Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman
Part 2
In der ebenerdigen Stube saß auf der Ofenbank ein hageres, langaufgeschossenes Mädel. Die eckigen Arme hatte es hinter dem Kopf verschränkt, der auf dem dicken, brandroten Haar wie auf einem Kissen lag.
Sie träumte vor sich hin.
Aber ihre Träume mußten sehr bestimmte und bewußte sein, denn in den grünlichgrauen Augen war keine Spur von weicher Versonnenheit, kühl und fest waren sie auf das unsichtbare Ziel gerichtet.
Der Eintritt der Fremden war ihr kein Anlaß, ihre bequeme Stellung zu verändern, nur ihr Blick richtete sich forschend auf die Ankömmlinge.
»Bist du allein?« Peters Ton war ungeduldig.
Sie schürzte launisch die Lippen: »Wäre ich allein, könntet Ihr mich nicht fragen, ob ich es wäre.«
»Albernes Ding! Wo ist dein Vater?«
Der offenbare Ärger ihres Gegenübers belustigte sie. Sie lachte, ihre Oberlippe zog sich weit von den festen spitzen Zähnen zurück.
»Wo ist dein Vater?« Peters Miene wurde drohend.
»Da müßt Ihr Euch bei meiner Mutter erkundigen, vielleicht kann sie es Euch sagen. Ich,« sie schob die schmalen Schultern verächtlich in die Höhe, ihr Blick wurde feindselig, »ich weiß nichts von ihm.«
»Wo ist deine Mutter?«
»Mit den Schwestern und dem Bruder ins Holz.« Sie rümpfte die Nase: »Die haben Angst vor den Schweden.«
»Schweden? In der Nähe?«
Die Kleine horchte auf. Der dringliche Ton des Fragers hatte ihr allerhand verraten.
»Ja,« gab sie lässig Bescheid, »sie schweifen durch die Gegend.«
»Verdammt.« Peter stampfte den Boden. »Kannst du uns einen Wagen beschaffen.«
Sie deutete mit der Schulter gegen den Hof: »Im Schuppen.«
Ohne einen Befehl Peters abzuwarten, eilte Pawel Jaguschinski hinaus, das Gefährt für die Weiterreise herzurichten.
Die Augen der Kleinen wanderten musternd über ihren Gast, der sich einen Schemel in die Nähe des Ofens gezogen hatte und hoch und mächtig vor ihr saß.
»Wird der Herr die Fahrt in einem Bauernwagen vertragen?«
Peter zuckte unwillkürlich zusammen: »Warum nennst du mich Herr?«
»Weil Ihr es seid.«
Unmutig brummte er: »Was dir nicht einfällt. Ich bin ein einfacher Unteroffizier.«
Sie lachte. Es bereitete ihr Spaß, den großen starken Mann zu sticheln: »Wollt Ihr das auch den Schweden erzählen, wenn sie Euch fangen?«
»Kröte!« Er sprang auf und packte den Schemel: »Bin ich in eine Falle geraten, soll es dir übel gehen.«
Sie hob gelassen die Schultern: »Es sähe Euch ähnlich, einen andern für Eure eigene Dummheit und Unvorsichtigkeit büßen zu lassen.«
Sie nahm eine überlegene Miene an: »Seid nicht so wild. Setzt Euch ruhig. Ihr braucht keine Angst zu haben. Die Schweden dürfen Euch nichts tun, wenn sie kommen; Ihr gefallt mir.«
Ein tolles Frauenzimmer! In Peter kämpften Beschämung über die einfältige Rolle, die er spielte, und die Lust an dem kecken Gebaren des eben den Kinderschuhen entwachsenen Dinges vor ihm: was das sich in seiner Einfalt zutraute.
»Du willst mich schützen?« Er lachte verlegen. Ein dunkles Rot stieg bis zu seinen Schläfen: »Wenn dich ein Mann mit dem kleinen Finger anrührt, fällst du um.«
Sie hob die Lider zu einem kühlen, beherrschten Blick: »Wenn er es fertig bringt, mich anzurühren.«
Stärker brannte das Rot in seinen wettergebräunten Wangen.
Sie zog die Oberlippe zurück, ihre Nasenflügel bebten leise:
»Aber du gefällst mir. Und darum will ich dir helfen.« Sie sprang mit beiden Füßen zugleich auf den Boden, trat rasch auf ihn zu und tippte mit spitzen Fingern auf die Tressen und Verzierungen seiner Uniform. »Damit jetzt im Lande herum zu kutschieren, ist gefährlich. Ich werde dir etwas anderes geben.« Aus einer Truhe, die neben dem Ofen stand, holte sie Rock, Hemd und Hose: »Meines Bruders Sonntagsstaat. Er wird wüten, wenn er es erfährt. Pah,« sie schnippte mit den Fingern, »ich lache ihn aus. Wütende Menschen haben keinen Kopf. Da,« sie warf dem Gaste das Bündel zu, »zieh dich um.«
Peter hatte sich erhoben. Er kam sich vor wie ein gescholtener Junge. Es war kein sehr erhebendes Gefühl. Unsicher schob er den Kleiderpacken von einem Arm auf den andern.
Die Kleine maß ihn verwundert: »Worauf wartest du noch? Zieh dich um. Meinst du, ich wüßte nicht, was ein Mann ist?« Sie lachte hell, girrend: »Ich tue dir nichts.«
»Weibsbild!« Die Kleider flogen auf den Boden. Da war kein Junge mehr. Der versank in dem Manne. Ein Brennen und Sieden rann durch Peter hin. Der starke Körper zitterte in Begier.
Kopfschüttelnd, ohne ihn aus den Augen zu lassen, wich das Mädchen ein paar Schritte zurück:
»Ich habe geglaubt, die Herren seien feiner als die Bauern, aber nun sehe ich, daß es genau solche Tölpel sind.«
»Weib!« Peter wollte mit geballten Fäusten auf die Spötterin zu.
Sie kehrte ihm langsam den Rücken und ging zum Fenster:
»Hab dich nicht! Beeile dich lieber mit dem Anziehen. Die Pferde rühren sich bereits im Geschirr.«
Keuchend, an allen Gliedern bebend, stand Peter mitten im Zimmer. Er kam sich unsäglich albern vor: was hielt ihn ab, diesem boshaften Frauenzimmer seinen Willen aufzuzwingen? Oder hatte er ihr gegenüber gar keinen Willen? Ein dumpfes Ahnen beschlich ihn, daß diesem Wesen nicht mit Gewalt beizukommen war, weil es sogar die Lust in seiner Gewalt hatte. Er biß sich die Lippen blutig: da war nichts zu machen. – Er warf den Kopf in den Nacken: was kam es auch darauf an? Er würde das Erlebnis bald vergessen haben. – Zornig zerrte er an Rock und Wams, sich ihrer zu entledigen. Doch das durchnäßte Tuch klebte am Körper. Er riß und zog, fluchte und stieß mit den Füßen den Boden.
Die Kleine hatte sich vom Fenster abgewendet und genoß das Schauspiel mit heller Freude.
»Du wirst nie etwas fertig bringen, wenn du nicht Geduld lernst.« Damit half sie ihm.
Du wirst nie etwas fertig bringen, wenn du nicht Geduld lernst! Er sah das Geschöpf vor sich plötzlich mit andern Augen an. Unvermittelt kam ihm die Frage:
»Wie heißt du?«
Sie wiegte sich in den Hüften: »Brauchst du einen Namen, um dich zu erinnern?« Ihr Leib dehnte sich zu ihm hin, daß er ihn fast streifte: »Du wirst mich nicht vergessen.«
Den großen, starken Mann überrann ein Schauer. Seine Glieder flogen. Doch der kühle, beherrschte Blick der grünlichgrauen Augen hielt ihn in Bann. Nur sein Atem stöhnte durch die zusammengebissenen Zähne.
Von draußen kamen Schritte. Jaguschinski erschien und meldete, daß der Wagen zur Abfahrt bereit sei.
Mit einem Ruck kehrte Peter sich ab. Im Hinausgehen wendete er noch einmal den Kopf:
»Ich werde dich nicht vergessen.«
Die Tür fiel ins Schloß.
Tritte verklangen. Räder begannen zu knirren, Hufe patschten in klitschigen Lehm. Ferner. Ferner.
Unbeweglich blieb das Mädchen in der Mitte der Stube, bis jedes Geräusch erstorben war.
Stille.
Mit raschen Griffen nahm sie die zurückgebliebenen Kleider Peters, trug sie zur Truhe und legte sie sorgsam hinein.
Der Deckel schlug zu.
Und mit sicherem Schwunge saß sie oben auf dem Kasten.
* * * * *
Tausend Lichter. Und widerstrahlend der weiche, warme Schimmer in den hohen Spiegeln rings im Saale. Flirrend der Glanz. Schmeichelnd fließt er um diademgeschmückte Stirnen, über weiße, leuchtende Nacken und wogende Busen. Diamanten blitzen, Ordenssterne funkeln. Die breiten blauen, orangenen, roten und grünen Ritterbänder über den Uniformen und den Diplomatenfräcken glühen, und die rauschenden Schleppen, die weiten malven- und topasfarbenen Röcke, die knisternden Seidenspenzer und die Samtmieder der Damen gleißen auf in dem spielenden Schein.
Tanz. Hell und lockend die Geigen. Jubelnd die Flöten. Dunkel und zärtlich die Klarinette. Dumpf, stöhnend in Sehnsucht die Oboe.
Ein Wiegen und Schmiegen der Paare. Leicht die Schritte, behende die Füße. Ein Suchen und Fliehen, ein Meiden und Sichfinden.
Heiß die Hände, glühend die Wangen. Schneller der Puls, rascher der Atem.
Jauchzend steigt die Woge der Lust.
Alexander Menschikoff schwimmt mit ihr, läßt sich tragen, hoch hinauf, hin zur Erfüllung kühnster Träume.
Seine schlanke, sehnige Gestalt ist überall. Eben noch im heiteren Geplänkel mit der schönen Mons, der kleinen Freundin des Zaren, gleich darauf im Gespräch mit Campredon, dem französischen Gesandten. Die Spitzen der Sloboda, der Ausländervorstadt von Moskau, hatte er zu Gaste gebeten. Den holländischen Residenten, die deutschen Kaufherren, die französischen Emigrierten, die Anhänger des schottischen Prätendenten, die Führer der polnischen Dissidenten, alle, die ihre Zukunft an die Zukunft Rußlands geknüpft haben und die helfen werden, sie zu bauen.
Heute gilt es, den ersten Sieg der neuen Herrschaft zu feiern. Den nahen Sieg.
Narwa steht vor dem Fall.
Das war die Botschaft, die am Morgen der Kurier dem Herzbruder des Zaren überbracht hatte.
Menschikoff ergriff den Augenblick, wie er sich bot. Rußlands junger Ruhm war die Staffel, die ihn zur Höhe führte.
Er schlang seinen Arm um Darja Arsenjef, Glut im Blick und Glut auf den Lippen, und drehte sich mit ihr in wilden, raschen Wirbeln durch den Schwarm der Tanzenden.
Willig ließ sie sich von seinem brausenden Sturm tragen, hintragen durch das kreisende Gewühl der andern, hinweg von ihnen, hinein in eine flammendurchlohte, rasende Seligkeit. Mitten in dem tollen Trubel waren sie allein.
Sein Mund dicht an ihrem Ohr:
»Daschka.«
Sie hob die langen, dunklen Wimpern:
»Du bist glücklich!«
Seine Augen strahlten:
»Rußland ist auf dem Wege nach Europa!«
Sie lächelte in stolzer Freude:
»Und du führst es an.«
Ein Schatten düsterte seine starken Züge: »Ich wollte, ich könnte es.« Er warf die Oberlippe auf, seine Miene wurde leichtsinnig: »Ein Spiel um einen Thron. Ach, Daschka, das Spiel ist mein Glück!«
»Deines.« Sie preßte ihre Stirn an seinen Hals, dicht, damit sie das ungebärdige Pochen seines Blutes spürte. Peitschend drang ihr der herrische Takt durch den Leib. Enger noch drängte sie zu ihm hin.
Sein Schnurbarthaar kitzelte ihre Wange.
Sie seufzte.
Er kannte die Sorge, der es galt: »Denkst du schon wieder an morgen?«
»An morgen,« sie nickte, »wo du zu Anisia oder zu Barbutschka oder zu der dicken Deutschen Liebling sagst.«
»Heute ist heute,« er schwenkte sie jagend herum. »Heute ist mein Herz dein. Morgen? Ich frage heute nicht nach dem Morgen. Sei du mir neu jeden Tag, wie es das Morgen ist, und ich werde dich ewig lieben.«
Ihre weichen, runden Schultern zogen sich hoch und sanken lässig zurück:
»So lockst du alle.«
Er lachte. Tief, dunkel:
»So locke ich auch mich.«
Im Gedränge wurde die hohe Gestalt seines sibirischen Pförtners sichtbar.
Sofort verhielt Menschikoff den Schritt: eine Nachricht? Ihm konnte keine Kunde eine Störung sein. Jede, die kam, brachte Neues, forderte Neues von ihm.
Der Pförtner meldet einen Bauern, der Seine Gnaden zu sprechen wünsche.
»Was hat der Kerl!«
»Er wollte nicht heraus mit der Sprache, sagte nur, es sei dringend, er komme vom Zaren.«
»Vom Zaren. Warum sagst du das nicht gleich, Tölpel! In mein Kabinett mit ihm.« Eine flüchtige Neigung an seine Tänzerin, und schon wand sich Menschikoff geschmeidig durch das Gewühl nach seinem Arbeitszimmer.
Wartete.
Nach einer Weile kam der Sibirier: Der Bauer sei nicht zu bewegen, ihm zu folgen. Er fordere, daß Seine Gnaden sich zu ihm begebe.
»Wirf den Rüpel aus dem Hause!« schrie Menschikoff wütend, rannte aber doch, dem Pförtner voran, über die Stiegen hinab in die Loge neben dem Eingang.
In dem kleinen, engen Raum saß ein junger livländischer Bauer in langschößigem, blauem Tuchrock, die Pelzmütze tief über die Ohren gezogen, das Gesicht auf die im Schoß gefalteten Hände geneigt.
»Hund, Sohn eines Hundes,« der zornige Hausherr packte ihn derb, »ich werde dich lehren, mir Befehle zu erteilen.«
Der Bauer hob langsam den Kopf.
»Majestät.« Menschikoff fuhr zurück.
Der Zar schüttelte schmerzlich den Kopf: »Ich verdiene diesen Titel nicht. Ich habe mein Heer in Stich gelassen.«
»Und Narwa?« Menschikoff war der Zusammenhang nicht klar.
»Narwa ist fest in der Schweden Hand. Karl triumphiert.«
»Unsinn!«
Kaum war dies Wort heraus, so hatte er Peters Fäuste auf seinen Schultern, die ihn rüttelten und schüttelten, daß ihm Hören und Sehen verging.
»So, Unsinn? Es muß wohl Unsinn sein? Ich störe dem Herrn Leichtfuß ein Fest, und das liebt der gnädige Herr nicht. Ich werde dir lehren, mich unsinnig zu heißen.« Die breite Hand des Zaren hob sich.
Der Geschulmeisterte zuckte mit keiner Wimper:
»Schlage zu. Vielleicht lernst du an mir, wie du Karl von Schweden schlagen mußt.«
Der bereite Arm sank herab. Ein Schimpfwort zwischen den Zähnen zerknirschend, kehrte sich der Zar gegen die Wand.
Eine lange Weile blieb Stille. Menschikoff wußte, jetzt arbeitete das Nachdenken in seinem Freunde und Herrn. Er hütete sich, störend einzugreifen.
Endlich klang es murrend über die Schulter hin zu ihm:
»Du hältst mich für feige? Du hast recht. Ich habe meinen Posten vor dem Feinde verlassen.«
»Warum?«
Warum? Peter begriff seine Flucht jetzt selbst nicht mehr. Die Gründe der andern, die ihm zu eigenen geworden waren, hatten an Gewicht verloren. Warum ließ er Heer, Sieg, unermeßlichen Ruhm und wählte statt dessen schmähliches Entweichen, Schande und Untergang? Er suchte nach Antwort und fand nur die Bedenken der Ängstlichen, der Zaudernden und der geflissentlichen Schwarzmaler:
»Karl ist ein Feldherr. Ich bin es nicht.«
»Du wirst es an ihm werden!«
»Seine Soldaten sind erprobt, sind nach allen Regeln der Kunst ausgebildet, die meinen, eine zusammengewürfelte Schar, die mit Gewehr und Säbel spielen, aber nicht ernstlich fechten können.«
Menschikoff lachte, tief, herzlich.
»Du lachst!« Der Zar fuhr herum, Purpurröte auf dem weiten Gesicht, die rechte Wange entstellt von wildem Zucken: »Du kannst lachen, und mein Heer ist vernichtet, zerstreut in alle Winde, Karl auf dem Wege nach Moskau?«
Wärmer noch wurde das Lachen: »Und wenn er mit seinen Schweden in den Kreml einzöge, du bist der Zar, du! Und du wirst ihn besiegen, denn mit dir ist Rußlands unerschöpfliche Kraft!«
Eine Sekunde war es, als schwankte Peter. Dann riß er Menschikoff an sich:
»Herzbruder! Freund! Mann! Du glaubst ...«
»Ich glaube nicht, was ich weiß!«
Die Gestalt des Zaren reckte sich: »Schreibzeug her!«
Und nun flogen die Befehle. An den Patriarchen: Beschlagnahmung der Klosterglocken und des bronzenen Kirchengeräts. An die Gemeinden: Vorschriften über neue Aushebung von Mannschaften und Ausschreibung neuer Steuern auf die langen Bärte und Kaftans. An den Hetman der Kosaken: um Stellung von Hilfstruppen. An den Fürsten Galizin, Gesandten in Wien:
»Sollte der schwedische König durch Vermittlung des deutschen Kaisers uns Frieden antragen, so wirst du als Preis unseres Eingehens auf solch Angebot Livland mit Narwa, Kolywan und Dorpat fordern.«
Menschikoff schlug mit der Hand breit auf das Papier: »Das ist russisch gesprochen.« Er kniff die Lider zwinkernd zusammen: »Soll ich das Fest absagen lassen?«
Die Feder flog auf den Tisch, daß die Tinte spritzte. Peter war aufgesprungen. Breitbeinig stand er, den Körper hoch aufgerichtet, die Brust gewölbt von mächtigem Atemzuge:
»Laß Böller schießen! Der Zar hat einen Sieg errungen!«
III.
Ein schwüler Sommer brütete über Livland. Die weiten Felder standen in weißem, zitterndem Glast, und die Straßen der kleinen Städte dunsteten vor Hitze. Es war, als wolle die schwere Glut die neue Zeit garkochen, die für das alte deutsche Ordensgebiet heraufkam.
Im Sturm und mit Gewalt kam sie über das Land. Und der den Sturm antrieb und die Gewalt hetzte, war der moskowitische Zar.
Nur zwei Winter waren vorbeigegangen, seit die Russen bei Narwa die raschen und festen Schläge des schwedischen Karl zu spüren bekommen hatten. Wie Spreu war ihr übermächtiges Heer vor dem Siegbewußten in alle Winde verflogen. Doch der schnelle Triumph gedieh Schweden nicht zum Heile. Vom Kampfeseifer verblendet, hastete Karl von Schlacht zu Schlacht. Dänemark hatte er im Frieden zu Travendal gebändigt, den Moskowiter in Livland erledigt, nun ging es gegen den polnischen König. Verklungene Wasaträume wachten in seinem Blute auf. Begehrte er auch nicht die polnische Krone, so wollte er doch der Schirmherr dieses vielbegehrten und hoch mit Gold, Blut und Falschheiten aller Art bezahlten Kleinods sein. Ein Herrscher von seinen Gnaden sollte den polnischen Thron an Stelle Augusts von Sachsen einnehmen. Tiefer und tiefer verstrickte er sich in das Netz der polnischen Wirren. Er, der gewohnt war, gerade seines Wegs zu gehen, fand sich plötzlich inmitten des Hin und Wider der Parteiungen der polnischen Großen. Und über diesem Treiben wurde er der Gefahr nicht gewahr, die sich in seinem Rücken regte und reckte. Die Lehre von Narwa hatte sich Peter eingebrannt. Er war nicht der Mann, der eine üble Erfahrung vergaß. In aller Stille arbeitete er daran, die Scharte auszuwetzen. Während Karl sich die Hände immer fester mit Verpflichtungen gegenüber seinen polnischen Anhängern band, lernte Peter, die seinen von Tag zu Tag freier bewegen. Was seinen Russen gefehlt hatte, wurde ihnen beigebracht. Hessen und Schweizer, Westfalen und Sachsen bildeten ihm seine Soldaten. An den Grenzen Livlands sammelte sich Trupp bei Trupp. Ein neues Heer, ein anderes als vor Narwa lag, eines, das nicht nur Ergebenheit für den Zaren, das Zucht und Zug in sich hatte. Und es wuchs. An Schlagfertigkeit und Masse. Es schwoll an, gleich einem Strom vor einem Stauwehr. Unversehens brach es über die Dämme. Weithin jagte die Springflut. Und der dem Schwalle hätte gebieten können, war fern, handelte und stritt für eine fremde Krone und hatte des Griffes nicht acht, der seine eigene ihrer köstlichsten Juwelen beraubte.
Angstvoll lauschte das sich selbst überlassene Land auf den dumpfpochenden Tritt der heranmarschierenden Bataillone. Wohin der Russe trat, gingen Scheuern und Speicher in Flammen auf. Kein Haus war sicher, daß ihm nicht der rote Hahn aufs Dach gesetzt wurde. Wer laufen konnte, lief und suchte Schutz in den nächsten festen Städten. Zitternd und bangend hockten die Flüchtigen dort zwischen den Bürgern, scheuchten sie auf aus ihrem gelassenen Behagen und steckten sie an mit der Unruhe, die ihr aufgetriebenes Blut erfüllte. Niemand hatte mehr Lust zur Arbeit. Die Weiber liefen von der Backschüssel und den Waschtrögen vor die Türen, die Männer ließen Hammer und Hobel liegen und sammelten sich an den Straßenecken. Wozu werkeln und sich schinden, wenn am Ende vor Abend noch der Russe da war. Mochten die Kinder schreien. Staken sie erst auf den Spießen der Kosaken, würden sie schon stille werden. Die tollsten Gerüchte durchschwirrten die Luft und wurden hastig weitergegeben mit verzerrten, aufgelösten Mienen. Eine jähe Gier nach dem Gräßlichen befiel diese aus dem gewohnten Geleise geworfenen Menschen. Fiebrig, mit witternden Nasenflügeln sogen sie die grauenvollen Kunden ein, peitschten sich immer tiefer hinein in den Schrecken, um der lähmenden Ungewißheit ihres nächsten Schicksals zu entfliehen. Jede Stunde warteten sie, daß das Furchtbare sich erfülle und Greuel und Gemetzel die friedliche Arbeit langer Jahre verschlänge.
Die Stunden vergingen. Die Tage. Die Drohung verlor an Wucht über die Gemüter. Langsam lenkte das Leben in seine alten Bahnen. Vielleicht ging das Ungemach noch einmal vorüber oder wendete sich zum Nachbar hin, nach Karelien, nach Kurland. Mochte der Blitz in das fremde Haus schlagen, wenn nur das eigene verschont blieb. Die Männer schafften wieder in ihren Werkstätten, die Frauen am Herd und im Hause, aber sie waren nicht mehr dieselben wie vordem. Es gab Augenblicke, wo die Hände von dem gewohnten Geschäft fahrig abirrten, die Augen plötzlich wie bei einem aus tiefem Traum Erwachenden sich weiteten und starr eine unbekannte Welt zu enträtseln suchten. Die Menschen waren unsicher geworden an ihrem Dasein. Mit Grauen wendeten die Alten den Blick von der Zukunft. Aber die jungen Herzen jauchzten. Sie spürten: unter Blut und Tränen kam ein neuer Tag herauf, ihr Tag.
Um den großen Mund Katharina Skawronskas zuckte ein Lächeln: sie fürchtete sich vor dem Neuen nicht, mochte es immerhin in Gestalt der Russen erscheinen. Ihre schmalen Lippen verzogen sich spöttisch: es waren auch nur Männer! Tiefer drückte sie den von dichtem, rotem Haar umbauschten Kopf wider das dunkle Grün des Gaisblattes. Ah! Sie dehnte die Arme. Das enge Miederkleid spannte sich über den vollen Brüsten. Ihre grünlichen Augen bekamen einen hellen Glanz. Eine Erinnerung war ihr in den Sinn gefallen, von einem Abend, einem düstren, regenfeuchten Novemberabend, da Schnee und Sturm ums Haus tobten. Da stand er vor ihr, der Russe. In ihrem Blick blitzte es auf: nein, vor den Russen hatte sie keine Angst. Lässig rückte sie die Glieder, streckte und schob sich zurecht auf der Weidenbank. Der Mittag glutete. Langsam sanken ihr die Lider. Noch einmal hob sie sie:
»Halte gut Wache.«
Der dreizehnjährige Knabe, der in dem Eingang zur Laube an der Erde hockte, nickte ernsthaft. Die Gerte, die seine hageren, verzehrten Finger schwangen, klatschte aufgeregt gegen die Pfosten. Zischend stieß er zwischen den Zähnen hervor:
»Keiner darf dir was tun!«
Unbeweglich saß der kindliche Hüter. Verwandte das Auge nicht von der Schläferin, nur die Gerte in seiner Linken wippte leise.
Ein grünlich schillernder, großer Brummer summte in die Laube und zog seine Kreise. Mit flirrenden Flügeln verhielt er über dem prallen, festen Fuß, der rosig unter dem kurzen, derben Rock sich vorschob. Doch nur einen Augenblick. Eilig surrte er weiter, nistete eine kurze Weile auf dem weißen Busentuch, das unter dem sachten Wellen des Atmens sanft sich hob und senkte, und richtete dann seine Fahrt gegen das leuchtende Gekräusel über der weiß schimmernden Stirn. Dort verweilte er, tastete mit den haarigen Zangen seiner Füße über die klare, samtene Haut. Ein leichtes Zittern rüttelte die Schlafende, der Kopf kehrte sich zur Seite. Erschreckt flog der Brummer auf.
Mit großem, erstauntem Blick war der Knabe dem Schauspiel gefolgt. Jetzt schob er sich mühsam in die Höhe, tappte mit den ungelenken, ungleichen Gliedern auf Katharina zu. Die schmale, enge Brust keuchte mit kurzen, heftigen Stößen. Bebend stand er vor dem Ziel seiner Wanderung. Die Gerte, die er fest umklammert hielt, wippte stärker. Tanzend huschte ihre feine Spitze über Katharinens Wange. Erschauernd zuckte sie zusammen. Ein greller, kicksender Laut brach zwischen den lückigen, schwarzgefleckten Zähnen des kleinen Peinigers hervor. Seine schartige Oberlippe zog sich in jäher Freude weit zurück. Ein schüttelndes Beben rann durch den verwachsenen Körper. Der wehe, verkniffene Zug um seinen Mund war plötzlich aufgelöst in süchtiges Verlangen. Schmatzend sogen die Lippen aneinander. Sacht drängte er seine Hand gegen den atmenden Leib. Finger bei Finger kroch sie, ein kleines, braunes, lüsternes Ungetier, langsam höher, und wand sich durch Rüschen und Falbeln. Sie hatte eben den Rand des wogenden Ausschnittes erreicht und hob sich wollüstig zuckend, als das Knirren des Sandes auf dem Gartenwege sie erschreckt zusammenfahren ließ. Gleich einem Mehlsack plumpste der in seinem geheimen Spiel Gestörte zu Boden und kroch, so schnell es sein lahmes Bein zugab, zu seinem Wächtersitz zurück.
Im Eingang der Laube erschien ein schlanker, junger Mann, einer der Zöglinge des Propstes Glück, in dessen Hause Katharina nach dem Tode ihrer Mutter Aufnahme gefunden hatte.
Der Kleine maß den frischen, blonden Menschen feindselig:
»Katha schläft.«
Arnd Albedyll biß sich ärgerlich auf die Lippen. Er bemühte sich, zu tun, als habe er gar nicht gewußt, daß jemand und wer in der Laube sei.
»So, die Katja ist da herinnen?« Er streckte den Kopf vor, um ihren Anblick in dem grünen Dämmer zu erhaschen.
Schnippend fuhr ihm die Gerte ins Gesicht.
»Verfluchter Balg!« er suchte die Rute zu packen und an sich zu reißen, »sticht dich der Hafer?«