Ein Mann Des Seefahrers und aufrechten Bürgers Joachim Nettelbeck wundersame Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt

Part 26

Chapter 263,651 wordsPublic domain

Er nahm es hin; ich aber, obwohl ich es in der stattlichen Aufnahme meiner Gäste an nichts ermangeln ließ, fühlte mich doch verstimmt. Ja, selbst als er beim Abschiede freundlich bat, seinen Besuch aufs baldigste zu erwidern, brach der innere Groll unaufhaltsam hervor in dem Geständnisse: »Ich bin nicht gut auf Euch zu sprechen, Kapitän! denn Ihr habt mir mein Schiff verachtet.« -- Demungeachtet wiederholte er seine Einladung nur um so herzlicher, und bat zugleich um Verzeihung wegen seiner unschuldigen Äußerung: allein Herz und Sinn hatten sich bei mir von ihm abgekehrt; ich konnte mich nicht entschließen, zu ihm an Bord zu gehen, und habe ihn auch nicht wiedergesehen.

* * * * *

Überdem gab es bald allerlei Verdrießlichkeiten, die meinen Sinn auf andere Dinge lenkten. Gerade damals lag eine starke englische Kriegsflotte im Tajo; ich aber hatte drei englische Matrosen im Dienste, welche am Lande mit ihren Landsleuten von jener Flotte häufig zusammenkamen und sich ohne Zweifel durch deren gute und bequeme Lage verleiten ließen. Denn eines Tages traten sie unerwartet zu mir in die Kajüte mit der Erklärung, daß sie es vorzögen, unter ihren Landsleuten auf der Flotte zu dienen, daher sie ihre Entlassung von meinem Schiffe, aber auch ihre rückständige Löhnung (für jeden wohl über sechzig Taler) forderten.

»Kinderchen,« erwiderte ich ihnen -- »ihr steht alleweile auf einem preußischen Schiffe und in preußischem Dienste; seid also auch vorderhand nicht Engländer, sondern Preußen. Daß ich euch eure Löhnung auszahle, oder gar, daß ich euch frank und frei gebe, daran ist gar nicht zu denken.« -- Freilich mochten sie sich durch diesen Bescheid nicht sonderlich befriedigt fühlen; und so geschah es denn wohl auf ihren Betrieb, daß wenige Tage nachher ein Offizier von der britischen Flotte an meinem Borde erschien, mit dem Auftrage von seinem Admiral, die augenblickliche Auslieferung von drei geborenen englischen Untertanen von mir zu verlangen, die sich, wie er erfahren habe, auf meinem Schiffe befänden, und deren völlige Entschädigung für den bisherigen Dienst zugleich erfolgen müsse.

Ich beobachtete bei diesem sonderbaren Vortrage ein ruhiges Schweigen; ließ aber in der Stille die preußische Flagge über unsern Köpfen aufziehen, die ich meinem Gaste zeigte, indem ich hinzufügte: »Sehen Sie, mein Herr, unter _dieser_ Flagge stehen jene drei Leute in Dienst; und ich kenne kein Gesetz, das mich verpflichtete, sie hier in einem fremden Hafen, daraus zu entlassen. Jede weitere Prozedur des Herrn Admirals werde ich erwarten.«

Eine Zitation vor das portugiesische Seegericht ging bald darauf an mich ein, um meine Sache, im Beisein des Admirals, der gleichfalls erscheinen würde, zu verantworten. Jetzt ward also der Handel ernsthaft, und ich hielt es für geraten, zu unserm Preußischen Gesandten, dem Herrn von Heidecamp, zu gehen, dem ich die Lage der Dinge vortrug, und um Verhaltungsmaßregeln bei ihm nachsuchte. Sein Ausspruch war: daß, falls ich nicht gutwillig wollte, niemand mich zwingen könnte, die Leute freizugeben; noch weniger, ihnen ihre Löhnung auszuzahlen, welche nach Recht und Gesetz dann erst fällig sei, wann mein Schiff wieder einen preußischen Hafen erreicht habe. Zugleich unterrichtete er mich genau, wie ich mich vor Gericht zu verhalten hätte, und fügte hinzu, für alles übrige sollte ich ihn sorgen lassen, indem er gesonnen sei, bei dem Termine gleichfalls in Person zu erscheinen.

Dies geschah nun gleich am nächsten Tage. Wir fanden den englischen Admiral mit zwei Flottenkapitäns bereits vor, und er eröffnete die Verhandlung durch das bestimmte Begehren, die drei britischen Untertanen in seinen Dienst ausgeliefert zu erhalten. Meine verweigernde Antwort stützte sich auf die Gründe, welche ich schon angeführt habe. Ja ich war so keck, gegen ihn zu bemerken: Ohne Zweifel befänden sich auf seiner Flotte viele geborene preußische Untertanen, gleichwohl stände noch dahin, ob er sich für verpflichtet halten würde, diese auf mein Verlangen ihres Dienstes zu entlassen?

»Topp!« rief er feurig aus -- »ich gebe drei Preußen von meiner Flotte in die Stelle der drei Engländer!« -- »Ein Erbieten,« entgegnete ich, »das aller Ehren wert ist, wenn ich nur hoffen dürfte, anstatt der tüchtigen Leute, die mir abgefordert werden, etwas Besseres als den Ausschuß der ganzen Flotte zurückzuempfangen; und mit dem ist mir nicht geholfen.« -- Sofort auch nahm der Gesandte das Wort; und da ich sah, daß der Handel anfing, zu einer Ehrensache zwischen ihm und dem Admiral auszuschlagen, so konnte ich den ferneren lebhaften Wortwechsel mit Seelenruhe anhören, bis zuletzt das Gericht die Matrosen schuldig erkannte, auf meinem Schiffe zu verbleiben, bis sie in den nächsten preußischen Hafen abgelöhnt werden könnten.

So war nun zwar dieser Strauß glücklich und mit Ehren ausgefochten; allein einige Tage nachher erfolgte, was ebensosehr zu erwarten, als schwer zu verhindern war. -- Diese drei Kerle machten sich heimlich aus dem Staube und gingen auf die Flotte zu ihren Landsleuten über, ohne auf ihre im Stiche gelassenen Monatsgelder zu achten. Mochten sie laufen! Ich konnte ihrer entraten!

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So wie ich nun meine Ladung in diesem Hafen löschte, entstand auch die Verlegenheit, in dieser ungünstigen Jahreszeit (es war mitten im Winter) nicht sofort wieder eine vorteilhafte Fracht zu finden. Nach Süden, ins mittelländische Meer, durfte ich mich aus Mangel an Türkenpässen, nicht wagen, und in der Nord- und Ostsee hatte der Frost die Schiffahrt geschlossen. Ich mußte also, bis in den Monat März, die Hände notgedrungen in den Schoß legen und, da mir auch dann noch keine Fracht nach meinem Sinne angeboten wurde, mich entschließen, eine Ladung Salz für eigene Rechnung zu kaufen und nach der Ostsee zu verführen.

Hiermit war ich noch beschäftigt, als sich ein Sturm aus Westen erhob, der mehrere Schiffe, und unter diesen auch ein unbeladenes portugiesisches Schiff, welches uns einige hundert Klafter weit über dem Winde lag, von den Ankern trieb. Dies letztere rückte dem meinigen gerade auf den Hals, und da es so gut als ganz sich selbst überlassen war, (denn nur zwei Jungen befanden sich am Borde), so hatten wir Mühe, es nur so weit abzulenken, daß es endlich uns zur Seite zu liegen kam. Gleichwohl war bei dem anhaltenden Unwetter nicht zu verhindern, daß es unaufhörlich gegen unsern Bug stieß und drängte, wodurch bei mir die gerechte Besorgnis entstand, daß beide Schiffe davon großen Schaden nehmen könnten, wenn jenes nicht bald seine Stellung veränderte und unter Windes von uns gebracht würde.

Dies stellte ich meinem Schiffsvolke vor, und wir beschlossen alsogleich Hand an ein so nötiges Werk zu legen. Indem wir aber hierzu insgesamt an den portugiesischen Bord hinübersprangen, ergriff jene beiden Jungen, die von unserer Absicht nichts wußten, ein Todesschrecken. Sie erhoben ein Geschrei aus voller Kehle, welches auch nicht ermangelte, ihre Landsleute von fünf oder sechs der nächstgelegenen Fahrzeuge im Hui! auf ihr Verdeck herbeizulocken. Dies Gesindel nahm sich nicht die Zeit, uns anzuhören oder sich mit uns zu verständigen, sondern augenblicklich galt es ein wildes Zuschlagen auf uns mit Knitteln, Handspaten und Bootshaken, so daß wir genötigt waren, auf unser Schiff zurückzuflüchten.

Doch auch hiermit nicht zufrieden, verfolgten uns unsere übermächtigen Gegner auf unser eigenes Verdeck und trieben uns, je länger je mehr, in die Enge. Mein Steuermann erhielt einen Schlag, daß er zu Boden stürzte und ich nicht anders glaubte, als daß ihm der Rest gegeben worden. Ich selbst mußte mein Heil in der verriegelten Kajüte suchen, so wie meine Leute genötigt waren, sich im Raume zu bergen und in ihrem Roof zu verschließen, um nicht ferneren Gewalttätigkeiten ausgesetzt zu sein. Endlich stieß nun zwar die wilde Rotte wieder nach ihren Schiffen ab: aber der Portugiese blieb zu meiner Seite liegen und fuhr fort, die ganze Nacht hindurch sich gegen mein Schiff abzuarbeiten und an der Verkleidung desselben zu reiben.

Die Folgen zeigten sich gleich morgens an ihm selbst, indem ganze Planken in Stücken von seiner Seite hinwegtrieben, der Fockmast aber über Bord gefallen war, und das ganze Gebäude, wie ein zerschelltes Wrack, sich seitwärts neigte. Allein auch ich selbst bemerkte an dem meinigen mehrere Beschädigungen, die mir um so mehr Galle ins Blut trieben, je leichter sich dies alles hätte vermeiden lassen, wenn das Recht und die Vernunft nicht der verstandlosen Gewalt hätten weichen müssen.

Höher noch stieg freilich diese Galle, als einige Stunden später der portugiesische Kapitän des Schiffes zu mir an Bord kam. Es fand sich, daß ich ihn einigermaßen kannte, indem er verschiedentlich mit mir im Kontor meines Korrespondenten, Herrn Bulkeley, zusammengetroffen war und an dessen Tische gespeist hatte. Sein Name war Sylva. Pochend fuhr er auf mich ein, ihm für den an seinem Schiffe erlittenen Schaden gerecht zu werden; und nur mit Mühe mäßigte ich mich zu der gelassenen Antwort: daß, wenn er es mit der gehörigen Mannschaft besetzt gehalten, Schaden und Unglück entweder nicht stattgefunden haben, oder doch geringer ausgefallen sein würden. Er war aber nicht in der Verfassung, Vernunft anzunehmen, sondern fuhr drohend und scheltend wieder an Land.

Kaum aber waren ein paar Stunden verlaufen, so ließ er sich abermals bei mir blicken, und war diesmal von einer Art Gerichtsperson oder Notarius begleitet, der mir einen langen schriftlichen Aufsatz von anderthalb Bogen vorlegte, mit dem Ansinnen, daß ich meinen Namen unterzeichnen möchte. -- »Unter eine Schrift in einer Sprache, die ich nicht verstehe?« gab ich zur Antwort. -- »Mit nichten, meine Herren! Geht damit, wenn es euch beliebt, zum Preußischen Konsul. Dort werde ich mich gleichfalls finden lassen.«

In der Tat war sofort mein nächster Gang zu diesem Konsul, namens Schuhmacher, gerichtet, um ihn von dem unangenehmen Vorfalle vollständig zu unterrichten und mich mit ihm zu beraten. Sein Gutachten fiel dahin aus, daß ich nachmittags mit meinem Schiffsvolke vor ihm erscheinen sollte, um in Gegenwart eines Notarius über den wahren Verlauf der Sache eidlich vernommen zu werden. Auf dem Rückwege stieß ich auf meinen Korrespondenten Bulkeley, und nachdem ich in dessen Kontor getreten, benachrichtigte er mich, daß soeben Kapitän Sylva ihm über das bewußte Ereignis eine schriftliche Erklärung vorgelegt, die er auch unbedenklich mit meiner Namensunterschrift versehen habe.

»Wie?« rief ich, hoch verwundert -- »unterschrieben mit _meinem_ Namen? _Unterschrieben_ ohne mein Wissen und Einwilligung? -- Von diesem Augenblicke an, Herr, hören Sie auf, mein Korrespondent zu sein, und bevor ich meinen Fuß aus Ihrem Hause setze, fordere ich, daß Sie mir den Abschluß meiner Rechnung vorlegen.« -- Er zauderte, ich aber erklärte ihm so bestimmt, ich würde ohne Abrechnung nicht vom Platze weichen, daß er sich endlich meinem Verlangen fügen mußte.

Es war notwendig, den Konsul augenblicklich von diesem Schurkenstreiche in Kenntnis zu setzen. Wie vollkommen aber sein Betragen diesen Namen verdiente, entwickelte sich erst nachher, da es an den Tag kam, daß dieser nämliche Bulkeley Reeder des Schiffes war, welches Kapitän Sylva führte. -- »Ruhig, mein Freund!« tröstete mich der Konsul. -- »Treffen Sie nur schleunige Anstalt zur gerichtlichen Vernehmung Ihrer Leute, und lassen Sie mich dann für das übrige sorgen.« -- Jenes ward auch gleich am nächsten Morgen mit allen Förmlichkeiten bewerkstelligt; und während ich das Original dieser Erklärung in des Konsuls Hände niederlegte, versäumte ich nicht, durch den Notarius eine beglaubigte Abschrift ausfertigen zu lassen, die ich für mich selbst zurückbehielt.

Noch erklärte ich meinem wackeren Beschützer meine Absicht, binnen zwei oder drei Tagen die Anker zur Abfahrt zu lichten, daß ich aber von meinem Widersacher jede Art von Schikane und also auch wohl eine Beschlagnahme meines Schiffes bis zu ausgemachter Sache erwarten müßte. »Dann«, erwiderte er, »bin _ich_ es, der Kaution für Sie leistet, und wenn Sie abgesegelt sind, den Prozeß für Sie führt.« -- So getröstet nahm ich nun in aller Gemächlichkeit den Rest meiner Salzladung ein, und ging des dritten Tags darauf unter Segel, ohne daß es auch einem Menschen nur einfiel, mir etwas in den Weg zu legen.

In die Stelle der entlaufenen drei Engländer, die mir zu meiner vollen Bemannung fehlten, glückte mir's noch am Tage vor meiner Abreise, zwei schwedische Matrosen ähnlichen Schlags zu erhalten, daneben aber auch noch einen dienstlosen Engländer auszukundschaften, den ich in seiner Schlafstelle aufsuchte und für meinen Dienst annahm. Freilich mußte ich ihn bei seinem Wirte erst mit einem vollen Monatsgehalte auslösen; doch gerade darauf mochte der Kerl spekuliert haben, denn kaum war er mit mir auf der Straße, so versuchte er, mir wieder zu entlaufen, so daß ich hinter ihm drein schreien mußte, bis er von anderen Leuten festgehalten wurde, ich mich seiner versichern und ihn in meine naheliegende Schaluppe bringen lassen konnte.

Es war begreiflich, daß der Mensch sich unter diesen Umständen auf meinem Schiffe wohl nicht sonderlich gefallen mochte. Das bewies er auch am nächsten Morgen, wo wir in See gehen wollten, indem er sich der Länge nach aufs Verdeck streckte, nicht arbeiten mochte und krank zu sein vorgab.

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Als wir zum Tajo herausgekommen waren, machten wir die unangenehme Entdeckung, daß unser Schiff viel Wasser einließ. Anfangs meinten wir, daß, da wir so lange ledig gelegen und hohen Bord gehabt, die Fugen mancher Planken durch die Sonnenhitze voneinander getrocknet sein möchten, und daß diese Nähte unter Wasser bald wieder zuquellen würden. Allein der Leck nahm so überhand, daß wir das Schiff bald mit beiden Pumpen kaum über Wasser halten konnten. Zudem stand der Wind vom Lande, und es war also unmöglich, wieder in den Hafen zurückzusteuern.

In dieser Not lag uns alles daran, den schadhaften Fleck auszufinden, um ihn zu stopfen. Man weiß, wie klar und durchsichtig die Gewässer des atlantischen Ozeans in dieser Gegend sind, und daß man darum ziemlich deutlich auch in eine größere Tiefe sehen kann. Da fand ich denn endlich, daß an der Seite, und ungefähr vier bis fünf Fuß tief unter Wasser die Späne von der äußeren Haut abstanden. -- Also wohl unstreitig ein Andenken an unser Zusammenstoßen mit jenem portugiesischen Schiffe und die Ursache unseres immer bedenklicher werdenden Lecks!

Je unmöglicher es war, daß wir unser Schiff mit den Pumpen so über See tragen konnten, desto unerläßlicher mußte ein Pflaster über die wunde Stelle befestigt werden. Ich ließ sogleich eine Zitronenkiste zerschlagen, zerschnitt meine Bettdecke, teerte und talgte sowohl diese als jenen Kistenboden an beiden Seiten, heftete beide mit kleinen Nägeln aneinander, bohrte am Rande acht oder zehn Löcher, steckte in jedes derselben einen größeren Nagel, den ich, damit er nicht herausfiele, mit etwas Werg umwickelt hatte, und sann nun darauf, wie dies Pflaster an die rechte Stelle zu bringen wäre.

Es gab kein anderes Mittel, als daß einer von meinen Leuten sich entschlösse, sich rittlings auf dem vierarmigen Bootsanker zu befestigen und unter Wasser bis zu dem Leck hinabzulassen, das präparierte Brett auf den zerstoßenen Fleck zu passen und mit dem an die Hand gebundenen Hammer schnell, ehe ihm der Atem entginge, festzuklopfen. Ich schlug dies der Mannschaft vor, allein keiner hatte Lust zu dieser Wasserfahrt. Ich bot dem, der es wagen würde, eine Monatsgage, niemand meldete sich, sie zu verdienen. Ich stellte ihnen aufs nachdrücklichste vor, daß, wenn sie dies kleine Wagnis so sehr scheuten, wir ja doch ohne Barmherzigkeit alle ersaufen müßten. Ich bat, ich flehte, ich schalt und drohte, aber die feigen Seelen sahen mich verdutzt an und blieben bei ihrem Kopfschütteln.

»Nun denn,« sagte ich endlich, »so will ich selbst der Mann sein, der sein Leben für euch _H...r_ in die Schanze schlägt!« -- Dieser Entschluß entstand auch um so weniger aus Prahlerei, da ich als junger Bursche mit meinen Spielkameraden das Schwimmen und Untertauchen fleißig geübt hatte und oftmals unter dem Wasser geblieben war, bis die Bestehenden langsam dreißig zählten. Hoffentlich hatte ich diese kleine Kunst in den drei Dutzend Jahren nicht ganz wieder verlernt, und sollte ich denn _doch_ ertrinken, so konnte mir die Art und Weise wohl ziemlich gleich gelten.

So nahm ich also getrost meinen Platz auf dem Bootsanker, dessen Tau meine Leute oben in die Hände fassen und mich daran in die bezeichnete Tiefe hinablassen mußten. Nach meiner Anweisung sollten sie von dem Augenblicke an, wo ich mit dem Munde unter Wasser käme, sekundenmäßig zu zählen anfangen und mich, wenn sie bis fünfundzwanzig gekommen wären, hurtig wieder emporziehen. Ich meinesteils hastete mich soviel ich vermochte; zwei bis drei tüchtige Schläge auf jeden Nagelkopf, und das Brett saß an der rechten Stelle fest; während der Zug des Wassers nach innen das übrige tat, die Fasern der Decke in die offenen Fugen dicht einzusaugen. Kurz, ich war fertig, aber die droben dachten noch immer an kein Hinaufziehen. Endlich nach einigen Sekunden brachten sie mich wieder an Gottes freie Luft, und so war das Abenteuer glücklich bestanden!

Nun kam es darauf an, zu erfahren, was wir damit gewonnen hatten. Wir eilten an die Pumpen, die nunmehr das eingedrungene Wasser bemeisterten und sichtbar verminderten. Der Leck hatte wirklich so abgenommen, daß wir uns getrauen durften, mit einer Pumpe die See zu halten. Wunderbar aber blieb unsere Rettung nicht minder, als wenn, wie mir ein Beispiel bekannt geworden, ein ähnlicher Leck durch eine, in die offene Fuge eingeklemmte Flunder gestopft ward; oder wenn ein Schiffer von meiner Bekanntschaft im Danziger Neufahrwasser den seinigen nur dadurch unschädlich machte, daß er vorbedächtig längs den Seiten des Schiff eine Menge Torf-Mull ins Wasser schütten ließ, welches sich durch den unmerklichen Wasserzug in alle Ritzen und Spalten der Planken festsetzte.

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Als wir in den Kanal gelangten, stießen wir auf ein englisches Kriegsschiff, welches meine Schiffspapiere zu sehen verlangte. Ich erwiderte, daß ich zur Vorzeigung an meinem eigenen Borde bereit wäre. So kam denn ein Offizier zu mir herüber; doch während er in der Kajüte die geforderte Untersuchung anstellte, machte sich mein oben erwähnter englischer Matrose an seine Landsleute in der Schaluppe, und in welchem Sinne er mit ihnen gesprochen, ergab sich, als ich meinen Gast aus der Kajüte zurückbegleitete, da jene Engländer ihrem Leutnant meinen Matrosen vorstellten, der wider seinen Willen hier zurückgehalten würde, Lust hätte, auf jenem englischen Schiffe zu dienen.

»Den Menschen nehm' ich auf der Stelle mit,« wandte sich der Offizier an mich, »Ihr habt kein Recht an ihn.« -- »Nun,« war meine Antwort, »so will ich doch sehen, wer mir in offener See auch nur meinen schlechtesten Kajütenjungen, wider meinen Willen, wegnehmen soll. Dazu fehlt es Ihnen an Fug und Recht.« -- Doch der Matrose hatte nicht für gut gefunden, das Ende unseres Wortwechsels abzuwarten, sondern war bereits in die Schaluppe gesprungen. Ich bedachte mich keinen Augenblick, ihm dahin nachzufolgen, und war darüber her, ihn, wie sehr er sich auch sträubte, an Bord zurückzuziehen, bis auch der Leutnant herabkam und verlangte, daß ich die Schaluppe verlassen sollte.

Natürlich weigerte ich mich, und selbst als er drohte, daß er abstoßen und nach seinem Schiffe fahren werde, versicherte ich, daß ich gesonnen sei, _ohne_ meinen Matrosen nicht vom Flecke zu weichen. Schleppe er mich dann aber nach dem Kriegsschiffe hinüber, so bliebe das meinige und alles, was demselben begegnen könne, auf _seine_ Gefahr und Verantwortung. Indes setzten sie wirklich mit der Schaluppe ab, und ich behielt kaum die Zeit, meinem Steuermanne zuzurufen, daß er sich, solange ich nicht wieder an Bord käme, in der Nähe des Kriegsschiffes halten möchte.

Sobald wir auf diesem angekommen und der Handel dem Kapitän vorgetragen war, erklärte dieser, der Kerl sei ein Brite und er werde ihn auf seinem Schiffe behalten. »Dann, mein Herr,« entgegnete ich ihm, »mögen Sie auch _mich_ hier behalten, denn ich bleibe, wo mein Matrose ist, und mein Schiff dort schwimmt oder sinkt von diesem Augenblicke an auf Ihr Risiko. Tun Sie nun, was Ihnen beliebt! Totschlagen können Sie mich nicht vor so vielen Augen, und alles übrige werde ich erwarten.«

Diese Festigkeit schien den Kapitän doch einigermaßen stutzig zu machen. Er ging mit einigen Offizieren abseits in die Kajüte -- wahrscheinlich, um sich mit ihnen näher zu beraten; dann aber, als sie wieder zum Vorschein kamen, stieß der eine und andere von ihnen meinem aufsätzigen Matrosen in die Zähne und in die Rippen, und so wieder in die Schaluppe hinein, worauf ich ungenötigt folgte und mit meinem Ausreißer wieder an mein Schiff gebracht wurde. Damit jedoch diesem sein Frevel nicht ganz ungestraft hinginge, ward ich mit meinem Steuermanne einig, ihn mit Händen und Füßen an die große Spille festzubinden und so sein Gat durch jeden von unseren Leuten mittels eines Endchens Tau mit einer Anzahl wohlgemessener Hiebe heimsuchen zu lassen. Die Kur schien auch für die fortgesetzte Reise nicht ohne gute Wirkung zu bleiben.

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Seitdem wir die Küsten von Dover und Calais aus dem Gesichte verloren und abwechselnde, aber meist stürmische Winde uns elf Tage lang in der Nordsee umhergeworfen hatten, während welcher wir weder Jütland noch Norwegen oder sonst ein Land erblickten, wagten wir es dennoch, im guten Glauben an unsere geführte Schiffsrechnung und einige angestellte astronomische Beobachtungen, uns mit dem Senkblei in der Hand um die gefährliche Spitze von Skagerrak ins Kattegat hineinzutasten. Es glückte; aber gerade hier überfiel uns nunmehr auch ein schrecklicher Sturm aus Norden, der so hart in unser dicht eingerefftes Fock- und Vormarssegel blies, daß bald die Fetzen davon in den Lüften umherflogen.

Nach diesem Verluste wollte sich unser Schiff nicht mehr vor dem Winde steuern lassen, sondern ward unter den Wind gedreht. Es sollte eine andere neue Focke untergeschlagen werden, allein das Schiff arbeitete und schlenkerte in der brausenden, kochenden See voll blinder Klippen so gewaltig, und der Sturm hielt mit soviel Ungestüm an, daß wir alle kaum die Augen aufschlagen konnten. Das neue Focksegel ward zwar aus der Segelkammer hervorgezogen und an die Rahe geschlagen; allein sowie diese in die Höhe ging, peitschte auch jenes mit seinen Zipfeln dergestalt um sich, daß es in den nächsten Augenblicken ebenfalls in Lappen davongeführt wurde. Ich schrie, ich bat, ich fluchte meinem Volke entgegen, das oben auf den Masten saß, die Fäuste wie brave Kerle zu rühren und das Segel unter die Rahe zu bringen. Endlich stieg ich selbst in die Höhe und überzeugte mich, daß es schlechterdings unmöglich sei.

In diesem Augenblicke ward geschrien: »Brandung leewärts!« Das war die Minute der Entscheidung! Denn da das Schiff dem Ruder nicht mehr folgen mochte, so ward hier alle Kunst des Steuerns zu schanden! Wir wurden mit sehenden Augen in unseren Untergang hineingetrieben und standen nach wenigen Augenblicken auf einem Steinfelsen fest. Sogleich auch stürzte die stürmende See in furchtbaren Wogen über unser Schiff hinweg, daß der Schaum bis hoch an die Mastkörbe emporspritzte, indes jenes durch die gewaltigen Stöße am Boden durchlöchert wurde und voll Wasser lief. So war denn an ein Wiederabkommen von dieser Klippe und an Rettung des Schiffes gar nicht mehr zu denken!