Ein Mann Des Seefahrers und aufrechten Bürgers Joachim Nettelbeck wundersame Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt

Part 25

Chapter 253,718 wordsPublic domain

»Einem Schiffer steht frei, seine Leute zu züchtigen, und es darf keine Gegenwehr geschehen. Sollte aber ein Schiffsmann sich unterstehen, seinen Schiffer zu schlagen oder sonst zu mißhandeln: so wartet seiner der Galgen, nach Hamburger Recht. -- Ebenso nach englischem und holländischem Seerecht. -- Nach dänischen und schwedischen Gesetzen wird der Verbrecher mit der Hand an den Galgen genagelt, um 6 Stunden daran zu stehen, bis ihm das Messer, womit er angenagelt ist, wieder herausgezogen worden. -- Nach preußischem Seerecht wird er 6 Monat in Eisen an die Karre geschmiedet.«

Ich zeichnete nunmehr diese Gesetzstelle an, legte das Titelblatt mit den großgedruckten Worten »Hamburgisches Schiffs- und See-Recht« aufgeschlagen auf den Tisch, und meinen kurzen aber gewichtigen Rohrstock daneben, und zog nun die Glocke, die den Kajütenjungen mit seiner Frage: »Was zu Dienst?« herbeirief. -- »Der Bootsmann soll zu mir kommen.« -- Eine Minute später trat der Geforderte zuversichtlich in die Kajüte, deren Tür ich sofort hinter ihm ins Schloß warf.

»Kannst du Deutsch lesen, Bursche?« fragte ich ihn, indem ich ihm dicht auf den Leib trat. -- »Hm, ich werde ja! Was soll's damit?« lautete die Antwort. -- »So tritt her und lies diesen Titel. Das sind die Gesetze, wonach deine Vaterstadt dich und deinesgleichen richtet. Und nun lies und beherzige hier auch _diesen_ Artikel.« -- Er sah den Paragraphen überhin an und fuhr dann heraus: »Hoho, das ist nur Wischewäsche!« -- »So, guter Kerl? Nun, so will ich dir zeigen, was Wischewäsche ist,« und damit griff ich nach dem spanischen Rohr und walkte ihn durch aus Leibeskräften. Das böse Gewissen erlaubte dem Buben nicht, sich tätlich zu widersetzen, sondern er taumelte nur stöhnend aus einem Winkel in den anderen, um meinen Streichen zu entgehen. So geschah es, daß mein Strafgericht in dem engen Raume der Kajüte ebensowohl die umher angebrachten Glasschränke samt den darin befindlichen Gläsern und Tassen traf, was ich aber in meinem brennenden Eifer nicht achtete.

Endlich, da ich meinen Arm erlahmt fühlte, stieß ich den Taugenichts mit den Füßen zur Kajüte hinaus, riegelte die Tür hinter mir zu und nahm mir nun etwas Zeit zum Verschnaufen. Der Anfang zur Wiederherstellung meiner Autorität war glücklich gemacht und damit zugleich ein schwerer Stein von meinem Herzen gefallen. Die Kerle steckten in keinen reinen Schuhen und fingen an, bei meiner Entschlossenheit perplex zu werden. Ich durfte nun aber auch nicht auf halbem Wege stehen bleiben, sondern sie mußten noch gewichtiger fühlen, daß ich ihnen gewachsen war. Sobald ich mich demnach ein wenig erholt hatte, zog ich abermals die Schelle und ließ nunmehr auch den Koch vor mich fordern.

Der Schelm mochte nun wohl schon erfahren haben, was seiner wartete. Er leistete also zwar Gehorsam, beobachtete aber die kluge Vorsicht, die Tür nur gerade so weit zu öffnen, daß mir Nase und Augen sichtbar wurden. »Näher, Schurke!« donnerte ich ihm entgegen; er hingegen suchte mich zu begütigen und bat: »O, lieber Kapitän, laßt es doch gut sein!« -- Ich wiederholte mein Gebot; da er aber gleichwohl die Tür in der Hand behielt, warf ich ihm mein Rohr an den Kopf, und er sah dabei seine Gelegenheit ab, die Tür zuzuschnappen und sich aufs Verdeck zurückzuziehen. -- Auch der zweite Feind war nun aus dem Felde geschlagen; jetzt kam es noch darauf an, einen entscheidenden Hauptschlag zu vollführen und die Kerle durch plötzlichen Schreck vollends zu unterjochen.

Ich überlegte im Auf- und Abgehen, daß, je längere Zeit ich bei dem anhaltenden Gegenwinde bedürfen würde, um den Sund zu erreichen und mein rebellisches Volk durch obrigkeitlichen Beistand zu Paaren zu treiben, leicht in den nächsten Augenblicken sich etwas ereignen könnte, was seinen gesunkenen frechen Mut wieder höbe und das Übel ärger machte. Am gescheitesten also schien mir's, den nächsten norwegischen Nothafen aufzusuchen und dort Recht und Gerechtigkeit zu fordern.

Hierzu entschlossen, nahm ich meinen Schiffshauer unter den Arm, kam festen Schrittes auf das Verdeck hervor und gebot dem Manne am Ruder: »Paß auf, Junge, und steuere Nordnordost!« -- Das gesamte Schiffsvolk stand auf einem Haufen versammelt und steckte die Köpfe zusammen. Als ich ihnen aber zurief, nach vorn zu gehen und die Segel nach dem Winde zu ziehen, verrichteten sie diese Arbeit pünktlich und in sichtbarer Gemütsbewegung. Nur der Steuermann, der sich bei dem ganzen Vorgange wie ein Dummbart abseits gehalten, trat jetzt mit der verwunderten Frage zu mir heran: »Ei, Kapitän, wo denn nun hin?« -- »Wie?« rief ich in Gift und Galle, »Ihr seid Steuermann und begreift das nicht? Nach Norwegen geht der Kurs, und dort geradezu auf den Galgen los. Will ich meines Lebens und Schiffes sicher sein, so müssen binnen hier und drei Tagen ein paar Rebellen hoch in der Luft baumeln!«

Das sämtliche Volk hatte diese Drohung, wie es meine Absicht war, mit angehört. Ich hörte ihr Geflüster und sah, wie sie untereinander etwas ernstlich zu bereden schienen. Noch konnte ich nicht erraten, was sie im Schilde führten. Um aber auf alles gefaßt zu sein, zog ich meinen Hauer blank, trat mitten unter sie und fragte gebieterisch: was sie wollten? -- Der Bootsmann nahm für sie das Wort, dem sie nach und nach alle beifielen, und gestand mit Zerknirschung, sie hätten sich übereilt und vergangen, bäten mich um Vergebung und versprächen, sich hinfüro besser gegen mich zu betragen.

»Ei wohl!« entgegnete ich ihnen -- »Respekt und Gehorsam gegen mich verstehen sich wohl von selbst. Aber was ich wegen des Vergangenen über euch beschließe, darüber werde ich mich allerdings noch besinnen müssen. Jetzt an die Arbeit!« -- Für mich selbst aber zog ich nunmehr in Erwägung, daß, da die Kerle dergestalt zu Kreuze gekrochen, die Fahrt nach Norwegen nur eine unnötige Zeitversplitterung sein und es besseren Vorteil versprechen werde, in See zu bleiben und meine Reise möglichst zu beschleunigen. Indem ich sie also aufs neue zusammenberief, erklärte ich ihnen, daß ihr böser Handel vorerst mit dem Liebesmantel zugedeckt, wenngleich nicht ganz vergeben sein solle, was sich zu seiner Zeit weiter ausweisen werde.

Demnach änderte ich meinen Kurs wieder nach Osten gegen das Kattegatt, bis mich in der Nacht vom 2. zum 3. September ein dermaßen schrecklicher Sturm aus Nordosten überfiel, wie ich ihn kaum jemals erlebt habe und wie er in dieser beengten Meeresgegend verdoppelte Gefahr drohte. Am Abend vorher zählte ich in meinem Gesichtskreise, auf etwa zwei Meilen umher, nicht weniger als zweiundvierzig Segel, die gleich mir nach dem Sunde steuerten. Der Sturm verstärkte sich aber von Stunde zu Stunde, so daß ich endlich keinen einzigen Lappen Segel führen konnte und mit jeder Woge fürchten mußte, auf eine blinde Klippe zu stoßen, welche hier meilenweit vom Lande zu Hunderten umhergesät sind. Doch Gott erhielt uns wunderbarlich; am nächsten Morgen aber waren von jenen zweiundvierzig Schiffen nah und fern nicht mehr als vierzehn zu erblicken und gewiß ging der größte Teil der fehlenden in dieser entsetzlichen Nacht zugrunde. Für uns Gerettete hingegen stieg alsbald wieder ein freundliches Wetter auf, das uns glücklich nach dem Sunde führte.

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Hier nicht länger, als unumgänglich notwendig, zu verweilen, gab es noch einen geheimen Grund. Ich hatte meinem Vater schon von Hamburg aus nach Kolberg geschrieben, daß ich auf dieser Reise alles daransetzen würde, mich der Reede meiner Geburtsstadt dergestalt zu nähern, daß ich die Freude haben könnte, ihn und die Meinigen im Vorüberfahren auf einige Stunden bei mir am Borde zu begrüßen. Ich wollte dabei an einem roten Stender kenntlich sein, den ich am Vordertop würde wehen lassen, und ich bat ihn und alle guten Freunde, mir diesen gehofften Genuß nicht zu verderben.

In der Tat wollten mir auch Wind und Wellen so wohl, daß ich, obgleich erst zum 29. September, mich auf der Kolberger Reede zeigen konnte. Da es gerade ein Sonntag war, so befanden sich nicht bloß meine erbetenen Gäste, sondern auch noch anderweitige zahlreiche Bekannte auf der Münde, welchen der Besuch an meinem Schiffe eine gelegene Lustpartie schien, und die mir daher, vielleicht hundert Köpfe stark, gern gesehen, an meinem Borde zusprachen. Bei dem schönen Wetter ging ich gar nicht einmal vor Anker, sondern blieb mit Hin- und Herkreuzen unter Segel. Kajüte und Verdeck wimmelten von bekannten Gesichtern und fröhlichen Menschen, bis endlich abends alles wieder zu Lande fuhr, und ich darf mit Wahrheit sagen, daß ich diesen Tag für einen der vergnügtesten meines Lebens achte.

Nach genommenem Abschiede erhielt ich einen guten steifen Wind, der mich schon zu Abend des anderen Tages ins Angesicht von Memel brachte. Hier aber hatte er sich allmählich in einen Sturm verwandelt, der es den Lotsen unmöglich machte, zu uns heranzukommen, und keck, wie ich war, unternahm ich mir's, auf meine eigene Gefahr auf den Hafen zuzusetzen. Das Wagestück ließ sich auch gut genug an, bis ich zwischen die beiden Haken kam, wo sich's fand, daß das Fahrwasser viel zu westlich lief, als daß ich mich mit diesem Winde dagegen wenden konnte. Zwar machte ich, da hier Not an Mann ging, den verzweifelten Versuch, allein das Schiff wollte dem Steuer nicht länger folgen und trieb augenscheinlich gerade auf den Nordhaken zu.

Jetzt stand, mit der Entschließung des nächsten Augenblicks, unser Leben und alles auf dem Spiele. Ich ergriff ein Beil, kappte flugs das Bogreep und die übrigen Leinen, woran der Anker sich hielt und der nun mit seinem ganzen vollen Gewichte in den Grund fiel. Nun hatte das Schiff für den Moment den fehlenden festen Stützpunkt gefunden; es schwang sich um den Anker, und kaum hatte es sich auf diese Weise nach Wunsch gewandt, so hieb ich mit einem kräftigen Streiche auch das Ankertau entzwei, ließ den Anker stehen und kam glücklich und ohne Schaden wieder in See, bis des andern Tages der Wind nördlicher ging und ich in aller Gemächlichkeit den Hafen erreichte.

Obwohl nie ein Freund tyrannischer Härte in meinem Kommando, und auch hier nicht von einer besonderen Rachsucht getrieben, glaubte ich es doch sowohl mir selbst als dem allgemeinen Besten schuldig, meine Schiffsmannschaft wegen ihrer angezettelten Meuterei bei dem Seegerichte in Memel sofort nach meiner Ankunft anzuklagen. Die Sache ward untersucht und der Spruch fiel dahin aus, daß dem Bootsmann als Rädelsführer hundert Stockprügel in zwei Tagen, dem Koch fünfzig und noch einem Matrosen fünfundzwanzig zugezählt werden und sie ihrer verdienten Gage verlustig gehen sollten, welche den seefahrenden Armen zuerkannt wurde. Nach empfangener Strafe aber sollten sie über die nächste preußische Grenze gebracht werden.

Laut dieses Urteils wurden sie sogleich in die Militärwache abgeführt und an dem bestimmten Tage ein paar Unteroffiziere beordert, die Sentenz an ihnen zu vollziehen. Ich meinesteils erachtete es für gut und wohlgetan, mein übriges Schiffsvolk mit herbeizuführen, um Zeugen der Exekution zu sein und sich darin zu spiegeln. Die drei Kerle traten ziemlich keck aus dem Wachloche hervor und schienen den Korporalstock wenig zu fürchten, bis man sie aufs Hemd entkleidete und daneben der warmen Fütterung beraubte, wodurch sie sich zu schützen vermeint hatten. Hoffentlich drang nun der wohlverdiente Denkzettel durch die neunte Haut; ich aber, froh, ihrer los und ledig zu sein, nahm wieder in ihre Stelle drei englische Matrosen an, welche von einem Schiffe in Libau heimlich abgegangen waren.

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Gehörte jenes Strafgericht zu den Unannehmlichkeiten meines Aufenthaltes in Memel, so war mir hier doch auch eine zweifache herzliche Freude durch lebhafte Rückerinnerung an meine Jugendzeit vorbehalten. Nicht nur fand ich ganz unvermutet in dem Post- und Bankdirektor W** meinen einstmaligen treuen Taubenfreund wieder, dessen ich eingangs dieser meiner Lebensgeschichte unter einem bei weitem nicht so stattlich klingenden Titel gedacht und der mich mit voller alter Herzlichkeit aufnahm, sondern auch mit dem ehemaligen Kolberger Kaufmann Seeland traf ich hier zufällig zusammen, dessen Dörtchen mir einst, nach meinem verunglückten Turmritt, eine unvergeßliche Semmel zugesteckt hatte, und die ihn auch jetzt auf dem Wege nach der Insel Oesel begleitete, wo der gute verarmte Mann bei seinem Sohne, einem dort wohnenden Prediger, Zuflucht und Unterstützung suchte. Wie dauerte mich, um meiner jugendlichen Wohltäterin willen, das Schicksal dieser Familie! Aber wie machte mich's jetzt auch glücklich, daß ich meinem dankbaren Herzen seinen Willen lassen konnte!

Übrigens machte ich in Memel für meinen Patron ein noch besseres Geschäft, als ich gehofft hatte, indem ich, anstatt eine Ladung für eigene Rechnung einzunehmen, Gelegenheit fand, mit Herrn Kaufmann Wachsen eine leidlich gute Fracht auf Lissabon über eine Partie Schiffsmasten, fichtene Balken und Stangeneisen abzuschließen. Zufällige Umstände verhinderten jedoch, daß ich vor Anfang November nicht klar werden konnte, und dann hatte ich, des früh eingetretenen Winters wegen, Mühe, durch das Eis in See zu gelangen. Überdem noch trieben mich widrige Winde fast drei Wochen in der Ostsee umher, bevor ich in den Sund kam, nun aber mit günstigerer Fahrt die Nordsee erreichte.

Allein auf die Dauer eines solchen erwünschten Wetters war in dieser vorgerückten Jahreszeit freilich nicht zu rechnen und wirklich gab es auch schon in den ersten Tagen des Dezembers wieder konträren Wind und Sturm, wobei wir rings um uns her mancherlei Schiffstrümmer, Masten, Stangen, Ruder und ein umgekehrtes Boot treiben sahen. Noch auffallender aber war uns der Anblick eines Schiffes, etwa eine Meile nördlich vor uns, dem der große Mast fehlte und das noch mancherlei andere Spuren von Zertrümmerung zeigte.

Abends um acht Uhr, als wir des widrigen Windes wegen uns gegen Norden legen mußten und ich eben die Wache hatte, meldete mir der Ausgucker, daß er nahe vor uns ein Schiff gewahr werde. Ich ließ sofort eine Laterne aushängen und erwartete, daß auch jenes, wie es Brauch ist, ein gleiches tun werde, damit wir nicht zu nahe aneinander gerieten und uns beschädigten. Es geschah aber nicht; ich lief indessen so dicht vorüber, daß ich trotz der Dunkelheit deutlich erkennen konnte, wie ihm der große Mast fehlte und die See schäumend über Bord hinstürzte. Es war also ohne Zweifel das nämliche Schiff, welches wir schon tags zuvor erblickt hatten, und deuchte mir von ziemlicher Größe zu sein, aber steuerlos auf seiner Last zu treiben.

Im Vorübersegeln rief ich es zu wiederholten Malen durch das Sprachrohr mit Holla! Holla! an, erhielt jedoch keine Antwort und mußte daraus schließen, daß es von seiner Besatzung verlassen worden. Dies regte nun allmählich allerlei wunderliche Gedanken in mir auf, die sich endlich in die Vorstellung auflösten, das herrenlose Wrack mit dem grauenden Morgen wieder aufzusuchen, es ins Schlepptau zu nehmen und nach Norwegen zu führen, von dessen Küsten wir nur einige und zwanzig Meilen entfernt waren. Der Wind zur Fahrt dahin wehte günstig, und für die aufgewandte Zeit und Mühe schien ein so bedeutender Fund, auch ohne Rücksicht auf die etwaige Ladung, uns genügend entschädigen zu können.

Bei dem Wechsel der Wache um Mitternacht teilte ich diesen Anschlag dem Steuermanne mit, der meiner Meinung beistimmte und mit dem ich nunmehr für die übrige Nacht einen solchen Kurs verabredete, daß wir hoffen konnten, uns bei Tagesanbruch wieder in der Nähe jenes Schiffes zu befinden. In der Tat auch erblickten wir es kaum eine halbe Meile vor uns unter dem Winde. Obwohl nun das Wetter ziemlich stürmisch war, setzten wir doch sofort unser großes Boot aus, und indem wir uns mit unserem eigenen Schiffe dem Wrack bis auf eine Entfernung von etwa achtzig Klaftern näherten und mit dem Boote ein Kabeltau auslaufen ließen, versuchte ich, nebst den mit mir genommenen sechs Matrosen, unser möglichstes, dort an Bord zu gelangen.

Freilich ward dies Wagestück bald um so schwieriger, da wir's nicht verhindern konnten, hinten unter dem Schiffe vorübergetrieben zu werden, während dieses von den Wogen aufs heftigste gewälzt wurde und wir jeden Augenblick befürchten mußten, mit unserm Boote und dem schweren Ankertau in den Grund zu versinken. Endlich gelang es uns zu entern, das Ende des Taues zu befestigen und uns auf unserer Prise ein wenig umzusehen. Es war eine greuliche Zerstörung darauf vorgegangen, und sicherlich hätte das Schiff längst sinken müssen, wenn es nicht mit Holz und Balken geladen gewesen wäre.

Nachdem wir auf diesem Schiffe das Nötigste besorgt hatten, kehrten wir nach unserm eigenen zurück, hingen das andere Ende des Schlepptaues in unser Hinterteil und richteten nunmehr mit unserer neuen Last den Kurs auf Norwegen zu. Freilich hatten wir, da der Wind von hinten kräftig in unsere Segel blies, uns Rechnung gemacht, den Weg dahin rasch zurückzulegen, allein unsere nachgeschleppte Prise ging so tief und drückte so schwer, daß wir binnen einer Stunde kaum eine Viertelmeile fortrückten. Doch beharrten wir den ganzen Tag und die darauffolgende Nacht in unserm Beginnen.

Mit meiner Morgenwache aber, in der Stille der Dämmerung, stiegen mir wiederum allerlei Grillen in den Kopf, die mir diesen Handel je länger je bedenklicher machten. Ich erwog, was für eine langsame und mühselige Schlepperei dies abzugeben drohte, wie kurz in dieser Jahreszeit die Tage, und wie es gleichwohl, wenn wir nach Norwegen herein wollten, unumgänglich erforderlich sein werde, schon zur frühesten Morgenzeit nahe am Lande zu sein, um nicht unser eigenes Schiff den Klippen preiszugeben, die sich meilenweit längs der Küste in dichter und starrer Saat hinziehen. Überdem war auf den Bestand von Wind und Wetter keinen Augenblick zu rechnen, und so schien es am geratensten, ein Unternehmen lieber freiwillig aufzugeben, welches, selbst im glücklichsten Falle, ein unangemessenes Zeitversäumnis erforderte, leicht aber auch mich gegen meinen Reeder und Befrachter einer schweren Verantwortlichkeit bloßstellen konnte.

Ich eröffnete beim Wechsel der Wache dem Steuermanne auch diese meine veränderte Ansicht samt ihren Gründen und beschloß nun, mit ihm gemeinschaftlich das Schlepptau sofort wieder abzulösen und das Wrack seinem Schicksale zu überlassen. Noch während der Ablösung fiel es mir indes bei, daß es doch wohl recht und billig wäre, uns für unsere vergebliche Mühe und Zeitverlust durch irgend etwas, das uns nützen könnte und hier doch nur den Wellen schmählich preisgegeben war, schadlos zu halten. Mir fielen die Anker, welche noch alle unversehrt am Buge hingen, ins Auge. Ich befahl demnach, unser Tau in den größten derselben einzuknüpfen, die Leinen und Reepe, die es hielten, zu kappen und es fallen zu lassen, damit es jenseits von unserem Schiffe wieder emporgewunden werden könnte.

Dies geschah; wir stiegen in unser Boot zurück und ließen das Wrack treiben, ohne daß es uns möglich gewesen wäre, weitere Kundschaft einzuziehen. Nur so viel hatten wir bemerkt, daß es ein großes holländisches Flütschiff war, hinten den Namen »Dambord« und auch ein angemaltes Damenbrett im Spiegel führte. Einige Tage später trafen wir auf einen Holländer, der nach dem Texel wollte und dem ich zurief, daß ich in der und der Gegend ein Schiff seiner Nation als ein Wrack treibend gesehen, welches den Namen Dambord führte. Er möge solches, wenn er nach Amsterdam käme, an der Börse bekannt machen.

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Ohne ferneres denkwürdiges Begebnis langten wir in der Hälfte des Januars 1783 glücklich zu Lissabon wieder an und ankerten zufällig neben einer amerikanischen Fregatte von vierundvierzig Kanonen, deren Kapitän mir einige Tage später gesprächsweise als ein Deutscher, namens Johann Ollhof, genannt wurde. Wundersam fiel dieser Name mir auf, da ich mich erinnerte, im Jahre 1764 einen Matrosen Johann Ollhof im Dienste gehabt zu haben, der mir in Amsterdam, mit meinem guten Willen, entlief, und von dem ich seitdem nie wieder gehört hatte. Wie sich das damals begab, mag mir mit wenigen Worten zu erzählen erlaubt sein.

Ich war zu jener Zeit im Begriff, mit meinem Schiffe von Amsterdam wieder nach der Heimat zurückzukehren, als der gedachte Mensch, der ein sehr guter Junge und vom Treptower Deep gebürtig war, an einem Samstag zu mir in die Kajüte trat und mich bei Himmel und Erde beschwor, ihn hier freizulassen; denn wenn er wieder in seine Heimat müsse, erwarte ihn der leidige blaue Rock und dann sei er zeitlebens eine unglückliche und verlorene Kreatur. -- »Hört, Johann,« war meine Antwort, »ich mag Euer Unglück nicht, will aber übrigens von dem, was Ihr tut oder nicht tut, nichts wissen.« -- Er verstand mich und erwähnte noch seiner Monatsgage von einundzwanzig Gulden, die er bei mir gut habe. -- »Nun,« unterbrach ich ihn, »morgen ist ja Sonntag, wo wohl einige von unseren Leuten werden an Land gehen und auch Geld fordern wollen. Dann läßt sich weiter davon sprechen.«

Der Sonntagmorgen kam, mit ihm drei meiner Matrosen, denen auch Johann sich angeschlossen hatte, um sich Urlaub zum Erlustieren und auch Geld dazu von mir zu erbitten. Ich entließ sie mit der Ermahnung, keine Händel anzufangen und bei guter Zeit sich wieder am Borde einzustellen. Jeder erhielt ein paar Gulden; doch als Johann seinen vollen Lohn forderte, stellte ich mich zum Scheine befremdet, bis er mir erklärte, daß er seinen Geschwistern daheim allerlei Geschenke zugedacht habe, die er dafür einzukaufen gedenke. Allein am Abend kamen zwar die übrigen alle, nur mein Johann Ollhof nicht zum Vorschein. Natürlich gab ich mir auch keine sonderliche Mühe, seiner wieder habhaft zu werden, und so blieb er seinem guten oder bösen Geschicke überlassen.

Jetzt, da ich mich eben im Gewühle der Lissaboner Börse befand, hörte ich einen Kaufmann laut nach dem »Kapitän Johann Ollhof« rufen, den ich selbst in dem dichten Haufen nicht gewahr zu werden vermochte. Doch sah ich gleich darauf eine Figur nach jenem sich hinwenden, in welcher ich mit freudigem Erschrecken trotz der glänzenden Uniform, des Degens und der Schärpe augenblicklich meinen ehemaligen Deserteur erkannte. Wie hätte ich mich enthalten können, mit rascher Bewegung und der Frage auf ihn zuzutreten: »Ist's möglich? Johann Ollhof, seid Ihr es?« -- Verwundert sah er mir scharf ins Gesicht, erkannte mich im nächsten Moment nicht minder und fiel mir mit dem Freudenruf um den Hals: »Kapitän Nettelbeck -- _Sie_ finde ich hier wieder?«

Nun gab es unzählige Fragen, die mir seine mancherlei Glückswechsel und sein schnelles Steigen im Seedienste der jungen Republik erklärten. Er drang in mich, am Nachmittage zu ihm an Bord zu kommen, wohin er mich abholen lassen wolle. Dagegen bestand ich darauf, daß es ihm, dem jüngeren, wohl geziemen würde, mir den ersten Besuch zu machen. Auch hätte ich ein Schiff unter den Füßen, auf welchem ich mich nicht schämen dürfte, einen so lieben Gast zu empfangen. Er gab mir recht und versprach, bei mir zu erscheinen.

In der Tat legte seine Schaluppe, mit zwölf ausgeputzten Ruderern, zur bestimmten Zeit an meine Seite, und er kam, von einigen seiner Offiziere begleitet, zu mir an Bord, wo das Verdeck zum Teil mit in der Ausladung begriffenen Eisenstangen angefüllt lag, wie denn überhaupt mein Schiff ein wenig tief ging. Kaum angekommen, machte er hierüber seine Bemerkung und rief: »Mein Gott, Freund, wie können Sie doch Ihr Leben auf so einem Kasten wagen?« -- Ich will nicht leugnen, daß dieser Hochmut mich ein wenig verdroß und daß ich mein Schiff nicht verachten lassen wollte. Darum versetzte ich: »Johann Ollhof, mir deucht, daß Ihr, solange Ihr noch ein Preuße hießet, wohl nie das Glück gehabt, auf einem solchen Schiffe, wie dieses, zu fahren.«