Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman
Part 4
Katharina ließ die bloßen Füße auf den Boden klatschen. Kühl rannen die Falten des langen Hemdes über ihren heißen Körper. Sie reckte sich. Ihre Oberlippe kräuselte sich verächtlich. Nahe, ganz nahe glitt sie an den zum Griff ausgespannten Fingern vorüber und war mit einem Sprunge zwischen den Kissen. Eilig wollte der Genarrte ihr nach. Doch der Heftigkeit seiner Begierde entsprach nicht mehr die Gewandtheit seiner Glieder. Katharina war schneller als er. Sie wich aus, bog sich zurück, warf ihm die Betten an den Kopf, die Decken zwischen die Beine. Er verfing sich darin, strauchelte, arbeitete mit Händen und Füßen, sich zu befreien. Indessen hatte sie die weichen Wurfgeschosse wieder an sich gerissen, und das hastende Spiel begann aufs neue. Zuerst hatte sie es getrieben, weil sie den vom Rausch Umnebelten sich fernhalten wollte und hoffte, ihn zu ermüden. Dann reizte sie es. Sie hatte ihre Lust daran: wer würde Sieger bleiben? Schon wurden seine Bewegungen lässiger, sekundenlang schien es, als schliefe er, hingeworfen, wie er gerade lag, da gab sie sich eine Blöße, entwich einen Augenblick zu spät seinem Zupacken. Er ergriff sie. Mit beiden Fäusten preßte er ihre Schultern zusammen und riß sie zu sich.
Alles Blut wich aus ihren Lippen. Ein Schrei lag zwischen den erblaßten. Er wurde nicht geschrien, aber jede Fiber an ihr bäumte sich wider die Gewalt.
Ein stummes, erbittertes Keuchen begann.
Immer heftiger, immer wütender wurde der Kampf. Seine Sinne kamen ins Sieden. Eine Feuerwolke stieß aus dem erregten Leibe über ihr, drang auf sie ein, glühend, in flammendem Brande.
Ihr Wehren brach ermattet, ihr Widerstand versagte.
Ganz nah das Knirschen seiner Zähne, sein weinfeuchter Mund.
Da: Wassersturz der Stunde!
Trommelwirbel.
Mit einem Stoß war sie frei:
»Alarm!«
Der plötzlich Ernüchterte hastete zum Fenster, lauschte in die Nacht hinaus.
Von allen Seiten gellten die Signale.
»Verdammt! Aus dem Hochzeitsbett reißen einen die Hunde.«
Er kehrte sich ins Zimmer, schritt auf das Lager zu und warf sich hinein: »Sollen sie mich holen. Ich gehe nicht. Was kümmern uns ihre Schlachten. Mögen sie sich prügeln, wenn sie nicht miteinander auskommen können. Wir«, er griff nach Katharina, »haben Lustigeres zu tun. Was Frau?«
Sie antwortete nicht. In feindlicher Abwehr hüllte sie sich fester in ihre Decken.
Er stutzte. Langte noch einmal nach ihr. Schäkernd, verliebt.
Sie bog aus. Ohne Hast, langsam, verächtliche Ablehnung in dem schönen Gesicht.
Die Augen des Trompeters weiteten sich erschreckt. In plötzlichem Begreifen. Ein rauhes Lachen schlug auf. Brach hart ab:
»Steht's so? Du bist froh, wenn du mich los bist? Je bälder, je besser?«
Sie schwieg. Sie sah über ihn hinweg, weit hinweg.
Das sprach deutlicher als jedes Wort.
Wie unter einem Schlage duckte Kruse den eckigen Kopf zwischen die breiten Schultern.
Stärker lärmten draußen die Trommeln.
Er ruckte sich zusammen.
Einen Augenblick wartete er noch. Auf einen Gruß, einen Händedruck zum Abschied.
Katharina kniff die Lippen zusammen, hart, abweisend, nestelte die Hände in die Falten des Hemdes. – –
Er war gegangen. Sein Schritt war verklungen. Sie saß auf dem Bettrand und ließ die Beine baumeln. Ihre Brust dehnte sich, als wäre eine Last von ihr genommen.
Vom Fenster her kam ein raschelndes Geräusch. Ein Kopf wurde sichtbar, ein schlanker, geschmeidiger Körper.
Der Junker von Albedyll.
Mit einem Sprunge war er im Zimmer, stürzte auf Katharina zu, umschlang sie, flehte und bettelte mit Blick und Gebärde.
Sie antwortete nicht, schloß nur die Augen und bot sich seinen Küssen dar.
Rauschend brauste der Sturm seines ersten lodernden Gefühls über sie hin. Taumelnd glitten seine fiebernden Hände durch ihre Haare, saugte sein Mund den Duft ihres Leibes. Ihren Nacken, ihre Brust sengten seine glühenden Lippen. Keuchend barg sich sein Haupt in ihrem Schoße. Wie ein Schlag fuhr es durch seinen Körper, trieb ihn auf, stark und verlangend. Seine Arme reckten sich, sie an sich zu ziehen.
Jäh richtete sie sich auf, schüttelte die süße Betäubung ab. Zu weit fast hatte sie sich in ihr verloren.
Bestürzt, Tränen der Enttäuschung in den wundersüchtig großen knabenhaften Augen, stand der Junker vor ihr: »Habe ich dir weh getan?«
Katharina wehrte leicht:
»Frühlingssturm tut nicht weh.«
»Und dennoch ...«
»Dennoch. Der Sommer ist reicher als der Frühling.« Sie sagte es verloren, über ihn hin.
Er faßte nur die Verheißung, die in den sehnsüchtigen Worten lag. Seine Brust schwoll.
»Meines Sommers willst du warten?«
»Des Sommers ...« Ihr Mund öffnete sich durstig. Sie verstummte.
»Du sein Preis.« Ungestüm riß er sie an sich, eilte trunken von Hoffnung davon.
»Sommer,« flüsternd fielen die Laute in die Stille um sie her. »Wer wird ihn mir bringen? Der Bauer nicht und nicht der Junker. Einer ist, der, wollte ich, brächte ihn mir.« – –
V.
Marienburg stand vor dem Fall.
Auf allen Seiten von den Russen eingeschlossen, keine Hoffnung auf Entsatz, kein Brot und nur noch ein Geringes an Munition, das nicht mehr zur Verteidigung, nur noch eben dazu reichte, dem Gegner den letzten Trumpf zu bieten und Schloß und Basteien in die Luft zu sprengen.
Die tapfere Gegenwehr der Besatzung hatte ihr und den Bürgern freien Abzug erstritten. Mit Sack und Pack, so viel jede Schulter tragen konnte, zogen sie an dem Sieger vorüber.
Zuerst die Soldaten. Müde, verfallene Gesichter über zerschlissenen verschmutzten Uniformen. In stumpfem Trott trabten die von den schlaflosen Wochen beschwerten Füße. Doch vor dem Sieger straffte sich der Tritt, mühten sich die gebeugten Gestalten, sich aufzurichten, faßten die erschlafften Finger fester Säbel und Flinte. Aus manchem Auge brach ein Glänzen, rief dem Überwinder zu: wir sehen uns wieder, wahre dich!
Breitbeinig, auf seinen Pallasch gestützt, erwies der russische Feldmarschall den Abziehenden die Ehre. Die Hand am Hute, grüßte er die Tapferen.
Nach den Soldaten die Bürger. Voran der Bürgermeister und der Propst. Auf samtnem Kissen bot der Bürgermeister dem Feldherrn die Schlüssel der Stadt.
Scheremetjef nahm sie mit einer gewollt gelassenen Bewegung und reichte sie seinem Adjutanten:
»Dem Zaren, und sage ihm,« die rauhe Stimme hob sich, »der Zugang zur Hochzeitskammer sei aufgetan, der Bräutigam möge nicht säumen und kommen, sein Fest mit dem livländischen Herzen zu halten. Diesmal, dafür stehe ich,« er stieß den Pallasch in den Boden, »wird die Schöne sich ihm ergeben.«
»Willig wird sie dem Starken sich verbinden, wenn er ihr gewährt, in seinem Hause in Freiheit nach ihrer Art zu leben.« Der Propst stand hoch aufgerichtet vor Scheremetjef.
Die buschigen Brauen des Feldmarschalls zogen sich dicht zusammen:
»Was will der Pfaffe?«
»Dem Zaren und meinem Lande dienen. Je besser sie einander verstehen,« der Propst deutete auf eine slawische Bibel, die er mit sich trug, »um so eher werden sie ihren gegenseitigen Vorteil begreifen.«
Scheremetjef hörte schon gar nicht mehr auf ihn, sein Blick war auf Katharina gefallen, die an der Seite der Pröpstin den Ausgang der Unterredung abwartete. Über dem einfachen dunklen Rock leuchtete der weiße Hals und das Goldhaar doppelt hell.
»Wer ist das?«
Ohne daß er sich umwendete, wußte der Propst, wen die Frage meinte. Er gab, so weit er es vermochte, Bescheid.
»Gut, gut.« Die massige behaarte Rechte Scheremetjefs wehrte allzu breiten Erörterungen: »Es soll dir und den Deinen an nichts fehlen, Pfaff, Rußland kann tüchtige Leute gebrauchen. Das Mädel wirst du freilich entbehren müssen. Uns ist ein schönes Gesicht zur Labsal mehr vonnöten als dir. – Wir werden schon gute Freunde werden!« grüßend winkte er zu Katharina hin.
Diese verstand nicht eine Silbe des russischen Zurufes, aber sie begriff seinen Sinn und sie lächelte. Mit einem Lächeln ließ sich auf alles antworten. Es sah aus wie ein Versprechen und verpflichtete gleichwohl zu nichts. –
Die Marienburger Bürger waren, in Gruppen eingeteilt, von einem Adjutanten fortgeführt worden. Nach Moskau. Nur Katharina und noch einige Frauen wurden zurückgehalten. Manche blieben auch freiwillig. Was sie einst besessen, woran ihr Herz gehangen hatte, war nicht mehr. Der Mann gefallen, gefangen oder zu neuen Kämpfen fortgerissen, Haus und Hof zerstört, die Nachbarn hierhin verstreut und dahin. Niemandem galten sie mehr etwas, wie sollten sie selber sich etwas gelten? Verzweifelt warfen sie sich fort. Dem ersten besten an den Hals. Froh, daß er sie haben mochte. Sie, die jahraus, jahrein sorglich des Morgen gedacht hatten, auf weit hinaus, verblendeten sich vor ihm. Heute, nur heute einen Arm um sich fühlen, war die Zärtlichkeit noch so rauh, der Liebhaber noch so wüst. Es war ein Mensch, der sie fortnahm aus der grenzenlosen Verlassenheit und sie für Augenblicke ihr Elend vergessen ließ. Vergessen. In den trüben Wirrsalen ungezügelter Lust hofften sie ihre Not und ihren Jammer zu ertränken. Gingen sie dabei zugrunde, um so besser, so waren sie aller Pein ledig. Und sie lockten mit den Augen, aus denen noch die Tränen flossen, und flüsterten Liebesworte mit den Lippen, die in Weh zuckten. Keiner der Reiter und Bombardiere und Musketiere stieß sich daran. Weiber waren Weiber. Lagen sie erst an ihrer Brust, würden sie aufhören zu flennen. Ein paar tüchtige Schnäpse, und sie kreischten vor Vergnügen. Ehe es Abend war, war aller Kummer verflogen. Hei, die Fideln! die würden ihnen die Füße leicht machen. Eins, zwei, eins, zwei, hoppla im Takt! Es sollte ein lustiges Leben werden. Und der eine nahm die Marie, der andere die Martha, der dritte die Liese um den Leib, tat barsch und freundlich, wie es gerade seine Art war, schwenkte und drängte sie und zog mit ihr von dannen; nach den Branntweinbuden und den Tanzzelten. Zu jeder Grete fand sich ein Hans.
Katharina, die, die Hände aufgestützt, lässig an einem Schanzkorb lehnte, hob leicht die Schultern: Die armen Weiber! Da liefen sie hin mit irgendeinem, der ihnen ein bißchen schön tat. So billig gab sie sich nicht.
Sie brauchte sich nicht billig zu geben. Sie konnte wählen. Nicht zwischen zweien und dreien, zu Dutzenden umringten die Russen sie, stießen und schoben sich, starten und glotzten und versuchten, mit plumpen Scherzen ihre Aufmerksamkeit zu erregen.
Sie sah sie alle und sah dennoch keinen. Nicht einen, der ihr wert erschien, ihm einen Blick zu schenken. Sie schätzte genau: hinauf wollte sie und nicht hinab; diese Leute aber waren keine Staffeln zur Höhe. – Gleichmütig, als sei sie allein, begann sie ein Liedchen zu summen.
Die Soldaten wurden unruhig. Sie spürten das Mißachtende dieser scheinbaren Harmlosigkeit.
»Will das Frauenzimmer uns zum Narren machen,« schalt ein schnauzbärtiger Wachtmeister.
»Sie wartet, daß der Alte ihr eine Kutsche und Lakaien schickt,« höhnt ein schmucker Gardist.
»Da kann sie warten, bis sie alt und grau wird«, lacht sein Nachbar. »Der Brummbär macht bald einmal verliebte Nasenlöcher, aber wenn er erst über seinen Plänen sitzt, denkt er nicht mehr daran.«
»Du!« ein Unteroffizier schob sich dicht an Katharina heran, »tu dich nicht gar so rar. Besser als ein vielbeschäftigter Feldmarschall ist ein Reitersmann, der Zeit für die Liebe hat. Und Lust, Mädel, Lust.«
Der Ton des Liedes wurde übermütig, die eine Fußspitze der Trällernden wippte auf und nieder im Takt:
»Und lädst du mich zum Branntewein Und lädst du mich zum Bier, Ich dank' für Bier und Branntewein Und bleibe lieber hier. Und bietest du mir gar dein Herz – Du irrst dich, lieber Freund, Und treibst ein wenig weit den Scherz: So war es nicht gemeint!«
Dem Unteroffizier blähte sich der Hals purpurn. Blieb ihm auch der Text fremd, die Weise war deutlich genug.
»Luder!«
»Die Dirne dünkt sich zu gut für einen Soldaten,« hetzte es an seiner Seite.
»Generalsliebchen möchte sie spielen.«
»Was, General,« schrie ein dritter, ein baumlanger Kerl, erbost, »wenn's darauf ankommt, steh ich meinen Mann besser als der.«
Immer enger wurde der Kreis um Katharina, immer bedrohlicher die Gebärden, immer lauter die stachelnden Reden: sollte ein Weib sie zum besten halten?
Jeden gelüstete es, ihr zu beweisen, daß auch die Schönste nicht ungestraft ihr Spiel treibt, aber keiner gönnte dem andern, diesen Beweis zu erbringen. Stärker als die Begierde des einzelnen war der Neid aller auf den Begünstigten. Gleich einer aufgeregten Meute schob und trieb der Schwarm um die eine. Die von Verlangen durchwühlten Leiber flogen, heißer Dunst schlug aus ihnen, näßte die Stirnen, klebte die Haare an die Schläfen und zündete einen flackernden Glanz in den stieren Augen an. Aus manchem Munde troff Speichel.
Die Maske der Gleichmütigkeit und Überlegenheit wich nicht von Katharinas Zügen, obwohl jeder Sinn auf der Lauer lag, den Durchschlupf zu erspähen, der aus diesem gefährlichen Ring führte.
Der Laut eines raschen, schwingenden Trittes drang an ihr Ohr. Ein Federbusch wurde über dem Gewühl sichtbar: ein General.
Mit einem Sprung war sie auf dem Schanzkorb.
Ein Rufen und Schreien. Hundert Arme streckten sich nach ihr.
Der Offizier kehrte sich um, stutzte: das war ja eine Schönheit, um die die Burschen sich balgten. Wahrhaftig zu schade für deren grobe Fäuste. – Im nächsten Augenblick war er mitten unter den Soldaten.
Ihren Alexaschka erkennen und Platz machen war eins. Wie durch eine Ehrengarde schritt Menschikoff auf Katharina zu. Mit einem Scherz wollte er ihr seine Begleitung anbieten.
Sie hob die dünnen Lider. Ein Blick streifte ihn aus diesen kühlen, grauen Augen, herrisch, fordernd.
Und wie unter einem Zwange zog er den Hut und bot der Unbekannten, der Landflüchtigen, der Soldatendirne den Arm.
Fest und entschlossen legte sie ihre Hand hinein, ging sicher an seiner Seite.
Ein brüllendes Krachen riß Menschikoffs Kopf herum.
Flammen schlugen aus der Erde. Eine Wolke von Steinen, Dreck und Staub.
Marienburg war in die Luft gesprengt.
Erschüttert neigte der Mann sich zu seiner Begleiterin:
»Eure Heimat ging in Trümmer.«
Katharina wendete sich nicht um. Ihre Stimme war hell:
»Meine Heimat liegt vor mir.«
VI.
Seit Peter den Türmen der Kremlkirchen die ehernen Zungen ausgerissen hatte, um aus ihnen Kanonen zu gießen, konnten die ehrwürdigen Hüter des Alten ihrem Schmerze über die fluchwürdigen Neuerungen nicht mehr durch wehmütiges Geläut Luft machen, das die Gläubigen zur Buße mahnte und zu dringenden Gebeten wider die Anschläge des Antichristen anhielt. All ihren Schmerz und ihren Zorn mußten sie nun im Schwingen der Weihrauchkessel entladen. Je stärker der schwüle, schwere Duft aufquoll und die winzigen Höfe, die engen, von düsteren Gebäuden umstellten Plätze füllte, um so zorngeschwellter waren die Herzen der Bischöfe und Äbte. Mit den Schwaden des süßlichen Dampfes strömten sie wortlos ihre Klagen über das Unheil in die Welt, das sie betroffen hatte. Und kein Schloß, kein Riegel wehrte dieser Kunde. Durch die kleinste Ritze zwängte sie sich in die verschlossensten Gemächer und quälte die allzu weichen Gemüter.
Die Klerisei hatte viel zu klagen. Mit dem gottlosen Bartscheren und dem Wüten gegen die altrussische Tracht hatte das Übel angefangen. Dann hatte der Kriegsteufel den Zaren gepackt und zu dem Frevel angestiftet, sich um seiner ehrgeizigen und eigensüchtigen Zwecke willen an dem Gut der Kirche zu vergreifen. Er kannte nur sich und seinen Willen. Nichts war ihm heilig. Was sich ihm entgegenstellte, stieß er beiseite. Die Greuel, die er begangen, waren nicht zu zählen. Seine Gattin hatte er verstoßen. Die Ärmste, die keiner Fehler schuldig war als ihrer Abneigung gegen seine rasende Neuerungssucht, warf er in eine Haft, die heilig hieß, weil das Elend, das sie aufnahm, Kloster genannt wurde. Nicht einmal ihren Namen ließ ihr der wider die Vergangenheit Wütende. Sterben sollte diese, sterben. Und alles, was ihr zugehörte. Wenn nicht in Wahrheit, so doch im Wesen. Eudoxia war ihm tot. Die Nonne Helena mochte da sein, irgendwo in einem Winkel. Eine lebendig Begrabene unter lebendig Toten. Sein Wille brauste über sie hinweg.
Wohin?
Weiten, hohen Zielen, dem Glücke und der Mehrung Rußlands zu! – priesen die einen. – –
Ins Verderben! – weissagten die andern und fluchten seinen Freunden und nannten sie falsch. Wer waren seine Freunde? Fremde waren es. Schweizer, Schotten, Holländer, Litauer, Polen, Deutsche. Nicht einer ein Russe vom alten Schlage. Nur junges Volk, dem er den Kopf verdreht hatte und das gleich ihm die alte Zucht und Sitte, die Moskoviens Schutz und Stärke war, mit Füßen trat. Verächter des Glaubens wie er, Genossen von Ketzern, Ketzer gar selber. Das die Diener, die Berater, die Günstlinge des Sohnes des Mütterchens Moskau.
Ach, er war ihr Sohn nicht mehr. Losgesagt hatte er sich von ihr. Verleugnete sie, setzte ihr eine Nebenbuhlerin. Der Schändliche, der Verräter!
In den Sümpfen des Nordens, am Finnischen Meer, wo kein Christenmensch hausen mochte, wo Zauberer und Heiden in Nebel und Wasser ihr Unwesen trieben, in der wüsten Einöde, die er den gottverdammten Schweden abgejagt hatte, da hatte er eine Stadt begründet. Eine Stadt, die an Moskaus Stelle treten sollte.
Aus allen Teilen des Landes holte der Arge sich die frömmsten und bravsten Menschenkinder, zwang sie, ihre angestammten Sitze zu verlassen und sich inmitten von Luch und Moor anzusiedeln. Häuser mußten sie bauen, auf Pfählen im Morast, und anstatt, wie sie es gewohnt waren, auf einer Straße von einem Hause zum andern zu gehen, mußten sie zu Wasser fahren. Sie waren es nicht gewohnt und viele ertranken. Ohne in ihrer letzten Stunde für das Heil ihrer Seele sorgen zu können. O, er war ein schlimmer Verderber. Wen er nicht im Wasser um den rechten Glauben brachte, den brachte er mit neumodischen Bräuchen darum. Ohne Schleier gingen die Frauen in der neuen Stadt – Sankt Petersburg hatte er sie genannt, als ob er ein Niemicz war – und kamen mit den Männern zusammen, aßen und tranken und tanzten mit ihnen, tanzten, wie die schamlosen Ausländerinnen in der Sloboda. Die Sloboda. Da war das Ärgernis ausgekommen, da hatte er das Gift eingesogen, und nun war er ganz in den Krallen des Gottseibeiuns.
Wehe! Wehe! Wehe!
Die weichen Züge des Thronfolgers, dem die dicken, fettigen Weihrauchwolken die Klagen der heiligen Väter in sein Kremlgemach trugen, verzogen sich schmerzlich. Die blassen Hände, auf denen die blauen Adern in hohen Strängen standen, schoben die buntseidene Decke dichter um die schon im Hochsommer frierenden Füße und faßten den schweren Folianten, der auf seinen Knien lag, fester. Tiefer neigte sich das bleiche Gesicht über das Buch.
Er las, langsam und mit gestautem Atem.
Seite um Seite wandten die hageren, langen Finger mit andächtiger, ehrfürchtiger Bewegung um. Auf seinen Wangen bildeten sich harte, rote Flecken, in seine Augen trat ein grelles, verzücktes Glänzen. Raum und Zeit versanken um ihn. Eine andere vollkommenere Welt als die der körperlichen Wirklichkeit nahm ihn auf.
Er hörte nicht das scharfe Öffnen der Tür, nicht den festen, bestimmten Schritt, der auf ihn zukam.
Mit verschränkten Armen betrachtete Peter seinen Sohn:
»Du bist eifrig in deinen Studien, das muß ich dir lassen.«
Bei dem ersten Ton der Stimme seines Vaters fuhr Alexei zusammen. Sein Mund ging auf wie zu einem Schrei, doch raffte er sich rasch zusammen und stammelte leise eine Entschuldigung.
Eine unwirsche Bewegung unterbrach ihn. »Was liest du?« Peter griff nach dem Folianten.
Wie schützend breitete Alexei seine Hände über das geliebte Buch. Doch sein Widerstand war nicht von Dauer. Scheu sah er beiseite, als sein Vater, ohne sich um seine Abwehr zu kümmern, das Werk ergriff und den Titel aufschlug.
»Heiligenlegenden!« Ein schallendes Lachen folgte. »Geschichten von Narren und Betrügern sollte es heißen.«
Alexei wurde aschfahl.
»Wo sind die Bücher, die ich dir gegeben habe?«
»Dort.« Der Zarewitsch wies auf ein niederes Tischchen unter dem Fenster, auf dem französische und deutsche Werke über Festungsbau und Kriegswesen aufgestapelt waren. Die drohende Frage des Vaters hatte seinen Trotz geweckt. »Ich habe keinen Gefallen an diesen Dingen,« murrte er leise.
Der Foliant flog in eine Ecke. »Diese Ausgeburten verwirrter Hirne behagen dir besser? Freilich, es ist bequemer, in der Stube zu hocken, zu beten und Psalmen zu plärren, als über die Erde zu laufen und dem Pack, das sich auf ihr herumtreibt, Vernunft beizubringen.«
Alexei antwortete nicht. Er saß in seinem Sessel, steif, kerzengerade, die Augen halb geschlossen, gleichsam erstarrt.
»Hat der Herr Sohn die Sprache verloren?« Peter unterdrückte nur noch mühsam seinen Groll.
Keine Miene regte sich in Alexeis Gesicht: Schweigen! befahl er sich: Schweigen! Die erhabenen Märtyrer hatten Schwereres erlitten, als ihm auferlegt wurde zu tragen. Und hatten für ihre Peiniger Worte des Segens gehabt. O, wie weit stand er ihnen, die er bewunderte, die ihm Vorbild waren, nach. Auf seiner Zunge hatte er den beizenden Geschmack des Hasses. Seine Zähne bohrten sich in die Lippen.
»Bengel!« Peter schüttelte die geballten Fäuste dicht vor dem in Stummheit Verharrenden. »Hast du vergessen, wer vor dir steht? Du? Weißt du nicht, daß ich mit dir machen kann, was ich will? Bildest du dir ein, ich werde mit dir sanfter verfahren als mit allen andern, weil du Blut von meinem Blute bist?« Er riß ihm die Decke von den Knien, stieß ihn hoch: »Elendes Gewächs! Aber wie soll's anders sein«, das Zimmer dröhnte unter seinem Hin- und Widerschreiten, »von Weibern verzärtelt, von den Pfaffen verzogen.« Er blieb vor dem Sohne stehen, seine Stimme war schneidend: »Nimm dich zusammen. Meine Geduld ist nicht unendlich wie die deiner Heiligen mit der Schafsnatur. Ich will, daß du wirst, wie ich dich brauche.« Und da der Zarewitsch noch immer nicht sprach, schrie er, ihn schüttelnd: »Mann sollst du endlich werden. Verstehst du? Mann!«
»Ich verstehe,« Alexei sagte es mit dumpfer Schwere, »daß das in meiner Sprache heißt: ein Mörder!«
»Hund!« Peters Rechte hob sich zum Schlage: »Wenn du nicht so jämmerlich wärst.« Er kehrte sich ab und ließ den Arm sinken: »Es ist zum Ekeln.« Er trat zum Fenster, stieß den Riegel auf. Ein Zucken drehte ihm den Kopf zur Schulter: »Widerlich. Draußen wie drinnen derselbe labrige Gestank. Da kann ja kein Mann dabei gedeihen.« Er besann sich, daß er einen großen Teil der Schuld daran trug, wenn sein Sohn nicht geraten war, wie er ihn sich wünschte. Jahrelang hatte er sich kaum um ihn gekümmert. Sein Ton wurde milder: »Das Mönchsgewäsch mußt du dir aus dem Sinn schlagen. Mit Singen und Beten schafft keiner ein großes Reich. Soll Rußland etwas in der Welt bedeuten, so darf sein Herrscher vor nichts zurückschrecken.«
Langsam hoben sich Alexeis Lider, voll sah er den Vater an. Es waren ernste, schmerzvolle Augen, die sich auf Peter richteten.
Diese stumme Anklage traf den Zaren schwerer, als eine Flut von Vorwürfen es vermocht hätte. Er verstockte sich mit Heftigkeit dagegen:
»Was siehst du mich so an? Du sollst mich nicht so ansehen! Du hast kein Recht dazu!« Schreiend trieb er sich in Zorn: »Kein Recht hast du dazu!«
Vom Platz her kam der dumpfe Schall vieler Tritte und das dunkle Klirren von Ketten, die sich aneinanderrieben.
Es war ein Trupp geflüchteter Strelitzen, die irgendwo an einem Ende des weiten Reiches aufgegriffen und zurückgeschleppt worden waren, um hingerichtet zu werden.
Peters Züge verzerrten sich zur Fratze. Er packte die schmächtigen Schultern Alexeis, zerrte ihn zum Fenster und bog ihm mit gewaltigem Griff Kopf und Leib über die Brüstung:
»Da! So wird es dir gehen, wenn du dich nicht änderst!«
Der unter seiner Faust sich Windende schloß die Augen. Ein schmerzliches Stöhnen entrang sich ihm.
Verächtlich stieß Peter ihn, daß er taumelte und zu Boden stürzte:
»Das will mein Sohn sein! Mein Sohn!«
Ein leises raschelndes Geräusch ließ ihn sich umsehen.
In der Tür, die zu den Schlafgemächern des Zarewitsch führte, war der Beichtvater Alexeis erschienen.