Ein Mann Des Seefahrers Und Aufrechten Burgers Joachim Nettelbe
Chapter 13
Während nun hier der Königliche Schiffsbaumeister, Herr Catin, die Fregatte in ihrem Bau nach Kräften förderte, war ich meinerseits nicht minder geschäftig, Masten, Segel, Tauwerk und jedes andere Zubehör in fertigen Stand zu setzen. Sobald sie demnach im Mai 1770 glücklich vom Stapel gelaufen war, tat ich mein bestes, daß sie schon in den nächsten vier Wochen, zu Anfang des Juni, für völlig ausgerüstet gelten konnte. Dem damaligen Gouverneur, Herzog von Bevern zu Ehren, erhielt sie den Namen Duc de Bevre und war wirklich ein schönes und tüchtiges Gebäude.
Erfreut über den hurtigen Fortgang, hatte mir mein Gönner Delatre bei Sr. Majestät das in seiner Art erste Patent als Königlich Preußischer Schiffskapitän samt der Berechtigung zur Tragung der königlichen Uniform und eines Säbels mit dem Portepee ausgewirkt, die mir vom Herzoge mit eigenen Händen überreicht wurden.
Doch war ich nicht der einzige, der sich in diesem neuen Zweige des königlichen Militärdienstes angestellt sah; sondern die preußische Flagge sollte nun auch einen eigenen Admiral aufzuweisen haben. Dazu schlug Herr Delatre seinen eigenen Bruder vor, -- einen jungen, im Seewesen ganz unerfahrenen Menschen, der indes früher als Unterleutnant auf einer französischen Fregatte gedient hatte, mit derselben im letzten Kriege den Engländern in die Hände gefallen und eben erst, durch des zu Glück und Ehren gelangten Bruders Vermittlung, aus dem Schuldgefängnisse hervorgekrochen war. Er kam nach Stettin, und ich war gerade nicht sonderlich erbaut, meinen neuen Herrn Admiral kennen zu lernen, und zugleich zu erfahren, daß ihm das Kommando der nächsten zu erbauenden Fregatte zugeteilt werden sollte. Bis dahin hatte er nun freilich wenig oder gar nichts zu tun; und so verführte der Müßiggang den luftigen Patron zu einer Menge alberner Streiche, die ihm wenig zur Ehre gereichten. Unaufhörlich gab es Neckereien und blutige Händel mit den Offizieren von der Garnison, so daß er am Ende sich kaum mehr durfte blicken lassen, um nicht der schimpflichen Ahndung eines gerechten Unwillens anheim zu fallen.
Gegen Ende des Juni ging ich mit meinem Schiffe die Oder hinab, und war angewiesen, auf der Reede von Swinemünde eine Ladung Balken einzunehmen, die ich nach Cadix bringen und dort, wo möglich, mitsamt dem Schiffe losschlagen sollte. Es kostete jedoch nicht wenig Not und Mühe, bevor ich das große und tiefgehende Gebäude über die Bank am Ausflusse des Stromes zu schaffen und mich außen auf der Reede vor Anker zu legen vermochte. Ich hatte dabei einen sehr untätigen Zuschauer an meinem Admiral, der mir die unverlangte Ehre erzeigte, mich bis hierher zu begleiten.
Sobald ich meinen gelegenen Ankerplatz gefunden, befahl ich, die Stangen und Raaen niederzulassen, wie es Seemannsbrauch ist, wenn ein noch unbeladenes Schiff auf der Reede liegt, um das übermäßige Schwanken desselben zu vermeiden. Dieser notwendigen Anordnung widersetzte sich aber der Patron, zur Befriedigung seiner kindischen Eitelkeit, die das Schiff noch länger in Parade sehen wollte. Vergeblich bedeutete ich ihm, daß es hier mehr auf Sicherheit, als auf stattliches Ansehen ankomme, und daß ich wissen müßte, was ich zu tun hätte. Das Fäntchen erboste sich, trotzte und pochte, und wollte durchaus seinen Willen haben. Freilich kam es da bei mir eben an den Unrechten. Ich wich ihm keinen Daumen breit.
Nun war vollends Feuer bei ihm im Dache! Er parlierte mir, rot um den Kamm wie ein Puter, allerlei dummen Schnack vor, und trat endlich drohend auf mich ein, indem er die Hand an das Gefäß seines Degens schlug. »Oho Bürschken,« sagte ich, und besah ihn mir schmunzelnd von unten bis oben -- »das wollen wir dir wohl anstreichen!« -- Ich ging in die Kajüte, schnallte mir meinen Säbel um, und kam wieder aufs Verdeck, um ihm das Weiße im Auge zu sehen. Weil sich seine Galle aber immer noch nicht legen wollte, seine geläufige Zunge wie ein Rohrsperling schimpfte, und bei jedem dritten Worte die Faust immer wieder nach dem Degen fuhr, riß mir endlich auch die Geduld. Ich legte ebenfalls die Hand, und eben nicht sanft, an meinen Säbel und forderte ihn auf, zur Stelle mit mir ans Land zu kommen, damit ich sähe, was Vater und Mutter aus ihm gefuttert hätten, -- wie wir Pommern zu sagen pflegen.
Ich sprang voran in die Schaluppe und bot sechs Matrosen auf, die Riemen zur Hand zu nehmen. Mein Urian kam auf mein wiederholtes Winken mir nachgestiegen. Ich stellte mich ans Ruder und steuerte nach dem Packwerk; war mit einem Satze am Lande und warf, meines Gegners gewärtig, mir Hut und Rock vom Leibe, der denn auch bald hinter mir dreinfackelte. Wir zogen beide blank und standen verbittert einander gegenüber. Monsieur machte mir mit seinem Degen allerlei Figuren und Firlefanz vor der Nase, bis ich mit einem abgepaßten Hiebe von unten herauf ihm unterhalb des Gefäßes eins quer in den Arm zog; und mit der nämlichen Wendung gab ich ihm einen Denkzettel hinters linke Ohr, so daß er, wenn er nicht an dem einen, doch an beiden genug haben konnte.
Nun, er _verlangte_ eben auch nicht mehr; warf flugs den Degen an die Erde und schüttelte die verwundete Hand mit einem etwas verstörten Gesichte. Auch ich schleuderte meinen Sarras über Seite, um aus seinem Rocke, der im Sande lag, ein Schnupftuch hervorzusuchen, welches ich, nachdem ich ihm das Blut vom Ohre gewischt, fein säuberlich um die lahme Hand wickelte. Dann machte ich dem Herrn ein Kompliment, sogut ich's ohne Tanzmeister gelernt hatte, und ließ ihn stehen, indem ich wieder in die Schaluppe stieg und nach dem Schiffe zurückfuhr.
Zwei Tage nach diesem Abenteuer erhielt ich einen schriftlichen Befehl des Herrn Geh. Finanzrat Delatre, angesichts dieses in Stettin zu erscheinen. Ich erwiderte darauf: »Das Schiff, welches ich kommandierte, läge in See, und ich wäre für dessen Sicherheit verantwortlich. Ich würde mich einstellen, sobald man mir einen Stellvertreter schickte, der der Mann dazu wäre, es in versicherte Aufsicht zu nehmen.« Dies Notabene hatte denn auch die Wirkung, daß bald nachher ein gewisser Schiffer Stöphase, einer unserer besten preußischen Seemänner, zu mir an Bord kam und sich durch schriftliche Orders als meinen Nachfolger auswies. Zugleich wurde aber auch der Befehl zu meiner unverzögerten Gestellung in Stettin erneuert und geschärft; und ich tat, was man haben wollte.
Mein ungnädiger Gönner, mit dem ich es hier zu tun hatte, ließ mich gar hart an, daß ich so gröblich gegen die Subordination im Dienste gehandelt. Ich war aber auch kurz angebunden, schenkte ihm über seinen Herrn Bruder, den Admiral, klaren Wein ein, und bewies dessen Ungeschick in einem gepfefferten Texte so kräftig, daß eben nicht sonderlich viel darauf zu antworten blieb. Aber es war einmal sein _Bruder_, dem er nicht ganz abstehen konnte, und so ergriff er um so lieber ein leicht von mir hingeworfenes Wort, um mir, wenn ich nicht anders wollte, meine Dienstentlassung anzukündigen. -- »Herzlich gern!« war meine Antwort. -- »Vorbehalt jedoch, daß meine Tätigkeit zum königlichen Dienste nicht in Abrede gestellt werde.«
»Wer zweifelt daran, Herr? Wenn Sie sich nur fügen wollten ...«
»Gehorsamer Diener!« erwiderte ich: »Da mag es wohl liegen! Aber wenn auch mein Kopf etwas hart ist, so erinnert er sich doch an eine Klausel in meinem Kontrakte, daß mir, falls ich einst meines Seedienstes entbunden würde und gegen meine Taugsamkeit nichts einzuwenden wäre, ebensowohl eine Gratifikation von zweihundert Talern als meine rückständige Monatsgage zugute kommen solle. -- Wohl denn, ich habe bisher meine Schuldigkeit getan: jetzt erwarte ich ein Gleiches von der Regierung.« -- Die Zahlung geschah auf der Stelle; und so kriegte denn mein Königliches Seekommando ein baldiges und betrübtes Ende.
* * * * *
Mein Vornehmen war jetzt, nach Königsberg zu meiner Familie zurückzugehen und eine Gelegenheit zu suchen, wo mir's möglich würde, die Arme ein wenig freier zu rühren. Auf dem Wege dahin sprach ich indes bei meinen Eltern in Kolberg ein; und sei es nun, daß es hauptsächlich ihr dringendes Zureden vermochte, oder daß die alte Vorliebe für meine Vaterstadt wieder lebendig in mir erwachte, während ich gegen Königsberg, wo mir so vieles den Krebsgang genommen hatte, einen heimlichen Widerwillen spürte: -- genug, ich glaubte wohl daran zu tun, wenn ich meinen dortigen Wohnsitz aufgäbe, um mich fortan hier unter den Meinigen häuslich niederzulassen. Anstatt also meine Reise fortzusetzen, ließ ich vielmehr Weib und Kind zu mir herüberkommen und begann mich hier häuslich einzurichten.
Aber Kolberg war doch der Ort nicht, wo meinesgleichen auf die Länge seine Rechnung finden konnte. Der Seehandel hatte damals hier eben auch nicht viel zu bedeuten, und die Kolberger Schiffer waren gar zahme Leute, die sich eben nicht weit in die Welt hinaus vertaten. Es gab daher auch wenig Anschein, daß ich hier so bald ein braves Schiff unter die Füße würde bekommen können; und wurden mir gleich binnen Jahr und Tag zu wiederholten Malen kleine Jachten zur Führung angeboten, um damit die Ostseehäfen zu besuchen, so war dies doch ein zu enger Spielraum für mich, als daß ich mich darauf hätte einlassen mögen. Lieber errichtete ich eine kleine Navigationsschule, worin ich junge Seefahrer für ihr Fach tüchtig auszubilden suchte; und noch jetzt, in meinem hohen Alter, habe ich das Vergnügen, einige brave Schiffer am Leben zu wissen, die ich als meine Schüler betrachten darf.
Man wird sich jedoch leicht denken, daß all dies Tun und Treiben nur ein Notwerk blieb, dessen ich gern entbunden gewesen wäre, und daß ich mich in meiner Lage mit jedem Tage mißmutiger und unzufriedener fühlte. Auf die Länge konnte das nicht so bleiben. Was aber dem Fasse vollends den Boden ausschlug, war ein Schimpf, der mir von einem Manne widerfuhr, um den ich wohl ein besseres verdient gehabt hätte. Dieser Kaufmann K. nämlich, für den ich vormals, als eigener Schiffsreeder Güter und Frachten mit Ehren über See gefahren hatte, glaubte ein Werk der Barmherzigkeit an mir zu tun, wenn er mir das Glück widerfahren ließe, unter seinem unwissenden Bauer-Schiffer als Steuermann zu dienen. Meine ganze Seele fühlte sich über diesen erniedrigenden Vorschlag entrüstet. Es war, als ob jeder Bube in Kolberg mit Fingern auf mich wiese; und so ließ mir's auch länger keine Ruhe, als bis ich mich im Jahre 1771 als Passagier nach Holland auf den Weg machte; in voller und gewisser Zuversicht, daß dies Land mir für mein besseres Fortkommen in allen Fällen die gewünschte Genüge leisten werde.
Mein eigentlicher Plan bei diesem rasch gefaßten und ausgeführten Entschlusse war auf die Küste von Guinea gerichtet, wo die Art des Handelsverkehrs mir bei meiner ersten Ausflucht bereits bekannt geworden war; und da ich mich der damals erlernten Landessprache noch immer mächtig fühlte, im Navigationswesen es mit manchem aufnahm und mir auch sonst zutrauen durfte, Herz und Verstand am rechten Flecke zu haben, so war ich darauf aus, mich auf irgendeinem dorthin bestimmten Schiffe als Ober-Steuermann anzubringen. In Amsterdam zwar gab es hierzu, für diesen Augenblick, keine Gelegenheit; als ich mich aber durch Freunde und Bekannte in gleicher Angelegenheit an das Haus Rochus und Copstadt in Rotterdam empfehlen ließ, erhielt ich auch sofort einen Ruf dahin und ward mit den Reedern einig, auf einem ganz neuen Schiffe, namens Christina, unter Kapitän Jan Harmel, als Ober-Steuermann die Fahrt auf die Küste von Guinea anzutreten.
* * * * *
Im November des nämlichen Jahres gingen wir von Goree unter Segel. Unsere Ladung bestand in solchen Artikeln, wie die Afrikaner sie gegen Sklaven, Goldstaub und Elefantenzähne am liebsten einzutauschen pflegen. Die Schiffsmannschaft betrug hundertsechs Köpfe, und das Schiff führte vierundzwanzig Sechspfünder, weil Holland damals mit dem Kaiser von Marokko in Mißhelligkeiten geraten war; weswegen allen Schiffen, die des Weges fuhren, aufgegeben worden, sich gegen jeden etwaigen Anfall der Korsaren gehörig auszurüsten. Aus dem nämlichen Grunde versäumten wir auch nicht, sobald wir in den Ozean gekommen waren, unser Schiffsvolk täglich in der Bedienung des Geschützes und in anderen kriegerischen Handgriffen zu üben, damit wir's mit den Marokkanern um so besser aufzunehmen vermöchten und, falls es zum Schlagen käme, jeder am Borde wüßte, wohin er gehöre und wie er es anzugreifen habe. Und daß es hiermit nicht etwa von unserem Kapitän nur für die Langeweile gemeint war, kann ich sofort durch ein Beispiel belegen.
Um mich aber hierüber noch mit einigen Worten auszulassen, sei zuförderst bemerkt, daß ein Kapitän auf dieser Art von Schiffen sich seinen Dienst insofern bequem genug macht, als er sich (dringende Notfälle ausgenommen) die Nacht hindurch an nichts kehrt, sondern abends um acht Uhr ruhig zu Bette geht und vor sechs Uhr morgens nicht wieder zum Vorschein kommt. Er verläßt sich lediglich auf seine vier Steuerleute, deren je zwei zusammen in ihren vierstündigen Wachen abwechseln, und begnügt sich, morgens beim Aufstehen den Rapport über alles, was nächtlich vorgefallen ist, anzunehmen und mittags um zwölf Uhr bei der Beobachtung der Sonnenhöhe zugegen zu sein, um den Stand des Schiffs nach Länge und Breite in das Schiffstagebuch einzutragen.
Solchergestalt kam ich (nachdem Kapitän Harmel mir schon früher aufgegeben hatte, von unserem Konstabler ein Faß halbgefüllter Kartuschen anfertigen zu lassen) einst in dieser Zeit des Morgens zu ihm in die Kajüte, um meinen nächtlichen Rapport abzustatten, und verwunderte mich nicht wenig, als ich ihn am Tische, den Kopf auf beiden Händen liegend, wie im tiefen Traume sitzen sah -- übrigens nackt und bloß, bis auf ein paar leinene Hosen und das Hemd, das an beiden Armen bis hoch an die Achseln hinauf aufgestreift und mit roten Tüchern festgebunden war. Das gelockte Haar hing ihm rings um den Kopf auf den Tisch hinab, und vor ihm lag ein blanker Schiffshauer.
Wie wild und furchtbar er mir in diesem Aufzuge auch erschien, so fing ich doch an zu lachen; und eben wollte ich fragen, was diese Maskerade zu bedeuten habe, als er mich martialisch anblickte, den Säbel ergriff, aufsprang, an mir vorbeieilte und, indem er aufs Verdeck stürzte, aus vollem Halse schrie: »Ho, da der Feind! Ho, da der Feind! -- Feuer! Vom Steuerbord Feuer!« -- In der ersten Überraschung meinte ich wirklich, er sei toll geworden; sobald ich jedoch seine wahre Meinung ahnte, den Mut und die Geistesgegenwart seiner Schiffsmannschaft auf die Probe zu setzen, so schrie ich tapfer mit: »Feuer! Steuerbord Feuer!« und es gab einen Lärm am Borde, der hinten und vorn und aus allen Winkeln gräßlich zusammendröhnte.
Da nun auch schon seit einiger Zeit unsere Kanonen, mit Kugeln geladen, bereitstanden, so währte es auch keine drei Minuten, daß die ganze volle Lage gegen den eingebildeten Korsaren abgefeuert wurde. Sofort hieß es: »Schiff gewendet!« und als dies im Nu geschehen war: »Feuer! Vom Backbord Feuer! Am Steuerbord geladen! -- Wieder wenden! Vom Steuerbord Feuer! Am Backbord geladen!« -- und so lustig fort, bis der Konstabler zu mir herantrat, um zu melden, daß das Oxhoft voll Kartuschen glücklich in die Luft geplatzt sei. Ich brachte die Meldung an den Kapitän, und »Gut!« -- sagte dieser -- »Nun laß die Marokkaner nur kommen!«
»Aber« -- unterbrach er sich plötzlich -- »Entern -- _entern_ wollen die Hunde! Die sollen sich bei uns die Nasen verbrennen! Hallo! Allmann auf seinen Posten!« -- Flugs traten, angewiesenermaßen, vierzig Mann auf dem halben Deck zusammen; jeder ergriff sein geladenes Gewehr aus der dort in Bereitschaft stehenden Kiste. Hier war das Kommandieren an _mir_: »Feuer über Steuerbord!« während andere, die in Reserve standen, ihnen die frisch geladenen Büchsen zureichten und die abgeschossenen empfingen. So folgte Lage auf Lage; und die Kerle hielten sich so wacker dazu, daß wir unsere Lust und Freude daran hatten.
Dabei begab sich's nun, daß ein Matrose seinem Nebenmann das Gewehr zu nahe an sein langes struppiges Haar hielt, welches vom Zündpulver ergriffen ward und augenblicklich in lichten Flammen stand. Zur Strafe solcher Ungebühr ward der Schmied, der in solchen Fällen den Sergeanten vorstellt, hervorgerufen, um den Unvorsichtigen als Arrestanten abzuführen, während noch das Manöver mit dem Handgewehr so lange fortgesetzt wurde, bis der Tambour (der so lange aus Kräften fortgewirbelt hatte) Befehl erhielt, Appell zu schlagen und vom geschlagenen Feinde nichts mehr zu sehen war.
Nun sollte der Arrestant ins Verhör: aber der hatte seine Zeit so gut abgepaßt, daß derweile, da seine Wächter dem Spektakel zugafften, er sich glücklich über Seite machte; doch nur so lange, bis er in seinem Versteck erwischt worden und nun seinen nachlässigen Wächtern vorn in der Back Gesellschaft leistete, bis ihm seine Strafe diktiert worden. Er sollte auf dem halben Deck durch sechzig Mann vierundzwanzigmal Gassen laufen, doch kam der arme Schelm mit sechsmal ab und mochte sich, so wie seine mit derben Fuchteln bestraften Wächter, an der reichlichen Portion Branntwein trösten, die ihnen gegeben wurde, sich ihren wunden Buckel zu waschen.
Dies Pröbchen von strenger Subordination mag zugleich beweisen, mit welchem Ernst und Regelmäßigkeit der Dienst auf den holländischen Schiffen damals versehen wurde, daher ich auch stets auf denselben die beste Ordnung gefunden habe. Nicht so bei den Engländern, wo man dergleichen als Kleinigkeiten ansieht, die mit Fußtritten, Faustschlägen und Rippenstößen abgemacht werden; und von solcher barbarischen Willkür bin ich stets ein abgesagter Feind gewesen.
* * * * *
Wenige Tage später, etwa in der Mitte Oktobers, da wir uns unter dem einundvierzigsten Grade nördlicher Breite und ungefähr neunzig Meilen von der portugiesischen Küste entfernt befanden, erblickten wir in den Vormittagsstunden ein Schiff vor uns über dem Winde, das uns, da wir den Kopf immer voll von Seeräubern hatten, verdächtig vorkam. So wie schon früher, teils aus Vorsicht, teils um unsere Mannschaft zu üben, geschehen war, so oft ein Segel in unserer Nähe auftauchte, so ward auch jetzt im Augenblicke an unserem Borde alles zum Gefechte bereit gemacht. Allein indem unsere Blicke aufmerksam auf jenes Schiff gerichtet blieben, wurden wir mit Verwunderung gewahr, daß es gar keinen geraden Kurs hielt, sondern bald nördlich, bald östlich am Winde lag. Alle Segel waren fest gemacht, bis auf das Vorder-Marssegel, das frei im Winde flog, während dieser aus Südwesten her sich fast zum Sturm verstärkte, so daß wir selbst unsere Marssegel hart eingerefft führen mußten.
Indem es nun solchergestalt vor uns vorüber taumelte, so daß wir ihm bald über den Wind kamen, wußten wir immer weniger, was wir aus dieser Erscheinung machen sollten, und da es wenigstens noch anderthalb Meilen von uns entfernt lag, so konnten wir auch nicht entdecken, was es eigentlich im Schilde führte. Nichtsdestoweniger schien es uns wohlgetan, dies in der Nähe etwas genauer zu untersuchen, um unserer Schanze desto besser wahrzunehmen. Indem wir also unsere Flagge hinten, sowie vorne die Gisse und einen Wimpel an der Spitze des großen Mastes aufsetzten, um unsere Bravour zu zeigen und uns den Anschein eines Kriegsschiffes zu geben (wie denn auch unser Schiff aus der Ferne wirklich ein ganz stattliches Ansehen hatte), so richteten wir unseren Lauf gegen den wunderlichen Unbekannten; doch so, daß wir ihm oberhalb Windes blieben.
Als wir dem Fremden auf die Hälfte näher gekommen waren, taten wir einen blinden Schuß gegen ihn, als Aufforderung, unsere Flagge zu respektieren und uns die seinige zu zeigen. Diese kam gleichwohl nicht zum Vorschein; selbst dann nicht, da wir im Abstande von einer halben Meile jenes Signal wiederholten. Ja, sogar der dritte Gruß dieser Art, im steten Näherrücken, verfehlte die gehoffte Wirkung: denn keine Flagge ließ sich blicken. Unter der Zeit war das fremde Schiff in den Bereich unseres Geschützes gekommen; und wir bedachten uns nun nicht länger, ihm auf gut Glück eine scharfe Kugel zuzuschicken. Diese schlug auch hart vor ihm nieder: aber seine Flagge verzog noch immer, sich uns zu zeigen.
»Er _soll_ und _muß_ es!« rief unser Kapitän. -- »Konstabler, schießt ihm eine Koppelkugel in den Rumpf, und seht wohl zu, daß Ihr trefft!« -- Gesagt, getan! Wir waren ihm jetzt so nahe, daß sich unmöglich fehlen ließ; und die Kugel fuhr ihm in den Bug, daß wir die Holzsplitter umherfliegen sahen. Dennoch keine Flagge! -- So etwas ging über all unseren Begriff. Allein nun wurden wir immer hitziger und beschlossen, ihm oberhalb Windes so dicht als immer möglich auf den Leib zu rücken.
Dies geschah auch, indem wir kaum im Abstande eines Flintenschusses an ihm vorüber liefen und zugleich ihn mit dem Sprachrohr anriefen. Auf unser drei- bis viermaliges Holla! keine Antwort. Ebensowenig erblickten wir eine Menschenseele am Borde. Nur ein großer schwarzer Hund richtete sich über die Borte empor, uns heiser anzubellen. Indes trieb uns der starke Wind nach wenig Augenblicken vorüber; doch vermochten wir im Vorbeisegeln zu erkennen, daß die Finkennetze und Schanzgitter längs der ganzen Seite mit Weißkohlköpfen vollgepackt waren, und daß auch einige Stücke frisches Fleisch unter der großen Mars in der Luft aufbewahrt hingen. Ja, einige von unseren Matrosen, die sich oben im Mastkorbe befanden, wollten zu gleicher Zeit bemerkt haben, daß auf dem Verdeck des fremden Schiffes menschliche Leichname ausgestreckt umhergelegen.
Diese vermeintliche Entdeckung war gleichwohl zu unstatthaft, um bei uns übrigen Glauben zu finden. Was sollte diesen Unglücklichen den Tod gebracht haben? Das Schiff schien unversehrt und gut; kein Feind hatte mit Feuer und Schwert darauf gehaust. An ansteckende Seuchen, an Verhungern und Verdürsten war ebensowenig zu denken: denn die frischen Lebensmittel, die wir wahrgenommen, bewiesen, daß das Schiff erst ganz vor kurzem einen europäischen Hafen verlassen haben müsse. Genug indes, daß uns hier ein Rätsel aufgegeben war, dessen Lösung uns ebenso eifrig wie fruchtlos beschäftigte.
Inzwischen legten wir um und hielten diesmal unseren Strich noch näher an das verödete Schiff, ohne es an unserem wiederholten und durchdringenden Holla! Holla! fehlen zu lassen. Immer noch sahen wir kein lebendiges Wesen und hörten keine Stimme, als das Bellen des Hundes, der nach uns herüberwinselte. Es schien nun wohl entschieden, daß das Schiff leer und verlassen von Menschen sein müsse: aber eben dies weckte in mir und anderen mehr die Lust, die Schaluppe auszusetzen und zu einer genaueren Untersuchung dieses wunderbaren Vorfalles hinüberzufahren: denn so, wie sich die Sache anließ, kam es hier vielleicht bloß darauf an, ein herrenloses Eigentum als gute Prise in Besitz zu nehmen.
Meine hierauf gerichteten Vorschläge fielen jedoch bei dem Kapitän in taube Ohren. Er meinte, der Wind bliese zu frisch und die See ginge zu hoch, als daß er Boot und Menschen einem solchen Wagnis preisgeben könnte; und auch im besten Falle werde es um den Rückweg, gegen den Sturmwind an, noch mißlicher stehen. Erpicht, wie ich auf den Handel war, stellte ich ihm vor, wie es füglich so einzurichten wäre, daß die Schaluppe mit Wind und Wellen geradezu auf das fremde Schiff lossteuerte, und das unserige, nach erfolgter Besichtigung, sich jenseits unter den Wind legte, um uns mittels dieses Manövers gemächlich wieder an Bord zu nehmen. »Nettelbeck!« rief er -- »das wird der Teufel nicht mit Euch wagen!«
»Das käme noch drauf an!« meinte ich -- »Laßt einmal hören! -- Jungens,« rief ich, indem ich auf das halbe Deck vortrat, unseren Leuten zu -- »wer von euch hat die Courage, mit mir in unserer Schaluppe nach jenem Schiffe hinüberzufahren? Wenn wir das vielleicht als gute Prise in Besitz nehmen könnten!«
»Ich -- ich -- ich!« schallte mir's von allen Seiten entgegen. -- »Und was sagt Ihr _nun_, Kapitän?« wandte ich mich an unseren Befehlshaber.