Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman
Part 11
Innerlich teilte die Kurfürstin ihre Befürchtungen: sie hatte manche schlimme Erfahrungen mit den durch Geist und Laune eines fürstlichen Verliebten Emporgekommenen gemacht. Laut aber trug sie zusammen, was zu Katharinas Gunsten zeugte: die Retterin vom Pruth galt viel beim Zaren. Es wäre ihr ein leichtes gewesen, den Zwiespalt zwischen ihm und seinem Sohne zu erweitern. Sie aber hatte ihren ganzen Einfluß aufgewendet, ein erträgliches Nebeneinander anzubahnen. Die Erlaubnis zur Reise nach Deutschland verdankte der Prinz ihrer Befürwortung, sie war dem Plane seiner Verbindung mit Charlotte von Anfang an geneigt gewesen. Der Prinz hielt viel von ihr.
»Wenn er von ihr spricht, wird der Schweigsame ordentlich lebendig.«
»Hast du es auch bemerkt?« Die Züge Charlottens waren gespannt.
»Ja.« Eine ziemliche Verwirrung hatte sich der Kurfürstin bemächtigt: war denn jedes ihrer Worte bestimmt, die Ärmste zu verwunden? Sie suchte nach einer harmlosen Erklärung für des Prinzen Verhalten, das ihr Charlottens Frage in ein neues auffallendes Licht gerückt hatte: »Ich glaube,« sagte sie unsicher, »er bewundert ...«
Die hellen Augen der Prinzessin weiteten sich geängstigt: »Bewunderung ...«
Sie verstummte.
Der Huissier vor der Tür hatte seinen Stab aufgestoßen. Die Flügel sprangen auf. Der Zarewitsch erschien mit den Herren seines Gefolges, die Braut einzuholen.
Charlotte war aufgesprungen. Sie stand schwankend. Ein jäh ausbrechendes Schluchzen warf sie an des Prinzen Brust:
»Du darfst mich nicht verlassen!«
Alexei war fassungslos. Bleich, bebend, mit schlaff herabhängenden Armen blickte er verstört auf die Weinende: was war das? Was wollte sie? Schutz bei ihm? Sie sollte ihm Schutz sein. Vor dem Vater. – Er senkte die Stirn und nagte gepeinigt an der Unterlippe.
Der Kurfürstin gab es einen Stich ins Herz: welch übler Anfang.
Der Prinz schwieg und schwieg. Die Stille wurde beklemmend.
Da raffte sich die Kurfürstin auf und mahnte: »Haltung, Kind!«
Charlotte stützte sich schwer auf ihren Arm: »Verzeih,« ihr hilfeheischender Blick suchte in dem Gesicht ihres Verlobten nach einem letzten Trost, »daß ich dich erschreckt habe.«
Er zuckte zusammen: »Du mußt Geduld mit mir haben,« murmelte er tonlos, »ich bin es nicht gewöhnt, einem andern Stütze zu sein. Aber ich werde es lernen,« er atmete tief, »ich muß es lernen. Denn sonst,« er stockte und sagte es dann doch, »bin ich verloren.«
* * * * *
Afranisja hatte schlechte Tage. Ihre neue Herrin, der der alte Fürst Wolchonski zum Lohn für ihre kleinen freundschaftlichen Opfer die zu vielem geschickte und zu allem bereite Dienerin abgetreten hatte, war unzufrieden. Nicht mit der Finnin, sondern mit dem Lauf der Dinge im allgemeinen und im besonderen.
Es war der Gräfin Barbara nicht zu verdenken. Noch immer nicht hatte sie mit ihrem schlau ausgelegten Netz den entscheidenden Zug tun können. Ja, schlimmer als das, der Fisch, auf den sie es hauptsächlich abgesehen hatte, drohte, ihr durch die Maschen zu entschlüpfen.
»Sie und wieder sie,« zischte sie ingrimmig. »Wüßte ich nicht, daß sie von meinen Plänen keine Ahnung hat, ich müßte vermuten, alles sei ihr offenbar. So überlegen begegnet sie mir. Ah,« sie preßte die Faust wider die Zähne, »wenn ich sie unter die Füße bekomme.«
»Du würdest nicht über sie triumphieren, Herrin. Sie ist Livländerin. Die sind zäh.«
»Boshaftes Ding!« Afranisja erhielt einen leichten Schlag, der jedoch mehr einer Liebkosung als einer Strafe glich. »Was willst du damit sagen?«
Die Finnin duckte sich. Ihre dunklen Augen schillerten die Gräfin an: »Es gibt nur eine Rasse, die es mit ihnen aufnimmt: Die Finnen!«
»Sieh an, da hinaus willst du! Gib dir keine Mühe, das livländische Herz schlägst du nicht aus dem Felde.«
Afranisja wiegte zweifelnd die Schultern.
»Nicht einmal die bleichsüchtige Deutsche, solange sie ihre Hand über sie hält,« setzte die Gräfin ärgerlich hinzu.
Neugierig beugte sich die Dienerin ihr näher: »Ach ja, wie war's bei dem Empfang, Herrin, du hast noch gar nichts erzählt.«
Ein hartes Lachen antwortete dieser Frage: »Wie es war? O, die liebe Familie schwimmt in Glück und Seligkeit. Diese Frau führt sie alle an der Nase herum. Sie macht aus dem Peter wahrhaftig einen Peter. Er ist Wachs in ihrer Hand. Die blonde Zimperliese heult sich an ihrem Busen aus, und der Jämmerling von Zarewitsch verschlingt sie anbetend mit den Blicken. Er, der sonst die Augen nicht aufzuschlagen wagt. Und warum? Weil es der gnädigsten Frau Stiefmutter beliebte, eine ehrliche Aufwallung seines Vaters in eine Rührszene umzuwandeln. O, dieses Weib!«
Die Gräfin war aufgesprungen und ging mit ihren stampfenden Männerschritten im Zimmer auf und ab. Ihre Nasenflügel bebten.
»Ja, sie versteht es, die Allerweltsmutter zu spielen,« schürte die Finnin die gehässige Erbitterung. »Wo du hinhörst, Herrin, sprechen die Leute vom Mütterchen Katharina.«
»Ein schönes Mütterchen. Sie bemuttert sie alle, von dem fetten Ekel Jaguschinski bis zu dem jüngsten Pagen, dem Moens de la Croix. Alle. Und mit den Weibern ist es nicht anders. Die Galizin ist wie närrisch und schwärmt von ihrer Güte. Güte, es ist alles Berechnung. Oder ist es das etwa nicht, wenn sie andauernd diesem traurigen Gesellen Alexei beisteht? Paß nur auf, sobald sie dem Zaren mit einem Sohn aufwarten kann, kümmert sie sich nicht mehr um den jetzt so geflissentlich Beschützten. O, sie ist schlau. Jetzt streichelt sie noch mit Samtpfötchen, ist die Milde, die Versöhnende, laß sie nur erst ihr Ziel erreicht haben ...« Hochaufatmend blieb die Gräfin stehen. »Du hättest sie sehen sollen, wie sie sich wieder gebärdete.«
Erwartungsgierig sah die Finnin zu ihr auf.
»Es war schon spät. Der Zar hatte wie stets zum Schluß der Tafel das Gemisch befohlen. Es war kräftig Branntwein dazwischen. Er reichte es wie gewöhnlich selbst herum. Wie er der Deutschen die Schale gibt, weicht sie zurück und fällt beinahe in Ohnmacht. Der Zar war gut gelaunt. Er scherzte noch: ›Dem Zuckerpüppchen ist unser Wein zu stark?‹ Die Prinzessin schüttelte sich vor Widerwillen: ›Ich trinke keinen Schnaps!‹ ›Hoho!‹ der Zar wird ungemütlich, ›du trinkst keinen? Du wirst ihn trinken, meine Tochter. Ein guter Russe muß einen Schnaps vertragen, und ich hoffe, du willst eine gute Russin sein!‹ Das fade Dämchen schweigt, aber sie rührt keine Hand, ihm Bescheid zu tun. Er wird brandrot und fragt den Zarewitsch brüllend: ›Pariert deine Frau immer so schlecht?‹ Und der, der sich nie getraut zu widersprechen, entgegnet zwar stotternd, aber entgegnet doch: ›Ich zwinge Charlotte zu nichts, was ihr widerstrebt!‹ Der Zar ist außer sich, seine Augen rollen, jeder erwartet, in der nächsten Sekunde den Becher dem Dreisten an den Schädel fliegen zu sehen. Da beugt sich die Livländerin näher zur Schulter des Zaren: ›Du wünschtest ihn als Mann zu sehen. Er steht für seine Frau wie ein Mann!‹ Der Zar stutzt, dann nickt er: ›Du hast recht. Wie immer!‹ Er drückt dem Prinzen die Hand: ›Du hast brav gehandelt, mein Sohn‹, tätschelt der Prinzessin die Wange: ›Mein Töchterchen wird sich das Zieren abgewöhnen!‹ – Sie zieht die Zitternde an sich: ›Du mußt ihr Zeit gönnen.‹ – Und er erwidert völlig besänftigt: ›Was meine Katharina bittet, ist gewährt.‹ – Die liebe Familie ist einig. Und die ganze Hofgesellschaft strahlt in höchster Beglückung und ist hingerissen von dem erbaulichen Bilde.« Sie schüttelte sich: »Wie ein Aktschluß aus einem sentimentalen französischen Schmarren. Widerlich!«
»Und es gibt nichts, was die Zärtlichen trennt?«
Die Gräfin zuckte die Achseln: »Nichts außer dem lutherischen Widerglauben der Prinzessin. Doch das gilt vor dem Zaren nicht.«
»Um so mehr vor dem Zarewitsch.«
»Er hat, scheint's, seine Abneigung gegen die Ketzer überwunden.«
»So muß man sie ihm schärfen!«
»Du?«
Afranisja lächelte verschmitzt: »Es ist mein sehnlichster Wunsch, der rechtgläubigen Kirche anzugehören.«
»Schlange,« die Gräfin rüttelte sie an den Schultern, »ist das dein Gift?«
Geschmeidig duckte sich die Finnin: »Ich hab's für dich!«
Eine wilde Freude zuckte in den unschönen Zügen der Gräfin auf: »Stich zu, stich!« Ihr Blick wurde drohend: »Aber wehe dir, kehrst du deinen Zahn wider mich. Du bist mein,« sie schüttelte die Hand gegen das Mädchen. »Mein. Mein Eigen!«
»Dein Eigen!« Afranisja mußte sich tief über die gebieterisch ausgestreckten Finger beugen, um vor der Wachsamkeit der Gräfin das listige Zwinkern ihrer hellbewimperten Lider zu verstecken.
XVIII.
Der Haushalt des Zarewitsch hatte einen Zuwachs erfahren. Eine neue Aufwäscherin war eingestellt worden. Der Zarewitsch würde von dieser Vermehrung seiner Bediensteten wohl kaum etwas erfahren haben, wenn das schlicht und einfach gekleidete Landmädchen ihm nicht dadurch aufgefallen wäre, daß er es beinahe Tag für Tag vor dem Bilde der heiligen Mutter Gottes von Kasan, das in einer Nische des Vorzimmers zu seinen Gemächern eingelassen war, in inbrünstigem Gebete gefunden hätte. Eine solche Frömmigkeit war nicht eben häufig unter den Eingeborenen der Bezirke um Petersburg, die, wenn sie nicht gar noch wüstestem Zauberglauben anhingen, als ehemalige Untertanen Schwedens der lutherischen Lehre ergeben waren. Des Prinzen Wißbegierde wuchs mit jeder Begegnung. War doch die Beterin so tief in ihre Andacht versenkt, daß sie dem Kommenden oder Gehenden, der vielfach geflissentlich in ihrer Nähe sich verweilte, nie, wie es sonst der Frauen Art ist, einen halben oder ganzen Blick zuwarf. Diese gläubige Hingabe beschämte den Prinzen: wie weit war er noch von der völligen Abgekehrtheit entfernt, die diesem Mädchen Natur geworden war. Ihm tötete ein leisestes Geräusch den Aufschwung der Seele. O, daß er von diesem Mädchen lernen könnte.
Er sprach sie an.
Langsam drehte Afranisja sich um. Ihr Blick ging an dem vor ihr Stehenden vorüber, als sei er noch in eine andere Welt gerichtet, glitt zurück, suchte, erkannte.
»Heilige Mutter, der Zarewitsch!« Wie in höchster Not streckte sie flehend die Hände empor: »Nicht schlagen! Nicht schlagen!«
Alexeis Mitleid wallte auf: »Armes Kind, haben die Menschen dich gewöhnt, nichts anderes von ihnen zu erwarten?« Seine dunklen Augen füllten sich mit Tränen: er erinnerte sich der bösen Jahre, die hinter ihm lagen, wo er nach einem einzigen guten Wort, nach einer kleinen Liebkosung verhungert war. – Er beugte sich zu der noch immer Knienden, hob sanft ihr Kinn: »Hast du niemanden, der dich gern hat?«
Die Finnin schüttelte stumm den Kopf. In ihrem Gesicht malt sich hoffnungslose Verzweiflung: »Mich kann niemand gern haben.«
»Dich, niemand gern haben? Eine so fromme Seele?«
»Ach, Herr,« Afranisja stöhnte, »ich bin voller Sünden.«
»Was hast du getan?« Der Zarewitsch zog seine Hand zurück, als habe er sich verbrannt.
»Nichts, Herr!« Die Augen der Finnin nahmen einen kindlich einfältigen Ausdruck an: »Nichts habe ich getan.«
»Und doch ...?«
»Und doch bin ich verdammt. In Ewigkeit.« Sie warf sich auf die Erde und schluchzte: »Ich bin eine Ketzerin, eine Ketzerin!«
Die Züge des Zarewitsch hellten sich auf: es galt, eine Seele zu gewinnen:
»Du betest?«
»Ich habe es den andern abgelauscht!« Sie rang die Hände: »Aber meine Gebete haben keine Kraft. Die heilige Mutter hört mich nicht. Sie stößt mich zurück.«
Alexeis Mitgefühl schwoll. Er streckte die Arme, hob die Liegende auf: »Die heilige Mutter verschließt keiner Bitte ihr Ohr.«
»Ich kann selig werden?« Afranisja hielt es für geraten, noch einen leisen Zweifel zu äußern.
»Du wirst es!« entgegnete Alexei ernst.
Sie stürzte ihm zu Füßen, umfing sie, bedeckte sie mit Küssen: »Du, du sagst es! Es ist wahr!«
Welch jubelnder Eifer! – Er dachte es bewegt und konnte es sich nicht versagen, seiner Gattin davon zu sprechen. Nicht eigentlich mit der Absicht, ihr die Nachahmung dieses Vorbildes zu empfehlen, wohl aber mit dem leisen Wunsch, daß es sie zur Nacheiferung anregen möchte. Dabei gab er ein wenig zu deutlich seiner Freude Ausdruck.
Das wirkte wie ein Stachel.
»Es hat zu allen Zeiten verschwärmte Naturen gegeben,« erwiderte die Prinzessin ablehnend, »die sich an den einfachen Wahrheiten des Evangelium nicht genügen lassen mochten.«
Der Zarewitsch erblaßte. Zum ersten Male tat sich deutlich die Kluft vor ihm auf, die ihrer beider Überzeugungen trennte. Er versuchte, eine Brücke zu schlagen: »Die Idee spricht zum Geiste, das liebende Herz bedarf der Gestalt.«
Charlotte witterte in dieser Gleichung einen versteckten Vorwurf. Sie erhob sich unwillig: »Für verbuhlte Weiber mag das gelten. Ich brauche ihres Beispiels nicht.« Damit ließ sie den Zarewitsch allein.
Bestürzt starrte er ihr nach. – Er ahnte nicht, wie genau sie das Richtige getroffen hatte, er spürte nur den Schmerz, den ihm diese häßliche Verkehrung der schönen Empfindung bereitete, die er gefühlt hatte. Freilich, wie hatte er erwarten können, daß sie ihn darin verstand, ihn, den Rechtgläubigen, sie, die ...
Er verhielt den Atem, er erwürgte den Gedanken, der blitzgleich den Abgrund zwischen ihm und ihr erhellte. Der sie schied, sie seit je geschieden hatte und auf ewig scheiden würde.
Er wollte nicht sehen, wo Blindheit wohltat.
So fest er aber die Augen verschloß, die Ohren ließen sich nicht verstopfen. Was er sich auszusprechen scheute, mußte er hören. Es war, als habe die Welt sich gegen seinen guten Willen verschworen. Aus jedem Gespräch schlug ihm das Wort Ketzerin entgegen. Es war kein Zufall. Afranisjas Bekehrung, die sie überall als des Zarewitschs Werk pries, hatte begreifliches Aufsehen erregt. Was Wunder, daß die nahen und die fernen Freunde, die Gläubigen wie die Spötter zu allerhand Vergleichen sich angeregt fühlten. Sie fielen nicht zugunsten der Prinzessin aus. Alexei mußte manche bittere Bemerkung über ihr unentwegtes Luthertum hinnehmen. Und er war so wenig dazu geschaffen, standhaft zu ertragen. Jeder solcher Aussprüche wurde ihm zum Vorwurf. Er war der Lässige im Glauben, der Ungetreue an seinem Volke. Er hatte dem Fremden aufs neue aus Schwachheit ein Tor geöffnet.
Buße. Buße.
Er fastete, er kasteite sich. Er zog sich von seiner Gattin, er zog sich von seinem Vater, von Katharina zurück. Deren Güte, Peters Freundlichkeiten erschienen ihm jetzt als Fallstricke des Teufels, gelegt, um seine Seele, um Rußlands Seele zu fangen. Pater Ignatiew hielt wieder seinen Einzug bei ihm und mit ihm das abgekehrte, grübelnde, mönchische Wesen.
Durch Charlottens Niederkunft wurde er für ein kurze Weile seiner selbstgewählten Abgeschiedenheit entrissen. Aber das Kind, das sie ihm gebar, war ein Mädchen. Wie ein Hohn dünkte es ihm, daß es gesunde und kräftige Glieder hatte und mit hellen Augen um sich blickte.
Von wem kam ihm diese Kraft? Von der schmächtigen Mutter? Von ihm? Mißtrauisch sah er an seinem hageren Körper hinab.
Das Kammermädchen Euphrosyne, in das sich die Finnin Afranisja verwandelt hatte, hatte leichtes Spiel. Sie fügte zu der Klage, daß er die Herrin vernachlässige, den Trost, daß die Besuche des Bibliothekars Schuhmacher, der aus des Zaren Bücherei für geistige Nahrung der Prinzessin sorgte, jene ein wenig in der Einsamkeit erheitert hätten.
Die langaufgeschossene Gestalt Alexeis knickte zusammen. Haltlos hing er in seinem Sessel:
»Sie betrügt mich! Sie betrügt mich!«
»Herr, liebster Herr!« Die Finnin flog auf ihn zu, wand flehend die Arme um seine Knie: »Das habe ich nicht gesagt. Das nicht!«
Er starrte sie an: »Kannst du es leugnen?«
Sie tat, als wolle sie antworten, könne sich aber zu keiner Lüge überwinden.
Er nickte zu ihrem Schweigen. Stumpf, ergeben: »Ich habe es verdient.«
Euphrosyne erpreßte ihren Augen ein paar Tränen, netzte seine Hände: »Mein armer Herr!«
Alexei weinte laut auf. Weinend glitt er in ihre Arme, weinend sank er an ihre Brust. –
Ganz unmerklich stieg Euphrosyne von der mitleidsvollen Beschwichtigerin seines Kummers zur unumschränkten Gebieterin seines Herzens auf.
Nur einmal wurde ihre Herrschaft schwankend. Nach einem der heimlichen Besuche in Susdal, die ihm vor Jahren auf Verwendung des Fürsten Wolchonski der Major Glebof ermöglicht und die er nun, seit seiner Abwendung von Charlotte wie in Rückkehr zu seinem wahren Dasein wieder aufgenommen hatte. Von der Mutter kam ihm die Warnung, seiner Gattin ein ähnliches Schicksal zu bereiten, wie sie es noch erlitt.
»Keiner hat das Recht, über einen andern zu richten. Wir bedürfen alle der Nachsicht,« mahnte sie.
»Du nicht,« widersprach Alexei und bückte sich über ihre abgezehrten Finger, sie demütig zu küssen, »du nicht, du heilige Dulderin.«
»Mein Kind,« die Zarin wehrte ängstlich. »Du weißt nichts,« ihre Stimme erstickte sich zum Murmeln, »von der Gewalt Gottes.«
»Mutter!« Entsetzt starrte der Zarewitsch die sanften, ausgeglichenen Züge unter der Nonnenhaube an: so war doch Wahrheit, was die Welt von der Freundschaft der Zarin zu Glebof rannte?
Eudoxia hatte die Hände vors Gesicht geschlagen. Doch nur eine kurze Weile. Als sie sie sinken ließ, leuchteten ihre Augen, verklärt von innerer Gewißheit:
»Gott will nicht, daß wir ein ganzes Leben im Dunkel stehen. Soll ich das Licht löschen, daß er mir in meiner Finsternis angezündet hat? Er ist mächtiger als ich. Ich unterwerfe mich seiner Gnade.« – –
Die Mutter! Auch die Mutter eine Sünderin! – Gegen diesen Gedanken empörte sich sein Inneres: trug nicht der die Schuld ihrer Sünde, der sie eigensüchtig und lieblos von sich gestoßen hatte? Er atmete schwer: und er, der jenem in keinem glich, in diesem einen hatte er ihm gleich gehandelt. – Er ließ den Kopf auf die Brust sinken: die Welt war voller Anfechtungen. Selig, wer sie fliehen durfte, aus eigener Wahl sich beschränkend. – Ein wehes Lächeln zog sich um den schmalen, festgeschlossenen Mund: dem Sohne des Zaren war selbst das verwehrt. Aber nicht das andere – er hob die schlaffen Lider, ein glückliches Leuchten war in seinen Augen – seine Fehler gut zu machen. Den Reuigen segnet Gott! –
Für Charlotte ging ein neuer Liebesmorgen auf. Nur zu willig gab sie sich dem holden Traume, den die stillen, verhaltenen Zärtlichkeiten des Zarewitsch ihr erweckten, hin. Sie empfand einzig das eine: er kehrte zu ihr zurück! Sie fragte nicht, sie begehrte nichts, sie war glücklich ihm zu sein, was sie ihm gewesen war: Freundin, Geliebte, Gattin.
Alles tat sie ihm zu Gefallen, was sie ihm an den Augen absehen konnte. Alles. Und wurde doch das quälende Gefühl nicht los, daß ihre Hingabe wertlos blieb ohne das Letzte: die Wandlung ihres Glaubens.
Ein Schauer rüttelte sie, so oft sie daran dachte, und sie mußte oft daran denken, wenn sie allein waren und wenn er seine großen, dunklen Augen in heimlichem Erwarten auf sie gerichtet hielt. Sie spürte: in seiner Seele rang er mit ihr um das Letzte, um diese Schranke vor dem völligen Einssein. Und sie konnte und konnte es nicht über sich gewinnen, ihm darin zu Willen zu sein. Es wäre mehr als Hingabe, es wäre Aufgeben ihrer selbst gewesen. Das vermochte sie nicht.
Sie sprach es aus. Schon zu lange meinte sie geschwiegen zu haben. Es kam ihr vor, als habe sie bereits damit Hoffnungen genährt, die zu erfüllen ihr nicht gegeben war. Und sie wollte nicht täuschen. Das sagte sie ihm: »Könntest du mir noch vertrauen, wenn ich mir untreu geworden bin? Müßtest du nicht befürchten, daß, wie ich mich verrate um deinetwillen, ich dich verrate um eines andern willen?« Bittend neigte sie sich zu ihm.
Er wich zur Seite, blickte mit entsetzensweiten Augen in ihre unschuldsvollen Züge: trieb sie die Verstellung soweit, daß sie das Heiligste aufrief, ihn zu betrügen, ihn eine Schuldlosigkeit glauben zu machen, die ihr nicht anstand? Er erhob sich: mit der offenbaren Lüge durfte er keine Gemeinschaft halten. – Wortlos schritt er zur Tür, ging wortlos hinaus.
Was war geschehen? Charlotte fragte es sich verzweifelt. Sie erhielt nie eine Antwort.
Still trug sie ihr Geschick. Ihres und das des werdenden Lebens, das unter ihrem Herzen pulste. Sie war einsam, sehr einsam. Wie ein Fluch lag es auf ihr. Jedermann wich ihr aus. Die einen, weil ihr Gatte sie mied, die andern, weil der Zar ihr zürnte, daß sie es nicht verstanden hatte, seinen Absichten gemäß auf ihren Gatten einzuwirken.
Die einzige, die sich weder an das Zürnen des einen, noch an die verächtliche Abwendung des andern kehrte, war Katharina. Auch in ihr reifte ein neues Dasein. Mütterlich neigte sich die Mutter der Mutter. Von ihrer aufrechten Art hätte sie so gern der Prinzessin eingeflößt:
»Gib dich nicht der Schwäche hin,« bat sie, »dein Sohn muß starke Schultern haben.«
Unmutig warf Charlotte, die in der letzten Zeit viel bettlägerig war, den Kopf zur Seite: »Ich werde keinen Sohn haben. Ich will keinen haben,« beharrte sie heftig, »er würde nur dem deinen den Platz rauben.«
»Mein Sohn?« Um Katharinas Mund lief ein bitteres Zucken. »Mein Leib hat meinem Wunsche all die Zeit hindurch widerstritten. Mädchen, nur Mädchen hat er geboren. Warum sollte er jetzt erfüllen, was ich nicht mehr wünsche. – Nein, ich wünsche es nicht mehr,« sagte sie mit Ingrimm auf Charlottens erstaunten Blick. »Ich mag keinen siechen Sohn.« Ihre Rechte preßte sich zornig zur Faust.
Zärtlich drückte Charlotte ihre Stirn gegen die geballte: »Ein blindwütender Zufall.«
»Zufall, ja,« Katharina richtete sich auf über der Hingestreckten, »es fiel mir zu. Woher? Wenn ich es wüßte? Ich glaube nicht an ein blindes Wüten. Hätte es mich einmal getroffen. Aber so. Jahr um Jahr. Anuschka und Lisenka strotzten vor Gesundheit. Und plötzlich ...« Sie brach ab. »Es ist ein Verhängnis.«
»Und doch hoffst du –?«
Mit einem mächtigen Atemzuge befreite sich Katharina von den dunklen Besorgnissen. Ein schönes Lächeln hellte ihre Züge: »Eine Mutter hofft immer.« Und sich zu Charlotte neigend: »Ich hoffe für dich.« – –
Ihre Hoffnung wurde belohnt. Charlotte genas eines Prinzen. Dr. Hofy, der Leibarzt Katharinas, leitete auf deren Anordnung die Entbindung. Er ließ seine Herrin sofort von dem erfreulichen Umstande benachrichtigen. Obwohl selbst in Erwartung ihrer Niederkunft, eilte Katharina, der Wöchnerin und dem Neugeborenen ihre Glückwünsche zu überbringen.
Die Prinzessin bedurfte ihrer nicht. Sie war glücklich: sie hatte Rußland den Erben gegeben, den es von ihr erwartete. Der Zar würde zufrieden sein. Und unaufhörlich wiederholten die trockenen, rissigen Lippen der von heftigen Fieberschauern Geschüttelten: »Nun darf ich heim! Nun darf ich heim!« –
Der Zar war zufrieden. Und seine Freude kannte keine Grenzen, als zwei Tage darauf seine Gattin ebenfalls einem Sohne das Leben gab. Zwar hatte er nicht so feste Glieder wie Charlottens, unansehnlich, die lasche, runzlige Haut von großen, dunklen Flecken bedeckt, lag er kläglich wimmernd in der Wiege. Doch Peter sah nur, daß es ein Knabe war. Er riß ihn auf, hob ihn hoch in die Höhe:
»Mein Blut! Mein Fleisch und Blut!«
Das Kind jammerte laut.
Er schüttelte es ungeduldig: »Greine nicht, du bist eines Zaren Sohn.«
Und als habe das Bündelchen Leben verstanden, schwieg es.
Sorgsam bettete der Zar es in die Kissen.
Von Wiege ging er zu Wiege. Er fühlte sich reich wie nie zuvor, fühlte den Beginn unendlicher Möglichkeiten in seiner Hand.
Wahrlich, Unfähigkeit sollte ihnen den Weg nicht verbauen. Der Tüchtigkeit gehörte die Welt!