Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman
Part 9
War dessen Dasein schon zuvor voll Leid gewesen, jetzt wurde es ihm zur Qual gemacht. Es war, als habe Menschikoff die geheimsten Wünsche seines Herrn erraten und beeile sich, sie der Erfüllung zu nähern, so sehr zielte seine Erziehung darauf ab, zu zerstören. Zu allem, was dem Prinzen widrig war, zwang er ihn. Von seinen stillen Studien riß er ihn fort zu wüsten Gelagen, schleppte den Scheuen und Schüchternen in die Gesellschaft ausgepichteter Trinker und verbuhlter Weiber. Mit gesenkten Lidern saß der Unglückliche auf seinem Stuhle. Er wollte nicht sehen, wollte selbst nicht mit den Blicken teilhaben an der Sünde um ihn her, und konnte doch nicht hindern, daß das verliebte Kosen, die lüsternen Seufzer und das Stöhnen der Wollust an sein Ohr drangen. Verzweifelt rang er die schmalen Finger zu heißem Gebet ineinander. Vergebens. Ein seufzender Flüsterlaut in seiner Nähe, ein zärtliches Ächzen verwirrte ihm die Gedanken. Wider seinen Willen kamen seine Sinne ins Sieden. Glühendheiß stieg es in ihm auf. Ungewohnte Begierden begannen sich in ihm zu regen. Er erschrak. Zitternd suchte sein Blick den Mentor. Der bot den Becher: »Brand muß gelöscht werden!« Und an seiner andern Seite lockte ein Frauenmund: »Brand muß gelöscht werden!« Er erbebte, als habe er das Gesicht der Meduse geschaut und griff nach dem Pokal. Doch der gepfefferte Wein brannte wie Feuer in der Kehle und die schwählende Not in seinem Leibe stieg. Ratlos, hilflos, ein wehes Zucken um den schmalen Mund, Tränen in den Augen sank er in die ausgebreiteten Arme des Weibes. Zuflucht suchte er und fand Begierde. Entsetzt wendete er sich ab. Da warf ihn der Ekel nieder. In Strömen brach es aus seinem Munde, ohne Aufhören, wie wenn er sich selber ausspeien wollte. Über und über besudelt, wand er sich am Boden, leichenblaß, mit stierem Blick und flatternden Lippen. Und sein Erzieher stand über ihm und stieß mit dem Fuß nach ihm: »Eines Zaren Sohn!«
Das war Menschikoffs Rache für das unerbetene Amt. Und Tag für Tag kühlte er sein Mütchen neu an dem Gehaßten. Der geringste Widerspruch, ja auch nur der zaghafteste Versuch eines Einwandes gegen seine willkürlichen Anordnungen trugen dem Prinzen die schmählichsten Strafen ein. Mehr als einmal brannten auf dessen Wangen breite Striemen von den Fingern des Fürsten, der Ungehaltene warf den bestürzten Zögling zu Boden, schleifte ihn an den Haaren durch das Zimmer und stieß ihn mit dem Kopfe gegen die Wand. Es war kaum möglich, noch eine Steigerung der Plagen zu ersinnen, die dem Ärmsten das Leben verbitterten. Menschikoffs zornige Gereiztheit hatte es fertig gebracht. Es war das Schlimmste, was er dem Prinzen antun konnte. Er hatte ihm angekündigt, er müsse sich bereit halten, zur Armee zu gehen. Und da der Prinz diese Anordnung mit einem stundenlangen Weinkrampf beantwortet hatte, war sie dahin verschärft worden, daß er an den Kampfhandlungen an der Front teilzunehmen habe.
Alexei war der Verzweiflung nahe: töten, seine Hand sollte töten? Er starrte auf seine Finger, er streckte, er krümmte sie. Sie kamen ihm vor wie Ungeheuer, denen ein Übermächtiger befehlen konnte, sich wider ihn zu empören. Würden sie tun, was jener Schreckliche forderte? Er prüfte sie aufmerksam, er beobachtete sie, wenn sie scheinbar ruhten, und er belauerte ihr Bewegen, ihr Spielen. Und je mehr er sich mit ihnen beschäftigte, um so stärker wurde in ihm die Angst, sie könnten sich ohne seinen Willen, gegen seinen Willen zu Abscheulichem gebrauchen lassen. Seine Rechte wurde ihm ein Gegenstand der Furcht und des Abscheus. Das war die Hand, die die Waffe führte, die dem Nebenmenschen nach dem Leben trachtete. Er vergaß, daß dieselbe Hand es ist, die die Feder führt, die Wohltaten reicht. Er gewahrte nur noch ihre blutigen Absichten. Ein Schauder überlief ihn, wenn er seine Rechte ansah, er begann die Fürchterliche zu hassen. War sie nicht da in ihrer schauerlichen Lüsternheit des Nehmens, so konnte keiner ihn zwingen, Böses zu tun wider seinen Willen. Wenn er sich ihrer entledigte. – –
Der Gedanke nistete in ihm.
Er saß und sann.
Vor ihm auf dem Tische lag ein geladenes Terzerol. Menschikoff hatte es dort hingelegt. Recht auffällig. Um den Prinzen zu entsetzen. Der Anblick hatte ihn auch beinahe umgeworfen. Auf wankenden Knien war er näher geschlichen, das Mordwerkzeug mit einem Tuche zu bedecken. Da war es ihm durch den Kopf geschossen: ein Griff, ein Druck und du bist frei! – Totenblaß hatte er an der Wand gelehnt, den Blick wie gebannt auf den spiegelblank geputzten Lauf der Waffe gerichtet: frei? War Tod Freiheit? Überwindung war Freiheit! Er wollte das Zeichen des Kreuzes machen, doch die Rechte hing ihm wie gelähmt herab. Er schlug es mit der Linken. Spähend forschten seine Augen nach der andern Seite: hatte sich dort der Teufel festgesetzt? Die eben noch so leblosen Finger zuckten: es gelüstete sie, das tötende Spielzeug zu betasten. In seltsamer Neugier über sich selber gab er ihnen nach. Wie mochte es sich anfühlen? Vorsichtig fingerte seine Rechte daran herum. Es war glatt und kühl. Wie die Hände einer Mutter, die sie um die schmerzende Stirn ihres Kindes legt. Leise nahm die Hand die Waffe auf, wog sie. Dabei drehte sie sich, drohte zu fallen. Hastig packte er zu, bekam den Kolben zu fassen, und wie von magischer Gewalt berührt, spannten sich die Sehnen. Ächzend sank der Zarewitsch auf einen Sitz: das Unheil war geschehen. Der Böse hatte Macht über seine Hand. Sie war bereit, zu töten.
Weh ihm! Große Tropfen rannen aus seinen Augen: er würde zum Mörder werden. Zum Mörder! Mußte er das dulden?
So dein Auge dich ärgert, reiße es aus und wirf es von dir! Und so deine Hand ...
Er dachte nicht weiter. Mit einem Ruck entwand seine Linke der Rechten die Waffe und drückte ab.
Blitz, Rauch und Knall.
Etwas Hartes schlug den Arm beiseite. Warm rieselte das Blut aus dem zerschmetterten Gelenk. In dicken Tropfen färbte es den Teppich.
Der Zarewitsch sah staunend auf das ungehemmte Quellen. Das floß und floß.
Jäh zuckte es ihm durch den Sinn: Wer Menschenblut vergießt ...
Ohnmächtig stürzte er zu Boden. –
Die Wohltat der völligen Entrückung blieb ihm nicht lange gegönnt.
Das Getöse des Schusses hatte die Dienerschaft und deren Geschrei den Fürsten herbeigerufen.
Er stieß die Lamentierenden, die sich mit Essigäther und feuchten Schwämmen um die Erweckung des Prinzen bemühten, beiseite und brachte die vor ihrer Tat geflüchtete Seele mit rauher Faust in die Wirklichkeit zurück. Er fragte nicht lange um das Wie und Warum des Geschehens. Ihm war es klar.
Wütend zerrte er den noch halb Bewußtlosen empor:
»Feigling, jämmerlicher Feigling.« In Alexei bäumte sich etwas gegen diese Schmähung, der schmerzhaft verzogene Mund preßte heraus:
»Ich bin nicht feige.«
Eisiger Spott antwortete ihm: »Du hast recht, du bist schlimmer als das, du bist ein Vaterlandsverräter.«
Der Zarewitsch zuckte wie unter einem Schlage zusammen: »Vaterlandsverräter!« Der schwächlich Schwankende richtete sich steil auf, die umflorten Augen blickten plötzlich klar: »Den Namen gebt dem, den ihr meinen Vater nennt. Wie er meine Mutter verraten hat, verrät er Rußland. Um des Fremden willen. An die Fremden. – Ich hasse ihn. O, ich hasse ihn!«
»Natter!« Menschikoffs Finger krallten nach seinem Halse.
Ein hagerer Arm, eine eckige Schulter schoben sich zwischen ihn und den Bedrohten. Ein bärtig überschatteter Mund rief warnend seinen Namen.
Es war Gräfin Barbara.
Unwillig kehrte der Fürst sich ab: »Giftiges Gewürm soll man vernichten, wo man es findet. Ich danke es dir nicht, daß du mich daran gehindert hast. Und ob Er es dir danken wird oder,« ein verächtlicher Blick streifte Alexei, »jener ...« Achselzuckend ging er hinaus.
»Du wirst es mir danken.« Barbara Arsenieff murmelte es ihm nach, während sie sich mit sicherer Sachlichkeit um die Wunde des Zarewitsch bemühte.
Über die dunklen klebrigen Krusten der Schußöffnung sickerte noch immer ein fadendünnes rotes Gerinnsel. Aus einem der Schränke nahm sie ein kleines leinenes Tuch, zerriß es rasch in kurze flockige Streifen und preßte sie auf die Wundränder. Ein zweites Tuch kam dicht darüber.
Die ruhige Selbstverständlichkeit, mit der sie sich um ihn bemühte, versetzte Alexei geradezu in Bestürzung. Noch nie hatte sich jemand in Fürsorge seiner angenommen, etwas zu seinen Gunsten getan. Jeder, der sich ihm genähert hatte, wollte etwas von ihm, im Guten oder Üblen, hatte ihm geschmeichelt oder ihn mißhandelt, aber jedem war er der Zarewitsch gewesen, keinem der nach einer teilnehmenden Seele hungernde Mensch. In seinem Gesicht arbeitete es.
Gräfin Barbara hatte angestrengt acht auf sein Mienenspiel. Es war nicht schwer zu erraten, was in ihm vorging.
Sich tiefer über den Verband bückend, als wolle sie ihn auf seinen Sitz prüfen, flüsterte sie geheimnisvoll:
»Die Mutter grüßt dich, Alexei Petrowitsch.«
Eine Blutwelle dunkelte das blasse Antlitz des Zarewitsch, sein Herzschlag stockte: »Meine Mutter,« stammelte er, »meine Mutter? Sie hat nie nach mir gefragt.«
»Jeden Tag fragt sie nach ihrem Sohne, aber alle Boten, die ihr Herz sandte, waren unverläßlich. Ihr Ruf hat das Ohr, für das er bestimmt war, nicht erreicht.«
»Jetzt ruft mich meine Mutter, gerade jetzt.« Alexei war noch immer fassungslos. Gleich einem Wunder war ihm dieser Gruß von der Mutter. Die tiefe Angst über die rasche Tat, die ihn überfallen und niedergeworfen hatte, war beschwichtigt: seine Mutter hatte ihn gerufen! Eine Rechtfertigung war es ihm.
Gräfin Barbara hatte sein Gesicht nicht aus den Augen gelassen. Sie war zufrieden mit dem, was ihre Worte ausgelöst hatten. Nun unterstrich sie sie noch:
»Die Mutter sehnt sich nach ihrem Kinde.«
Sie wußte nicht, ob Eudoxia Lapuchin sich sehnte, nicht, ob sie sich nach ihrem Kinde sehnte. Vielleicht hatte die Nonne Helena in der Klosterhaft längst vergessen, daß sie einmal Zarin war, frei war, einen Gatten gehabt hatte und einen Sohn. Sie wußte nichts von der Verstoßenen, als daß sie lebte. Aber sie wußte, daß in dem Herzen des einsamen Jünglings vor ihr eine ewig unterdrückte Sehnsucht nach der Mutter brannte. Und wer es verstand, diese Sehnsucht klug zu nähren, zu schüren, der konnte den Sohn in Empörung wider den Vater treiben, er konnte das Mitgefühl einer glücklicheren Nebenbuhlerin für den Unglücklichen wachrufen, ihr Geschick mit ihm verknüpfen und, wenn er ihn im rechten Augenblicke fallen ließ, sie stürzen und sich den Dank des vom Verrate der Seinen bedrohten Herrschers erwerben. – Ein hartes Lächeln zog ihre bärtige Oberlippe über die festen starken Zähne zurück: »Eine Seele sehnt sich.«
Die erschreckende Verwandlung ihrer Züge entging dem Zarewitsch, er hörte nur das heiße Verlangen in ihrer Stimme, in der Stimme der Botin seiner Mutter. Ein Tränenschwall brach aus seinen Augen, und mit einem wilden Aufschluchzen sank sein Oberkörper vornüber in den Schoß der Gräfin.
XV.
Barbara Arsenieff war seit einiger Zeit überaus beschäftigt.
»Ich kenne meine gelassene Schwester gar nicht mehr wieder,« klagte die Fürstin Darja ihrem Gatten. »Nie ist sie daheim. Morgens nicht, mittags nicht, und abends habe ich sie seit Wochen nicht gesehen. Bald sitzt sie in der Admiralität und hat mit Kikin Besprechungen über die Unterbringung der Kinder verunglückter Seeleute, Naryschkin zu Gefallen treibt sie mit ihm französische Konversation, für den alten Lapuchin sammelt sie Heiligenbilder, dem Generalinquisitor hat sie sich für die Führung seiner Geheimakten als Sekretärin zur Verfügung gestellt und mit dem Fürsten Wolchonski spielt sie bis in die Nacht hinein Karten, damit er seine Gicht vergißt. Sie reibt sich auf. Und keine Vorstellungen halten sie zurück.« Sie schüttelte verzagt den Kopf: »Sie muß sehr unglücklich sein.«
»Närrchen,« Menschikoff nahm sie in den Arm und streichelte ihre Wangen, »deine Barbutschka opfert sich weder auf noch ist sie unglücklich. Im Gegenteil. Sie lebt ihrem Vergnügen. Es gibt für sie kein größeres als gut eingefädelte Ränke. Und augenblicklich ist sie eifrig dabei, welche anzuzetteln. Gegen mich.« Er lachte tief und voll.
Darja barg sich in seinem Arm, ihre Augen hingen an dem angebetenen Manne, ganz dicht schmeichelte sie sich an ihn: »Du hast recht zu lachen, Barbutschka tut nichts gegen dich.«
Er nickte ihr zu, wie einem Kinde, dem man gern zu Willen ist, um es bei guter Laune zu erhalten. »Es mag sein. Ich bin sogar überzeugt, sie redet sich das selber ein. Was ich sehe und erfahre ist freilich, daß sie alle meine versteckten und offenen Feinde aufhetzt und die Herzen für den bedauernswerten Sohn des Zaren,« seine Stimme war satt von Hohn, »in Wallung versetzt. Mag sie. Es schiert mich nicht, wie diese Leute über mich denken. Ich weiß, daß sie mich hassen. Als Ausländer und als den Mächtigsten nach dem Zaren.« Er ließ lässig die Achseln fallen. »Ihr Haß ist mir ebensoviel wert wie ihre Freundschaft, es ist der Sockel für Alexander Menschikoff.«
»Und gegen ihn unternimmt meine Barbutschka nichts.« Die Fürstin strahlte ihren Gatten an: »Das bringt sie nicht über sich. Das nicht.«
Bei dieser Meinung blieb sie, mochte auch der Augenschein noch so sehr dawider sprechen. Denn allmählich sammelte Gräfin Barbara alle unzufriedenen Gemüter, und davon gab es nicht wenig, und die Begegnungen und Besprechungen, die es zwischen den einzelnen und ganzen Gruppen gab, wuchsen sich mehr und mehr zu einer Verschwörung aus, deren Mittelpunkt und Seele sie war. Es war nicht leicht gewesen, die verschiedenen widerstreitenden Interessen zu vereinen, obwohl die Mißstimmung über die herrschenden Zustände im Volke und unter dem eingesessenen Adel allgemein war. Zwar hatte nach dem Siege bei Pultawa Handel und Wandel einen großen Aufschwung genommen, aber dieser Vorteil kam ausschließlich den regsameren Eingewanderten zugute, das übrige Land seufzte nach wie vor unter Druck und Last des Krieges. Damals, vor fast zwei Jahren, hatte jedermann aufgeatmet und auf ein Ende des Ringens gehofft. Vergeblich. Die Kriegsrüstungen gingen weiter. Wer nur irgend wehrfähig war, mußte zu den Fahnen. Die Steuern und Lasten zur Erhaltung der Truppen wuchsen ins Unermeßliche. Das Volk war der ständigen Kämpfe müde, und die Angehörigen des alten Adels sahen in ihnen geradezu die Wurzel aller Übel, unter denen sie seit elf Jahren seufzten. Die kriegerischen Unternehmungen hatten den Zaren zu den verhaßten Reformen gedrängt. Wollte er über Schweden siegen, so mußte er alle Kräfte des Reiches zusammenfassen, er mußte aus dem gewaltigen Körper herausholen, was in ihm lag. Da halfen ihm die schwerfälligen und an der Überlieferung hängenden Häupter der einheimischen Aristokratie wenig. Er brauchte Menschen von Gewandtheit und mit lebhaftem Geiste. Er riß die Stauwehren nieder, die Rußland bisher von der übrigen Welt abgeschnitten hatten, und die Flut der adligen und bürgerlichen Abenteurer ergoß sich über das Land. Bald saßen die Ausländer an allen einflußreichen Stellen. Fast die ganze höhere Verwaltung war in ihren Händen. Es änderte wenig daran, daß er im Senat eine Körperschaft schuf, in der die verschiedenen Verwaltungszweige zusammenliefen und deren Mitglieder aus den alten Familien genommen waren. Das Gebilde diente mehr zum Schmuck und zur wirksamen Umrahmung seines selbstherrlichen Tuns, als daß es wirklichen Nutzen gebracht hätte. Zu bestimmenden Handlungen wurde die Versammlung befohlen, oder sie wurden nachdrücklich bei ihr angeregt. Erlaubte sie sich, eigene Entschließungen zu fassen, so konnten die Beteiligten von Glück sagen, wenn der Zar über diesen Eingriff in seine Rechte hinwegsah. Diese Einrichtung, bestimmt, die Grollenden und Mißgünstigen zu besänftigen und durch die scheinbare Beteiligung an der Macht mit der neuen Richtung zu versöhnen, hatte sie noch mehr erbittert, eben weil sie sich mit dem Schein begnügen sollten, während sie die verhaßten Fremden im Besitze der Macht sahen. Die Menschikoff und Schafirof, die Ostermann und Bruce, die Devier und Lewenwolde spielten die großen Herren, und die Trubetzkois und die Bestutscheffs, die Dolgoruckis und Galizins, die Repnins und Schtscherbatoffs sollten sich vor ihnen bücken. Das wurmte, und dieser Wurm fraß schon lange an ihnen. Im stillen ballten sie die Faust und verwünschten die Reformen und ihren Urheber. Die abgeneigte Stimmung wuchs von Tag zu Tag. Die von Karl XII., der sich nach seiner Niederlage in den Schutz der Hohen Pforte begeben hatte, seit zwei Jahren betriebene und kürzlich erfolgte Kriegsansage der Türkei war nicht geeignet, die feindlichen Gefühle der Altrussen zu unterdrücken. Sie sahen nur neue Blutopfer vor Augen, deren Früchte, wie immer, den Fremden in den Schoß fallen würden. Die Vertreibung dieser Schmarotzer und die Beseitigung der Ursache ihres Gedeihens rückte in das Licht einer völkisch rettenden Tat. Nur darüber war man sich innerhalb der beteiligten Kreise nicht einig: sollte Rußland das von Peter Eroberte behalten, oder sollte es sich, wie die völlig von der Überlieferung Beherrschten eiferten, auf den ursprünglichen Besitzstand Moskoviens beschränken? Die Alten, wie der Fürst Wolchonski, nannten jeden einen Ketzer am Volkstum, der von dem Berufe Rußlands zur Weltgeltung sprach. Die Jungen hingegen lehnten es ab, so töricht zu sein, das Gewonnene aufzugeben. Sie strebten lediglich danach, die jetzigen Inhaber der hohen Stellen und Würden beiseitezuschieben und sich an die vollen Krippen zu setzen. So gingen die Wünsche gegeneinander, und der feste, zielsetzende Wille fehlte.
Gräfin Barbara trug ihn in die Reihen der Unzufriedenen.
Für den Zarewitsch! Das klang nach Ergebenheit und rechtfertigte den Widerstand.
Die Gräfin wurde nicht müde, den Unglücklichen vor den Ohren der Mißvergnügten zu beklagen und sein qualvolles Los auszumalen. Sie beschuldigte sich in den heftigsten Ausdrücken unverzeihlicher Lässigkeit, daß sie nicht längst den Vergewaltigungen des Ärmsten durch ihren Schwager entgegengetreten sei und fand nur eine mangelhafte Entschuldigung in dem unbegrenzten Vertrauen, das sie bisher zu dem Gatten ihrer Schwester gehabt habe.
»Ich war blind,« sagte sie mit ihrer tiefen, dunklen Stimme, die stets voll verhaltenen Schmerzes war, »blind, wie wir es alle waren. Aber ein Augenblick hat mich sehend gemacht. Wie der Fürst den Prinzen zwingen wollte, wider seine Natur zu handeln, so werden die Fremden Rußland zu ihrem Knecht machen und es zu Diensten mißbrauchen, die seiner Seele schaden.«
Der greise Fürst Wolchonski nickte: »Die Fremden bringen uns kein Heil. Ihre Geschäftigkeit sät Unruhe in uns hinein. Was ihnen durch Gewohnheit gedeiht, vergiftet unser Blut. Es wird wild und stürmt ins Uferlose. So verschwenden wir alle Kraft. Bleiben wir, was wir waren, so wird Europa weniger von uns sprechen, ja es wird uns vielleicht verachten, wie ehedem, wir aber werden glücklicher sein.«
Es war gut, daß seine altersschwachen Augen nicht sahen, wie sich die Züge der Gräfin verzerrten. Er fühlte nur ihre eiskalten Lippen auf seiner Hand und hörte ein erregtes Beben in der sonst so gleichmäßigen Stimme, die ihn bat, dem von aller Welt verlassenen Prinzen zu einer Begegnung mit seiner Mutter zu verhelfen.
Die Gräfin hatte sich nur ungern zu diesem Schritt verstanden, sie fürchtete Unbesonnenheiten von seiten des Prinzen, auch stand es völlig außer Berechnung, wie die ehemalige Zarin sich zu ihrem Sohne verhalten würde. Aber andererseits drohten ebenso von einer Verweigerung der Erfüllung dieses Wunsches Gefahren. Nun die Sehnsucht des Zarewitsch ihren Angelpunkt gefunden hatte, verlangte er ungeduldig nach einem Wiedersehen mit der halbvergessenen Mutter. Die Gräfin verhehlte dem Fürsten ihre Bedenken nicht.
Er wußte sie zu zerstreuen: der Sohn eines Jugendfreundes, ein Major Glebof, hatte den Bezirk des Klosters Susdal, das der ehemaligen Zarin zum Aufenthalt angewiesen war, als Musterungskommissar unter sich. Wenn der Prinz es über sich bringen wollte, Interesse am Verwaltungswesen zu bezeigen, so ließ es sich einrichten, daß er dem Major als Beisitzer zugeteilt wurde. Auf diese Weise konnte unauffällig ein Zusammentreffen erfolgen.
Die Gräfin dankte. Nach Wochonski war sie bei Kikin, lag ihm, von dem sie wußte, daß er bei Katharina nicht ohne Einfluß war, in den Ohren, deren Teilnahme für den Prinzen wachzurufen. Sie verstand es, ihm begreiflich zu machen, daß sie selber, obwohl sie im Ehrendamendienst fast täglich um die Gattin des Zaren war, bei deren Abneigung gegen sie weit weniger wirksame Fürsprache tun würde als er. Bereitwillig ließ sich der eitle Admiralitätschef bereden. Es wurde auf dem Umweg über ihn wirklich erreicht, daß Katharina sich bei dem Zaren für den Prinzen verwendete, ihm Verzeihung erwirkte und die Erlaubnis, sich nach seinem Gefallen in den Verwaltungszweigen unterrichten zu dürfen.
»Wer die Menschen nicht nach ihrer Art zu benützen weiß, ist ein schlechter Baumeister,« hatte sie ihrem Gatten vorgehalten. »Der Prinz wird nie ein guter Soldat sein.«
»So soll er auch nicht Zar werden.«
»Das zu bestimmen ist dein Recht.«
Er hatte sie, die schon wieder guter Hoffnung war, zärtlich in seine Arme gezogen: »Könnte ich mich doch seiner erst bedienen. Oder wird es wieder ein Mädchen sein?«
Sie bog den Kopf auf, voll Selbstbewußtsein:
»Eine Frau wird die Krone so gut tragen wie ein Mann.«
Peter antwortete nicht. Nur ein verschmitztes Lächeln spielte um seinen Mund.
Katharina nahm sein Schweigen für Gewährung ihrer Bitte. Am Abend hatte Kikin ein paar Zeilen, die ihn benachrichtigten, daß Fürst Menschikoff angewiesen werden würde, dem Zarewitsch keine Schwierigkeiten in der Wahl seiner Verwaltungsstudien zu bereiten. Nach ihrem Diktate mußte Gräfin Barbara, die gerade Dienst hatte, sie schreiben.
Sie tat es mit mühsam unterdrücktem Triumphgefühl: die Knoten des Netzes, das sie strickte, knüpften sich gut.
Und immer fester zogen sich die Fäden, immer dichter wurden die Maschen.
Beim Fürsten Wolchonski kamen die Verschworenen zusammen und berieten.
Die Gelegenheit zu einem entscheidenden Schlage war günstig. Der Zar, dessen Abreise zum Heere nahe bevorstand, weilte fast allein in der Hauptstadt. Die fremden und die ihm ergebenen russischen Generale waren mit der ganzen Truppenmacht bereits nach dem Süden abgezogen, wo sie bald von türkischen Truppen gebunden sein würden. Einem Thronwechsel stand also ein ernstliches Hindernis nicht entgegen. Dennoch fand eine derartige Übereilung nur matte Zustimmung. Die meisten waren dafür, den Ausgang des Feldzuges abzuwarten. Vielleicht besorgten die Türken das gefährliche Geschäft. Es hieß, daß sie sich in großen Massen in Bewegung gesetzt hätten und daß die Tataren sie durch gewaltigen Zuzug verstärkten.
»Warum sollen wir Sünde auf uns laden,« sagte der Fürst Wolchonski schwer und langsam, »es ist schon mancher stolz und übermütig ausgegangen, die Welt unter seine Füße zu bringen. Gott hat ihnen noch allen Halt geboten.«
Die junge finnische Bedienerin, die der Fürst nie von sich ließ und die die Aufgabe hatte, seine gichtisch schmerzenden und ständig frierenden Füße in ihrem Schoße zu wärmen, ließ ihre Augen verwundert über die Runde der Bedenklichen laufen:
»Gebt Eurem Zaren ein Weib, das sich vor der Sünde nicht fürchtet, und er wird tun, wie sie es will.«
»Was redest du da!« Der Fürst stieß der vor ihm Knienden unwillig mit dem Fuß gegen den Leib. »Das ist knapp aus dem Ei gekrochen und sticht schon wie ein Basilisk.«
Doch der Kammerherr Naryschkin lobte den Rat, und der Großinquisitor stimmte ihm bei.
»Aber welches Weib,« setzte er mit einem Stoßseufzer fragend hinzu, »wird es fertig bringen, das livländische Herz auszustechen?«
Eine grelle, hohe Stimme rief spitz: »Ich!«
»Wer?« Der Großinquisitor sucht mit den kurzsichtigen Augen.