Ein kleines Kind: Weihnachts-Novelle

Part 6

Chapter 62,974 wordsPublic domain

Sonst war Mimi's Geburtstag immer als ein hoher Festtag in dem kleinen Hause gefeiert worden; Dennhardt hatte stets an diesem Tage die Nachbarkinder zu sich geladen und Mimi dabei mit liebenswürdiger Gravität die Honneurs als Wirthin gemacht und die Kinder mit Kuchen, Chocolade, Obst, Apfelwein und anderen Leckereien bewirthet.

Und heute nun! Welcher Unterschied zwischen heute und dem Geburtstage voriges Jahr!

Damals blühend wie eine Rose, dahin flatternd in dem buntfarbigen Gewand, dem gelben Strohhute mit Blumen und Rosabändern wie ein Schmetterling, und heute lag sie drinnen auf dem Krankenbette still und bleich wie eine geknickte Sommerblume, wie eine zarte Lilie, über welche der Sturm dahin gefahren ist.

Seit elf Tagen hatte die Kleine keine Blume gesehen, ihre liebsten Gespielinnen, die stillen, bunten Blumen, mit denen sie so lieblich und verständig plauderte, als wären es beseelte Wesen, hatte sie entbehren müssen, weil der Arzt den Blumenduft für aufregend erklärt hatte.

Und seltsam! Die Kleine schien während dieser Tage der Krankheit ganz vergessen zu haben, daß es Blumen gab, sie hatte nicht ein einziges Mal danach verlangt, eben so wenig wie nach ihren Puppen, ihren Bilderbüchern oder anderm Spielwerk. Ihren Geburtstag aber ohne Blumen vorübergehen zu lassen, Das vermochte Dennhardt nicht übers Herz zu bringen. Vielleicht wollte er sich auch, begreifliche Schwäche des menschlichen Herzens, selbst täuschen, wenn auch nur auf ein paar Augenblicke, und sich glauben machen, er breche die Blumen zum Geburtstage der gesunden, frohen Mimi, welche damit ihren kleinen Tisch schmücken wolle, um die kleinen Genossinnen der Kaffeegesellschaft festlich zu empfangen.

Es war ein großer prächtiger Strauß von Georginen, Rosen, Nelken, Astern und Reseda, den er gepflückt, und bei jeder Blume, die er brach, erinnerte er sich der kleinen Zwiegespräche, die Mimi in dem Garten mit ihren stillen Blumenfreundinnen gehalten.

»Sieh, Papa,« hatte sie dann gesagt, wenn ein leichter Wind über die Beete hinsäuselte und die Blumen ihre Häupter bewegten, »sieh, Papa, meine Blumen antworten mir. Siehst Du nicht wie sie nicken und flüstern?!«

Er kehrte in das Haus zurück und in demselben Moment erwachte auch Mimi aus ihrem Halbschlummer. Mit den Blumen in der Hand eilte der Vater dem Kinde entgegen.

»Ei!« rief sie, die Hand nach den Blumen ausstreckend, mit ihrer silberhellen Stimme, deren lieblicher Klang sich während ihrer ganzen Krankheit nicht verändert hatte, »ei!« und wie ein heller goldener Freudenstrahl flog es über ihr blasses, leidendes Gesichtchen. Ihre matte, zitternde Hand vermochte die Blumen kaum zu halten; aber ihr Auge glänzte von einem Feuer, das zu schön, zu himmlisch war, um nicht zu verkünden, daß die reine Kinderseele, welche in dieser lieblichen Hülle gewohnt, sich schon ihrer Heimath wieder nahe fühlte, ihrer himmlischen Heimath, aus der sie herabgestiegen auf die dunkle Erde, um eine kurze Spanne Zeit darüber hinzuflattern und dann wieder zurückzukehren in die Wohnungen des ewigen Lichts.

»Meine Mimi!« murmelte mit vor Thränen halb erstickter Stimme der zur Seite des Bettes knieende Vater.

»Mein Papa,« flüsterte das Kind, mit der Linken die Blumen gegen ihr kleines matt schlagendes Herz drückend, während sie den rechten Arm mit müder Geberde um den Nacken ihres Vaters schlang, gerade so wie in früheren gesunden Tagen, wenn er die müde Kleine auf der Heimkehr von dem Spaziergange in seine Arme nahm.

Niemand war in dem Gemach, als der Flüchtling und sein Kind, sein sterbendes Kind.

»Papa,« flüsterte die Kleine, nachdem sie eine Weile mit ihren in wunderbarem, verklärtem Glanze strahlenden Augen nach dem Fenster, welches nach der Gartenseite hin lag, geblickt, »Papa ... siehst Du den schönen Engel dort am Fenster, ach ... Papa ... wie schön er sieht ... viel, viel schöner als mein Weihnachtsengel ... siehst Du ... Papa ... jetzt winkt er mir ... ach! die vielen Engel ... sie fliegen durchs Fenster ... siehst Du? draußen im Garten.«

Dennhardt's Herz wollte brechen, aber mit einer fast wunderbar zu nennenden Kraft, welche in den schmerzlichsten Augenblicken des Lebens aus einer unsichtbaren Quelle uns zuzuströmen scheint, hielt er sich aufrecht.

»Meine gute ... liebe Mimi ...« murmelte er und bedeckte die bleiche Stirn des Kindes mit seinen Küssen.

»Ich will zu Hause gehen, Papa ...« und das Kind blickte mit ihren glänzenden Augen wie in eine weite, weite Ferne hinaus, an deren Ende sie ihre Wohnung erblickte, gerade so, wie sie es zuweilen wohl gethan, wenn sie mit ihrem Papa auf einem der Hügel von Morbihan stand und weit, weit unten im Thale das väterliche Haus mit dem kleinen Blumengarten erblickte, »ich will zu Hause gehen ... Papa ...« Das Köpfchen sank leise und matt auf das Kissen zurück, die Blumen entfielen der kleinen erkaltenden Hand, die schönen lieben Himmelsaugen öffneten sich noch einmal, aber schon wie umflort von einem dunklen Schleier, mit leiser ängstlicher Stimme rief sie: »Papa ... Papa ...« und schloß dann die Augen, deren letzter brechender Blick die Gestalt ihres Vaters gesucht, zum ewigen Schlummer.

Sanft und schmerzlos trat der Todesengel zu ihr; wie eine Flamme, die den letzten Tropfen Oel verzehrt, erlischt, langsam und still, so erlosch die Flamme dieses kurzen Blüthenlebens.

Die erkaltete Hand seines Kindes in der seinigen, das Haupt an der Schulter der kleinen Entschlafenen, stumm und regungslos kniete Dennhardt neben dem Sterbebette der kleinen Mimi.

Für den Schmerz eines Vater- und Mutterherzens in diesem Augenblick giebt es keine Worte der Schilderung; man müßte die Feder in Thränen und Herzblut tauchen.

* * * * *

Auf der Höhe der Düne, am Fuße eines kleinen Grabhügels, auf welchem sich ein einfaches Kreuz mit der Inschrift: »_Hier ruhet mein Glück_,« erhob, saß am Abend eines düsteren Septembertages, wenige Wochen nach jenem Augustmorgen, an welchem die kleine Mimi ihren himmlischen Geburtstag feierte, ein Mann mit grauem Locken- und Barthaar und gramdurchfurchten Zügen. Es war der deutsche Flüchtling Walther Dennhardt, der hier am Grabe seines Kindes saß und hinüberstarrte auf das Meer, das sich vor seinen Blicken ausbreitete, unendlich und grenzenlos wie die Ewigkeit.

»Die Ewigkeit! Giebt es eine Ewigkeit?« frug er sich, »eine Ewigkeit für das geschaffene Individuum, für die Creatur, die mit Bewußtsein über die Erde wanderte, bis das ewige, uralte Geheimniß des Todes an sie herantrat und den Leib in Staub zerfallen ließ, den Leib, die Wohnung eines ewigen, unzerstörbaren Geistes, der nur die Hülle wechselt, oder welcher der Mensch selbst ist, mit dessen Zerfall auch das ganze Dasein endigt? O dieses Räthsel des Lebens! Wer es lösen könnte, wer das Siegel von der Pforte nehmen könnte, welche die Geheimnisse des Todes verbirgt!«

Aber wie er auch sann und sann, und grübelte und grübelte, es war Alles eitel, Alles vergeblich -- kein Strahl des Lichtes in dieser Finsterniß, welche die Schatten des Todes erzeugt hatten.

In früheren schönen Tagen, wo noch für ihn die Quelle des Lebens in freudigem Sprudel hervorsprang, hatte Dennhardt oft im kleinen Kreise vertrauter Freunde über diese Räthsel des Lebens gesprochen und eine Lösung dieser Fragen, über welche Tausende im Taumel der Alltäglichkeit hinweg schlüpfen, ohne je darüber nachgedacht zu haben, gesucht, aber bei allem Ernste seines Strebens nach Wahrheit hatten ihm diese Räthsel der Schöpfung nie so sehr in der Seele gebrannt, nie hatte er so sehr das Bedürfniß nach einer Lösung empfunden, als seit dem Tage, an welchem der Finger des Todes an seine Thür pochte und das Leben seiner Mimi von ihm forderte.

Tod! Tod! Gab es einen wirklichen Tod, hatte seine Mimi aufgehört zu sein, gab es für ihn keine Hoffnung sein Kind einst in verklärter Gestalt wiederzufinden, dann war ihm die ganze Schöpfung eine große Lüge, die Welt ein Todtenhaus, durch welches ewig der bleiche Würgengel schreitet; dann war ihm die Erschaffung der Menschheit die bitterste Ironie, der grimmigste Hohn, die grausamste Ausgeburt eines fluchwürdigen Zufalls der Natur.

In dem ganzen Dorfe war Niemand, mit welchem Dennhardt über den Zustand seiner Seele, über diese entsetzlichen Zweifel, welche ihn marterten, hätte sprechen können.

Der katholische Pfarrer des Orts stand ihm mit seinen streng auf den Dogmen der katholischen Kirche beruhenden Ansichten viel zu fern, als daß zwischen ihnen Anknüpfungs- oder nur Berührungspunkte hätten vorhanden sein können.

Dennhardt hatte bis jetzt von dem Christenthume nur die Moral in sich aufgenommen, die Glaubenslehre war ihm immer ein Gebiet gewesen, das ihm unbekannt und fremd erschien, eine =terra incognita=, deren Bedeutung er erst begriff, als das furchtbarste Verhängniß seines Lebens sich erfüllte, als ihm seine Mimi von der kalten Hand des Todes geraubt wurde. Mit einer fast wahnwitzigen Begier verschlang er alle Werke, welche sich auf jenes große Räthsel des Lebens, auf dieses uralte Geheimniß des Todes bezogen, jenes Geheimniß, an dessen Lösung die Menschheit schon seit Jahrtausenden arbeitet, und das sie niemals enthüllen wird, dessen Schleier von keiner sterblichen Hand gelüftet werden wird.

Und als er sie alle gelesen, die Werke der Philosophen, von Aristoteles an bis herab zu Hegel, Strauß und Feuerbach, da erkannte er, daß es eine unübersteigliche Grenze für die menschliche Erkenntniß gebe, daß das letzte Blatt im Buche des Lebens, das Blatt, auf welchem die Geheimnisse des Todes verzeichnet stehen, mit einem Siegel geschlossen sei, welches von den Weltweisen aller Jahrhunderte vergebens zu lösen gesucht wurde.

Und dann lief er hinaus zum Grabe seines Kindes auf der Düne, zu dem kleinen Grabe, für welches der fanatische Priester keinen Platz innerhalb des Kirchhofs hatte, weil es das Kind eines Protestanten, eines Ketzers war, und setzte sich an dem kleinen Rasenhügel nieder und weinte heiße, blutige Thränen, und sprach mit seinem Kinde, mit seiner kleinen Mimi, der er allerlei Schmeichelnamen gab, gleich als verstehe sie ihn.

Wenn dann der Wind vom Meer herüber wehte und durch die Zweige des kleinen Tannenbaumes, welchen er auf das Grab gepflanzt, strich, wenn die Aeste und Zweige und die Blumenstengel der Astern sich flüsternd bewegten, dann glaubte er, es sei die kleine Mimi, welche ihm antwortete.

Der Gang nach dem kleinen Grabe, den er täglich gegen Sonnenuntergang antrat, mochte das Wetter auch noch so stürmisch sein, war sein einziger Ausgang. Weder in Vannes, noch in dem Dorfe ließ er sich sonst sehen.

Der Doktor Godin, welcher ihn zuweilen besuchte, forderte ihn vergebens auf, einmal mit nach Vannes zu gehen, sich etwas zu zerstreuen und den Trübsinn abzuschütteln, der ihn tagtäglich immer mehr gefangen nahm.

»Lassen Sie mich, Doctor,« gab er kopfschüttelnd zur Antwort, »ich will Nichts mehr von der Welt da draußen wissen ... Sehen Sie, Doktor, wenn ich jetzt unter die Leute komme, wie es mir neulich einmal geschah, und es begegnen mir Eltern mit ihren Kindern, und wenn es der ärmste Hirt ist, dessen Hütte die letzte im Dorfe, und seine Kinder springen vor ihm her, barfuß und halbnackt, so fühle ich mich so bettelarm gegen den Mann, daß ich mich vor ihm hinter dem nächsten Busch verstecken möchte. Es ist mir Alles genommen mit dem Kinde, nur mein Körper wandelt noch auf Erden, meine Seele aber ist bei meiner Mimi.«

Und wie er grau und alt geworden war in den wenigen Wochen! Wie alle Frische des Lebens aus den Zügen des noch so jungen Mannes weggewischt war, wie das blonde Haar sich entfärbt hatte und so wirr um sein Haupt flatterte!

Seine Beschäftigung hatte er ganz und gar aufgegeben. Er lebte von seinen Ersparnissen, die einst seiner Mimi gehören sollten, einen Theil davon hatte er zu einer Stiftung für arme Kinder des Dorfes verwendet. So verging der Herbst, und der Winter kam heran und überzog die grünen Berge von Morbihan mit seinem weißen Schneegewand, und auch das kleine Grab des kleinen deutschen Mädchens auf der Düne von Morbihan überzog er mit dem Leichentuche der hinsterbenden Natur.

Und wieder war der Weihnachtsabend da, jener heilige Abend, an welchem die Freude in tausend und aber tausend fröhliche Kinderseelen und glückliche Elternherzen einzieht. Den ganzen Tag über hatte Dennhardt, zu Mutter Poisson's großer Verwunderung, in seinem Arbeitszimmer sich eingeschlossen und eine auffällige Geschäftigkeit gezeigt. Als aber der Abend hereinbrach, ein windstiller, reiner, klarer Winterabend, so ein echter Christabend mit Tausenden von funkelnden Sternen am weiten Himmelsdome, da schlug Dennhardt seinen Mantel um die Schultern und wanderte hinaus nach der Düne zu dem Grabe seiner kleinen Mimi.

Was sich da ereignete, haben die Bewohner des Dorfes nie so recht erfahren können; nur Vermuthungen und die Aussagen eines Hirten, der in später Stunde seine Heerde unweit der Düne vorüber trieb, dem aber der Schreck über den seltsamen Anblick die ruhige Beobachtung raubte, so wie einige andere sichtbare Zeichen ließen auf den muthmaßlichen Zusammenhang schließen.

»Als ich,« so erzählte der Hirt, »spät am Abend mit meinen Ziegen und Schafen unweit der Düne vorbeizog, sah ich plötzlich an der Stelle, wo das Grab des kleinen deutschen Mädchens ist, helles strahlendes Licht ... Es war mir, als ob eine Unzahl Flammen aus der Erde aufstiegen und immer höher und höher wuchsen ... Und dann sah ich eine dunkle Gestalt mit flatterndem Haar und ausgebreiteten Armen, ein Buch in der Hand, neben dem Grabe stehen, und hörte seltsame, unverständliche Töne, die mir aber einen solchen Schreck in die Glieder jagten, daß ich entsetzt über den Spuk mit meiner Heerde in eiliger Flucht den Abhang hinab nach dem Dorfe zu sprang.«

Als Dennhardt am Morgen des Weihnachtstages noch nicht wieder nach Hause zurückgekehrt war, lief Mutter Poisson zu dem Doctor Godin und theilte diesem ihre Besorgnisse mit. Dieser ging zum Maire und fuhr dann mit diesem nach dem Dünenhügel.

Beim Erblicken des kleinen Grabes stieg eine Thräne in des Arztes Auge. Der Anblick war ein traurigrührender. Der kleine Tannenbaum auf dem Grabe war in einen schönen buntschimmernden Weihnachtsbaum verwandelt, an dem Nichts fehlte, weder der Erzengel von Rauschgold, noch das Zuckerwerk, noch die goldenen und silbernen Nüsse und Aepfel. Nur die gelben Wachslichter waren bis auf den Stumpf niedergebrannt. Es waren die Flammen gewesen, in welchen die abergläubische Phantasie bretagnischer Hirten böse Geister erblickt hatte. Am Fuße des Grabes, das Haupt auf den kleinen Rasenhügel gestützt, lag der deutsche Flüchtling, bleich und entseelt, aber mit dem Ausdrucke eines tiefen Seelenfriedens, ja einer gewissen Verklärung und freudigen Zuversicht in den bleichen Zügen.

Seine erstarrte Hand hielt ein aufgeschlagenes Buch; es war die Bibel. Tief bewegt beugte sich der Arzt zu dem Entschlafenen nieder, um das Buch aus der kalten Hand des Todten zu nehmen. Da traf sein Blick auf die aufgeschlagene Stelle, auf welcher wohl zuletzt das Auge des Entschlafenen geruht.

Es waren die Worte des Apostels:

»Siehe, ich sage euch ein Geheimniß: wir werden nicht Alle entschlafen, wir werden aber Alle verwandelt werden. Der Tod ist verschlungen in den Sieg.«

»Er hat das Räthsel des Lebens gelöst,« murmelte der Arzt, »er hat sein Kind wiedergefunden.«

Noch am selbigen Tage begrub man den Flüchtling an der Seite seines Kindes, seinen letzten sehnlichsten Wunsch, den er häufig im Gespräch mit dem Doctor geäußert, erfüllend.

Jahre sind seit jenem Weihnachtsabend vorüber gegangen, aber noch heute sieht man die beiden Gräber auf der Höhe von Morbihan. Und wenn die Meereswogen heranbrausen zur Düne, und die Möven über die Grabhügel hinstreichen, und es in dem Tannenbaum rauscht und flüstert, und zufällig ein Hirt mit seiner Heerde vorüberzieht, dann ergreift er nicht mehr die Flucht, sondern er pflückt eine Blume und legt sie auf das Grab des kleinen deutschen Mädchens und ihres Vaters, die hier im fernen fremden Lande jene letzte Ruhestätte fanden, welche das Ziel aller irdischen Wanderung ist.

Die Mütter des Dorfes aber führen ihre Kinder des Sonntags häufig zum Grabe der kleinen Mimi und erzählen ihnen die Geschichte von dem schönen kleinen Mädchen und von dem letzten Weihnachtsbaum, den ihr Vater auf ihr Grab pflanzte.

* * * * *

Und Fanny? Vergebens hat sie als Gattin des Vicomte von Grandlieu mehrere Jahre Europa nach allen Richtungen durchstreift, um Mimi zu finden.

Sie hat die Hoffnung endlich aufgegeben und sich mit ihrem Manne nach Paris zurückgezogen, wo sie, trotzdem daß der Schmerz seine leserliche Schrift in ihr schönes Antlitz gegraben, noch immer den Mittelpunkt eines glänzenden Kreises bildet, der sich um sie gesammelt.

Ob sie glücklich ist? Wir wagen es nicht zu glauben, denn eine Mutter bleibt immer Mutter, und mitten in dem Geräusch der Feste durchzuckt oft ein stechender Schmerz ihr Herz und eine düstere Trauer umflort ihre Stirn; sie bedeckt sich die Augen und zieht sich in ihr Zimmer zurück, wo sie ihr Gemahl dann von Thränen überfluthet auffindet.

Ahnt sie vielleicht das Geschick ihres Kindes und des Mannes, der einst ihr Gatte war?

Wie dem auch sei, die Ruhe ist von ihr geflohen und sie würde vielleicht den Rest ihres Lebens dahingeben, wenn sie ihr Geschick wieder mit dem jener zwei Seelen vereinigen könnte, deren irdische Hüllen in jenen Gräbern auf der Düne von Morbihan ruhen.

Sie ruhen sanft! Und das Murmeln des Meeres ist ihr ewiges Schlummerlied!

Wien. Druck von Jacob & Holzhausen.

[ Hinweise zur Transkription

Das Originalbuch ist in Frakturschrift gedruckt.

Symbole für abweichende Schriftarten:

_gesperrt_ : =Antiqua= .

Bei direkter Rede wurde, der überwiegenden Verwendung im Originalbuch folgend, das Kommazeichen einheitlich jeweils vor dem schließenden Anführungszeichen angeordnet.

Der Text des Originalbuches wurde grundsätzlich beibehalten, einschließlich uneinheitlicher Schreibweisen wie beispielsweise "erwidern" -- "erwiedern", mit folgenden Ausnahmen,

Seite 5: "Aufrüher" geändert in "Aufrührer" (Verbrecher zu verhaften, einen Aufrührer und Rebellenführer)

Seite 16: "berühmtensten" geändert in "berühmtesten" (in dem Atelier eines der berühmtesten Meister gearbeitet)

Seite 21: "endeckte" geändert in "entdeckte" (Hier entdeckte Dennhardt, dem seine Gattin)

Seite 22: "Uebezeugung" geändert in "Ueberzeugung" (meine Ueberzeugung, für Deutschlands Einheit und Freiheit)

Seite 25: "«" eingefügt (ein Mann ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«)

Seite 26: "»" eingefügt (antwortete sie leidenschaftlich, »wenn Du glaubst)

Seite 30: "gäng" geändert in "gang" (die unter diesen Leuten gang und gäbe waren)

Seite 44: "Tühr" geändert in "Thür" (der zwanzig Schritte von der Thür hält)

Seite 48: "Bellville" geändert in "Belleville" (von der Vorstadt bei Belleville weit hinein)

Seite 54: "ergeizigen" geändert in "ehrgeizigen" (Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne)

Seite 72: "Tühr" geändert in "Thür" (an jenem Abend aus der Thür ihres Hauses)

Seite 84: "«" eingefügt (wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?«)

Seite 100: "Jügling" geändert in "Jüngling" (so wie es vielleicht ein Jüngling ist)

Seite 103: "," eingefügt (wilde Schweine, Luchse und Dachse)

Seite 108: "vierunzwanzig" geändert in "vierundzwanzig" (bei einem Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht)

Seite 123: "lautlaus" geändert in "lautlos" (und lautlos vor sich hinstarrte)]