Ein kleines Kind: Weihnachts-Novelle

Part 5

Chapter 53,653 wordsPublic domain

Schon ehe das Kind geboren war, liebte er es, und während die Wünsche der Väter in der Regel auf einen Knaben gerichtet sind, wünschte er, daß es eine Tochter sein möchte.

Als nun sein Wunsch erfüllt wurde, da war er so glücklich, so wie es vielleicht ein Jüngling ist, dem endlich aus dem Munde der unendlich Geliebten das Wort der Erhörung wird.

Jetzt nun vollends, wo die Kleine das einzige Wesen war, welches er sein nennen konnte, jetzt hing er mit allen Lebensfasern an ihr und sie war der Mittelpunkt, um welchen sich alle seine Gefühle, Empfindungen, Gedanken, Entwürfe drehten.

Einst, als er mit ihr am Meeresstrande stand, auf jener Düne, wo er an jenem Herbstnachmittag mit dem Kinde saß und spielte -- es war sein liebster Ort, den er bei seinen Spaziergängen stets besuchte -- frug Mimi, hinüber zu der unendlichen Meeresfläche deutend:

»Papa, wohnen da drüben über dem großen Wasser auch Leute?«

»Gewiß, mein Kind, viele, viele tausend Menschen wohnen dort. Das Land, in welchem sie leben, nennt man England. Wenn Du groß geworden bist, meine Mimi, fahren wir einmal zusammen auf einem Schiffe hinüber und sehen uns die Leute und ihre Städte an.«

Das Kind hatte still und mit einer gewissen andächtigen Miene den Worten des Vaters gelauscht.

Dann hob es sein Köpfchen mit den blonden weichen Locken und den lieben braunen Augen zu dem Vater empor und sprach mit einem Ausdruck kindlichen Ernstes, der gerade, weil er aus einem so jugendlichen, lebensfrischen Munde kam, einen rührenden Eindruck erzeugte:

»Weißt Du was, Papa, ich will gar nicht groß werden ... ich will Deine kleine Mimi bleiben.«

Ein Gefühl urplötzlich aufsteigender Wehmuth bemächtigte sich seiner bei diesen Worten des Kindes und er vermochte nicht eine Thräne, die sich hervordrängte, zu unterdrücken.

»Nicht weinen, Papa,« bat Mimi, indem sie ihre Händchen bittend emporstreckte und als Dennhardt sie zu sich empor hob, legte sie ihr Lockenköpfchen an des Vaters Wange und sprach: »Du bist mein bester, guter Herzenspapa.«

Und dann fing sie an zu lachen und zappelte lustig vom Arme des Vaters herab, lief jauchzend hinter einem Schmetterling her und jubelte laut auf, als sie während dieser Verfolgung in dem weichen Sand stolperte und sanft von der Düne herabrollte, gerade in die ausgebreiteten Arme ihres Papa.

So schwand Monat nach Monat dahin. Dennhardt fühlte sich so glücklich, wie es noch nie in seinem Leben der Fall gewesen.

Es liegt eine so stille, friedliche Seligkeit in der Liebe zu einem Kinde, zu einem so unschuldigen und hülflosen Wesen, es verbreitet sich aus diesem Gefühl ein so sanfter, ruhiger Friede über den ganzen Menschen, über all sein Denken, Thun und Handeln, daß alle andern Empfindungen des Herzens dagegen als aufreibende Leidenschaften erscheinen.

Im schnellen Wechsel fliegen die Jahreszeiten dahin. Wenn der Sommer mit seinem bunten Farbenschimmer von Blumen und Blüthen, mit seinem grünen Schmelz der Wiesen, mit seinem blauen Himmel und goldnen Sonnenlicht dahingegangen war und der Herbst mit seinen kalten Regengüssen, seinen Stürmen auf dem Meere ihm folgte, und Dennhardt mit seinem Kinde daheim bei der knisternden Flamme des Kamins bleiben mußte, dann brach für die kleine Mimi eine Zeit neuen märchenvollen Glückes an.

»Papa, erzähle mir eine Geschichte!« Mit diesen Worten erwachte sie früh in ihrem Bettchen, das dicht neben dem ihres Vaters stand, und mit diesen Worten ging sie schlafen.

Dann setzte sich Dennhardt, nachdem er sie sorglich zugedeckt, an ihr Lager, nahm ihre kleine, weiche, warme Hand in die seinige und erzählte ihr lauter kleine, das Kind mächtig fesselnde Geschichtchen aus seiner Jugend, wie er noch ein kleiner Junge war, von seinem lieben Schwesterchen Helene, die so bald gestorben und der die Eltern ihre Lieblingspuppe, die sie »Anna« nannte, mit in den Sarg gegeben, und von den grünen Wäldern in Thüringen, in welchen allerlei wilde Thiere hausten, Hirsche, Rehe, wilde Schweine, Luchse und Dachse, Geschöpfe, welche die Kleine nur aus ihren Bilderbüchern kannte. Am meisten aber interessirte sie die Erzählung von dem getreuen Eckard, der auch in den thüringischen Wäldern lebt und die Kinder beschützt gegen Nixen, Kobolde und Menschenfresser. Sie war unermüdlich im Anhören dieser Erzählungen, und oft flüsterte sie, endlich doch vom Schlafe übermannt, während sich ihre Augen schon schlossen und sie sich in die Kissen vergrub, noch mit leiser Stimme: »Papa, noch eine Geschichte ...« und war in der nächsten Minute fest eingeschlummert.

So vergingen einige Jahre in ruhigem, stillem Leben. Mimi war fünf Jahre alt geworden und plapperte frisch und gewandt aus ihrem kleinen Munde Alles heraus, was ihr Herz bewegte.

Mit ihrem Papa sprach sie Deutsch, während sie mit der alten Mutter Poisson Französisch plauderte.

Es gab Dennhardt, trotzdem daß er glaubte Alles überwunden zu haben, doch einen scharfen Stich ins Herz, als er eines Tages die kleine Mimi zu der alten Frau, mit der sie in dem Garten vor dem Hause auf und ab ging, sagen hörte:

»=Ma chère mère, reposons-nous un moment sur ce banc de gazon.=« (Meine gute Mutter, laß uns einen Augenblick auf dieser Rasenbank ausruhen.)

»=Ma chère mère!=« Armes Kind, das nie wieder die Stimme der Mutter hören sollte! Eine Erinnerung an ihre Mama, an Fanny, schien die Kleine nicht zu haben, wenigstens erwähnte und frug sie niemals danach. Freilich war sie auch, als Walther mit ihr Paris verließ, noch nicht zwei Jahre alt gewesen, und die Veränderung des Wohnorts, die Reise, die neuen tausendfachen Eindrücke der Außenwelt auf die junge erwachende Kindesseele verscheuchten schon in der ersten Zeit die schwachen Erinnerungen, welche sich in ihrem Gedächtniß befunden hatten. Als sie endlich das Französische sprechen gelernt, hatte sie in den zwei Kindern eines Lootsen, der früher lange als Obersteuermann auf einem Kriegsschiff gedient und in dem Hause nebenan wohnte, ein paar Gespielinnen erhalten.

Pauline und Lisette waren fast in gleichem Alter wie Mimi, doch viel schüchterner, blöder als die Kleine. Der Lootse, sonst ein ganz braver Mann, hatte noch immer etwas Rauhes, Strenges in seinem Wesen und ließ die Kinder nicht selten seine schwere Hand fühlen, während Mimi bei aller ihrer Kindlichkeit sich so ruhig, sicher, so selbstständig bewegte, daß der Unterschied sofort in die Augen sprang.

Die Liebe ihres Vaters gab der Kleinen diese liebenswürdige Sicherheit und Unbefangenheit, die sie selbst größern Personen gegenüber zeigte.

Eines Tages, Dennhardt arbeitete eben emsig an einer Gruppe, welche für eine Capelle in der Nachbarschaft bestellt war, spielte sie mit Pauline und Lisette und noch einigen Kindern ihres Alters vor dem Garten ihres Hauses.

Die Kinder jauchzten, tanzten und sangen und verursachten ein wenig Lärm, welcher den Feldhüter oder Flurschützen des Orts, der eben aus der Schenke kam, einen griesgrämigen Patron, störte.

Der Flurschütz ist für die Kinder in den französischen Dörfern dieselbe Popanzfigur, wie es der Polizeidiener unserer kleinen deutschen Städte für die liebe Gassenjugend ist.

Der rothe Streifen an der Mütze und am Kragen hat diesseits wie jenseits des Rheins dieselbe Wirkung: die Kinder flüchteten, als sie den Mann mit der Flinte über dem Rücken und den Stock drohend erhebend daher kommen sahen, nach links und rechts in die benachbarten Häuser.

Nur Mimi blieb mit ihrer Puppe im Arm ruhig in der Mitte der Straße stehen.

»Heda, Du kleiner Balg,« rief der Flurschütz mit einer drohenden Bewegung die Hand erhebend, »willst Du machen, daß Du fort kommst?«

Die Kleine rührte sich nicht, sondern blickte dem Mann mit ihren großen strahlenden Augen fest ins Gesicht.

»Nun, wird es werden?« schrie er erbost, »oder soll ich Dich fortprügeln?«

»Mein Papa hat gesagt, ich soll hier spielen, und was mein Papa gesagt hat, Das thue ich, und wenn Du mich prügelst, dann schießt Dich mein Papa mit seiner Flinte todt.«

Der Mann erschrack fast, als das kleine fünfjährige Mädchen ihm mit solcher Ruhe und Bestimmtheit vom Todtschießen sprach.

»Dein Papa?« brummte er, »und wer ist Dein Papa?«

»Die Leute nennen meinen Papa Herrn Dennhardt und ich bin Mimi Dennhardt.«

»Ah! die Tochter von dem deutschen Réfugié,« murmelte der Feldwächter, indem er einen scheuen Blick nach dem Hause Dennhardt's warf, »er soll ein verwegener Bursche sein und in Deutschland bei einem Massacre vierundzwanzig Aristos umgebracht haben.« Ein derartiges Märchen gehörte zu den Gerüchten, welche sich über Dennhardt's Betheiligung an der Revolution bei einigen leichtgläubigen und neugierigen Schwätzern verbreitet hatten und sehr wohl in einem Lande geglaubt werden konnten, wo sich mit dem Begriff der Revolution auch zugleich der der Guillotine und der Niedermetzelung der Aristokraten verband.

Im vorliegenden Fall hatte dieses schauerliche Gerücht für Mimi indessen das Gute, daß der Feldwächter, ein Poltron, für welchen von jeher der ernste Blick Dennhardt's und sein langer wallender Bart etwas Zurückscheuchendes, Ehrfurchtgebietendes gehabt, die Kleine ungehindert weiter spielen ließ und nur beim Weitergehen mit den halblaut gemurmelten Worten: »Nun, heute magst Du noch spielen, wenn ich Dich aber morgen wieder hier treffe, so wirst Du mich kennen lernen,« seine gefährdete Autorität rettete.

Wenn Mimi von ihrem Vater ein Geschenk erhielt, das er ihr stets mitbrachte, wenn er in Vannes gewesen, so rief sie mit ihrer lieblichen Silberstimme ihre kleinen Gespielinnen, Pauline und Lisette, eilig herbei.

War es eine Leckerei, so theilte sie dieselbe gewissenhaft in drei Theile, war es ein Spielwerk, dann mußten die Kinder ebenso damit spielen, als wäre es das ihrige. Mitunter kam es vor, daß die Kleinen, schüchtern und blöde, wie sie in Folge der strengen Zucht ihres Vaters, des Lootsen, waren, die Annahme dieser kleinen Geschenke und Liebesbeweise verweigerten; dann aber gerieth Mimi in fast zornige, leidenschaftliche Aufregung und versuchte oft mit Gewalt die Kinder zur Annahme zu zwingen, was schließlich Geschrei und Thränen zur Folge hatte. Dann kam gewöhnlich Dennhardt herbei und überwand durch Zureden die Blödigkeit der Kinder. Nahmen sie dann, was ihnen Mimi darbot, dann war die Kleine wieder so außer sich vor Freude, daß sie die Kinder stürmisch umarmte, küßte und mit allerlei Schmeichelnamen nannte.

Bei den Bewohnern des Dorfes, zumal bei den Frauen, stand Mimi in großer Gunst. Sie war der erklärte Liebling der jungen Mütter, welche bereitwillig die liebliche Schönheit und geistige Ueberlegenheit des fremden Kindes anerkannten.

Viel trug auch Dennhardt's Wohlthätigkeit dazu bei, der bei seinem überreichen Verdienst manche Gabe in die Hütten der Armuth sendete und als Geberin gewöhnlich Mimi mit der Mutter Poisson schickte, so daß das Kind, wenn es über die Schwelle einer armseligen Hütte trat, von den Bewohnern wie ein kleiner rettender Engel begrüßt wurde.

7. Das Räthsel des Lebens.

Es war im Sommer, wenige Wochen vor Mimi's sechstem Geburtstage. Eine dumpfe Schwüle lag auf dem kleinen Orte, überall sah man traurige und verweinte Gesichter. Der Todesengel war eingezogen in dem Dorfe und hielt eine reiche Ernte unter den lieblichsten Blumen der Menschheit, unter den Kindern.

Es war eine bösartige Epidemie, eine jener verheerenden Krankheiten, welche an die düstere blutige Sage von dem Würgengel erinnern.

Auch Mimi war von der Krankheit ergriffen worden und lag schon einige Tage hart darnieder.

Dennhardt wich nicht einen Augenblick von ihrem Bette. Gleich als sich die ersten Symptome des Fiebers zeigten, hatte er einen reitenden Boten nach Vannes geschickt und den tüchtigsten Arzt der Stadt holen lassen, der auch wenige Stunden später erschien.

Wie ein Sterbender, mit dem Ausdruck tiefster Seelenangst in den verstörten Zügen trat ihm Dennhardt unter der Hausthüre entgegen.

»Retten Sie mir mein Kind, Doctor,« sprach er mit bebender Stimme, indem er ihm seine zitternde Hand entgegenstreckte, »meine Mimi ...« Er konnte nicht mehr sprechen, die Stimme versagte ihm.

Der Arzt, welcher Dennhardt von seinen Besuchen in Vannes her kannte und sich, schon weil er politischer Gesinnungsgenosse des deutschen Flüchtlings war, zu Dennhardt hingezogen fühlte und ihn bei näherer Bekanntschaft auch wegen der Bravheit seines Charakters hoch schätzen gelernt, war im ersten Augenblick ganz überrascht von dieser tiefen Bewegung Dennhardt's.

Wußte er auch, daß der Bildhauer sein Kind auf das zärtlichste liebte, so hätte er doch nimmer in dem ernsten ruhigen Manne eine solche Weiche des Gefühls vermuthet.

»Fassen Sie sich, mein Lieber, man darf, so lange der Odem des Menschen aus- und eingeht, nie verzagen, am Wenigsten aber bei den Krankheiten der Kinder, wo die Heilkraft der Natur, viel häufiger als es von dem klügsten Arzt erwartet wird, Genesung fast urplötzlich bringt.«

Er trat an das Bett der Kleinen, die in einer Art Halbschlummer lag. Dennhardt's Auge hing an des Arztes Mienen, und es entging ihm nicht, wie diese, trotz der Selbstbeherrschung des Mannes, einen sehr ernsten, bedenklichen Charakter annahmen.

»Das Kind ist krank ... sehr krank,« sprach er vom Bett zurücktretend in leisem Tone zu Dennhardt, welcher mit vor Aufregung laut hämmerndem Herzen dem Arzte gewissermaßen jedes Wort von den Lippen nahm, »indessen man darf noch nicht die Hoffnung aufgeben. Vor allen Dingen sorgen Sie dafür, daß die Arznei, welche ich verschreibe, rasch geholt wird.«

»Nicht alle Hoffnung aufgeben,« wiederholte Dennhardt mit erloschener Stimme und einem Blicke verzweifelter Seelenangst, »o, ich weiß, was diese Worte in dem Munde eines Arztes bedeuten.«

»Muth, Muth, Mann,« tröstete der Doctor, »und vor Allem die Arznei. Ich komme morgen mit dem Frühesten wieder, für außerordentliche Fälle wenden Sie sich an den Doctor Godin, der ganz in der Nähe, eine Viertelstunde von hier, auf seinem Landgute lebt. Er prakticirt zwar nicht mehr, aber hier wird er eine Ausnahme machen, ich will im Vorbeifahren selbst mit ihm sprechen. Gott stehe Ihnen bei, mein Freund!« Mit diesen Worten verabschiedete sich der Arzt.

In tödtlicher Spannung und Ungewißheit vergingen einige Tage. Täglich kam der Doctor und täglich wußte er für das von Todesqualen erfüllte Herz des Vaters keine andere Antwort, als die furchtbaren Worte: »Das Kind ist sehr krank ... indessen man darf die Hoffnung noch nicht aufgeben.«

Zehn entsetzlich peinvolle Tage und Nächte waren so dahingegangen. Dennhardt's Augen hatten sich während dieser Zeit auch nicht auf eine Minute zum Schlafe geschlossen. Eine alle Nerven und Fibern aufregende, gewöhnliche menschliche Kraft weit übersteigende Willensmacht erhielt ihn munter.

Er wich nicht einen Augenblick von Mimi's Bett, und sein Auge überwachte die geringste Bewegung des Kindes.

Es war in der elften Nacht ihrer Krankheit ... die Gewalt des Fiebers, welches gegen Abend nachgelassen, hatte sich eine Stunde vor Mitternacht wieder heftig gesteigert, der Puls flog in stürmischer Eile ... der Athem war kurz und beklommen ...

»Papa,« sagte plötzlich das Kind, welches während der Krankheit meist stumm und theilnahmlos gegen seine Umgebung sich verhalten hatte, »Papa ... ich kann gar nicht Luft bekommen.«

Es war des Kindes erste Klage, aber sie traf Dennhardt wie der Stoß eines glühenden Schwertes mitten in das Herz hinein!

»Meine gute, liebe Mimi,« sprach er mit halberstickter Stimme, die Kleine sanft emporrichtend und das Bett aufschüttelnd, »ich will Dir ein Kissen unterlegen, Du liegst so niedrig, dann wirst Du auch leichter athmen können.«

Aber er konnte es nicht verwehren, daß ihm zwei Thränen über die Wangen liefen, trotz seiner Anstrengung dem Kinde seinen Schmerz zu verbergen.

Die Kleine sah die Thränen.

»Nicht weinen, Papa,« sagte sie mit ihrer leisen, weichen Stimme und indem sie mit ihren glänzenden Augen aufmerksam ihres Papa's Züge betrachtete. Dann wendete sie sich auf die andere Seite und verfiel wieder in jenen dumpfen Halbschlummer, in welchem weder die Phantasie, noch der Körper ruht, und der nicht sowohl stärkend, als vielmehr erschöpfend wirkt.

Nach Mitternacht steigerten sich die fieberhaften Erscheinungen und die Beklemmungen beim Athmen so, daß Dennhardt einen Boten nach dem Doctor Godin schickte.

Dieser kam und hatte kaum einen Blick auf das Kind geworfen, als er eilig nach Blutegeln verlangte.

Man holte sie beim Dorfbader und setzte der Kleinen, die Alles geduldig ertrug, drei der schwarzen häßlichen Thiere in die Nähe des Herzens.

Da wurde die Thüre geöffnet und die junge Lootsenfrau erschien weinend auf der Schwelle und bat den Doctor, von dessen Ankunft sie gehört, zu ihrem todtkranken Kinde, ihrer Lisette, zu kommen.

»Auf der Stelle komme ich,« entgegnete der menschenfreundliche alte Arzt, der längst der Praxis entsagt hatte und nur aus Humanität seine Dienste der leidenden Menschheit widmete, »ich werde gleich zurück sein, lieber Freund.«

Er ging und Dennhardt blieb allein mit der Mutter Poisson bei seinem Kinde zurück.

Es war eine dumpfe und schwüle Nacht. Ueber den Bergen wie über dem Meere hingen dunkle Wetterwolken, und am fernsten Horizonte, da wo Wasser und Himmel sich zu vermählen scheinen, leuchteten schon feurige Blitze. In der Stube brannte nur die schwache Flamme einer mit einem grünen Schirm umgebenen Lampe, da das Kind sich vom Anfang der Krankheit an gegen den hellen Lichtschimmer empfindlich gezeigt hatte.

Kein Geräusch in dem Zimmer, als des Kindes rasche Athemzüge und das hörbare Hämmern und Klopfen des kleinen Herzens.

Dennhardt kämpfte vergebens gegen den Ausbruch eines Schmerzes, den er lange unterdrückt hatte, der aber endlich mit Gewalt hervorbrach und in heißen Thränenströmen über seine Wangen fluthete.

Es war jenes stille Weinen einer kräftigen Männernatur, die unverzagt im Sturm und Wetter steht, die selbst mit zerbrochenem Schwerte und aus zehn Wunden blutend noch die Schlacht des Lebens gegen den äußern Feind schlägt, die aber weich wird wie eine Kinderseele, wenn des Schicksals Hand an das Herz greift und von diesem Herzen das einzige Wesen reißt, an welchem es mit allen Fasern hing.

Hab und Gut, Vaterland und Beruf, Weib und Lust des Lebens hatte Dennhardt in seinem Kampfe für die großen Ideen der Freiheit verloren, es hatte ihn nicht erschüttern können, selbst die Trennung von Fanny hatte ihn kaum eine Thräne gekostet, denn sie hatte ja nicht ohne ihre eigene Schuld aufgehört das Weib seiner Liebe zu sein; aber dieser drohende Verlust seines Kindes, seiner kleinen lieben Mimi, ergriff ihn mitten an seine Lebensnerven, er ließ ihn zusammenbrechen.

Schmerzliches, aber zugleich rührendes Beispiel der Hinfälligkeit menschlicher Kraft, der Ohnmacht menschlicher Größe, gegenüber dem Walten eines ewigen, allmächtigen Wesens, dessen Natur für uns unbegreiflich ist, das wir nur in seinen Schöpfungen ahnen können, dessen Macht aber jede Creatur anerkennen muß und stände sie auf der obersten Stufenleiter, auf der letzten Sprosse der Schöpfung, und wäre sie auch geschaffen nach dem Bilde des ewigen unbegreiflichen Wesens, mit der Gottähnlichkeit.

Ein leiser Ruf des Kindes weckte den unglücklichen Vater aus der dumpfen Betäubung, welcher dem Ausbruch seiner Thränen gefolgt war. Es war dieselbe frühere sanfte Klage der kleinen Mimi, die einzige, welche sie laut werden ließ:

»Papa, ich kann gar nicht Luft bekommen.«

»O Gott, Gott!« seufzte der unglückliche Vater aus der Tiefe seines Herzens und sandte einen verzweifelten Blick zum Himmel empor, »von aller der Luft, welche uns umweht, hat mein armes Kind nicht so viel, um athmen zu können.«

In diesem Augenblicke kam der Doctor Godin aus dem Nachbarhause zurück.

»Saugen die Blutegel noch?« frug er schon unter der Thür.

Eins der Thiere war abgefallen und die nachblutende Wunde hatte, ohne daß Dennhardt in seinem Schmerze es bemerkt, die weißen Linnen des Bettes blutig gefärbt.

»Barmherziger Gott!« rief er mit halb erstickter Stimme, »was ist Das? ... das Kind verblutet sich.«

»Still,« sprach der Arzt mit einer ernsten Geberde, »wenn auch Das nicht zu befürchten ist, so muß die Blutung doch schnell gestillt werden.« Und er zog aus einem kleinen Etui eine Federspule hervor, mit welcher er rasch die blutende Wunde berührte.

Aber bei der ersten Berührung stieß das Kind einen so heftigen, durchdringenden Schrei aus, daß Dennhardt zusammenzuckend des Arztes Hand faßte und sie krampfhaft drückte.

»Papa ... Papa ... der alte Mann sticht mich,« schrie das Kind mit verwirrter, ängstlicher Geberde und abwehrenden Händen, »jag' ihn fort, Papa ... jag' ihn fort ...«

»Seien Sie ein Mann,« flüsterte der Arzt dem Erbleichenden zu, auf dessen Stirn Angsttropfen perlten, »es ist Nichts ... ein kurzer, vorübergehender Schmerz ... die Gefahr, welche durch den Blutverlust entsteht, ist nicht gering.« Und wieder versuchte er mit dem kleinen Stift der Spule die Wunde zu berühren.

»Mein süßer ... süßer Papa,« schrie die Kleine auf, sich angstvoll in dem Bettchen emporschnellend und die Arme nach ihrem Vater, der zu Häupten des Bettes stand, ausbreitend, »der böse Mann ... der böse Mann ... jag' ihn fort ... jag' ihn fort, Papa.« Und sie schlang ihre Händchen mit entsetzten Blicken um ihres Papa's Nacken.

Das Blut aber rann immer noch in kleinen Strömen aus der Wunde.

»Barmherziger Gott, Doctor, giebt es kein anderes Mittel die Blutung zu stillen?«

»Versuchen Sie es selbst,« sprach der Doctor tief bewegt, »hier ... nehmen Sie den Stift ... touchiren Sie.«

Mit zitternder Hand nahm Dennhardt die Spule mit dem Höllensteinstift und flüsterte mit bebender Stimme dem zitternden Kinde zu:

»Es ist Nichts, meine kleine süße Mimi. Du wirst auch bald wieder gesund und dann gehen wir zusammen.« Und er berührte die Wunde.

»Papa ... Papa ... Du stichst mich. Ach ... Papa.«

Der Stift entfiel seiner Hand.

»Ich kann nicht mehr ... Doctor ... O Gott, Gott!« Der Unglückliche wankte und wäre zu Boden gestürzt, wenn ihn der Arzt nicht aufrecht erhalten.

»Beruhigen Sie sich ... fassen Sie Muth,« raunte er dem Verzweifelten zu, »Ihre Hand traf sicherer als die meinige, die das Alter zitternd machte. Das Blut steht ... etwas Charpie aufgelegt, und wir haben Nichts weiter zu befürchten.«

Das Kind war indessen auch ruhiger geworden und schloß die Augen zu einem kurzen Schlummer, während Dennhardt todtmüde an Geist und Körper, blutend aus der tiefsten Herzenswunde, welche ihm der Schmerz dieser qualvollen Nacht geschlagen, auf seinen Sitz neben dem Bett zurücksank und lautlos vor sich hinstarrte.

»In zwei Tagen,« sagte der alte Doctor, von dem schmerzerfüllten Vater Abschied nehmend, »wird die Entscheidung eingetreten sein ... bis dahin, mein alter Freund, Geduld und Ruhe.«

* * * * *

Der Tag brach an, ein drückend heißer Augusttag ... die Gewitter der verflossenen Nacht hatten die Gluth nur wenig abzukühlen vermocht, die Sonne warf von dem wolkenlosen blauen Himmel sengende Strahlen auf die Erde herab, die Luft stand still, nicht der leiseste Windhauch bewegte sie.

Trotz der herabgelassenen Gardinen, der geöffneten Thür, welche auf den kühlen Vorsaal des Hauses führte, und trotz der Sprengung mit Wasser und Essig herrschte in dem Zimmer, wo die kleine Kranke lag, doch eine schwüle Atmosphäre.

Mimi war eben wieder eingeschlummert, die alte Mutter Poisson saß mit rothgeweinten Augen am Bett des Kindes und scheuchte mit einem Baumzweig die zudringlichen Fliegen ab, welche das Haupt des Kindes umschwirrten.

Dennhardt war hinaus in den Garten gegangen, um einen Strauß Blumen zu brechen.

Es war heute Mimi's Geburtstag, heute vor sechs Jahren hatten ihre Augen zum ersten Mal das freundliche Licht der Sonne erblickt.