir zischen und sprühen.
Jetzt klemmte ich den Wassereimer zwischen die Sparren fest, zog meine Spritze daraus voll und richtete sie getrost gegen jenen Feuerkern, wo das Löschen am notwendigsten schien. Nur beging ich die Unvorsichtigkeit, dabei unverrückt in die Höhe zu schauen, weil ich auch die Wirksamkeit meines Wasserstrahles beobachten wollte; darüber aber bekam ich die ganze Bescherung von Wasser, Feuer und Kohlen so prasselnd ins Angesicht zurück, daß mir Hören und Sehen verging, bis ich, sobald ich mich wieder ein wenig besonnen hatte, das Ding geschickter anfing und bei der Handhabung meiner Spritze die Augen fein abwärts kehrte. Auch hatte ich die Freude, daß sich bei jedem Zuge das Feuer merklich verminderte.
Nun aber war auch der Eimer geleert! Neue Verlegenheit! Denn das leuchtete mir allerdings wohl ein, daß, wenn ich hinabstiege, weder ich, noch sonst ein Mensch hier je wieder nach oben gelangte. Ich schrie indes aus Leibeskräften: »Wasser! Wasser her!« -- bis der vorbenannte Zimmermeister die Falltür aufschob und mir zurief: »Wasser ist hier, aber wie bekommst du es hinauf?« -- »Nur bis über den Glockenstuhl schafft mir's. Da will ich mir's selber langen,« war meine Antwort, und so geschah es auch. Jene wagten sich höher und ich kletterte ihnen von Zeit zu Zeit entgegen, um die vollen Wassereimer in Empfang zu nehmen, von denen ich denn auch so fleißigen Gebrauch machte, indem ich den Brand tapfer kanonierte, daß ich endlich das Glück hatte, ihn zu überwältigen und völlig zu löschen. Wo es aber noch irgend zu glimmen schien, da kratzte ich mit meinen Händen die Kohlen herunter, soweit ich irgend reichen konnte.
Jetzt erst, da es hier nichts mehr für mich zu tun gab, gewann ich Zeit, an mich selbst zu denken. Ich spürte, wie mir mit jeder Minute übler zumute ward: denn das zurückspritzende Wasser hatte mich bis auf die Haut durchnäßt, und zugleich war eine Hitze im Turme, die je länger je unausstehlicher wurde. Zwar eilte ich nun hinunter, aber indem ich gegen die Schallöcher kam, gab es einen so schneidenden Luftzug, daß mir plötzlich die Sinne vergingen. Auch weiß ich nicht, ob ich auf meinen eigenen Füßen Gottes Erdboden erreicht, oder ob mich die Leute hinabgetragen haben.
Als ich mich wieder besann, lag ich auf dem Kirchhofe, und mir zur Seite standen die Chirurgen Wüsthof und Kretschmer, die mir an beiden Armen eine Ader geöffnet hatten. Außerdem gab es noch einen dichten Haufen von Menschen um mich her, welche von Teilnahme oder Neugierde herbeigeführt sein mochten. Mit meinem wiederkehrenden Bewußtsein begann ich nun aber auch erst meine Schmerzen zu fühlen. Meine Hände waren überall verletzt; die Haare auf dem Kopfe zum Teil abgesengt; der Kopf selbst wund und voller Brandblasen, wo denn auch in der Folge nie wieder Haare gewachsen sind. Nicht minder sind mir die beiden äußersten Finger an der rechten Hand, die vom Feuer am meisten gelitten hatten, bis auf diese Stunde krumm geblieben; und so werde ich sie auch wohl mit in mein Grab nehmen müssen.
Vom Kirchhofe trug man mich nach meiner Wohnung, wo eine gute und sorgfältige Pflege mir dann auch bald wieder auf die Beine half. Einige Wochen später behändigte mir der Herr Kriegskommissär Donath eine goldene Denkmünze in der Größe eines Doppel-Friedrichsdor, nebst einem Belobungsschreiben, die ihm beide von Berlin zugeschickt worden, um sie mir gegen meine Quittung zu überliefern. Das Gepräge dieser Denkmünze ließ ich mir in meinem Petschaft nachstechen; sie selbst aber, nebst dem Schreiben, übergab ich in die Hände des Magistrats, mit dem Ersuchen, sie bis auf meine weitere Verfügung im Rathausarchiv gut verwahrt niederzulegen. Doch als ich nach einigen Jahren danach fragte, war das eine wie das andere verschwunden! Es hieß: das sei noch bei des Bürgermeisters R--fs Zeiten geschehen; und daran mußte ich mir genügen lassen!
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Im folgenden Jahre 1778 erhielt ich vom Kaufmann Herrn Höpner zu Rügenwalde eine schriftliche Aufforderung, eines seiner Schiffe unter meine Führung zu nehmen. Ich schlug ein, weil sich nicht gleich ein besseres Engagement für mich finden wollte; und so machte ich denn, für seine Rechnung, eine Reihe glücklicher Fahrten nach Danzig, Nantes und Croisic, und war von hier wiederum nach Memel bestimmt; konnte aber, der späten Jahreszeit wegen, diesen Hafen nicht mehr erreichen, sondern sah mich genötigt, in Pillau einzulaufen und dort zu überwintern, wo ich aus Langeweile wiederum eine Steuermannsschule eröffnete.
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Hier war es, wo der Kommerzienrat Herr B--r zu Kolberg mir in wiederholten Briefen anlag, in seinem Auftrage nach England zu gehen, für ihn ein Schiff zu kaufen und für seine Rechnung damit zu fahren. Diese Spekulation schien nicht übel ersonnen, denn in dem damaligen Kriege Englands mit seinen nordamerikanischen Kolonien hatte es auch mit Frankreich und Spanien gebrochen, und seine Kaper hatten sich einer so großen Anzahl feindlicher Schiffe bemächtigt, daß alle britische Häfen damit angefüllt waren. Es stand zu erwarten, daß sie beim Verkauf würden spottwohlfeil losgeschlagen werden.