Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman

Part 6

Chapter 63,651 wordsPublic domain

Barbara antwortete nicht. Weder Anisia noch Darja brauchten zu wissen, daß sie sich selber für die Frau hielt, die es verstand, den moskowitischen Zaren nach ihrem Willen und Wunsche zu leiten. Katharina war ihr nur Mittel zum Zweck. Auch war sie sich klar darüber, daß sie oft derartiger Mittlerinnen bedürfen würde. In seinen Begierden war Peter unersättlich. – Ein hochmütig abtuender Zug legte sich um ihren scharfgeschnittenen Mund: was tat es? Mochte er seine Brunst ausrasen mit wem er wollte, wenn ihr blieb, seine Herrin zu sein. Die Livländerin würde ihm in die Augen stechen. Rücksichtslos, wie stets, würde er sie nehmen wollen. Diesmal würde es nicht ohne Strauß mit seinem Liebesgenossen abgehen. Wenn sie geschickt vermittelte, hatte sie bei ihm einen Stein im Brette. Und die Livländerin würde ihr dankbar sein. Benützte sie diese Stimmung klug und gelang es ihr weiter, das Spielzeug zur rechten Zeit beiseitezuschieben – es fand sich unter den höheren Bediensteten des Zaren gewiß ein bereitwilliger Abnehmer – und es durch eine neue Freundin zu ersetzen, so verpflichtete sie sich den kaiserlichen Liebhaber mit jedem Male mehr und bekam ihn schließlich völlig in ihre Hand. Freilich, gewagt war das Unternehmen. Es konnte auch gegen sie ausschlagen. – Sie hob die Schultern: die nähere Gefahr drängte. Alexaschkas Verliebtheit in die Rote mußte ein Riegel vorgeschoben werden. An das Teilen war Darja gewöhnt, seinen völligen Verlust würde sie nicht ertragen. Und dazu kam es – sie sah klar, nur zu klar –, wenn die Livländerin im Hause blieb.

»Die Prinzessin!«

Dieser Ruf Anisias riß sie aus ihren Gedanken. Sie beugte sich vor.

Vom Gewächshaus her kam Katharina. An ihrem Arm hing leicht und lässig ein kleines, glänzendes Körbchen aus buntem Strohgeflecht, aus dem über dem dunklen Grün der Weinblätter die roten Samtbacken der Pfirsiche schimmerten. Sie ging schlendernd ohne jede Hast, mit weichen, ein wenig wiegenden Tritten, ganz wie eine Dame, und einem unbefangenen Beobachter wäre es schwer gewesen, einen Unterschied zwischen dem livländischen Bauernmädchen und ihrer Begleiterin, der Prinzessin Natalie, der Lieblingsschwester Peters, herauszufinden.

Die Prinzessin, eine große Blumenliebhaberin, war ein häufiger Gast in den Treibhäusern des Fürsten, die sie, dem Beispiel ihres Bruders folgend, fast zu ihren eigenen rechnete. Gut einen Kopf größer als Katharina, war sie gezwungen, auf diese herabzusehen, aber weder in ihren Mienen, noch in ihrer Haltung kam irgendwelcher Hochmut zum Ausdruck. Angelegentlich sprach sie auf die Jüngere ein. Langsam, wiederholt stehenbleibend, näherten sie sich dem Gartensaal.

Barbara Arsenieffs Brauen zogen sich zu einem dunklen, geraden Strich zusammen:

»Es ist geradezu, als ob sie etwas an sich hat. Alles läuft ihr zu.«

Hätte sie hören können, was die Prinzessin mit der Nebenbuhlerin ihrer Schwester so dringlich zu besprechen hatte, sie würde in ihrer Meinung von der Gefährlichkeit der Livländerin erheblich bestärkt worden sein.

Dabei gingen die nächsten Absichten der Prinzessin in bezug auf Katharina mit denen Barbara Arsenieffs gleich, nur im Ziele entfernten sie sich voneinander. Auch die Prinzessin fand es an der Zeit, daß ihr Bruder dem wüsten, ausschweifenden Treiben, dem er sich in Gemeinschaft mit seinen holländischen Kapitänen und mit schnapsdurstigen Dienern und Soldaten seiner Garde ergab, entrückt würde. Das Vielerlei und noch mehr die Wahllosigkeit seines Liebebedürfnisses waren ihr ein Dorn im Auge. Ermahnungen fruchteten nichts. Er war ihnen nicht unzugänglich. Doch seine Willigkeit bedurfte zu ihrer Unterstützung eines Ersatzes für die Vergnügungen, auf die er verzichten sollte. Dieser Ersatz hatte bisher gefehlt. In Katharina schien er der Prinzessin gegeben. Sie war wie geschaffen für Peter. Reizvoll und dabei von einer Sicherheit und Derbheit, die ihm Schach zu bieten und ihn in Schach zu halten verstehen würde, ohne von jedem groben Wort und festen Griff ein Aufhebens zu machen. Keine Gemahlin zwar für einen Zaren, aber eine Kameradin für einen Reformer, die nicht von ihrer Vergangenheit gebunden, mit ihm durch dick und dünn ging. Eine aufrechte und starke Gefährtin, die ohne Schüchternheit seine rauhen Freuden teilte und ihn damit von allen ärgerlichen und ihn zerreibenden Zerstreuungen zurückhielt. Eine Genossin, die ihm ein Heim bereitete, wo er zur Ruhe kam von seiner Umgetriebenheit und Kraft sammeln konnte zu neuen Werken. Alle diese Aufgaben konnte Katharina, wenn sie wollte, leicht lösen. Daran zweifelte die Prinzessin nicht. Es kam jetzt nur darauf an, ihr dieses Wollen nahezulegen und schmackhaft zu machen. Die Besorgnis, daß das Bauernmädchen über solcher Erhöhung jede Zurückhaltung verlieren und die selbstverständlichen Grenzen ihrer Stellung zum Zaren überschreiten könnte, kam der Prinzessin nicht. – Musternd glitt ihr Blick zur Seite: da war in Schreiten und Gebärde ein unwillkürliches Maß. Sie stellte es mit Erstaunen fest: woher das Mädchen nur diese kühle, bestimmte Art hatte? Von ihrem Aufenthalte in dem Hause des Propstes wohl kaum und erst recht nicht von ihrem Eintagsgatten. Gleichviel: sie war recht, wie sie war. Und würde sie auftrumpfen, nun, wenn sie es gegen den übermütigen Alexaschka und gegen die überhebliche Arsenieff tat, es konnte bloß von Nutzen sein. Denen war eine Dämpfung not. Die Prinzessin durchschaute deren Machenschaften. Peter durfte säen, die Ernte sollte Alexander Menschikoff einheimsen. So hatte der Ehrgeiz der schnurrbärtigen Barbara es ausgesonnen, und ihr heimlich angebeteter Held sagte nicht nein zu diesem Plänchen.

Das alles war in ihren Gedanken, während sie der anteilsvollen Hörerin die guten Eigenschaften ihres Bruders rühmte, seine Fehler beklagte und mit Schmerz seiner Verlassenheit gedachte, in der die Untugenden üppig ins Kraut schossen.

»Freundinnen,« sie seufzte, »und Freunde, die sich so nennen, hat er mehr als ihm gut sind, aber ein wahrhaft liebevolles Herz ist nicht sein eigen. Und doch, ich meine, das wäre eine schöne Aufgabe für eine Frau.«

Katharina, obwohl sie die Frage verstand, die mit alledem an sie gerichtet wurde, antwortete nicht sogleich. Ihre Lider sanken, ein wägendes Prüfen trat in den kühlen Blick der grünen Augen. Ganz langsam, mit Bedacht, hob sie ihn und richtete ihn ruhig auf die Prinzessin:

»Es wäre eine schöne Aufgabe, wenn es um den Mann lohnt.«

Diese überaus sachliche Erklärung verblüffte die Prinzessin einigermaßen, sie erwiderte darauf mit einem etwas gezwungenen Nicken. Zu der Angelegenheit sprach sie kein Wort mehr. Dennoch war sie in ihrem Plane nicht beirrt, eher noch bestärkt worden.

Schneller, als sie es dachte, reifte er der Verwirklichung entgegen.

Bereits seit Tagen hieß es, der Zar habe den Kriegsschauplatz im Norden verlassen und befinde sich auf der Rückkehr nach Moskau. Gleich allen, die Peter kannten, gab die Prinzessin auf dieses Gerede nichts. Sie wußte, ihr Bruder liebte es, dergleichen auszustreuen. Es sollte keiner sich vor ihm sicher wähnen. Nur diese beständige Bedrohung hielt seine lässige Beamtenschaft bei der Pflicht und beugte allzu großen Gesetzwidrigkeiten vor. Die Rücken der mancherlei Räte bis hinauf zu den höchsten Beamten mußten immer ein leises, ahnungsvolles Jucken verspüren, damit sie sich bemühten, der allzu nachdrücklichen Bekanntschaft mit seinem Stocke auszuweichen. Deshalb schreckte er sie gern durch eine scheinbare Allgegenwärtigkeit. Tauchte unvermutet auf und verschwand ebenso überraschend, kündigte sein Kommen an, blieb aus und erschien, wenn niemand mehr ihn erwartete. Diese Unberechenbarkeit bewirkte schließlich, daß seine Anmeldungen keinen Glauben fanden.

Prinzessin Natalie hatte noch einen besonderen Grund, der einlaufenden Nachricht zu mißtrauen: Peter lag vor Narwa, das Unbezwungene endlich zu bezwingen. Graf Horn war auch diesmal ein hartnäckiger Gegner. Obwohl er auf Ersatz nicht hoffen durfte und den Russen der Sieg sicher war. Mit dem Falle der Festung aber hatte es noch gute Weile. Peters letzter Brief an die Schwester klagte, daß er noch wochenlang den sehnsuchtsvollen Anbeter werde spielen müssen. – Nein, es war sicher wieder müßiges Geschwätz, das von seiner nahen Ankunft fabelte.

An ihrer Sänfte vorüber raste ein hochrädriger Jagdwagen. Des Zaren Gefährt.

Die Prinzessin befahl zu halten. Doch ehe die Träger die Sänfte abgesetzt hatten, war der Wagen vorüber. Einen Augenblick grüßte sie das zurückgewendete Gesicht des Bruders. Es war hell, freudig. Er winkte und rief ihr jubelnd ein Wort zu. Sie verstand es nicht, aber sie wußte: Sieg! Er hatte wieder einen Schritt vorwärts getan. – Eine kleine Schwäche befiel sie, ihre Knie zitterten: vorwärts, nur vorwärts peitschte er. Ihre Finger bogen sich ineinander. Zum Gebet. Demütig neigte sie die Stirn und flehte, daß seinem Streben Bestand werde. Und während sie betete, gingen ihre Gedanken zu dem Mädchen im Hause Menschikoffs, das ihr geschickt erschien, seine Unrast zu lindern, sein Ungestüm zu bannen.

Einstweilen tobte das noch unbehindert. Aufreizend pfiff die Peitsche über den Pferdeköpfen, trieb die Tiere zu rasendem Lauf. Der Wagen stieß und schleuderte auf der unebenen Straße.

Peter lachte, zeigte die Zähne und schrie zu Menschikoff, der hinter ihm saß: »Nun der Herr Graf am eigenen Leibe spüren, wie schlecht der Weg nach Eurem Palaste beschaffen ist, werdet Ihr ihn wohl aufbessern lassen.«

Der Herumgeschüttelte nickte mit verkniffenen Lippen und wünschte den Übermut des Zaren zum Teufel.

Zum Glück währte die Plage nicht lange. Im Schwunge lenkte Peter durch die Einfahrt und vor den Palast, brachte mit einem Riß, so daß sie fast kerzengerade in die Höhe stiegen, die Pferde zum Stehen, warf Menschikoff die Zügel zu, war mit einem Sprunge vom Wagen und mit einem zweiten gewaltigen Satze über die Treppen im Hause.

»Tauben! Meine Tauben! Wo sind meine Tauben!« Sein lärmendes Rufen füllte die Hallen und Gänge.

Barbara kehrte sich lauschend zur Tür, hob sich halb von ihrem Sitz:

»Das klingt ...«

Darja war aufgesprungen, bebend, wie gebannt schaute sie nach der Tür: »Der Zar!« Und leise: »Alexaschka!«

»Tauben! Meine Tauben!«

Näher und näher kam der Ruf.

Anisia schob seufzend den Teller mit der Creme zurück und mühte sich aus ihrer bequemen Stellung auf. Glättend strich sie über die etwas gedrückten Falten und Rüschen ihres bauschigen Kleides: »Es lohnt zwar nicht, er richtet es einem doch gleich wieder zu.« Sie stupfte Katharina mit dem Ellenbogen: »Der Zar kommt.«

»Der Zar?« Katharina fuhr ruhig fort, die sauber geschälten Pfirsiche auf einem silbernen Teller zu spalten: »Er schreit wie ein Wilder.«

»Und ist auch nicht viel besser.«

»Tauben!«

Die Tür sprang auf. Peter stand auf der Schwelle.

Die grünen Augen Katharinas starrten einen Herzschlag lang, dann deckten die bläulich weißen Lider ihr glimmendes Zucken. Tiefer beugte sie sich über den Teller. Ein ganz zartes Rot stieg langsam in ihr an. Trotz aller Gegenwehr. Und ihr Blut pochte schneller.

»Tauben! Meine Tauben!« Peter breitete die Arme nach rechts und links, preßte des Tantchens umfänglichen Busen und hastete mit den Lippen über Darjas zuckenden Mund.

»Und das Bärbchen? Das schöne Bärbchen? Will es dem Väterchen keinen Willkommen bieten?« Er faßte nach den kurzen, borstigen, dunklen Härchen, die sich unter ihrer starken Nase kräuselten.

Sie ließ es widerwillig geschehen und bot ihm flüchtig die Wange.

Er klopfte ihr tätschelnd das Kinn: »Braves Bärbchen! Braves Töchterchen,« höhnte er leise. Doch gleich darauf wurde er ernst: »Freue dich, Barbara Arsenieff. Meine Tauben, freut euch! Rußland ist gewachsen! Narwa ist in meiner Hand. Das Meer grüßt Rußland. Livland ist mein. Sein Herz gehört mir.«

Jubelnd schrie Barbara auf. Darja und Anisia umarmten glückwünschend den Zaren, umarmten Menschikoff, der herzugekommen war. Freudig ging Fragen und Antworten durcheinander.

In das erregte Wirren fiel ein kühler Ton:

»Narwa ist nicht Livland!« Katharina sagte es. »Eine alte Sage meldet: nur dem wird Livland zu eigen, der ein livländisch Weib heimführt. Darum ist es nicht schwedisch geworden und wird nicht russisch werden, sondern bleiben, was es ist!«

Der Klang der Stimme weckte in Peter ein Erinnern. Aber es wurde nicht hell, und er war nicht der Mann, sich mit Grübeleien aufzuhalten. »Wer ist das Mädchen?« Er fragte es scharf.

Barbara legte den Arm um Katharina und drängte sie mit leichtem Zwange näher: »Eine schöne Gefangene des Zaren.«

Ein halblauter Fluch entfuhr Menschikoff über diese Schmeichelei. Drohend richteten sich seine Blicke auf die Freundin.

Sie winkte mit den Augen, trat rasch auf ihn zu und preßte seine Hand: »Der Preis lohnt den Einsatz,« zischte sie dicht an seinem Ohr.

Die geballten Fäuste des Günstlings preßten sich noch fester zusammen. Seine Brust rang unterdrückt. Er hob den Kopf. Er glaubte Barbara zu verstehen: Katharina sollte die Delila des zarischen Simson werden. Seine Blicke glühten: dafür war ihm das Liebste feil.

»Meine Gefangene!« Peter betrachtete wohlgefällig die unerwartete Siegesbeute.

»Ich weiß nicht, ob das Kriegsrecht Ew. Majestät gebietet, mich zu den Gefangenen zu rechnen, aber ich weiß, daß das Gastrecht fordert, dem Freunde des Hauses einen guten Willkommen darzubringen.« Mit einer anmutigen Bewegung bot sie ihm den Teller mit den Pfirsichen.

Peters Augen wanderten hin und her zwischen ihrer sauberen Gestalt und dem zierlich hergerichteten Obst:

»Die Frucht sieht lecker aus.«

Ein leichtes Rot stieg in Katharinas Wangen:

»Möchte sie Ew. Majestät angenehm zu essen sein und gut bekommen.«

IX.

Das Freudengelage war lang geworden. Erst die schauernde Kühle der Frühe trieb die Runde auf. Durch die Säle und Gänge des Palastes, in denen das Flackerlicht der Kerzen bereits vor dem ersten Schimmer des Tages zu erbleichen begann, schwankten die übernächtigen, verfallenen Gestalten. Es war als speie die Mitternacht ihre Gespenster wider den Morgen aus. Wankend, auf unsicheren Füßen, tappten die späten Gäste zu ihren Ruhestätten. Die trüben, schwimmenden Augen glotzten stier, die welken Züge waren zu einem blöden Lächeln auseinandergezerrt. Fassungslos grinste es in den sich langsam hellenden Dämmer: war da nicht etwas gewesen, das wie Lust geschienen hatte? Späße waren durch die branntweinduftende Luft gewirbelt, grelle, saftige Späße, die tollen, johlenden Beifall geweckt hatten. Frauenarme hatten sich um Männernacken geschlungen, Männerlippen sich an Frauenbusen gedrängt, heiße, glühende, von Wein und Verlangen feuchte Lippen. Schwül die Glut, brennend der Durst und lechzend die Gier der Leiber. Und nun: Scherben, zerdrückte, zertretene Rosen, zerwühlte Kleider, eine fade, üble Süße von vergossenem Wein. Ekel, Ekel an allem. Froheit, Freude, Freundschaft zu wüstem Schall geworden. Jeder wendete sich von jedem, taumelte fort, in irgendeine Ecke, zu bleiernem Schlaf.

Der Zar wurde geleitet. Von Jaguschinski und Katharina. Der Pole, den die Jahre etwas fett hatten werden lassen, hielt sich selber nur mit Mühe gerade. Die ganze Last ruhte auf Katharina. Sie trug sie mit Munterkeit. Ihrem kräftigen, unverbrauchten Körper hatten Wein und Schnaps nichts anzuhaben vermocht, trotzdem sie wacker Bescheid getan hatte, so oft der Zar oder einer der andern Herren ihr zugetrunken hatte. Sie war dabei freilich mit Schlauheit zu Werke gegangen. Ständig hatte sie mehrere Gläser vor sich stehen gehabt, halbvolle und fast leere, die sie nach Gefallen schob und drehte. So konnte sie jeden Zutrunk bis auf den Rest erwidern, ohne sich zu übernehmen und war nüchterner geblieben als alle andern.

Peter bemerkte es mit Staunen. Vertraulich kniff er Jaguschinski in den Arm: »Pan Pawel, schau dir mal das Mütterchen an, ich glaube, Pan Pawel –,« seine Zunge folgte nicht mehr richtig seinem Willen, »ich glaube, das Mütterchen nimmt es mit dir und mir und noch ein halb Dutzend solcher Gesellen, wie wir jetzt sind, auf. Sieh, sieh dir mal an,« er versuchte Katharinas Rechte, die ihm fest um die Schultern unter der Achsel durchgriff, zu tätscheln, »sieh, wie die zupackt, was die hält, läßt sie nicht wieder los.«

Der Herr Oberstleutnant, welchen Rang Jaguschinski inzwischen erlangt hatte, warf einen schiefen Blick auf die verdächtig klare Begleiterin und murrte etwas von intriganten Weibern.

Damit kam er bei dem Zaren schlecht an. Fluchend bohrte der ihm die Faust in die Seite, und fast wäre es zum Streit zwischen beiden gekommen, wenn Katharina nicht kurz entschlossen den Polen beiseite geschoben und ihm geboten hätte, sich zu entfernen.

Der sonst so Zungenfertige schien für eine Weile die Sprache verloren zu haben, dann aber ging die Mühlschleuder um so kräftiger los. Die Schimpfworte flogen nur so: russisch, polnisch, lettisch, deutsch. Der Vorrat des Sprachgewandten war unerschöpflich. Er zeterte noch, als Katharina mit dem Zaren längst außer Hörweite war und die Tür zu den Gemächern, die für den Herrscher im Palaste seines Günstlings stets bereit waren, sich hinter dem Paare geschlossen hatte.

Schwer war Peter auf sein Bett gesunken, hatte sich aber sogleich wieder aufgerichtet, um sich seines Überrockes zu entledigen. Mit hastigen Fingern zog und zerrte er daran.

»Du wirst es nie zu etwas bringen, wenn du nicht Geduld lernst!«

Eine etwas spöttische, kindliche Stimme hatte es gesprochen.

Mit beiden Händen die Kante des Bettes ergreifend, beugte Peter sich weit vor und starrte der Sprecherin in die kühlen, unbewegten Züge. Die Berauschtheit schien plötzlich von ihm abzufallen. Wie aus tiefem Traum erwachend klang die Frage: »Du?«

»Hast du mich vergessen?« Katharina wiegte sich in den Hüften, reckte die Arme und verschlang sie hinter der lodernden Flamme ihrer Haare. Ihr Leib dehnte sich. »Konntest du mich vergessen?«

»Ich mußte es!« Seine Zähne knirschten. Er zerrte sich an den Pfosten des Bettes empor, »warum kamst du nicht? Ich habe nach dir gebrannt!«

Sie nickte voll Hohn: »Die Glut hat dir das Gedächtnis ausgezehrt.«

Er erwiderte nicht. Ingrimmig, eigensinnig stieß er heraus: »Warum hast du mich warten lassen? Du!«

Sie hob die Schultern. Ein berauschender Duftstrom stürzte von ihrem Leibe auf ihn ein. Heiß stieg Erregung in ihm auf.

Ein kaltes Lächeln spielte um ihre Lippen: »Du wirst noch länger warten müssen.«

»Kanaille!« Blindlings faßte er zur Seite, bekam die Kristallkaraffe mit Ungarwein zu packen, die auf seinem Nachttisch stand und schleuderte sie ihr vor die Füße.

Die Splitter und der gelbe, klebrige Wein spritzten über ihre Bänderschuhe.

»Ew. Majestät belieben eine seltsame Unterhaltung.«

Der eisige Ton traf ihn wie ein Peitschenhieb.

»Weib!« Mit einem Ruck riß er sie an sich, seine blutunterlaufenen Augen waren dicht über ihr:

»Ich kann dich zwingen, mir zu Willen zu sein.«

Sie schrie nicht, sie regte sich nicht, versuchte sich nicht aus der Zange seiner Finger zu winden.

»Tu es, Zar,« sie sagte es eisern ruhig, »wenn du wünschst, daß ich dich hasse.«

Seine Hand sank wie geschlagen herab. Leichenblässe überzog sein Gesicht, und in rascher Verwandlung zerbrach das gewalttätige, harte Wesen. Der Jammer, der ihn stets befiel, wenn sein begehrlicher Wille an Schranken stieß, brach über ihn herein. Zuckend drehte er ihm den Kopf wider die Schulter, stieß ihn in die Knie.

Mit einem Blick erkannte Katharina, was sich bereiten wollte. Es trieb sie nicht in schnelle Flucht, wie sonst jeden aus Peters Umgebung. Ihr waren diese Zufälle ja kein ungewohntes Schauspiel, und was dem Sohne des Propstes Glück das Leiden gelindert, mochte auch dem Zaren helfen. Ohne Besinnen bettete sie die schleudernden Glieder in ihren Armen. Alle geflissentliche Zurückhaltung, alle bewußte, stachelnde Abwehr wich von ihr. Nun der große, starke Mann ihr hilflos hingegeben war, öffnete ein weicher Glanz die beherrschten Züge. Zärtlich hielt sie den Ungebärdigen. Die kleine, runde Perücke, die er trug, war herabgeglitten und hatte die kurzen Haare freigegeben. Mit sachter Hand fuhr sie über das dunkle Gewirr. Wieder und wieder. Ganz leise, ganz sanft. Unablässig. Bis das stoßende Aufbäumen ebbte, das Keuchen des Atems still wurde und die erschöpfte Natur hinüberlenkte in den Schlaf.

Unbeweglich hockte sie ... Durch Stunden. Es galt ihre Zukunft.

Erst gegen Mittag erwachte der Zar.

Gestärkt, erquickt.

Verhalten, beinahe zögernd, kam die Bitte: »Bleibe bei mir.«

Statt aller Antwort strich sie ihm über die in Bangen gefurchte Stirn. Wie eine Mutter dem trostsuchenden Kinde: langsam, freundlich, fest.

X.

Die Zeit war weiter geschritten. Ruhe hatte sie den geplagten Landen nicht gebracht. In Polen, in Litauen, in Sachsen, in den Ostseegebieten und auf russischem Boden waren die Heerhaufen des Zaren, Karls und Augusts des Starken hin- und wiedergezogen und hatten versucht, einander so viel als möglich Abbruch zu tun. Doch noch stand die Wage gleich. Während Peter im Norden aus Livland und Estland sich die besten Stücke herausfetzte, sich langsam zum Meer und gegen Finnland vortastete, sich in den eroberten Strecken wie zu Hause gebärdete, Huldigungen entgegennahm und eifrig mit dem Ausbau des mitten im feindlichen Gebiet gelegenen Petersburg beschäftigt war, entriß Karl seinem Duzbruder und Verbündeten die polnische Krone, suchte ihn in seinen Erblanden heim und zwang ihn zum Frieden von Altranstädt. Des einen Gegners ledig, wendete er seine ganze Stärke seinem gefährlichsten Widersacher zu. Der Herbst 1707 sah ihn auf dem Marsche nach Rußland. Durch Schlesien und Polen rückten seine Kriegsvölker in breiter Linie vor. Von Kurland her drückte sein General Lewenhaupt auf die russische Macht. Langsam, aber unausweichlich drängten sie die zarischen Truppen vor sich her. Über Grodno und Wilna, über die Beresina, hinter Smolensk wich der Zar. Vergeblich hatte er versucht, bei Golowtschin und Dobroje den Vormarsch der Schweden aufzuhalten. Trotz tapferer Gegenwehr war er geschlagen worden. Seitdem gab es keinen Halt mehr. Unaufhaltsam ging es zurück. Zurück.

Mit feinen buntköpfigen Nadeln merkte Barbara Arsenieff die Staffel des russischen Mißgeschicks an. Sie saß in ihrem Boudoir und hantierte eifrig über der Karte, die die Westgrenzen des Reiches zeigte.

Ihr gegenüber die Fürstin Dolska. Die war seit Jahren eine bekannte Erscheinung in der Gesellschaft der Sloboda. Wo sich eine politische Intrige anspann, hatte sie ihre Hand dazwischen. Diesmal galt es die Durchführung eines Planes, der im Schoße der Familie Sobiesky ausgebrütet, den Segen des Papstes, die Zustimmung des Kaisers Leopold gefunden hatte und bestimmt war, der Beruhigung Europas zu dienen. In den Häuptern, die dem Heiratsentwurf einer ehrgeizigen Großmutter zustimmten, malte sich die Erledigung der Angelegenheit sehr einfach: Peter wurde mit Jakob Sobieskys Tochter, Karl von Schweden mit einer österreichischen Prinzessin beglückt, und alles kam in schönste Ordnung. Die jüngsten Kriegsereignisse waren nun freilich der geheimen Mission der Fürstin nicht günstig gewesen. Sie fand das begreiflich. Um so mehr erstaunte sie das Vergnügen, mit dem Barbara Arsenieff das Vorrücken Karls anzeichnete.

»Wenn man Sie so sieht, Liebe,« bemerkte sie verwundert, »möchte man meinen, Sie freuten sich über den Triumph der Schweden. Dabei müssen Sie doch befürchten, sie eines Tages in Moskau zu haben.«

»Und?« Barbara tat, als verstände sie die Verblüffung der andern nicht: »Finden Sie das schrecklich? Ich wäre froh. Auf andere Weise bekomme ich den berühmten Helden vorläufig wohl noch lange nicht zu Gesicht.«

Die Fürstin hatte Mühe, ihre Empörung zu unterdrücken: »Diese Schmach Ihres Vaterlandes wäre Ihnen ein willkommenes Schauspiel?«

»Schon mancher Eroberer ist in Moskau eingezogen,« entgegnete Barbara ruhig, »keiner ist darin heimisch geworden.«

»Aber bedenken Sie nicht die Folgen? Die kaum gemachten Eroberungen im Norden wären verloren.«

»Was Rußland im Norden einbüßt,« der Blick der Russin wurde lauernd, »wird ihm der Süden ersetzen.«