Ein kleines Kind: Weihnachts-Novelle
Part 4
»Gesegnet sei die Stunde, in der Dein Fuß dieses Haus betritt, Fanny,« flüsterte er und ergriff ihre Hand, die er leidenschaftlich bewegt an seine Lippen drückte.
»Möge ich nie bereuen, was ich heute thue,« entgegnete sie.
»Nur Schwächlinge bereuen, Fanny, und Sie gehören zu jenen starken Naturen, die entweder brechen oder siegen.«
Während dieser leise gewechselten Reden hatte der Vicomte die junge Frau über einen Corridor, auf dessen weichen Teppichen die Tritte lautlos verhallten, in ein Zimmer geführt, welches den gemischten Charakter eines Boudoirs und eines eleganten Studiercabinets trug. Herabgelassene Gardinen von dunkelrother Seide, eine Tapete von ernster brauner Farbe mit Goldleisten, Sessel =à la= Voltaire mit violettem Sammet, fein gearbeitete Pfeiler- und Spiegeltischchen, auf welchen eine Menge kleiner interessanter Spielereien standen, zwei mäßige Bücherschränke mit wissenschaftlichen und dichterischen Werken, ein elegant gearbeiteter Schreibtisch, über welchem einige Waffen, alte Stücke aus dem Mittelalter, und das Porträt des Herzogs von Bordeaux hingen, bildeten die Ausstattung des Cabinets, dessen Atmosphäre durch die knisternde Flamme in dem Kamin von bläulichem Marmor angenehm erwärmt war.
Der junge Vicomte führte Fanny zu einem Sessel, in welchem die junge Frau wie erschöpft von einem weiten Wege niedersank, und nahm dann ihr gegenüber Platz.
Sie drückte die Hände vor die Augen, stumm und regungslos, während der Vicomte gleichfalls in tiefem Stillschweigen auf den Boden niederblickte.
Endlich nach einer langen, langen Weile ließ sie die Hände sinken, ihr Blick begegnete dem des Vicomte.
Sie sah blaß aus, sehr blaß; aus ihren Augen strahlte ein übernatürlicher Glanz und ihre Stimme klang matt und bebend: als sie flüsterte:
»Edmund ... werden wir auch glücklich sein?«
»Fanny,« und er sank vor ihr auf seine Knie, »kannst Du zweifeln? Die Sterne einer geweihten Nacht leuchten uns zu dem feierlichen Augenblicke, in dem wir den Bund für's Leben schließen, aber goldener und strahlender als alle die Gestirne des Himmels, welche dort oben glänzen, leuchtet der Stern der Liebe in meiner Brust -- möge Gott mich einst vor seinem Richterstuhle verwerfen, wenn dieser Stern jemals untergehen sollte.«
»Schwöre nicht,« sprach sie, die Hand abwehrend erhebend, »Schwüre werden oft zu lästigen Fesseln, die deßhalb immer unerträglicher werden, weil man glaubt, daß man sich nicht von ihnen befreien kann, ohne die Rache der Gottheit wach zu rufen. Der freie Wille ist oft ein festeres Band als tausend Schwüre und Eide. Doch nun laß uns von den nächsten Aufgaben reden, denn Du begreifst, daß ich von heute an meinen Aufenthalt in der Wohnung Dennhardt's nur noch nach Tagen zählen kann.«
Es lag so etwas Tiefernstes, Feierliches in der Art und Weise, mit welcher sie alles Dies sprach, daß der junge Vicomte, so leidenschaftlich er auch in Liebe und Verlangen aufglühte, doch in eine ernste Haltung zurückgescheucht wurde.
»Ich habe,« sprach er, »mit einem der besten Advocaten von Paris Rücksprache genommen. Es werden wenig Schwierigkeiten zu überwinden sein, da Ihr Beide protestantisch seid.«
»Aber das Kind, meine süße liebe Mimi,« unterbrach die junge Frau den Vicomte, »was war sein Urtheil darüber?«
Der Vicomte zögerte mit der Antwort.
»Bis zum fünften Jahre,« sprach er endlich, »würde es unbestritten der mütterlichen Obhut anvertraut werden müssen, von da an aber ...«
Er hielt stockend inne.
»Weiter, weiter, Edmund,« drängte Fanny, die ihm jedes Wort von den Lippen zu nehmen schien, »was sprach er über die fernere Zukunft?«
»Ueber die fernere Zukunft, meinte er, könne sich leicht eine Controverse entspinnen ... da Dennhardt kein französischer Staatsbürger, sondern ein Deutscher und als solcher ...«
»Genug, genug,« rief Fanny, ihn von Neuem unterbrechend, aus, »ich verstehe ... Vom fünften Jahre an wird er das Recht haben mir mein Kind zu rauben. Du siehst wohl, Edmund,« setzte sie traurig hinzu, »daß wir auf unser Glück verzichten müssen.«
»Fanny, Fanny, so leicht giebst Du mich auf?« rief der junge Mann mit schmerzlichem Ausdrucke, »ohne zu kämpfen, ohne zu wagen! Können wir nicht mit Deinem Kinde in den fernsten Winkel der Erde fliehen, wo uns der Arm jenes Mannes nicht erreichen kann, können wir nicht durch tausend Listen seine Nachforschungen und Verfolgungen vereiteln? Ich bin reich, Fanny, und Du weißt, daß das Geld heut zu Tage alle Hindernisse und alle Schwierigkeiten besiegen kann.«
Die junge Frau versank in ein tiefes Nachdenken. Dann erhob sie ihr Haupt, fest und entschlossen.
»Wohlan! ich will es wagen ... Als Du mir vorhin schwören wolltest, da sprach ich: schwöre nicht. Jetzt verlange ich einen Schwur von Dir, einen Schwur bei Allem was Dir theuer und heilig, den Schwur, selbst Dein Leben daran zu setzen, um mir mein Kind zu sichern.«
Der Vicomte von Grandlieu erhob mit feierlicher Geberde die Hand.
»Ich schwöre,« sprach er.
»Und ich,« flüsterte Fanny, indem sie ihre Arme um seinen Nacken schlang und ihm tief und glühend in die Augen blickte, »und ich bin von diesem Augenblicke an Dein ...«
5. Verschwunden.
Hatte Dennhardt von der Entfernung seiner Frau, welche gegen Mitternacht in dem Wagen des Vicomte in ihre Wohnung zurückgekehrt war, Nichts bemerkt oder wollte er Nichts bemerken, genug, er erwähnte den immerhin auffälligen Weggang Fanny's und ihre späte Heimkehr mit keinem Worte. Auch sonst zeigte sich in seinem Benehmen keine Veränderung, nur daß er vielleicht, wenn Das überhaupt möglich war, sich noch wortkarger und verschlossener zeigte.
Nach der Verabredung, welche Fanny und der Vicomte getroffen, sollte Fanny am Sylvesterabend unter irgend einem Vorwand mit dem Kinde ausgehen, vielleicht unter dem Vorgeben eine Spazierfahrt zu machen, dann die von dem Vicomte für sie eingerichtete Wohnung beziehen und hieran die Scheidung einleiten. Fanny's Charakter widerstrebte freilich dieses heimliche Entweichen; ihrem stolzen Sinne wäre es viel lieber gewesen, wenn sie in offnem Bruch sich von ihrem Manne hätte entfernen können. Allein der Vicomte hatte ihr mit klugen Worten nachgewiesen, wie unbesonnen ein solches Verfahren sein würde, wie es leicht zu einer Katastrophe führen könnte, die für sie und das Kind verhängnißvoll werden könnte.
Und doch hatte Fanny trotz alledem immer noch geschwankt. Der Vicomte, Dies bemerkend und eine Unbesonnenheit der jungen Frau befürchtend, hatte ihr wenige Tage nach dem Besuche in seinem Hôtel einen Brief geschrieben, worin er sie mit den eindringlichsten Worten beschwor, seinem Rath zu folgen.
»Ich beschwöre Dich,« schrieb er ihr, »bei unserer Liebe, bei dem Haupte Deines Kindes, nur scheide nicht in offnem Bruch von Dennhardt. Er würde vielleicht Dich, aber nimmermehr das Kind lassen, und wie mir mein Sachwalter versichert, könnte Dein Mann bis zur Entscheidung des Processes das Kind bei sich behalten. Du wirst es ihm nicht verwehren können nach England und Italien zu gehen, sich in eine Einsamkeit mit dem Kinde zu flüchten und Dir es für immer zu entziehen. Folgst Du aber meinem Rath, scheidest Du mit dem Kinde von Dennhardt, ohne daß er es ahnt, so brauchen wir Nichts zu fürchten. Meine Vorsichtsmaßregeln habe ich so getroffen, daß er, selbst für den Fall, daß er Deine Wohnung erkundschaftet, nicht zu Dir und dem Kinde gelangen wird.«
Dieser Brief entschied. Fanny beschloß, am nächsten Tag mit dem Kinde ihren Gatten zu verlassen, und nur das Eine wollte sie noch thun, ihm noch einmal in einem zurückgelassenen Schreiben die Motive dieses Schrittes darlegen.
Sie hatte die Zeilen, in welchen der Vicomte sie zugleich um eine Zusammenkunft für den Nachmittag in dem Café Tortoni gebeten, in den Vormittagsstunden empfangen, hatte dann in ihrem Schlafzimmer den für ihren Mann bestimmten Brief geschrieben und war, nachdem sie die kleine Mimi, welche ihren Nachmittagsschlummer hielt, zärtlich geküßt, ausgegangen. Wäre sie weniger mit dem Gedanken an ihre Flucht beschäftigt gewesen und hätte sie das Wesen ihres Mannes an diesem Tage nur etwas schärfer beobachtet, so würde sie vielleicht nicht so ruhig und zuversichtlich auf das Gelingen ihres Planes das Haus verlassen haben.
Walther stand am Fenster, als sie über die Straße ging, um in eine der an der Ecke haltenden Droschken zu steigen.
Er blickte ihr nach, so lange sein Auge sie erreichen konnte.
Dann, als auch der Saum ihres Gewandes nicht mehr sichtbar war, wendete er sich mit einer raschen Bewegung ab und strich sich mit der Hand leicht über die Augen.
Blendete ihn der Sonnenstrahl des heiteren Decembertages oder perlte eine Thräne an seinen Wimpern?
»Leb' wohl,« murmelte er, sich noch einmal nach dem Fenster wendend und die Hand nach der Gegend ausstreckend, wo Fanny verschwunden; »lebe wohl für immer!«
Es war vier Stunden später ... Die Sonne sank hinab, und ihre letzten schwachen Strahlen vergoldeten mit mattem Glanze die Höhen von Belleville. Eine Droschke rollte an das Haus, in welchem der Flüchtling wohnte. Fanny sprang aus dem Wagen und eilte die Treppe zu ihrer Wohnung hinan. Sie kam von der Unterredung mit dem Vicomte, und diese Nacht sollte unwiderruflich die letzte sein, welche sie und Mimi in der Wohnung Dennhardt's verleben sollten.
Sie ist schon auf der letzten Stiege, dicht vor der Thür des Vorsaals, als sie sich von der Portière des Hauses angerufen hört.
»Der Schlüssel, Madame,« ruft sie und eilt die Treppe hinan.
»Ist mein Mann ausgegangen?« stammelt sie, von einer dunklen Ahnung, an deren Verwirklichung sie aber nicht zu glauben wagte, durchzuckt, »und wo ist mein Kind ... hat er es mitgenommen?« Und während sie Dies bebend spricht, hat sie schon, ohne die Antwort abzuwarten, die Thür geöffnet und stürzt über den Vorsaal nach dem Wohnzimmer.
Mit zitternder Hast reißt sie die Thür auf, wirft einen Blick in das leere Zimmer und stößt einen lauten gellenden Schrei der Verzweiflung aus.
»Fort ... fort mein Kind ... meine Mimi.«
Sie wankt, und die bestürzte Portière, welche ihr gefolgt war, fängt sie in ihren Armen auf und läßt sie langsam auf den Divan niedergleiten.
Aber diese Schwäche dauert nur einen Augenblick.
Sie rafft sich empor und stürzt in das anstoßende Schlafzimmer. Ihr Blick fällt auf ein Blatt Papier, das auf ihrem Toilettetisch liegt. Es war ein Brief von der Hand ihres Mannes. Darunter liegt ein Couvert, das Couvert des Briefes, welchen ihr der Vicomte diesen Morgen gesendet hatte.
»Um mit Erfolg ein Verbrechen zu begehen,« liest sie, »muß man auch sehr schlau und vorsichtig sein. Du, Fanny, bist weder das Eine, noch das Andere, Du würdest sonst vorsichtiger in der Aufbewahrung des Briefes gewesen sein, dessen Couvert ich zurücklasse zum Beweise, daß mir Alles bekannt ist. Der Schlag, mit dem Du und jener Mann, mit dem ich nun quitt bin, mich vernichten wolltet, vernichten, indem Ihr mir mein Kind raubtet, er fällt auf Dich selbst zurück.
»Die Gerechtigkeit Gottes konnte eine so ruchlose That nicht geschehen lassen. Wenn ich auch längst den Verrath ahnte, den Du mir gegenüber begingst, so hatte ich Dir doch verziehen; denn da, wo keine Gemeinschaft der Herzen, keine Sympathie der Seelen vorhanden, da fällt auch die Gemeinschaft des Lebens. Aber daß Du mir mein Kind rauben wolltest, Das konnte ich Dir nicht verzeihen, Du verblendetes Weib.
»Lebe wohl und sei glücklich, wenn Du es vermagst. Alles Forschen wird vergeblich sein -- betrachte mich und das Kind für Dich gestorben. Es ist so am besten. In unserer Ehe hätte für das Kind ohnedieß kein Glück erblühen können. Kinderaugen sehen klar und scharf und erkennen nur zu bald, wenn Die, welche ihnen am nächsten stehen, auf getrennten Wegen wandeln.
»Was wir an Hab und Gut besitzen, Das überlasse ich Dir.
»Du wirst Papiere und Geldeswerth in meinem Schreibpulte finden. Ich behalte nur so viel als nöthig ist, um mir eine Existenz zu schaffen, welche mir meinen und meines Kindes Unterhalt gewährt.
Lebe wohl für immer! Walther Dennhardt.«
Als Fanny diese Zeilen gelesen, sank sie bewußtlos zusammen, und die einzigen Worte, die sie stammeln konnte, waren:
»Mein Kind, mein Kind ... verloren ... verloren.«
Dann aber raffte sie sich mit wilder Energie auf. Sie befahl der Portière die Wohnung zu schließen und die Schlüssel an sich zu halten und alle Briefe, die an sie einlaufen würden, in das Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix zu senden.
Am Morgen des andern Tages verließ der Vicomte mit Fanny, die gestern Abend verstört und bleich zu ihm ins Hôtel Grandlieu mit den Worten gekommen war: »Schwöre mir, morgen Paris zu verlassen und mir mein Kind suchen zu helfen, und ich folge Dir bis an's Weltende,« auf der Nordbahn die Seinestadt.
6. Stilles Leben.
Kennt Ihr die grünen Hügel von Morbihan? Jene Berge der alten Bretagne, auf deren Abhängen, in kleinen Dörfern und Weilern zerstreut, einfache Hirten und Bauern wohnen, an denen die Cultur von Jahrhunderten vorübergegangen ist, ohne einen Blick in ihre Hütten zu werfen? Dort, wo diese bretagnischen Berge von den Wellen des Meeres bespült werden, wenige Meilen von Vannes, inmitten eines kleinen Dorfes, dessen Bevölkerung zur Hälfte aus Hirten, zur Hälfte aus Fischern und Schiffern besteht, lebte seit einem Jahre der deutsche Flüchtling mit seinem Kinde.
Es war in den Nachmittagsstunden eines milden Herbsttages, Anfangs October des Jahres 1850. Auf der Düne, deren Sand von den Strahlen der Sonne erwärmt worden war, saß Walther Dennhardt mit seinem Kinde und blickte hinaus auf die unendliche See.
Er hatte das Haupt in die Hand gestützt und lauschte dem geheimnißvollen Rauschen der Meereswogen, während Mimi zu seinen Füßen im Sande spielte. Sie hatte sich einen kleinen Garten gebaut, mit Beeten und Sträußern aus Seegras und Herbstblumen, die sie mit Papa auf dem Wege zur Düne gepflückt hatte.
Das Kind liebte die Blumen leidenschaftlich. Zu jedem Maßliebchen und Veilchen bückte sie sich nieder, jeder Rose und jeder Lilie nickte sie einen Gruß zu, mit den blauen Kornblumen plauderte sie wie mit lebenden Gespielinnen, und von keinem Spaziergange kehrte sie zurück, ohne einen großen Strauß ihrer stillen Blumenfreundinnen mitzubringen.
Die Kleine klatschte jetzt freudig in die Händchen.
»Sieh, Papa,« rief sie, »mein Garten ist fertig.«
Walther betrachtete mit heiterem Lächeln das frohe blühende Kind und sein Spielwerk.
»Ach der schöne Garten, den meine Mimi sich gebaut hat,« sprach er und beugte sich zu der Kleinen nieder, die mit jenem Ausdruck glücklicher Zufriedenheit, den wir in seiner unverfälschten Reinheit nur bei Kindern finden, ihre strahlenden Blicke bald auf den kleinen Garten, bald auf ihren Vater richtete.
Mit einem Male stand die Kleine auf und frug indem sie hinauf nach dem blauen wolkenlosen Himmel deutete:
»Papa, haben die Engel im Himmel auch schöne Blumen wie wir?«
»Noch viel schönere, mein Kind,« entgegnete Walther, den die Frage etwas überraschte, »die hellen Sterne, welche wir Abends sehen, sind lauter große goldene Blumen, die dort oben im Himmelsgarten wachsen.«
»Ach! weißt Du was, Papa,« rief die Kleine indem sie ihren Papa recht ernsthaft anblickte, »dann will ich auch ein Engel werden.«
Ein wehmüthiges Lächeln, das aber augenblicklich wieder verschwand, glitt über Walther's Züge.
»Alle guten Menschen werden einmal Engel werden, meine Mimi, aber jetzt bleibst Du noch bei mir, nicht wahr?«
Die Kleine nickte, und so verständig und ernsthaft, als habe sie den ganzen bedeutungsvollen Inhalt dieser Frage begriffen.
Walther erhob sich und nahm die Kleine auf seinen Arm.
»Ich will Dich zu Hause tragen, meine Mimi, Du bist müde von dem weiten Wege. Morgen gehen wir wieder hieher und besuchen Deinen schönen Garten.« Und er schritt mit der Kleinen, welche das Köpfchen auf seine Schulter legte und ihre Arme um seinen Nacken schlang, dem Dorfe zu, in welchem er ein kleines einstockiges Haus bewohnte.
Eine ältliche Frau, Mama Poisson, wie die Leute sie nannten, die Witwe eines Schiffers, der auf einer Fahrt nach Westindien verunglückt war, besorgte seine häuslichen Geschäfte, während er selbst vollauf zu thun hatte, um für sich und sein Kind die Bedürfnisse des Lebens zu erwerben.
Walther war zu stolz gewesen, um von dem ohnedieß nicht bedeutenden Vermögen seiner Frau, das in einer Rente von vielleicht zweitausend Francs bestand, Etwas zu fordern oder an sich zu nehmen. Er hatte bei der Trennung von seiner Frau Nichts weiter mitgenommen als sechshundert Thaler, die Reste seines eigenen erworbenen Vermögens, welches während der revolutionären Bewegung und in der Zeit seines Aufenthaltes in Paris bis auf diesen geringen Betrag aufgezehrt worden war.
Die Reise von Paris bis in die Bretagne, der Ankauf des kleinen Hauses mit dem daran befindlichen Gärtchen, die häusliche, wenn auch sehr bescheidene Einrichtung, alle diese Ausgaben hatten Dennhardt's Capital bis auf kaum hundert Francs aufgezehrt, und es galt jetzt die Aufbietung aller seiner Kräfte, wenn er nicht sein Kind und sich dem Mangel, ja dem bittersten Elend preis geben wollte. Seine verwundete Hand war zwar geheilt, aber für seinen Beruf war sie untauglich geworden. Als Bildhauer konnte er ferner nicht arbeiten. Einen Augenblick dachte er daran, sich durch schriftstellerische Thätigkeit eine neue Existenz zu gründen. Aber es war nur der Gedanke eines Augenblicks. Er erinnerte sich sofort aus der Zeit seines Aufenthalts in der deutschen Hauptstadt, wo er häufigen Umgang mit Schriftstellern gepflogen, wie gerade dieser Beruf nur von Denen gewählt werden darf, die dazu berufen sind, wie dornenvoll, die Lebenskraft aufreibend derselbe ist, wie vielleicht der Einzelne, dem noch nicht die Pflicht der Sorge für ein anderes Wesen obliegt, es wagen kann, sein Geschick an das seiner Feder zu knüpfen, während es ein großes Wagniß ist, auch die Geschicke Anderer daran zu fesseln.
»Glauben Sie mir,« hatte ihm damals ein junger und talentvoller Schriftsteller gesagt, »unsere modernen Literaturzustände gleichen dem Labyrinthe mit dem Minotaurus. Hunderte von jugendlichen Wagehälsen reizt der geheimnißvolle Zauber, und Hunderte verirren sich und werden ein Opfer des lauernden Ungeheuers, welches man heut zu Tage nur mit andern Namen bezeichnet. Jeder glaubt den Lorbeerkranz sich auf die Stirn setzen zu können und weiß nicht, daß in dem Kranze Dornen verborgen sind, welche so tief stechen, daß die Meisten, während sie danach greifen und bevor der Lorbeer ihre Scheitel berührt, sich daran verbluten.«
In welcher Richtung hin sollte er auch literarisch thätig sein? Als Publicist hatte er in Frankreich und vollends in diesem einsamen Dorfe der Bretagne durchaus keine Gelegenheit, und um als Novellist, Dramatiker oder Romanschriftsteller sich eine Stellung zu erringen, dazu, Das fühlte er, fehlte ihm die dichterische Begabung.
Er vermied die Klippe, an welcher so Viele zu Grunde gehen, eine Klippe, die zwar nur in der eigenen Einbildung besteht, aber darum desto gefährlicher ist.
Aber einen andern Gedanken ergriff er mit Lebhaftigkeit und setzte ihn mit der seinem Wesen eigenen Energie ins Werk.
Als er eines Tages mit Mimi nach Vannes gefahren war, um dort einige nothwendige Einkäufe für seine kleine Wirthschaft zu besorgen, da hatte die Kleine plötzlich in der Nähe der Kathedrale fröhlich in die Händchen geklatscht und ausgerufen: »Papa, Papa ... schöne Puppen.« Es war ein Tabuletkrämer, der auf seinem Tisch ein paar schlecht geformte Wachsfiguren stehen hatte, die Jungfrau Maria im Stalle zu Bethlehem mit dem Christuskind und den anbetenden drei Königen aus dem Morgenlande. Er frug nach dem Preise. Der Mann nannte ihm einen ungewöhnlich hohen.
»Ist das Wachs hier zu Lande so theuer?« warf Dennhardt mit einem spöttischen Blick auf die schlecht gearbeiteten Figuren hin.
»Das Wachs nicht, Herr, aber die Leute, welche solche Sachen machen!«
»Und würde man, wenn diese Figuren wohlfeiler wären, viel davon verkaufen?«
»Gewiß, Herr, besonders zur Weihnachts- und Osterzeit.«
Dennhardt dankte dem Manne für die Auskunft und meinte, vielleicht würde er bald von ihm hören.
Sein Plan war rasch gefaßt. Konnte er auch nicht mehr als Bildhauer arbeiten, so war ihm doch noch die Möglichkeit geblieben, sein plastisches Talent im Formen weicher Stoffe zu verwerthen.
Er kaufte in Vannes Wachs und ging den nächsten Tag schon an die Arbeit.
Als er die erste Gruppe, die Geburt unseres Heilandes darstellend, fertig hatte, rief er seine alte Dienerin, welche mit Mimi im Garten war.
»Wie gefällt Euch das, Mama Poisson?« Das Kind wollte die Figuren küssen und herzen, und die alte Frau schlug vor Erstaunen die Hände zusammen.
»Glaubt Ihr,« frug Dennhardt lächelnd weiter, »daß man mir diese Figuren in Vannes abkaufen wird?«
»Und wenn Ihr so viel hättet, als es Schafe und Lämmer auf den Hügeln von Morbihan giebt, Ihr würdet keine einzige übrig behalten.«
Die alte Frau hatte nicht ganz Unrecht. Die Wachsfiguren, welche Dennhardt, theils in Gruppen, theils als Einzelgestalten bildete, fanden in Vannes Abnahme über Abnahme. Dennhardt stellte nach und nach die ganze biblische Geschichte in ihren Hauptmomenten bildlich dar. Die Gegend um Vannes ist streng katholisch, und diese religiöse Richtung der Bevölkerung begünstigte sehr den Absatz der kleinen, zierlich aus buntem Wachs gearbeiteten Figuren Dennhardt's.
Für die kleine Mimi war diese Beschäftigung ihres Vaters eine unerschöpfliche Quelle der Freude und des Vergnügens.
Da sie mit den andern Kindern nur wenig Umgang hatte, schon deßhalb nicht, weil Dennhardt, der mit der Kleinen nur die Muttersprache, sein geliebtes Deutsch, sprach, nicht wollte, daß das Kind eher des Französischen mächtig würde, bevor es sich im Deutschen verständlich ausdrücken konnte, so waren die Wachspuppen ihre vorzüglichsten Spielgenossen.
Sie plauderte mit ihnen, erzählte ihnen Geschichten, gab einer Jeden täglich ihre Portion Essen, die dann natürlich, wie es die heidnischen Priester mit den Opfermahlzeiten ihrer Götter thaten, von der Darspenderin selbst verzehrt wurde, sie brachte sie zu Bett, sang ihnen Liedchen vor und deckte sie jeden Abend sorglich zu, damit die armen kleinen Pipi's, wie sie zu ihrem Vater sagte, in der Nacht nicht frören und sich erkälteten.
So verging Monat auf Monat und die Kleine wurde mit jedem Tage verständiger, wenn man eine gewisse Sinnigkeit ihres Wesens so nennen darf.
An ihrem Vater oder »Papa,« wie sie ihn nur nannte, hing sie mit einer unbeschreiblichen Zärtlichkeit.
War Dennhardt, was selten, aber doch zuweilen vorkam, ohne Mimi ausgegangen, vielleicht in die Nachbarschaft, um irgend Etwas, was er zu seinen Arbeiten bedurfte, zu holen, und Mimi saß unter der Aufsicht der alten Mama Poisson vor der Thür und erblickte ihn von weitem, dann flog sie ihm, so schnell als es ihre kleinen Füße vermochten, mit flatternden Locken, glänzenden Augen und ausgebreiteten Armen mit dem Rufe: »Mein Papa kommt ... mein Papa kommt ...« entgegen.
Fand sie auf den Spaziergängen eine schöne seltene Blume, so pflückte sie dieselbe nicht eher, als bis der Papa sie bewundert hatte, und sie schlief an keinem Abende ein, ohne ihren Papa geküßt und geherzt zu haben.
Für Walther aber war das Kind der Inbegriff aller irdischen Glückseligkeit. Alle seine Empfindungen, Gedanken, all sein Thun, Handeln drehte sich um seine kleine Mimi. Das Stück französischer Erde, auf welcher er mit ihr lebte, war für ihn die Welt; was hinter diesen bretagnischen Bergen lag, hatte er Alles vergessen.
Die Kämpfe der Parteien wie die Leidenschaften des Herzens, sie hatte er jenseits der grünen Hügel von Morbihan gelassen und Nichts aus der früheren Zeit mit herüber genommen, als die Liebe zu seinem Kinde. Gewiß lieben alle Eltern ihre Kinder, wenn sie keine Rabenherzen im Busen tragen, aber diese Liebe Walther's zu seiner kleinen Mimi war doch noch ganz anderer Art.