Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman

Part 5

Chapter 53,642 wordsPublic domain

Mit gespielter Demut verneigte Peter sich: »Der ehrwürdige Vater Ignatiew.« Seine Stimme war voll Hohn: »Ihr kommt zu guter Zeit, Euer Zögling bedarf Eures Zuspruches.«

Der kleine Mann blieb unbeweglich auf der Schwelle. Sein vogelartiges Gesicht war beim Anblick des Zaren noch spitzer geworden: »Solche Tröstung hat dein Sohn stets vonnöten, Peter Michaelowitsch, wenn du ihm die Gnade deines seltenen Besuches schenkst.«

»Wenn ihn schon meine Gnade zu Boden wirft,« der Zar trat hart an den Mönch heran, »wie wird es ihm ergehen, wenn ich ungnädig bin? – Schurken,« bohrend richteten sich seine Blicke auf den Pater, »ich durchschaue euch, ihr seid bange um eure Macht. Einen aufrechten Mann könnt ihr nicht vertragen. Ich bin eurer Schlauheit entschlüpft. Nun wollt ihr mir mit dem da,« er wies auf den Hingeworfenen, »ein Gewicht anhängen. Hütet euch! Treibt es nicht zu weit. Der roten Treppe gegenüber sind noch ein paar Galgen frei.«

Schmetternd schlug die Tür hinter ihm ins Schloß.

Die Drohung hatte den Pater nicht erschreckt. Keine Miene verzog sich in seinem Gesicht. Langsam, jedes Wort im gleichen Tone murmelte er:

»Auf der roten Treppe haben deine Füße im Blut gestanden, Peter Michaelowitsch, als du noch ein Kind warst. Du wirst durch Blut gehen dein Lebelang.« Seine Stimme schlug um: »Daß es nicht das meine ist,« er nickte vor sich hin, »dafür werde ich Sorge tragen.«

Ein leiser, wehevoller Laut rief ihn an die Seite des Zarewitschs. Stützend legte er den Arm um den Bebenden.

Der Verstörte klammerte sich an sein Gewand, preßte aufschluchzend den Kopf zwischen die dunklen Falten:

»Ich wünschte, ich wäre tot. Oder,« er hob das Gesicht, ein seltsam starrer Ausdruck war darin, »oder mein Vater wäre es.«

Sachte legte sich die Linke des Paters auf den Scheitel des Knienden. Seine Rechte schlug das Kreuz:

»Gott sei uns Sündern gnädig, das wünschen wir alle.« – –

VII.

Der Zar war dem gräßlichen Schalle nachgeeilt, den der müde Trott der Gefangenen und das klagende Klirren ihrer Fesseln in den stickigen Gängen des Kreml wachrief.

Seine Sinne lechzten nach einem starken Rausch. Den gab nicht Wein, nicht die lärmende Verbrüderung mit den Zechgenossen, selbst das ungestüme und harte Umfangen einer Frau schenkte ihm den nicht, den brachte einzig das Gefühl, Herr zu sein über Leben und Tod. Nicht das durch das Bewußtsein seiner Herrschermacht vermittelte, sondern das gegenständliche, wo das Dasein eines Menschenwesens von dem Heben seiner Hand, dem Winken seiner Augen abhing, wo es bei ihm stand, in freier Laune den ärgsten Schädling zu begnadigen und einen Schuldlosen qualvoller Marter zu überantworten. In seinen Ohren ballten sich die Schreie der Gepeinigten, das Stöhnen der Geräderten. Ein funkelnder Glanz war in seinen Augen:

Blut!

Blut hatte er schmecken müssen von Jugend an. Nie hatte er die Nacht vergessen, da seine Mutter im Hemd auf bloßen Füßen, ihn im Arm, durch den Kreml irrte. Brandrot war die Nacht und war voll Qualm und beizendem Rauch und wüstem, trunkenem Geschrei. Taumelnd gröhlte sinnberaubte Rachsucht durch die Gassen, brannte und mordete. In Strömen floß das Blut. Und im Innern hockte die Spinne, die nach seinem Leben trachtete, auf seidenen Kissen, reckte und dehnte den weichen, wollüstigen Leib und harrte mit schläfrig blinzelnden Augen der ersehnten Botschaft. Und dann war doch alles anders gekommen. Den Streich, der ihm gelten sollte, hatte seiner Mutter Bruder aufgefangen. Mit gespaltenem Schädel war er zu Boden getaumelt. Kleine weißliche Flöckchen spritzten auf und blieben auf seinem seidenen Nachtkleid hängen. Eine funkelnde Schneide war über ihm. Einen Augenblick lang. Ehe sie sich senken konnte, war sie verschwunden. Irgendeine starke Faust hatte dazwischen gegriffen. Gewirr und Getümmel folgte. Wurde ärger und ärger. Gräßlich verzerrte Gesichter wuchsen vor ihm auf, sanken und hoben sich wieder. Stiere, glotzende Augen, breite aufgerissene Mäuler, und aus allen quoll ein dickes, klebriges Rot. Und plötzlich wirbelte dies grausige Bild um. Die weite Halle der Kirche, in die es gedrängt war, rückte zurück, Freie tat sich auf, Sterne glimmten vom schwarzblauen Himmel, hastige Fackeln und Waffengetön liefen zur Seite, Häuser stürzten an ihm vorbei, Höfe und Plätze rannten unter ihm dahin, ein Tor riß auf, ein dunkler Gang schluckte ihn ein, spie ihn aus durch ein anderes Tor, hin vor ein tobendes, johlendes, jubelndes Schreien. Seinen Namen hörte er sich entgegenschlagen und den seines Bruders Iwan. Er blickte um sich und gewahrte die kleine verkrümmte Gestalt neben seiner Mutter. Und dann stand auch er, hielt die scheu verbogenen Finger des Stiefbruders in seinen geraden festen Händen und horchte auf das nicht endenwollende Zurufen. Mit einem Male aber wurde er gewahr, daß seine nackten Füße in Nässe patschten, in einer dunklen, schlüpfrigen Nässe.

Blut.

Und die andere Nacht war in seinem Gedächtnis unverwischt, wo er in seinem Asyl in Preobraschenskoje, vom Soldaten- und Matrosenspiel müde, aus dem tiefen, festen Schlaf der Jugend durch die Schreckensnachricht aufgestört wurde, seine Schwester nahe mit den Strelitzen, ihn gefangenzunehmen und zu entthronen. Sie und immer wieder sie. Wie er dem Bette entrann, stürzte er aufs Pferd, jagte durch die Nacht. Zum Troizka-Kloster. Eine Nacht voll Bangen und verzweifeltem Ringen um Rettung. Der Morgen entschied gegen Sophie. Die Spinne hatte sich in ihrem eigenen Netz gefangen. Das Kloster nahm sie auf. Ihrer Helfer und Gefährten wartete die Folter.

Da hatte Peter die Lust gelernt am Tode. Am Tode der andern. Ihr jammerndes Zerbrechen, ihr bettelndes Sichbeugen unter seinem unerbittlichen Willen bestätigte ihm, daß er lebte. Er, er, nicht die andern, die geplant hatten, ihn zu vernichten, um auf seinem Leibe ihren Sitz um so fester zu begründen. Jeder von der Qual entpreßte Laut hatte ihm wie Musik in den Ohren geklungen. Er sang den Triumph seiner Schlauheit und seiner Gewalt. Er hatte gerädert, gevierteilt, gefoltert, hatte in Willkür fast Toten das Dasein wieder gelassen, von Angst Zermürbten eine entwertete Freiheit höhnend geschenkt und hatte das Ächzen der Gepeinigten, die erquälte Freude der Halbzerstörten eingesogen gleich der Luft. Leben! Leben, und wenn Hunderttausende ihr Leben und von ihrem Leben geben mußten für das seine.

Immer ungezügelter kam ihm der Durst. Als die Strelitzen sich für seine Schwester erhoben, erstickte er ihre Zweifel an seiner Herrschaft durch Strang und Schwert. Zu Hunderten grinsten die schauerlichen Masken ihrer Köpfe von den Toren des Kreml, und ihre Leichname verwitterten in den rostigen Ketten der Galgen, die die Märkte einringten. In Moskau baumelte der Tod auf jedem freien Platze, den ein paar sich kreuzende Gassen ließen. Jahre waren seitdem vergangen, und noch hatte das Morden kein Ende. Wieder und wieder reckten sich aus der Vergangenheit Hände, die den neuen flügelschlagenden Geist dämpfen wollten in die alte Enge und das dumpfe Beharren. Und der entbunden in die Weite Stürmende hatte in sich keine Fessel. Er besaß nicht die Möglichkeit, mit Geduld und Güte zu überwinden, er vermochte nur rasch und eifernd zu vergelten. Wie ihm geschehen sollte, tat er den andern. Moskovien mußte sterben, damit er und sein Rußland lebten.

Hart tönten die Schritte des Zaren durch die schmalen muffigen Gassen, in denen der Kot schuhhoch sich häufte und Feuchtigkeit und Schimmel mannshoch an den Häusern hinauffraßen. Hastig eilte er vorwärts. Der Trupp der Gefangenen war längst außer Hörweite. Das beirrte ihn nicht. Er kannte ihn und sein Ziel: den Hof des Fürsten Romodanowski, des andern Zaren.

Dazu hatte er ihn gemacht. Im Scherz. Damals in Preobraschenskoje, als er noch kein Herrscher war, ihn nur spielte. Einen König von Preßburg hatte es da gegeben und einen Metropoliten. Preßburg war die Festung, die sich der Bombardier Peter Michailoff um sein Obdach mit seinen Genossen geschanzt hatte, vorahnend, daß sie ihm nützlich sein konnte gegen überraschende Gelüste seiner Schwester-Regentin. Eine Burg muß einen König haben. Peter bestimmte Feodor Romodanowski dazu. Zum Metropoliten setzte er seinen ehemaligen Erzieher Sotof ein. Während der verlumpte und dem Trunke verfallene Sotof in seiner ständigen Bezechtheit so viel Klarheit hatte, die Satire zu erkennen, nahm Romodanowski die Sache gewaltig ernst und ließ von ihr auch nicht ab, als die Tage des Jugendübermutes weit hinter dem Schöpfer seines Königtums lagen. Eine Schrulle mehr zu den vielen, die er hatte. Peter wehrte sie ihm nicht. Sie war ihm gelegen. Dieser König von seinen Gnaden wachte eifrig über seine Würde, aber nicht minder bedacht war er auf die Wahrung der seines Herrn. Wehe dem, der sich dawider verging. Der Zar mochte verzeihen, sein Stellvertreter kannte kein Erbarmen.

Tag und Nacht war er bereit, sein furchtbares Amt zu üben. Wie ein Luchs in seinem Bau saß er finster und verschlossen in seinem Hause und lauerte auf die Opfer, die des Zaren Zorn ihm zuschickte.

Dieses Haus, plump, ungefüge, aus mächtigen, klobigen Stämmen, das Dach weit heruntergezogen, von dicken Balken getragen, die in grellbemalte gräuliche Fratzen ausliefen.

In dem Düster dieses Daches war dicht neben dem Eingang ein erhöhter Sitz. Dort thronte der Vizezar. Gleich einem Götzenbilde. Hoch, hager, eisig und eisgrau. Unbewegt. Kaum, daß der Kopf sich wendete, die Lippen zu einem harten Befehl sich öffneten. Nur die dürren Finger zuckten auf den knochigen Knien, zogen und zerrten an dem langen Rock, knitterten dessen zobelverbrämten Saum, zupften rastlos kleine Flocken aus Pelz und Samt, wirbelten sie ruhelos zwischen den zitternden Spitzen und ließen sie achtlos entrollen, um gleich darauf dasselbe Treiben mit erneuter Hast zu beginnen.

Die eingebrachten Strelitzen waren in einer Ecke des Hofes zusammengedrängt, umringt von den Knechten des Fürsten, die für das Henkergeschäft ebensogut geschult waren wie für die Wolfs- und Bärenjagden ihres barbarischen Herrn. Für sie gab es in Ausübung ihres Amtes kaum eine Überraschung. Sie waren das Schreien und Lamentieren nicht minder gewohnt als das Fluchen und wütende Aufbegehren.

Mit Griffen, die die jahrelange Übung verrieten, lösten sie den Verurteilten die Fesseln, teilten sie in Haufen, trieben die einen hier, die andern dahin, je nachdem ein Wink des Fürsten sie anwies.

Kein Widerstand wurde rege. Dumpf und stumpf ließen die Gefangenen mit sich geschehen, was über sie beschlossen war. Nur zwei von den Strelitzen wollten sich durchaus nicht voneinander trennen.

»Zusammen sterben!« forderte der ältere wild.

Und der andere, ein blutjunger, warf die Arme um seinen Beschützer und hing wie leblos an seinem Halse.

Ein Brüllen brach aus der Kehle des Mannes. Er duckte sich und schnellte die Last im Arme mit einem mächtigen Schwung über den Kreis der Knechte hinweg. Mit ein paar Sprüngen gewann er den Eingang. Schon glaubte er sich gerettet, da hoben sich die beiden zottligen Wächter, die er vordem nicht gewahrt hatte, mit murrendem Brummen auf ihre Hinterfüße. Verzweifelt rannten die Blicke des Gestellten in der Runde.

Es gab kein Entrinnen.

Er warf den Kopf in den Nacken und riß mit einer jähen Bewegung den Knaben, der noch immer ohne Bewegung an seiner Brust lag, an sich. Würgend umschnürte seine Rechte den schlanken biegsamen Hals. Sekundenlang öffneten sich zwei große lichtblaue Augen in tödlichem Erschrecken. Doch wie sie den Freund erkannten, leuchtete ein helles, dankbares Glänzen in ihnen auf, und ein sanftes Lächeln glättete das gequälte Zucken des Mundes. Fest, fest preßte die braune Faust den Atem aus dem jungen Leibe. Ein letztes Bäumen, ein rüttelndes Sinken der Glieder. Der Liebesdienst war getan. Langsam ließ der Strelitze den entseelten Körper seines jungen Kameraden zur Erde gleiten.

Ein Brandeisen sauste auf ihn nieder. Zischend bohrte es sich ins Fleisch. Ein Regen von Knutenhieben folgte.

Der Strelitze schüttelte die Pein von sich ab, wie die raschen Tropfen eines Sommerregens. Mit zwei Faustschlägen, rechts und links, verschaffte er sich Raum:

»Gebt Ruhe, Bande, meiner seid ihr sicher.« Und ohne sich um die andrängenden Knechte zu kümmern, schritt er auf das Rad zu, das unweit des Sitzes des Fürsten aufgerichtet war.

»An die Arbeit, Bursche!« Der fette gedrungene Sibirier, der auf der Erde kauernd vor sich hindämmerte, bekam einen festen Puff in die Magengegend. Heulend fuhr er auf, das schläfrige Gesicht verwandelte sich böse, die kleinen schlitzigen Augen glimmten tückisch.

»Fang an!« Der Strelitze hatte den Rock abgeworfen: »Der Herr wird ungeduldig und du mußt es büßen. Brauchst dich aber nicht zu beeilen, mir die Seele aus dem Leibe zu rädern. Habe ich den Herrn um einen Spaß gebracht, so mag er ihn an mir doppelt haben. Ihm zu Gefallen werde ich ein paar Gesichter schneiden, daß er seine Freude daran hat. Also los,« er warf sich unter das Rad, »mit dem Knochenknacken«.

Der Sibirier fletschte die gelben spitzen Zähne. Doch ehe er noch dem Befehl nachkommen konnte, schallte es vom Eingang her:

»Hand von dem Mann!«

Der Zar hatte, unbelästigt von seinen alten Bekannten, den Bären, den Hof betreten und unbemerkt dem Schauspiel beigewohnt. Der Strelitze war ihm merkwürdig geworden. Und noch einmal tönte es:

»Der Mann ist mein!«

Vom Hochsitz des Fürsten her kam ein leises zähes Knurren. Die grauen wirren Brauenwülste schoben sich weit in die Höhe.

»Seit wann erläßt du dir den Gruß, Peter Michailoff?«

Bei den belfernden Lauten riß der Zar sich zusammen, sprang mit gespreizten Beinen vor den Fürsten hin und schwenkte den Dreispitz:

»Ew. Majestät wollen gnädigst meine Verfehlung nachsehen. Ich lege Ew. Majestät meine untertänigste Huldigung zu Füßen.« Peter verneigte sich, tief, sehr tief. Einmal, zweimal, dreimal.

Romodanowski murrte etwas Unverständliches, doch der Zar hatte sich, ohne die Erwiderung auf den nachgeholten Gruß abzuwarten, zu dem Strelitzen gewendet.

»Braver Kerl, brav!« Er klopfte ihm auf die Schulter: »Sie sollten dir –« er wies mit der Rechten im Kreis, »den Sohn nicht quälen.«

Der Strelitze hob kaum den Kopf: »Es war nicht mein Blut.«

»Freundschaft?« Des Zaren Gesicht war dicht über dem Liegenden.

Der Mann nickte schweratmend.

Peters Augen weiteten sich. Leise, verloren, wie entrückt fragte er: »Solche Treue gibt es?« Und zurückkehrend in die Wirklichkeit: »Du hast ihn sehr geliebt?«

Der Mund des Strelitzen bewegte sich, aber er brachte keine Worte hervor, nur die Lippen bebten, und über das verwitterte Gesicht rannen zwei Tränen.

»Wärest du mir so treu gewesen?« Der Zar richtete sich auf.

»Du hast es nicht gewollt, Herr!« sagte der Strelitze ruhig. »Wir hatten mit den Moskauer Gesellen nichts zu tun, wir wollten nichts wider dich. Wir saßen in Tula, taten unseren Dienst wie seit Väterzeiten. Da kam dein Befehl, der uns alle für vogelfrei erklärte. Alle. Herr, was haben wir außer dem Leben. Wir hatten dir das deine nicht nehmen wollen, warum sollten wir uns das unsere nehmen lassen. Wir gingen fort. Weit. Dachten, bessere Zeit zu erwarten, wo du uns zurückrufen würdest. Du gönntest uns keine Rast. Immer waren die Hetzer hinter uns her. Da mußten wir uns wehren. Sie waren mehr als wir. So haben sie uns gefangen. Du darfst zufrieden sein, du hast deinen Willen. Nun laß ein Ende machen.« Er schloß die Augen.

»Für dich ist das Ende noch zu früh. Du wirst mir noch dienen.«

Der Strelitze regte sich nicht.

»Steh auf Mann; du bist frei!«

»Ich mag nicht frei sein!« Der Strelitze neigte die Stirn zur Seite. »Ich will sein, wo Milli ist.« Und wie eine Bitte, noch einmal: »Laß ein Ende machen.« Und zu dem Sibirier: »Stoß zu!«

Der streckte die Hand nach dem Rade. Im selben Augenblick warf ihn ein Schlag beiseite, eine Klinge schnitt blitzend durch die Luft, und der Kopf des Strelitzen rollte in den Sand.

Vom Degen des Zaren tropfte das Blut.

Auf seinem Stuhle hatte sich der Fürst zu seiner ganzen Länge emporgereckt:

»Du hast dich heute zum zweiten Male vergangen, Peter Michailoff.« Die heisere Stimme wurde grollend: »Diesem Manne stand das Schwert nicht zu.«

In Peters Zügen zuckte es bedrohlich:

»Keife nicht, Majestät, ich habe es ihm zugebilligt.«

»Du hast hier niemandem etwas zuzubilligen,« kam es böse zurück.

»Majestät,« der Zar winkte gebieterisch, »erinnere dich, daß du es aus meinem Willen bist.« Er begann zu pfeifen, die Blicke in unablässiger Drohung auf den Fürsten gerichtet:

»Tanze!«

Ton um Ton quoll aus dem spottend gespitzten Munde. Ein Menuett.

»Tanze!«

Zähneknirschend stieg der Fürst von seinem Hochsitz herab. Sein Gesicht war fahl, er bebte an allen Gliedern, aber er wagte nicht, dem Gebote des Zaren zu trotzen. Mit knickenden Knien schritt er im Takte und stampfte mit den eisenbeschlagenen Stiefeln stolpernd die zierlichen Tanzfiguren.

Verächtlich hob sich die Lippe des Zaren:

»Das sind meine Freunde,« murmelte er. »Narren und Feiglinge. Oder –,« er lächelte bitter, »Gauner.« Sein Blick streifte das blutige Haupt des erschlagenen Strelitzen: »Die Besten muß ich morden, weil sie gegen mich sind. Dieser Kopf,« schüttelnd stieß er die Fäuste vor sich hin, »dieser Kopf! Könnte ich ihn eintauschen. Meines Sohnes Kopf gäbe ich dafür. Meines Sohnes Kopf!«

VIII.

Im Gartensaal des Palastes Menschikoff saßen die Freundinnen des Fürsten beisammen. Es waren ihrer vier: die dunkle, weiche, schwermütige Darja Arsenieff, ihre Schwester Barbara, Anisia Tolstoj, die, alle Eifersucht begrabend, ihre Nachfolgerinnen in der Gunst des flattersüchtigen Alexaschka bemutterte, und, als neuester Zuwachs des Kreises, Katharina Trubatschoff, wie die Frauen das Marienburger Mitbringsel des Fürsten nach ihrem entschwundenen Trompetergatten getauft hatten.

Die reife und üppige Anisia hatte ihre Fülle in dem Halbrund eines Sofas zwischen einer Unmenge großer und kleiner Kissen vor jedem unbehaglichen Druck geborgen. Die etwas zu kurzen und ein wenig zu großen Füße baumelten unter dem gesteiften Rock, wie die Klöppel einer Glocke. Ganz rhythmisch schlenkerten sie: rechts, links, rechts, links, rechts, rechts, links. Genau nach der Melodie des Liedes, das die gewandten Finger Barbaras auf den drei Saiten der Balalaika klimperten. Stockte die Spielerin, so hielten auch die Füße in ihrem Pendeln inne, und das runde, staunende Gesicht der »Tante Anisia« wurde noch staunender. Mit offenem Munde wartete sie auf den nächsten Ton, um ihm nur ja mit richtigem Ausschlag das Geleit zu geben.

Allmählich schien es, als ob die Mundsperre sie befallen sollte. Barbara griff andauernd daneben, brach ab, begann von neuem und ließ schließlich die Balalaika lachend in den Schoß sinken:

»Tantchen hat Hunger!«

Katharina schob sogleich den Stickrahmen, vor dem sie saß, beiseite, steckte die lange Nadel mit dem blauen Seidenfaden fest in den gelben Kanevas und erhob sich:

»Armes Tantchen! Ist es schlimm? Soll der Gärtner uns Pfirsiche bringen? Er sagte mir gestern: noch einen Tag, und sie wären reif. Oder magst du lieber eine Creme oder eine Torte?«

»Geh, Schelm,« Anisias kurze, quabblige Hand schlug tätschelnd nach ihr, »du willst mich foppen. Eben sind wir von Tische aufgestanden, ich kann kaum Luft holen, so voll ist mir, da sprichst du von Pfirsichen. Von einer Creme ...« Die kleinen Augen schlossen sich entzückt, und die dicke, gedrungene Zungenspitze schob sich leckend über die breiten Lippen.

»Nun Tantchen, du sollst ja nicht essen, nur so,« Katharina zwinkerte ihr verständnisvoll zu, »zum Zeitvertreib.«

»Ach, Gold!« Der umfängliche Busen Anisias dehnte sich in einem sehnsüchtig schmelzenden Seufzer.

Der Mutwillen stach Katharina. Schmachtend bog sie den Kopf zurück, daß die hochgetürmten Haare, auf denen eine kleine, weiße Haube lustig schaukelte, in den Nacken wuchteten und flötete: »Eine Creme sollst du haben, eine Creme –,« und wirbelte, auf den hohen Hacken ihrer Bänderschuhe sich drehend, zur Tür hinaus.

Anisias volle Züge glänzten in Behagen.

»Sie ist reizend.«

Darja, die auf einem Bärenfell ruhte, schlug die weißen, dunkelbewimperten Lider auf und bekräftigte den Ausruf.

Auch Barbara tat es, aber ihre Zustimmung hatte einen leisen boshaften Unterton, der Darja auffiel. Sie richtete sich halb aus ihrer liegenden Stellung auf und sah die Schwester erstaunt an:

»Was hast du gegen das Mädchen? Es ist freundlich und gefällig.«

Barbara nickte: »Die Katharina müßte ein solches Dummchen sein wie du, Herzblatt, was sie nicht ist, wenn sie es darauf anlegte, es mit uns zu verderben. So fest sitzt sie nicht im Sattel, daß sie das wagen könnte. Wir haben ältere Rechte.«

Anisia machte eine müde Handbewegung: »Rechte, Täubchen? Wo ist die Frau, die an einen Mann Rechte hat? Wenn eine darauf pochen könnte, wäre ich es. Und ...«

»Nein, Tantchen,« die scharfen Züge der dunkelhäutigen Barbara spannten sich, »du kannst das nicht. Der Ton liegt auf dem Nichtkönnen. Du bist eine gute Seele, lebst in den Tag und denkst nicht an das Morgen. Ich denke daran. Und, ich bin überzeugt, die Katharina denkt auch daran. O, sie ist klug. Sie wird nichts gegen uns unternehmen. Sie wird immer liebenswürdig sein, immer bereit scheinen, uns den Vorrang zu gönnen, aber mit einem Male werden wir überflüssig sein. Ganz und gar überflüssig. Und es wird uns nichts anderes übrigbleiben, als zu gehen. In aller Freundschaft zu gehen. Das fürchte ich.«

In Darjas Augen standen Tränen: »Du bist schlecht, Barbutschka. Stets mußt du einen in Angst jagen. Fort von Alexaschka, fort? Ich, fort?« Aufschluchzend barg sie den Kopf zwischen den Armen.

»Närrchen,« Barbara beugte sich zärtlich über die Schwester, »sei ohne Sorge, er soll dir nicht genommen werden.«

»Ach, du, dann tust du etwas Böses gegen die Katja, und das mag ich auch nicht. Sie ist gut, und du sollst ...«

Barbaras Brauen zogen sich zu einem geraden Strich zusammen, von der Nase zu den Mundwinkeln liefen zwei harte Linien:

»Wenn ich's täte, tät ich's für dich. Doch beruhige dich, was ich vorhabe, kann ihr nur zum Vorteil gereichen. Und es wird es, wie ich sie einschätze.«

Die schlaffen Züge Anisias belebten sich:

»Du hast sie dem Großmogul zugedacht?«

»Gott,« Barbara lachte in ihrer abbrechenden, rauhen Weise, »Tantchen wird scharfsichtig.«

»Du wirst dich verrechnen, Töchterchen, du wirst dich verrechnen. Der Alexaschka ist wie ein Ohrwurm hinter dem livländischen Herzchen her. Die roten Haare haben ihn in Brand gesteckt. Dagegen kommen Daschkas Seelenaugen und dein Schnurrbärtchen nicht auf. Wenn du nicht machen kannst, daß sie sich schwarz färbt, läßt er sie dem Peter nicht.«

»Hast du schon erlebt, daß der ihn um Erlaubnis fragt? Er gibt seine Feste in seines Freundes Palast, er bewirtet seine Gäste an des Freundes Tischen, aus dessen Garten holt er sich die besten Früchte und wir ...« Sie richtete die grauen Augen voll auf Anisia.

Die kuschelte sich verlegen tiefer in ihre Kissen:

»Der Zar ist der Zar, Kindchen. Und seine Leidenschaft ...«

»Ist wie ein Sturm.« Erschauernd zog Darja das Bärenfell dichter um sich her.

»Der ihn zugrunde richten wird.« Barbara sagte es hart und bestimmt. »Er braucht eine Frau, die ihn zu zügeln weiß.«

»Und das soll das rote Kätchen werden?«