Ein kleines Kind: Weihnachts-Novelle

Part 2

Chapter 23,739 wordsPublic domain

»Du weißt es, Walther, als ich Dein Weib wurde, da liebt' ich Dich stark und innig. Aber ebenso liebte ich auch Deinen Künstlerruhm, den Namen, den Du Dir durch Deine Werke errungen hattest. Oder glaubst Du, daß ich, die Tochter eines edlen Geschlechts, Dir mein Herz und meine Hand gegeben hätte, wenn Du ein unbekannter und unbedeutender Mensch, ein Mann ohne Namen und ohne Zukunft gewesen wärest?«

»Wie!« unterbrach sie bei diesen Worten ihr Mann mit schmerzlichem Ausdruck in Rede und Geberde, »so war es nicht der Mann, den Du in mir liebtest, sondern der Künstler, nicht Walther, sondern der Bildhauer Dennhardt?!«

»Ich kann den Einen nicht von dem Andern trennen. Ich sah in Dir den gefeierten Künstler und den Mann von Geist und Kraft, der ringend und strebend seine Hand nach dem Höchsten auszustrecken wagt, das uns vom Leben dargeboten wird. Und nun ...«

»Bin ich ein heimathloser Flüchtling,« fiel Dennhardt mit schmerzlicher Bitterkeit ihr ins Wort, »der das bittere Brod der Verbannung essen muß und Du mit ihm ... O Fanny, dieses Wehe den Besiegten! aus Deinem Munde zu hören, Das brennt mich mehr als es jemals diese Wunde hier gethan.«

Aus Fanny's Augen brach ein Blick verletzten Stolzes hervor.

»Du kennst mich wahrlich schlecht,« antwortete sie leidenschaftlich, »wenn Du glaubst, daß es die Furcht vor der ungewissen Zukunft unseres Schicksals ist, was mich beunruhigt und aufreizt ... Oder, daß ich deßhalb in Vorwürfe und Klagen ausbreche, weil die Sache, für welche Du gefochten, unterlegen ist ... Nein, nicht Das ist es, sondern weil ich sehe, daß Du nicht zu jenen kühnen und energischen Naturen gehörst, welche zu den Höhen des Lebens emporstreben.«

»Sprich nicht weiter ...« unterbrach sie Walther mit einer Geberde und einem Ausdruck in Blick und Ton, vor welchem sie die Augen zur Erde senken mußte, »ich weiß genug, Du brauchst Nichts mehr hinzuzusetzen ... Also nicht die gleiche Ueberzeugung, wie ich sie habe, die Ueberzeugung, für eine große, gerechte und edle Sache zu kämpfen, war es, welche Dich beseelte, nicht die Uebereinstimmung mit den Grundsätzen Deines Gatten, die Liebe zur Freiheit sprach aus Dir, sondern die Leidenschaft zu herrschen und zu glänzen, jener ungezügelte Ehrgeiz, für den die Ideen nur die Mittel zur Erreichung selbstsüchtiger Zwecke sind. Mein Ruf und Ruhm als Künstler, den ich mir in strenger Arbeit meines Berufs erworben, er genügte Dir nicht mehr, Dein nach äußerer Ehre und glänzender Lebensstellung dürstendes Herz begehrte mehr ... Suche weder mich noch Dich selbst zu täuschen, Fanny, Du bist nicht die Einzige Deines Geschlechtes, die so empfindet ... Ich habe in dieser sturmbewegten Zeit, wo alle Kräfte und Elemente der Menschen- und Volksnatur entfesselt wurden, gar manche Frau gefunden, welche von gleichen Gefühlen bewegt wurde; aber nie hätte ich geglaubt, daß Du auch zu ihnen gehörtest. Es muß wohl wahr sein,« setzte er mit einem bittern Lächeln hinzu, während der Ton seiner Stimme zu einem dumpfen Murmeln herabsank, »es muß wohl wahr sein das alte Wort, daß die Liebe Diejenigen blendet, welche ihr unterthan sind.«

So endete jenes Gespräch auf der Flucht.

Konnte bei so einander widerstrebenden Ansichten ein inniges Verhältniß zwischen den beiden Gatten fortbestehen?

Ein Jedes von ihnen fühlte nur zu deutlich, daß Dies nicht möglich sei.

Wenn Walther und Fanny gewöhnlichere Naturen gewesen wären, so hätte vielleicht mit der Zeit eine Ausgleichung stattgefunden.

Allein er wie sie waren zu bestimmt ausgeprägte Charaktere; der ideale Zug Walther's, der ihn zum Märtyrer für die Freiheit gemacht, die uneigennützige Hingabe an eine große und heilige Sache stand in schroffem und unvermitteltem Gegensatz zu Fanny's Wesen. Ihr Gatte hatte nicht Unrecht gehabt, als er sie vor Selbsttäuschung warnte, die junge Frau war sich in der That über den Ursprung ihrer Empfindungen und Meinungen nicht klar.

Fanny war Nichts weniger als ein Mannweib oder eine Emancipirte, wie es deren während der Bewegungsjahre eine ziemliche Anzahl unter den Frauen gab. Nicht die Begeisterung für die großen Ideen der Demokratie hatte sie beseelt, sondern ganz andere Motive hatten sie zur Anhängerin der Bewegung gemacht.

Dennhardt lebte, wie wir schon erzählt, vor dem Ausbruche der Märzrevolution in einer deutschen Residenzstadt.

Sein Beruf brachte ihn in häufige Berührung mit der sogenannten vornehmen Gesellschaft. Frauen und Männer aus diesen Kreisen besuchten sein Atelier, fast täglich hielten die Wagen der Prinzen und Prinzessinnen des königlichen Hofs vor seinem Hause.

Allein man kennt ja die chinesische Abgeschlossenheit der vornehmen Kasten in unserm Deutschland; trotzdem, daß Dennhardt's Werkstatt nicht leer wurde von vornehmen Besuchen, blieben ihm und seiner Frau doch die geselligen Kreise dieser Besucher verschlossen. Ja, wenn er wenigstens Baron, Ritter eines hohen Ordens oder Hofrath vierter Classe gewesen wäre!

Allein ihm fehlte jedes dieser Verdienste, er war und wollte nicht mehr sein als der Bildhauer Walther Dennhardt. Es half ihm Nichts, daß sein Name in der Kunst ein hoch geachteter, sogar berühmter war, all sein Künstlerruhm öffnete ihm nicht die Thüren zu jenen aristokratischen Salons, in welchen Abends die Herren und Damen über die Statuen und Gruppen plauderten, die sie des Morgens in seinem Hause bewundert hatten. Ihm persönlich war Dies nun freilich sehr gleichgültig. Dennhardt würde selbst diese geselligen Cirkel gemieden haben, wenn man ihn mit Einladungen überhäuft hätte.

Er war ein principieller Gegner der Anschauungen, die unter diesen Leuten gang und gäbe waren, er war mit Leib und Seele viel zu sehr Demokrat, als daß er sich in dem Umgange mit diesen Aristokraten hätte wohl fühlen können. Hätte er ihnen doch sogar gern seine Werkstatt geschlossen, wenn Dies möglich gewesen wäre. Außer in einem kleinen Kreise gleichgesinnter Freunde, welche theils Künstler, theils Gelehrte, Schriftsteller, Aerzte, Advokaten waren, bewegte sich Dennhardt häufig in jenen Volkskreisen, wo der Mangel an positiver Bildung und Formengewandtheit durch die Naivetät der Empfindung und durch die selbstlose Hingebung an oft selbst mißverstandene Ideen aufgewogen wird. Anders war es bei Fanny.

Sie, die Tochter eines adeligen vornehmen belgischen Geschlechts, welche dem jungen deutschen Künstler vielleicht eben so sehr aus Liebe als aus Trotz gegen ihre widerstrebende Familie ihre Hand gegeben, sie mit ihrem stolzen Sinn, der gewöhnt war an Glanz und Huldigungen, sie, die schöne junge Frau, nicht ganz frei von jener Koketterie, welche unbekümmert um die Wunden, die sie schlägt, so gern stolze Triumphe feiert, sie fühlte sich durch jene schroffe Abgeschlossenheit der vornehmen Kaste verletzt, gekränkt.

War der Adel ihrer Familie nicht ebenso alt als der dieser hochmüthigen deutschen Baroninnen und Gräfinnen, war sie nicht ebenso schön, vielleicht noch schöner und jedenfalls viel geistreicher als eine Menge dieser vornehmen Damen, welche das Vorrecht genossen, bei den Festen des königlichen Hofes erscheinen zu dürfen, die den gesellschaftlichen Ton angaben und deren Namen stets genannt wurden, wenn von den Bevorzugten der Gesellschaft gesprochen wurde?

Es wäre ein Wunder gewesen, wenn sich Fanny's stolze Natur nicht aufs tiefste dadurch hätte verletzt fühlen sollen. Ihr Haß gegen jene vornehme Kaste steigerte sich täglich, mit fieberhafter Hast las sie die Werke der französischen und deutschen Socialisten und verfocht in den Kreisen der Freunde ihres Mannes die Grundsätze der socialen Gleichheit mit einer Leidenschaftlichkeit, wie man sie nur bei heißblütigen Frauennaturen findet.

So geschah es, daß Fanny ihrem Gatten als begeisterte Anhängerin der Grundsätze, für welche er selbst das Leben einzusetzen bereit war, erscheinen mußte.

Erst als die Katastrophe eintrat, welche ihn zum heimathlosen Flüchtling werden ließ, kannte er die tiefe Kluft, welche zwischen seinen und seiner Gattin Ideen lag.

* * * * *

Dies Alles bei sich im Geiste erwägend, saß Dennhardt an dem Herbstnachmittag an der Wiege seines Kindes in jenem Hause der Vorstadt von Belleville.

3. Ein kleines Kind.

Der Winter lag auf der Stadt Paris, ein echter nordischer Winter mit Schneegestöber und schneidender Kälte. Weihnachten, das heilige Fest, an welchem die Engel des Himmels wie die Engel der Erde die kleinen Kinderherzen, aufjauchzen in seliger Freude, stand vor der Thür.

Noch wenige Stunden und herab senkte sich auf die dunklen Fluren die geweihte Nacht, die einst mit den erhabenen Worten der Verheißung: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden!« den armen Hirten verkündigt wurde.

Friede auf Erden! Hohe, schöne Botschaft der himmlischen Heerschaaren! Aber wo ihn suchen, um ihn zu finden diesen Frieden, von dem die Engel auf jenem Felde Palästina's sangen? In der Natur, wo oft urplötzlich entfesselte Kräfte mit wilder dämonischer Gewalt losbrechen, Zerstörung und jähe Vernichtung in ihrem Gefolge? Bei den Thieren des Feldes oder des Waldes, die vom Hunger gestachelt in blutigem Kampfe sich zerfleischen? Oder bei den Menschen? Vielleicht in ihren Tempeln, wo sie Gott dienen und derselbe Priester, der über Euch den Segen spricht, seinen Fluch auf Die schleudert, welche andern Glaubens sind? Oder in den Schulen und Hörsälen, wo die Quellen der Weisheit fließen und die Jünger der Wissenschaft, die nach derselben einzigen und ewigen Wahrheit suchen, so oft ihre beste Kraft vergeuden in fruchtlosem Gezänke über leere Formen? Oder in den Palästen der Könige, wo feile Schmeichler das Ohr der Mächtigen vergiften und Zwietracht und Furcht säen zwischen Volk und Fürst? Und wenn Ihr wie jener Unselige, der den Heiland mit der Kreuzeslast fluchend von seiner Schwelle stieß, Jahrhunderte lang über den Erdball wandertet, Ihr würdet ihn nimmer an diesen Stätten finden jenen stillen sanften Frieden, nach welchem unser Herz sich so tief sehnt, wenn es gebrochen, aus tausend Wunden blutend, die ihm der Kampf des Lebens geschlagen, im wilden Schmerze zusammenzuckt. So sucht den Frieden an der Brust eines Freundes, in den Armen eines liebenden Weibes!

Aber wenn Ihr nicht verblendet seid und Schaumgold mit edlem Metall verwechselt, dann müßt Ihr gestehen, daß die echten Freunde wie die liebenden Frauen so selten sind wie jene blaue Blume, deren Duft die Zauberkraft hat, kranke Herzen zu heilen, die von tiefster Sehnsucht nach einem Glück gequält werden, welches auf Erden nie zu finden ist. So suchen wir vergebens den Frieden auf Erden? »Suchet und Ihr werdet finden!« Suchet ihn da, wo ihn jener Mann gefunden hat, den wir als Verfolgten das deutsche Land verlassen und nach der großen Stadt Paris fliehen sehen, wo er seit vier Monaten mit Weib und Kind weilt.

Es ist Abend geworden, heiliger Abend. Walther Dennhardt sitzt in demselben Zimmer, in welchem wir ihn an jenem Septembernachmittage brütend fanden, vor einem Tisch, um den Christbaum für sein Kind zu schmücken, für sein liebes kleines Kind.

Hinter dem Ofenschirm schlummert sie in ihrem Wiegenbett, die kleine Mimi, die vor zwei Monaten ihren ersten Geburtstag gefeiert hat.

Horch! jetzt regt und streckt es sich in dem Bettchen, ein leichter Aufschrei, und mit einem Sprunge ist der Vater an des Kindes Wiege.

»Ausgeschlafen, meine kleine Mimi?« lächelte er dem Kinde entgegen, während ein goldiger Freudenschimmer des ernsten Mannes Züge verklärt. Und das Kind streckt ihm mit dem süßen Rufe »Papa« lächelnd die kleinen runden Arme entgegen.

Er hebt es zu sich empor und bedeckt das kleine rosige Gesicht mit Küssen, während Mimi mit ihren Händchen ihm jauchzend den Bart zaust. Da erblickt die Kleine den grünen Tannenbaum mit den goldenen Nüssen und silbernen Aepfeln und dem bunten Zuckerwerk, und in die Hände klatschend stößt sie einen hellen Schrei aus.

Mit einem Blick unaussprechlicher Zärtlichkeit betrachtete Dennhardt die kleine Mimi, welche nach dem ersten Ausbruch ihres Jubels still die Herrlichkeiten des Christbaums anstaunte. Sie war sein Alles, die kleine Mimi, seine Freundin, seine Geliebte, seine Welt, sein Ideal. Es war ein herziges, liebes Kind, ein kleiner holder Engel, wie ihn Raphael's Phantasie in ihrer glücklichsten Stunde nicht reizender träumen konnte.

Die blonden weichen Locken, welche den kleinen Kopf umwallten, die lieben braunen Augen, welche so frisch in die Welt hineinblickten, das rosige Plappermäulchen, hinter dessen rothen Lippen schon der weiße Schmelz der ersten Zähne hervorglänzte, das weiche runde Kinn mit dem kleinen Grübchen, die helle Stirn mit ihrem Schimmer reinster Unschuld, auch ein kälteres Herz, als es das Herz eines Vaters ist, hätte die Kleine lieben müssen.

Da klingelte es draußen an der Thüre des Vorzimmers, leichte Schritte wurden hörbar. Die Kleine hob das Köpfchen von der Schulter des Vaters und fröhlich in die Händchen klatschend rief sie: »Mama ... Mama ...«

Fanny trat ein.

»Mimi!« und Hut und Mantel abwerfend eilte sie auf die Kleine zu, welche ihr jauchzend entgegenzappelte.

Sie nahm das Kind aus Walther's Armen und zog es an ihre Brust, das kleine Köpfchen mit unzähligen Küssen bedeckend.

Wer in diesem Augenblicke Beobachter dieser Scene gewesen, Zeuge von den Ausbrüchen der leidenschaftlichen Zärtlichkeit gegen das kleine reizende Wesen, der würde sicher geglaubt haben, daß in dieser kleinen einfachen Wohnung des deutschen Flüchtlings sich ein Tempel des häuslichen Glückes aufgerichtet, wie man ihn in Millionen von Palästen und Hütten vergebens sucht.

Und doch hätte er nur den einen Blick, welchen die beiden Gatten bei ihrem Wiedersehen mit einander wechselten, auffangen müssen, um zu erkennen, daß dieses Kind das einzige, letzte Band noch war, welches die Beiden an einander fesselte. Wem aber jener Blick noch nicht Alles gesagt, der hätte an dem Tone von Walther's Stimme erkannt, daß hier zwei Herzen neben einander schlugen, die sich so fremd geworden waren, daß keines mehr den Schlag des andern verstand.

»Es beginnt zu dunkeln, geh' mit der Kleinen so lange in das Schlafzimmer, bis ich den Baum angezündet habe. Wo sind die Puppen und die anderen Sachen?«

»Der Commissionär wird sie auf dem Vorsaal abgelegt haben,« entgegnete die junge Frau, in das Nebenzimmer gehend, in einem Tone, der so kalt, so eisig war, wie der Nordwind, der vom Montmartre herab durch die Straßen der Stadt fegte.

Dennhardt sah ihr mit einem langen ernsten Blicke nach.

»Wir beide haben mit einander abgeschlossen,« sprach er für sich, »aber das Herz des Kindes sollst Du mir nicht rauben, Du verblendetes stolzes Weib, das nicht leben kann ohne jenes nichtige Rauschgold und jenen Flittertand, dem die Narren nachjagen, um darüber das wahre echte Glück des Lebens, den Frieden des Herzens zu verlieren.«

Weder in seinen Mienen, noch in dem Klange seiner Stimme drückte sich bei diesen Worten etwas Schmerzliches oder Klagendes aus, er sprach diese Worte so ruhig, so leidenschaftlos, so reflectirend, etwa wie ein Professor auf dem Katheder über einen Satz der Moralphilosophie. Aber diese Ruhe hatte er mit Kämpfen sich erkauft, die er nicht zum zweiten Male hätte bestehen können. Dann trat er an den Tisch, um den Christbaum anzuzünden und den Weihnachtstisch für seine kleine Mimi herzurichten.

Es war finster draußen, der Wind trieb dichte Wolken von Schneeflocken durch die Straßen und gegen die Fenster der Häuser, die Bäume des Parks stöhnten und seufzten unter der Gewalt des Wintersturmes -- in der Brust des Verbannten aber, der hier auf fremder Erde seinem Kinde den ersten Christbaum anzündete, da leuchtet es in diesem Augenblicke auf von hellem, warmem Sonnenschein. Seine Mimi war es ja, für die er die Lichter des Tannenbaums anbrannte, ihr gehörten alle die bunten flimmernden Herrlichkeiten dieses Tisches, dem kleinen holden Engel, welchen ihm die gütige Gottheit gesendet hatte zum Trost und zur Freude inmitten der Wirrsale seines wild bewegten Lebens.

Endlich war Alles geordnet, er klatschte in die Hände, die Thür des Nebenzimmers öffnete sich und mit einem Male strömte der helle Lichtglanz in das dunkle Cabinet, auf dessen Schwelle die kleine Mimi stand, sprachlos die Händchen in einander gefaltet, ein Bild lieblichsten Erstaunens. Ein Wonneschauer seligsten Entzückens ging durch des Mannes Seele.

Wohl giebt es der Freuden, welche ein Menschenherz erbeben lassen, viele und schöne, aber eine reinere, unschuldigere, süßere Freude, als ein liebend Elternherz empfindet, wenn des ersten Christbaums Lichter in die Seele des Kindes jenen hellen Glanz werfen, der noch nach langen, langen Jahren durch das Dunkel des Lebens uns seinen magischen Schimmer nachsendet, eine sanftere, beglückendere Freude giebt es nicht auf dem Erdenrund.

Aber auch Fanny vergaß in dieser Minute alle die Dissonanzen ihres jetzigen Lebens und versenkte sich ganz in die bewegte liebliche Kinderseele. Still war es im Zimmer, still als wenn ein Engel durchs Gemach schwebte und seinen Gruß dem blonden Engelsköpfchen mit den lieben braunen Augen zuwinkte.

Allmälig erholte sich die Kleine von ihrem Erstaunen. Anfangs mit zögerndem, dann mit lebhafterem Schritte näherte sie sich dem Weihnachtstische, und als sie endlich dicht vor den schimmernden Herrlichkeiten stand, stieß sie einen lauten jauchzenden Ruf aus und faßte mit beiden Händen nach der nächsten Puppe, die sie zärtlich an ihr kleines, vor Aufregung und Freude laut klopfendes Herz drückte.

O welch ein unendlich reicher Schatz von Liebe liegt in eines Kindes Brust, wie sollte er gehütet werden von Denen, welchen Gott die Kinder zur Obhut anvertraut, und wie gewissenlos wird es nur zu oft verwaltet dieses Geschenk des Himmels, wie wird Stück für Stück dieser Juwelen der Liebe den kleinen Kinderherzen geraubt, Tag für Tag, Jahr für Jahr. Und wenn sie endlich groß sind, dann sind sie so bettelarm geworden, daß sie die wahren Juwelen der Liebe von den falschen, unechten nicht einmal mehr unterscheiden können. Es war Mimi's erste Puppe ... die erste Puppe! Welche Liebkosungen, welche Zärtlichkeiten empfängt sie, wie offenbart sich an dem Kinde und seiner ersten Puppe ein so schöner rührender Zug edelster Menschlichkeit. Es fühlte das kleine Kinderherz die Hülflosigkeit seiner Puppe, wie das arme Ding mit den kleinen Händen und Beinen und dem runden rothen freundlichen Gesicht so ganz und gar auf seine Pflege und Sorge angewiesen ist. Und nun füttert die Kleine das arme Püppchen und giebt ihm zu trinken, Kuchen und Milch, gerade wie es Mama mit ihr zu thun pflegte, und wickelt sie in ihre Schürze, daß sie nicht friert die arme Kleine, und macht ihr ein Bettchen in der kleinen Wiege und drückt sie zärtlich an die Brust und schläft endlich mit ihr ein, mit ihrer Puppe im Arm.

Und so ist auch die kleine Mimi eingeschlafen mit ihrer Puppe und des Kindes Wange ruht an der ihres kleinen Schützlings und um die Lippen des Kindes schwebt noch das letzte Lächeln, mit dem sie ihre Puppe angelächelt, schon halb im Schlummer, umgaukelt von den rosigen Engeln der Kinderträume. Da erhebt sich die junge Frau und verläßt das Zimmer, Hut und Shawl ergreifend, und steigt die Treppe hinab und öffnet das Haus und steigt in einen Wagen, der zwanzig Schritte von der Thür hält und dann mit ihr fortrollt.

Und wieder sitzt Dennhardt allein an der Wiege seines Kindes.

Die Lichter des Tannenbaums sind erloschen bis auf eine einzige Kerze, welche mit ihrem matten Schimmer das Gemach erleuchtet, auf dessen Wänden und auf dessen Diele die Aeste und Zweige des Christbaums ihre Schatten werfen. Der Geruch des Wachses durchzieht vermischt mit dem harzigen Tannenduft die Luft und aus dem Halbdunkel glitzern und blinken die goldenen Nüsse und silbernen Aepfel magisch hervor. Erinnerungen an alte längst verklungene Zeiten gehen durch des Flüchtlings Seele. Die freundlichen Geister seiner Kindheit schlüpfen aus den Zweigen des Tannenbaums hervor und tragen ihn fort, weit fort von dem großen Paris in eine kleine Stadt, inmitten der grünen Berge Thüringens. Sie führen ihn durch die Flur eines traulichen Hauses, die Treppe hinauf, über den dunklen Vorsaal in ein kleines Kämmerchen, dicht an dem Wohnzimmer. Und wie er so in der dunklen Kammer steht und den hellen Lichtstreifen betrachtet, der sich verstohlen durchs Schlüsselloch schleicht und leise über die Diele hingleitet, da ist es ihm auf einmal, als wäre sein ganzes späteres Leben nur ein Traum gewesen, den er in der letzten unruhigen Nacht geträumt. Er ist wieder der zehnjährige Knabe mit den langen blonden Locken, das fröhliche Kind, welches durch das Schlüsselloch blinzelt, um Etwas von den Geheimnissen der Bescheerung, die darin von Vater und Mutter aufgebaut wird, zu erlauschen.

Da öffnet sich plötzlich die Thür, ein blendend heller Lichtstrom dringt in die dunkle Kammer, mit glücklichem Lächeln betrachten die Eltern den überraschten Knaben, der zögernd einige Schritte gegen den Tisch wagt, wo unter den Zweigen des Christbaums in rosig schimmerndem Kleide mit goldenen Flügeln ein Weihnachtsengel sitzt und ihm mit dem Finger winkt.

Da verwirren sich ihm plötzlich die Gedanken. Er kennt den Weihnachtsengel und die lieben guten Augen seines lieblichen Gesichts, er hat oft mit ihm gespielt und getändelt, den kleinen Engel in seinen Armen herumgetragen, ihn geküßt und geherzt, er hat ihn beim Namen gerufen, und doch weiß er in dem Augenblicke nicht, ob er ihn Lenchen nennen soll, wie sein einziges kleines Schwesterchen hieß, das so bald von den Engeln des Himmels hinaufgetragen wurde zu den blauen Wolken, oder ob er Mimi heißt, wie sein liebes süßes Kind. Wie wenn zwei Wasserströme sich vereinigen und ihre Wellen sich vermischen, so fließen jetzt in Dennhardt's Traumgebilde Vergangenheit und Gegenwart zusammen.

Da schlägt ein Laut an sein Ohr, ein süßer, lieblicher Laut, der ihn von den Todten auferwecken könnte.

»Papa ... lieber Papa ...« Und gebrochen ist plötzlich der Bann, mit dem der Traumgott ihn bestrickt.

»Meine Mimi,« ruft er und beugt sich über die Kleine, die mit heißen Wangen in ihrer Wiege liegt, im Halbschlummer plaudernd, noch aufgeregt von den Eindrücken des Abends, die sie noch im Traume verfolgten.

»Schlummere, mein kleiner Engel,« murmelte Dennhardt und legte seine Hand leise auf des Kindes heiße Stirn, während er sein Haupt leicht auf den Rand der Wiege stützte. Da erlosch auch die letzte Kerze, im tiefen Dunkel lag das Zimmer und herab senkte sich auf Vater und Kind jener sanfte ruhige Schlummer, der den Gerechten geschenkt wird, die reinen Herzens sind.

4. Ein Gespräch und seine Folgen.

Fanny hatte doch das Herz geklopft, als sie ihren Fuß auf den Tritt des Wagens setzte, der sie von der Vorstadt bei Belleville weit hinein in das Herz von Paris führen sollte.

Dieser Schritt, Das fühlte sie klar, war ein Bruch mit der Vergangenheit, ein entschiedener Bruch, der nicht mehr zu heilen war. Manch innerer schwerer Kampf war vorausgegangen, ehe sie ihn wagte.

Bevor wir aber die junge Frau auf ihrer nächtlichen Fahrt nach Paris hinein begleiten, müssen wir von einer Begegnung erzählen, die vielleicht einen Monat vor Weihnachten stattgefunden hatte.

Fanny war in die innere Stadt gefahren, um hier einige Einkäufe zu besorgen. Etwas ermüdet war sie dann in ein Café des Boulevard Italien getreten, um eine Erfrischung zu nehmen, als mit einem halb unterdrückten Ausruf der Freude ein junger eleganter Mann auf sie zutritt.

»Welch glücklicher Stern, der mich Ihnen, Madame, zwei Tage nach meiner Ankunft in Paris begegnen läßt!«

Die junge Frau überfliegt mit einem überraschten Blicke die Züge und Gestalt des Mannes und die Erinnerung an jene Scene an den Ufern des Rheins steigt in ihrer Seele auf.

»Der Herr Vicomte von Grandlieu,« entgegnete sie, »ist das nicht Ihr Name, mein Herr?« Und ohne die bejahende Geberde des Andern abzuwarten, fuhr sie fort: »O, mein Mann wird sich sehr freuen, wenn ich ihm mittheile, daß Sie in Paris sind.«

Der Vicomte unterbrach sie: