Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman
Part 12
Eine Woche danach wurde in allen Gemeinden Rußlands bekanntgegeben, daß es dem Zaren gefallen habe, das Recht der Erstgeburt aufzuheben, damit die Eltern jenes ihrer Kinder in ihren Besitz einzusetzen vermöchten, das nach seinen Fähigkeiten und Gaben am meisten geeignet sei, das Bestehende zu erhalten und zu mehren.
* * * * *
Der Zarewitsch erhielt die Kunde von diesem Ukas zugleich mit der Meldung vom Ableben seiner Gattin. Die eine wie die andere traf ihn kaum. Er war seit langem auf beides gefaßt gewesen. Er reichte das Manifest Euphrosyne:
»Mein Sohn hat es eilig,« meinte er gleichgültig, »kaum geboren, tritt er schon mein Erbe an.«
Die Finnin knirschte zornig mit den Zähnen: »Du solltest dir ein Beispiel daran nehmen.«
»Ich?« Er starrte sie verständnislos an: »Ich? Gegen meinen Vater?«
Sie packte ihn an den Schultern, rüttelte ihn rauh: »Begreifst du nicht? Er oder du! Er oder du!«
Seine Augen weiteten sich in namenlosem Grauen, sein Mund öffnete sich wie zu einer Erwiderung, doch die Kinnlade sank nur schlaff herab. Mit einem ächzenden Gurgeln warf er die Arme um Euphrosynens Leib und barg den Kopf in ihrem Schoße.
XIX.
Die Heilquellen des waldeckischen Bades Pyrmont waren seit langem berühmt, aber noch nie hatten sie einen so gewaltigen Zustrom aus aller Herren Länder gesehen, wie im Sommer des Jahres 1717. Kein Zweifel: Europa sehnte sich nach Gesundung. Die noch immer nicht beendeten nordischen Wirren fraßen an seinem Leibe, saugten an seinen Kräften gleich einem bösen Geschwür, hatten bereits ein Volk nach dem andern in Mitleidenschaft gezogen und drohten, sich ständig weiter zu verbreiten, wenn dem Übel nicht Einhalt geboten wurde. Das spürten alle, sogar die Kabinette der mancherlei Regierungen. Und ihre Vertreter ergriff ein unbändiger Drang nach Genesung. Wie auf Verabredung fanden sich allerlei mehr oder minder offizielle Persönlichkeiten in dem kleinen deutschen Orte zur Kur ein. Sie kamen einzig ihrer Erholung, der Wiederherstellung ihrer angegriffenen Gesundheit halber, wie man sie stets aufs neue einander laut versichern hörte, wenn sie sich in den grasumwachsenen, baumumstandenen Wegen, die sich rings um die Badehäuser zogen, begegneten. Es war ein Winken und Grüßen hinüber und herüber, und selbst politische Gegner konnten nicht umhin, hier auf diesem neutralen Boden, wo jeder seine menschlichen Gebrechen spazieren führte oder doch behauptete, es zu tun, einige steife Höflichkeiten zu wechseln. Schon diese gaben geschäftigen Gemütern, die zufällig zum Augenzeugen geworden waren, jedesmal einen gern benutzten Anlaß, ihre Kombinationsgabe zu üben und sich in Prophezeiungen über die künftige Gestaltung der europäischen Lage zu ergehen. Was tat es, daß ihre Orakelsprüche vielleicht schon eine Stunde darauf von einem noch Phantasievolleren mit einer neuen packenderen Fassung übertrumpft wurden? Jedermann war sich darin einig, daß er sich noch nie so gut unterhalten habe wie in dieser Kurzeit. Sogar der harmloseste Beobachter konnte sich der allgemeinen Bewegung nicht entziehen, wenn während der morgendlichen oder mittäglichen Promenade ein Unterrichteter oder eine Wissende seinen einzig auf genaue Erledigung der Kurvorschriften gerichteten Schritt hemmte und ihm mit leise deutenden Augenwinken die Berühmtheiten wies, unter denen er bis dahin ahnungslos einhergepilgert war. Da erfuhr er, daß der kleine, gebückt einherschreitende Herr in dem unsauberen grünen Überrock, der im Gehen die langen Arme wie Windmühlenflügel schlenkerte und dessen einer Mundwinkel ständig zuckte, der russische Vizekanzler Schafirof sei, der dank seiner Sprachkenntnisse und seiner Anstelligkeit vom Markthelfer zu diesem Posten aufgestiegen war. Und der Hagere, Dürre, der neben ihm ging und den Schritt seiner langen Beine nur mühsam mit dem kurzen Trippeln des andern vereine, sei der Kanzleirat Ostermann, die rechte Hand des Zaren beim Abschlusse politischer Verträge. Und dort – der Wißbegierige mußte sein Gehör schärfen, denn die berichtende Stimme senkte sich zu Flüsterlauten herab, sprach sie doch von einem jener Zwischenträger der Politik, die ohne eigentlichen Auftrag oftmals mächtiger sind als die aller Welt bekannten Minister – dort stand neben der Gattin des russischen Gesandten im Haag, der Fürstin Kurakin, der holsteinische Graf Bassewitz.
Schlank, jung und doch die Züge des schmalen feinen Gesichts bereits ein wenig müde, wie die eines Menschen, dem nichts fremd und der durch alle Schulen gegangen ist.
Eben schritt an der Gruppe ein älterer, etwas fetter Herr vorüber. Die raschen, hastig hin- und herhuschenden Augen verschwanden fast hinter den dicken Wülsten des aufgedunsenen Gesichts. Die mächtige dunkelfarbige Allongeperücke, unter deren hitzender Last der Kurzatmige ächzte, hatte sich ein wenig verschoben und ließ brandrotes Borstenhaar sehen.
Die Fürstin machte eine leise Bemerkung.
Der Graf drehte nachlässig den Kopf. Doch kaum hatte er den langsam sich Weiterschiebenden erblickt, so fuhr die Rechte nach dem gestielten Einglas, das zwischen den Falten des Jabots im Ausschnitt der Weste steckte und hob es, wie um den gehabten Eindruck nachzuprüfen, an das Auge:
»Er ist es.«
Ein belustigtes Lächeln zuckte um den vollen Mund der Fürstin: »Wollen wir wetten, Graf, daß, sobald Sie außer Sicht sind, der fromme Herzog sich an mich heranpirscht, um mir den gleichen Wunsch vorzutragen, den Sie mir so dringend ans Herz legen?«
Bassewitz krauste ärgerlich die Stirn: »Und werden Sie ihm erfüllen, was Sie mir abschlagen.«
Die Hand der Fürstin schob sich leicht auf den Arm des Grafen: »Sie übertreiben, Bester. Ich habe Ihnen nichts abgeschlagen ...«
»Aber Sie haben mir auch nichts zugesagt. –«
Sie hob die Schultern: »Weil ich es nicht kann, Eigensinniger.«
Er warf ihr einen schmachtenden Blick zu: »Meiner erlauchten Gönnerin ist bei dem Zaren nichts unmöglich.«
»Unartiger,« sie stampfte mit dem Fuße, konnte sich jedoch nicht enthalten über die kindlich bittende Miene, die er aufgesetzt hatte, zu lächeln.
Ihre gute Laune benützte er, sich über ihre Hand zu beugen und sie ehrfurchtsvoll und doch mit einem feinen bestimmten Druck seiner weichen Lippen zu küssen: »Haben Sie Dank, Freundin, daß Sie für mich sprechen werden.«
Sie schauerte leicht unter der Berührung zusammen: »Was tut man nicht für seine Freunde.«
»Und den Herzog von Ormond werden Sie hinhalten, bis ich Vortrag bei Sr. Majestät hatte?«
Sie nickte: »Er ist es gewöhnt, überall zu spät zu kommen.«
Der Graf empfahl sich. Gemächlich schlenderte er durch die Anlagen. Wo diese dichter wurden und in den Wald übergingen, saßen auf einer ziemlich im Gebüsch versteckten Bank zwei Herren im eifrigen Gespräch. Sowie sie des Grafen ansichtig wurden, erhoben sie sich und gingen ihm entgegen.
Er begrüßte sie flüchtig: »Alles steht gut. Da der Fuchs nicht aus seinem Bau zu bringen ist, werde ich hineindringen.«
Der ältere der Herren, mit dem strengen Beamtengesicht, hob erschreckt abwehrend die Hand: »Dieses Ungetüm ...«
»Beruhigen Sie sich, Herr Geheimrat,« fiel Bassewitz dem Abgesandten des Landgrafen von Hessen-Kassel in die Rede: »Ich bin ein vorsichtiger Jäger.« Und sich an den andern, den schwedischen General Ranck, der jedoch seit einer Reihe von Jahren ebenfalls in hessischen Diensten stand, wendend, meinte er: »Aber zuweilen muß das Wild im Ansprung gestellt werden.«
Der General neigte die breite Stirn zustimmend: »Um so mehr, wenn es gilt, des von allen Seiten Angegangenen zuerst habhaft zu werden.«
»Bah, der Schleicher Ormond ist vorerst hors de concours gesetzt,« warf Bassewitz verächtlich hin.
Ranck zog die Brauen hoch: »Sie vergessen, daß er in dem Leibarzt des Zaren einen stillen aber unablässig wirkenden Freund für sich hat.«
»Der Dr. Areskin steht zurzeit bei der moskowitischen Majestät eben nicht in Gunst,« bemerkte Bassewitz gleichmütig. »Er hat den Ungeduldigen nicht im Handumdrehen von seinen Beschwerden befreien können, das wird er ihm lange nachtragen.«
Doch Ranck blieb bedenklich: »Es ist nicht der Herzog allein. Gestern abend ist der Graf von Metsch von Wien her eingetroffen, und heute in aller Frühe sah ich die Kutsche des Grafen de la Marck vor dem ›Englischen Hof‹ halten.«
»Verdammt! Dann ist es Zeit. Die Herren dürfen mir nicht den Weg ablaufen.« Er schwenkte den Dreispitz: »Auf Morgen! Ich hoffe, wir werden ein frisch-frohes Hallali blasen lassen können.«
Wieder wehrte der Geheimrat ängstlich: »Jubeln wir nicht zu früh.«
Der General klopfte dem Ängstlichen beruhigend auf die Schulter: »Seien Sie ohne Sorge,« und indem er dem federnden Ganges davon Schreitenden bewundernd nachsah: »Er ist einer der gewiegtesten Fallensteller Europas.« –
So war es. Der Graf hatte das diplomatische Fallenstellen nicht umsonst bei seinem Herrn und Meister, dem Baron Görtz, der jetzt die rechte Hand Karls XII. und in diplomatischer Hinsicht der wahre Lenker der schwedischen Politik war, erlernt. Wie diesem, schwebte auch ihm ein gänzlich umgestaltetes Europa war. Für sich begehrte er dabei nicht viel, nur eben die Grafschaft Rantzau im Holsteinischen. Das heißt, das war so für den Anfang der Unterhandlungen gesagt, ohne damit späteren Möglichkeiten vorzugreifen. Er war nicht der Mann, sich die Grenzen seiner Zukunft zu enge zu stecken, wenn er die Macht hatte, seine Pläne ins Werk zu setzen. Nur bei einem, der ihm diese Macht geben konnte, durfte er auf Verständnis für seine weitschichtigen Entwürfe hoffen: bei dem Zaren. Ihn, der schon fast als Schiedsrichter Europas sich fühlte, den für sich zu gewinnen die Bevollmächtigten der Höfe und Kabinette wetteiferten, mußte es locken, durch ein paar geschickte Schachzüge sich zum Meister der Welt aufzuschwingen. – Des Grafen Schritt war schneller und schneller geworden, jetzt blieb er stehen. Ein unendlich selbstbewußtes hochmütiges Lächeln hob die weichen Lippen, während das leichte spanische Rohrstöckchen zwischen den spielenden Fingern seiner Rechten einen langsamen kreisenden Tanz ausführte.
Zunächst freilich mußte Graf Bassewitz eine kleine Enttäuschung überwinden. Als er erfuhr, daß ihm die Fürsprache der Fürstin nicht sogleich den Weg zum Zaren, sondern zunächst nur den in den Salon Katharinas geöffnet hatte.
Bei diesem Bescheide ließ er absichtlich mit einer schmollenden Drehung des Kopfes die Unterlippe hängen. Er wußte sehr genau, wie gut ihn diese Kleinjungensart kleidete und wie sehr sie der Fürstin schmeichelte, die sich ihren Günstlingen gegenüber in der Rolle der Herrin gefiel.
Seine Berechnung erwies sich als richtig. Ein tändelnder Schlag gegen seine Wange machte den daraufliegenden Puder stäuben: »Undankbarer! Können Sie mehr verlangen, als zum Herzen des Zaren sprechen zu dürfen?«
Er warf ihr einen feurigen Blick zu: »Ist der Zar ein Monstrum, daß er zwei Herzen besitzt?«
»Er ist eines.« Die Fürstin seufzte unterdrückt: »Ach, Freund,« sie zog die schmalen Schultern des Grafen an sich und lehnte ihre Stirn an die seine: »Wir sind ihm Zeitvertreiber, sie ist ihm sein täglich Brot.«
Bassewitz rümpfte die Nase: »Wie langweilig, alle Tage das gleiche zu essen.« –
Dieses Vorurteil konnte keinen Bestand haben.
Zwar noch auf der Schwelle des Empfangszimmers, bei der Meldung des Dieners, daß die gnädigste Frau zwar dem Unterrichte ihrer Töchter beiwohne, den Herrn Grafen aber gleichwohl zu empfangen wünsche, verzogen sich Bassewitz Mundwinkel spöttisch: welche Pose! dachte er und trat ein.
Um einen großen runden Tisch saßen die Prinzessinnen Anna und Elisabeth mit ihrer Erzieherin, einer Revaler Bürgerstochter. Unweit davon, so daß sie die Gruppe im Auge hatte, in einem Erker vor ihrem Stickrahmen, Katharina. Die Nachmittagssonne, die hell vor den Fenstern spielte, warf ihren Schein auf die Arbeitende. Diese hatte den Kopf geneigt. Einer der bunten Seidenfäden hatte sich verfangen und es galt, ihn zu lösen, damit er nicht die glatte Zeichnung verwirrte. Über die gebeugte Stirn liefen die flirrenden Lichter und lockten das Gold ihres Haares zum Glühen. Es war, als brächen Flammen aus dem Haupte und schössen über ihm zu funkelnder Krone zusammen.
Wie gebannt stand Bassewitz. Jeder Spott war aus seinen Zügen gewichen und hatte einem bei ihm seltenen Ausdruck der Befangenheit Platz gemacht.
Katharina hatte sich erhoben und einige Schritte dem Gaste entgegengetan. In ruhigem, wägendem Prüfen umfaßte ihr Blick ihn.
Den Grafen überkam die Empfindung, als tue sich ein kühler grüner See vor ihm auf. Und er versank in seiner Tiefe. Rettungslos.
Verwirrung überkam ihn. Seine Verneigung fiel ehrerbietig aus, ehrerbietiger, als er sich der livländischen Bäuerin gegenüber vorgenommen hatte, und er stammelte verwirrt:
»Majestät!«
Mit einer leichten Gebärde wehrte Katharina der ihr nicht zustehenden Anrede: »Ich bin nur die Gattin eines einfachen Admirals.«
Der Holsteiner riß sich zusammen:
»Verzeihung, gnädigste Frau, ich kam aus dem Dunkel, da blendete mich die Sonne.«
»Wagen Sie es getrost, hineinzuschauen,« Katharina wies auf einen Sessel sich gegenüber im Erker, »im hellsten Lichte sehen wir am klarsten.«
Der sonst so Beredte fand keine Erwiderung. Nur seine Augen sprachen.
Eine kleine Weile genoß Katharina diese unverhohlene Bewunderung mit Vergnügen. Doch da die Mädchen, besonders Elisabeth, anfingen, unaufmerksam zu werden, und die Frühreife der Mutter bezeichnende Blicke zuwarf, brach sie den Bann, in den der gewiegte Fallensteller geraten war, durch rasche Fragen nach den Reisen und Studien des Gastes.
Noch völlig im Anschauen gefangen, dauerte es eine Weile, ehe Bassewitz, mühsam nach Antworten tastend, sich wieder zu sich zurechtgefunden hatte. Dann aber sprach er leicht, tändelnd und doch mit einer geschickten Betonung seiner Vortrefflichkeit. Er erzählte von dem jungen Herzog von Holstein, dem Neffen Karls von Schweden, dessen Erziehung er geleitet hatte.
Angeregt hörte Katharina zu. Ihr Blick streifte die Prinzessin Anna:
»Der Herzog soll sehr anschmiegsamen Wesens sein?«
Diese Frage gab Bassewitz' Plänen eine neue Gestalt. Da war eine Lösung der nordischen Krise gegeben, an die bisher niemand gedacht hatte. Ah, der Geheimrat und der General würden staunen, wenn er ihnen diesen Prospekt vor Augen rückte. Und erst Görtz. Am Ende gelang es ihm sogar, diesen damit auszustechen. Schweden und Rußland vereint, konnten Europa Gesetze diktieren. – Er neigte die schmalen Schultern:
»Gnädigste Frau belieben ein mildes Urteil. Der Herzog bedarf einer festen Hand.«
Ein feines Wölben der Lippen dankte dem Grafen für sein Verständnis. Endlich hatte sie einen Bundesgenossen gefunden, der bereit war, ihr in ihrem Bemühen zu helfen, dem zerrissenen Europa den Frieden wiederzugeben.
»Vereinigen ist besser als vernichten,« sagte sie bestimmt und begann, dem Grafen darzulegen, welche Schritte sie zunächst für erforderlich erachtete.
XX.
Durch Katharina war der Zar Unterhandlungen mit Schweden geneigt geworden. Der General Ranck war nach Holland zum Baron Görtz gereist, und Herr von Ketteler hatte dem Landgrafen von Hessen-Kassel die erfreuliche Nachricht überbracht. Von der Rolle, die dem jungen Herzoge von Holstein zugedacht war, hatte freilich weder der eine noch der andere Unterhändler eine Ahnung.
Eine Überraschung Karls XII., die leicht in Widerspruch sich äußerte, mußte vermieden werden. Und der Landgraf durfte vollends über die geplante Verbindung vorzeitig nichts erfahren, da er in seinem Sohne, dem Gatten der Schwester Karls, den künftigen Träger der schwedischen Krone sah. Ja, nicht einmal Peter wußte von den Fühlern, die Katharina nach dem Holstein-Gottorpischen Hofe hatte ausstrecken lassen. Erst das Auftauchen des Herzogs in den Kurwegen Pyrmonts machte ihn stutzig.
»Was will er hier?« Er fragte es barsch, als er Katharina von dem Eintreffen des Holsteiners berichtete: »Alle Welt drängt sich an mich. Kaum bin ich die Hessen mit ihren Anträgen los, setzt mir der dicke Ormond zu, daß ich seinem Stuart wieder auf den englischen Thron helfe. Herr von Metsch liegt mir in den Ohren, meine Truppen aus Mecklenburg zu ziehen, aber sein Kaiser läßt nicht versprechen, daß er, wie es seine Pflicht wäre, die rappelköpfischen Stände zum Gehorsam bringen wird; seinetwegen können sie Karl Leopold weiterhin auf dem Trocknen sitzen lassen. Der Graf de la Marck möchte ein Bündnis, von dem ich die Ehre und Frankreich allein den Nutzen hätte. Ich bin neugierig, wer mir den holsteinischen Gecken auf den Hals geschickt hat und mit welchem Anliegen er mich behelligen wird?«
Peter war verbittert. An seinen Kräften zehrte das Übel, das ihm jener Nachtisch beim Feste in der Admiralität eingetragen hatte und das auch den Wassern von Pyrmont nicht weichen wollte. Und an seinem Herzen nagte verbissener Zorn. So oft er seines Sohnes gedachte, und Schafirof und Ostermann sorgten dafür, daß es recht häufig geschah, befiel ihn eine würgende Scham: wenn dieser einmal, nur einmal erwiesen hätte, daß er seines Blutes war. Hageldicht waren seit dem Erlaß, der das Recht der Erstgeburt aufhob, die Schläge auf den unfähigen Thronerben herabgesaust. Drohung war auf Drohung gefolgt. Vor jeder war Alexei zurückgewichen, hatte sich bereit erklärt, seinem Erbe zu entsagen, sich in ein Kloster zurückzuziehen. Beim Empfange dieser Nachricht hatte Peter mit den Fäusten auf den Tisch gehämmert:
»Und das ist mein Sohn. Mein Sohn?«
In dem glatten Gesicht Ostermanns verzog sich keine Miene:
»Der Prinz unterwirft sich bedingungslos den Anordnungen Ew. Majestät.«
Der Kopf des Zaren schlug auf die harte Eichenplatte. Wie betäubt lag er.
Schweigend wartete der Kanzleirat. Er war zufrieden mit dem Erfolg seiner Meldung. Der Zarewitsch machte es seinen Gegnern leicht, ihn, von dessen Anhang sie für sich fürchten mußten, auszuschalten.
Der Zar regte kein Glied. Röchelnd stieß sein Atem aus gepreßter Kehle. Ihm war, als halte eine übermächtige Hand seinen Hals umklammert und würge, würge. Und ein Gesicht war über ihm, grausam höhnend: das Schicksal! Fester und fester schloß sich der zwängende Griff.
Ein schriller Schrei. Polternd flog der Stuhl zu Boden. Wild um sich schlagend, mit blutunterlaufenen Augen stand der Zar.
Das Gespinst war zerrissen.
Ostermann war einige Schritte zurückgewichen. Es war die einzige Bewegung, die seine innere Angst vor diesen Zufällen seines Herrn verriet.
Die Lippe des Zaren zerrte sich auf, seine starken Zähne wurden frei: »Brauchst nicht davonzulaufen. Die Botschaft wird dir den Kopf nicht kosten. Ich sollte einen andern damit zahlen lassen. Er hätt's verdient. Kannst ihm das zu wissen tun. Und er soll mir das Kloster nennen, in das er sich begeben will.« Er lachte grell auf: »Ich werde es ihm einrichten lassen, daß seine Freunde, die ihn mir wider die Nase setzen möchten, sich ihre eigensinnigen Schädel daran blutig rennen, wenn sie versuchen sollten, ihn herauszuholen.«
Ostermann hatte sich stumm verneigt. Und er und Schafirof hatten die Aufforderung derart abgefaßt, daß dem Zarewitsch klar werden mußte, es ginge um sein Leben. Hoffentlich trieben seine altrussischen Berater ihn zu offenem Widerstande. Dann bot sich endlich die ersehnte Gelegenheit, diese gefährlichen Fremdenfeinde gründlich unschädlich zu machen.
Das war vor Wochen, bald vor Monaten gewesen. Der Zarewitsch hatte nicht geantwortet. Der Kanzleirat war beunruhigt: was ging in Rußland vor, während sein Herrscher am Pyrmonter Brunnen sich als Lenker der Geschicke Europas fühlte?
Anfangs suchte er seine Besorgnis zu verhehlen. Bald aber erschien es ihm nützlicher, und der Kanzler teilte seine Meinung, sie dem Zaren nahezubringen. Scheit bei Scheit nährten sie dessen Erbitterung gegen den Sohn. Nie ließ Peter ein Wort fallen, aus dem sie sich etwas hätten deuten können, aber die brennende Röte, die die bloße Nennung des verhaßten Namens in sein Gesicht jagte und das jähe, tiefe Erblassen, das ihr folgte, sagten den eifrigen Schürern genug.
Und keiner war um Peter, der sich bemüht hätte, die heimlich fressende Glut zu dämpfen. Allen in seiner Umgebung dünkte es vorteilhafter, den Zwiespalt zwischen ihm und seinem Sohn zu erweitern. Einzig Katharina wagte zuweilen eine Entschuldigung für den Unglücklichen. In der letzten Zeit freilich hatte auch sie sich zum Schweigen bestimmen müssen, wollte sie bei Peter nicht die dicht gesammelte Wut zu zerstörender Entladung bringen. Die Ankunft des Herzogs von Holstein kam ihr daher sehr gelegen. Das bedeutete Ablenkung. Doch galt es, den Zaren mit Behutsamkeit für ihr Vorhaben zu gewinnen.
Sorgsam verfestigte sie den Faden, der gerade zu Ende war, an der Rückseite ihrer Stickerei, ehe sie ihm auf seine unmutige Frage antwortete:
»Es muß nicht jeder, der an dich herantritt, geschickt sein. Und mancher, der wie ein Bittender kommt, könnte sich als ein Gebender erweisen.«
»Der holsteinische Herzog!« Er zuckte abtuend die Schultern.
»Der Erbe seines Oheims.«
»Meinst du, daß er mir Schweden auf der flachen Hand entgegenträgt?«
»Nun, dir gerade nicht,« gab sie langsam, jedes Wort wägend, zurück, »aber der Erwählten seines Herzens.«
Er sprang auf, stellte sich breitbeinig vor sie hin:
»Daß ihr Weiber das Kuppeln nicht lassen könnt.«
Sie hob ruhig den Blick zu ihm auf: »Ihr Männer solltet uns dankbar dafür sein. Wenn wir's nicht täten, hätte eure zuschlagende Eigensucht die Erde bald in einen Trümmerhaufen verwandelt.«
Ihre Mahnung hatte seine wunde Stelle getroffen. Seine folgende Erkundigung klang daher bissig:
»Und wem hat deine mütterliche Weisheit ihm zur Erwählten erwählt?«
»Anuschka!«
»So, so. Hast du auch für Lisenka einen Freier in Bereitschaft?«
Sein Spott brachte sie nicht auf.
»Der Herzog von Chartres läßt in Polen für seine Kandidatur Stimmung machen. Ich würde ihn als Schwiegersohn willkommen heißen.«
Sie durfte sich an seinem Erstaunen weiden.
»Wahrhaftig,« sagte er, nachdem er die Überraschung verwunden hatte, in aufrichtiger Bewunderung, »du bist klüger als mein Kanzler.«
Eine leichte Bewegung Katharinas wehrte dem Lobe:
»Ich bin eine Mutter, die an ihre Kinder denkt.«
Die feine, den Sinn vertiefende Betonung, die sie ihren Worten gab, entging Peter nicht. Er nickte: »Allmütterchen!« Scherzend neigte er sich zu ihr, da gewahrte er, wie sie erblaßte, ihre Züge sich spannten, er fuhr herum und sah eben noch die kleine zierliche Gestalt der Fürstin Galizin in der Tür, die sich unhörbar hinter ihm geöffnet hatte, verschwinden.
Sofort war seine Eifersucht rege:
»Was hat sie?« forschte er heftig.
Katharina hatte sich erhoben, ihre Brauen waren ärgerlich zusammengezogen: »Sie ist eine ungeschickte Närrin!« Hastig wollte sie an ihm vorüber.
Er hielt sie auf, legte seinen Arm auf den ihren: »Ich begleite dich.«
Ein Zittern rann über sie hin. Sie mühte sich einen heiteren Ton ab: »Frauenangelegenheiten, die dich nur langweilen.« Sie suchte an ihm vorbei zur Türe zu kommen.
Ehe es ihr gelang, ging diese auf und der Kanzler trat über die Schwelle.
Katharina stockte der Fuß, sie wurde bleich bis in die Lippen: es gab nichts mehr zu verheimlichen. Das Unheil, das sie ihrem Gatten hatte verbergen wollen, war ruchbar geworden. Die unverhohlene Schadenfreude in dem verknitterten Gesicht Schafirofs sagte es ihr deutlich.
Und schon keifte die hämische Stimme:
»Der Zarewitsch ist ins Ausland geflohen.«
Peter brüllte auf.
»Der Hund!«
Wütend kehrte er sich gegen Katharina.
»Und du? Du hast darum gewußt?«
Ein gräßliches Zucken zog seine Züge zusammen. Wie gefällt stürzte er zu Boden.
Während Katharina sich um ihn bemühte, näherte sich Schafirof ihrem Ohre:
»Ich hoffe mir den Dank der gnädigsten Frau verdient zu haben?«
Er erhielt keine Antwort. Nur Katharinas Hand hob sich zu einer verächtlich scheuchenden Bewegung, als wehrte sie ein lästiges Insekt ab.
Eine Weile noch verharrte der Kanzler lauernd, dann duckte er den kleinen schiefen Kopf zwischen die hohen Schultern und schob schlurfend hinaus.
XXI.