Ein Mann Des Seefahrers Und Aufrechten Burgers Joachim Nettelbe
Chapter 19
Wenn sie nun gleich auf diese Weise im eigentlichsten Sinne _nichts_ mit sich auf das Schiff bringen, so vergehen doch kaum einige Wochen oder Monate und sie haben allesamt, besonders die weiblichen Personen, ein Paket von nicht geringem Umfange als Eigentum erworben, welches sie überall unterm Arm mit sich umherschleppen. Wie man sich indes leicht denken kann, besteht dieser ganze Reichtum in nichts als allerlei Lappalien, die sie zufällig auf dem Verdecke gefunden und aufgehoben haben -- abgebrochenen Pfeifenstengeln, beschriebenen und bedruckten Papierschnitzeln, bunten Zeugflecken, Stückchen Besenreis und dergleichen Schnurrpfeifereien. Hierzu erbitten sie sich nun von den Schiffsleuten den Zipfel eines Hemdes oder sonst eines abgetragenen Kleidungsstückes, um ihren Schatz hineinzubündeln.
Aber nur zu oft begnügt sich ihre Begehrlichkeit nicht an dem, was ihnen das Glück auf diesem Wege zuwirft, sondern sie bestehlen sich untereinander und da entsteht denn Klage über Klage, als wären ihnen alle Kleinodien der Welt abhanden gekommen. Der wachhabende Steuermann verwaltet sodann das strenge Richteramt, veranstaltet Untersuchungen, wobei jeder sein Bündel vorweisen und auskramen muß und wobei es seiner Gravität oft schwer genug wird, sich des Lachens zu enthalten, und verfügt endlich über den ertappten Dieb einige gelinde Peitschenhiebe. So geht es heute, so morgen und so alle übrigen Tage während der Dauer der Reise; nicht anders, als ob man mit lauter Affen und Narren zu tun hätte.
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Über unsere diesmalige Fahrt, quer durch den Atlantischen Ozean, weiß ich nur wenig zu sagen, wenn ich nicht wiederholen soll, was hundert Reisebeschreiber vor mir bereits erwähnt haben. Dahin gehört das Leuchten des Meerwassers in manchen dunklen Nächten, das Emporflattern ganzer Rudel von fliegenden Fischen, wie wir's bei uns zu Lande an den Sperlingen zu sehen gewohnt sind, und manches mehr. Dagegen bemerke ich, was meines Wissens andere noch nicht angezeigt haben, daß, wenn man sich von der Küste von Guinea etwa zehn oder mehr Meilen entfernt hat, sich das Seewasser plötzlich verändert. Es wird klarer, blauer und durchsichtiger. Gibt es nun zugleich eine vollkommene Meerstille, wie sie in diesem Striche nicht ungewöhnlich ist, und ebnet sich dann die Flut zu einer Spiegelfläche, so gibt es einen unbeschreiblich wunderbaren Anblick, in das kristallhelle Wasser, wie in einen dichteren Himmel unter sich, zu schauen und es von unzähligen Fischen und Seegeschöpfen in tausend verschiedenen Richtungen wimmeln zu sehen. Man fängt ihrer auch von allen Arten, soviel man will, doch haben sie, den fliegenden Fisch ausgenommen, alle ein hartes, unschmackhaftes Fleisch und werden für wenig gesund gehalten.
Die Sklavenschiffe pflegen auf dieser Überfahrt das Boot, womit sie den Nebenhandel an der afrikanischen Küste betrieben haben, nicht wieder einzunehmen und aufs Deck zu setzen, weil es dort den Raum für die Neger zu sehr beengen würde. Wenn es daher die Witterung nur irgend gestattet, kreuzt es neben dem Schiffe und wird gebraucht, mit begegnenden Schiffen nähere Gemeinschaft zu pflegen. Man besetzt es daher fortdauernd und von acht zu acht Tagen mit sieben Mann, unter denen wenigstens einer sich etwas auf Kurs und Steuerkunst versteht, und diese erhalten zugleich hinreichende Provisionen, um auch im übelsten Falle einer Trennung von ihrem Schiffe sich helfen zu können.
Ohne einigen widrigen Zufall langten wir gegen Mitte Dezember in dem Flusse Surinam an, wo wir jedoch, in einer Entfernung von vier bis fünf Meilen von Paramaribo, ankerten, um die Gesundheitskommission von dorther zu erwarten, weil diese zuvor untersucht haben muß, ob nicht etwa ansteckende Krankheiten am Borde des neuangekommenen Schiffes herrschen, bevor die Erlaubnis zum Einlaufen gegeben werden kann. Dies war gleichwohl unser Fall nicht, da wir (was verhältnismäßig sehr wenig sagen will) binnen den vier Monaten, die ich mich nunmehr auf diesem Schiffe befand, nicht mehr als vier von unseren Matrosen und sechs Sklaven verloren hatten. Als daher jene Herren uns am nächsten Tage besuchten, fanden sie kein Bedenken, uns in die Kolonie zuzulassen.
Ich für meinen Teil hatte indes noch einen besonderen Grund mehr, ihrer Erscheinung mit einigem Verlangen entgegenzusehen, und um dies gehörig zu erklären, sehe ich mich genötigt, hier etwas aus meiner früheren Lebensgeschichte nachzuholen.
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Im Jahre 1764, als ich noch in Königsberg wohnte und mich in besserem Wohlstande befand, geschah es, daß ich eines Tages einen Faden Brennholz vor meiner Türe spalten ließ. Der ältliche Mann, der zu diesem Geschäfte herbeigeholt worden, schien es weder mit sonderlicher Lust noch mit großer Geschicklichkeit zu verrichten. Ich ließ mich mit ihm in ein Gespräch ein und gab ihm wohlmeinend zu verstehen, daß es mir schiene, als würde er mit dieser Hantierung in der Welt nicht viel vor sich bringen. Ob er sich auf nichts anderes und Besseres verstünde? -- Seine Antwort war, er habe es in der Welt mit viel und mancherlei versucht, ohne dabei auf einen grünen Zweig zu kommen; aber was einmal zum Heller ausgeprägt sei, werde nimmermehr zum Taler. -- »Nun, nun,« versetzte ich scherzend, »das hinderte gleichwohl nicht, daß Ihr nicht noch einmal ein großer Herr würdet und in der Kutsche führet! Aber an Eurer Mundart vernehme ich, daß Ihr nicht von Kind auf Königsberger Brot gegessen habt. Vielleicht sind wir gar Landsleute?« -- »Könnte wohl sein. Irgendein Unglückswind hat mich einmal hierher nach Preußen verschlagen. Eigentlich bin ich ein pommerisch Kind und aus Belgard.« -- »Ei, aus Belgard? und Euer Name?« -- »Kniffel.« -- »Kniffel? Kniffel?« wiederholte ich nachsinnend, indem mir etwas aufs Herz schoß. »Und habt Ihr noch Brüder am Leben?« -- »Ein paar wenigstens, die aber schon vor vielen Jahren, gleich mir, in die weite Welt gingen, ihr Glück zu suchen, und von denen ich weiter nicht weiß, wohin sie gestoben oder geflogen sind.«
Jetzt ließ ich mir noch die Vornamen der Verschollenen nennen und nun war ich meiner Sache gewiß. Es waren die nämlichen Gebrüder Kniffel, die ich vormals in Surinam kennen gelernt und die sich dort zu so bedeutendem Wohlstande emporgearbeitet hatten, während dieser dritte Bruder so gut als ein Bettler geblieben. Ohne ihm darüber einen Floh ins Ohr zu setzen, ging mir doch das Ding je länger je mehr im Kopfe herum. Ich erfuhr auf weiteres Befragen, daß er verheiratet sei und eine einzige Tochter, ein Mädchen von sechzehn oder siebzehn Jahren, habe. Bald auch stellte ich bei anderen Leuten Erkundigungen nach dieser Familie an, die den Vater als einen halben Narren bezeichneten, von der Mutter auch eben nicht sonderlich viel Gutes zu rühmen wußten, aber der Tochter das Zeugnis eines gutartigen, lieben Geschöpfes, doch ohne Bildung und feinere Sitten, beilegten.
Nun wußte ich, daß die reichen Brüder in Surinam ohne Kinder waren, und ich kannte sie als so rechtliche Leute, daß ich ihnen mit Gewißheit zutrauen durfte, sie würden gern bereit sein, etwas für ihre arme Verwandte zu tun, sobald sie mit der bedrängten Lage derselben bekannt wären. Kurz es ließ mir keinen Frieden, bis ich wieder der gutherzige Tor geworden, der es nicht lassen konnte, sich in anderer Leute Händel zu mischen, sobald er glaubte, daß es zu irgend etwas Gutem führen könne. Ich setzte mich also hin, schrieb an jene Herren in Surinam, wie ich zufälligerweise mit ihrem Bruder bekannt geworden, und überließ es ihrem Ermessen, ob sie die dürftige Lage der Familie nicht in etwas erleichtern wollten.
Der Brief ging über Holland an seinen Bestimmungsort ab. Da es jedoch leicht Jahr und Tag dauern konnte, bevor eine Antwort darauf zu erwarten war, so nahm ich mich denn derweile der Leutchen an, so gut ich vermochte, um sie von drückendem Mangel zu schützen. Das Mädchen ließ ich etwas besser kleiden und den früher versäumten Unterricht nach Möglichkeit wieder einbringen, wobei es denn auch nicht an guten Ermahnungen zu einem ehrbaren christlichen Wandel mangelte. So ging das fort, bis endlich Briefe an mich einliefen, worin meine alten Gönner und Freunde mir herzlich dankten, daß ich ihnen einen langgehegten Wunsch erfüllt und ihnen ihren längst totgeglaubten Bruder wieder zugewiesen. Sie hätten die Veranstaltung getroffen, diesem durch ein Königsberger Handelshaus eine jährliche Leibrente auszahlen zu lassen, wovon sie glaubten, daß er seine übrigen Lebenstage damit bequem und gemächlich würde ausreichen können.
Sodann aber eröffneten sie mir ein Verlangen, worin sie wünschten und mich aufforderten, ihnen noch näher die Hände zu bieten. Mir sei bewußt, daß sie unbeerbt lebten, und doch möchten sie gern die Freude genießen, einen Blutsverwandten um sich zu sehen und einst ihr Vermögen in dessen Hände zu übergeben. Ich möchte also sehen, ob es tunlich sei, die Tochter ihres Bruders mit Einwilligung der Eltern dahin zu vermögen, die Reise zu ihnen nach Surinam zu unternehmen. Es sei ihre Absicht, sie an Kindes Statt anzunehmen, und sie würden sie mit offenen Armen und Herzen aufnehmen. Sei sie dazu nicht abgeneigt, so würde ich dahin zu sorgen haben, sie auf eine sichere und bequeme Weise nach Amsterdam an das Haus ihres dortigen Korrespondenten zu adressieren, von wo ihre weitere Reise übers Meer in gleicher Art veranstaltet werden sollte. Daß diese Aufträge zugleich mit reichlichem Ersatze für meine aufgewandte Mühe und Auslagen verbunden waren, bedarf kaum einer Erwähnung.
Man kann leicht denken, mit welcher freudigen Überraschung die Eltern die Zeitung von dem hellen Glückssterne empfingen, der ihnen so unverhofft jenseits des Meeres aufgegangen; aber auch, daß die Wohlhabenheit, in welche sie sich so auf einmal versetzt sahen, ihnen mehr oder weniger die Köpfe verrückte. Leicht auch entschlossen sie sich, in die Trennung von ihrem Kinde zu willigen, so wie dieses selbst an Sinn und Neigung noch zu sehr ein Kind war, um nicht mit leichtem Mute in den Aufruf so gütiger Verwandten einzustimmen, die es zu sich entboten. Indes war doch auch in der Zwischenzeit in des Mädchens äußerem Wesen eine ihr sehr vorteilhafte Änderung vorgegangen, und es schien mir keinem Zweifel unterworfen, daß sie sich in der Zuneigung ihrer Oheime behaupten würde. Es fand sich Gelegenheit, sie der Obhut eines meiner Freunde, der ein Schiff nach Amsterdam führte, anzuvertrauen. Ich wußte, daß sie dort glücklich angekommen war und ebenso wohlbehalten die Überfahrt nach Surinam gemacht hatte. Von dort hatte ich die schriftlichen Danksagungen meiner Freunde empfangen, aber späterhin war unser brieflicher Verkehr unterbrochen worden, so daß ich seit mehreren Jahren nicht wußte, wie es um sie und ihr angenommenes Kind stehen möchte. Beides hoffte ich nunmehr von den an Bord erschienenen Gesundheitskommissarien zu vernehmen.
Leider erfuhr ich, daß die Gebrüder Kniffel schon vor einigen Jahren mit Tod abgegangen. -- »Aber was ist aus einem Frauenzimmer -- einer Anverwandten aus Deutschland -- geworden, die vor nicht gar zu langer Zeit in die Kolonie gekommen und als die mutmaßliche Erbin ihrer Oheime angesehen wurde?« -- »Ei, das ist sie auch wirklich geworden,« war die Antwort, »und nicht nur im vollen Besitze des ganzen ungeheuren Kniffelschen Vermögens, sondern auch gegenwärtig die Gemahlin des Bankdirektors Mynheer van Roose und zu Paramaribo wohnhaft.« -- Schmerz und Freude wechselten bei diesen Nachrichten in meinem Gemüte, doch war ich voller Begierde, mich der Frau van Roose auf eine gute Art vorzustellen.
Dazu fand sich gleich am nächsten Tage Gelegenheit, als wir uns im Angesichte der Stadt vor Anker gelegt hatten, indem ich meinen Negerjungen von einer Anzahl mitgebrachter blauer Papageien, wie sie hier unter die Seltenheiten gehören, den schönsten auf die Hand und einen Affen auf den Kopf nehmen, dann aber vor mir hin nach dem mir noch von alters her gar wohlbekannten Kniffelschen Hause traben ließ, wo auch gegenwärtig die reiche Erbin noch wohnen sollte. Jetzt wimmelte es darin von schwarzen Sklavinnen, durch deren eine ließ ich der Frau van Roose mein Verlangen melden, ihr aufwarten zu dürfen.
Alsbald trat sie aus ihrem Zimmer hervor und mein erster Blick ließ mich sie wieder erkennen, obwohl sie seither stattlich ausgewachsen war. Ich darf indes wohl gestehen, daß mir, als sie so leibhaftig vor mir stand, doch etwas wunderlich ums Herz war, und daß mir's einigermaßen den Atem versetzte, als ich die Frage an sie richtete: ob es ihr nicht beliebe, etwas von meinen afrikanischen Raritäten zu kaufen? -- Anstatt mir darauf zu antworten, faßte sie mich nicht weniger scharf ins Auge, als das meinige auf ihr haftete. »Mein Gott!« rief sie endlich, »Gesicht und Stimme kommen mir so bekannt vor ... Es ist unmöglich, daß ich Sie nicht schon irgendwo gesehen haben sollte -- «
»Ei freilich wohl!« gab ich zur Antwort. -- »Den alten Nettelbeck aus Königsberg werden Sie so ganz und gar nicht vergessen haben!«
Nun entfuhr ihr ein lauter Freudenschrei; sie fiel mir mit beiden Armen um den Hals, die hellen Tränen stürzten ihr aus den Augen (und mir war's auch nicht weit davon), bis ihr endlich im Übermaß der Rührung in meinen Armen beinahe die Sinne schwanden. Darüber erhob sich ein Geschrei und Lärmen unter der schwarzen Dienerschaft, das weit umher erscholl und endlich auch den erschrockenen Hausherrn herbeiführte. Dieser stutzte nicht wenig, seine Gattin in halber Ohnmacht am Halse und in den Armen eines unscheinbaren Fremden zu erblicken. Er sprang herzu, fragte, was es gäbe, und fand sie ebensowenig imstande, ihm eine Antwort zu stammeln, als ich selbst mich vor inniger Rührung vermögend fühlte, ihn zu befriedigen: »Dies ist der Mann, von dem ich dir so oft erzählt habe -- der erste Urheber meines Glückes -- der ehrliche Nettelbeck, der sich in Königsberg meiner annahm. O Gott!« --
Mehr konnte sie nicht sagen, weil eine neue Schwäche sie anwandelte. Der Gatte und ich nahmen sie unter beide Arme und führten sie in das anstoßende Zimmer zu einem Kanapee, wo denn der Aufruhr in ihrer Seele sich allmählich wieder beruhigte. Nun jagten sich tausend verwirrte Fragen -- wie es mir gehe? was ich treibe? wie ich hierher nach Surinam komme? -- und war nicht eher befriedigt, als bis ich ihr in der Kürze meine neuesten Lebensschicksale erzählt hatte. Ebenso unersättlich war sie in Erkundigungen nach dem Ergehen ihrer Eltern, von denen sie seit zwei Jahren keine Kunde erhalten habe. Ich war zwar selbst bereits seit vier Jahren von Königsberg abwesend, doch sagte ich, was ich wußte: daß ihr Vater den wunderlichen Einfall gehabt, sich den Titel als Lizentrat zu kaufen, und daß er dieses und jenes treibe, was man ihm zugute halten müsse. Jene Standeserhöhung hatte er ihr wohlweislich verschwiegen, und sie konnte nicht umhin, recht herzlich darüber zu lachen, bis sie denn endlich hinzusetzte: »Ei, und warum auch nicht? Laßt doch dem alten Manne die närrische Puppe!«
Jetzt dünkte mir's Zeit, wieder aufzubrechen, aber ich ward mit liebreichem Ungestüm zurückgehalten. Vergebens suchte ich mich mit meinen Verhältnissen als Obersteuermann zu entschuldigen, die keine gar zu lange Entfernung vom Schiffe zuließen. Doch auch dem wußten sie zu begegnen, indem sie nach meinem Kapitän aussandten und ihn gleichfalls freundlich zur Tafel einluden. Dieser, der wußte, was für eine Erkennungsszene mich am Lande erwartete, schlug es nicht aus, und seine Gegenwart diente nur dazu, unser geselliges Vergnügen noch zu erhöhen.
Unter dem lebhaftesten Hin- und Herfragen bemerkte endlich Frau van Roose, daß auf den Sklavenschiffen oftmals einige Verlegenheit wegen der Herbeischaffung frischer Mundvorräte zu entstehen pflege. Diese für uns zu beseitigen, würde sie Befehl geben, daß von ihren drei Plantagen täglich so viel Lebensmittel an Bord geschafft werden sollten, als wir irgend bedürfen möchten. Den Wert dafür könne der Kapitän mir nach einem billigen Maßstabe zugute schreiben. Da dies nun auch während der vierzehntägigen Dauer unseres hiesigen Aufenthaltes zur Ausführung kam, so erwuchs mir dadurch ein kleiner Vorteil von hundertvierzig Gulden; doch noch mehr verpflichtet fühlte ich mich durch die liebevolle Aufnahme, deren ich mich binnen dieser Zeit in dem Roosenschen Hause fast täglich zu erfreuen hatte.
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Unser Hauptgeschäft bestand hier indes im Verkaufe unserer schwarzen Ware, worüber ich mich mit einigen Worten zu erklären habe. Gewöhnlich erläßt der Schiffskapitän bei seiner Ankunft in der Kolonie ein Zirkular an die Plantagenbesitzer und Aufseher, worin er ihnen seine mitgebrachten Artikel anempfiehlt und die Käufer zu sich an Bord einladet. Bevor jedoch diese anlangen, wird eine Auswahl von zehn bis zwanzig Köpfen, als der erlesensten unter dem ganzen vorhandenen Sklavenhaufen, veranstaltet; man zeichnet sie mit einem Bande um den Hals, und so oft ein Besuch naht, müssen sie unter das Verdeck kriechen, um unsichtbar zu bleiben. Denn die Politik des Verkäufers erfordert, daß nicht gleich vom Anfange an das beste Kaufgut herausgesucht werde und dann der Rest, als sei er bloßer Ausschuß, in bösen Verruf komme.
Haben sich nun kauflustige Gäste auf dem Schiffe eingefunden, so werden die männlichen wie die weiblichen Sklaven angewiesen, sich in zwei abgesonderten Haufen in die Runde zu stellen. Jeder sucht sich darunter aus, was ihm gefällt, und führt es auf die Seite, und dann erst wird darüber gehandelt, wie hoch der Kopf durch die Bank gelten soll. Gewöhnlich kommt dieser Preis für die Männer auf vierhundert bis vierhunderfünfzig Gulden zu stehen. Auch junge Burschen von acht oder zehn Jahren und darüber erreichen diesen Preis so ziemlich; ein Weibsbild wird, je nachdem ihr Ansehen besser oder geringer ausfällt, für zweihundert bis dreihundert Gulden losgeschlagen; hat sie aber noch auf Jugend, Fülle und Schönheit Anspruch zu machen, so steigt sie im Werte bis auf achthundert oder tausend Gulden und wird oft von Kennern noch bedeutend besser bezahlt.
Ist der Handel abgeschlossen, so wird der Preis entweder zur Stelle bar berichtigt, meist aber durch Wechsel ausgeglichen, oder es findet auch ein Austausch gegen Kolonieerzeugnisse statt, und wenn die Käufer ihre erhandelten Sklaven nicht gleich mit sich hinwegführen, so bedingen sie auch wohl ein, daß der Kapitän sie im Boote oder in der Schaluppe an die bezeichnete Plantage abliefern läßt.
Zuletzt bleibt denn nun, nachdem allmählich auch die erlesene Ware zum Vorschein gekommen ist, wirklich nur der schlechtere Bodensatz zurück, und um sich dessen zu entäußern, muß nun der Weg des öffentlichen Ausgebotes an den Meistbietenden beschritten werden. Zu dem Ende werden diese Neger an dem dazu bestimmten Tage ans Land und auf einen eigenen Platz gebracht, wo ein Arzt jeden Sklaven einzeln auf seine Tauglichkeit untersucht. Dieser muß sodann auf einen Tisch treten; der Arzt legt Zeugnis ab, daß er fehlerfrei sei, oder daß sich dieser oder jener Mangel an ihm finde. Nun geschehen die Gebote der Kauflustigen, und so wird, nach erfolgtem Zuschlage, bis zu dem letzten aufgeräumt.
Wir hatten diesmal bei unserm Handel nur wenig Glück, was auch nicht anders sein konnte, da nur kurz zuvor zwei Sklavenschiffe hintereinander hier gewesen waren und den Markt überfüllt hatten. Die schlechte Erfahrung der ersten vierzehn Tage überzeugte uns daher von der Notwendigkeit, einen vorteilhafteren Platz aufzusuchen, und unsere Wahl fiel auf die benachbarte holländische Kolonie Berbice.
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Am 1. Januar 1773 stachen wir demnach wieder in See.
Doch schon am nächsten Tage verspürten wir plötzlich einen Leck von solcher Bedeutung, daß wir im vollen Ernste das Sinken fürchteten und uns mit der angestrengtesten Arbeit an den Pumpen kaum über Wasser erhalten konnten. Wir befanden uns hier einem unangebauten Striche der Küste und der Mündung des Flusses Kormantin gegenüber, die fünfzehn Meilen nördlich von Surinam liegt und bis dahin noch von keiner europäischen Macht in Besitz genommen war. Wollten wir nun nicht unser Grab in den Wellen finden oder auf den Strand laufen und auch hier vielleicht alles verlieren, so blieb uns nur der Versuch übrig, in den gedachten Fluß einzulaufen und unseren Schaden auszubessern.
Ich ging mit der Schaluppe voraus und untersuchte die Einfahrt. Die Mündung des Stromes war beinahe anderthalb Meilen breit und in der Mitte vor ihr lag eine kleine Insel, niedrig und mit Rohr und Strauch bewachsen. Das Fahrwasser fand ich bei der höchsten Flut nur dreizehn Fuß tief -- für uns ein leidiger Umstand, da unser Schiff etwas über vierzehn Fuß tief ging. Es galt demnach, dieses mindestens um anderthalb Fuß zu erleichtern, und zu dem Ende bedachten wir uns ebensowenig, unseren gesamten eingenommenen Vorrat von frischem Wasser wieder über Bord laufen zu lassen, als unsere überzähligen Stangen und Rahen ins Wasser zu lassen, sie zu einem Floße zu vereinigen und alles, was nur irgend dem Verderben nicht ausgesetzt war, darauf auszuladen.
Dennoch lief uns mit der Ebbe eine so gewaltige Strömung entgegen, daß wir uns der Mündung nicht nähern durften, sondern unter Furcht und Sorge die nächste Flut erwarten mußten, und diese führte uns dann doch so weit hinein, daß wir Schutz vor den Wellen fanden und das Schiff dicht am Lande auf den Grund setzen konnten. Bei der niedrigsten Ebbe stand es völlig trocken auf einem Sandgrunde, und das hineingedrungene Wasser lief wieder aus. Auf diese Weise machte es uns wenig Mühe, die eigentliche Stelle des Lecks aufzufinden und gehörig wieder zu verstopfen. Doch hielt uns diese Ausbesserung hier fünf bis sechs Tage auf, während welcher Zeit uns an diesem Orte, trotz unseren fleißigen Streifereien in der ganzen Gegend umher, auch nicht ein einziges menschliches Wesen zu Gesichte kam, so daß wir diese Ufer für durchaus unbewohnt halten mußten.
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In Berbice, wo wir mit dem letzten Januar anlangten, fanden wir leider ebenso schlechten Markt, indem bereits zwei Sklavenschiffe dort vor Anker lagen. Wir hielten uns also auch nur drei Tage auf und steuerten nach St. Eustaz, erreichten diese Insel in der Mitte Februars und hatten das Glück, hier verschiedene Sklavenkäufer von den spanischen Besitzungen auf der Terra firma anzutreffen, an welche wir unsere Ladung samt und sonders binnen drei Tagen mit Vorteil losschlugen.
Hier war es auch, wo wir mit dem Sklavenschiffe, welches mein wackerer Freund und Landsmann Mick führte, wieder zusammenstießen. Er war auf der Überfahrt von Afrika gestorben und sein Steuermann traute sich nicht, allein mit dem Schiffe nach Holland zurückzugehen. Man warf daher die Augen auf mich, diese Führung zu übernehmen, und des Bittens und Bestürmens war so lange kein Ende, bis ich mich dazu entschloß und auch Kapitän Sandleven einwilligte, mich von seinem Schiffe zu entlassen. Wir schieden als Freunde und mit einem Herzen voll gegenseitiger Liebe und Achtung; ich ging in den letzten Tagen des Februars von St. Eustaz ab und warf um die Mitte Aprils vor Vlissingen, wohin das Schiff gehörte, glücklich die Anker. Die Reeder bewilligten mir außer meiner gebührenden Gage noch ein besonderes Geschenk von hundert Gulden und würden mich auch gern in ihrem Dienste behalten haben, wenn ich nicht geglaubt hätte, einer anderweitig eröffneten Aussicht folgen zu müssen.