Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman

Part 7

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Was sie bezweckte, erfolgte. Die Fürstin horchte auf: »Will der Zar von der Krim Besitz ergreifen?«

»Später auch das, zunächst aber liegt es näher ...«

»Näher? Da liegt ... –«

»Die Ukraine, ganz recht.«

»Der Zar sollte daran denken ...«

»Den Bundesgenossen in einen Vasallen zu verwandeln? Ich weiß nicht, ob er daran denkt, ich bezweifle es sogar. Aber eines Tages wird er daran denken müssen.« Dieser Hieb galt der Freundin Mazeppas. Und er saß.

Die Fürstin wurde unter der Schminke bleich. »Phantasien!« Es kam gereizt heraus, und sie eilte, von dem Gespräch loszukommen.

Barbara Arsenieff machte es ihr leicht. Was sie wollte, war ihr gelungen: der lästigen Mission der Fürstin, die ihre eigenen Absichten zu durchkreuzen drohte, war ein Ende bereitet. Denn die Polin würde nicht säumen, ihren alten Freund vor der vermeintlich ihm drohenden Gefahr zu warnen. Gut so: der Pfeil flog, er würde treffen. Nun galt es, den andern Bogen zu spannen.

Mit langen, festen Schritten querte sie die Zimmer, trat bei Menschikoff ein.

Er drehte nicht den Kopf nach ihr, er erkannte sie an dem harten, polternden Gang:

»Was bringst du, Barbutschka?«

Sie war dicht an seinen Stuhl getreten, sah auf ihn nieder.

»Wie stehst du zu Mazeppa!«

»Wozu fragst du? Du weißt es so gut wie ich.«

»Das Jahrgehalt das er dir gibt, damit du ihm den Zaren geneigt erhältst, ist nicht eben reichlich.«

Menschikoff setzte sich gerade im Sessel auf:

»Barbutschka, seid ihr schon wieder in Nöten?«

»Wer spricht davon? Ich rede von Jan Stepanowitsch. Er sollte weniger knauserig sein. Wer einen Herzogshut wünscht, muß es sich etwas kosten lassen.«

»Einen Herzogshut? Mazeppa? Du träumst!«

»Vielleicht.«

»Den Alten noch mächtiger werden lassen als er ist? Er wird sich hüten.«

»Der Alte braucht Ihn nicht. Er setzt es auch ohne Ihn durch.«

»Das hieße, wider Ihn und wäre Verrat!«

»An Ihm? Die Ukraine ist nicht russische Erde, ihr Hetman gehorcht niemandem als sich selber.«

Menschikoff sann vor sich hin: »Er vermag es nicht aus sich.«

»Meinst du, er fände keinen Bundesgenossen!«

»Den Schweden?« Ungläubig schüttelte Menschikoff den Kopf. »So weit denkt der Kosake nicht.«

»Du bist sehr sicher. Aber wenn nun ein andrer so weit gedacht und Sorge getragen hat, sein Denken ihm beizubringen?«

»Wer?«

Sie war von seinem Stuhl zurückgewichen, hielt sich nur mit den Händen an den Knäufen und lachte. Dumpf, schütternd.

Er starrte verdutzt: »Du? – Bist du närrisch?« Schüttelnd zerrte er ihr Handgelenk: »Willst du Rußland ins Verderben stürzen? Ist's nicht genug an dem schwedischen Bedränger? Was kitzelt dich, Mazeppa aufzuhetzen?«

Sein Drohen endete ihr Lachen nicht:

»Seit wann bist du blind? Was bis jetzt Polen für Karl war, wird die Ukraine werden: der Stein an seinem Fuße. Er wird seine Bewegungen hemmen, er wird ihn zum Rande des Abgrunds ziehen und du, und du,« sie dehnte die Worte, »wirst ihn hinunterstoßen.«

Schwer atmend strich Menschikoff über die Stirn: »Das – hast – du – für mich getan?«

Der zitternde Klang seiner Stimme erregte Barbara Übelkeit, abwehrend streckte sie die Arme: »Nicht diesen Dank, nicht mir. An Darja denke, sie liebt dich. Du bist ihr alles.«

»Und dir? Bin ich nichts?« Die Frage verriet Zweifel, der Ton, in dem sie gestellt wurde, drückte Gewißheit aus.

Barbara war zornig. Ihre Brauen zogen sich dicht zusammen: »Du weißt, daß nur ich selber mir etwas gelte,« antwortete sie böse, kehrte sich scharf um und ging hinaus.

Eitler Männerhochmut! Ihre Fäuste ballten sich: wie er sich blähte in dem Wahn, daß auch sie ihm zu Füßen liege. Wie er gnädig bereit war, ihr für ihre Dienste eine Hand voll Liebe zuzuwerfen. – Ein kurzes galliges Lachen stieß aus ihr: läppische Gaukelei. Ein Wesen wie sie, liebte kein Mann. Ihre Züge verhärteten sich: es sollte sie keiner lieben. Keiner. Sie wollte nicht Liebe, Macht wollte sie und Herrschaft. Der Mächtigste sollte ihr Geschöpf sein, ihres. Und der Mächtigste neben dem Zaren – ihre Blicke wurden starr – über dem Zaren würde Alexander Menschikoff sein. Alexander. Alexaschka! – Mit einem stöhnenden Laut warf sie sich auf ihr Bett. Keine Träne brach aus den brennenden Augen, sie schluchzte nicht, kein Zucken bewegte ihre Lippen, nur das weiße Leinen der Kissen riß unter dem scharfen schneidenden Zerren ihrer Zähne. – –

* * * * *

Der Pfeil flog.

Durch die Steppen trabte eine Reiterschar. Kosaken. In ihrer Mitte der Hetman Mazeppa. Hinter ihm unter dichter Bewachung ein verhängter Wagen. Die mächtigen Räder drückten sich tief in den Boden. Die Last, die sie führten, war schwer. In riesiger eisenbeschlagener Truhe der Goldschatz des Hetmans. Venezianische Zechinen, römische Dublonen, türkische Piaster und russische Rubel. Vorsichtig wich der Zug russischem Gebiete aus. Trabte und trabte. Mit kurzem Rasten.

Von fern her schimmerten goldene Kreuze aufragenden Türmen. Hoch über Sumpf und Morast. Minsk.

Mazeppa riß sein Pferd am Zügel. Bäumend stand es. Mit ihm die andern.

Eine Wolke von Mücken stürzte sich auf Mensch und Tier. Grüne giftig schillernde Fliegen, dickleibige Bremsen bohrten ihre spitzen Rüssel durch Haut und Fell. Widrigkeiten, die nur der erlitt, der zögernd stille hielt.

Das Roß Mazeppas stieg. Die Sporen seines Herrn trieben es hoch. Mit einem gewaltigen Satz sauste es vorwärts. Dem Ziele entgegen.

Kurz vor der Stadt breitete sich das Lager. Graben, Schanzen, schußbereite Stücke, Zelte, Posten, Runden, Soldaten zu Hauf, Pferde und Geschütze, Klirren der Waffen, Rufen und Schreien und der rasche bestimmte Ton der Befehle. Und über allem hell und rauschend vor dem Winde die schwedischen Farben.

Die Kohlenaugen des Hetmans glühten auf. Ein Wink brachte den Fahnenträger an seine Seite.

Eilig streifte der Gerufene die wettersichere Hülle von dem Feldzeichen.

Markig umspannte Mazeppas Faust den Griff, reckte die flatternde Standarte hoch über sein Haupt.

»Für die Freiheit der Ukraine.«

Von den Verschanzungen antworteten jubelnde Zurufe.

Langsam, Schritt bei Schritt ritt der Trupp durch die Lagergassen, näherte sich dem Zelte des Königs.

Knatternd fuhren die Leinwandflügel des Eingangs auf.

Karl trat heraus.

Groß, ragend.

Mazeppa war vom Pferde gesprungen. Breit, wuchtig ging er auf ihn zu. Lüftete den Hut, neigte sich um eine Spanne: »Majestät.«

Bereit streckte Karl ihm die Rechte entgegen.

Fest schlug Mazeppa ein.

Lange hielten sich die Hände.

»Ich bringe mich selbst und was mein ist,« der Hetman wies auf den Wagen, »und mich begleitet der Wunsch von dreißigtausend Kosaken, die darauf brennen, mit den Schweden für die Gerechtigkeit zu kämpfen.«

»Sie folgen Euch?«

»Ihre Pferde sind gesattelt, ihre Lanzen geschärft, ihre Säbel geschliffen. Des Feindes Blöße grinst ihnen entgegen.«

Karls offenes Gesicht spannte sich: »Den Ausweichenden von Süden her packen, zum Stehen bringen, seine Macht vernichten?«

Der lange Graf Piper, Schwedens Kanzler, war neben den König getreten. Er kannte dessen eigenwilligen Einfälle, seine allzu rasch fertigen Entschließungen. Und fürchtete sie. Besorgt, mahnend wagte er Einwände.

Sie glitten am Ohre seines Herrn vorüber. Ungehört. Er war jedem nahen Laut entführt. Das Unbegrenzte hatte sich vor ihm aufgetan. Weiten, wo er reiten konnte Tag und Nacht, Tage und Nächte, wild, ungestüm, zügellos, losgebunden, allein, allein mit sich und seinem schrankenlosen Willen.

Alles Blut war aus seiner Stirn gewichen. Fern, fremd der Blick seiner Augen.

Graf Piper verstummte: jeder Einspruch war vergebens. –

Der Pfeil hatte sein Ziel erreicht.

XI.

Die Herrschaft des Zaren wankte. Die Stöße, die Karls Erfolge ihr versetzt hatten, ermutigten die unzufriedenen Geister, die es an allen Ecken und Enden des weiten Reiches gab, sich zu regen. An den Südostgrenzen gärte es schon lange. Die Steuerauflagen waren mit jedem Jahr drückender, die Anforderungen für den geordneten Kriegsdienst immer häufiger geworden. Das mißbehagte den halbwilden Stämmen jener Bezirke. Die altrussische Partei säumte nicht, die Mißstimmung zu schüren. Sie hoffte, ihre Suppe an diesem Feuer zu kochen. Die neuen Beamten, die Peter überall an die Stelle der alten setzte, ihre Art, sich in westlichem Geschmack zu kleiden, ihre geflissentlich zur Schau getragene Freigeistigkeit verletzte die an den alten Bräuchen und Sitten hängende Menge. Die Begünstigung der Ausländer, die der Zar übte, goß Öl in die Flammen. Die beschränkten Gemüter glaubten den Hetzreden kaum minder beschränkter Popen, daß es mit alledem auf ihre Rechtgläubigkeit abgesehen sei, daß den gottverdammten Ketzern ihr Land, ja ihre Frauen zugedacht seien. Diese Heiden, die schauerlichen Götzendienst trieben, hatten den Zaren behext und völlig in ihren Bann gezwungen. Mit Entsetzen erzählte einer dem andern von den greulichen Bildern, die in den Häusern der »Deutschen«, für die ihnen alle Fremden galten, aufgerichtet wären und die diese Gottesleugner anbeteten. – Die Allongeperücken der modischen Herren auf den hohen Perückenstöcken waren die Ursache dieses verhängnisvollen Irrtums. Und immer neue Nahrung erhielt die einmal entzündete Phantasie der Volksmassen. Von beamteter Seite wurde den altrussisch Gekleideten das Betreten der Kirchen verweigert. Der Feldzug gegen die Bärte wurde vom Adel auf das niedere Volk ausgedehnt. Das schlug dem Fasse den Boden aus. In Astrachan kam es zu Zusammenrottungen. Mit einer Hetze gegen die »Deutschen« begann es, und mit der Vertreibung der zarischen Beamten endete es. Der Aufruhr war fertig. Er breitete sich rasch aus. Wie ein Flackerfeuer. Sprang von einem Ort zum andern über, bis die ganze Gegend am Kaspischen Meer in heller Empörung war.

Und nun der Abfall der Ukraine. Der Grund unter den Füßen des Zaren schien zu schwinden. Was seinen Vorfahren die Strelitzen gewesen, waren ihm die Kosaken geworden, eine zu jeder Zeit bereite Heeresmacht, seine gefährlichste Waffe. Jetzt kehrte sie sich gegen ihn.

Peter erhielt die Nachricht mitten in einem Gespräch mit seiner Stiefschwester Anna Iwanowna.

»Du lügst, Iwan Gawrilowitsch,« herrschte er den Überbringer, den Leiter der »Behörde für ausländische Gesandte«, wie das auswärtige Amt zu jener Zeit in Rußland hieß, an: »Der Hetman hat dich wohl zu schlecht bezahlt?«

Diese Anschuldigung hatte nicht die erwartete Wirkung. Golowkin wurde weder rot noch blaß. Ohne mit der Wimper zu zucken erklärte er: »Es lohnt sich nicht, um den Hetman zu lügen, weder für noch gegen ihn. Was er mir gab, reichte kaum für Tee.«

»Ich kenne Euren Tee,« knirschte der Zar und riß dem Minister die Mappe mit den Depeschen aus der Hand.

Ein heftiges Blättern, ein rasches Überfliegen der Mitteilungen. Er wußte genug.

»Wenn ich ihn zu fassen bekomme ...« die Lehne, um die sich seine Finger gekrallt hatten, splitterte unter ihrem Druck: »Gezücht!« Er schrie es wild: »Ich habe es genährt! Großgezogen! Groß gemacht!« Die Erregung fuhr zuckend durch seinen Körper. Blutunterlaufen quollen ihm die Augen aus den Höhlen.

Golowkin wurde aschfahl vor Angst, mit einer unsicheren Verneigung zog er sich zurück und drückte zitternd die Tür hinter sich ins Schloß. Der Zar war viel zu eingenommen von seinem Zorn, um es gewahr zu werden. Die Prinzessin rümpfte die Nase: Männer! dachte sie, Männer wollen das sein. Der eine gebärdet sich wie ein eigensinniges Kind, das seine erste Enttäuschung erlebt, und der andere läuft vor dem Ungebärdigen davon. Laut sagte sie:

»Was hast du dich, Petruschka? Triff deine Maßnahmen, und die Schwenkung des Hetmans braucht dich nicht zu schrecken. Sei froh, daß du es frühzeitig erfährst.«

»Daß er mich verraten konnte.« Peter schüttelte stöhnend die geballten Fäuste vor sich hin.

»Unsere besten Freunde hassen uns am meisten,« entgegnete die Prinzessin gelassen, »weil sie am schmerzlichsten unter unseren Schwächen leiden und am genauesten die Mängel unserer Tugenden kennen. Wir sind ihnen keine Götter.« Und als der Zar nur ein verbissenes Schweigen auf ihre Rede hatte, setzte sie hinzu: »Du machst diese Erfahrung nicht zum ersten Male und wirst sie noch öfter machen müssen, vielleicht sogar von solchen, die du gleich dir selber hältst.«

Die Zähne des Zaren schlugen gegeneinander. Es war, als schüttle ihn ein Frost. Gewaltsam zwang er sich zur Ruhe: »Menschikoff?«

»Dein Herzbruder.« Die Prinzessin nickte.

»Du hast Verdacht?« ganz langsam fragte er es. Jede Silbe war schwer von Drohung.

»Dir wird nicht für den Verdacht genügen,« die Prinzessin hob die vollen Schultern, »was mir Gewißheit ist. Golowkin war nicht der einzige, der ein Jahrgehalt von Mazeppa empfing. Auch ...«

»Auch der Fürst. Ich weiß es.«

»Warum schmähst du den einen und schweigst bei dem andern?«

»Der Golowkin«, Peters Miene verzog sich verächtlich, »ist ein Geizhals, der für sich zusammenscharrt, mein Alexaschka behält nichts. Das Geld rollt und kommt unter die Leute; so nützt es meinem Lande.«

»Achtung vor dieser Staatskunst.«

»Sie mag nicht gefällig sein. Sie ist klug!«

»Nun, weshalb erbost du dich dann über ihr neuestes Stück? Der Verrat Mazeppas ist Menschikoffs Werk.«

Der Zar fuhr auf: »Wer sagt das?«

»Der und jener raunt es. Mir ist es klar. Je mehr du in Not bist, um so dringender bedarfst du des großen Feldherrn. Er wird sich schon mit dem Hetman verständigt haben, wo und wie dieser sich von ihm schlagen läßt. Dem glorreichen Sieger ist es nachher ein leichtes, für den reuigen Unterlegenen Verzeihung zu erwirken. Mazeppa behält, was er hatte, und der Fürst erhält zu seinen vielen Titeln einen neuen. Er wird Herzog. Wonach es ihn schon lange gelüstet. Am Ende,« sie warf es verloren hin, »gelüstete es ihn nach noch mehr.«

Peters Stirn furchte sich: »Er ist schnell gestiegen, zu schnell ...« Er brach ab, machte eine wischende Bewegung mit der Hand und begann von anderem zu sprechen: von seiner Absicht, eine Schule für Ingenieure in Moskau zu begründen, von der Notwendigkeit, eine Abordnung nach Deutschland und Holland zu senden, um sich über die Verarbeitung von Wolle zu unterrichten und von der Anlage neuer Manufakturen.

Die Prinzessin bog den Kopf zur Seite. Sie mußte lächeln: dieser gespielte Gleichmut mochte einen andern täuschen, sie nicht. –

Sie hatte recht. Die angenommene Maske fiel, sobald Peter allein war.

Am Ende gelüstet es ihn nach noch mehr. Wie ein Stachel hatten sich diese Worte in sein Hirn gebohrt: des Herzbruders Ehrgeiz war maßlos, er kannte ihn. Warum sollte er haltmachen vor seinem Throne? Hatte er ihn nicht selber gelehrt, nichts für unerreichbar zu halten? Aus dem armen litauischen Adligen, der die Pasteten austrug, mit deren Bäckerei sich sein Vater in dem fremden Moskau ernährte, hatte er aus Wohlgefallen an seiner raschen frischen Art seinen Adjutanten, seinen Kammerherrn gemacht. Freund war er ihm geworden, und er hatte ihn beschenkt, womit er ihn nur beschenken konnte. Mit seinem Vertrauen und allen Würden, die er zu vergeben hatte. Er selber stand zurück. Er war der einfache Unteroffizier, Peter Michailoff, in der ersten Gesandtschaft, die er in die Hauptstädte Europas gesandt hatte und in deren Mitte Alexander Menschikoff glänzte. Er baute Rußland eine Flotte, ihr Admiral war Alexander Menschikoff. Er wollte es so, er gönnte ihm diesen Kling und Klang von Titeln und Orden, Reichtümern und Ehren. Er liebte den Glanz an seinen Freunden. Je heller sie strahlten, um so weniger brauchte er ins Licht zu treten. Den Schein der Macht ließ er ihnen gern, um so fester hielt er die Macht. Es war keinem zu raten, daran zu rühren. – Er stützte den Kopf in die Hände und sann grübelnd vor sich hin: sollte Alexaschka es wagen? –

Der Tag war verblichen. Der trübe Dämmer des Abends ging ins Dunkel über, und in der Schwärze wuchs und wucherte das Mißtrauen. Schritte nahten und zogen sich vorsichtig zurück: irgendein Diener, der den Zaren zu stören fürchtete. – Peter wurde der Unsichtbare zum Späher. Laute klangen auf und verwehten wieder: Wetterfahnen, die im Winde knarrten, eigenwillige Türangeln und Fensterriegel, die kreischten, eine Diele, die ächzte – der Zar hörte daraus geheimnisvolle Signale, die Lauscher und Spione einander gaben. Mit vorgebeugtem Oberkörper saß er in dem Sessel, horchte angestrengt in die tiefer und tiefer werdende Finsternis: waren da nicht Stimmen hinter der Tür? Flüsterte dort nicht jemand? Wer? Wer? Dem überreizten Ohre wurde jedes Geräusch zu verräterischer Rede. Was raunte? was wisperte es? Er, ein ungetreuer Gatte, ein schlechter Vater? Würgend zwängte es ihm die Kehle: war es Eudoxia, die sich rächen wollte? War es Alexei, der ihn haßte? Bohrend starrten seine Blicke. In der Düsterkeit ballten sich Schatten. Ihm war, als schlüge rings um ihn ein heimliches höhnisches Lachen auf. Verzerrte Larven grinsten. Unter der Perücke sträubten sich ihm die Haare, kalter Schweiß rann über seine Stirn, die Zähne schlugen gegeneinander. Er schob sich aus dem Sessel empor: kamen sie nicht? Streckten sie nicht die kralligen Finger nach ihm, die Bleichen, Blutlosen, über deren lebendige Leichname er hinweggeschritten war auf seinem Wege? – Langsam wich er zurück vor dem gespenstischen Drohen. Er flog wie im Fieber. Aus seinem Blute schlugen die Schauer der Angst über ihn hin. In seinem Gewissen war keine Gewißheit überwindender Güte. Bangen nur war und sträfliche Furcht. Bebend lehnte er an der Tür, tastete nach der Klinke. Sie gab nach. Licht brach herein, warf den Spuk zurück. Aufatmend stand Peter: was vergangen war, war tot, seine Stunde war vorüber, es konnte ihm nichts mehr anhaben.

Doch die innere Unruhe ließ sich so leicht nicht beschwichtigen. Ja, es war, als brächte die Helle sie erst recht zum Gedeihen. Was dem ersten Schreck nur eine ungeheuerliche Drohung war, die sich vergeltend aus der Vergangenheit reckte, das wurde dem näheren Betrachten ein Verhängnis, daran die Zukunft spann.

Er hatte die Depeschen, die Golowkin gebracht hatte, nochmals vorgenommen und sie sorgfältig mit früheren Meldungen verglichen. Akten über Akten häuften sich um ihn. Harmlose Berichte erhielten plötzlich Wichtigkeit, belanglose Bemerkungen rückten in das Licht versteckter Andeutungen, und mit einem Male fühlte er sich im Mittelpunkte einer weitgreifenden Verschwörung. Alle hatten daran teil, alle. Mazeppa und Menschikoff, Eudoxia und Alexei, Karl XII. und August der Starke, seine Minister und Generäle, der Metropolit nicht minder wie sein geringster Diener. Jeder wob an dem Netz, darin sein Schicksal sich verfangen mußte. Keinem konnte, niemandem durfte er trauen.

Niemandem?

Ein warmes Strömen quoll von seinem Herzen auf: Katharina!

Und auf einmal kam ihm sein Spüren und Suchen in den verstaubten Blättern, sein Grübeln über die einzelnen Wendungen in den Briefen seiner Residenten und Agenten unsäglich albern vor. Ein paar kräftige Püffe brachten den Aktenwust um ihn her ins Wanken. Die Arme in die Seite gestemmt, sah er dem Purzeln der Packen zu, dann drehte er sich um, griff nach Hut und Mantel und ging hinaus. In die Nacht.

* * * * *

Das Haus der Postmeisterin Fademrecht in der Sloboda lag in tiefem Schlummer. Nur hinter zwei Fenstern im ersten Stock, die auf den Garten, der Jausa zu, hinausgingen, flimmerte Licht. Dort hatte der Zar bald nach der ersten Begegnung seine neue Freundin untergebracht.

Katharina mochte nicht schlafen. Sie hockte in dem breiten, französischen Bett, die Arme um die Knie geschlungen und das volle runde Kinn darauf gestützt. Die gelbseidene Steppdecke war zurückgeschoben, unter dem dünnen Batist des Hemdes lugten die rosigen Nägel der kleinen Füße hervor. Sie sann vor sich hin. Der Abend hatte ihr nachdenkliche Nachrichten gebracht, durch die Postmeisterin, die in der Stadt gewesen war. Es hieß, der Zar habe einen Schlaganfall erlitten und liege im Sterben. Die alte Frau hatte bedrückt die Hände gerungen: »Bewahre uns der Himmel, daß es wahr ist. Der Zarewitsch haßt die Fremden. Besteigt er den Thron, so sind wir keinen Augenblick mehr unseres Lebens sicher. Die Popen werden schon dafür sorgen, daß wir alle hängen müssen.«

Der Zarewitsch haßt die Fremden! In Katharinas Augen glimmte es auf: sie haßte er nicht.

Ihr fiel die Begegnung ein, die sie beim Fürsten Wolchonski mit ihm gehabt hatte. Ihre erste mit dem Sohne des Zaren. Vor wenigen Wochen. Scheu, schüchtern war der stille, junge Mensch dem Gewühl der ausgelassenen Gesellschaft ausgewichen. In eine der tiefen Fensternischen hatte er sich geflüchtet. Verloren lehnte er dort, die überschlanken Finger gequält ineinander gewunden. Die überlaute Lust der andern peinigte ihn. Ein Zug von Ekel stand auf dem schmalen Gesicht.

Er tat ihr leid. Sie trat zu ihm, und da sie wußte, daß ein religiöses Gespräch ihm das liebste war, hatte sie ihm von ihrem bevorstehenden Übertritt zur rechtgläubigen Kirche gesprochen.

Die dünnen, blutleeren Lider des Zarewitsch waren gesenkt geblieben, aber in die blassen Wangen stieg ein feines Rot der Freude:

»Madame haben einen guten Entschluß gefaßt.« Und nach einer Weile fragte er, wer ihre Paten seien.

Ihr war die Zeremonie zu wenig wichtig. Sie vollzog sie, weil die Klugheit es gebot. Die Einzelheiten zu ordnen überließ sie der Prinzessin Natalie, die ihr den Schritt nahegelegt hatte. Sie erwiderte daher, daß diese wohl Patin sein würde.

»Wenn ich der zweite Zeuge Ihrer Bekehrung sein dürfte?« Leise, fast hauchend brachte der Zarewitsch die Bitte vor, während das zarte Flammen bis in seine Stirn flutete.

»Ew. Zarische Hoheit wollen für mich beten?« Sie hatte sich leicht zu ihm, den sie etwas überragte, niedergeneigt.

»Meine innigsten Bitten würden die dem Heile gewonnene Seele begleiten.« Langsam hoben sich seine dunklen Wimpern, und die schwermütigen, dunklen Augen richteten sich voll auf sie.

Sie hatte ihm die Hand hingestreckt. Zum Dank.

Zögernd hatte er die seine hineingelegt, von Glut übergossen und am ganzen Leibe zitternd. Eine kalte, feuchtende Hand. –

Katharina haschte mit den Schultern nach den geklöppelten Stegen des Hemdes, das ihr herabgeglitten war und die volle, weiße Rundung des Nackens und die festen Brüste freigab: nein, der Zarewitsch haßte sie nicht. Sie schüttelte die rote Wucht ihrer Haare, daß sie wie ein Mantel um sie flossen: ihr war nicht bange um ihren Weg. Nur wer sich selber aufgibt, den gibt das Schicksal auf.

Und wie eine Antwort auf ihre Gedanken klang vom Flusse her, der träge und schwer am Garten vorbeizog, ein Plätschern durch die Stille.

Katharina hob lauschend den Kopf.

Der Ruderschlag war verstummt.

Wohl ein Fischer, der auf nächtlichen Fang fuhr. – Dennoch war eine Unruhe in ihr Blut gekommen, die sie nicht länger im Bette litt. Mit beiden Füßen sprang sie vom Lager: Licht!

Sie begann die Kerzen der venezianischen Girandolen, die zwischen dem Fenster und zu den Seiten der Tür und des breiten Spiegels hingen, zu entzünden.

Flamme um Flamme flackte auf, strömte ihren weichen, warmen Schein über sie hin. Der Spiegel sammelte die helle Flut, und sie drehte sich berauscht in dem wonnigen Glanz. Jauchzend warf sie die Arme empor.

Doch die Gebärde erstarrte. Alles Blut wich ihr zum Herzen.

In dem funkelnden Glas, das ihr Bild zurückwarf, stand noch ein zweites Gesicht, düster, verzerrt von Verlangen.

Nur einen Augenblick, dann hatte sie sich wieder:

»Ew. Majestät wählen eine seltsame Stunde zum Besuch.«

Die Kühle ihrer Worte ging an dem Zaren vorüber. Er wollte sprechen. Es wurden nur losgerissene, stammelnde Laute.

Zauber. Dieses von innen quellende Beben verwandelte Katharina aufs neue. Die geflissentliche Herbheit fiel von ihr ab:

»Kommt mein Freund auch spät, er ist mir angenehm.«

Ganz Güte und zärtliches Mitgefühl, drängte sie ihn auf einen der niederen mit chinesischer Seide bezogenen Hocker, saß neben ihm, zu ihm hingeneigt, daß ihr Haar ihn streifte. Ihre Stimme schmeichelte:

»Hat der Tag dir weh getan?«

Den starken Mann schüttelte es, er brach in die Knie, preßte die Stirn in ihren Schoß:

»Der Tag und die Nacht.«