Ein kleines Kind: Weihnachts-Novelle

Part 3

Chapter 33,649 wordsPublic domain

»Sprechen wir jetzt nicht von Ihrem Gatten, Madame, sondern von Ihnen und von Ihrem Leben in unserm großen prächtigen Paris.« Und er lud sie durch eine verbindliche Handbewegung ein, neben ihm an einem der kleinen Marmortische des Salons Platz zu nehmen.

»Dieses Leben ist so einfach, daß man kaum darüber sprechen kann. Vielleicht würde ich mich darüber beklagen, wenn ich nicht ein Kind hätte, das ich anbete und dessen Besitz mich Vieles, Vieles vergessen läßt.«

Der Vicomte schwieg einen Augenblick auf diese Bemerkung der jungen Frau, und ein leiser Schatten glitt über seine Züge.

»So sind Sie sehr glücklich, Madame, denn ich habe oft gehört, das die Liebe der Mütter zu ihren Kindern in einem gewissen Verhältnisse zu der Liebe gegen ihren Gatten steht. Wenn Sie Ihr Kind anbeten, so müssen Sie gewiß den Vater dieses Kindes sehr lieben. Und was bedarf es mehr, um glücklich zu sein?«

»Solche allgemeine Sentenzen,« entgegnete die junge Frau, indem sie das Auge vor dem funkelnden Blicke des Barons von Grandlieu niedersenkte, »mögen zuweilen Recht haben, zuweilen lügen sie aber auch.«

Der Vicomte war ein leidenschaftlicher, unternehmender junger Mann, der sich im Umgange mit den Frauen von Paris eine Kühnheit der Sprache angewöhnt, die oft verletzt hätte, wenn sie nicht gemildert worden wäre durch einen Ausdruck von Ehrerbietung in Miene und Geberde und im Ton der Stimme: Eigenschaften, um derenwillen ihm die Frauen manche indiscrete und kühne Frage verziehen.

»Sollte bei Ihnen, Madame,« frug er mit schüchternem Ausdruck und niedergeschlagenen Augen, wie ein Schüler von sechszehn Jahren, welcher der Auserwählten seines Herzens seine erste schüchterne Liebeserklärung stammelt, »sollte bei Ihnen jener Gemeinspruch eine Ausnahme machen?«

Eine dunkle Röthe flammte über das Gesicht der jungen Frau.

»Und wenn Dies der Fall wäre, welches Interesse könnten Sie, Herr Vicomte, haben, Dies zu wissen?« frug sie mit leiser Stimme und ohne die Augen von dem Parquet des Salons zu erheben.

»Oh, Madame!« rief der junge Mann mit leisem und bebendem Tone. Eine ganze Rede würde nicht beredter, nicht ausdrucksvoller gewesen sein, als dieser kurze Ausruf, der so einfach, so natürlich war und doch so Viel errathen ließ.

Es trat ein kurzes Stillschweigen ein, eine jener Pausen, in denen statt des Mundes nur das Herz spricht, in denen man die Worte und Empfindungen des Andern in dessen Augen lesen muß.

Der Vicomte war es, welcher das Stillschweigen brach. Er war ein sehr gewandter Mann, welcher wußte, daß so stolze Naturen wie Fanny sehr behutsam behandelt werden müssen.

»Und wissen Sie, Madame,« begann er das Gespräch in einem Tone, der den Ausdruck achtungsvoller Vertraulichkeit trug, ohne jene durchschimmernde Leidenschaftlichkeit, welche dem vorhergehenden Gespräch einen so eigenthümlichen Charakter aufgeprägt hatte, »wissen Sie, welche Angelegenheit mich schon so früh nach Paris geführt und mich den Freuden der Jagd in meinen schönen Wäldern so bald Adieu sagen ließ?«

Die junge Frau lächelte mit einer verneinenden Geberde.

»Die Politik,« fuhr der Vicomte fort, »ich bin Deputirter der Nationalversammlung, und ich und meine Freunde halten es für hohe Zeit, diesem republikanischen Komödienspiel ein Ende zu machen und Frankreich seinem rechtmäßigen Herrscher wiederzugeben.«

»Wen nennen Sie den rechtmäßigen Herrscher Frankreichs?« frug Fanny, überrascht, in dem Vicomte, welchen sie bis jetzt blos für einen jungen Elegant gehalten, auch einen Politiker zu entdecken.

»Wie, Madame?« rief der junge Edelmann lebhaft aus, »können Sie einen Augenblick daran zweifeln, daß ich ein anderes Banner auf dem Schlosse der Tuilerien sehen will, als das mit den königlichen Lilien von Frankreich? Wir Söhne des alten Frankreich kennen nur Einen rechtmäßigen Herrscher und das ist Heinrich V.«

»Und haben Sie wirklich gegründete Hoffnung, Ihren König wieder auf dem Throne Frankreichs zu sehen?«

»Sie können noch zweifeln, Madame? Ehe ein Jahr vergeht wird der Enkel König Karl's X. in dem Schlosse seiner Ahnen wohnen.« In seiner lebhaften Weise theilte nun der Vicomte der jungen Frau die Pläne der Legitimisten in der Nationalversammlung mit, wie sie im Bunde mit den andern Parteien der Ordnung zuvörderst die Nationalversammlung und die Republik in den Augen des Volks zu entwürdigen suchen müßten, um dann mit einem kühnen Schlage die weiße Fahne in Paris aufzupflanzen. Er erzählte Das in einem Tone der Vertraulichkeit, mit einem Ausdrucke der Hingebung an die Sache, wie man es vielleicht einem Freunde gegenüber thut, aber nicht einer jungen Frau; er schien ganz zu vergessen, daß nicht ein Mann, ein Politiker vom Fach ihm zuhörte, sondern eine schöne junge Dame, die am Ende doch zu wenig in die französischen Parteiverhältnisse eingeweiht war, um für diese Dinge ein großes Interesse zu hegen.

Für Fanny lag in dieser Vertraulichkeit des Vicomte ein Reiz, dem sie sich nicht entziehen konnte. Es schmeichelte ihrem stolzen, ehrgeizigen Sinne, daß der Vicomte ihr gegenüber nicht blos den liebenswürdigen Mann, sondern auch den Politiker zeigte; sie mußte voraussetzen, daß der Vicomte sie für bedeutender hielt als tausend ihres Geschlechts, für welche er vielleicht galante, zärtliche Worte, aber nie ein ernsthaftes Gespräch, welches sich um so wichtige Interessen drehte, gehabt hätte. Und als sie sich endlich trennten, da erhielt der Vicomte nach kurzem Zögern das Versprechen der jungen Frau, einer der nächsten Sitzungen der Nationalversammlung beizuwohnen, in welcher die legitimistische Partei einen Antrag auf Zurückberufung der Prinzen des Hauses Bourbon stellen würde.

Gegen ihren Gatten schwieg sie über das Zusammentreffen mit dem Vicomte. Es war das erste Geheimniß, welches sie vor ihrem Manne verbarg, es sollte nicht das letzte sein.

Wenige Tage nach dieser ersten Begegnung hörte sie auf der Damentribüne der Nationalversammlung den Vicomte von Grandlieu für die Aufhebung der Verbannungsgesetze gegen die Prinzen des Hauses Bourbon sprechen. Der junge legitimistische Edelmann sprach mit Feuer und einer gewissen Eleganz des Ausdrucks, welche die vornehme Damenwelt des Faubourg St. Germain, die in ihren glänzendsten Toiletten auf der Zuhörertribüne erschienen war, zu den lebhaftesten Beifallsbezeigungen hinriß.

Der Vicomte warf einen Blick nach dem Damenflor, der ihm eine so schmeichelhafte und rauschende Huldigung darbrachte. Aber sein Auge glitt theilnahmlos an allen den reizenden Herzoginnen, Marquisinnen, Gräfinnen und Baroninnen vorüber und blieb an der Gestalt einer jungen Frau haften, die in einem einfachen Kleide von dunkler Seide, den Shawl fest um die Schultern gezogen, den Oberkörper leicht an eine Säule der Tribüne gestützt, mit strahlenden Blicken den Triumph betrachtete, welchen der Vicomte feierte.

Purpurröthe färbte ihr Gesicht, als ihr Auge dem des Vicomte begegnete, ein leiser Schauer ließ ihre schlanke, zarte Gestalt erbeben, und wie von einer plötzlichen Schwäche ergriffen sank sie auf ihren Sitz zurück. Aber trotzdem entging ihr nicht, wie einige nahestehende Damen, welche dem Blick des Vicomte gefolgt waren, ihre Augen auf sie richteten. Sie hörte leise Flüsterworte, wie eine Dame der andern Bemerkungen ins Ohr raunte.

»Ein interessantes Gesicht,« sprach eine alte Herzogin zu ihrer Nachbarin, einer jungen blonden Gräfin, »nur etwas zu selbstbewußt.«

»Sie ist wirklich reizend,« gab die junge Frau zurück, während sich ein leichter Seufzer ihrem Busen entrang; »aber wer mag sie wohl sein?«

Nach Beendigung der Sitzung erwartete der Vicomte die junge Frau am Portal und hob sie in seinen bereitstehenden Wagen. Dann nahm er ihr gegenüber Platz und befahl seinem Kutscher nach dem Boulogner Wäldchen zu fahren. Es verging eine Viertelstunde, ehe zwischen den Beiden ein Wort gewechselt wurde, aber eine desto lebhaftere und innigere Sprache redeten die Augen.

»Sie haben heute eine Schlacht gewonnen,« begann Fanny endlich.

»Sie wollen sagen: wir sind besiegt, aber nicht geschlagen worden; denn wenn unser Antrag auch nicht angenommen wurde, so geschah Das nicht deßhalb, weil man unsere Gründe durch Gegengründe widerlegte, sondern weil man uns durch das Gewicht der Mehrheit erdrückte.«

Eine Kutsche, in welcher jene alte Marquise und die junge blonde Gräfin von der Zuhörertribüne der Nationalversammlung saßen, rollte vorüber.

Der Vicomte von Grandlieu grüßte mit einer Verbeugung, während ein leiser spöttischer Zug um seine Lippen schwebte.

»Die arme Gräfin,« sprach er zu Fanny gewendet, »sie war blos deßhalb auf die Tribüne gekommen, um ihren Gatten, den Grafen von Bonville, als Demosthenes zu bewundern. Der Arme bekam aber das bekannte Fieber, welches den Soldaten, der zum ersten Male in die Schlacht geht, ebenso befällt, wie den Komödianten, wenn er zum ersten Male vor die Lampen tritt, oder den Priester, wenn er seine erste Predigt hält.«

»Desto mehr waren Sie der Gegenstand ihrer Bewunderung,« entgegnete Fanny in einem gewissen piquirten Tone, »sie applaudirte Ihnen wie ein Claqueur in der großen Oper.«

Trotz der Ironie, die durch diese Bemerkung schimmerte, brach ein freudestrahlender Blick aus dem Auge des Vicomte, und indem er sich rasch nach vorwärts beugte und einen Kuß auf Fanny's Hand drückte, flüsterte er:

»Und doch kann ich Ihnen versichern, daß mich alle diese Zeichen des Beifalls kalt ließen, und daß ich mich durch den stummen Blick einer jungen Frau, welche dicht an einer der Säulen der Zuhörertribüne stand, mehr beglückt fühlte, als durch alle diese rauschenden Acclamationen.«

Eine tiefe Röthe färbte Fanny's Stirn bei diesen Worten des Vicomte und mit banger Beklommenheit senkte sie den Blick nieder.

Auch der junge Mann versank in ernstes Sinnen, und so hatten sie den Saum des Hölzchens erreicht, ohne daß weiter ein Wort zwischen ihnen gewechselt worden wäre.

Der Wagen lenkte in eine der Seitenalleen ein, welche das Wäldchen nach allen Richtungen hin durchkreuzen.

Es war in der düstersten und trübsten Jahreszeit, Ende November.

Ein leichter Schneefall hatte die Bäume des Waldes weiß gefärbt, graue Wolken bedeckten den Himmel, ein kalter Wind strich über die Erde. Dichte Schaaren von Krähen und Dohlen saßen stumm auf den entlaubten Zweigen und flogen mit mißtönendem Geschrei und schwerem Flügelschlag davon, wenn die Peitsche des Kutschers durch ihren Knall die Waldeinsamkeit und tiefe Stille unterbrach.

Fanny gehörte nicht zu den sentimentalen Naturen, deren Seele von dem trüben Eindruck eines melancholischen Landschaftsbildes in Schwermuth versenkt wird, aber dennoch fühlte sie allmälig eine gewisse Traurigkeit ihre dunklen Fittige über ihr Herz ausbreiten.

»Lassen Sie uns zur Stadt zurückkehren,« sprach sie zu dem Vicomte, »diese öde Stille, dieses Schweigen in der Natur macht mich traurig und verstimmt.«

Auf den Lippen des jungen Mannes erschien ein leichtes Lächeln.

»Das ist wohl noch eine Erinnerung an Deutschland, die Sie aus diesem nebligen Lande mit herüber gebracht haben in unser sonniges Frankreich, wo solche Tage wie der heutige zu den Ausnahmen gehören. In Deutschland sollen sich wenigstens die Dichter an grauen trüben Nebeltagen an Mondschein, Regenschauer und Nordwind begeistern.«

Fanny schüttelte verneinend das Haupt.

»Ich habe Nichts mit diesem Lande gemein, seine Sitten, Gewohnheiten und Ideen sind mir heute ebenso fremd wie an dem Tage, als ich es zum ersten Male betrat.«

»Und vergessen Sie, Madame,« flüsterte der Vicomte in leisem Tone, die Augen auf seinen Hut, den er zwischen den Händen drehte, gerichtet, »daß Sie das festeste Band mit Deutschland verknüpft, daß Ihr Gatte ein Deutscher ist?«

»Sie haben sich versprochen, Herr Vicomte,« entgegnete die junge Frau mit einem Ernst im Ausdruck von Miene und Sprache, welcher den jungen Mann fast einschüchterte, »Sie wollten von einem andern Bande sprechen, welches mich vielleicht an jenes Land ein wenig fesselt, von meinem Kinde, das ich anbete, und dessen Vaterland jenseits des Rheins liegt.«

Damit brach die Unterhaltung über diesen Gegenstand ab, gewiß in so bedeutsamer Weise, daß sie dem Vicomte eine klare Einsicht in die Empfindungen der jungen Frau gestattete.

Von diesem Tage an sahen sich die Beiden täglich. Entweder war Fanny auf der Tribüne der Nationalversammlung oder sie traf den Vicomte in dem Café Tortoni auf dem Boulevard der Italiener.

Ihr Gatte frug nie nach ihren Ausgängen, sie mochte längere oder kürzere Zeit weg bleiben, es war eine solche Entfremdung zwischen ihnen eingetreten, daß sich ihr gegenseitiges Gespräch nur auf das Nothwendigste, Unerläßlichste beschränkte. Die Beziehungen zwischen dem Vicomte und Fanny wurden mit jedem Tage inniger. Es wäre ein Wunder gewesen, wenn es anders gekommen wäre.

Der junge Edelmann war allerdings in gewissem Sinne Das, was man einen Lebemann, einen Bonvivant nennt, allein er war nicht der schlimmsten einer. Er konnte, wie aus seiner Beschäftigung mit den politischen Angelegenheiten hervorging, sich auch noch für etwas Höheres begeistern, als für die Damen von der großen Oper, Ballettänzerinnen, Pferde, Spiel, Toiletten- und Boudoirgeheimnisse. Er fühlte, wie seine Empfindungen gegen Fanny immer mehr den Charakter einer leidenschaftlichen Liebe annahmen, wie das Bild der jungen Frau sein Wesen von Tag zu Tag mehr erfüllte und die Trennung von ihr ihm immer unerträglicher wurde. Hier handelte es sich nicht um eine jener flüchtigen Leidenschaften, die, geboren im Rausche der Sinne, ebenso schnell erlöschen, wenn den Sinnen ihr Recht geworden, es war eine ernste Herzensneigung, die ihn zu Fanny hinzog.

Und daß er ihr nicht gleichgültig war, daß ein höheres Interesse sie zu ihm hinzog, als das der Geselligkeit und das Bedürfniß des Umgangs mit einem Mann aus jenen Kreisen der Gesellschaft, denen sie vor ihrer Vermählung selbst angehört: Das hatte der Vicomte aus einer Menge kleiner Zeichen errathen.

Wir sagen absichtlich: kleiner Zeichen; denn es ist die charakteristische Eigenthümlichkeit mancher Frauen, besonders solcher, bei denen die Liebe mit Stolz und Selbstbewußtsein kämpft, ihre Neigung, den Zug ihres Herzens dem geliebten Manne durch anscheinend gleichgültige Kleinigkeiten zu verrathen, deren wahre Bedeutung nur das Auge der Liebe erkennt.

Indessen gehört unstreitig eine große Selbstbeherrschung hiezu, wenn zwei so lebhafte und bestimmt ausgesprochene Naturen, wie Fanny und der Vicomte es waren, längere Zeit einen so peinlichen Zustand ertragen sollen.

Eines Tages kurz vor dem Christabend faßte der Vicomte einen festen Entschluß.

Er schrieb folgenden Brief an die junge Frau:

»Es liegt weder in meinem Charakter noch in meiner Kraft, den gegenwärtigen Zustand, unter welchem ich und, wenn mich nicht Alles täuscht, unter welchem auch Sie, Fanny, leiden, noch länger zu ertragen. Wie auch Ihre Entscheidung ausfalle, jedenfalls werden Sie mir nicht darüber zürnen, daß ich als Mann den Schritt gewagt und diese Entscheidung herbeigeführt habe.

»Mit einem Worte sei die glühendste Sehnsucht meines Herzens, das Glück meines Lebens ausgesprochen: werden Sie die Meine. Trennen Sie Ihr Geschick von dem eines Mannes, welchen Sie, ungeachtet ich weder seinen Charakter noch seinen Geist anzugreifen wage, nicht mehr lieben, scheiden Sie von einem Manne, für welchen auch Sie nicht mehr jenes Ideal sind, das er in Ihnen zu finden glaubte. Es ist ein schwerer Schritt, ein großes Opfer, welches ich von Ihnen verlange, theure Fanny. Gewohnheit, Scheu vor der Welt, vor Ihren Angehörigen, vielleicht auch noch ein gewisses Mitgefühl für den Mann, welcher Ihr Gatte war und der Vater Ihres Kindes ist, das Sie anbeten, selbst die Erinnerungen an gemeinschaftlich überstandene Leiden und Freuden, alles Dies wird Ihnen einen harten Kampf bereiten.

»Aber Sie haben eine kühne muthige Seele, theure Fanny, ein stolzes und doch so liebeglühendes Herz, und Sie werden siegreich aus dem Kampfe hervorgehen.

»Besser ein kurzer, scharfer Schmerz, als dieses langsame Verbluten, dieses Hinwelken der Lebenskraft in unglücklichen Verhältnissen, die für alle Theile, für Sie, Ihren Gatten, für mich, ja sogar für Ihr Kind eine Qual sind. Vor einer Trennung von Ihrem Kinde schützen Sie die Gesetze Frankreichs. Bis zum fünften Jahre gehört das Kind der Mutter. Für die spätere Zukunft überlassen Sie mir die Sorge.

»Ich dränge Sie nicht um eine Antwort. Ich verlange auch keine schriftliche, sondern möchte die Entscheidung aus Ihrem eigenen Munde hören. Fällt sie gegen mich, so ist mein Entschluß gefaßt.

»Von morgen an wird ein Wagen mit einem treuen zuverlässigen Diener täglich in den Abendstunden zwischen sechs und acht Uhr wenige Schritte von Ihrer Wohnung entfernt warten. Sobald Sie mit Ihrem Entschlusse einig geworden, bitte ich Sie, zu mir zu kommen. Meinem Diener können Sie sich ohne Furcht anvertrauen, er ist mir ganz ergeben.

»Doch zögern Sie nicht zu lange, Fanny, und bedenken Sie, daß jeder Tag der Ungewißheit für mich zu einer qualvollen Ewigkeit wird. Immer

Paris, 16. December 1849.

Ihr Edmund von Grandlieu.«

Einen Tag nach dem Empfang dieses Briefes, es war beim Anbruch der Dämmerungsstunde, Walther hatte eben die kleine Mimi auf dem Schooße und sang ihr das alte deutsche Wiegenlied von dem

»Eia popeia, was raschelt im Stroh? Es sind kleine Gänschen, die haben keine Schuh.«

sprach Fanny zu ihrem Gatten:

»Wir müssen uns trennen, Walther, ich fühle es, daß es nothwendig ist zu unserem Glücke. Für das Deinige, für das meinige, und vor Allem für das Glück unseres Kindes.«

Dennhardt hielt mit seinem Liede inne, hob den Kopf von der Wange der Kleinen empor und richtete einen bis in das Innerste der Seele dringenden Blick auf seine Frau, die am Fenster saß und deren Züge von dem letzten, bleichen, kalten Strahl der untergehenden Decembersonne erleuchtet wurden.

»Was sprachst Du da?« frug er, und seine Stimme bebte ein wenig trotz seiner Selbstbeherrschung.

»Ich sprach,« wiederholte Fanny, und an dem Zittern ihres Tones und der Langsamkeit, mit welcher sich die Worte mühsam hervordrängten, erkannte man die Schwere des Kampfes, der diesem Entschlusse vorhergegangen, »ich sprach, daß es für uns Alle besser sein würde, wenn ein Jedes seinen eigenen Weg geht. Du wirst gewiß auch schon daran gedacht haben. Unsere Ansichten, unsere Charaktere sind zu verschiedener Natur. Ich will Dir keinen Vorwurf machen, Walther, ich trage vielleicht eben so große Schuld an der Scheidewand, welche sich zwischen uns aufgethürmt hat, allein ich fühle die Kraft schwinden dieses Leben länger in dieser Weise fortzuführen. Wir verstehen uns nicht mehr, wir sind einander fremder geworden als Leute, welche sich zum ersten Male im Leben begegnen. Darum laß uns ruhig von einander scheiden, ohne Haß, ohne Zorn.«

Sie athmete tief auf und drückte das Gesicht gegen die Fensterscheibe, die Entgegnung ihres Mannes erwartend.

Es verging eine Viertelstunde und noch immer verharrte Walther in tiefem Schweigen. Die Dunkelheit war indessen völlig eingebrochen, das Kind im Arme des Vaters eingeschlafen und eine bängliche, unheimliche Stille herrschte in dem Zimmer.

Endlich erhob der Mann sein Haupt und sprach mit einer zwar etwas dumpf klingenden, aber festen Stimme, welcher man Nichts von dem Kampfe anmerkte, der in diesem Augenblicke in der Brust des Verbannten getobt:

»Und wie soll es mit dem Kinde werden?«

Fanny zuckte zusammen. Diese Frage hatte sie erwartet -- und gefürchtet.

Das Kind, diese kleine Mimi! Sie wußte, daß sie der Augapfel ihres Mannes, sein höchstes Kleinod, sein Alles war, an dem er hing mit allen Fasern seines Herzens.

Und sie! Sie liebte das Kind gleichfalls mit einer verzehrenden Leidenschaftlichkeit, mit jener ungestümen, ausschließlichen Zärtlichkeit, die man oft bei jenen Frauen findet, welche in der Liebe zu ihren Kindern Ersatz für eine unglückliche Ehe, für die Gleichgültigkeit oder Abneigung, für die Kälte und Untreue des Gatten suchen.

»Antworte mir,« wiederholte Dennhardt noch einmal seine Frage, »wie soll es mit dem Kinde werden?«

Angstvoll suchte sie nach einem Ausweg.

»Ich kenne die Gesetze dieses Landes nicht,« antwortete sie endlich mit zögernder ungewisser Stimme, »aber ich stelle ihnen die Entscheidung anheim; was sie auch bestimmen mögen, ich werde mich ihnen unterwerfen.«

Walther erhob sich mit einer raschen Bewegung. Das Kind fest an seine Brust gedrückt, trat er dicht an Fanny heran, so dicht, daß ihre Wange von dem glühenden Hauche seines Athems gestreift wurde.

»Ah! Madame,« sprach er mit leiser, aber vor tiefster Aufregung bebender Stimme, »die Gesetze Frankreichs wollen Sie über Ihr, über mein Kind entscheiden lassen? Nun wohlan, so merken Sie es sich, daß ich, wenn es sich um mein Kind handelt, nur den Gesetzen in meiner Brust folgen werde. Und diese Gesetze gebieten mir, Ihnen unter keiner Bedingung die Seele eines Kindes anzuvertrauen, welches Sie verderben würden.«

Fanny war bleich geworden zum Erschrecken, während ihr Mann ihr diese schneidenden Worte in's Ohr raunte.

Noch nie hatte sie von ihm diesen Ton, dieses so beleidigend klingende »Sie,« noch nie eine so grausame Beleidigung gehört, als die war, welche er ihr in diesen wenigen Worten in's Gesicht schleuderte.

»Mein Herr,« entgegnete sie endlich, »wenn ich vielleicht auch das Recht verloren habe, von Ihnen als Ihre Gattin betrachtet zu werden, so glaube ich doch nicht, daß Sie das Recht und die Berechtigung haben, mich mit so empörenden Beleidigungen zu überhäufen.«

Und ohne eine Antwort abzuwarten ging sie ins Nebenzimmer, dessen Thür sie hinter sich verschloß.

Seit diesem Auftritte, welcher acht Tage vor dem Christabende stattgefunden, war zwischen den beiden Gatten kein Wort mehr über diese Angelegenheit gewechselt worden. Es war überhaupt zwischen ihnen nur das Nothdürftigste gesprochen worden, das Unerläßliche, was durch die Verhältnisse des Zusammenseins eben noch geboten wurde.

In diesen acht Tagen, qualvoll für Beide, hatte Fanny ihren Entschluß gefaßt. Der Christabend war der Tag der Entscheidung. Mit klopfendem, aber entschlossenem Herzen trat sie an jenem Abend aus der Thür ihres Hauses, um in den Wagen des Vicomte zu steigen, der sie nach kurzem viertelstündigen Fahren vor das große prächtige Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix brachte.

Beim Aussteigen zog sie den Schleier dicht zusammen und senkte, wie von einer unwillkürlichen Bewegung ergriffen, der sie nicht zu widerstehen vermochte, das Haupt mit einer leisen Geberde der Scham zur Erde. Und als sie ihren Fuß auf die erste Marmorstufe der Freitreppe setzte, da fühlte sie ein Beben durch ihren Körper rieseln, wie ein Mensch, der auf die Treppe des Schaffots tritt.

Wenn sie Walther nur einer einzigen Treulosigkeit schuldig geglaubt, so würde sie diesen Schritt ohne alle Scrupel gethan haben.

»In der Ehe,« hatte sie oft gesprächsweise gegen Walther geäußert, und er hatte ihr von seinem Standpunkte aus vollkommen beigestimmt, »in der Ehe ist Alles auf Gegenseitigkeit gegründet. Ich protestire gegen die beschränkte Anschauungsweise, welche die Treue bloß von den Frauen fordert, während sie den Männern die Erlaubniß ertheilt sich darüber hinwegzusetzen. Das heißt die Frau herabwürdigen und erinnert mich an jene Hundetreue, welche die Hand leckt, die sie eben gezüchtigt hat. Der allein ist schuldig, welcher zuerst die Treue bricht, er löst den Vertrag und entbindet dadurch auch den andern Theil seiner Pflicht. Es mag duldende, schwache Frauen geben, welche sich auch dem ausschweifendsten Wüstling gegenüber für gebunden erachten, ich aber gehöre nicht zu diesen Duldernaturen.« Aber er hatte ihr _nie_ die geringste Veranlassung gegeben an seiner Treue zu zweifeln -- und nun mußte sie den ersten Schritt thun.

Unter dem Portal empfing sie der Vicomte mit einem Leuchter in der Hand. Er war allein, weder ein Kammerdiener, noch sonst ein Lakai ließ sich sehen.