Ein livländisch Herz: Katharina I. von Russland; geschichtlicher Roman
Part 10
»Die Afranisja,« erläuterte der Kammerherr. »Das Mädel hat wahrhaftig den Teufel im Leibe.«
Der Fürst grollte: »Hört nicht auf das Geschwätz. Sie ist unsinnig.«
Die dunklen, flinken Augen der Finnin schossen böse Blitze zu ihrem Herrn. Sie schob tückisch die breite, aufgeworfene Lippe vor: »Ich bin nicht unsinnig.« Es klang wie das Knurren eines gereizten Hundes.
»Unsinnig nicht,« der Senator Apraxin hatte sie prüfend beaugenscheinigt, »aber zu mager. Der Zar schwärmt dafür nicht. Warte noch ein paar Jährchen, Dingelchen, vielleicht machst du dann dein Glück. Vorerst muß uns eine andere den Dienst leisten.«
Naryschkin schmunzelte: »Die Frau des Dschentschiks Tschernitscheff ist jung, sehr hübsch und,« er dehnte die Worte, »gefällig. Auch ist sie ein dankbares Gemüt und bleibt alten Freunden treu. Bei Hofe ist sie kaum bekannt. Wenn sie dem Zaren in geeigneter Weise vorgeführt würde ...«
»Sie trägt sich zu französisch,« mäkelte Lapuchin.
»Um so besser. Diesem Reiz wird der Zar am ehesten erliegen,« entschied der Großinquisitor.
Ein unterdrücktes Kichern erscholl.
»Was hast du?« Der Fürst bohrte der Finnin die Hacken in die Seiten, daß sie ächzte.
»Ach, nichts, Väterchen, es entfuhr mir nur so.«
Er hob drohend die Faust: »Ich kenne dich, die Bosheit hat aus dir gelacht.« –
* * * * *
Wenige Tage später gab die Admiralität dem Zaren vor seiner Ausreise zum Heer ein Abschiedsfest. Es war ein üppiges Mahl. Ein Gericht drängte das andere, und alle Arten von Wein und Branntwein wirbelten in hirn- und sinnverwirrendem Wechsel durcheinander. Der Abend war schon weit vorgerückt und noch stand das Hauptgericht aus. Sechs Grenadiere trugen es auf einer eigens geflochtenen Unterlage aus Weidenruten herein.
Eine riesige Pastete.
Die Kunst des französischen Koches hat das mächtige Gebäck mit allerlei sinnigen Bildern verziert. Da waren die Zimmermannsaxt und der Kompas, der Anker, flammende Herzen und schnäbelnde Tauben. Dies alles aber bildet nur den Rahmen zu dem Mittelstück: einer überzuckerten Darstellung von Leda und dem Schwan. Die Leda auf der Pastete war jedoch keine Griechin. Und über dem göttergleichen Schwan schwebte die Krone des heiligen Wladimir: der Zar befruchtete Rußland.
Peters weingerötetes Gesicht glühte: er war nicht abgeneigt, seinen Russen den Willen zu tun. Mit einem einzigen Schnitt öffnete er die Pastete.
Die beiden Hälften schlugen glatt auseinander.
Auf dem Boden hockte fast völlig nackt, mit gespreizten Beinen ein Weib. Nur die Füße und die festen prallen Waden bis zur Mitte der Schenkel waren mit dunkelvioletten Strümpfen bekleidet, und auf dem modisch getürmten Haar schwankte ein zarter Blumenhut.
»Ah!« des Zaren Blicke flackerten über die lockende Erscheinung hin: »Diese Füllung lasse ich mir gefallen.«
Die Hockende bog den Leib zurück, und mit einer leichten zeichnenden Gebärde hauchte sie wollüstig: »Alles für den Zaren.«
Im selben Augenblick schwebte sie samt dem geflochtenen Tortenboden, von Peter emporgehoben, über der Tafel.
Sechs Grenadiere hatten unter der Last geächzt. Peters Brust tat nicht einen Atemzug mehr als sonst. Auf zwei Armen trug er hinaus, was zwölf Arme Mühe gehabt hatten, hineinzuschleppen. Langsam trug er es. Schritt um Schritt.
Ein Vorhang wich zur Seite. Ein Vorhang fiel zu.
Die Nachspeise hielt der Zar allein.
* * * * *
Durch den Kammerherrn Naryschkin kam die Kunde über die Vorgänge bei der Galatafel zum Fürsten Wolchonski.
Afranisja hörte dem Bericht mit lüsterner Spannung zu. Ihr breiter Mund verzog sich in lautlosem Grinsen.
Der Fürst las in ihrem Gesicht: »Du weißt etwas,« fuhr er auf sie ein und zerrte sie an den Haaren.
Sie fauchte auf und suchte sich dem unsanften Griff zu entwinden: »Du wirst es schon bald genug erfahren, Väterchen, denn es läßt sich nicht verbergen. Die Generalmajorin Tschernitscheff trägt sich nicht nur französisch, sie hat auch,« ihre Stimme überschlug sich kicksend, »die französische Krankheit.«
Ein Fußtritt warf sie zu Boden:
»Bestie!«
XVI.
Am 1. Juli hatten die Russen den Dnjestr überschritten, am 7. Juli schlugen sie bei Faltschi und Husch in der Walachei das Lager auf.
Sieben Tage lang waren sie durch schattenlose, wasserlose Wüste gezogen.
Sieben Tage lang.
Die Sonne hatte gebrannt, vom Abend bis zum Morgen, erbarmungslos. Hatte niedergesengt auf Mensch und Tier. Und kein Trunk, keine Erquickung. Ringsum nur dürres, verbranntes Gras und heißer, stäubender Sand. Er beizte die Lider, er bohrte sich in die Nasen, er fraß in den Kehlen, dörrte den Schlund. Jeder Atemzug war Schmerz, stach und peinigte. Zitternd, keuchend drängten die Scharen vorwärts. Dorthin, wo die Ebene zu Ende schien, wo leichte Hügel sich hoben, wo hinter den Hügeln Täler sich bargen, Täler mit grünen Matten und einem silbern rauschenden Bach, einem Rinnsal, einer Quelle.
Die Nasenflügel bebten, die starrenden Augen brannten, die von Durst gequälten Leiber beugten sich nach vorne, taumelnd hasteten, stampften die Füße, die bleischweren, dampfenden Füße, klommen die Hügel hinan und standen, wankend, mit brechenden Knien.
Ebene, neue Ebene breitete sich vor ihnen, braune, trockene Halme raschelten boshaft, und große, bröckelnde Erdrisse grinsten höhnisch.
Seit sieben Tagen krochen sie von Ebene zu Ebene, seit sieben Tagen schmachteten sie nach einer Neige Wasser.
Seit sieben langen Tagen.
Nun ging es nicht weiter.
Wo sie standen, warfen sich die Leute hin. Lagen. Müde.
In trotziger Müdigkeit.
Die Unteroffiziere kamen, sprachen zu, baten, wurden barsch, befahlen.
Keiner rührte sich. Stumpf ließen die Ermatteten den Schwall über sich hinbrausen, kaum, daß eine Miene in ihrem Gesicht sich verzog, ein Lid sich hob.
Achselzuckend ließen die Unteroffiziere von ihnen ab, ratlos, ungewiß, was zu tun sei. Einer nur, ein großer, starker Sibirier, konnte sich nicht halten, redete sich in Zorn, griff zur Knute, schlug auf die Liegenden ein:
»Auf, ihr faulen Hunde! Auf!«
Ein Stoß traf ihn gegen das Kinn, ein zweiter gegen den Magen. Er knickte in die Knie. Ein Dutzend über ihn her mit wildem Geschrei.
»Gebt's dem Satan! Tüchtig! Haut ihm die langen Zähne ins Maul, daß er erstickt! Wir Hunde! Er selber Hund! Sohn von einem Hunde! Aas!«
Es regnete Hiebe auf den Sibirier. Immer mehr knäulten sich über dem zu Boden Gezerrten, ihm eins auszuwischen.
»Brüder,« ein alter Soldat vom Ssemjenowschen Regiment drängte sich vor, schob sich zwischen die Wütenden und ihr Opfer, »Brüder, schlagt euren Bruder nicht.«
»Er hat uns geschlagen!«
»Brüder, schlug er euch, so schlug er, weil er selber geschlagen ist. Brüder, wir sind alle geschlagen!« –
Und die Offiziere kamen, schrien und fluchten, ließen die blanke Waffe sausen. Wunden klafften und Blut troff, aber die Schneiden wurden stumpf an den harten Schädeln.
Ein General sprengt heran. Versuchte es mit Lockung:
»Kameraden! Einen Tag noch. Zwei. Und wir fassen die Türken, schmeißen sie in die Sümpfe. Dann ist der Weg frei nach Konstantinopel. Einen Tag noch, Kameraden!«
»Jetzt nennt er uns Kameraden,« grollte eine Stimme, »sonst heißt er uns Schweine.«
Der General überhörte geflissentlich den Einruf, spornte sein Pferd:
»Vorwärts, Kameraden! Nach Konstantinopel!«
Sein Pferd bekam einen klatschenden Hieb auf das Hinterteil, daß es stieg. Im selben Augenblick faßte eine Hand in die Zügel und zerrte es herum:
»Wir wollen nicht nach Konstantinopel, wir wollen heim!«
»Heim! Wir wollen heim! Zu unsern Frauen! Zu unsern Kindern!«
Noch einmal setzte der General an: »Bedenkt, daß die Türken ...«
Seine Stimme versank in dem tobenden Geschrei:
»Heim! Heim! Wir wollen heim!«
Wie eine Springflut stieg das Geschrei an, brauste und brandete.
Peter trat in die Tür des Reisewagens, der ihm und Katharina, die ihn begleitete, zur Wohnung diente, horchte auf das schwellende Schallen.
Schon eilte der General herbei, saß ab, erstattete Bericht.
Leichenblaß wurde Peter, die Erregung machte ihn zittern, riß seinen Kopf in heftigem Zucken zur Schulter: »Bande,« zischte er, »Bande!«, und packte seinen Stock fester.
Vergeblich. Er beschwor den Sturm nicht. An allen Gliedern bebend, kehrte er zurück, warf sich auf die breiten Polster des Wagens, biß in die Kissen, schäumte:
»Undankbares Volk!«
»Es ist nicht undankbar,« Katharina umfing den rüttelnden Leib, bettete seinen Kopf in ihren Schoß, strich ihm über Stirn und Haar, »es versteht nur deine Ziele nicht. Dem Bauern ist sein Dorf der Himmel, dem Städter seine Stadt, alle Fremde ist ihnen Grauen und Elend. Sie ergreift nicht, was dich erschüttert, und was dich über alle Grenzen reißt, bewegt sie kaum. Du kannst sie wohl aufrühren und für eine Weile aus ihrem Gleichgewicht bringen, aber dann ist ihr Drang zur Beharrung stärker als die Kraft deines Treibens. Der Strom strebt in sein altes Bett zurück, und nichts vermag ihn aufzuhalten.«
Peter hatte die Augen geschlossen. Still lag er an ihrer Brust. Leise flatterten seine Lippen:
»Er muß aufgehalten werden. Er darf mir jetzt nicht versagen. Jetzt nicht. Es ist unser aller Verderben.«
Katharina sann. Eine starke Falte grub sich zwischen ihre Brauen:
»Ich werde mit ihnen reden.«
Sie ging.
Wo sie sich sehen ließ, wurde sie umringt. Und ehe sie noch zum Sprechen kam, war ihre Absicht verschlungen von der flehenden Bitte:
»Mutter! Mütterchen! Hilf du. Dich hört der Zar. Sage du ihm: wir wollen heim! Heim, Mütterchen!« Und tausend Augen bettelten, abertausend Hände streckten sich in dem einzigen Wunsch: Heim, heim!
Auf Schritt und Tritt liefen sie ihr zur Seite, eilten ihr nach, und immer nur das eine klang an ihr Ohr, immer nur das eine aus all dem Klagen:
»Unsere Frauen kennen den Mann nicht mehr! Die Kinder vergessen den Vater! Das Vieh verdirbt! Der Acker verkommt! Alles geht zugrunde! Wir alle gehen zugrunde!«
Der Jammer droht sie zu überwältigen. Sie gab sich einen Ruck:
»Auch meine Kinder rufen nach mir, und ich verlasse meinen Platz doch nicht.«
Ein ausgemergelter Graubart trat vor sie hin, ganz dicht:
»Bist ein tapferes Weib, Mütterchen, ist keiner der's anders sagt. Aber es ist zweierlei: tapfer zu sein als Herr nach seinem Willen und tapfer sein zu müssen, weil's ein anderer befiehlt. Wir brauchen uns nicht zu schämen, wir haben bewiesen, daß wir tapfer sind. Nun ist's genug. Nun wollen wir wieder zu den Unsern, wie die andern zu den Ihren wollen. Jeder in sein Land. Die Ernte wartet auf uns, die Erde braucht uns. Wir wollen heim.«
»Ihr werdet heimkommen, nur ...«
Der alte Soldat schnitt ihr hart die Rede ab: »Kein Wenn und Aber, Mütterchen. Wir wollen heim. Erlaubt's der Zar nicht, so gehen wir ohne seine Erlaubnis.«
»Ihr werdet heimkommen.«
»Alle?« der Graubart war mißtrauisch.
»Alle!«
Sie trat vor Peter mit der Forderung, ihr Versprechen wahr zu machen.
Er stöhnte: »Es ist unmöglich, unmöglich!«
»Wir müssen wagen, es möglich zu machen, weil wir ohne sie nichts wagen können,« bestand Katharina.
Peters Gesicht verzerrte sich jäh, unmenschlich:
»Ich wollte, die Türken kämen und erschlügen uns alle!«
Das Schicksal nahm ihn beim Wort.
Die Türken kamen.
Vorgeschobene Streiftruppen hatten sie gesichtet.
Das wirkte gleich einer Peitsche.
Den Müdesten trieb ihr Schlag auf, dem Heimatsüchtigsten. Wer sich nicht wehrte, dem halfen die Türken zur Heimkehr, aber zu einer, die er sich nicht gewünscht hatte.
Das Schanzzeug flog von den Wagen. Fiebernde Hände schwangen Hacken und Spaten, hieben und stachen wider den mürben Sand, türmten den haltlos rinnenden, stampften Wall und Sicherung aus dem Boden.
Die Nacht kam. Die erste kühle, nach sieben glühenden. Von den Sümpfen, die die Lagernden vom Pruth trennten, stiegen feuchte Dünste. Zogen und sanken. Schauerten Frost in das erschlaffte Gebein. Der Morgen hauchte wie Eis. Und dann stieg die Sonne.
Groß und rot und böse.
Und flammte.
Und fern aus der Ebene flammte es zurück. Breit und golden.
Der Halbmond.
Die Türken waren da.
Die Türken.
Hornruf und das Schlachtgeschrei der Janitscharen.
Klingend das Spiel und brausend wie ein Atem:
»Allah il Allah!«
Wie das Wetter warfen sich die türkischen Scharen auf die moldauischen Hilfsvölker, jagten sie in die Sümpfe, fegten sich die Bahn frei zu den Russen.
Die standen und warteten. Auf den Angriff.
Er blieb aus.
Stunde um Stunde warteten sie in zermürbender Pein. Bis zur Nacht.
Eine schlimme Nacht, eine üble Nacht.
Grell blinkten die Sterne, schadenfreudig, tanzten über dem Russenheer und lachten.
Lachten.
Schatten zogen durch die Steppe heran. Im Rücken der Russen. Sammelten sich, schlossen sich zusammen.
Dumpf ratterte und dröhnte es durchs Türkenlager, wälzte sich mit plumpen Füßen auf jede Anhöhe, streckte und reckte sich und sperrte das bläkende Maul gegen die Eingekreisten.
Eine schlimme Nacht, eine üble Nacht.
Kein Schlaf. In keinem Auge.
Jeder wachte.
In dem großen Zelte, das für Peter und Katharina aufgeschlagen worden war, waren in dem großen Hauptraum der Zar und seine Generäle zum Kriegsrat versammelt. Der Vorhang am Eingang wehte auf und nieder, als zerre ein Wirbelsturm an ihm.
Bote auf Bote stürzte herein, hinaus.
Jeder, der ging, nahm eine Hoffnung mit. Jeder der kam, brachte sie erschlagen zurück.
Über die mächtigen Karten, die auf dem riesigen Tisch gebreitet waren, liefen die Blicke. Des Zaren, Menschikoffs, Scheremetjefs, Dolgoruckis und all der hohen Generäle.
Liefen und suchten nach einem Auswege.
Und fanden keinen.
Hüben die Sümpfe, drüben die Steppe, vor ihnen die Türken. Und hinter ihnen – hinter ihnen – –
Keiner wagte es zu denken, keiner auszusprechen, jeder beschwichtigte die lähmende Sorge über die erschreckenden Meldungen der Vorposten: es sind nur schwärmende Trupps, räuberisches Gesindel. Der Weg, der Rückweg ist frei! –
Eine schlimme Nacht, eine üble Nacht.
Jäh wich sie dem Morgen.
Die letzte erlogene Hoffnung starb.
Die Schatten hatten sich zur Wirklichkeit verdichtet, sperrten den Rückweg.
Gellend brach der Schrei aus dem Lager:
»Die Tataren! Die Tataren!«
Die im Zelte fuhren von den Sitzen, griffen nach den Säbeln.
Doch so gut sollte es ihnen nicht werden.
Der Lärm erstarb. Schweigen. Erstickendes Schweigen.
Die kampfbereiten Fäuste um die Degenknäufe lockerten sich, sanken lasch herab.
Die Blicke suchten nicht mehr. Sie flohen von den Karten, die keinen Ausweg mehr zeigten, und flohen einander.
Schwer, jeder abgekehrt von dem andern, saßen die Siegverwöhnten in der Runde mit gebeugten Stirnen.
Das Ende war da.
Schlimmer als Karls bei Pultawa.
Für sie gab es kein Entrinnen. Zusammenkartätscht wurden sie von den Kanonen der Türken.
Der Schwede hatte sich gerächt. –
Der Vorhang, der den hinteren Teil des Zeltes von dem Beratungsraum trennte, rauschte auf.
Katharina.
Wie in einem Rahmen stand sie vor dem schweren buntflimmernden Teppich.
Niemand wendete sich ihr zu. Tiefer noch neigten sich die Nacken.
Langsam kam sie an den Tisch, stützte die Hände auf, blickte von einem zum andern. Ihre Augen funkelten.
Leicht beugte sie sich vor.
»Seid Ihr nun fertig mit Eurer männlichen Kunst, ihr Männer? Weiß euer Witz nicht weiter?« Ihre Stimme wurde hart: »Ihr versteht nur zu siegen, wenn ihr den Gegner schlagen könnt.«
»Und noch eins verstehen wir, Gossudarina,« Menschikoff sprach, »wir verstehen zu sterben.«
»Sterben,« Katharina hielt seinen Blick fest, »es wäre besser, Alexander Danilowitsch, du sagtest, wir verstehen zu leben. Aber das,« ihre Hand zog einen Kreis, der weit über die Gegenwärtigen hinausdeutete, »versteht ihr Männer nicht. Ihr wißt ja auch nichts,« tiefer Schmerz dunkelte ihre Worte, »vom langen Tragen und Reifen. Ihr vernichtet in einer Stunde mehr Leben, als wir in Jahren unter Weh gebären und großziehen. Wahrlich, ihr verdientet, daß ihr erleidet, was ihr so oft über andere gebracht habt.«
»Unsinniges Geschwätz!« Peter war aufgesprungen, breit ihr gegenüber, »wenn du nichts Besseres weißt, scher dich zum Teufel.«
Voll Hoheit richtete sich Katharina auf:
»Ich weiß Besseres. Ich habe versprochen, daß alle heimkommen, und ich halte mein Versprechen.«
Der Zar faßte sich mit taumelnder Gebärde an die Stirn: »Willst du stärker als mein Heer sein?«
»Ich bin es.«
»Was hast du vor?«
»Euch loszukaufen.« Sie zog die Schultern hoch, warf den Kopf in den Nacken: »Von einem Manne.«
Der Ausruf schlug gleich einer Bombe ein. Alle fuhren von ihren Sitzen auf, drängten zu ihr hin. Die Stimmen wirrten durcheinander:
»Der Großvezier hat den Sieg in der Hand, er ist nicht der Narr, sich ihn abhandeln zu lassen! – Seine Furcht vor der seidnen Schnur ist größer als seine Habgier! – Im ganzen Lager ist nicht so viel, wie wir ihm wert sind!«
Katharina lächelte in den Sturm.
Aus ihren Haaren löste sie das funkelnde Diadem, ein Geschenk des Zaren zur Einsegnung ihrer Verbindung, streifte den Schmuck vom Halse, die Armbänder von den Handgelenken, die Ringe von den Fingern und warf die funkelnde Pracht auf den Tisch.
»Gebt! Gebt!« Sie streckte die Hände aus.
Von allen Seiten flogen ihr die Schätze zu. Blitzende Agraffen, kostbare Dosen, edelsteinbesetzte Dolche. Beutel und Börsen öffneten sich und rollten ihr Gold auf den Haufen. Aus dem Lager wurde herbeigeschafft, was nur von Wert war. Verzierte Zaumzeuge und Wehrgehänge, getriebene Becher, silberne Steigbügel, goldene Sporen.
Ein Berg türmte sich vor ihr auf. Schimmernd, gleißend, lockend.
War er Lockung genug?
Zweifelnd wog Peter im Geiste die blinkende Pracht.
»Und wenn es Mehemed Baltadschi zu wenig ist?«
»Ich bringe es ihm,« sagte Katharina fest, überzeugt, ihrer Macht bewußt.
Peters Blick ging über sie hin: ja, sie würde es zwingen und müßte sie ... Er dachte den Gedanken nicht zu Ende. Sein Herzschlag stockte. Sein Mund Öffnete sich weit, doch kein Laut kam heraus, nur ein stöhnendes Gurgeln. Er begriff plötzlich, was Katharina ihm war, daß er jeden Preis zahlen konnte, nur diesen einen, nur sie nicht.
Sie verstand seine Not. Sacht trat sie zu ihm hin, faßte still seine Hand.
Das gab ihm Sicherheit. Er kehrte den Kopf und blickte sie an, lange.
Da war nichts als eine Mutter, die ihren Kindern helfen wollte.
Langsam beugte er die Knie. Erschüttert. Neigte sich und küßte den Saum ihres Kleides:
»Dein Herz, O, dein Herz!«
XVII.
Im Schloß zu Torgau war zur Hochzeit des Zarewitsch Alexei mit der Prinzessin Charlotte von Braunschweig und Lüneburg gerüstet. Die Kurfürstin von Sachsen hatte es sich nicht nehmen lassen, ihrem Patenkinde diesen feierlichen Tag auszurichten. Bis ins kleinste hatte sie die Vorbereitungen überwacht und ihre mütterliche Sorgfalt ebensosehr der Rangordnung bei Tische wie dem Predigttexte des Schloßgeistlichen und dem Brautkleide der Prinzessin zugewendet. »Der Tag«, sagte sie dem Schloßprediger D. Eckardt, »soll ihr gut in der Erinnerung bleiben, mag es nachher kommen, wie es will.« Sie seufzte.
Mit mildem Tadel verwies der Geistliche diese schwächlichen Befürchtungen: »Wir Menschen sollen nicht zagen, wo Gott der Herr so sichtbarlich seinen Willen gezeigt hat.«
»Lieber Doktor,« die Kurfürstin seufzte stärker, »Er nimmt das Gebaren eines sinnlosen Tieres für ein Zeichen des Himmels, ich vermag darin nichts zu sehen, als die Angst des armen Geschöpfes, das sich verflogen hatte.«
Jetzt war das Seufzen an den Schloßprediger gekommen: über den hartnäckigen Unglauben seiner kurfürstlichen Herrin. Aber er unterdrückte es und erwiderte so sanft, wie es ihm in diesem Augenblicke möglich war: »Hat nicht der Herr durch eine Taube dem Noah das Aufhören der Sintflut verkündet? Und war es nicht eine Taube, die bei der Taufe im Jordan herniederstieg?«
Die Kurfürstin konnte nicht umhin, dies zu bejahen, jedoch meinte sie, es seien sozusagen himmlische Tauben gewesen, während die im Braunschweiger Schloß verflogene sich sehr irdisch benommen habe, hatte sie doch auf dem Erdglobus in Herzog Albrechts Zimmer nicht nur Fußspuren in den Gegenden der Tatarei, sondern auch noch andere deutliche Merkmale ihrer Bedrängnis hinterlassen.
Nun wurde D. Eckardt doch ungeduldig. Er hatte auf dieses Ereignis ein langes Hochzeitscarmen gedichtet und war nicht der Mann, sich von der Zweifelsucht der Kurfürstin um den Witz seines mühevollen Verseschmiedens bringen zu lassen. »Wer das Walten Gottes nicht im Tun des niedersten Wurmes erkennt, den werden eine Legion Engel nicht von des Herrn Allmacht und Weisheit überzeugen,« erinnerte er mit Strenge, kehrte seine Würde als geistlicher Berater heraus und hielt die Kurfürstin ernstlich an, das ohnedies durch die bevorstehende Trennung von Heimat und Freunden bange Gemüt der Prinzessin durch die Äußerung eigener Bedenklichkeiten nicht noch stärker zu verstören: »Eines solchen unchristlichen Verhaltens werden sich Ew. Kurfürstliche Gnaden nicht schuldig machen wollen.«
»Nein,« sagte die Kurfürstin bestimmt und völlig überwunden. Es gab für sie nichts Ruchloseres als unchristliches Tun. Dabei konnte sie es freilich nicht hindern, daß ihr zuweilen der ketzerische Gedanke aufstieg, es ginge jenen, die sich wie ihr Gemahl August über jede von Sitte und Gesetz gezogene Schranke hinwegsetzten, weit besser auf dieser Erde, als denen, die sich mühten, alle Gebote zu halten. Für sie hatte die Welt nur Demütigung über Demütigung, und die andern feierte und bewunderte sie als die Starken. Dennoch hätte die Kurfürstin nicht mit den prahlerischen Verächtern der Tugend tauschen mögen. Aus ihrem Leide wuchs ihr Stolz.
»Es ist unser Ruhm, getreu zu sein!«
Die Prinzessin Charlotte neigte den bräutlich geschmückten Scheitel vor der Kurfürstin, die ihr diesen Wahrspruch wie einen Segen mit auf den neuen Lebensweg gab. Das leise Rot der Erwartung auf ihren Wangen vertiefte sich, als sie erwiderte:
»Es wird mir nicht schwer fallen, getreu zu sein. Ich liebe ihn.«
»Liebe!« Die Kurfürstin drückte die schmale gelbliche Hand fest auf ihren gepreßt sich hebenden Busen. Der Seufzer, der ihr entfliehen wollte, durfte die Ohren der Prinzessin nicht erreichen. Doch sie konnte sich die Warnung nicht versagen:
»Liebe ist rasch verraten und schnell enttäuscht. Immer gehört uns der Geliebte nur in dem einen einzigen Augenblick seiner Liebe, und er ist unserer Liebe verloren, wenn unsere Treue nicht mit ihm geht, auf welchen Wegen er auch wandelt.«
Charlotte kannte, so jung sie war, die Schmerzen, aus denen der Kurfürstin diese Erkenntnis kam: ein Schicksal sprach. Sollte es auch das ihre sein? – Eiseskälte hauchte sie an. Die Fremde, in die ihre Straße führt, die ihr so wesensfern und ihm so nahe war. Würde sie ihn ihr lassen? – Die Knie wankten ihr, sie mußte sich setzen.
»Kind,« die Kurfürstin erschrak: nun hatte sie doch aufgerührt, was besser geschlafen hätte, »du fürchtest dich?«
In den Augen der Prinzessin standen Tränen, sie barg ihren Kopf an der Brust ihrer Patin: »Ich werde ganz allein dort sein, niemandem erwünscht, von vielen gehaßt und, ich fühle es, sie werden ihn mir abwendig machen.«
»Lottl!« Die Kurfürstin war ganz außer sich über das Unheil, das sie angerichtet hatte, »so etwas darfst du nicht denken. Bist du nicht dem Zaren willkommen? Er erhofft von dir, daß du das Herz seines Sohnes ihm geneigt machen wirst. Und,« sie suchte alle Gründe, die Verzagte aufzurichten, zusammen, »hat dir nicht seine Gemahlin freundlich schreiben lassen, daß sie dich wie ihre eigene Tochter halten wolle.«
Die Prinzessin schwieg. Aber ihre Mienen besagten deutlich, daß sie sich vor dieser Frau noch mehr bangte wie vor dem Zaren.