Ein Mann Des Seefahrers und aufrechten Bürgers Joachim Nettelbeck wundersame Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt

Part 33

Chapter 333,549 wordsPublic domain

Hätte sich das letztere doch nur eben so wirksam gegen die feindlichen Wurfbatterien auf der Altstadt bewiesen, deren zerstörende Wirkungen uns mit jedem Tage empfindlicher trafen und uns nicht nur den Ruin unsrer Häuser, sondern auch manchem Gesundheit und Leben kosteten. Zwar vereinigte sich unsre Artillerie am 23. April, nach dieser Seite hin, zu einer neuen lebhaften Anstrengung, die Einäscherung der dortigen Gebäude, die uns so viel Herzeleid machten, zu vollenden: aber es war nicht zu bewerkstelligen; und dies schlug den Mut der Menge merklich nieder. Die Geringschätzung gegen unsern unfähigen Kommandanten ging allmählich in wirklichen Haß und Feindseligkeit über, und das nur um so mehr, da es so manchen würdigen Offizier unter der Besatzung gab, der das Herz auf dem rechten Fleck und viel Einsicht und Überlegung hatte, aber sein Licht unter den Scheffel stellen mußte. Ich nenne hier nur den Ingenieurleutnant Wolf, der später nach Glogau versetzt wurde, den Platzmajor Zimmermann, jetzt Kommandant von Wolgast, und den in seinem Fache überaus geschickten und tätigen Artillerieleutnant Post, jetzigen Major und Postmeister in Treptow. Sie alle, und nicht wenige andre mit ihnen, taten, was in ihren Kräften stand und was Loucadous Eigensinn und Dünkel ihnen nur irgend gestattete.

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Desto sehnsüchtiger waren meine Hoffnungen auf Memel gerichtet: denn in meiner Seele lebte ein unüberwindliches Vertrauen, daß der Klageschrei, den ich bereits vor einem Monat dahin hatte ertönen lassen, das Ohr des Königs erreicht haben werde. Unsre Verbindung nach jenem Platze hin war nun nach und nach immer lebendiger geworden. Der Kaufmann Schröder hatte vier oder fünf Schiffe, groß und klein, von zweihundertachtzig bis sechzig Last, in unserm Hafen müßig liegen, und diese waren nunmehr und späterhin unaufhörlich zwischen Kolberg und Memel unterwegs; bald mit Kriegsgefangenen, deren wir uns dorthin entledigten, bald auch wohl nur mit einem einzigen Briefe, wenn es eine besonders wichtige Angelegenheit betraf. Für eine jede solche Fahrt, die jezuweilen, bei günstigem Winde, in fünf bis sechs Tagen hin und zurück getan wurde, ward dem Eigentümer die Last mit acht bis neun Talern bezahlt und Proviant für drei Wochen unentgeltlich mitgegeben. Es wurden auf solche Weise zweiundsiebzigtausend Taler verdient.

Und nun rückten allmählich auch unsre Wünsche der Erfüllung immer näher. Am 26. April erschienen zwei jener Schiffe auf der Reede, welche das zweite pommersche Reservebataillon, siebenhundert Köpfe stark, in Memel eingeschifft hatten und unsrer Besatzung als willkommene Verstärkung zuführten. Unser war also keineswegs vergessen worden, sondern es geschah zur Hilfe für unser Bedrängnis, was die Not des Augenblicks zuließ. Als die Truppen des nächsten Tages ans Land gesetzt wurden, erschien auch von der andern Seite her ein Schiff von Schwedisch-Pommern mit einer guten Anzahl Ranzionierter, welche der dorthin abgeschickte Hauptmann v. Bülow in Stralsund gesammelt und organisiert hatte. Und wahrlich! solcher ermunternden Erscheinungen bedurften wir auch in diesem Augenblicke mehr als jemals, da eben kurz zuvor (den 25. April) die sichere Kunde bei uns eingegangen war, daß das längst erwartete schwere Belagerungsgeschütz im feindlichen Lager eingetroffen sei. Jetzt erst drohte also der Kampf um Kolbergs Besitz seinen vollen Ernst zu gewinnen!

Diesen Ernst zeigten die Franzosen ihrerseits sofort am 29. April auch dadurch, daß sie unter dem Schutze der Hohen-Bergschanze, halben Weges von dort gegen die Stadt, eine Schanze aufwarfen, und ebenso eine zweite, in der Richtung von Bullenwinkel her, zu errichten begannen. Sie in dieser Nähe zu dulden, wäre hochgefährlich gewesen; allein es schien nicht, als ob unser, nach beiden Punkten hin gerichtetes Geschütz die Arbeiten sonderlich hinderte. Da nun zu jeder kräftigeren Maßregel Loucadou der Mann nicht war, und ich auch mir mit ihm nichts zu schaffen machen wollte, so eilte ich, den Vizekommandanten aufzusuchen und ihm meine neuen Besorgnisse ans Herz zu legen.

In der Stadt fand ich meinen Mann nicht, aber es wurde mir gesagt, er befinde sich wegen eines von Danzig angekommenen Schiffes am Hafen, und ich war im Begriff, ihm dahin zu folgen, als er mir bereits auf der Brücke des Münder-Tores begegnete. Neben ihm ging ein Mann, den ich nicht kannte, und der mit dem Schiffe gekommen zu sein schien. Dieser Fremde, ein junger rüstiger Mann von edler Haltung, gefiel mir auf den ersten Blick, ohne daß ich wußte warum? Da indes mein Anbringen an den Vizekommandanten eilig war, zog ich ihn bei der Hand etwas abwärts, um es ihm, des fremden Mannes wegen, ins Ohr zu flüstern. Waldenfels aber lächelte zu meiner Vorsicht und sagte: »Kommen Sie nur, in meinem Quartier wird ein bequemerer Ort dazu sein.«

Als wir dort angekommen und unter sechs Augen waren, wandte sich der Hauptmann zu mir mit den Worten: »Freuen Sie sich, alter Freund! Dieser Herr hier -- Major von Gneisenau -- ist der neue Kommandant, den uns der König geschickt hat«; -- und zu seinem Gaste: »Dies ist der alte Nettelbeck!« -- Ein freudiges Erschrecken fuhr mir durch alle Glieder und die Tränen stürzten mir aus den alten Augen. Zugleich zitterten mir die Knie, ich fiel vor unserm neuen Schutzgeiste nieder, umklammerte ihn und rief aus: »Ich bitte Sie um Gotteswillen, verlassen Sie uns nicht; _wir_ wollen Sie auch nicht verlassen, solange wir noch einen warmen Blutstropfen in uns haben, sollten auch all unsre Häuser zu Schutthaufen werden! So denke ich nicht allein, in uns allen lebt nur ein Sinn und Gedanke: Die Stadt darf und soll dem Feinde nicht übergeben werden!«

Der Kommandant hob mich freundlich auf und tröstete mich: »Nein, Kinder! Ich werde euch nicht verlassen. Gott wird uns helfen!« -- Und nun wurden sofort einige Angelegenheiten besprochen, die wesentlich zur Sache gehörten, und wobei sich sofort der helle umfassende Blick unsres neuen Befehlshabers zutage legte, so daß mein Herz in Freude und Jubel schwamm. Dann wandte er sich zu mir und sagte: »Noch kennt mich hier niemand. Sie gehen mit mir auf die Wälle, daß ich mich etwas orientiere.« -- Das geschah. Ich führte ihn auf dem Wall und den Bastionen herum und zeigte ihm von hier aus die feindlichen Stellungen und Schanzen. Was auf den Wällen war und vorging, sah er selbst. Zuletzt kamen wir auch an die Inundationsschleuse. Ich zeigte ihm den ganzen Zusammenhang und Umfang dieser Einrichtung, und wieviel dadurch noch für die Sicherstellung des Platzes geschehen könne: denn was bis jetzt dadurch bewirkt worden, war meist heimlich von mir geschehen, weil der Einspruch der Grundeigentümer bisher nicht zu besiegen gewesen war. Jetzt aber sah ich mir freiere Hand gegeben, und ward sogar förmlich beauftragt, mich dieses Geschäfts mit besonderer Sorgfalt anzunehmen.

Gleich des nächsten Tages stellte der neue Kommandant sich selbst, auf der Bastion Preußen, der Garnison als ihren jetzigen Anführer vor, und diese Feierlichkeit begleitete er mit einer Anrede, die so eindrucksvoll und rührend war, wie wenn ein guter Vater mit seinen lieben Kindern spräche. Alles ward auch dadurch dergestalt erschüttert, daß die alten bärtigen Krieger wie die Kinder weinten und mit schluchzender Stimme ausriefen: Sie wollten mit ihm für König und Vaterland leben und sterben. Darauf machte er sie mit den Grundsätzen bekannt, nach welchen er sie befehligen werde, wessen sie sich von ihm zu versehen hätten, und was er von ihnen erwarte. Tausend Stimmen jauchzten ihm im freudigen Tumult entgegen.

Am 1. Mai ließ er sich zunächst die Zivilbehörden und Bürgerrepräsentanten vorstellen, hielt auch an uns eine nachdrucksvolle Rede, worin er uns verschiedene zweckmäßige Anordnungen vorschlug, und wodurch ihm aller Herzen so gewonnen wurden, daß sie begeistert und mit Handschlag erklärten, sie wollten Leben und Vermögen willig in seine Hände legen. -- Und fürwahr, ein neues Leben und ein neuer Geist kam nunmehr, wie vom Himmel herab, in alles, was um und mit uns vorging.

In welcherlei Weise das erste Zusammentreffen des alten und des neuen Kommandanten stattgefunden, davon konnte freilich im Publikum nichts Gewisses verlauten, nur ließ sich voraussetzen, daß der edle Sinn des Neuangekommenen seinem Vorgänger jedes unangenehme Gefühl, das in dieser Veränderung lag, nach Möglichkeit erspart haben werde. Zwar wohnte er die ersten paar Tage noch mit Loucadou in dem nämlichen Hause, aber ohne weitere Gemeinschaft mit ihm zu pflegen. Auch blieb letzterer noch die ganze Zeit der Belagerung hindurch in Kolberg; doch ohne weiter öffentlich zum Vorschein zu kommen, und die Spötter meinten, er habe diese Zeit benutzt, um nun ruhig auszuschlafen. Des Königs Gnade hatte ihn übrigens seines Dienstes mit dem Charakter als Generalmajor und mit einer hinlänglichen Pension entlassen. Er setzte sich alsdann in Köslin zur Ruhe und ist dort einige Jahre nachher gestorben.

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Da der Feind fortfuhr, an der neuen Schanze am Sandwege mit angestrengtem Eifer zu arbeiten, so hatte unser neuer Kommandant gleich in der nächsten Nacht einen Ausfall gegen diese angeordnet, der von einem Trupp Grenadiere und Jäger, etwa hundert Mann stark, in möglichster Stille, von der Lauenburger Vorstadt aus, unternommen wurde. Ich schloß mich dem Zuge mit zwei in der Vorstadt aufgegriffenen Wagen an, um erforderlichenfalls unsre Toten und Verwundeten aufnehmen zu können. Die Überrumpelung erfolgte mit gefälltem Bajonett im Sturmschritt, und es lag nur daran, daß die Schanze noch nicht geschlossen war, wenn es der darin befindlichen Besatzung gelang, bis auf wenige Gefangene, zu entkommen. Wir selbst hatten ebensowenig Verlust, erbeuteten aber vieles Arbeitszeug, welches, nachdem es dazu benutzt worden, um den Aufwurf möglichst wieder zu zerstören, auf meine Wagen geladen und in die Festung geschafft wurde.

Unter unsern Gefangenen befand sich ein Mensch, den anfänglich niemand in seinem veränderten Rocke erkannte, bis ich mich endlich auf seine Gesichtszüge besann. Es war der nämliche Unteroffizier Reischard, der vor etwa sechs Wochen, als eines heimlichen Einverständnisses höchst verdächtig, zum Feinde übergelaufen war. Ich muß gestehen, daß mir wegen dieses ehrlosen Buben seither nicht wenig bange gewesen war. Er kannte jeden Zugang zu unsrer Festung und verstand einiges vom Fortifikationswesen, daher er nicht nur bei uns zu dergleichen Arbeiten gebraucht worden war, sondern auch, als besonders ortskundig, jetzt bei den Franzosen die Aufsicht bei Erbauung dieser Schanze am Sandwege geführt hatte.

Der plötzliche Anblick des Verräters setzte mich in Wut. Ich schrie den Grenadieren zu, sie sollten den Schändlichen wie einen tollen Hund niederstoßen, und erzürnte mich noch heftiger, als sie mir dies verweigerten, weil sie ihm einmal Pardon gegeben. Jetzt wollte ich selbst ihm ans Leben, und griff hier und dort hin nach einem Bajonett, das mir aber mit Glimpf vorenthalten wurde. Ich mußte es mit ansehen, daß man ihn lebendig zur Stadt brachte. Je unwerter er mir aber erschien, daß ihn die Erde trüge, desto eifriger waren nun auch meine Vorstellungen bei dem Kommandanten, dem Bösewichte seinen verdienten Lohn am Galgen auszuwirken und ihn zu einem abschreckenden Beispiele für alle seinesgleichen zu machen. Allein auch hier überwog das menschliche Gefühl die strenge Gerechtigkeit. Von einem mitleidigeren Gesichtspunkte ausgehend, begnügte sich sein edler Richter, ihn zur Kettenstrafe und Aufbewahrung im Stockhause zu verurteilen. Dort blieb er noch vier oder fünf Jahre gefangen, worauf man ihn lausen ließ; und noch diese Stunde bettelt er in der Gegend umher.

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Je enger die Stadt seither eingeschlossen worden, um so weniger blieb auch der Kavallerie des Schillschen Korps der erforderliche Spielraum, sich mit der sonst gewohnten Tätigkeit zu tummeln. Loucadou, dem überhaupt das ganze Korps ein Dorn im Auge war, hatte schon früher auf die Entfernung jener Reiterei, nach Schills Abzuge, gedrungen; und diese hatte auch einen Versuch gemacht, sich nach Preußen durchzuschlagen. Da jedoch alle Möglichkeit dazu verschwand, war sie aus der Gegend von Stolpe wieder nach Kolberg zurückgekehrt und zehrte sich nun in sich selber auf. So fand es denn Gneisenau am angemessensten, den Rest dieses Korps, der etwa noch 130 Mann betrug, zu Schiff nach Schwedisch-Pommern überführen zu lassen, wo es aufs neue in Wirksamkeit treten konnte. Die nämlichen höheren Befehle, welche ihn dazu bestimmten, hatten auch den Abzug der übrigen Schillschen Truppen angeordnet; allein der Kommandant selbst sowohl, als die Bürgerschaft, hatten sich zu lebendig von ihrem Nutzen überzeugt, um nicht gegen diese neue Bestimmung gemeinschaftlich einzukommen. Sie blieben also noch und behaupteten ihren Posten nach wie vor in der Maikuhle. Ohnehin hatten die Operationen des schwedischen Korps in Vorpommern seither eine minder günstige Wendung genommen. Anstatt über Swinemünde und Wollin unsern Belagerern in den Rücken zu fallen und uns Luft zu machen, waren diese unsre Verbündeten wieder bis unter die Kanonen von Stralsund zurückgedrängt worden, und wir sahen nunmehr jede in sie gesetzte Hoffnung verschwunden.

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Als einiger Ersatz jedoch für diese schmerzlich empfundene Vereitelung erschien in diesen Tagen eine schwedische Fregatte von sechsundvierzig Kanonen, »der Fährmann« genannt, und legte sich auf unsrer Reede vor Anker. Sie war angewiesen, uns in unsrer Verteidigung von der Seeseite zu unterstützen. Dies tat sie in der Folge auch wirklich, indem sie die Arbeiten des Feindes an der Ostseite in seiner rechten Flanke beunruhigte und aufhielt. Sie würde dies wirksamer vermocht haben, wenn entweder der Wind zu allen Zeiten ermöglicht hätte, sich dem Strande genugsam zu nähern, oder wenn ihr Feuer weiter landeinwärts getragen hätte. Überhaupt war sie zu groß und ging zu tief, um an dieser Küste von gleichem Nutzen zu sein, wie eine ungleich kleinere englische Brigg von achtzehn Kanonen, die sich ihr nach einiger Zeit zugesellte und mit ihr gemeinschaftlich manövrierte.

Anderweitige dankenswerte Hilfe kam uns am 7. Mai durch ein Schiff von Königsberg, welches uns das dritte neumärkische Reservebataillon, zur Ergänzung der Besatzungstruppen, herbeiführte, sowie schon kurz zuvor vierhundertsechzig Ranzionierte, die in Vorpommern wieder bewaffnet worden, auf schwedischen Schiffen anlangten. Die Garnison wurde durch dies alles auf eine Zahl von sechstausend dienstfähigen Köpfen gebracht, und hat auch diesen Belauf nie überschritten; wogegen mit Sicherheit anzunehmen ist, daß gegen das Ende der Belagerung zwanzig- bis vierundzwanzigtausend Franzosen vor unserm Platze unter den Waffen standen. Die Desertion unter unsern Truppen war im ganzen gering; nur im Anfange gingen besonders mehrere Polen zum Feinde über. Dagegen fanden sich wenigstens ebensoviele, wenn nicht noch mehr Ausreißer, zumal von den deutschen Bundestruppen, bei unsern Vorposten ein.

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Zunächst beschränkten sich fortan die Feindseligkeiten auf Vorpostengefechte und auf einzelne Granatenwürfe, besonders von der Altstadt her. Noch am 7. Mai zündete eine der letzteren in einem Hause, auf dessen Hofe wir eine Batterie gegen jene Vorstadt errichtet hatten. Es ging dadurch das erste während dieser Belagerung durch feindliches Geschütz verursachte Feuer auf, das unsre recht guten Löschanstalten dennoch erst zu unterdrücken vermochten, nachdem es noch einige Hintergebäude ergriffen und verzehrt hatte. Sobald der Feind die Wirkung jenes Wurfes bemerkte, unterließ er nicht, zur Verhinderung des Löschens, immer noch mehr Schüsse nach diesem Punkte zu richten, so daß bis spät in die Nacht vierundachtzig geworfene und geplatzte Granaten gezählt wurden. Unsre Artillerie beantwortete sie mit einer mehr als doppelten Anzahl von Schüssen. Am 15. Mai gelangte die schwedische Fregatte zum erstenmal zu einiger Tätigkeit, indem sie dem Feinde, der sich nördlich am Stadtwalde zeigte, zweiundvierzig Kugeln zuschickte.

Daß indes die Untätigkeit der Belagerer nur scheinbar war und neue wichtigere Entwürfe von ihnen vorbereitet wurden, ging genugsam aus den lebhaften Bewegungen hervor, welche von Zeit zu Zeit in ihren Stellungen bemerkt wurden. Das Hauptquartier des Generals Teullié, welcher nach dem Abgange des Marschalls Mortier zur großen Armee den Oberbefehl wieder übernahm, war näher von Zernin nach Tramm verlegt worden, wohin große Züge beladener Wagen von Treptow ihre Richtung nahmen. Faschinen wurden nach allen Seiten hin gefahren; man erblickte häufig die feindlichen Offiziere auf Rekognoszierungen begriffen, und von Tramm aus ward Geschütz von großem Kaliber in die Verschanzungen geführt.

Um diese Bewegungen noch genauer zu beobachten, verlangte der Kommandant einen Bürger, der des Terrains um die Stadt vollkommen kundig wäre und auch einige militärische Kenntnisse besäße, und hatte die Absicht, denselben auf den großen Kirchturm zu postieren. Ich schlug hierzu den Brauer Roland vor, welcher sich auch gern willig finden ließ und von seinen gemachten Bemerkungen, nach Erfordernis, Bericht abstattete; während der Schiffer Busch es übernahm, von dort aus ein gleich wachsames Auge auf den Hafen und die See zu haben und gleichfalls Meldungen zu machen. Zu dem Ende brachte ich an dem Turme eine Winde mit einem Kästchen an, worin Fragen und Antworten auf und nieder befördert wurden, und eine Schildwache unten erhielt die Maschine im Gange. Bald blieb dieser Posten nicht ohne Gefahr, da der Feind jene Späher gewahr geworden war und nun häufig die Turmspitze zum Zielpunkte seiner Artillerie machte.

Endlich am 17. Mai geschahen von der Schanze auf dem Hohen-Berge die ersten sieben Probeschüsse aus dem dort aufgeführten schweren Wurfgeschütze. Trotz der ansehnlichen Entfernung verfehlten diese Bomben ihres Zieles nicht, denn eine derselben tötete einen Grenadier mitten in der Stadt vor der Hauptwache. Die Wirksamkeit des nunmehr zu erwartenden Bombardements stand uns also klar vor Augen.

Allein Schlimmeres noch, als wir ahnten, stand uns von des Feindes Tätigkeit bereits in der nächsten Nacht auf den 18. Mai bevor, indem er die Schanze auf dem Wolfsberge überfiel und stürmte. Die Gegenwehr der Unsrigen, so brav sie war, blieb dennoch der Überzahl und dem wohlgeleiteten Angriffe nicht gewachsen. Ein Teil fiel, ein Teil ward gefangen und das Außenwerk ging verloren! Auf jede Weise aber war dieser Verlust zu bedeutend und der Nachteil, wenn ein so wichtiger Punkt in Feindes Händen bleiben sollte, zu empfindlich, als daß unser Kommandant nicht schnell und mit Anstrengung jeder Kraft darauf gesonnen hätte, sich wiederum Meister davon zu machen. Die größere Hälfte der Besatzung ward aufgeboten, in Kolonnen gebildet und zum Angriffe geführt. Einem solchen Anfalle widerstanden die Franzosen ebensowenig. Die Schanze kam wieder in unsre Hände. Gewiß war der feindliche Verlust an Toten und Verwundeten nicht geringer als der unsrige, der sich auf hundertsechzig Mann belief. Fortan aber ward dieser so blutig behauptete Posten mit dreihundert Grenadieren und sechs Kanonen besetzt.

Warum die Belagerer jenen Überfall versucht hatten, offenbarte sich gleich am nächsten Tage, wo sie anfingen, einen Damm vor dem Stadtwalde aufzuwerfen, der sie durch die Sümpfe hindurch der Festung näher führen sollte. Sie hatten gefürchtet, daß ihnen bei dieser Arbeit das Feuer der Wolfsschanze in der Seite sehr lästig werden könnte, wie denn dies heute auch wirklich geschah. Zwar versuchten sie unser Geschütz durch eine Menge Granaten zum Schweigen zu bringen; allein die Entfernung war nicht gut berechnet, indem diese Granaten schon halben Weges niederfielen und zerplatzten.

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Am 19. Mai geleitete jene englische Brigg, deren bereits Erwähnung geschehen, drei Schiffe ihrer Nation in unsern Hafen, deren Erscheinung wir schon längst mit heißer Sehnsucht erwarteten. Es war stürmisches Wetter, als ihre Segel am Horizonte sichtbar wurden. Sie kreuzten hin und wieder und taten verschiedene Signalschüsse, ebensowohl um die nötigen Lotsen zu erlangen, als um zu erfahren, ob sie mit Sicherheit in den Hafen einlaufen, oder wo sie sonst vor Anker gehen könnten. Diese Signalschüsse hörte ich in der Stadt, warf mich zu Pferde und eilte nach der Münde, um zu erfahren, was vorginge. Dort fand ich bereits Hunderte von Menschen, welche zusammengelaufen waren, sich an dem willkommenen Anblicke zu ergötzen.

»Gut und schön, Kinder, daß sie endlich da sind,« erwiderte ich einigen, die am lautesten jubelten. »Allein woran liegt's, daß die Lotsen noch nicht in See sind, sie hier vor Anker zu bringen?« Einige Schiffer, denen ich diese Frage zunächst wiederholte, zuckten die Schultern, wiesen auf die hohe See und die schäumende Brandung hinaus, und versicherten: es sei nicht möglich, daß ein Boot sich in solchem Wetter hinauswagen könnte. »Möglich oder nicht!« rief ich mit Feuer. »Es muß versucht werden! Allein ich sehe auch nicht einmal, daß das Ding so gar halsbrechend wäre. Ich will selbst hinfahren.« Zugleich drang ich in einen Kreis von Seefahrern ein, die mir zur Linken standen; ergriff die ersten Besten an den Händen und sagte: »Ich weiß, daß ihr brave Kerls seid -- kommt, wir wollen zu den Engländern an Bord!«

Wirklich auch schöpften einige gleich Mut. Wir eilten nach dem Lotsenboote und stiegen ein. Indem ich mich so selbst besah, nahm ich wahr, daß ich nur mit einer kurzen Reitjacke bekleidet war, und wünschte etwas Tüchtigeres auf den Leib zu ziehen. Neben mir stand der Superintendent Baarz, mit einem Überrocke angetan. Den bat ich, mir damit auszuhelfen. Er warf ihn mir freudig zu; ich trat ans Steuer, und wir schaukelten uns gleich darauf auf den Wellen, die es freilich etwas unfreundlich mit uns meinten. Dennoch kamen wir wohlbehalten von einem Schiffe zum andern; erteilten jede nötige Auskunft, brachten die Brigg vor dem Hafen zu Anker und die Konvoi vollends hinein in Sicherheit. Das getan, ließ ich mir von ihnen allen ein Verzeichnis ihrer mitgebrachten Ladung behändigen und sprengte im Fluge nach der Stadt zurück, dem Kommandanten meinen freudigen Bericht zu erstatten.

Diese Ladungen waren ein Geschenk der englischen Regierung für die dringendsten Bedürfnisse der Festung, und eine Wirkung der unermüdlichen Begebungen, womit der brave Schill, auch aus der Ferne, für unsre Erhaltung sorgte. Er hatte nämlich schon in früherer Zeit einen seiner Offiziere nach London abgeschickt, um die englische Nation um so mancherlei, was uns zur Verteidigung fehlte, anzusprechen. Diese Anforderungen an die britische Großmut blieben um so weniger unbeachtet, als es die Bekämpfung des gemeinschaftlichen Feindes galt. In schnellster Eile, wie es die Umstände erheischten, ward daher durch Absendung jener Schiffe für uns gesorgt, indem sie uns Kriegsbedürfnisse der mannigfaltigsten Art, Munition und Montierungen zuführten.

Während nun die Belagerer, insonderheit in der Gegend des Wolfsberges, die Errichtung von Dämmen und Schanzen fortsetzten, benutzte sogleich am 20. Mai die angekommene englische Brigg, in Verbindung mit der schwedischen Fregatte, eine günstige Witterung, um sich ihnen am Oststrande gegenüberzulegen und sie dort mit Heftigkeit zu beschießen. Ein Gleiches geschah unter ähnlichen Umständen auch am 26., und vom Turme herab ließ sich deutlich wahrnehmen, wie mörderisch ihr Geschütz gewirkt haben mußte, da eine Menge Toter und Verwundeter hinweggetragen oder gefahren wurde.

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