Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman

Part 13

Chapter 133,677 wordsPublic domain

»Der Prinz hat nichts mehr eingestanden.« Die schlaffen Hängebacken des Generalleutnants Jaguschinski zitterten.

Ein Fluch zerknirschte zwischen den Zähnen des Zaren. Vom Schreibtisch, vor dem er über dem Entwurf der Gründung der Akademie gesessen hatte, fuhr er herum, faßte den Meldenden scharf ins Auge.

»Hast du ihn gründlich befragt?« Ein böses Glimmen war in seinem Blick.

Der Pole nickte. Ihm war bänglich zumute.

»Sieh mich an, Pan Pawel. Ich traue dir nicht.« Wie Eisenklammern hielten die Hände des Zaren seine Schultern.

Die Kinnlade des Generalleutnants klappte haltlos herab:

»Der Prinz,« er bebte an allen Gliedern, »verging uns vor Schwäche. Ich fürchtete ...«

Ein Faustschlag traf ihn mitten ins Gesicht:

»Memme! – Ich hab' mir's gedacht. Milde. Güte. Nachsicht. Wenn du nur keinen Schrei hörst! Was kümmert's dich, ob ich die Wahrheit erfahre. Die Wahrheit!« Bohrend preßte Peter die geballten Fäuste gegen die Schläfen.

»Der Prinz beschwört, alles bekannt zu haben,« murmelte Jaguschinski und tupfte das rinnende Blut mit seinem Handschuh von der Stirn.

»Er lügt,« Peter stieß ihn beiseite, »ich werde ihn selbst befragen.« Damit stürzte er hinaus.

Mit schlotternden Knien hockte der Generalleutnant auf einem Sessel und rang fassungslos die weichlichen fetten Finger ineinander:

»Er mordet ihn, er mordet den eignen Sohn.« Und den Kopf in die Hände bergend, stöhnte er jammernd: »Er wird uns alle umbringen. Alle.«

Diese Befürchtung teilte der einstige Liebling des Zaren mit vielen. Seit Monaten lebte jedermann in Petersburg und Moskau in ständiger Todesangst. Mit Knute und Schwert wütete Peter gegen das, was er die Verschwörung des Zarewitsch nannte. Wie gelähmt ließen die Altrussen das grausige Strafgericht über sich ergehen. Keiner wagte zu fliehen. Und Peter griff wahllos in ihre Reihen. Glücklich der, der mit ein Dutzend Knutenhieben und Verbannung davon kam. Die unglückliche Eudoxia wurde öffentlich ausgepeitscht, der Major Glebof hingerichtet, ihr Bruder Abraham Lapuchin zum Tode verurteilt, Alexander Kikin wurde gerädert, die Fürstin Galizin entging der Knute nur durch die Fürbitte Katharinas. An diese selber wagte sich Peter nicht. Aber in seinem Innern wütete die Eifersucht. Er mißtraute ihr, er glaubte an ihr Mitleid für den Ärmsten nicht, er witterte Tieferes hinter ihrer Teilnahme, und jedes Mittel war ihm recht, seinem eigensinnigen Wahne Nahrung zu erspüren. Er wohnte den Verhören der der Verschwörung Angeschuldigten nur bei, um etwas in Erfahrung zu bringen, das sie belastete. Doch das Ergebnis war nichts. Nichts. Und dennoch fand er keine Ruhe. War sie nicht schlauer als die Schlausten, klüger als die Klügsten? Er biß sich die Lippen blutig, um nicht aufschreien zu müssen in Qual: wenn sie ihn dennoch betrogen hätte? Er mied sie, wich ihr aus, hielt sich sogar von seinen Töchtern und dem kleinen Peter Petrowitsch, der ständig kränkelte, fern. Dieses elende Häufchen Leben, das kaum stehen und jetzt im vierten Jahr nur mühselig lallen konnte, war ihm ein Vorwurf. Aber er kehrte ihn gegen Katharina. Er sog aus ihm Bestärkung seiner Zweifel an ihrer Treue.

Und nun die Aussage der Finnin Euphrosyne: der Zarewitsch habe seine ganze Hoffnung auf die gnädigste Frau gesetzt gehabt! – Hieß das nicht Verrat? Zwar die Briefe, in der sein Sohn Katharina anflehte, bei dem Vater für ihn zu bitten, hatte er gelesen. Doch konnte es nicht nur Vorspiegelung gewesen sein, bestimmt, seinen Verdacht abzulenken, seine Wachsamkeit einzuschläfern? War nicht am Ende Ärgeres geplant? Es quoll ihm bitter zum Munde: hatten sie nicht seinen Koch zu bestechen versucht, daß er ihm Gift in die Speisen tue. Sie. Wer war das? Der alte Velten behauptete, die Bojaren. Log er nicht, so konnte er belogen worden sein. Wohin Peter blickte, sah er Trug und Täuschung.

Er raste. Es genügte ihm nicht, daß der Zarewitsch allen seinen Rechten feierlich entsagt hatte. Schuld über Schuld häufte er auf ihn, belud das zaghafte Herz mit Verbrechen, die es in seinen zornigsten Träumen sich nicht erdichtet hatte, lastete seiner Ohnmacht die hochverräterischen Absichten seiner altrussischen Freunde auf, zerrte den Schwachen vor bestellte Richter und ließ seinen Mängeln das Urteil sprechen, als ob es Taten wären.

Tod!

Doch die Toten sind stumm und der erkaltete Mund kann nicht mehr Rechenschaft geben.

Und Peter verschmachtet nach Gewißheit. Er mußte sie haben, und wenn er sie erpressen sollte.

Was Jaguschinski und der Folter nicht gelungen war, würde er mit der Knute erzwingen. Unter dem Schlage, den sein Arm mit der neunschwänzigen Katze führte, waren die starrköpfigsten Verbrecher geständig geworden.

Während er auf die Pferde einhieb, daß sie stiegen und den leichten zweirädrigen Wagen auf dem holprigen Wege von Petersburg nach Schlüsselburg zum Springen brachten, zerrten sich seine Lippen zu einem verächtlichen ingrimmigen Lächeln auseinander. – –

In einer der Kasematten der Festung lag der Zarewitsch. Auf einer schmutzigen Matratze. Die von der Folterung überdehnten und verrenkten Glieder hingen kraftlos herab, als gehörten sie nicht zu dem hageren verzehrten Leibe, in dem das Herz nur noch mühsam und in heftigen Stößen zum Leben aufpochte. Der Kopf war zur Seite gedreht, über den eingefallenen Schläfen lagen die gekrümmten Adern gleich erwürgten Schlangen, und die tief in die Höhlen gesunkenen Augen starrten glasig ins Leere.

»Ist er nicht mehr zu retten?« Die Frau des holländischen Tischlers der Festung, die die Mahlzeiten für den Eingekerkerten zu bereiten und die sich des Gequälten angenommen hatte, mühte sich, ihn weicher zu betten.

Dr. Hofy, den Katharina sogleich geschickt hatte, nachdem sie von der Gattin des holländischen Gesandten, an die sich die Tischlersfrau gewendet, von dem Zustande des Zarewitsch erfahren hatte, verneinte kopfschüttelnd: »Es geht zu Ende. Gott sei Dank!« setzte er hinzu.

Mit diesen Worten trat er auch dem Zaren entgegen.

Peter hörte nicht auf ihn, und als der Arzt ihm den Weg vertreten wollte, nahm er ihn, hob ihn wie einen Federball auf und trug ihn hinaus. Die Tischlersfrau schlich schluchzend hinterdrein.

Der Zar war allein mit dem Sterbenden.

Lange stand er schweigend. Nicht ein Funken Mitleid regte sich in ihm. Rauh packte er den Haltlosen an.

Ein wimmerndes Stöhnen entrang sich dem Gepeinigten.

Dieses Jammern empörte den Zaren nur noch mehr. Unbekümmert um das Ächzen zerrte er ihn hoch:

»Ich will wissen ...«

Der müde Körper schwankte hin und her und drohte in sich zusammenzuknicken. Röchelnd hastete der Atem aus der zerquetschten Brust.

Peter beugte sich dicht über den jäh Verfallenden, seine Augen bohrten sich in die fast erloschenen des Hinscheidenden:

»Hast du Katharina Alexejewna geliebt?«

Der herrische Ton riß den sinkenden Vorhang der Zeitlichkeit noch einmal zurück. Ein Rütteln sammelte die verworfenen Glieder, ruckend rafften sich die schlaffen, reckte sich der geschlagene Leib. In dem halb erloschenen Blick entzündete sich blitzend Erkennen. Und Haß sprang hervor.

Weit öffnete sich der blutleere Mund. Wie zu einem langen gräßlichen Schrei:

»Ich habe ...«

Die Zähne schlossen sich über der Zunge, die im Augenblick des Todes ein vernichtetes Dasein mit einer Lüge hatte rächen wollen. Fest bissen sie sich ein. Mit einer letzten Anstrengung.

Nickend sank der Kopf vornüber.

Peter sprang auf.

»Wirst du sprechen? Kanaille, wirst du sprechen!« Er packte die Knute, die ihm am Gürtel hing und hieb blindlings darauf zu:

»Reden sollst du, reden!«

Klatschend fielen die Hiebe. Die Bleikugeln der Stränge zogen breite Striemen über Stirn und Wangen. Eine Weile standen diese blutig in dem bläulichen Weiß der Haut. Dann verging das schrille Rot in ein fahles Grau.

Alexei hatte ausgelitten.

»Aas!« Brüllend fuhr der Schrei wider die Mauern.

Äffend hallte er zurück.

* * * * *

Katharina hielt mit ihren Töchtern Tanzunterricht. Den kleinen Peter Petrowitsch zur Seite, der den ausschlagbesäten schmerzenden Kopf in der kühlen Seide ihrer weiten bauschenden Ärmel barg, sah sie den abgemessenen Schritten, dem Drehen und Neigen zu, in dem sich Anna und Elisabeth übten.

Die zierliche Gestalt des französischen Tanzmeisters wippte vor den Prinzessinnen auf und nieder, während der Bogen behende über die Geige strich und leise zirpend die zärtliche Melodie eines Menuetts herauslockte.

»Weicher, Hoheit, weicher die Bewegungen,« wurde die Prinzessin Anna ermahnt, Elisabeths kecke gelenke Art erhielt dagegen ein Bravo, Bravissimo nach dem andern.

Von Katharina kam ermunterndes Lob. Sie hatte ihre Freude an den Fortschritten der Mädchen. Zumal Elisabeth machte sich. Die lässigere Anna bedurfte einiger Anweisung.

Sie erhob sich, der Bequemen die Takte vorzutanzen.

Ein heller Geigenton sang durch den Raum, heiter rannen die Takte. Katharina glitt, schwebte, bog und neigte sich.

Jubelnd klatschte Elisabeth in die Hände: »Fein. – Still,« sie winkte dem fiedelnden Tanzmeister ab. Von den Vorzimmern her war ein unruhiges Laufen und Huschen an ihr Ohr gedrungen.

Und schon stürzte die Fürstin Galizin tränenüberströmt ins Zimmer:

»Gnädigste Frau! Der Zar ... der Zarewitsch. Er ist tot.«

»Ermordet? Barmherziger Gott!«

Die Prinzessin Anna hatte den unvorsichtigen Ausruf getan.

Die Fürstin verschloß ihr den Mund: »Wollen Hoheit sich und uns alle verderben?« Sie zog die Mädchen und den Prinzen mit sich fort.

Auch der Tanzmeister verschwand durch eine Seitentür. Es war nicht rätlich, dem Zorn des Zaren sich als Zielscheibe zu bieten.

Katharina blieb allein.

Durch die Gänge tönten die harten Tritte des Heimkehrenden.

Fest legte Katharina ihre Hand auf das Herz, das unruhig aufklopfen wollte. Es mußte still, ganz still seinen Gang gehen.

Gelassen langte sie nach ihrer Stickerei.

Ungestüm dröhnte Peter herein. Sein Atem keuchte. Die Augen waren blutunterlaufen. In den Mundwinkeln hing flockiger Schaum.

Hart blieb er vor Katharina stehen. Seine Zähne krachten unter dem wilden Biß, mit dem er sie zusammenpreßte.

»Weib!« Er schwang die Faust über sie.

Sie rührte sich nicht. Gleichmütig zog sie den Faden durch die Seide.

Diese sichere Ruhe schlug ihn. Ein Bäumen war in ihm. Es mußte sich lösen. Schmetternd prallten seine eisernen Knöchel in den großen venezianischen Spiegel hinter ihr. Klirrend barst er in tausend Splitter.

»Ist dein Haus dadurch schöner geworden, daß du eine seiner Kostbarkeiten zerstört hast?«

Diese anklagende Frage zerriß den Schleier der Wut. Unerbittlich deutlich zeigte sie ihm seine Schuld.

Ein Schauder schüttelte ihn. Vor dem klaren durchschauenden Blick Katharinas senkte er langsam die Lider.

XXII.

Karls XII. Ende in den Schanzen vor Frederikshall hatte die in Pyrmont angebahnten und in Lofö auf den Alandsinseln fortgeführten Friedensverhandlungen mit Schweden unterbrochen. Zum Vorteil Rußlands, das zwei Jahre später seine sämtlichen Forderungen bewilligt erhielt. Was es erobert hatte, blieb in seinem Besitz. Die Großmachtstellung Schwedens in der Ostsee war gebrochen. Das aufstrebende slawische Reich hatte die Erbschaft angetreten. Nach allen Seiten schwoll es über die Grenzen, drückte kraftvoll auf Polen, stand gegen die Türkei auf der Wacht, mühsam zurückgehalten von den am Pruth geschlossenen Verträgen. Was ihm von den Osmanen einstweilen zu nehmen verwehrt war, holte es sich von den Persern. Der Feldzug von 1722 kostete dem Schah zwei seiner reichsten westlichen Bezirke. Das Reich wuchs und wuchs. Doch noch immer war ihm kein Erbe bestimmt.

Ein Jahr nach dem elenden Hingange des ehemaligen Zarewitsch war der kleine Peter Petrowitsch verschieden. Der Zar hatte sich wie ein Verzweifelter gebärdet. Die letzten Tage war er nicht vom Krankenlager gewichen, obwohl jeder Augenblick ihm mit Bitterkeit getränkt war. Nagend krallte ihm der Gedanke im Hirn, daß dieser hohnvolle Streich des Schicksals die Strafe sei für seine Vergehen an seinem ersten Sohne. Gleich einer Sühne unterzog er sich den peinlichsten Verrichtungen an dem winzigen Krankenbette. Nichts ersparte er sich. Keiner durfte dem wimmernden Kinde die geringste Handreichung tun. Er bettete es, er kühlte den fiebernden Kopf, er reinigte die offenen eiternden Stellen des vom Fieber verzehrten abgemagerten Körpers, er säuberte die verschmutzten Kissen und Decken. Alles, alles in der heimlich genährten Hoffnung, mit solcher Aufopferung das klägliche Verflackern des kargen Lebenslichtes verhindern zu können.

Vergebene Mühe. Am 6. Mai 1719 erlosch die zitternde Flamme dieses Daseins, die nie hell gebrannt hatte.

Wortlos, versteinert saß Peter neben dem Lager, die verkrümmten erkaltenden Finger des Kindes in seiner einen Hand bergend.

»Er darf nicht sterben, Doktor, er darf nicht!«

Dr. Hofy neigte schwer den Kopf: »Es ist zu Ende, Majestät.« Und er setzte die nämlichen Worte hinzu, die er einst am Sterbelager Alexeis gesprochen hatte: »Gott sei Dank!«

Mit einer wilden Bewegung wollte der Zar auffahren. Der Arzt drückte ihn in den Sessel nieder.

»Es war ein im Mutterleibe vergiftetes Leben.«

»Von seiner Mutter?!« Das alte Mißtrauen sprang in Peter auf.

»Durch die Schuld des Vaters!« sagte Dr. Hofy ernst.

Stöhnend barg Peter das Gesicht in den Händen.

Er rührte sich nicht, als die Leichenwäscher kamen, rührte sich nicht, als die Träger den Sarg holten, ihn in der Peter-Pauls-Kathedrale aufzubahren. Stumpf, leer saß er neben dem leeren Lager.

Ostermann erschien mit Berichten. Aus London, aus Paris, aus dem Haag. Er bat, seinen Vortrag halten zu dürfen. Kein Wink, keine Bewegung verriet, daß Peter seine Anwesenheit überhaupt wahrgenommen hatte. Nach ihm wollte es Jaguschinski versuchen, den Zaren aus seiner Erstarrung zu reißen. Und danach Schafirof. Sie gelangten nicht mehr zu ihm. Peter hatte sich eingeschlossen. Über das Bett geworfen, den Kopf in die Kissen vergraben, lag er in dumpfem, lastendem Schmerz.

Der Tag verging und noch einer und noch einer. Von allen Türmen der Stadt läuten die Glocken. Unabsehbar der Zug, der dem kleinen Peter Petrowitsch das letzte Geleit gab. Nur einer fehlte: der Zar.

Und noch ein Tag verstrich. In den Vorzimmern harrten die Gesandten, in den Kanzleien häuften sich die Aktenstücke unerledigt. Niemand wagte eine Entscheidung ohne den alleinherrschenden Willen zu treffen, alle Staatsgeschäfte stockten. In der Stadt begann das Gerücht umzulaufen, der Zar habe in seiner Verzweiflung Hand an sich gelegt. Unruhe und Unsicherheit verbreitete sich in allen Kreisen. Die Lage war gefährlich.

Kurz entschlossen berief Katharina den Senat. Dann drang sie mit Gewalt in das abgesperrte Gemach. Durch erbrochene Türen.

Der gelle Ton des splitternden Holzes hatte Peter aufgeschreckt. Wie ein Gespenst schwankte er empor. Wirr umstarrte das kurze Haar das bleiche veränderte Gesicht. Ausdruckslos stierten die Augen auf die Eintretende.

Katharinas Herz krampfte sich vor Weh zusammen. Aber sie unterdrückte ihren Schmerz: hier half nicht Mitleid, hier tat Stärke not. Sie ließ den Blick nicht von ihm:

»Ich bin gekommen, dich an deine Pflicht zu erinnern.«

Er antwortete ihr nicht. Mit einer trostlosen Gebärde wies er auf das verwaiste Bett.

Sie trat an seine Seite, schlang den Arm um seine Schultern:

»Über den einen Sohn darfst du der vielen nicht vergessen, die deiner Sorge bedürfen. Das Reich wartet auf dich.« Sanft suchte sie ihn mit sich zu ziehen.

Er entwand sich ihr müde. Sie machte keinen Versuch, ihn zu halten: »Wenn dich in deinem Innern nichts zu deiner Aufgabe zwingt, ich vermag es nicht,« sagte sie scharf. »Aber notleiden soll sie nicht unter deiner eigensüchtigen Abkehr. Der Senat ist versammelt. Auf meinen Befehl.« Ihre Stimme wurde hallend: »Und er wird noch in dieser Stunde deinem Nachfolger den Treueid leisten.«

Ein Zucken lief durch die grauen verstumpften Züge Peters. Wie erwachend fragte er: »Wem?« Und in schmerzlicher Klage: »Soll ein Kind mein Werk vertun?«

Katharina richtete sich hoch auf vor ihm: »Ich stehe für dieses Kind.«

Er sah sie an, fragend, forschend. Und hatte sich wieder gefunden:

»Wahrlich, du sollst es, und niemand soll dir dieses Recht bestreiten dürfen.« – –

Vier Jahre waren seitdem vergangen. Zu dem Titel eines moskowitischen Zaren hatte Peter den eines Kaisers von Rußland gefügt. Und nun sollte die, die solange nur sein Leben geteilt hatte, auch seine Würde mit ihm teilen.

Bereits vor Wochen war der Hof von Petersburg nach Moskau übergesiedelt und hatte im Kreml Wohnung genommen. In den stickigen Dunst, der die langverschlossenen engen Gemächer, die düsteren Säle füllte, drang endlich einmal ein frischer Luftzug. Die schweren schwülen Schwaden, die gleich giftigem Brodem in den Räumen gehangen hatten, wurden hinausgeweht. Eine neue Welt begann sich zu entfalten. Schimmernde Seiden, prunkende Brokate spannten sich über die Wände. Alle Winkel erhellten sich, jede Düsternis schwand. Und durch die weit gewordenen Gänge raschelten die Schleppen und girrte verliebtes Lachen.

Und in der Krönungskathedrale ein Rausch von Gold und Rot. Rot rann es von den Wänden. Rot brannte die Bekleidung der Estraden des Adels und der Gesandten der fremden Mächte. Rot glühte der Teppich zwischen dem Gestühl des Zaren und seiner Gattin und der Türe zum Allerheiligsten. Und über dem Rot ein Funkeln und Flirren von Gold. Ein Strom von Gold. Sturzbäche von Gold. Goldene Baldachine an goldenen Schnüren, goldene Ampeln schwingend an goldenen Ketten, und die goldenen Pfeiler strahlend im goldenen Lichte der golden leuchtenden Kuppel.

Es war am Vorabend der Feier.

Fernab von dem fieberhaften Hasten zur letzten Vollendung des Schmuckes, in den Gemächern Katharinas.

Sie hatte die Ehrendamen frühzeitig entlassen.

Sie wollte allein sein.

Sie war allein.

In dem Ankleidezimmer, geradeüber von dem in einer Nische angebrachten mächtigen dreiteiligen Spiegel, der aus vielen kleinen Stücken künstlich zusammengefügt war, war das Prachtkleid des kommenden Tages aufgestellt. Und daneben auf rotsamtnem Kissen, wie sie es befohlen hatte, lag die edelsteinübersäte Krone.

Wie ein eigenes fremdes Wesen stand das Staatsgewand da. Die goldenen Flitter, mit denen es dicht an dicht besetzt war, ließen in den dunklen Spiegelwänden kurze Blitze aufzucken. Ein hartes Leuchten kam und ging, der Schein einer fernen, kühlen, selbstisch gepanzerten Hoheit.

Ein Licht brach in das Dunkel. Die Tür hatte sich geöffnet. Den Armleuchter in der erhobenen Rechten, trat Katharina näher. Sie hatte keinen Schlaf finden können. Mit ihren weichen geschmeidigen Bewegungen glitt sie von Wand zu Wand, entzündete die Kerzen. Helle durchströmte den Raum.

Stärker sprühte der prunkende Flimmer über der weißen Seide. Aber sein Schimmern war nicht mehr eng und abgezirkt, es verfloß mit dem weichen alles erfüllenden Glanze und sammelte sich wieder aus ihm zu reicherer erhöhter Schönheit.

Katharinas Busen bebte unter dem feinen Batist ihres Hemdes. Ihre Nasenflügel zitterten erregt. Sie neigte sich über das bauschende Gebilde, hockte neben ihm nieder und lehnte den Kopf in seine weiten Falten. Gold floß zu Gold. In warmem Rieseln. Und löste die Starrheit des festgebannten, durchglühte, durchflutete es mit seinem Leben. Knisternd schmiegte sich der steife Prunk an den üppigen, atmenden Leib.

Eine jauchzende Trunkenheit ergriff sie, eine überquellende zärtliche Trunkenheit.

Sie tastete mit leisem Lachen in das Gefunkel, zog es um sich her, warf sich hinein wie in eine rasche rauschende Flut. Die goldenen Sterne sprangen, schwangen leichte Bogen und senkten sich kreiselnd. Goldener Staub rührte ihren Nacken, spielte um die weißen vollen Glieder, küßte ihr Arme, Hand und Fuß im Tanz. Wirbelnd fiel er zu Boden, lag, verwirrt, verirrt, nutzloser Tand.

Ihre kindhafte Heiterkeit wandelte sich in Ernst.

Was da verloren im Unrat verkam, war die Löhnung dreier Grenadiere!

Sie schnellte auf ihre Füße.

Stand schweigend:

Wirken und schaffen!

Sie schüttelte die Haare, wand sie auf über den geschwinden Fingern, türmte sie hoch. Bog sich in die wogende Pracht, zog sie um sich zusammen, trug sie mit ihren breiten, geschwungenen Hüften, ihren festen Schultern.

Trug sie.

Stark und stolz.

Und langte nach der Krone. Langsam, bedacht, ohne Eile.

Nahm sie an sich und hob sie über sich auf. Hoch über sich hinauf.

Schwebend war sie über ihr.

Hing über ihr.

Ein Traum.

Und senkte sich. Zögernd. Wie Träume Wirklichkeit werden.

Und schwebte und hing.

Stirn und Augen hingewendet, dem Unwirklichen zu, beschworen ihre Blicke es dem Willen.

Er erfaßte, er hielt es, es hatte Gestalt.

Die Krone ruhte auf ihrem Haupte. Als sei sie ihr von Ewigkeiten her bestimmt gewesen.

Sie kehrte sich ihrem Spiegelbilde zu. Und sah.

Da war ein Mensch. Reif. In der Fülle der Jahre. Ein Mensch, emporgestiegen aus Enge, Armut und Niedrigkeit und nun gekleidet in den Prunk der Macht und gekrönt mit dem Glanze der Herrschaft.

Sie breitete die Arme weit und schloß sie. Über ihrem Herzen.

Fest, ganz fest.

XXIII.

Peter starb. Es war ein schweres Sterben. Ein Sterben im Stehen. Er lag nicht. Zu viel Kraft war noch in ihm. Sie wollte sich nicht legen. Wütend griff sie um sich, zerbrach den jungen Kammerherrn Moens de la Croix, weil Katharina seiner frühlingshaften Schwärmerei die Sonne ihres Lächelns gegönnt hatte, und hetzte sich in mißtrauischer Eile von einer Grenze des weitgewordenen Reiches zur andern. Von Petersburg nach Astrachan, von Asow nach Moskau, von Riga und Reval nach den Bädern von Olonetz. Und vom Morgen bis zum Abend und manche Nacht hindurch zwang sie den versagenden Körper, geschäftig zu sein. Botschaften, Empfänge, Besichtigungen. Der Ausbau Kronstadts, die Arbeiten am Ladogakanal, die Verlobung der Prinzessin Anna mit dem Herzog von Holstein, die Förderung der geplanten Verbindung Elisabeths mit dem Herzoge von Chartres und das ständige diplomatische Ränkespiel mit den europäischen Mächten hielten Peter in Atem. Nur auf kurze Stunden warfen ihn die bohrenden Schmerzen in seinem Innern nieder. Noch fiebernd, fuhr er empor, und das Hetzen und Jagen begann aufs neue.

Vor Lachta war ein Schiff gestrandet. Die Mannschaft bekam es nicht flott. Er gewahrte es. Sofort mußte seine Fregatte, in der er von Reval gekommen war, beidrehen. Er sandte Hilfe, half schließlich selber. Sechs Stunden lang stand er im eisigen Wasser. Das Schiff wurde frei. Er mußte an Bord getragen werden. Ohne Besinnung, geschüttelt von Frost- und Hitzeschauern, kam er in Petersburg an.

Noch einmal erhob er sich, wankte in sein Arbeitszimmer, den Weltreisenden Bering zu empfangen. Gier, die nicht genug an Ländern und Völkern einschlingen konnte, stürzte sich über die Karten, auf denen der Schwede ihm die Richtung seiner geplanten Fahrt ins Eismeer wies. Jede Unterstützung sagte er ihm zu. Jede. Die knochendürren fiebrigen Finger bogen sich über den leeren weißen Flecken, die auf den Plänen die unbekannten Gebiete anzeigten: das alles würde ihm gehören. Ihm, mit allen Schätzen! – Nimmersatt brannte der Wille aus dem verzehrten Gesicht.

Es war sein letztes Flammenzeichen.

Jäh sank die Glut zur Asche. Furcht und Bangnis deckten sie zu.

Beten mußte um ihn sein und Fürbitte. Priester kamen und gingen. Einmal ums andere nahm er das heilige Mahl, küßte die heiligen Bilder, empfing die Ölung und den Segen.

Angstvoll irrten seine Gedanken durch sein Dasein. Suchten den Wert, der es wog, und fanden ihn nicht. Weit, so weit sein Reich, groß, so groß seine Macht, und nichts, das ihn aus der Verzweiflung rettete, das ihm das Grauen vom Herzen wälzte.

Seine Blicke taumelten über die Menschen, die sein Lager umstanden. In jeder Miene las er die Abwendung, jeder Fuß schien schon gehoben, um fortzueilen: was kümmerte er sie noch? Lauernd spähten sie nach dem neuen Herrn aus.

Er stöhnte laut.

Ärzte neigten sich über ihn, eiliger murmelten die Lippen der Popen.

Von niemandem kam Trost. Nur Worte. Worte.

Er biß die Zähne zusammen.

Die Wasser der Verschuldung stiegen.