Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman
Part 3
»Du sollst nicht zu Katha,« zischte der Knabe. »Glaubst du, ich weiß nicht, warum du kommst?« Seine Augen glühten böse: »Ich weiß alles. Ich weiß, daß du ihr nachläufst auf Schritt und Tritt, ich habe gehört, wie du sie angebettelt hast, sie soll des Nachts ihre Tür auflassen.«
Der junge Baron mühte sich ein Lachen ab: »Schau, wie du lügen kannst.«
Die Weide in der Hand des kleinen Eifersüchtigen zerknickte: »Ich werde es dem Vater sagen.«
»Untersteh dich!« Mit geballten Fäusten wollte der Erregte auf den hämischen Widersacher ein.
»Junker Albedyll,« eine breite Hand legte sich mahnend auf seine Schulter.
Arnd fuhr herum, bleich, verstört: »Herr Präzeptor!«
Der Präzeptor Wurm musterte ihn kühl: »Habt Ihr Eure Aufgaben schon erledigt, Junker? Ich bin sonst solchen Fleiß nicht an Euch gewöhnt.«
Der Geschulmeisterte stammelte etwas von drückender Glut und Luftschöpfen.
»In der Laube ist die Luft noch schwüler.«
Der junge Baron warf den Kopf in den Nacken und antwortete mit Betonung: »Der Herr Präzeptor muß das freilich besser wissen als ich.«
Ein Blitz zuckte von Auge zu Auge. Kein Blick wich dem andern.
Der Präzeptor hob die Hand. Der Junker stand wie ein junger Stier mit gebeugtem Nacken, bereit, sich beim ersten Schlag auf den Nebenbuhler zu stürzen.
Das Kürtchen kreischte laut auf vor Vergnügen.
Sein Geschrei weckte Katharina.
Mit einem Ruck fuhr sie auf und war sofort auf den Füßen. Wiegenden Schrittes trat sie zwischen die Kampfhähne. Ihr Lächeln ging vom einen zum andern.
Helles Rot schoß in beiden auf.
Katharina streckte die Hände. Ihre Hüften schaukelten leicht: »Ich liebe es nicht, wenn meine Freunde sich streiten.«
Ein ächzender Laut klang zu ihr hinauf, ein verzerrtes Gesicht sank gegen ihre Knie. Ihr kleiner, eifernder Beschützer.
In rascher Umfassung zog sie das erstarrte Körperchen an sich. Sie war die Anfälle seiner Sucht gewohnt. Stundenlang hatten sie ihn sonst geplagt, den armen Leib in wilden Schauern geschüttelt, bis kaum noch Atem in dem wehen Gemächte war. Kein Mittel hatte dagegen verfangen wollen. Als sie zum erstenmal des rasenden Tobens ansichtig geworden war, hatte sie gemeint, der Leibhaftige habe sein Spiel mit dem Kinde, dann aber hatte sie es entschlossen in ihre Arme genommen und an sich gedrückt, fest, ganz fest. Das hatte den ärgsten Sturm gebrochen.
Auch diesmal schien der drohende Ausbruch gebannt. Gleichwohl sprangen der Präzeptor und der Junker eilfertig zu Hilfe, faßten und hielten die Glieder, die in kurzen, heftigen Stößen zu zappeln begannen. Im Eifer ihrer Verrichtung kamen sie näher und näher zu Katharina hin. Diese rührte sich nicht, nur das kupfrige Gekraus über ihren Schläfen streifte bald die Stirn des einen, bald den Nacken des andern ihrer Helfer. Dann flammten deren Stirnen höher auf, und die Hände, die stützen sollten, bebten ärger als das vom Krampf geworfene Wesen.
»Gerad, als ob sie's vom Satan gelernt hätt'!«
Der Gärtnerbursche, der, Rechen und Hacke geschultert, vom Felde heimkam, blieb mitten auf dem Wege, der zur Laube führte, stehen: »Es gibt kein Mannsbild, dem sie nicht das Herz im Leibe umkehrte,« knirschte er hervor. »Verdammt!« Er schob die kurze Holzpfeife in die andere Mundecke und spie aus. »Und kein Loskommen ist. Kein Loskommen. Ist sie aber erst mein Weib,« die Finger spannten sich um die Hacke, »sie mag sich vorsehen. Bei Gott, sie mag sich vorsehen.«
Der brave Johann Kruse, dessen Vater und Ältervater schon in Diensten der Marienburger Propstei gestanden hatten, war nicht der einzige, dem der Gedanken kam, daß es mit der Katharina Skawronska noch mal ein übles Ende nehmen würde wenn sie nicht ...
Über dieses Wenn wurde er sich freilich nicht klar. Ebensowenig wie sein Herr, der Propst, der, um seine Predigt zum morgigen Sonntag zu memorieren, den Garten aufgesucht hatte und dabei gleichfalls des verräterischen Schauspiels ansichtig geworden war. Seine geistliche Würde verhinderte es, daß er sich im Fluchen Luft machte, ja er empfand die gewisse Beklemmung, die seine breite Brust bei dem unerwarteten Anblick der augenscheinlichen Erregung seines Präzeptors und seines Zöglings bedrängte, mit einem gewissen Staunen. Schon wollte er auf die Gruppe zu und die beiden jungen Leute an ihre Arbeit weisen, als er plötzlich den Schritt verhielt: trieb ihn nur die Sorge um das Heil der andern?
Die Predigtaufzeichnungen in seiner Hand knitterten unter dem herrischen Griff, mit dem er die plötzliche Erkenntnis zwang:
»Wer ein Weib ansieht, ihrer zu begehren, der hat schon die Ehe gebrochen in seinem Herzen,« murmelte er düster und wendete sich mit heftigem Ruck ab.
Ein schwerfälliger Schritt folgte ihm tappend.
»Herr!«
Der Propst sah über die Schulter zurück: »Was gibt's, Kruse?«
Der Gärtner zupfte ihn am Ärmel: »Herr,« seine Stimme war dunkel vor Groll, »seht Ihr, wie die Tochter Baals ihre Lust hat mit den Söhnen Davids. Endet das Ärgernis, damit die Gemeinschaft der Gläubigen nicht Anstoß nehme und Euch einen Verderber heiße.«
»Kruse,« die breite Rechte des Propstes sank schwer auf die Schulter des Knechtes, »du mutest dir viel zu. Das Weib ist listiger als die Schlangen.«
»Ich werde ihr den Kopf zertreten.«
»Und sie wird dich in die Ferse stechen.«
Die Brust des Gärtners hob und senkte sich in stürmischem Atmen:
»Und wenn ich daran zugrunde gehe, sie muß mein werden.«
Der Propst nickte. Ein Würgen war in seiner Kehle, und doch sagte er klar und fest:
»Du sollst deinen Willen haben.« –
Es war Abend geworden.
Der Propst ging in seinem Studierzimmer mit harten Schritten hin und wieder. In dem halben Dämmer des scheidenden Tages leuchteten vom Schreibtisch die weißen Blätter der Handschrift zu der morgigen Predigt. So oft der Blick des ruhelos in der Stubenenge Umgetriebenen diesen hellen Fleck streifte, wich er unsicher aus:
Lehren! Leiten!
Ein schweres Stöhnen unterdrückend, deckte der Propst die Hand über die wie in verhehltem Fieber brennenden Augen. Er fühlte den Grund seiner Seele wanken. Wie war es möglich, daß in ihm, der hoch im Dasein stand, der sich längst jenseits jeder Anfechtung vermeint hatte, plötzlich ein wilder Brand entflammte, nach einem Weibe, dessen Vater er hätte sein können? Seine Fäuste ballten sich schmerzhaft: verfluchter Tag, da ihm der langaufgeschossene Balg im Hause des Ringener Kantors entgegengetreten war, ihn angelacht und ihm erklärt hatte: ich gehe mit dir. Einfach: ich gehe mit dir! Weil der Kantor nicht wußte, wie er den zugelaufenen Nachlaß der Gutsmagd des Herrn auf Rosen neben seinen eigenen acht Göhren durchbringen sollte. Hätte er nur damals auf seine Frau gehört, die sich mit Händen und Füßen sträubte, den Wechselbalg eines adligen Taugenichts und einer hörigen Dirne aufzunehmen. Er aber war erzürnt gewesen ob ihrer unchristlichen Härte. Tagelang hatte er kein Wort mit ihr gesprochen. Nie war das bis dahin in ihrer langen Ehe vorgekommen. Die Frau hatte getrotzt, geweint und sich schließlich seinem Wunsche gefügt. Es war alles gut gegangen. Das Mädel hatte es verstanden, im Handumdrehen auch das Herz sich zu gewinnen, das ihm nicht sehr zugetan gewesen war. Es dauerte noch keine paar Wochen, da sang die Pröpstin das Lob des Fremdlings. Mit allen ging es so. Im ganzen Kirchspiel war keiner, der dem Mädel eine böse Miene gezeigt hätte. Wo es hinkam, leuchteten die Blicke der Männer, und die Frauensleute rissen sich um seine Freundschaft. Es hatte zuweilen wahrhaftig so ausgesehen, als könne das Ding hexen.
Der Propst blieb neben dem Fenster stehen, die Stirn, hinter der es zuckte und arbeitete, gegen den offenstehenden Flügel gepreßt:
War es nicht fast Hexerei, wie sie seinen Jungen, dieses Häufchen Elend, nach sich gezogen hatte? Sie brauchte ihn nur anzurühren, und im ärgsten Toben wurde er ruhig. Wie ein Wunder Gottes war es ihm erst erschienen. Jetzt wußte er, woher das Wunder kam. Das Zucken seines eigenen Herzens hatte es ihm offenbart. Ihm, dem Vorbilde der Gemeinde.
Ein kurzes, gequältes Lachen brach aus dem zusammengepreßten Munde:
»Ein Vorbild!«
Seine Nägel bohrten sich in das Holz des Fensterrahmens.
Er durfte sich nicht an sich beirren. Wohl pochte sein Herz stärker, aber noch hatte er es in der Gewalt. Und er würde dafür sorgen, daß er es in der Gewalt behielt. Das Versprechen, das er seinem Gärtner gegeben hatte, mußte erfüllt werden. Bald mußte es erfüllt werden.
Leise fiel ein rasches, helles Pochen in seine Gedanken und leicht und sacht ging die Tür auf. Ein milder, warmer Schein drang in das Zimmer und scheuchte die abendliche Dunkelheit vor die Fenster, hinaus unter Büsche und Bäume. Katharina, den grünbeschirmten Leuchter in der Hand, trat über die Schwelle. Weich und behende glitt sie durch den Raum.
Die Blicke des Propstes hingen an ihren Bewegungen. Ihm war, als sähe er sie zum ersten Male.
Eben so behutsam, wie sie gekommen, wollte sie sich zurückziehen, da gewahrte sie, wie der Propst die Hand hob, als müsse er sie halten. Unwillkürlich verweilte sie.
Jetzt erst wurde sich der Propst dieser Bewegung bewußt. Er fühlte: er mußte eine Erklärung geben. Was, was nur? Ah, Kruses Werbung, die nahe Hochzeit.
Seine Zunge mühte sich schwer um die Worte. Mit jedem einzelnen türmte er den wehrenden Wall zwischen sich und der gefährlichen Lockung. Jedes einzelne mußte er sich abringen.
Katharina hatte verwundert aufgehorcht: woher auf einmal dieses Drängen auf Erfüllung eines Wunsches, den zu gewähren sie nicht eilig hatte. Bisher hatte der Propst ihr beigestanden, den Ungeduldigen zu zügeln, wenn er allzu heftig in seinem Anliegen wurde. Jetzt redete er ihm das Wort? Was hatte sich ereignet?
Der stillschweigende Widerstand verwirrte den Propst. Seine Rede stockte, brach ab und verstummte endlich ganz. Eine peinvolle Stille entstand. Der Propst glaubte, sein Herz klopfen zu hören. Immer lauter erhob sich der pochende Schwall, wuchs zu einem Klingen und Dröhnen. Keuchend jagte die Brust des Propstes, ihm war, als müsse er in seinem eigenen Blute ersticken. Krallend zerrte seine Rechte an der Halsbinde.
Die dünnen, durchsichtigen Lider Katharinas glitten langsam zu einem kühlen, erstaunten Blick auf. Doch rasch wandelte blitzschnelles Begreifen den fragenden Schimmer der grünlichen Augen in flackerndes Glimmen: es galt, den Vorteil der Stunde zu nützen! Ihr Gesicht nahm einen kindlich-bänglichen Ausdruck an:
»Ich bin dem Geschick dankbar, das mich auch in dem neuen Stande der fürsorgenden Huld des väterlichen Freundes nicht entzieht.«
Die Schmeichelrede tat vor dem Propste einen Abgrund auf. Was Schranke hatte werden sollen, drohte Brücke zu werden. Seine Blicke hingen brennend an der biegsamen, geschmeidigen Gestalt vor ihm: wahrlich, sie war schön, schön wie Bathseba. Die Finger des Propstes bogen sich ineinander: er durfte, er wollte nicht schwach werden gleich David. Als suche er Halt und Stütze, drängte er den mächtigen Rücken gegen den hochlehnigen Stuhl vor dem Schreibtisch. Hastig, fast heftig antwortete er Katharina, ängstlich bemüht, mit jedem Vorschlag weiteren Raum zwischen ihr und sich zu bringen. Die Enge der Marienburger Verhältnisse, die Notwendigkeit voranzustreben, ein größerer Wirkungskreis, Empfehlungen an Freunde in Riga, ein Gütchen bei der Stadt, eine angesehene Stellung und reiches Auskommen. – Erschöpft schwieg er.
Nicht eine Miene hatte sich in Katharinas Gesicht verzogen, nur das Gleißen in ihren Blicken funkelte herrischer. Um das verräterische Glühen zu verbergen, haschte sie nach der Hand des Propstes, um sich mit einem leichten Dank über sie zu beugen.
Doch wie von Klammern wurde sie emporgerissen. Er hatte sie gepackt und hielt sie mit eisernen Fäusten. Armeslänge zwischen seinem Munde und dem andern, dessen Süße zu kosten es ihn hinriß. Langsam neigte sich seine Stirn. Der Zoll, den er der Schwachheit menschlicher Natur entrichtete. Aber seine Hände rückten die gefährliche Bezauberung unerbittlich von ihm ab. –
Die Tür war hinter Katharina ins Schloß gefallen. Leicht, beschwingt, Tanz in den Füßen, eilte sie den Gang hinunter. Auf der Schwelle zum Garten blieb sie stehen. Duftatmend, mondglanzübergossen tat er sich vor ihr auf. Tausend zarte verliebte Töne riefen durch die Nacht. Alle Sinne spannten sich zum Genuß. Schweigend öffneten sich Katharinas Lippen und gaben die kleinen harten weißen Zähne frei. –
Im Arbeitszimmer des Propstes fiel der friedliche Schein der Lichter auf die zuckend im Schoß gefalteten Hände. In dem grünlichen Schimmer des Schirmes aber hob sich ein erhaben geweihtes Antlitz, in dem jeder Wunsch verstummt war in der Bitte um Gnade.
IV.
Katharinas Hochzeitstag war gekommen. Glühend rot stieg sein Morgen aus dem weißlichen Dunst, den die Nacht über den erntereifen Feldern zurückgelassen hatte. Vor den ersten Strahlen der Sonne wich das schwebende Wallen, wandelte sich in kühlen Tau, den die Erde durstig einsog, und durch die schwindenden Schleier schwangen sich die Lerchen, stiegen hinauf, hoch hinauf in den strahlend blauen Himmel, um ihren Weckruf über das Land zu jubeln.
Es war ein eiliges Wecken in jener Frühe. Mit den Lerchen um die Wette schlugen die Glocken und schmetterten die Böller. Immer dringender mahnte das Dröhnen, rief das Hallen. Sturm! hieß das: Sturm! Die Wolke, die wochen-, monatelang gewitterschwanger am Horizont gestanden hatte, zog in rasender Eile herbei: Scheremetjef mit seinen Truppen. Und vor ihnen her von Angst gejagt die Leute von Settinghof und Rosenhof, von Sommerpanlen und Romeskalm. Zu Fuß, zu Pferde, zu Wagen. Hochaufgetürmt den Hausrat und allerlei Kram auf Hucken und Gefährten. Kinder und Alte und die Kranken zwischen Kasten und Truhen, Heubündeln und Strohgarben. Das schob und drängte, weinte und zeterte, jammerte und fluchte. Auf allen Gesichtern die Schatten der friedlosen Nacht. Welk und müde die Züge, die Augen tief, fast erloschen in den Höhlen, stumpf der nahen Zuflucht zugekehrt, doch immer wieder herumgerissen von der Erinnerung an durchlebtes Schrecknis. Dunkel wälzte sich der Strom in die Stadt, zwängte sich in die Straßen und Gassen, füllte sie mit Not und Geschrei.
Katharina stand am Fenster, als der Schwarm sich vorüberschob. Sie hatte ihren kleinen Spiegel an den Riegel des offenen Flügels gehängt und war damit beschäftigt, ihr Haar aufzustecken. Über die hocherhobenen vollen Arme fluteten die schweren roten Wellen hinab auf den weißen, sanftgeschwungenen Nacken. Prall und fest spannten sich die runden Brüste unter dem zarten Leinen des Hemdes. Im Takt glitt der Kamm durch die dichten Strähnen. Katharina warf den Kopf zurück und zeigte ihrem Spiegelbilde die Zähne: hei, es ging lustig zu in der Welt. In dem winzigen engen Rahmen, darin der Spiegel ihr ein Stück der Straße einfing, wurde sie der Flüchtenden gewahr. Kleine verhuzelte Menschlein krochen über den Weg, zogen randvoll beladene Kärrchen, stießen und balgten sich vorwärts. Wurden immer mehr, wurden ein dichter wimmelnder Klumpen, hatten weder Arm noch Bein, nur Buckel, lauter Buckel, hochaufgetürmte Buckel. Sie kümmerte sich nicht um das, was unten, dort, wo das unglückliche Volk sein bißchen Dasein durch die rettende Gasse schleifte, in Wahrheit vorging, unverwandt blieb ihr Blick auf den putzigen Widerschein gerichtet. Sie lachte, lachte, lachte –. Eine jauchzende Tollheit befiel sie. Sie sprang durchs Zimmer, wirbelte sich im Kreise und klatschte in die Hände: einen solchen Hochzeitstag hatte sobald keine.
In ihre Ausgelassenheit fuhr das Gellen schriller Trompetenstöße. Zugleich wurde das drängende Lärmen auf der Straße eiliger. Mit einem Ruck stand sie. Die hellen Brauen zogen sich nachdenklich zusammen: ob auch an sie bald die Reihe kam, zu wandern?
Sie stieß die Schultern mit einer abtuenden Bewegung hoch: was konnte ihr geschehen? Ihr, nichts. Wohl aber dem, der in zwei Stunden ihr Mann sein würde. Er sah schmuck aus in der Trompeteruniform. Schade, daß er sie mit Unlust trug. Er meinte, ein junger Ehegatte habe andere Pflichten, als sich in Gefahr zu begeben. Er hatte Angst, daß er seinen Platz neben ihr allzubald würde verlassen müssen. – Sie nickte, während sie ihre krausen, ruscheligen Haare langsam zu einem dicken Knoten schlang: sie brauchte nicht zu sorgen, daß sie allein bleiben würde. War es nicht der Johann Kruse, so war es ... Ihre Brust dehnte sich. Sie beendete den Gedanken nicht, aber der feste, bestimmte Ausdruck ihrer Züge zeigte, daß sie in ihrem Geiste Möglichkeiten erwog, die weit über das Dasein einer behäbigen Gärtnersfrau hinausgingen. –
Die Trauung in der Marienkirche war vorüber. Die Pröpstin hatte im Gartensaal ihres Hauses eine kleine Tafel herrichten lassen. Daran saßen neben dem Hochzeitspaare und den Zugehörigen des pröpstlichen Hauses die Ehrengäste: die betagten Eltern des Gärtners, der Oberst und der Major des schwedischen Regimentes, dem Kruse angehörte, und einige Leutnants, die der Oberst von der Kirche her auf ihre Bitten hin mitgebracht hatte. Die jungen wie die alten Herren hatten nur Augen für die Braut, kaum daß des Bräutigams in den kurzen Trinksprüchen, die seine Regimentsoberen hielten, gedacht wurde. Steif, mit einem bösen, verbissenen Gesicht saß Johann Kruse wie angenagelt auf seinem Stuhl. So oft Katharinens Wohl ausgebracht wurde, hob er den dicken Glashumpen, der vor ihm stand, und leerte ihn mit einem Zuge. Je mehr er trank, um so argwöhnischer belauerten seine runden, rollenden Knopfaugen die ihm gegenübersitzende Katharina.
Diese unterhielt sich vorzüglich. Der Wein trieb das Blut in rascherem Schlage durch ihre Adern und lockte eine leichte Röte in ihre Wangen. Und die offenkundige Bewunderung der vornehmen Offiziere schmeichelte ihr nicht wenig. Je ingrimmiger ihr Angetrauter dreinsah, um so mutwilliger scherzte sie. Seine närrische, ungelenke Art verdroß sie: wahrhaftig, er benahm sich wie ein Bauer. Sie bemühte sich angelegentlich, sein Ungeschick auszugleichen. Es gelang ihr vortrefflich. Sie plauderte mit ihren Nachbarn, dem Obersten und dem Major, als sei sie einen derartigen Umgang von klein auf gewöhnt, rückte ihnen mit allerlei wißbegierigen Fragen über Verteidigungsanstalten und Angriffsmaßnahmen, Stärke und Bewegungen der Russen, Aussichten und Absichten der Schweden auf den Leib und wußte ihren Lerneifer so mit Munterkeit zu würzen, daß die alten Haudegen ganz hingerissen waren. Besonders der Oberst vergaß völlig, wen er vor sich hatte, und kramte aus den Erinnerungen seiner lang vergangenen Jugend all die kleinen Künste der Hofmacherei hervor und brachte sie beflissen und mit heimlichem Stolz über seine wiederentdeckte Begabung zur Anwendung. Katharina machte sich einen Spaß daraus, ihn in seinen Bemühungen um ihre Gunst anzustacheln. Sie übersah geflissentlich die drohend auf sie gerichteten Blicke ihres Gatten: er sollte sich nicht einbilden, daß sie seine Sklavin sei. Laut und lustig antwortete sie dem schmeichelnden Necken des Obersten.
Stieren Auges starrte der junge Gärtner auf das Paar. Schwere, dunkle Glut rückte über seinen Nacken bis in die Stirn hinauf, die Adern an den Schläfen schwollen zu dicken Strängen. Eben hatte der Oberst sein Glas erhoben und ein Hoch auf die Schönheit und die Liebe ausgebracht. Begeistert stimmten die jungen Leutnants ein. Der Junker von Albedyll reckte seinen Arm wie zum Schwur, seine Augen suchten Katharina. Und selbst der zurückhaltende Präzeptor drängte sich, mit Katharina anzustoßen. Schwerfällig hatte sich Kruse in seinem Stuhl hochgeschoben. Mit der Linken hielt er sich klammernd an der Tischkante, der Kopf beugte sich wie zum Stoß vor. Zitternd schwenkte die Rechte den Humpen, strebte hin, an Katharinas Glas zu klingen. Es gelang ihm nicht. Der Oberst war ihm im Wege. Die launige Ansprache, die er der Gefeierten hielt, wollte und wollte nicht enden. Da packte den andern die Wut. Mit einem dumpfen, abbrechenden Laut warf er den Becher nach dem Hinderlichen. Splitternd klirrten die Scherben über den Tisch, und der Wein färbte in breitem Gusse die festliche Tafel. Grelle Tropfen spritzten auf Katharinas Kleid. Alle sprangen auf. Ein paar der Offiziere zogen die Degen.
Doch Katharina war schneller als die schlagfertigen Unbesonnenen. Über den Tisch hinweg ergriff sie Kruses geballte Fäuste.
»Mein Mann hat dem Herrn Obersten für den freundlichen Trinkspruch danken wollen. Er ist ungewohnt des Wortes, und die Freude über das mir gespendete Lob«, der kühle, beherrschte Blick ihrer grünlichen Augen richtete sich voll auf den Obersten, »hat ihm den Sinn verwirrt. Der Herr Oberst wird es ihm daher nicht anrechnen, daß der beabsichtigte Dank etwas heftig ausfiel.«
Der Oberst fühlte sich von der Höhe seiner Erinnerung herabgestürzt. Er nickte verlegen. In gesucht biedermännischem Tone kehrte er sich zu Kruse:
»Er hat eine gescheite Frau, eine tapfere Frau, eine ...«
Katharina schnitt die weitere Aufzählung ihrer Tugenden mit einem tiefen Knix ab, in dem sie vor dem alten Kavalier versank. Ein zweiter vor dem Propst und der Pröpstin, ein herzliches Umarmen der Eltern ihres Mannes, ein leichtes Grüßen und Neigen gegen die übrigen Festgenossen, die Feier war zu Ende. –
Das junge Paar war mit sich allein.
Allein in der kleinen, niederen Stube, deren Fenster in den Garten hinaussahen, durch die seine Pracht mit Blühen und Duften hineinströmte.
Von den nahen Beeten zog der schwere, würzige Geruch des Heliotrops heran, und von den Büschen, die das Haus einrahmten, fiel der schwüle Hauch des Jasmins betäubend in die Enge der Zimmer. Über Rasen und Wegen lag die zärtliche Helle der Sommernacht. Die großen, roten und blaßblauen Häupter der hohen Mohnstauden schwammen leise, von sanftem Winde gewiegt, in dem goldenen Dämmer, und zwei kaum erschlossene Rosen, eine volle purpurne und eine weiche gelbe, neigten sich, auf benachbarten Stengeln schwankend, in kosendem Spiel zueinander.
Katharina hockte auf einem niederen Schemel mitten in der Stube. Die Knie hatte sie angezogen, die Arme darum geschlagen und die Finger fest ineinander verschlungen. Wie leblos verharrte sie. Sie hörte das Umherschwanken des Trunkenen, hörte die lallenden, knurrenden Laute des Eifersüchtigen, das stoßende, ruckende Atmen des Gierigen.
Ein feiner, lauernder Kitzel war in ihr: ob er es wagte, sie zu berühren? Und was würde er tun?
Sacht drehte sie den Kopf über die Schulter.
Er lehnte gegen die Bettwand. Mit zäher Mühe hielt er sich aufrecht. Die schweren, dicken Lider, die ihm jeden Augenblick zuzufallen drohten, riß er überweit auf.
»Frau!«, murrte er, »Frau!«