Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman
Part 8
Seine Hände verwühlten sich in den Falten ihres Hemdes.
»Jede Stunde mästet sich an mir. In Falschheit und Hinterlist. Herr nennen sie mich, weil der Schatten meiner Kraft ihre trüben Geschäfte deckt. Herr!«
»Bin ich's?«
»Was? Was bin ich?«
Die kurze Perücke war ihm in den Nacken gesunken, seine eigenen, kurzen, straffen Strähnen fielen dunkel in ein totenblasses Antlitz, in dem nur die Augen weit in brennender Frage glühten.
Sänftigend legten sich Katharinas Finger über die pulsenden Adern an seinen Schläfen. Eine tröstende Erwiderung wollte über ihre Lippen, doch die Flut seiner Erregung achtete keines Haltes:
»Bin ich ein Mensch? Ein Mensch schafft, und danach hat er Ruhe. Mich treibt's. Immerzu. Durch Tag und Nacht. Der Tag raubt mir die Geduld und die Nacht betrügt mich um den Frieden. Ich kann nicht schlafen. Nicht schlafen. Nur in Dumpfheit falle ich. Aber in mir bohrt's und stachelt's. Es. Es. Was ist das Es? Dann muß ich auf, hinaus. Muß zimmern, hobeln, muß aufs wilde Wasser, muß knuten, knuten.«
Der stöhnende Mund zuckte:
»Und für wen dies alles, für wen?«
Tief beugte sich Katharina über den verzweifelnden Frager. Der feurige Strom ihrer Haare stürzte über ihn hin, hüllte ihn ein in Duft:
»Für deinen Sohn!«
»Katarinuschka!«
Alle Qual, alle Ungewißheit war ausgelöscht. Beseligt breitete Peter ihr die Arme entgegen.
Sie sank nicht hinein. Nur ihr Blick tauchte in den seinen, fest, bewußt, beherrscht.
»Den Erben deines Werkes kann die Geliebte dir nicht schenken, ihn kann dir nur die Gattin gebären.«
»Du bist es!« Peters Verlangen duldete keine Schranke mehr. In diesem Augenblicke war er bereit, jede zu überspringen, die ihn von seinem Ziele trennte.
»Vor aller Welt?«
»Vor aller Welt.« Und in plötzlichem Einfall riß er sein Tagebuch, das er in dem Aufschlag seines Ärmels ständig mit sich führte, hervor und warf rasch einige Zeilen auf das Papier.
»Da!« Er fetzte das Blatt heraus: »Hiermit erkläre ich Katharina, die Trompeterin, für meine Ehefrau und sichere der Nachkommenschaft aus meiner Verbindung mit ihr alle Rechte ehelicher Geburt zu.« Er las überstürzt, drängend.
Ohne eine Miene zu verziehen, lauschte Katharina. Sie zählte die Worte, da sie sie bei ihrer Unkenntnis der Schrift nicht lesen konnte. Es war eines mehr. Breit stand es unter allen, sicher, mannhaft.
Mit einem lockenden Lächeln sah sie von den Buchstaben auf Peter, von Peter auf die Buchstaben. Ihr Finger wies: P–e–t–e–r.
Er nickte.
»Peter!« Eine Sekunde lang schloß sie die Lider. Wie überwältigt von dem Ausblick, der sich ihr eröffnete. Nur eine Sekunde lang. Dann hoben sich die hellen Wimpern wieder. Ohne Hast nahm sie die Verschreibung an sich, erhob sich, zog den Knienden mit sich empor. Es war, als richte sie sich zu ihrer eigentlichen Größe auf.
Ein Zucken der Schulter.
Spitzen und Batist glitt an ihr herab.
In heller Schönheit stand sie in der Helle.
Ihr Kopf sank in den Nacken, ihre Lippen öffneten sich, weich, zärtlich. Ein süß schluchzender Laut:
»Peter!«
Der Zar lag an ihrer Brust, die glühende Stirn zu ihrem Herzen geneigt:
»Gnädigste Frau!«
XII.
Die Schweden lagen vor Pultawa.
Sie mußten die Stadt haben. Die Stadt, ihre Gräben, ihre Schanzen, ihre Geschütze, ihre Kasematten und ihre Magazine.
Ihre Magazine. Das war es.
Das Glück, das dem abenteuerlichen Zuge Karls anfangs hold gewesen war, hatte sich langsam von ihm gewendet. Seit einem Jahre häufte sich Elend zu Elend. Unfaßbar waren die Russen der schwedischen Tapferkeit ausgewichen, hatten sie nach sich gezogen in Einöden und Wüsteneien, hatten die nach mannhaftem Ringen Begierigen zu fruchtlosen Verfolgungen gereizt und ihre wache Kraft ermüdet. Mählich war die schwächer geworden. Das zielbewußte Vorwärts hatte sich in ein zweckloses Hin und Her verwandelt. Der feste Verband und Zusammenhalt der Heeresglieder lockerte sich. Beschwert von Unlust schritten die wunden Füße nur langsam aus. Regen stürzte und Wind fegte daher. Die Kleider vermorschten, das Riemenzeug verdarb, die Schuhe brachen und ließen die Nässe ein. Krankheit nistete sich ein, vergiftete das Blut und verzehrte das Mark. Mit schmerzenden Hirnen und wunden Füßen schoben sich die Massen weiter. Wohin? Vorwärts? Rückwärts? Niemand wußte es. Einer nur war, der jagte vor ihnen her, ruhelos, rastlos, Flammen im Blick. Er suchte den Sieg. Den Sieg, der ihn floh. Und wie sie ihm nachfolgten, ohne Freude, ohne Lust, da kam es über sie aus den Weiten der Steppen, aus dem Dunkel der Wälder. Kleine, verwegene Trupps. Die Vorhut traf es, die Nachhut, die Flankendeckung. Es waren keine Gefechte, keine Scharmützel. Nadelstiche waren es, lächerliche Nadelstiche. Sie schmerzten nicht. Aber sie reizten. Sie reizten zum Rasendwerden. Doch aller Zorn verpuffte ins Leere. Ein Schwarm Hornissen ließ sich eher fangen, als diese Kosaken auf ihren kleinen, schnellen Pferden. Die Kosaken, die ihnen hätten Verbündete sein sollen und die ihren Hetman verlassen hatten, als er sie aufrief, mit ihnen zu ziehen. Ein Geächteter seines Volkes, barg er sich in der Mitte der Schweden, und die Waffen, die er bestimmt hatte, ihre Macht zu mehren, kehrten sich gegen sie. Ein Unheil zum andern. Das Schlimmste, der Hunger fraß in den Eingeweiden, höhlte die Wangen, schnürte die Leiber zusammen, daß sie sich wanden in Weh, niederstürzten am Wege und in Schmerzen verendeten. Tote, Tote, die keines Feindes Auge gesehen hatten, die von keiner Feindeskugel, keinem Feindeshiebe getroffen waren, zeichneten die Straßen, die die Schweden durch die Steppe gezogen waren.
Drei Tagemärsche vor Pultawa hatte es sich ereignet. Der König war an den Reihen seiner Soldaten vorübergesprengt. Wild, jäh, wie immer. Da hatte einer der Soldaten, ein alter, grauhaariger Mann, sein Brot hochgehalten und es dem Könige hingestreckt mit finsterer Frage. Der hatte sein Pferd gezügelt, das eisenharte, verschimmelte Stück ergriffen, es Bissen um Bissen verzehrt.
»Es ist nicht gut, aber es läßt sich essen!«
Das hatte der König gesagt. Drei Tage vor Pultawa.
Und nun lag drüben die Stadt. Die reiche Stadt. Die Stadt, in deren Gewölben Pulver und Blei, Lederzeug und Schuhe, Kleider und wärmende Decken lagen. Und Mehl. Und Brot.
Brot.
Die Schweden mußten Pultawa haben. Sie mußten es haben.
Die Schweden berannten Pultawa.
Zäh, verbissen, ingrimmig.
Pultawa mußte ihnen gehören, ehe die Russen kamen.
Die Russen.
In dichten Scharen rückten sie an. Von Norden, von Westen, von Südwesten. Unter Scheremetjef, unter Menschikoff, unter Dolgorucki, unter Galizin, unter dem Zaren. Rückten an und drängten gegen die Stadt. Drängten und zwängten, schmiedeten den Ring, den eisernen Ring, der schwedischen Mut erwürgen, schwedischen Hochsinn erdrosseln sollte.
Es kam zur Schlacht.
Singend zogen die Schweden auf. Ihr sieggewohnter König hielt den Sieg in Händen.
Ihre Augen suchten ihn.
Wo war der unbeugsame Ungebeugte? Wo?
Wo ritt er auf seinem hohen Pferde?
Vergebens gingen die Blicke auf Wanderschaft.
Der König konnte nicht zu Pferde sitzen. In einer Sänfte ließ er sich auf das Schlachtfeld tragen. Eine Wunde am Fuß, die er kurz zuvor davongetragen hatte, forderte Bedacht.
Der König in einer Sänfte!
Die aufrechten Stirnen senkten, die hochgemuten Blicke trübten sich: unser König in einer Sänfte! Die Herzen schlug es mit Bangen, die Schwerter mit Stumpfheit.
Und nicht genug daran. Auch die Lenkung versagte. Befehl kreuzte Befehl. Vom Grafen Rhenschiöld dieser, vom Grafen Lewenhaupt jener. Plätze, die gestürmt waren, wurden aufgegeben, Schanzen, die genommen waren, wurden geräumt. Hin und her wirbelten zwei ungleiche Willen die Truppen über den Plan.
Zwei Willen? Drei, vier, zehn, hundert.
Kein Wille galt, wo einer sich versagt hatte, zu gelten. Jeder war Wind für sich, blies die Wellen nach seinem Gefallen. Tausend, Tausende von Wellen. Jagte sie auf. Hierhin, dorthin. Kreisend schlugen sie gegeneinander, hemmten sich, brachen sich, verrannen, verströmten. Nutzlos. Sinnlos.
Immer ärger der Trubel, immer rettungsloser die Verwirrung.
Kein Halt, keine Wehr mehr.
Gewühl von Menschen, Pferden, Wagen. Verstrickung und Knäuel. Fluchen und Schreien über der treibenden Flut.
Fort. Fort.
Die Fahnen schleifen durch den Staub, die Geschütze bleiben stecken, Karren und Gefährte stehen verlassen.
Ballast.
Unaufhaltsam die Flucht.
Durch die sich stoßenden Reihen bahnen Reiter einen Weg.
Der Sänfte des Königs.
Sie wankt und schwankt.
Eilig. Eilig.
Hinter ihr, über den Nacken seines Rappen gebeugt, tief, tief, Hetman Mazeppa.
Das Ende ist da.
Das Ende. –
Am Abend des Tages saß der Zar in seinem Zelte, schrieb, auf den Knien, an den Admiral Apraxin:
»Karl hat Phaetons Schicksal getroffen. Jetzt erst ist der Grundstein von Petersburg befestigt!«
XIII.
Der Sieg von Pultawa hatte die Augen Europas auf Rußland gelenkt. Der westliche Handel begann die östlichen Gebiete beachtenswert zu finden. Die Stadt an der Newa lockte Käufer und Verkäufer. Ein weites, unermeßliches Reich bot seine Schätze dar, es wartete auf die Wagemutigen, die bereit waren, sie zu heben. Abenteurer oder ehrliche Makler, es galt gleich, wer nur die Kraft hatte, Funken aus dem Stein zu schlagen und Leben in der Öde zu wecken. Die Tür nach dem Meer war durchgebrochen, war gesichert. Wer kam, war willkommen.
Der Schiffsverkehr durch das Finnische Meer mehrte sich von Monat zu Monat. Der Lotse, der sein Heim unweit der Mündung des Stromes aufgeschlagen hatte, hatte tüchtig zu tun. Zu jeder Tagesstunde winkten die Flaggen der fremden Segler, und zur Nacht riefen ihre Böller nach dem Lenker durch das unbekannte Gewässer.
Der Lotse hatte seine helle Freude an den vielen Schiffen, die über die weißen Wogen herangeschwommen kamen und nach der Stadt, nach seiner Stadt wollten. Und es gab selten einen Kapitän, dessen Brigg er an Untiefen und Sandbänken vorüber in den sicheren Hafen geleitet hatte, der nicht sein Gast war. In dem Häuschen, das mit rotgeschindeltem Dach und grünem Gebälk weit in die Bucht hinausprangte, war immer der Tisch gedeckt. Von den hohen Borden, die rings an den mit weißem Leinen bespannten Wänden des Zimmers umliefen, blinkten geputzte holländische Zinnteller, auf der breiten, flandrischen Kredenz standen gefüllte Humpen mit spanischem und ungarischem Wein und Schalen mit Früchten. Auch ein Imbiß war immer bereit: gesulzter Fisch, etwas kaltes, gedämpftes Fleisch oder kleine mit Pilzen und gedünstetem Schinken gefüllte Pastetchen, die die Hausfrau nach einem besonderen Rezept ihrer livländischen Heimat zubereitet hatte.
Sie waren dem Lotsen die liebste Speise. Immer wieder langte er zu und nötigte den Besucher, zuzulangen:
»Sie müssen heiß gegessen werden, Mynheer. Wie alles Gute. Wenn wir das auf uns warten lassen, wird's lau und fad. Zugreifen, zugreifen.«
Der gastfreundlich Bedrängte, ein wetterharter, holländischer Seebär, wischte sich umständlich mit einer Ecke des buntgeblümten Tischtuchs die Nässe des Genevers aus dem weißen Schnauzbart und kniff zwinkernd das eine Auge ein:
»Ein guter Wahlspruch,« er langte nach der Schüssel und schob sich einen reichlichen Teil des duftenden Gebäcks auf den Teller. »Wer den befolgt, braucht nicht zu besorgen, daß es ihm mangelt.« Er spießt eines der Törtchen auf die Gabel und erledigte es in zwei Bissen: »Bloß verdammt niedlich sind die Dinger.«
Der Lotse nickte: »Macht nichts, das Kleine schluckt sich besser und liegt nicht so schwer im Magen. Und es läßt sich gut eins nach dem andern verspeisen.«
Kauend stimmte der Holländer zu, lehnte auch nicht ab, als die Hausfrau ihm noch eine Portion Pastetchen vorlegte, nur bat er sich dazu einen weiteren Schluck Genever aus.
Die Lotsin wollte ihn in das kleine Glas, das dafür bereitstand, füllen, doch auf einen Wink ihres Gatten nahm sie einen schwerfüßigen, farbigen Becher, der eingeschliffen eine bacchantische Szene zeigte. Ehe sie ihn dem Holländer reichte, hob sie ihn an die Lippen:
»Der Schiffahrt Gedeihen!«
»Das ist eine gute Rede, Myfrouw, der muß ich gründlich Bescheid tun!« Der Alte leerte den Pokal in einem Zuge. »Ein feines Stück,« lobte er, nachdem er ihn niedergesetzt hatte und drehte ihn betrachtend.
»Er stammt von einem genuesischen Schoner,« erläuterte der Hausherr. »Es war vor einem Jahr etwa. Das erste Schiff, das ich nach der Schlacht bei Pultawa hereinführte.«
»Es brachte gewürzten griechischen Wein.« Die Hausfrau wies auf ihren Mann: »Ihr könnt's Euch denken, Kapitän, ich hatte meine liebe Not, ihn von dem feurigen Zeug loszubekommen.«
Der Seemann lachte. Es war ein tiefes, sattes Brummen: »Glaub's wohl, Myfrouw. Salzluft macht die Kehle trocken. Und so ein weitgereister Wein ...,« er schnalzte mit der Zunge. »Das verstehen freilich die Frauen nicht. Aber ich hab was, das wird Euch gefallen.« Er bückte sich und zog von der Wand her seinen Schnappsack an sich. Mit vieler Umständlichkeit knüpfte er die Bänder auf, nahm ein kleines in Seide eingeschlagenes Päckchen heraus und breitete es mit fast zärtlicher Feierlichkeit aus. Es war spinnwebfeines Leinen.
Die Finger der Lotsin streichelten entzückt den Stoff.
Derb schlug ihr der Gatte auf die Schulter: »Nimm's, Katja, nimm's.« Und neckend fügte er hinzu: »Hast dir nicht träumen lassen, daß so was mal an deinen Leib kommt.«
Sie wandte den Kopf, sah ihm in die Augen: »Dir hat auch manches nicht geträumt.«
Er nickte: »Daß ich einmal soviel Behagen haben werde. Freilich, du bist ja geradeswegs vom Glück hergekommen.«
Ein heiteres Lächeln hob ihre Lippen, leise drückte sie seine Hand, die neben der ihren lag.
Der Holländer hatte inzwischen weiter in der Unergründlichkeit seines Beutels gekramt und brachte jetzt einen kurzen, dreikantigen Dolch zum Vorschein. Er steckte in geflochtener Scheide und zeigte als Griff einen greulichen, grellbemalten Götzen.
»Für Euch, Mann.«
»Was ist das für ein Ungetüm?«
»Ein Fetisch der Heiden auf Madagaskar.«
Die Züge des Lotsen spannten sich, sein Gesicht war eitel Frage.
Der alte Seefahrer ließ sich nicht bitten, zu berichten: von Rotterdam aus hatte er seinen Kutter gesteuert, durch den Kanal, hinunter nach Spanien, vorüber an Teneriffa, ums Kap der guten Hoffnung. Indien lockte. Da taucht abseits die Insel auf, unweit der afrikanischen Küste. Ein üppiges Land. Reich an Schätzen. Schöne Frauen. Seltene Erze.
»Das Volk weiß nicht wohin mit seinem Überfluß.«
Gebannt hing der Lotse an den Lippen des Erzählers:
»Wenn ich eine Flotte ausrüstete ...« Wie im Traum kam es aus schwerer Brust.
Der Holländer hieb auf den Tisch, daß es dröhnte:
»Ihr eine Flotte, Mann?«
Der Lotse riß sich aus seiner Benommenheit, ein purpurner Schein dunkelte die gebräunten Wangen:
»Selbstverständlich, der Zar. Aber Ihr müßt wissen, Kapitän,« er tupfte dem andern auf den Arm, »der Zar und ich sind so gut Freund miteinander, daß ich manchmal beinahe glaube, wir sind ein und derselbe.«
»Herr, das wäre ein Spaß,« brummte der Alte. In seine Unbefangenheit fiel nicht der leiseste Dämmer einer Ahnung. »Und Ihr meint, Euer Zar würde eine Expedition ausschicken?« Die Abenteurerlust blitzte ihm aus den Augen. »Es wird ihm zu weit sein,« zweifelnd wiegt er den Kopf, »hinter Afrika.«
Mit ihren schönen, festen Händen strich Katharina das Tischtuch vor sich glatt: »Für den Zaren ist nichts zu weit. Die Armenier bitten um seinen Schutz, der Hospodar der Walachei sucht Anschluß an ihn, die Serben schicken Boten, die Söhne der Schwarzen Berge wenden sich um Hilfe an ihn, die Griechen hoffen, daß er das oströmische Reich erneuere ...«
Sie brach ab. Die Tür hatte sich geöffnet, auf der Schwelle stand der Kammerherr Jaguschinski. Das lasche, gedunsene Gesicht war gerötet.
»Ew. Majestät ...«
Der Holländer sprang auf, polternd stürzte sein Stuhl: »Der Zar, ich war beim Zaren zu Gast?«
Er mußte sich am Tische halten. Die Überraschung war ihm in die Knie gefahren.
»... vom Khan der Kalmücken ist eine Gesandtschaft eingetroffen,« beendete Jaguschinski, der an dergleichen Vorfälle gewöhnt war, seine Meldung. »Sie bieten einen Freundschaftsvertrag an. Der Khan öffnet uns die Grenzen seiner Länder und damit den nächsten Weg nach China.«
»Da hört Ihr's,« Katharina rüttelte den Holländer, der immer noch nicht völlig Herr seiner Verblüffung geworden war, an der Schulter: »die Straße nach China tut sich auf, und Madagaskar sollte uns zu weit sein? – Nichts ist zu weit, was unser Wille ergreift!«
In Peters Augen leuchtete es auf: »Kamerad,« sagte er und preßte ihre Hand mit festem Druck: »Kamerad!«
* * * * *
Jaguschinski hatte den Gast mit nach Petersburg genommen, ihn, wie es der Zar befohlen hatte, durch ein Gelage in der Admiralität zu feiern. Peter und Katharina waren allein.
Es ging zum Abend. Linde Wärme lag über dem sanft zur Bucht sich senkenden Strande. In kleinen Wellen spielte die See mit dem weißen Sande.
Wie es einem Lotsen und seinem Weibe nach vollbrachtem Tagwerk ziemt, saßen der Zar und Katharina auf der Bank vor dem Hause. Katharina, die nie müßig blieb, mit einer Knüpfarbeit beschäftigt. Um sie her in dem kleinen Garten dufteten Levkojen und Balsaminen. Ein milder, würziger Geruch zog durch die leicht bewegte Luft.
Das Meer lag spiegelnd in der sich neigenden Sonne. Weit und grenzenlos. Nur gegen Osten blitzte ab und zu ein helles Segel auf: heimkehrende Fischer, die in die Newa einliefen. Vom Strande herauf tönte das Jauchzen von Kinderstimmen, schwarze Pünktchen rannten und purzelten durcheinander und rappelten sich wieder auf die spieleifrigen Beine. Sonst Stille.
Leise klirrten die Nadeln unter Katharinas geschäftigen Fingern.
»Muder!« Peter umfaßte die Emsige und lehnte sich an sie. »Muder,« liebkosend strich er über den fraulich gewölbten Leib.
Wie in Abwehr richtete sich Katharina steif auf. »Dich freut das Wachsen.« Ihre Stimme klang herbe.
»Dich nicht?«
»Du denkst nur an dich. Ich muß an das Werdende denken. Immer und immer. Wozu wird es?«
Der Zar wies hinüber, woher die Stimmen ihrer Kinder Anna und Elisabeth tönten, die mit der Prinzessin Maria, der Tochter Menschikoffs und seiner Gattin Darja sich tummelten: »Sie vergnügen sich.«
»So scheint es.«
»Ist es anders?«
Die vollen Schultern Katharinas hoben sich zuckend: »Lisenka ist noch ein Rotznäschen, das nichts versteht. Aber Anja kommt oft mit roten Augen heim. Das Mariechen deines Herzbruders ist ein kleiner gehässiger Balg.«
»Kinderzank. Das ist wie Aprilwetter.«
Katharina warf den Kopf in den Nacken. Der feste Blick ihrer grünen Augen faßte Peter: »Es sind deine Kinder, gegen die sie ihr Gift spritzt.«
Vom Strande her klangen schrille Aufschreie, vier Füßchen trabten eilig gegen das Haus.
»Väterchen! Väterchen, liebes!« Atemlos klammerte sich die vierjährige Anna an Peters Knie. Dicke Tränen liefen über ihre Wangen. Die zweijährige Elisabeth bildete heulend die Begleitung.
»Was haben meine Eingeweidchen?« Der Zar zog die Kinder auf seinen Schoß. »Wer tut meinen Würmlein was?«
Schluchzend, stockend brachte Anna eine ärgerliche Geschichte heraus. Sie hatten friedlich zu dritt mit der Prinzessin Marie gespielt, dann hatte es Streit gesetzt, und als Anna mit ihrem Väterchen, dem Zaren, gedroht hatte, hatte die kratzbürstige kleine Menschikoff nach ihr geschlagen und sie »frechen Bankert« geheißen.
»Bankert hat sie gesagt, Väterchen, Bankert? Was ist das?«
Die Knüpfarbeit Katharinas rollte zu Boden. Ihr Busen flog. Doch sie zwang den Sturm:
»Das ist Gräfin Barbaras Schule. Sie haßt mich, weil ich mich nicht zu ihrem Werkzeug gemacht habe. Nun möchte sie ihre Schuhe an mir abputzen. Darf sie das?« Der Ton der Frage machte sie zur Forderung.
Der Zar fühlte, was auf dem Spiele stand. Sein Antlitz war tiefernst, er legte die Rechte wie zum Schwur auf die Häupter der Kinder: »Bei Gott, sie wird dir die Schleppe tragen.« – – –
Ein halbes Jahr danach luden der Kammerherr Jaguschinski und der Admiralitätschef Kikin zur kirchlichen Einsegnung der Ehe des Zaren mit Katharina Alexejewna.
Die Zeremonie fand in der Kapelle des Palastes Menschikoff statt. Prinzessin Natalie, die Witwe des Zaren Iwan, der Vizeadmiral Cruys und ein Konteradmiral waren die Trauzeugen.
Abends war großer Empfang bei Hofe und Galatafel. Zum ersten Male übten die der Zarin zugeteilten Ehrendamen ihr Amt. Es waren die Fürstin Galizin und die Gräfin Barbara Arsenieff.
XIV.
Fürst Menschikoff schien fester als je in der Gunst des Zaren zu stehen. Sein geschicktes Eingreifen in der Schlacht bei Pultawa hatte ihm den Herzogstitel von Ingermanland eingetragen, und nun war er gar vor kurzem zum Erzieher des Zarewitsch ernannt worden. Gegen die Übernahme dieses Amtes hatte der Fürst sich vergeblich zu sträuben versucht. »Ich weiß,« hatte der Zar ihm auf seine Einwendungen erwidert, »daß es keine leichte Aufgabe ist, die deiner wartet, aber ich wäre ein schlechter Freund meiner Freunde, wenn ich ihnen nicht immer neue Möglichkeiten gäbe, ihre Freundschaft zu bewähren.« Es hatte scherzend geklungen, und der Fürst hatte auch dazu wie zu einem Scherze gelacht. Erst als sich ergab, daß der Zar bei seiner Absicht beharrte, hatte sich ihm die unangenehme Empfindung aufgedrängt, daß dahinter etwas wie eine Prüfung stecke, und auch jene Äußerung dünkte ihm nunmehr nicht harmlos, sondern von hinterhältigem Hohne.
Der Zar hatte in der Tat eine Probe vor. Die Übertragung des Erzieheramtes an den selbstbewußten Fürsten war wohl berechnet. Peter wußte genau, wie sehr sein vom Geschick und von ihm verwöhnter Günstling den unfähigen Thronfolger verachtete. Er ermaß mit Vorbedacht die Kränkung, die für jenen, der sich gut genug für einen Herrscherthron dünkte, darin lag, daß er bestimmt wurde, mit seinen Fähigkeiten den Mängeln offenbaren Ungenügens abzuhelfen. Was wie eine Ehrung aussah, mußte als Demütigung wirken. Und sollte es. Übermut sollte gedämpft, hochfliegende Hoffnungen beschnitten werden. Es war ein gefährliches Experiment. Und der, dessen er sich dazu bediente, war sein Sohn. – Peter blickte finster, seine Lippen preßten sich hart zusammen. In seinem Herzen sprach keine Stimme für den Erben seines Blutes.