Ein Mann Des Seefahrers und aufrechten Bürgers Joachim Nettelbeck wundersame Lebensgeschichte von ihm selbst erzählt

Part 11

Chapter 113,526 wordsPublic domain

Ich folgte ihnen und wartete bis zu dem Augenblicke, wo sie sämtlich in die Schaluppe steigen wollten, um nach dem Schiffe überzusetzen. Hier klopfte ich dem Schiffer unversehens auf die Schulter und rief: »Willkommen in Amsterdam!« -- Er blickte hinter sich, ward starr wie eine Bildsäule und auch so blaß, als er mich endlich erkannte. Ich änderte indes nichts in meiner höflichen Gelassenheit, wie bitter mir's auch ankam, meinen gerechten Groll zu verbeißen; denn ehe ich gegen ihn losfuhr, wie er's verdient hatte, mußte ich mir erst seine Gotenburger Havarierechnung haben vorlegen lassen, um zu wissen, ob und wie diese gegen meine Assekurateurs zu rechtfertigen wäre, die in Amsterdam zur Stelle waren und auf mein Schiff achttausend Gulden gezeichnet hatten. Jene Havarie aber betrug, soviel mir vorläufig bewußt war, noch etwas mehr sogar, als diese Summe.

Ich setzte mich nun, als ein schwerlich sehr willkommener Gast, mit in das Boot und begleitete ihn an Bord. Unmittelbar darauf holten wir das Schiff in die Lage zu den übrigen vor Anker, wo es, nach meinem Wunsche, neben dem vorbenannten Henke zu liegen kam. Dies gab mir die Bequemlichkeit, mich entweder an meinem eigenen Borde, oder bei diesem meinem Freunde in der Nähe zu verweilen und gute Aufsicht zu halten, während die Ladung gelöscht und das Schiff bis auf den untersten Grund leer wurde. Hier vermißte ich denn nun zunächst achtzig eichene Planken, die ich in Königsberg zum Garnieren des Schiffbodens mitgegeben hatte. Wo konnten _die_ geblieben sein? Ich erhielt die Auskunft vom Schiffer, daß sie in Gotenburg, zugleich mit der übrigen gelöschten Ladung, ans Land gekommen und dort, ohne sein Wissen und Willen, vom Schiffsvolke von Zeit zu Zeit beiseite gebracht und heimlich verkauft worden. Das Volk hinwiederum wälzte alle Schuld von sich ab und behauptete, der Schiffer selbst habe die Planken verkauft.

Nicht besser stand es um einen Schiffsanker von achthundert Pfund, der mir auf meinem vorigen Schiffe und bei einer früheren Reise am Bollwerke zu Pillau in einem Sturme zerbrochen worden. Da die beiden Stücke in Königsberg nicht wieder zusammengeschmiedet werden konnten, so hatte ich sie dem Steinkraus mitgegeben, um dies in Amsterdam bewerkstelligen zu lassen. Aber auch dieser Anker war abhanden gekommen, und bei näherer Untersuchung ergab sich's, daß er das größere Stück und die Matrosen das kleinere an den Mann zu bringen gewußt und das Geld geteilt hatten.

Nunmehr kam die Reihe an die Gotenburger Papiere, die Havarie betreffend, und da standen mir denn wahrlich die Haare zu Berge! Alles befand sich in der greulichsten Unordnung, als ob es mit rechtem Vorbedachte verwirrt worden sei, um jede klare Einsicht unmöglich zu machen. Ich wußte nimmermehr, wie ich meinen Assekurateurs diese Rechnungen vorlegen sollte, ohne daß sie sie von Anfang bis zu Ende für nichtig erklärten. Selbst meinen Schuft beim Kopfe nehmen zu lassen, war nicht ratsam, wenn ich jene Versicherer nicht selber in Alarm setzen wollte, über gespielten Betrug bei der Havarie zu schreien und mich für meine eigene Person in das böse Spiel zu verwickeln.

Allein desto sorgfältiger mußte ich zu verhindern suchen, daß der Bube nicht heimlich das Weite suchte. Ich hatte ihn also bei Tag und Nacht wie meinen Augapfel zu hüten und durfte ihn gleichwohl mein Mißtrauen nicht merken lassen. Nichtsdestoweniger mußte sich's fügen, daß, als ich zwei Tage später mit ihm die Börse besuchte, wo es immer ein dichtes Gewimmel gibt, er mir unter den Händen entschlüpfte. Die Börsenzeit ging zu Ende, aber kein Steinkraus war zu sehen! Meine schwache Hoffnung, daß er sich an Bord begeben haben könnte, spornte mich ihm dahin nach, aber sie schlug fehl. Er war und blieb für mich verschwunden.

War meine Lage vorhin schon kritisch, so schien sie nunmehr vollends rettungslos. Ich hatte meinen Assekurateurs des Schiffers Havarie-Rechnung notwendig vorlegen müssen, bei welcher sie, auch wenn alles in bester Ordnung war, dennoch nur zu guten Grund hatten, den Kopf zu schütteln und sich zu besinnen, ob sie zur Zahlung einer so enormen Summe verpflichtet wären. Jetzt, da jener sich unsichtbar gemacht hatte, wiesen sie jede Anforderung auf das bestimmteste zurück und verlangten, daß ich ihnen vor allen Dingen den Schiffer, der die Havarie gemacht hätte, zur Stelle schaffte, damit er selbst Rede und Antwort gäbe, denn mit _ihm_ und nicht mit _mir_ hätten sie es zunächst zu tun. »Mein Gott!« entgegnete ich, »wenn er nun aber ins Wasser gefallen und ertrunken wäre?« Das könnte nur ein Kind glauben, war ihre höhnische Antwort, und es schiene nun nicht, daß sie nötig haben würden, um dieser achttausend Gulden willen den Beutel zu ziehen.

Dagegen war nun diese Summe auf das Schiff wirklich verbodmet, und die gesetzliche Zeit bereits verflossen. Der Bodmerei-Geber verlangt sein vorgeschossenes Geld, welches die Versicherer mit hinlänglichem Fug sich zu zahlen weigerten. Ich befand mich im entsetzlichsten Gedränge, denn was blieb mir übrig, als den Verkauf meines Schiffes geschehen zu lassen, damit die Bodmerei gedeckt werden könne? -- Es schien unmöglich, daß noch irgend etwas mich armen geschlagenen Mann aus diesem Unglücke herausrisse!

So saß ich eines Tages im größten Herzenskummer in einem Wirtshause, wo vor mir auf dem Tische ein holländisches Zeitungsblatt lag. In trübem Sinnen nahm ich es unwillkürlich zur Hand, aber ich wußte selbst nicht was ich las, bis meine Augen auf eine Anzeige fielen, des Inhalts: Es sei zu Schlinger-Want (ungefähr eine Meile von Amsterdam, jenseits des Y) ein ertrunkener Mann gefunden worden, dessen Kleidung und übrige Kennzeichen zugleich näher angegeben wurden. Der Prediger des Ortes, von welchem er dort begraben worden, forderte hier die etwaigen Angehörigen dieses Verunglückten auf, der Kirche die wenigen verursachten Begräbniskosten zu entrichten.

»Himmel!« dachte ich bei mir selbst, »wenn dieser Ertrunkene vielleicht dein Steinkraus sei sollte!« -- Tag und Zeit und manche von den angegebenen Merkmalen trafen mit dieser Vermutung gut genug zusammen. Zwar konnte ich an seinem bösen Willen, mir zu entlaufen, nicht zweifeln: allein wie wenn ihn nun sein erwachtes Gewissen zu einer raschen Tat der Verzweiflung getrieben oder wenn Gottes rächende Hand ihn schnell ereilt? Immer erschien mir sein Tod unter diesen Umständen ein Glücksfall, und wie gerne glaubt man, was man wünscht? -- Es kostete mir also auch wenig Mühe, mich zu überzeugen, daß hier von niemand anders als von meinem entwichenen Schiffer die Rede sei; und dieses Glaubens bin ich auch noch bis zur heutigen Stunde, da ich nie wieder in meinem ganzen Leben auch nur die entfernteste Spur seines Daseins aufgefunden habe.

Ließ sich nun auf die Art erweisen, daß der Mann, mit welchem meine Assekurateurs einzig und allein ihren streitigen Handel ausmachen konnten und wollten, nicht mehr unter den Lebendigen war, so mußten sie seine Rechnungen annehmen, wie sie dalagen und standen, oder den klaren Beweis über die Betrüglichkeit derselben führen, was ihnen schwer fallen durfte. Ich als Reeder hingegen war nun befugt, mich buchstäblich an meine Police zu halten und auf alle Entschädigung zu dringen. In der _Form_ war dann das Recht auf meiner Seite, nur ob auch dem _Wesen_ nach -- darüber hatte ich bei mir selbst einige Bedenklichkeiten, die ich nicht sofort loswerden konnte. Daß Steinkraus bei der Havarie mit Lug und Trug umgegangen sein müsse, schien, wenn auch nicht klar erweislich, doch nur zu glaublich. Meine eigne Hand und Gewissen war gleichwohl rein und frei von jeder, auch der entferntesten Teilnahme an jeglichem Unrechte. Hatte ich seiner Ehrlichkeit nicht selbst mein Gut und Vermögen anvertraut? War ich nicht selbst von ihm schändlich betrogen worden? Konnte _ich_ ausmitteln, wie groß oder klein der Betrug sein möchte, den er in Gotenburg gespielt? Und _wem_ konnte und sollte es dennoch zukommen, den Schaden desselben zu tragen?

Es mag vielleicht Moralisten geben, die imstande sind, Haare zu spalten und Recht und Unrecht auf der Goldwage abzuwägen. Ich gestehe, daß ich dies in meiner Einfalt nicht vermag und auch damals nicht vermochte; -- ja, _damals_ vielleicht noch weniger, da Glück und Fortkommen in der Welt an meinem Entschlusse hingen und mein Gemüt ungestüm bewegt war. Doch wollte ich keinen Schritt in dieser Sache tun, ohne mich mit meinem wackeren und verständigen Freunde, dem Schiffer Johann Henke, beraten zu haben. Auch er schüttelte dabei anfangs den Kopf und äußerte mancherlei Bedenken, bis ich ihm meine Gründe und meinen Glauben näher auseinandersetzte, wo er mir dann endlich beistimmte und seinen treuen Beistand verhieß. Das Urteil eines so rechtlichen Mannes war bei mir von entscheidendem Gewichte.

Wir entschlossen uns demnach, sofort in meinem Boote nach Schlinger-Want hinüberzufahren und den Ortsprediger aufzusuchen. Indem ich diesem nun das Zeitungsblatt vorzeigte, machte ich ihm meine Anzeige, daß jener ertrunkene Mann, nach den angegebenen und von mir noch näher bestimmten Kennzeichen, mein Schiffer gewesen, und wie ich in der Absicht käme, ihm die aufgewandten Begräbniskosten dankbarlich zu vergüten. Diese letzteren nun, welche einundzwanzig Gulden betrugen, wurden sofort entrichtet und freundlich angenommen, wogegen ich eine Quittung in Form eines Totenscheines erhielt und nunmehr getrost meines Weges ging.

Gleich am anderen Tage nun wandte ich mich auf der Börse an meinen Schiffs-Makler, Herrn Schwartwant, durch dessen Vermittelung mein Geschäft mit den Assekurateurs war betrieben worden. »Nun sehen Sie, wie richtig meine Vermutung eingetroffen ist,« sagte ich, indem ich ihm meinen Schein vorzeigte. -- »Der Steinkraus hat wirklich seinen Tod im Wasser gefunden. Seien Sie nun so gütig den Herren davon Mitteilung zu machen und anzufragen, was sie nunmehr in der Sache tun oder lassen wollen?« -- Das ganze Gesicht des Mannes nahm sofort eine fröhliche Miene an. »Ich gratuliere Ihnen, lieber Kapitän Nettelbeck,« rief er mit einem Händedruck. -- »So mißlich Ihr Spiel bisher stand, so halte ich es doch von jetzt an gewonnen.«

Nun ging er stehenden Fußes, um die beiden Herren Versicherer im Börsengewühle auszusuchen, während ich ihm von ferne folgte. Bald auch stieß er auf einen von ihnen, dem er mein Dokument mitteilte, indem er es mit einem angelegentlichen Vortrage begleitete. An der ganzen Physiognomie und Gebärdung des anderen nahm ich wahr, wie ihn diese Nachricht überraschte, aber auch, daß er wohl geneigt sein möchte, gelindere Saiten aufzuziehen. Dies bestätigte mir der Makler, indem er mir den Vorschlag brachte, morgen auf der Stadt-Herberge einer Konferenz beizuwohnen, wozu ich mir dann einen Assistenten mitbringen möchte.

Zu diesem Beistande konnte ich wohl keinen erfahreneren und geachteteren Mann erkiesen, als meinen alten Patron, den Kapitän Joachim Blank, mit welchem ich vormals wiederholte Reisen nach Surinam gemacht und der sich hier jetzt zur Ruhe gesetzt hatte. Er fügte sich auch freundlich meiner Bitte; und so erschienen wir zur bestimmten Zeit am gemeldeten Orte, während auch meine Gegenparteien beiderseits samt einem anderen Schiffskapitän und einem Advokaten zugegen waren. Nach einigem Hin- und Widerreden und Streiten kam es denn auch endlich zu einem Vergleiche, dessen Billigkeit wir samt und sonders erkannten. Ich ließ nämlich die Hälfte meiner Forderung nach und zeichnete viertausend Gulden Bodmeierei auf mein Schiff, wogegen meine Herren Assekurateurs die andere Hälfte mit gleicher Summe an die Bodmerei-Geber in Gotenburg abzuzahlen auf sich nahmen.

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So kam ich bei diesem schlimmen Handel noch mit einem blauen Auge davon, behielt mein Schiff als freies Eigentum und konnte damit fahren nach Lust und Belieben, um meine Scharte wieder auszuwetzen. Ich beschloß mit Ballast nach Noirmoutiers abzugehen, dort eine Ladung Salz für eigene Rechnung einzunehmen und in Königsberg loszuschlagen. Zum Ankaufe jener Ware wollten mir meine Amsterdamer Korrespondenten, die schon genannten Herren Kock und van Goens, gegen Bodmerei auf Schiff und Ladung die Gelder in Frankreich formieren.

Ehe ich jedoch zum Werke schreiten konnte, hatte ich zuvor noch reine Rechnung mit meinem Schiffsvolke zu machen, welches, außer dem neu hinzugekommenen Steuermanne und einem Jungen, aus sechs Matrosen bestand. Dies verwilderte Gezücht hatte nicht minder gottlos gelebt und hausgehalten, als der nichtsnutzige Schiffer selbst; und weil auch _er_ in keinen reinen Schuhen steckte, hatte er's ihnen nicht abschlagen dürfen, während der Reise Vorschuß über Vorschuß zu zahlen. Dabei waren auch hierin seine Papiere so konfus, daß ich darnach den eigentlichen Betrag ihrer aufgenommenen Gelder auf keine Weise ausmitteln konnte. Auf jeden Fall aber waren sie so beträchtlich, daß sie sie in Jahren und Tagen nicht wieder abverdienen konnten.

Hier blieb mir nun nichts übrig, als bald den einen bald den anderen besonders vorzunehmen, sie durch gute Worte treuherzig und kordat zu machen, und dann wieder auch durch unversehene Zwischenfragen in die Klemme zu nehmen, so daß stets ein Spitzbube den andern verriet. Allein ebensowenig als sie gegen _mich_ reinen Mund gehalten, konnte es unter ihnen selbst auf die Länge ein Geheimnis bleiben, wie ich es darauf anlegte, ihnen hinter die Schliche zu kommen. Sie hielten es demnach nach einer gemeinschaftlichen Beredung für das Geratenste, mir allesamt auf einmal zu entlaufen, und diesen Vorsatz führten sie auch des anderen Tages richtig aus; doch nicht, ohne daß ich es sogleich erfahren und auch den Ort am Lande entdeckt hätte, wo sie sich aufhielten.

Dahin verfügte ich mich augenblicklich mit Gerichtsdienern und traf auch glücklich das ganze Nest beisammen, wo sie dann mit Gewalt aufgehoben und an Bord meines Schiffes begleitet wurden. Am besten hätte ich freilich getan, sie laufen zu lassen; allein so wenig sie auch übrigens taugten, so waren sie doch erfahren und tüchtige Kerle zur Arbeit, die hier in der Geschwindigkeit nicht wohl durch andere zu ersetzen waren. Zudem hoffte ich, daß wenn ich mich ihrer nur bis zur wirklichen Abfahrt versichern könnte, ich sie wohl wieder zu Zucht und Ordnung herumbringen wollte.

Mit diesem Plane beschäftigt, nahm ich also einige Matrosen von den neben mir liegenden Schiffen für Tagelohn zu Hilfe, um sofort die Anker zu lichten und von Amsterdam nach der Bucht bei Dirkerdam abzusegeln, die etwa eine Meile von dort entfernt liegt. Hier warf ich aufs neue Anker, entließ meine gemieteten Matrosen und hoffte, daß ich's nunmehr den meinigen schwer genug machen wollte, von Bord zu kommen, um ihretwegen auch in meiner Abwesenheit wohl sicher zu sein. Denn ich konnte es nicht vermeiden, für meine Person des nächsten Tages noch einmal nach dem verlassenen Hafen zurückzukehren, um neben meiner Ausklarierung noch eine Menge anderweitiger Geschäfte zu besorgen und einen Lotsen mitzubringen.

Vor der Abfahrt übergab ich dem Steuermann mein verdächtiges Volk in besondere sorgfältige Aufsicht. Das Boot ließ ich aufs Deck setzen und anschließen, damit sich dessen niemand bedienen könne, und mein Stellvertreter sollte nicht vom Deck weichen und die Nacht kein Auge schließen, um überall gleich bei der Hand zu sein, bis ich mit dem frühen Morgen mich wieder an Bord zeigen würde. Dann versammelte ich die Ausreißer und stellte ihnen Himmel und Hölle vor, und wie schändlich sie handeln würden, Vater und Mutter und Freunde auf Nimmerwiedersehen im Stiche und sich zu Hause nie wieder dürfen blicken zu lassen. Zugleich versicherte ich ihnen, daß meinerseits alles Vorgegangene vergeben und vergessen sein und selbst ihre, vom vorigen Schiffer empfangene Vorschüsse in den Schornstein geschrieben sein sollten. Das alles schienen sie auch zu Herzen zu nehmen und versprachen mir eine gebührliche Aufführung.

Nunmehr rief ich eine vorbeifahrende Schuite an, die nach Amsterdam ging, und ließ mich von derselben an Bord nehmen. Es war nachmittags um drei Uhr, und des nächsten Morgens um acht Uhr befand ich mich, nach beendigten Verrichtungen, bereits wieder auf dem Rückwege und im Angesichte meines Schiffes. Es nahm mich sofort wunder, daß ich kein Boot darauf erblickte. Ebensowenig sah ich eine menschliche Seele auf dem Verdecke. Ich sprang endlich selbst hinauf, und mit steigender Bestürzung fand ich die Tür der Kajüte von außen mit einem Brecheisen gesperrt. Auf mein Rufen keine Antwort. Nun riß ich die Tür mit Gewalt auf, da lag mein Steuermann, mehr tot als lebendig, auf dem Boden längs ausgestreckt.

Stöhnend erzählte er mir, was während meiner Abwesenheit vorgegangen. Gleich nach meinem Abgange hatte er an dem Zusammenstecken der Köpfe und dem heimlichen Flüstern unter den Leuten deutlich wahrgenommen, daß sie etwas im Schilde führten. Endlich waren sie zu ihm herangetreten, um ihm zu erklären, daß sie mit dem Boote ans Land zu gehen verlangten; wollte er sich's beikommen lassen, bei den Vorüberfahrenden um Hilfe zu rufen, so gedächten sie ihn über Bord zu werfen und wie einen Hund zu ersäufen. Gleichwohl hatte er, mit Abmahnen, Drohen und endlich mit lautem Rufen über zugefügte Gewalt, getan, was seine Pflicht von ihm forderte; war aber auch augenblicklich von den Bösewichten ergriffen, geknebelt, gestoßen, geschlagen und mit verstopftem Munde trotz allem Sträuben in die Kajüte gesperrt worden, worauf sie sich des Bootes bemächtigt und davongemacht hatten.

In dieser ganzen Zeit nun hatte der arme zerschlagene Mann vor Schmerz und Ermattung sich kaum zu regen vermocht. Wie mir dabei zumute war, mag man sich leichtlich vorstellen. Das Schiff hier auf offener Reede vor Anker, kein Volk an Bord, der Steuermann krank und keines Gliedes mächtig, mein Boot geraubt.

Was war zu tun? Ich mußte mich entschließen, das Schiff unter der unzulänglichen Aufsicht des kranken Mannes zu lassen, um sowohl ihm selbst ärztliche Hilfe, als mir eine neue Mannschaft zu verschaffen. Also ging mein Weg nochmals nach Amsterdam, wo ich andere sechs Matrosen und einen Jungen, wie sie mir zuerst in den Wurf kamen, heuerte, dann einen Lotsen nahm und einen Wundarzt aufsuchte, der mir den Steuermann verbinden und bepflastern und sagen sollte, ob dieser die Reise ohne Lebensgefahr werde mitmachen können. Nachdem ihm der Doktor die Glieder etwas zurechtgesetzt und ihn mit Medikamenten reichlich versehen hatte, war jener der Meinung, es solle weiter keine Gefahr haben, wenn er sich nur schonen wolle, und nahm seinen Abschied.

Ich machte mich darauf mit meinem neuen Schiffsvolke an die Ankerwinde, um unter Segel zu gehen. Da sah ich denn nun klar, was für schlechten Kauf ich gemacht hatte. Nur zwei waren befahrene Matrosen, während die übrigen kaum wußten, was auf dem Schiffe hinten oder vorn war. Wahrlich, mir graute innerlich, die Reise anzutreten. Mein bestes Vertrauen mußte ich in mich selbst und in die günstige Jahreszeit setzen, denn es war jetzt zu Anfang Mai, da ich aus dem Texel lief. In der Mitte des Monats kam ich vor Noirmoutiers glücklich vor Anker.

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Hier fand ich drei Schiffe vor, deren Kapitäne zu meinen guten Freunden gehörten, nämlich Neste, mit einem Dreimaster aus Danzig, und Fries und Jantzen, beide Königsberger. Alsbald kamen sie sämtlich zu mir an Bord, allein so willkommen sie mir selbst waren, so unerwünscht war mir die Zeitung, daß schon sie drei Frühergekommenen hier ihre Ladung an Salz nicht völlig aufzubringen vermöchten, und gleichwohl das Muid mit fünfundachtzig Livres aufwiegen sollten. Nach längerer Beratschlagung fanden wir es für das dienlichste, uns nach den nächstgelegenen Salzhäfen Croisic, Bernif und Olonne zu verteilen, um anderswo, wenn möglich, besseren Markt zu finden, wobei das Los entscheiden sollte, wer hier zu bleiben und wohin ein jeder in seinem Boote zu gehen und vorläufig seinen Handel für alle abzuschließen hätte; letzteres jedoch nur mündlich, damit jeder Gelegenheit behielte, an dem wohlfeilsten Preise teilzunehmen.

Als nun die Lose gezogen wurden, traf mich die Fahrt nach Croisic, welche nicht nur die weiteste (da die Entfernung von Noirmoutiers zehn bis zwölf Meilen beträgt), sondern auch die gefährlichste war; denn sie geht durch den offenen Ozean, ohne durch Vorgebirge oder Inseln geschützt zu sein. Mein im Texel neu angeschafftes Boot stand auf Deck und ward nun sofort über Bord gesetzt, allein sowie es das Wasser berührte, drang dieses auch zu allen, durch die lang ausgestandene Hitze ausgetrockneten Nähten hinein. Es schien unmöglich, mich in diesem Zustande hineinzuwagen! Aber schon sah ich meine Freunde Neste und Fries in ihren Fahrzeugen abstoßen, um sich auf ihre ihnen zugefallenen Posten zu begeben. Ich zitterte vor Ehrbegierde, ihnen in Pünktlichkeit nicht nachzustehen!

Nun hatte ich außer jenem Boote noch eine kleine fichtene, sogenannte Berger Jölle. Flugs sah ich sie mir darauf an, ob sie mich in diesem Falle der Not nicht ebensowohl nach Croisic sollte tragen können? -- Wozu längeres Bedenken? Es mußte gewagt sein! -- Ich ließ Mast und Segel auf ihr einrichten und bestieg sie mit zwei Mann. Um mir jedoch nicht offenbar ein Tollmannsstückchen zuschulden kommen zu lassen, wollte ich es zuvor auf eine kleine Probe anlegen, segelte vom Schiffe abwärts, legte bei, machte diese und jene Wendungen und bestärkte mich solchergestalt in meiner Zuversicht, daß ich nichts Unmögliches wagte.

Eiligst versah ich mich nun noch an Bord mit einem durchgeschnittenen halben Oxhoft, welches ich zum sicheren Reisebehälter für einen Kompaß, Brot, Fleisch, einige Flaschen Wein und Branntwein und andere kleine Bedürfnisse bestimmte. Noch nahm ich einen Bootsanker, ein Tau und drei Regenröcke für uns ein, und so versehen trieb ich meine beiden Gefährten zum Einsteigen, rief ein herzhaftes: »Nun, mit Gott!« und stieß ab. Zwar ward mir's, ehe wir noch fünfzig Klafter gesegelt waren, hell und klar, daß ich meine Jolle mit all den Siebensachen zur Ungebühr überladen und daß ich den dümmsten Streich in meinem ganzen Leben begangen hatte, drei Menschenleben in die augenscheinlichste Gefahr zu setzen; aber sollte ich mir die Schande antun, noch einmal umzukehren? -- Lieber wäre ich dem Tode in den offenen Rachen gesegelt!

Bis ich um die kleine Insel Piquonnier herumkam, ging auch alles gut. Hier aber rollte mir die spanische See von der Seite her in langen und hohen Wogen mächtig entgegen; der steife Wind stand von dorther gerade aufs Land und es sah ganz danach aus, daß wir hier mit Gemächlichkeit ersaufen könnten. Gleichwohl hätte man alles von mir fordern können, nur nicht, daß ich hier noch umsatteln sollte. »Du willst der Gefahr standhalten!« sagte ich zu mir selbst und faßte mein Steuer nur noch fester in die Faust.