Part 14
»Fahrt meinetwegen, wenn Ihr Lust habt, zu ersaufen!« gab er mir verdrießlich zur Antwort; und ich hielt ihn sogleich, wenigstens wegen des ersteren, beim Worte. Die Schaluppe ward mit dem größten Feuer angegriffen, in die Takel gehängt und über Bord gesetzt. Noch hatte sie ihr nasses Element nicht erreicht, als ich mich bereits hineinstürzte. Alles stürzte mir nach und wollte mich begleiten, so daß ich genug zu steuern und abzuwehren hatte, um nicht mehr als die beschlossene Zahl von zwölf Mann hinüber zu lassen, die ich namentlich aufrief und als tüchtige zuverlässige Kerle kannte. Da auch, von dem neulichen Scheingefecht her, die offene Gewehrkiste noch auf dem Verdeck vorhanden war, so wurden uns Pistolen und Hauer in solchem Überflusse zugelegt, ja sogar in die Schaluppe geworfen, daß ich genug mit Händen und Füßen abzuwehren hatte.
So gingen wir nun mit unserem Fahrzeuge vor See und Wind gerade auf das Schiff zu, welches auch kaum in der Weite eines Pistolenschusses vor uns auf den Wellen trieb. Leichter und glücklicher, als ich selbst gehofft hatte, legten wir uns ihm an Bord; und gehörig bewaffnet stieg ich sofort mit elf Mann auf dasselbe hinüber, während der zwölfte im Boote zurückblieb und dieses mit einem Schlepptau hinten angehängt wurde. Auf dem Verdeck fanden wir, wie zu vermuten war, niemand als jenen Hund, der uns freundlich zuwedelte und die Hände leckte, und einen Behälter mit lebendigen Hühnern und Enten, die noch Gerste und frisches Wasser im Troge hatten. Überall lagen Kleidungsstücke zerstreut umher. Die Schaluppe stand, wie sich's gehört, im Boote; alles ordentlich befestigt; kein Takel hing über Bord, woraus man hätte schließen mögen, daß etwa ein Fahrzeug zur Flucht der Mannschaft ins Wasser gelassen worden, weil das Schiff vielleicht leck geworden und man das Sinken befürchtet hätte.
Dies zu ergründen, stellte ich sofort meine Leute an beide Pumpen; und mittlerweile daß sie diese in Bewegung setzten, ging ich auf dem Schiffe von hinten nach vorn und nach allen Seiten, besah mir's oben und unten und nahm endlich wahr, daß die Tür zur Kajüte niedergehauen war. Sogar das Beil, womit dies geschehen sein mochte, lag noch daneben. Ich erschrak nicht wenig über diesen unvermuteten Anblick: denn nun schoß mir's aufs Herz, daß hier gottlose Buben gehaust haben müßten, die den Kapitän oder sonstigen Befehlshaber ermordet haben müßten und sich in diesem Augenblicke vielleicht absichtlich im unteren Raume versteckt hielten. Voll von dieser Vorstellung, hielt ich es auch nicht für ratsam, mich dahinunter zu wagen.
Unterdes hatten meine Begleiter wacker an den Pumpen gearbeitet und erklärten nach etwa zwölf bis fünfzehn Minuten: das Schiff sei rein und die Pumpen zögen kein Wasser mehr. »So kommt denn alle!« rief ich -- »nehmt eure Wehren zur Hand, spannt den Hahn und folgt mir dicht zusammengeschlossen nach.« -- In solcher Ordnung nun stiegen wir zuvörderst in die Kajüte hinab, wo der zertrümmerte Eingang uns nichts als einen vollen Greuel der Verwüstung erwarten ließ. Dem war jedoch keineswegs also, sondern überall das Geräte in bester Ordnung, als ob gar nichts vorgefallen. Ich hob den Deckel von einer Seitenbank empor und fand den Sitz angefüllt mit Weinflaschen, die sorgsam in Stroh gepackt waren. Zu näherer Untersuchung zog ich eine daraus hervor, hielt sie gegen das Licht und fand sie mit rotem Clairet gefüllt. Eine Schieblade im Tische, die ich hervorzog, enthielt allerlei Tafelgerät, Messer, Gabeln usw. Ich nahm ein Messer, schlug jener Bouteille den Hals ab, und wir machten ein Schlückchen nach dem andern, bis uns der Boden entgegenleuchtete. Nun machten meine Gefährten nicht übel Miene, auch dem Reste auf gleiche Weise zuzusprechen: allein, bange vor den möglichen Folgen, rief ich mein »Halt! Keinen Tropfen mehr!« dazwischen und schritt sofort zu einer weiteren Untersuchung.
In einer anderen Schieblade, die ich öffnete, fiel mir ein starkes Pack Briefe in die Hände, deren Aufschriften sämtlich nach Port au Prince, Martinique, Guadeloupe und andern französischen Inseln lauteten. Ich griff einige auf gut Glück daraus hervor und steckte sie zu mir, um sie demnächst bei besserer Muße genauer zu untersuchen. Für den Augenblick aber ward meine volle Aufmerksamkeit von einer Luke angezogen, die sich in der Mitte des Fußbodens der Kajüte vorfand und angelweit offen stand. »Hier wird es doch der Mühe wert sein, hinunterzusteigen,« sagte ich zu meinen Leuten; -- »wäre es auch nur, um zu erfahren, womit das Schiff geladen sein mag.« -- Zu gleicher Zeit ließ ich mich an den Händen hinab, ohne jedoch mit den Füßen Grund zu erreichen. »Nun, es wird ja so tief nicht mehr sein!« dachte ich bei mir selbst, ließ oben fahren und purzelte auf einen Haufen, den ich alsbald für Steinkohlen erkannte.
Indem ich über dies unbequeme Lager hinüberkroch, geriet ich, bald hier bald dort im Dunkeln umhertappend, an Fässer, Ballen und Packen in Bastmatten gehüllt, die mich auf eine vermischte Ladung schließen ließen. Unwillkürlich aber stieg mir bei dieser irren Beschäftigung auch die Befürchtung zu Kopf, daß in diesem Chaos auch wohl Menschen stecken und mir auf den Dienst lauern könnten. Schon war mir's, als ob sie mir überall auf dem Nacken säßen, als würde bei jedem nächsten Tritte eine grimmige Faust mich anpacken. Vergeblich sträubte sich mein Mut und suchte diesen feigherzigen Gedanken abzuschütteln. Mich ergriff ein Zittern, das mich mit einer Gänsehaut überlief und wohl oder übel wieder nach dem Tageslichte hin zurückdrängte. Erst dann ward mir wieder wohl, als ich oben an der Luke ein paar von meinen Gefährten erblickte, die auf den Knien lagen und in den Raum hinabsahen. An ihren dargereichten Händen ward ich wieder emporgezogen.
Inzwischen war auch mein Kapitän bei seinem Manövrieren dem Schiffe wieder nahe genug gekommen, um mir durchs Sprachrohr zuzurufen, wie es an meinem Borde stände. Ich antwortete, das Schiff sei fest und dicht und alles darauf in guter Ordnung, aber nicht Mann noch Maus darauf zu spüren. Er befahl mir darauf, ihm die Schaluppe mit acht Mann hinüber zu schicken, weil er selbst willens wäre, den Fund in Augenschein zu nehmen. Das erstere geschah; als er jedoch auf dem Herwege noch etwa achtzig Klafter von meinem Borde entfernt war, erhob sich plötzlich ein so heftiger Wirbelwind, daß man sich auf unserem eigenen Schiffe genötigt sah, die Segel eiligst einzuziehen. Dieser Zufall benahm meinem Kapitän den Mut. »Kommt! kommt! Zu mir herüber!« rief er mir aus dem Fahrzeuge zu; und indem er an meine Seite legte, hörte er nicht auf mit: »Her zu mir, in die Schaluppe! Fort! fort!« -- bis ich ihm den Willen tat, mit dem Rest meiner Leute zu ihm einstieg, und solchergestalt mit ihm nach unserem Schiffe zurückruderte. Als wir dort ankamen, ward die Schaluppe unter die Takel gebracht, emporgehoben und wieder an ihrem Platze befestigt.
Sobald wir nun wieder in Ordnung und zur Besinnung gekommen waren, galt es die Frage: Was mit dem herrenlosen Schiffe zu tun oder zu lassen sei. -- Ich und mehrere mit mir stellten dem Kapitän auf das triftigste vor, daß es doch Sünde und Schande sein würde, wenn wir diesen Fund so um nichts und wieder nichts aufgeben wollten. Allein wie dringend wir ihm auch anlagen, so schien doch sein Widerwille gegen jedes weitere Vornehmen zu diesem Zwecke so gut als unbezwinglich, und, wohlerwogen, war es ihm eigentlich auch nicht zu verdenken, wenn er üble Lust bezeigte, sich mit einem Handel dieser Art zu schaffen zu machen. Die Sache hing aber so zusammen:
Auf seiner vorigen Fahrt nach der Küste von Guinea hatte Kapitän Harmel von einem englischen Sklavenschiffe Besitz genommen, das infolge einer unter den Schwarzen ausgebrochenen Meuterei von diesen überwältigt worden war. Sie hatten, beinahe hundert Köpfe stark, die ganze Schiffsmannschaft bis auf einen Steuermann und zwei Matrosen ermordet, welche unter dem Beding verschont worden waren, daß sie die Neger in deren Heimat zurückführen sollten. Auf diesem Zuge nun fielen sie meinem Kapitän in die Hände, und es munkelte nicht nur, daß er mit ihnen, wie mit der Schiffsladung, nicht zum besten gewirtschaftet, sondern daß auch das Schiff selbst von seinen daraufgesetzten Leuten verwahrlost und bei St. Georg de la Mina gestrandet sei. Hierüber hatten die Reeder desselben in England gegen Harmel ein gerichtliches Verfahren eingeleitet und wollten ihn für nichts besseres als einen Seeräuber erklärt wissen. Dieser Prozeß schwebte noch vor den holländischen Gerichten, und je zweifelhafter es war, wie das Endurteil ausfallen könnte, um so weniger mochte er allerdings Neigung in sich spüren, etwas Frisches auf sein Kerbholz zu bringen.
Wir jedoch, die wir die Sache mit ganz anderen Augen ansahen, drangen so ungestüm und unablässig in ihn, das Schiff zu besetzen, daß er endlich einwilligte, die große Schiffsglocke läuten zu lassen und einen allgemeinen Schiffsrat zu halten. Es ward beschlossen, daß zwölf von den Unseren das Schiff zur Notdurft bemannen und ich die Ehre haben sollte, es nach einem holländischen Hafen in Sicherheit zu bringen.
»Gut gemeint, aber schlecht beraten,« war meine Einrede, »und so muß ich mich der zugedachten Ehre höflichst bedanken. Wer möchte wohl eine solche Kommission so losen Fußes auf sich nehmen? Denn wie? wenn nun auf dem Wege nach Europa irgendein englisches, französisches oder anderweitiges Kriegsschiff auf mich stieße und nach meinen Schiffspapieren fragte? Möchte ich zehnmal versichern und schwören, daß es mit dem Funde ehrlich und christlich zugegangen, wer würde mir's glauben und mich nicht vielmehr für einen argen Freibeuter erklären und mir und all meinen Gefährten die hanfene Schleife zuerkennen? -- Und steckt nicht noch dort die Kugel im Schiffsrumpfe in dem gesplitterten Barkholze, die wir vorhin abgeschossen haben und die Zeugnis von gebrauchter Gewalt gegen uns ablegen würde? Im besten Falle würden wir in ein finsteres Loch gesteckt und könnten schwitzen, bis wir schwarz würden, bevor die Mannschaft der Christina, die unterdes in den afrikanischen Gewässern umherschweifte, vernommen werden könnte und uns wieder aus der Patsche hülfe.«
Meinem Bedenken war nicht füglich zu widersprechen, doch fand und ergriff man endlich den Ausweg, daß, zu meiner besseren Beglaubigung, ein schriftliches Zeugnis über den ganzen Hergang, mit all seinen besonderen Umständen, ausgefertigt und von der gesamten Harmelschen Schiffsmannschaft eigenhändig unterzeichnet werden sollte. Da es nun in Holland herkömmliche Einrichtung ist, daß vor dem Auslaufen eines jeden Schiffes die gesamte Besatzung ihre Namenszüge bei der Admiralität in die Schiffsregister eintragen muß, um vorkommenden Falles dadurch bewahrheitet zu werden, so konnte die Echtheit dieser Urkunde in Rotterdam unfehlbar ausgemittelt werden und diesem Beweise unserer Ehrlichkeit nichts zur Gültigkeit abgehen. Auch ich erklärte mich nun mit einem solchen Passe zufrieden.
Inzwischen nahte der Abend bereits heran, und bei dem stürmischen Wetter schien es am ratsamsten, jene Ausfertigung bis zum nächsten Morgen zu verschieben; damit jedoch dem fremden Schiffe bis dahin, falls es länger sich selbst überlassen bliebe, kein Zufall zustieße, sollte der Untersteuermann Peters dasselbe mit zehn Matrosen vorläufig sogleich in Obhut nehmen. Seine Instruktion lautete dahin, sich mit dem Schiffe so nahe als möglich an dem unserigen zu halten, und es wurden die Signale verabredet, woran beide sich während der Nacht erkennen wollten. Zwar kannten wir ihn als einen nicht sonderlich gewiegten Seemann, doch schien der Dienst, wozu er beordert worden, um so weniger bedenklich, da ich ihn binnen zwölf oder fünfzehn Stunden abzulösen gedachte, um sodann das Schiff nach Holland heimzuführen.
So fuhr denn Peters mit seiner Mannschaft in unserer Schaluppe hinüber; die Segel wurden dort den unserigen gleichgestellt, und das Schiff gewann wieder einen festen und regelmäßigen Gang, bei welchem es, etwa in der Entfernung eines Kanonenschusses, uns zur Seite blieb. Mit Einbruch der Nacht steckten wir unsere Laterne aus, und dort geschah ein Gleiches. Ich versah die erste Wache von acht bis zwölf Uhr und nahm mit meinen Leuten wahr, daß sich das jenseitige Licht je mehr und mehr entfernte und endlich zwischen zehn und elf Uhr gar erlosch. Augenblicklich ward dies dem Kapitän gemeldet und hierauf beschlossen, einen Stückschuß abzufeuern, um unserem Gefährten unsere Richtung anzugeben.
Der Erfolg war keineswegs befriedigend. Wir wiederholten nun diese Signalschüsse von Zeit zu Zeit die ganze Nacht hindurch, ja steckten endlich selbst scharfe Patronen auf, um den Knall zu verstärken und in desto weitere Ferne gehört zu werden. Unter steigender Unruhe graute endlich der Morgen heran, alles eilte an den Masten hinauf, um sich rings umher umzusehen. Umsonst! Freund Peters samt unserer Prise war und blieb verschwunden!
Unsere Bestürzung war nicht gering. Wie war dies zugegangen? Was _war_ geschehen? Was _konnte_ geschehen sein? Ein unermeßliches Feld eröffnete sich unseren Mutmaßungen und Zweifeln. Manche waren der Meinung, unsere Leute wären samt dem Schiffe gesunken; so wie es auch zuvor schon von seiner eigentlichen Besatzung um irgend eines nicht mehr zu stopfenden Lecks willen verlassen worden sein möchte. Dem mußte ich aber mit Fug entgegnen, daß ich samt allen, die mit mir an Bord gewesen, das Schiff dicht und gut befunden, daß wir das wenige Wasser, das sich am Kiele gesammelt, mit leichter Mühe ausgepumpt, und daß ich ja auch selbst in den Raum hinabgestiegen gewesen, ohne etwas von eingedrungenem Wasser zu spüren. Billig also ward diese Voraussetzung verworfen.
Möglicher aber schien es uns und stieg bald zur ängstlichen Besorgnis, daß allerdings doch Leute im Schiffe versteckt gewesen, die bei Nacht unversehens hervorgebrochen, die unsrigen überwältigt und ermordet und sich, unter Begünstigung der Finsternis, davongemacht hätten. Gewalttätigkeit und Meuterei schien, wie die zersplitterte Kajütentüre bewies, allerdings vor der Begegnung mit uns auf dem Schiffe stattgefunden zu haben. Wußten sich nun die Empörer schuldig, so war es wohl natürlich, daß sie, als sie uns unter Flagge und Wimpel auf sich zukommen und sie mit Kanonenschüssen begrüßen sahen, in der Unmöglichkeit, uns zu entkommen, sich lieber in die geheimsten Winkel verkrochen hatten und es auf den Zufall ankommen lassen, ob wir sie entdecken oder ob sie vielleicht den Mantel der Nacht gewinnen würden, um mit dem Schiffe wieder durchzugehen. Wir hatten also wohl nur zu viel Ursache, das Schicksal unserer armen zwölf Gefährten zu bedauern.
Allein selbst wenn wir ihnen auch das bessere Los wünschen wollten, daß sie -- sei es durch Zufall, Ungeschicklichkeit, oder gar durch vorsätzlichen bösen Willen, -- in der Nacht von uns abgekommen, so waren sie darum noch wenig besser beraten; und nicht nur sahen sie sich all den Gefahren ausgesetzt, die ich gescheut und zu vermeiden gesucht hatte, sondern es stand auch überhaupt gar sehr dahin, ob sie jemals Holland oder irgendeine andre Küste wohlbehalten erreichen möchten. Der Steuermann war, wie schon gesagt, ein Dummbart, welcher der Führung eines Schiffes auf einen so weiten Weg keineswegs gewachsen war. Doch hätte es auch besser um sein Wissen gestanden, so fehlte es ihm auch zu einem solchen, nimmer von ihm zu erwartenden Wagestück ganz an einem festen Punkte, welchen er bei seiner Schiffsrechnung hätte zum Grunde legen können, denn in der Eile, womit seine Absendung betrieben wurde, war entweder nicht daran gedacht, oder überhaupt für die kurze Zeit seines Dienstes nicht für nötig gehalten worden, ihm unsere zuletzt beobachtete Länge und Breite mitzugeben. Ebensowenig fand er dort Instrumente nach holländischer Art (wie er sie allein gewohnt war), um die Sonnenhöhe zu nehmen; und fielen ihm auch die dort geführten Schiffsjournale und Seekarten in die Hände, so blieben sie ihm doch ebenso unnütz zum Gebrauche, da sie in französischer Sprache verzeichnet waren. Immer also gaben wir, nicht ohne Kummer, ihn und die Seinen verloren.
Erst einige Tage nachher klärte sich wenigstens einiges, was uns an diesem Schiffe rätselhaft war, um etwas auf, aber den völligen Zusammenhang der Dinge, sowie das weitere Schicksal desselben, sollte uns erst in späterer Zeit und auf verschiedenen Wegen zur Kenntnis kommen. Jene ersten Entdeckungen ergaben sich uns, als ich zufällig den Schanzloper wieder auf den Leib zog, welchen ich zu jenem Male, da ich auf dem fremden Schiffe gewesen, getragen. Indem ich nämlich zufällig in die Tasche griff, kamen mir die Briefe wieder in die Hände, welche ich damals zu mir gesteckt hatte, ohne mich ihrer bis jetzt wieder zu erinnern. Ich eilte mit meinem Funde zu dem Kapitän in die Kajüte, und es gab kein Bedenken, die Briefe zu öffnen, damit wir einst im entstehenden Falle um so leichter von unserm bestandenen Abenteuer Rede und Antwort zu geben vermöchten.
Zwar waren diese Papiere, wie wir nunmehr ersahen, französisch abgefaßt und also uns beiden unverständlich; allein wir hatten einen französischen Matrosen namens Josephe an Bord, welcher sofort gerufen wurde, um uns als Dolmetscher zu dienen. So bestätigte sich denn unsere frühere Vermutung, daß das verlassene Schiff ein französisches gewesen. Es war von Havre de Grace ausgegangen, und zwar nur vier Tage früher, als wir von Goree in See gelaufen. Martinique hatte sein Bestimmungsort sein sollen. Name des Schiffes sowie des Kapitäns sind mir wieder entfallen, auf die Sache selbst aber werde ich noch weiterhin wieder zurückkommen.
Inzwischen beförderten wir unsere Reise nach Möglichkeit, kamen ins Gesicht von Madeira und Teneriffa, passierten die Kapverdischen Inseln und erblickten am 24. Dezember die Küste von Guinea unter vier Grad zehn Minuten nördlicher Breite, liefen anfangs nach der Sierra Leona hinauf und warfen endlich am 4. Januar 1772 vor Kap Mesurado den Anker.
Zweiter Teil
Bevor ich in meinem Lebensberichte fortfahre und mich zu den kleinen Abenteuern hinwende, die mir an der afrikanischen Küste begegnet sind, wolle mir der geneigte Leser über die nunmehr ergriffene Lebensart einige Entschuldigung zugute kommen lassen. »Wie?« wird er vielleicht bei sich selbst gesagt haben, »Nettelbeck ein Sklavenhändler? Wie kommt ein so verrufenes Handwerk mit seinem ehrlichen pommerschen Herzen zusammen?« -- Allein das ist es ja eben, daß dies Handwerk zu damaliger Zeit bei weitem nicht in einem solchen Verrufe stand, als seitdem man, besonders in England, wider den Sklavenhandel (und auch wohl nicht mit Unrecht) als einen Schandfleck der Menschheit geschrieben und im Parlamente gesprochen hat, und wenn er durch dies nachdrückliche Geschrei entweder ganz abgekommen ist oder doch mit heilsamer Einschränkung betrieben wird, so ist gewiß auch der alte Nettelbeck nicht der letzte, der seine herzliche Freude darüber hat. Aber vor fünfzig Jahren galt dieser böse Menschenhandel als ein Gewerbe, wie andere, ohne daß man viel über seine Recht- oder Unrechtmäßigkeit grübelte. Wer sich dazu brauchen ließ, hatte Aussicht auf einen harten und beschwerlichen Dienst, aber auch auf leidlichen Gewinn. Barbarische Grausamkeit gegen die eingekaufte Menschenladung war nicht notwendigerweise damit verbunden und fand auch wohl nur in einzelnen Fällen statt; auch habe ich meinesteils nie dazu geraten oder geholfen. Freilich stieß ich oft genug auf Roheit und Härte; aber _die_ waren mir leider überall, wohin der Beruf des Seemanns mich führte, ein nur zu gewohnter Anblick und konnten mir daher eine Lebensweise nicht verleiden, mit der ich schon bei meinem ersten Ausfluge in die Welt vertraut geworden war, und zu der ich also jetzt um so unbedenklicher zurückkehrte.
Zu besserem Verständnisse des Folgenden wird es erforderlich sein, einige Worte über die Art und Weise, wie dieser Negerhandel damals von den Holländern betrieben wurde, beizubringen.
* * * * *
Da hier Menschen nun einmal als Ware angesehen wurden, um gegen die Erzeugnisse des europäischen Kunstfleißes ausgetauscht zu werden, so kam es hauptsächlich darauf an, solche Artikel zu wählen, welche Bedürfnis oder Luxus den Schwarzen am unentbehrlichsten gemacht hatte. Schießgewehre aller Art und Schießpulver in kleinen Fässern von acht bis zweiunddreißig Pfund nahmen hierunter die erste Stelle ein. Fast ebenso begehrt war Tabak, sowohl geschnitten als in Blättern, samt irdenen Pfeifen, und Branntwein. Kattune von allen Sorten und Farben lagen in Stücken von einundzwanzig bis vierundzwanzig Ellen, sowie auch dergleichen oder leinene und seidene Tücher, deren sechs bis zwölf zusammengewirkt waren. Ebensowenig durfte ein guter Vorrat von leinenen Lappen, drei Ellen lang und halb so breit, fehlen, die dort als Leibschurz getragen werden. Den Rest der Ladung füllten allerlei kurze Waren, als kleine Spiegel, Messer aller Art, bunte Korallen, Nähnadeln und Zwirn, Fayence, Feuersteine, Fischangeln und dergleichen.
Einmal gewöhnt, diese verschiedenen Artikel von den Europäern zu erhalten, können und wollen die Afrikaner sowohl an der Küste als tiefer im Lande sie nicht missen und sind darum unablässig darauf bedacht, sich _die_ Ware zu verschaffen, wogegen sie sie eintauschen können. Also ist auch das ganze Land immerfort in kleine Parteien geteilt, die sich feindlich in den Haaren liegen und alle Gefangenen, welche sie machen, entweder an die schwarzen Sklavenhändler verkaufen oder sie unmittelbar zu den europäischen Sklavenschiffen abführen. Allein oft, wenn es ihnen an solcher Kriegsbeute fehlt und sie neue Warenvorräte bedürfen, greifen ihre Häuptlinge, die eine despotische Gewalt über ihre Untertanen ausüben, diejenigen auf, welche sie für die entbehrlichsten halten, oder es geschieht wohl auch, daß der Vater sein Kind, der Mann das Weib und der Bruder den Bruder auf den Sklavenmarkt zum Verkaufe schleppt. Man begreift leicht, daß es bei solchen Raubzügen an Grausamkeiten jeder Art nicht fehlen kann und daß sich alle diese Länder dabei in dem elendesten Zustande befinden. Aber ebensowenig kann auch abgeleugnet werden, daß die erste Veranlassung zu all diesem Elende von den Europäern herrührt, welche durch ihre eifrige Nachfrage den Menschenraub bisher begünstigt und unterhalten haben.
Ihre zu diesem Handel ausgerüsteten Schiffe pflegten längs der ganzen Küste von Guinea zu kreuzen und hielten sich unter wenigen Segeln stets etwa eine halbe Meile oder etwas mehr vom Ufer. Wurden sie dann am Lande von Negern erblickt, welche Sklaven oder Elefantenzähne zu verhandeln hatten, so machten diese am Lande ein Feuer an, um dem Schiffe durch den aufsteigenden Rauch ein Zeichen zu geben, daß es vor Anker ginge; warfen sich aber auch zu gleicher Zeit in ihre Kanots und kamen an Bord, um die zur Schau ausgelegten Warenartikel zu mustern. Vor ihrer Entfernung versprachen sie dann, mit einem reichen Vorrat von Sklaven und Zähnen sich wieder einzufinden, oft jedoch ohne darin Wort halten zu können oder zu wollen.
Gewöhnlich aber erschienen sie zu wirklichem Abschluß des Handels mit ihrer Ware am nächsten Morgen, als der bequemsten Tageszeit für diesen Verkehr. Denn da dort jede Nacht ein Landwind weht, so hat dies auch bis zum nächsten Mittag eine ruhige und stille See zur Folge. Dann steigt wieder ein Seewind auf, die Brandung wälzt sich ungestümer gegen den Strand, und die kleinen Kanots der Schwarzen können sich nicht hinaus wagen. Das Fahrzeug, welches die verkäuflichen Sklaven enthielt, war in der Regel noch von einem halben Dutzend anderer, jedes mit mehreren Menschen angefüllt, begleitet, welche alle einen Anteil an der unglücklichen Ware hatten. Allein nur acht oder höchstens zehn aus der Menge wurden mit an Bord gelassen, während die übrigen in ihren Kanots das Schiff umschwärmten und ein tolles Geschrei verführten.