Ein Mann Des Seefahrers und aufrechten Bürgers Joachim Nettelbeck wundersame Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt

Part 36

Chapter 363,416 wordsPublic domain

Fest hielt ich und halte ich noch an diesem schönen Glauben, aber freilich war das auch um so notwendiger, wenn ich nun auf den geringen, mir jetzt übrig gebliebenen Rest meiner Habe blickte. Mein Haus hatte durch das Bombardement in allen seinen Teilen bedeutend gelitten, meine Scheune vor dem Tore war niedergebrannt, mein Gartenhäuschen abgebrochen worden, mein Garten verwüstet. Von den Vorräten meines Gewerbes war nichts mehr übrig, um es neu wiederherzustellen, und das beschädigte Eigentum zu bessern, hätte es Hilfsmittel bedurft, die mir jetzt kaum mehr zu Gebote standen. Meine Lage war keineswegs erfreulich!

Aber war ich auch wohl berechtigt, über erlittene Einbuße zu klagen? Meine Mitbürger hat all dies Unglück ja auch -- den einen mehr, den andern weniger -- getroffen. Nein, ich habe auch nicht _klagen_, sondern mir's nur vom Herzen wegreden wollen. Er, der mir's gab, hat's auch genommen, sein Name sei gelobt! Aber daß Gott meine liebe Vaterstadt so wunderbar erhalten hat, deß bin ich froh, und daß er unserm guten Könige Gesundheit, Mut und Stärke verliehen, sich in seinem großen Unglück so herrlich wieder aufzurichten. --

* * * * *

Mir ward indes in diesen nämlichen Tagen von dieses gnädigen Monarchen Hand eine Auszeichnung zuteil, die ich so wenig erwartet hatte, als vor anderen, die mit mir auch nur ihre Pflicht getan, verdient zu haben glaube, -- eine Auszeichnung, die mich sogar beschämen würde, wenn ich nicht in der Meinung stände, daß diese königliche Hand in mir eigentlich die gesamte Kolberger Bürgerschaft habe ehren und ihren bewiesenen Pflichteifer anerkennen wollen. Ich erhielt nämlich folgendes Königliche Kabinettsschreiben:

»Seine Königliche Majestät von Preußen haben aus dem Berichte des Oberstleutnants v. Gneisenau, worin er Höchstdenselben diejenigen Personen anzeigt, welche sich während der Belagerung der Festung Kolberg ausgezeichnet haben, mit besonderem Wohlgefallen ersehen, daß der Vorsteher der Bürgschaft, Nettelbeck, die ganze Belagerung hindurch mit rühmlichem Eifer und rastloser Tätigkeit zur Abwehrung des Feindes und zur Erhaltung der Stadt mitgewirkt hat. Seine Majestät wollen daher dem Nettelbeck für den solchergestalt zutage gelegten löblichen Patriotismus hierdurch Dero Erkenntlichkeit bezeigen und ihm als ein öffentliches Merkmal der Anerkennung seiner sich um das Beste der Stadt erworbenen Verdienste, die hierneben erfolgende goldene Verdienstmedaille verleihen.

Memel den 31. Juli 1807. Friedrich Wilhelm.«

»An den Vorsteher der Bürgerschaft zu Kolberg, Nettelbeck.«

Gleichzeitig erhielt unser verehrter Kommandant, nach dem gnädigen Willen des Königs, seine Abberufung von dem so ehrenvoll bekleideten Posten, um, unmittelbar unter den Augen des Monarchen, an die Reorganisation des preußischen Heeres mit Hand anzulegen. Das war für uns ein schmerzlicher Verlust, allein unser Liebling eilte einer höheren Bestimmung entgegen, und unser Eigennutz mußte schweigen! Schon am 8. August schied Gneisenau von uns, doch _wie_ er schied, möge nachgehendes Schreiben dokumentieren, welches er im Augenblicke seiner Abreise an uns erließ:

»Meine Herren Repräsentanten der patriotischen Bürgerschaft zu Kolberg!

Da ich auf unseres Monarchen Befehl mich eine Zeitlang von dem mir so liebgewordenen Kolberg trenne, so trage ich Ihnen, meine Herren Repräsentanten, auf, den hiesigen Bürgern mein Lebewohl zu sagen. Sagen Sie denselben, daß ich ihnen sehr dankbar bin für das Vertrauen, das sie mir von meinem ersten Eintritt in die hiesige Festung an geschenkt haben. Ich mußte manche harte Verfügung treffen, manchen hart anlassen -- dies gehörte zu den traurigen Pflichten meines Postens. Dennoch wurde dieses Vertrauen nicht geschwächt. Viele dieser wackeren Bürger haben uns freiwillig ihre Ersparnisse dargebracht, und ohne diese Hilfe wären wir in bedeutender Not gewesen. Viele haben sich durch Unterstützung unserer Kranken und Verwundeten hochverdient gemacht. Diese schönen Erinnerungen von Kolberger Mut, Patriotismus, Wohltätigkeit und Aufopferung werden mich ewig begleiten. Ich scheide mit gerührtem Herzen von hier. Meine Wünsche und Bemühungen werden immer rege für eine Stadt sein, wo noch Tugenden wohnen, die anderwärts seltener geworden sind. Vererben Sie dieselben auf Ihre Nachkommenschaft. Dies ist das schönste Vermächtnis, das Sie ihnen geben können. Leben Sie wohl und erinnern sich mit Wohlwollen

Ihres treu ergebenen Kommandanten N. v. Gneisenau.«

Ein so herzlicher Abschied durfte nicht ohne Erwiderung bleiben. Wir versammelten uns und machten unserm vollen Herzen in folgender Bekanntmachung an unsere Bürgerschaft Luft:

»Kolberg, den 16. August 1807.

Am 9. d. M. entrückten höhere Befehle unsern würdigen Herrn Kommandanten aus unserer Mitte, und mit dem Verluste dieses mit seltenen Tugenden geschmückten Mannes schwanden unsere stolzen Träume dahin. Gern wären wir im Besitze des unverzagten Beschützers unserer Wälle für immer geblieben, und gern hätten wir nach den vollbrachten verhängnisvollen Tagen die seligen Früchte des Friedens nur mit ihm geteilt: aber nicht bestimmt, diese in unseren sicheren Mauern zu genießen, hatte ihm unser Monarch, ganz überzeugt von dem Werte dieses großen Mannes, einen anderen Kreis vorgezeichnet, in welchem sein rastloser und tätiger Geist sich ein neues Denkmal stiften sollte.

Ist jedoch dieser unseren Herzen so teuer gewordene Held nicht mehr unter uns und hat er uns verlassen, um vielleicht nie den Art wiederzusehen, dessen beneidenswertes Schicksal in den mißlichsten Augenblicken seinen einsichtsvollen Befehlen untergeordnet war, so wird gleichwohl das Andenken an ihn, der bei den Tugenden des Kriegers nie die Pflichten des Menschen vergaß, der von der ersten Minute seines Erscheinens an Vater eines jeden einzelnen wurde und es auch noch im Momente des Scheidens blieb, nie in unserer von Dank gegen ihn erfüllten Seele erlöschen. Wir alle haben ihm ja alles -- die Erhaltung unserer Ehre und unserer Habe, die Zufriedenheit unseres Landesherrn und die Achtung unserer ehemaligen Gegner zu verdanken.

Möge es erst nur unserer spätesten Nachkommenschaft vorbehalten sein, die Asche unseres Verteidigers zu segnen!«

»Von seiner Abreise wurden wir tags zuvor durch das hier wörtlich eingerückte Schreiben benachrichtigt.« (Folgt nun das oben bereits mitgeteilte Abschiedsschreiben des Herrn v. Gneisenau.)

»Wir haben seinen Auftrag mit frohem Herzen erfüllt und zur Steuer der Wahrheit vereinige sich die Bürgerschaft in dem öffentlichen Geständnis:

»»Wir haben nie einen Zwang empfunden, uns haben keine harten Verfügungen gedrückt, und das, was wir taten, geschah aus reiner Vaterlandsliebe. Das höchste Wesen nehme ihn dafür in seine besondere Obhut, lasse ihn nach seinem tatenvollen Leben auch bald die Früchte des Friedens im Schoße der teuren Seinigen genießen, und wenn uns neue Stürme und Gefahren drohen, so kehre er zurück in unsere nicht überwundenen Mauern und finde auch in uns noch das Völkchen wieder, von dem er so liebevoll schied!««

»Dresow. Hentsch. Zimmermann, Höpner. Nettelbeck. Darckow. Ziemcke. Gibson.«

* * * * *

Wenige Tage vor der Abreise des so allgemein verehrten Mannes führte mich das Gespräch mit ihm auf meinen verstorbenen Vater, wie der in den drei russischen Belagerungen dem damaligen Kommandanten, Oberst von der Heyden, ebenso mit seinen guten und willigen Diensten habe zur Hand gehen können, als es durch ein sonderbares Verhängnis nach so langen Jahren nun auch mir, dem Sohne, zuteil geworden sei, dem zweiten preiswürdigen Verteidiger meiner Vaterstadt mich in gleicher Weise nützlich zu machen. Zum Andenken eines so ehrenden Verhältnisses habe mein Vater Heydens Bildnis von ihm erhalten und danach unserem Schützenhause geschenkt, wo es noch zu dieser Stunde aufgestellt sei und der Stadt zu einer dankbaren Erinnerung diene. So bewege mich's nun auch zu dem herzlichen Wunsche, daß unser scheidender Freund und Wohltäter mir ein ähnliches Unterpfand seiner geneigten Gesinnung hinterlassen möge, das sein Ehrengedächtnis für alle künftige Zeiten unter uns bewahre. Gneisenau versprach es mit freundlichem Lächeln.

Und dieser Zusage hatte er auch nicht vergessen. Vielmehr, damit dieses Geschenk einen neuen, noch höheren Wert erhielte, veranstaltete er es, daß mir dasselbe mittels einer überaus gütigen Zuschrift durch seine Frau Gemahlin ein Jahr später von Schlesien aus zugeschickt wurde. Meine Freude kannte, wie man sich leicht denken kann, keine Grenzen. Ich besorgte dem teuern Bildnisse einen Rahmen, so schön, als er nur immer bei uns aufzubringen war, und auf der Rückseite ließ ich den Namen des Gebers und die Umstände, welche dieses Geschenk begleitet hatten, verzeichnen. Zugleich aber stand ich in Sorge, daß ein solches Denkmal in den Händen eines Privatmannes, zumal in meinen hohen Jahren leicht das Los einer unrühmlichen Vergessenheit treffen könne, und so hielt ich es für wohlgetan, meinen Schatz dem Kommandanturhause als ein Vermächtnis zuzuweisen, bei dessen Anblick einst noch unseren Urenkeln das Herz vor Stolz und Freude höher schlagen möchte.

Aber bald wechselten unsere Kommandanten in schneller Folge, und auch einer, dessen Name hier zur Sache nichts tut, war eben abgegangen, während seine Gemahlin, die noch einige Zeit bei uns verweilte, bereits ein anderes Haus bezogen hatte. Zufällig kam ich in das Kommandanturgebäude, meine Augen suchen und -- vermissen das von mir gestiftete Bildnis. Nach vielem Fragen erfahre ich endlich, es habe neuerdings, samt andern Mobilien, den Umzug mitgemacht. Ich eile hin zu der Dame und bitte höflichst um Wiedererstattung. Die Dame weiß von keinem Bildnis und verweist mich an ihre Domestiken. Nun forsche ich selbst in allen Winkeln des Hauses umher und -- siehe da! -- das mir so teuere Gemälde findet sich endlich wieder -- im Hühnerstall, beschmutzt auf eine Art, die keiner näheren Andeutung bedarf! Mein ganzes Herz war empört. Ich mag mich auch wohl ein wenig deutsch und kräftig über diese schmähliche Entweihung ausgelassen haben, indem ich mein wiedererobertes Kleinod heimtrug, es von allem Makel säubern ließ und dann mit freudigem Gefühle an die Stätte zurückbrachte, die ihm gewidmet worden. Möge es da fortan und immer die ihm gebührende Achtung und bessere Aufsicht finden!

Allein mit dem Andenken an verdiente Männer ist es ein Ding, das einen wohl traurig machen könnte, wenn man erlebt, wie schwer es dem selbstsüchtigen Menschenherzen eingeht, seine Liebe und Dankbarkeit für die Dahingeschiedenen treu zu bewahren. Das sollte ich auch noch anderweitig mit Leidwesen erfahren! Es kam nämlich bald nach der Belagerung der Herr Großkanzler v. Beyme auf seinem Wege aus Preußen nach Berlin hierher zu uns und nahm während seines Verweilens bei dem Kaufmann Schröder ein Mittagsmahl ein, wobei ich die Ehre hatte, von ihm an seine Seite gezogen zu werden. Auch mehrere angesehene Männer vom Handelsstande waren gegenwärtig. Daß die Unterhaltung, deren mich der Minister würdigte, sich meist auf die nächstverlebte Zeit bezog, war wohl sehr natürlich, sowie nicht minder, daß dabei unseres wackeren Vizekommandanten v. Waldenfels und seines Heldentodes gedacht wurde. »Einem so braven Manne,« äußerte dabei unser hoher Gast, »sollte der Denkstein auf seinem Grabe nicht fehlen!«

Der Gedanke elektrisierte mich. Ich stand auf von meinem Stuhle, sah Tafel auf und Tafel ab rings meine anwesenden Mitbürger an und sprach: »Ein Wort zur guten Stunde! -- Ja, meine Herren, wir erfüllen es und setzen unserm Waldenfels ein Ehrenmal, wie er's verdient!« --

Niemand antwortete mir. Ich aber erhob meine Stimme noch höher und rief: »Wie? Kein Denkmal auf eines solchen Mannes Grab? -- Meine Herren, das ist eine Ehrensache für jeden unter uns!« --

So herausgepreßt, erklang denn freilich hier und da ein zögerndes »Ja!« -- aber es fiel in die Augen, daß es nicht aus freudigen Herzen hervorging. Meine funkelnden Augen spiegelten sich nur in denen des Großkanzlers wieder, der zu mir sagte: »Sie gestatten mir doch, daß ich meinen Beitrag hier sofort in Ihre Hände lege?« -- Das verbat ich mir nun und hatte Mühe, meinen Willen darin durchzusetzen. Desto leichter ward mir's in den nächstfolgenden Tagen, mit den Jaja-Stammlern fertig zu werden, denn da fand sich's, daß es nur in die verhallende Luft gesprochene Worte gewesen waren!

Mochte es sein! Ich aber habe mir selber Wort gehalten und auf eigene Kosten einen schönen achteckigen geglätteten Grabstein, sieben Fuß hoch, besorgt, worauf der Name »Waldenfels« samt Angabe seiner Militärwürden und des Tages, da er für König und Vaterland gefallen, verzeichnet steht. Dies einfache Monument bezeichnet seine Grabstätte. Zu gleicher Zeit ließ ich auch mir die meinige hart neben derselben mit Steinen aussetzen, wo ich denn endlich auch ruhen werde. --

* * * * *

Ehre den braven Männern, die, gleich Waldenfels, in und für Kolberg geblutet und ihr Bestes getan haben! Wo einundzwanzig Offiziere auf dem Bette der Ehre das Leben verhauchten und eine gleiche Anzahl schwere Wunden aufzuweisen hatte, da bedarf es keines weiteren Zeugnisses, daß die Besatzung in allen ihren Graden ihre volle Schuldigkeit getan. Wie der König dies anerkannt hat, spricht sich vollgültig in der Auszeichnung aus, die er dem zweiten pommerschen Infanterieregimente gewährte, welches seit jenen Tagen die Ehrennamen des Regimentes »Kolberg« und »v. Gneisenau« miteinander vereinigt.

Zwar die Ausnahmen sind es, welche die Regel bestärken, und so gab es denn freilich auch unter Kolbergs Braven einzelne Feiglinge, aber billig sollte ihr Andenken der Vergessenheit übergeben bleiben, wenn nicht eine zweifache Betrachtung das Gegenteil zu gebieten schiene. Einmal geschieht jenen Braven, die in so glänzendem Lichte dastehen, nach meinem Gefühle eine Ungebühr, wenn hier die Schattenseite des Gemäldes gänzlich verhüllt würde. Dann aber ist von dem unwürdigen Betragen dieser Finsterlinge schon früher manches mit Einmischung meines Namens zur Kunde des Publikums gekommen, was jetzt als lügenhafte Aufbürdung des damaligen unseligen Parteigeistes ausgeschrieen werden könnte, wenn ich es hier ganz überginge und dadurch gleichsam stillschweigend zurücknähme. Daß ich nicht gern davon spreche, wird man mir glauben; indes stehe hier meine treue und einfältige Erzählung!

In einer Nacht, wo es scharf über die Stadt herging (es war zwischen dem 1. und 2. Juli), befand ich mich auf dem Markte neben dem Spritzenhause, um sofort bei der Hand zu sein, wenn irgend etwa eine Bombe zündete. Hier eilte nun ein Mann im grauen Regenmantel und die weiße Schlafmütze ins Angesicht gezogen mit weiten Schritten an mir vorüber und verlor sich in einen Weinkeller, den man für bombenfest hielt und wohin sich deswegen bereits mehrere alte Männer, Frauen und Kinder samt einigen furchtsamen Bürgern geflüchtet hatten. Gleich nachher aber stürmte aus eben diesem Keller der Haufe in größter Verwirrung hervor, und ich erfahre, es sei eine Granate durch das Gewölbe gefahren. Ich steige hinunter, um mich zu überzeugen, ob Schaden geschehen und Hilfe nötig sei. Davon zeigt sich indes nirgends eine Spur; man faßt nun wieder Mut, kehrt in den verlassenen Zufluchtsort zurück, und drei meiner Bekannten, rechtliche Männer, fordern mich auf, noch einige Augenblicke zu verweilen und ein Glas Wein mit ihnen zu trinken.

Indem ich mir nun hierbei die bunte Versammlung mit etwas besserer Muße ansehe, bemerke ich auch seitabwärts den Mann in der Schlafmütze, der mir bereits durch seine langen Beine merkwürdig geworden. Halb kommen mir seine Gesichtszüge bekannt vor, aber die Dunkelheit des Winkels läßt mich nichts mit Gewißheit erkennen. Ich greife nach einer Kerze, leuchte ihm näher unter die Augen und -- siehe! es ist der Hauptmann *** von unserer Garnison. Hochverwundert frage ich: »Ei tausend, Herr Hauptmann! Wie geraten Sie hierher? Ist dies Loch ein Aufenthalt für Sie? Ein Offizier -- und verkriecht sich unter alte Weiber und Wiegenkinder! Der König hat Ihnen gewiß vierzig Jahre Brot gegeben, und nun es seinen Dienst gilt, vertun Sie sich abseits?« -- Er stotterte etwas daher: »Sehen Sie nicht, daß ich krank bin? Ich habe das Fieber.« -- »Daß Sie eine Schlafmütze sind, sehe ich, und das Bombenfieber sehe ich auch,« war meine Antwort. -- »Hier heraus mit Ihnen und fort, wohin Sie gehören!« -- Ich wäre in meiner Ereiferung vielleicht noch tiefer in den Text hineingeraten, wenn meine vorgedachten Bekannten mich nicht von ihm abgezogen und begütigt hätten. Unterdessen ließ der Fieberpatient sich ein gutes Gericht Essen und ein Viertel Wein auftragen und speiste mit einem Appetit, der auch dem Gesundesten Ehre gemacht haben würde.

Aber es sollte hier gleich noch ein zweites ähnliches Abenteuer geben. Denn indem ich mich von dem Jammerbilde nach einer anderen Seite wende, fiel mir ein Feldbett in die Augen und darauf hingestreckt ein Mensch, der notwendig auch eine Militärperson sein mußte, da unter der Bettdecke hervor ein Degen mit dem Portepee niederhing. Mein Gesicht mochte bei diesem Anblicke wohl wie ein großes Fragezeichen aussehen, denn unaufgefordert erklärten mir meine Freunde, die hier Bescheid wußten, es sei der Leutnant ***, der sich zu gütlich getan und in diesem, ihm gewöhnlichen Zustande so seinen Aus- und Eingang im Weinkeller habe. Das war mir ein Greuel mit anzuhören! Ich riß ihm die Bettdecke vom Leibe und rief: »Herr, plagt Sie ... Was haben Sie _hier_ zu schaffen? Heraus und auf Ihren Posten! Hören Sie den Geschützdonner nicht?«

Brummend taumelte er empor, und sich mit Mühe auf den Füßen haltend, tobte der Jämmerliche: »Warum wird das verfluchte Loch nicht übergeben, damit man nur einmal aus dem miserabeln Neste herauskäme!« -- Ich traute meinen Ohren nicht und hätte mich wahrlich an dem Elenden tätlich vergriffen, wenn meine gelasseneren Freunde mir nicht in den Arm gefallen wären, während jener wieder auf sein Lager niedertorkelte und prahlte, wie viel Weinflaschen er heute schon den Hals gebrochen.

Beide Auftritte waren indes zu öffentlich und vor zu vielen Zeugen vorgefallen, als daß sie ganz mit dem Mantel der Liebe zu bedecken gewesen wären. Der Hauptmann rechtfertigte sich mühsam durch ein ärztliches Attest, das seine Krankheit bekräftigte, aber dahingestellt ließ, warum sich Patient nicht lieber ruhig in seinem Quartier verhalten und eine genauere Diät befolgt habe? Gegen den Leutnant aber sprachen die Zeugnisse so entscheidend, daß er einem dreimonatlichen Arrest und demnächst seiner Dienstentlassung sich nicht entziehen konnte.

Zu einer anderen Zeit standen unsere Vorposten ringsum des Abends in einem lebhaften Feuer gegen den Feind, der allmählich immer mehr Truppen ins Gefecht brachte. Der Kommandant, in dessen Gefolge ich war, befand sich auf der Bastion Pommern, von wo auch das Feld zu beiden Seiten des Platzes am bequemsten übersehen werden konnte. Um die Unserigen gegen Sellnow hin zu unterstützen, war der Major *** mit drei Kompagnien seines Bataillons abgeschickt worden, mit dem Auftrage, sich den Schillschen Truppen anzuschließen und das Gefecht zum Stehen zu bringen. Aber statt daß nun hier vor dem Geldertore eine neue Regsamkeit zu bemerken gewesen wäre, hörte das Feuer dorthin, zu des Kommandanten nicht geringer Verwunderung, bald gänzlich auf, und die Verwunderung stieg zur Unruhe, da immer noch kein Rapport von der entsandten Verstärkung einging. Ich erbot mich, Nachricht an Ort und Stelle einzuziehen, und eilte von dannen, den Wall hinunter.

Von einem Pulverwagen, der mir in den Weg kam, strängte ich ein Zugpferd ab, warf mich hinauf und trabte zum Geldertore hinaus. Die Nacht war stockfinster geworden. Als ich über die sogenannte Kuhbrücke kam, stutzte mein Gaul, hob sich und wollte trotz all meines Treibens nicht von der Stelle. Endlich ward ich gewahr, daß er sich vor einem Soldaten scheute, der sich quer über den Weg gelagert hatte. Der Bursche hatte geschlafen, und mit ihm ward es auf einmal rund um mich her wach und laut, und ein Dutzend Baßkehlen rief: »Holla! holla! Nur sachte!« -- Mit einem Blicke übersah ich nun die saubere Schlafkompanie, die sich hier meist ins Gras gestreckt hatte, anstatt den bedrängten Kameraden weiter vorwärts Luft zu machen.

Im bitteren Unmute meines Herzens stürmte ich auf sie ein und rief: »Ihr seid mir schöne Helden! Pfui euch, daß ihr hier liegen könnt und schnarchen!« -- Beschämt wichen sie mir zu beiden Seiten aus, bis ich weiterhin kam und nun auch auf ihren edeln Anführer stieß, der sich sein Ruheplätzchen hart am Heckenzaune ausgesucht hatte, den Kopf nur so eben aus dem Mantel hervorstreckte und mir einen guten Morgen bot. Drei Schritte hinter ihm zeigte sich mir der Hauptmann *** in gleicher Positur, der jedoch aufstand und mir seinen guten Morgen bis dicht ans Pferd entgegenbrachte. Mich noch weniger haltend als vorhin tobte ich: »Den T... und seinen Dank für euern guten Morgen! Ist das recht? Ist das erhört, daß ihr hier auf der Bärenhaut liegt? Ob eure besseren Kameraden indes ins Gras beißen, das kümmert euch nicht! -- Da! da seht!«

In dem Augenblick nämlich kamen einige Schillsche Leute daher, die zwei Erschossene auf einer Tragbahre aus dem Gefechte trugen und mehrere Verwundete leiteten. Ich erfuhr von ihnen noch bestimmter, daß die ganze Zeit her von einem Unterstützungstrupp nichts zu sehen noch zu hören gewesen. Demgemäß fiel nun auch mein Rapport an den Kommandanten aus, der mit Achselzucken versetzte: »Nun, nun -- ich werde den Herren die Epistel lesen!«

* * * * *

Ich, meinesteils, hatte kein Gelübde getan, aus den mancherlei Erlebnissen dieser Art vor meinen täglichen Bekannten ein Geheimnis zu machen, und so hatten denn durch mehr als einen Mund jene Anekdoten auch ihren Weg in des Herrn v. Cölln damals vielgelesene »Feuerbrände« und einige andere politische Tagesschriften gefunden und bei manchem noch altgläubigen Militär mitunter Anstoß erregt. Wer aber hätte es glauben sollen, daß es irgend einst einem solchen einfallen könnte, mich, den Unschuldigsten bei dem gesamten Handel, deshalb feierlichst in Anspruch zu nehmen? Dennoch geschah es also, und auch hierüber gehöre ja wohl ein kurzer Bericht in meine Lebensgeschichte.

Von einem der Kommandanten, die auf Gneisenau folgten, ward ich eines Tages durch eine Ordonnanz auf eine bestimmte Stunde in seine Amtswohnung geladen. Ich ging und ward in einen großen Saal geführt, den ich von den sämtlichen Offizieren unserer Besatzung gefüllt fand. Mitten unter ihnen saß der Garnisonauditeur L* hinter einem Tische, den viele Schriften und Schreibmaterialien bedeckten. Alles hatte so ziemlich die Miene eines großen gerichtlichen Aktes.