Part 31
Jetzt konnte uns die früher hergestellte Schanze auf dem Hohen Berge von Nutzen werden, daher sie auch unverzüglich noch weiter ausgebessert und einiges Geschütz darin aufgefahren wurde. Da sich's aber berechnen ließ, daß der Feind bei Tramm nicht stehenbleiben, sondern sich auch nach dem Dorfe Bullenwinkel und dem großen Stadtwalde, »der Kolberger Busch« genannt, ausbreiten würde, so war es von dringender Notwendigkeit, ihn von der Lauenburger Vorstadt, die hierherwärts gelegen ist, in möglichster Entfernung zu halten. Ich wußte, daß dies wie vormals durch eine auf dem Damme nächst der Ziegelscheune zu errichtende Schanze am zweckmäßigsten geschehen konnte, und da diejenigen, denen es eigentlich zugekommen wäre, sich dieser Sache nicht annehmen wollten, so bewog ich die Bürgerschaft, auch zu dieser Arbeit freiwillige Hand anzulegen, sobald der Feind im Westen der Stadt wirklich erschienen war und nun auch von der entgegengesetzten Seite augenblicklich erwartet werden durfte. Am 5. März griffen wir das Werk gemeinschaftlich an, schanzten Tag und Nacht unverdrossen und hatten auch die Freude, es schon am 9., noch vor Erscheinung eines Franzosen, vollendet zu sehen.
Während wir noch mit dieser Arbeit beschäftigt waren, ließ sich der Kommandant vom Hauptmann v. Waldenfels bewegen, uns in Gesellschaft des letzteren, des (Gott erbarme sich's!) Ingenieur-Kapitäns Düring und einiger andern dort auf dem Platze zu besuchen. Es war seit der ganzen Zeit das erste Mal, daß er sich außer den Toren der Stadt blicken ließ. Anstatt uns aber in unserm Fleiße durch irgendein freundliches Wort aufzumuntern, machte er unser Vornehmen mit spöttischem Lachen als Kinderspiel verächtlich. Indem aber noch weiter unter den Herren von der Haltbarkeit der Festung hin und her gesprochen wurde und die Meinungen verschieden ausfielen, konnte ich mein Herzpochen nicht länger zähmen, sondern nahm das Wort und rief: »Meine Herren, Kolberg _kann_ und _muß_ dem Könige erhalten werden; es koste was es wolle! Wir haben Brot und Waffen, und was uns noch fehlt, wird uns zur See zugeführt werden. Wir Bürger sind alle für einen Mann entschlossen, und wenn auch all unsre Häuser zu Schutthaufen würden, die Festung nicht übergeben zu lassen. Und hörten es je meine Ohren, daß irgend jemand -- er sei Bürger oder Militär -- von Übergabe spräche, bei jedes Mannes Wort! dem rennte ich gleich auf der Stelle diesen meinen Degen durch den Leib, und sollte ich ihn in der nächsten Minute mir selbst durch die Brust bohren müssen!« -- So gingen wir für diesmal, halb lachend, halb erzürnt, auseinander.
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Bis zum 13. März hatte der Feind seine Umzingelung des Platzes vollendet, doch war die Einschließung nicht so genau, daß nicht immer noch einige Nachrichten von außen her durch flüchtende Landleute zu uns durchgedrungen wären, die uns das dichtere Zusammenziehen der französischen Truppen ankündigten. Spätere Reiterpatrouillen, welche Schill veranstaltete, betätigten diese Gerüchte. Immerhin blieb uns längs dem Strande, zumal nach Westen hin, noch manche verstohlene Verbindung mit der Nachbarschaft, fast die ganze Zeit der Belagerung hindurch, übrig, und auch zu Wasser ließ sich jeder beliebige Punkt der Küste heimlich erreichen.
Plänkeleien an der Ostseite leiteten einen Angriff gegen die Schanze auf dem Hohen Berge ein, welche dem Feinde unbequem zu sein schien. Von beiden Seiten rückten immer mehr Truppen ins Gefecht, bis bei dem heftigeren Andrängen unsrer Gegner gegen Abend den Unsrigen nur übrig blieb, sich fechtend gegen die Stadt zurückzuziehen. Die drei Kanonen in der Schanze wurden mit abgeführt und gerettet, aber der Feind säumte nicht, sich in dem Werke festzusetzen, welches ihm noch hartnäckiger hätte streitig gemacht werden sollen. Ich selbst war bei dem ganzen Gefechte zugegen gewesen und sah, daß bei dem Rückzuge mehrere von unsern Leuten tot oder verwundet auf dem Felde liegen blieben. Es jammerte mich besonders der letzteren, und so wagte ich mich, mit einem weißen Tuche in der Hand, gegen die feindlichen Vorposten und bat, daß mir erlaubt werden möchte, diese Gebliebenen nach der Stadt abholen zu dürfen. Nach langem Hin- und Herfragen ward mir dies endlich zugestanden. Ich eilte demnach in die Vorstadt zurück, nahm drei mit Stroh belegte Wagen mit mir und fuhr mit ihnen, unter dem Geleite einiger französischer Soldaten, auf dem Felde umher, wo ich neun Verwundete und fünf Tote auflas und mit mir führte. Die letzteren wurden sogleich auf dem nahen St. Georgen-Kirchhofe beerdigt, die ersteren aber in ein Lazarett abgeliefert. Von da an machte ich mir's zu einem besonderen und lieben Geschäfte, unsern Verwundeten auf diese Weise beizustehen, und habe oft selbst Wagenführer sein müssen, wenn es in ein etwas lebhaftes Feuer hineinging und die Knechte sich aus Angst verliefen.
Gleichzeitig mit der Schanze auf dem Hohen Berge hatten unsre Belagerer auch die Anhöhen der Altstadt besetzt, ohne dort einigen Widerstand zu finden, und waren uns dadurch in eine bedenkliche Nähe gerückt. Beide Verluste machten es nun um so dringender, die Überschwemmungen, wie überall um die Festung her, so besonders nach diesen zunächst bedrohten Punkten hin zu bewirken. Schon von Anfang an hatte ich mir mit den Voranstalten hierzu viele Mühe gegeben und teils auf eigne Kosten, teils durch Mitwirkung der Bürgerschaft wirklich auch soviel erreicht, daß ich hoffen konnte, eine weite Fläche so unter Wasser zu setzen, daß an kein Durchkommen zu denken wäre.
Dies ging nun nicht ohne vieles Widerstreben von seiten der Eigentümer der Wiesen und Ländereien ab, denen das Schicksal einer solchen Überschwemmung bevorstand. Um dieser Katzbalgereien überhoben zu sein, wandte ich mich an Waldenfels, machte ihn an Ort und Stelle mit der ganzen Einrichtung der Schleusen und Aufstauungen bekannt und forderte ihn auf, von seiten der Kommandantur das Weitere zu veranlassen. So sehr er von der Nützlichkeit der Sache überzeugt war, wagte er's doch nicht, sie für seinen eignen Kopf auszuführen, ich aber wollte ebensowenig etwas mit dem Obersten zu tun haben. Endlich aber überredete er mich doch, diesem die Sache gemeinschaftlich vorzustellen.
Als wir nun vor ihn kamen, fand sich sofort auch das vorbelobte Weibsbild ein und begann tapfer mit dareinzureden. Nun war auch meine Geduld am Ende und ich bedeutete sie kurz und gut, daß es ihr nicht zukäme, hier ihre unverlangte Weisheit feilzuhalten. Das Ding aber, das sich auf seinen Herrn verließ, machte mir ein schnippisch Gesicht und wäre mir wohl gern mit allen zehn Fingern ins Gesicht gefahren, wenn ich es nicht fein säuberlich beim Kragen genommen und zur Stubentüre hinausgeschoben hätte, wie es recht und billig war. Darüber geriet aber wiederum der Herr Kommandant in Hitze. Er griff nach dem Degen und würde ihn ohne Zweifel gegen mich gezogen haben, wäre ihm nicht mein Begleiter in den Arm gefallen mit den Worten: »Beruhigen Sie sich! Nettelbeck hat recht getan.« -- Er kam zur Besinnung, aber mit dem Vorschlage zur Überschwemmung blieb es wie es war. Dagegen geschahen einige Kanonenschüsse aus der Festung -- die ersten, welche gegen den Feind gelöst wurden, und mit welchen also auch die Geschichte der Belagerung anheben mag.
An dem nämlichen Tage (den 14. März) hatten die Franzosen schon früh das Dörfchen Bullenwinkel -- ich weiß nicht, ob aus Frevelmut, oder um irgendeinen militärischen Zweck dadurch zu erreichen -- im Rauche aufgehen lassen. War es nun, daß unser Kommandant ihnen in dieser Kunst nicht nachstehen wollte, oder daß er wirklich befürchtete, der Feind möchte sich in der Lauenburger Vorstadt festsetzen, -- genug, er beschloß, diese gänzlich abzubrennen: Niemand von den zahlreichen Bewohnern hatte sich einer solchen gewaltsamen Maßregel versehen, niemand war in diesem Augenblicke darauf vorbereitet -- am wenigsten, daß dem dazu erteilten Befehle die Ausführung so unmittelbar auf dem Fuße folgen werde. Keine halbe Stunde Zeit ward den Unglücklichen zur Rettung ihrer Habe gestattet; viele mußten wie sie gingen und standen ihr Eigentum verlassen. Hundert Familien wurden in wenigen Minuten zu Bettlern und suchten nun in der ohnehin ziemlich beengten Stadt ein kümmerliches Unterkommen.
Man fragte sich damals, und das mit gutem Rechte, warum, wenn doch einmal gesengt und gebrannt sein sollte, diese Maßregel nicht schon früher die Altstadt getroffen habe, die im unmittelbaren Bereiche des Feindes lag, der sich zwischen den Gebäuden derselben einnistete und uns durch seine hinter denselben angelegte Wurfbatterie in der Folge so nachteilig wurde? Als der Fehler aber einmal begangen war, blieb jeder Versuch zur Abhilfe vergeblich. Selbst alle Mühe, die wir uns gaben, die Altstadt durch unser Geschütz zu demolieren oder in Brand zu stecken, leistete die ganze Belagerung hindurch nicht, was wir davon erwarteten. -- Was indes hier versäumt war, suchte der Rittmeister von Schill an seiner Seite in der Maikuhle nach Möglichkeit wieder gut zu machen, indem er sich in diesem wichtigen Posten immer fester setzte, Fleschen anlegen ließ, Wolfsgruben grub und Verhacke veranstaltete. Die Beschützung des Platzes von dieser Seite blieb nun gänzlich seiner Sorgfalt überlassen.
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Der feindliche Anführer mußte indes seine am 13. März errungenen Vorteile wohl selbst für bedeutend genug halten, um zu glauben, daß uns der Mut zu fernerem Widerstande dadurch gebrochen worden. Es erschien also am 15. vormittags um zehn Uhr am Mühlentore ein französischer Parlamentär in einem mit vier Pferden bespannten, niedergelassenen Wagen. Der Kutscher fuhr vom Sattel; den Bock nahm ein Trompeter ein, und zwei Nobelgardisten, wie die Puppen gekleidet und mit Gewehr und völliger Rüstung versehen, gingen zu beiden Seiten des Wagens einher. In diesem ungewöhnlichen Aufzuge und unter einer schmetternden Fanfare rasselte das Völkchen zur Stadt herein und hielt dann plötzlich vor dem Hause des Kommandanten, der den Parlamentär in der Haustüre empfing, ihm freundlich die Hand bot und dann ihn in sein Zimmer führte, welches sofort hinter ihnen verschlossen wurde.
Nach und nach versammelten sich viele Offiziere der Garnison auf der Flur des Hauses, unter welche auch ich mich mischte. Alle waren von jener Erscheinung mehr oder weniger überrascht und auf den weiteren Erfolg gespannt. Alle fragten wir uns untereinander, ob denn sonst keiner von den Offizieren bei der gegenwärtigen Unterredung in dem verriegelten Zimmer zugegen sei? Ich wandte mich an den Oberst v. Britzke, der auch unter dem Haufen stand: »Herr, Sie sind der nächste an Rang und Alter. Ihnen gebührte es am ersten, mit anzuhören, was da unterhandelt wird. Sprengen Sie die Tür!« -- Er zuckte die Schultern und niemand von den Anwesenden sprach ein Wort. Mich aber überfiel innerlich eine unbeschreibliche Angst und Sorge. Die Erinnerungen an Stettin, Küstrin und Magdeburg standen mir wie finstere Gespenster vor der Seele. Ich lief, den Vize-Kommandanten aufzusuchen, der jetzt allein noch Unheil verhüten konnte.
Vergebens irrte ich in der ganzen Stadt und auf den Wällen umher, den wackeren Mann zu erfragen. Bald sagte man mir, er sei auf der Münde, beim Hafen, und ich schickte Boten über Boten aus, ihn schleunigst herbeizurufen; -- bald wieder hieß es, er sei bei den Verschanzungen auf dem Wolfsberge beschäftigt. Aber während ich auch dorthin Eilboten abfertigte, war die Zeit bis fast um zwei Uhr abgelaufen, und ohne ihn erwarten zu können, trieb es mich wieder nach dem Kommandantenhause, wo Unheil gebrütet wurde.
In der Zwischenzeit aber hatten Trompeter, Kutscher und Nobelgarden, die mir sämtlich nicht so aussahen, als ob sie in diese Kleider gehörten, sich nach Belieben und ohne Aufsicht in der Stadt zerstreut -- man möchte denn _das_ Aufsicht nennen wollen, daß ein Unteroffizier von der Garnison, namens Reischard, ein geborner Sachse, sich wie von ungefähr zu ihnen gesellte und sie, wie man wissen wollte, auch auf den Wällen herumgeführt hatte. Dieser Mensch war übrigens in den letzten Zeiten vielfältig bei den Arbeiten an den Verschanzungen und beim Palisadensetzen als Aufseher gebraucht worden. Er konnte also über die Lage und Beschaffenheit der Werke wohl einige Auskunft geben.
Endlich, nach langem peinlichem Harren ward von dem Kommandanten aus dem Fenster gerufen, des Parlamentärs Wagen vorfahren zu lassen. Beide Herren traten Hand in Hand aus dem Zimmer hervor, verweilten aber noch einige Zeit in der Haustüre, weil noch etwas an dem Wagen in Ordnung zu bringen war. Unter uns Umstehenden gab es auch einen Ansbachischen Offizier außer Diensten, der so ziemlich das Aussehen eines Abenteurers hatte, sich seit einiger Zeit in der Stadt umhertrieb und auch jetzt sich, man wußte nicht wie und warum, hier eingedrängt hatte. Dieser nun trat mit einer gewissen Zuversichtlichkeit auf den französischen Unterhändler zu und begrüßte ihn; beide ergriffen einander bei der Hand und drängten sich durch uns alle hindurch, um auf den Hof zu gelangen, wo sie so lange und angelegentlich miteinander sprachen.
Hier wurde ich nun warm und ereifert. Ich faßte den Kommandanten am Arm und zog ihn nach, indem ich rief: »Herr Oberst, was die beiden dort abzumachen haben, das müssen _Sie_ auch wissen!« -- Er folgte mir wie ein Schaf; sowie wir aber näherkamen, verbeugten sie sich beiderseits höflichst und gingen auseinander, worauf auch der Parlamentär in den Wagen stieg und davonkutschierte. Erst eine halbe Stunde nachher kam der Hauptmann v. Waldenfels fast atemlos herbeigeeilt, und ich und andre erzählten ihm, was hier vorgegangen. Der Mann geriet ganz außer sich, daß so etwas in seiner Abwesenheit hatte geschehen können. Man erfuhr auch nachher, daß Loucadou und der Vizekommandant einen harten Wortwechsel gehabt und sich förmlich miteinander überworfen hatten. In all diesen Vorgängen war viel Unbegreifliches, zumal nach zwei Tagen jener Unteroffizier Reischard unsichtbar geworden und zum Feinde übergegangen war.
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Gleich am 16. März machte der Feind vormittags den ersten Versuch, ob die Stadt aus der eroberten Schanze auf dem Hohenberge mit Wurfgeschütz zu erreichen sein werde. Er schickte uns also einige Granaten zu, die aber entweder schon in der Luft platzten oder unschädlich in den Stadtgraben fielen. Nichtsdestoweniger ward abends um acht Uhr ganz unvermutet Feuerlärm geschlagen, und -- das Haus des Kommandanten stand in vollem Brande! Alles lief zum Löschen herbei; doch mancher verständige Bürger brachte dieses Ereignis mit dem gestrigen Parlamentär in eine sehr bedenkliche Verbindung.
Voll von beängstigenden Gedanken, entschlossen sich unser dreizehn, sofort eine Runde rings um die Stadtwälle zu machen und die Verteidigungsanstalten nachzusehen. Überall auf den Batterien, wo Kanonen und Pulverwagen standen, riefen wir wiederholt und überlaut die Schildwachen an, aber nur selten ward uns Antwort, und auf unsrer langen Runde trafen wir nicht mehr als _sieben_ Mann unter dem Gewehre!
So etwas überstieg alle unsre Gedanken und Begriffe! Wir erachteten es für dringende Notwendigkeit, dem Kommandanten davon schleunigste Anzeige zu machen. _Der_ aber war längst aus seinem brennenden Hause geflüchtet und hatte sich in das Posthaus einquartiert. Auch dort suchten wir ihn auf und ließen ihm durch seine Ordonnanz hineinsagen: »Die Bürgerpatrouille wolle ihn sprechen, um etwas Hochwichtiges anzumelden.« Wir empfingen hierauf den Bescheid: »Der Herr Oberst habe sich bereits zur Ruhe begeben und lasse sich heute nicht mehr sprechen.« -- Was für eine unerhörte Seelenruhe bei einem Festungskommandanten, der den Feind vor den Toren hat und dessen Haus in vollen Flammen steht! Dieser Brand wurde übrigens gegen drei Uhr morgens gelöscht; wir Bürger setzten unsre Umgänge die ganze Nacht fort und der Feind hielt sich ruhig.
Hier mußte Rat geschafft werden, und so bedachte ich mich nicht lange, sondern ging noch am nämlichen Morgen ans Werk, um aus der ganzen Fülle meines beklommenen Herzens an den König selbst aufs Papier hinzuwerfen, was mir in diesen letzten Tagen, sowie manches Frühere, unrecht und bedenklich vorgekommen. Ich weiß noch, daß dieses Schreiben mit den unterstrichenen Worten endigte: »Wenn Ew. Majestät uns nicht bald einen andern und braven Kommandanten zuschicken, sind wir unglücklich und verloren!« -- Diese Vorstellung schloß ich in eine Adresse an den Kaufmann Wachsen zu Memel, einen geborenen Kolberger, ein und ersuchte ihn, die Einlage womöglich an den König persönlich zu übergeben. Es fand sich aber zur Absendung nicht eher eine Gelegenheit, als am 22. März, da Schiffer Kamitz mit einer Anzahl Gefangener nach Memel in See ging. Dieser lieferte denn auch mein Paket richtig an seine Adresse ab und von Wachsen erfuhr ich, daß der Monarch dasselbe aus seinen Händen selbst empfangen und gnädig aufgenommen habe.
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Daß am 17. März abermals ein Feuer in der Kommandantur hervorbrach, konnte eine irgendwo noch verborgen gebliebene Glut zur Ursache haben; allein die Gemüter waren einmal zum Argwohne aufgeregt und merkten nur an, daß heute so wenig als gestern um die Zeit, da das Feuer aufgegangen, irgendein feindliches Geschoß in Tätigkeit gewesen sei.
Bis zum 19. März beschäftigten sich die Belagerer vornehmlich mit Einrichtung ihrer Lager, mit Festsetzung in der Altstadt und mit Schlagen einer Verbindungsbrücke über die Persante in der Nähe von Rossentin; und je mehr sich Truppen hierherwärts bewegten, um so weniger war es zu bezweifeln, daß ihre Absichten auf Gewinnung der Schanze auf dem Kauzenberge gerichtet seien, die ihre Besatzung abwechselnd aus der Festung erhielt. Am frühen Morgen jenes Tages fand der Angriff wirklich statt. Es gab das erste anhaltende Feuer aus grobem Geschütz und kleinem Gewehr. Anfall und Verteidigung waren in gleichem Maße heftig, aber nur zu bald mußte die Besatzung der Übermacht weichen, und auch das weiter zurückliegende Dorf Sellnow ging verloren, ohne daß die nachrückende zahlreiche Verstärkung vermochte, dem Feinde seine Vorteile wieder zu entreißen. Dies war für uns ein sehr empfindlicher Verlust, denn nur von der Position von Sellnow aus war die Stadt auf dieser Seite angreifbar.
Rasch und besonnen hingegen benutzte der Feind auf der Stelle seine erlangten Vorteile, ging in das Siederland vor, setzte sich hinter das Gradierwerk und zeigte sich selbst vor dem Galgenberge. Rechtshin aber griff er zugleich unsre Schanze auf dem Strickerberge, hart an dem Damme vor dem Geldertore gelegen, mit solchem Nachdruck an und ward dabei durch sein Flankenfeuer von der Altstadt her so gut unterstützt, daß das Feuer aller unsrer Batterien, wie heftig es auch unterhalten wurde, dagegen kaum ausreichte. Abends gegen sechs Uhr mußten die Grenadiere, welche bis dahin die Schanze mit Entschlossenheit verteidigt hatten, sich durch eine Abteilung Freiwilliger des Schillschen Korps ablösen lassen, und diesen glückte es, sich darin noch achtundvierzig Stunden zu behaupten -- ja noch gleich in der nächsten Nacht eine neue Schanze nächst dem weißen Kruge (dem letzten Hause der Geldervorstadt) aufzuwerfen, wodurch der Damm noch besser bestrichen und die Feinde an der Annäherung verhindert wurden.
Allerdings stand nun die genannte Vorstadt in naher und dringender Gefahr, überwältigt und dann der Festung sehr nachteilig zu werden. Loucadou war darum auch sogleich mit dem Befehle zum Abbrennen bereit. Diesmal aber fand seine rücksichtslose Härte einen edelmütigen Widerstand an dem Rittmeister v. Schill, welcher die Unnützlichkeit jeder Übereilung bei der Ausführung dieser Maßregel dartat, solange die vorliegenden Schanzen noch von seinen Leuten verteidigt würden, für deren Mut und Ausdauer er sich verbürgte. Der Kommandant sah sich für den Augenblick genötigt nachzugeben, und Hunderte von Menschen fanden dadurch Zeit, alle beweglichen Trümmer ihres Vermögens rückwärts in Sicherheit zu flüchten. Erst als dies geschehen war, trat die unabwendbare Zerstörung ein und die Schanzen wurden verlassen.
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Es fehlte jedoch viel, daß Loucadou hierdurch selbst zur Besinnung gekommen wäre. Er sah in Schills Benehmen nur einen sträflichen Mangel an Subordination und machte ihm harte Vorwürfe, welche einen Wortwechsel nach sich zogen und mit einem Zimmerarrest endigten, dem der Gekränkte sich geduldig unterzog. Aber nicht so geduldig nahmen Soldaten und Bürger auf, was für eine Ungebührnis ihrem Liebling widerfahren sei. Es entstand ein Gemurmel, ein Reden, ein Fragen, ein Durcheinanderlaufen, das mit jeder Minute lauter und stürmischer wurde. Eine immer gedrängtere Masse sammelte sich auf dem Markte und es war nicht undeutlich die Rede davon, Schill mit Gewalt zu befreien und den Kommandanten für das, was er getan, persönlich verantwortlich zu machen.
Ich erfuhr alsbald, was im Werke sei; allein war ich gleich nicht weniger entrüstet, als jeder andre, so entging mir doch nicht, von welchen unseligen Folgen hier jede Gewalttätigkeit sein würde. Vielmehr kam alles darauf an, diese Volksbewegung zu stillen. Ich warf mich schnell unter die Menge, bat sie, Vernunft anzunehmen und vor allen Dingen Schills eigne Meinung zu vernehmen. Diese zu hören, sei ich jetzt auf dem Wege begriffen. Sie möchten also ruhig meine Wiederkunft erwarten. Das ward denn auch angenommen.
Als ich zu dem Gefangenen kam und ihm sagte, wie die Sachen ständen, erschrak er heftig, und mich an beiden Händen ergreifend, rief er: »Freund, ich bitte Sie um alles, stellen Sie die guten Menschen zufrieden! Aufruhr wäre das letzte und größte Unglück, das uns begegnen könnte. Sagen Sie ihnen, ich sei nicht arretiert, ich sei krank -- kurz, sagen Sie, was Sie wollen, wenn die Leute sich nur zur Ruhe geben.« -- Ich gelobte ihm das, weil er es wollte und weil es das beste war, und eilte nach dem Markte zurück. Kaum konnte ich mich durch das tosende Gedränge schlagen. Vor dem Kuhfahlschen Hause trat ich auf eine Erhöhung und forderte, daß man mich hören solle. »Kinder!« rief ich dann, »ich komme von unserm Freunde. Aus seinem eignen Munde weiß ich's: er hat nicht Arrest, wie ihr glaubt, sondern hält sich wegen Unpäßlichkeit in seinem Zimmer. Euch insgesamt aber bittet er durch meinen Mund, wenn ihr ihm je Liebe bewiesen habt, daß ihr jetzt ruhig auseinandergeht. Binnen wenigen Tagen hofft er so vollkommen hergestellt zu sein, daß er selbst unter euch erscheinen und euch für eure Anhänglichkeit danken kann. Wer also ein guter Bürger und sein Freund ist, der geht nach Hause.«
Diese Rede war nicht zierlich, aber verständlich, und machte um so mehr den besten Eindruck, da sie von dem Superintendenten Baarz, der neben mir stand, wiederholt und weiter ausgeführt wurde. Die guten Leute kamen glücklich zur Besinnung, und als die Angeseheneren sich ruhig wegbegeben hatten, fehlte es nicht, daß auch der Pöbel sich allgemach verlief. Loucadou verhielt sich bei diesem Vorgange ganz still, als hätte er kein Wasser getrübt, was ihm auch gar sehr zu raten war. Schills Arrest aber blieb ein leeres Wort, das stillschweigend zurückgenommen wurde. Denn da Schill seine Gegenwart in der Maikuhle und bei den Vorposten notwendig fand, tat er, was die Umstände erforderten, und Loucadou stand nicht an, zu erklären: »Außerhalb der Festung möge er schalten, wie er's für gut befinde.«
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