Ein kleines Kind: Weihnachts-Novelle
Part 1
Ein kleines Kind.
Weihnachts-Novelle
von
Carl Wartenburg.
Der Dienst der Freiheit ist ein schwerer Dienst, Er bringt nicht Gold, er bringt nicht Fürstengunst; Er bringt Verbannung, Kerker, Schmach und Tod -- Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst, Dem sich die Edelsten des Volkes weihen!
_L. Uhland._
Wien, 1864.
Verlag von Carl Schönewerk.
Meinem einzigen, geliebten Kinde
Helene
geb. 17. August 1855, gest. 17. August 1861.
1. Auf der Flucht.
Noch wenige Schritte und das deutsche Land lag hinter ihnen ... Die Flüchtlinge holten still stehend Athem, ihre Blicke noch einmal zurückwendend zur alten Heimath. Es waren drei Personen, ein Mann, ein junges Weib und ein kleines Kind, das im Arme des Vaters lag, mit sanft gerötheten Wangen den süßen Schlaf der Kindheit schlummernd, nicht ahnend, daß es in diesem Augenblicke das Vaterland verlor. Eine Thräne flimmerte in den Augen des jungen Mannes. »Lebe wohl, mein Heimathland ... mein liebes, theures deutsches Land ... Ich verlasse dich, gejagt wie ein Thier des Waldes von der Meute, die nach meinem Blute dürstet. Lebe wohl und vergieb mir, daß ich dich zu sehr geliebt ... Gott segne dich, mein deutsches Land ...« Schmerz und Wehmuth erstickten seine Stimme, er verbarg sein Gesicht in dem Lockenköpfchen des Kindes und weinte bitterlich.
Die junge Frau an seiner Seite blickte düster und stumm hinüber nach der deutschen Grenze ... Auch in ihren großen dunklen Augen funkelte eine Thräne, aber es war keine Zähre des Schmerzes und der Wehmuth, wie bei ihrem Gatten ...
Zorn, Stolz, Verachtung sprühten ihre Blicke, und die Lippen des fein geformten Mundes waren fest aneinander geklemmt, als fürchte sie, daß ihr wider ihren Willen ein Laut der Klage entschlüpfen könne ...
So standen sie eine lange Weile, stumm und fast regungslos, ein Jedes die Beute stürmisch fluthender Gefühle ...
Endlich richtete der Mann sein Haupt empor, strich das blonde Haar, das ihm wirr um die Stirne fiel, mit einer lebhaften Geberde zurück und streckte seiner Gattin die mit einem Verbande umhüllte Rechte entgegen: »Laß uns weiter wandern, Fanny,« sprach er mit gefaßter Stimme, »hinein in die unbekannte Fremde, in die weite Welt, in die ich aus dem alten Vaterlande Nichts weiter mit hinüber nehme, als die Freiheit und das Bewußtsein, für unsere Ueberzeugung gestritten und gelitten zu haben.« Sie antwortete ihm mit einem seltsamen Blicke und wendete sich zum Weitergehen, ohne die dargereichte Rechte ihres Gatten zu ergreifen ...
Da raschelte es in den Büschen, welche an dem Ufer des Baches standen, der hier die Grenze zwischen dem deutschen und dem französischem Lande bildet. Gewehrläufe und Helme blinkten in den Strahlen der untergehenden Augustsonne und eine Gendarmeriepatrouille streckte den Flüchtlingen mit dem Zuruf: »Halt! ... Wer da?« ihre Bajonnete entgegen.
Die Flüchtlinge standen still, doch schon im nächsten Augenblicke hatte sich der junge Mann gefaßt und entschlossen antwortete er: »Laßt mich ruhig meines Weges ziehen ... Was kümmert's Euch, wer ich bin, wer giebt Euch das Recht, hier auf diesem Grund und Boden mich anzuhalten?«
»Wer uns das Recht giebt, Mann,« antwortete der Patrouillenführer, indem er auf den Flüchtling zutrat und mit der Säbelscheide auf den Boden stieß, »hier Das gibt uns das Recht, und das Signalement, welches ich hier in meiner Brieftasche trage, worin ein gewisser Walther Dennhardt, seines Zeichens ein Bildhauer, der an dem Aufruhr in der Pfalz und Baden thätigen Antheil genommen, verfolgt wird.«
»Und wenn ich Der wäre, den Ihr sucht,« rief der Flüchtling mit drohender Geberde, indem er das schlafende Kind in die Arme der jungen Frau legte, welche mit einer gewissen düsteren Ruhe dem Vorgange folgte, »so habt Ihr kein Recht, mich hier auf französischem Gebiete ... anzuhalten. Darum gebt mir freie Bahn oder ich schaffe sie mir ...« Und er zog mit der Linken unter der Blouse eine doppelläufige Pistole hervor, die er dem Patrouillenanführer entgegen streckte.
»Wie! Ihr wagt es Euch zur Wehre zu stellen,« schrie der Gendarmerie-Officier, indem er den Säbel zog, »vorwärts, Leute, faßt ihn.«
Ohne Zweifel wäre jetzt eine Scene der Brutalität, der Kampf einer vielfach überlegenen Gewalt mit einem Einzelnen erfolgt, wenn nicht in demselben Augenblicke die Gendarmen durch den lauten und energischen Zuruf: »=Halte!=« der von dem Saume des Birkenwäldchens her erscholl, welches sich links an dem Bache hinzog, stutzig gemacht worden wären.
Sowohl Verfolger als Verfolgte wendeten gleichzeitig ihre Blicke nach der Richtung, von woher der Ruf gekommen, und sahen drei junge Männer in eleganter Kleidung, die Jagdflinte über den Rücken geworfen, herankommen.
»Was giebt es da, was geht hier vor?« frug der Vorderste von ihnen, der einen schönen großen englischen Wasserhund an einer langen seidenen Schnur hielt, in französischer Sprache -- und dabei glitt sein großes dunkles Auge über die Gruppe, bis er auf der jungen Frau haften blieb.
»Wir sind eben im Begriff einen Verbrecher zu verhaften, einen Aufrührer und Rebellenführer, und Sie werden uns einen Gefallen thun, wenn Sie uns bei diesem Geschäft nicht weiter stören,« antwortete in schlechtem, aber doch verständlichem Französisch der Gendarmerie-Officier, indem er die Hand nach dem Flüchtlinge ausstreckte, der beim Herzutreten der drei jungen Männer seine Waffe gesenkt hatte.
»Gemach, mein Herr,« unterbrach ihn der junge Mann, indem er zwischen den Patrouillenführer und den Verfolgten trat, »und wer giebt Ihnen das Recht dazu?«
Erbitterte es den Officier, aus dem Munde des Fremden denselben Einwurf zu hören, den ihm der Flüchtling entgegen gehalten, oder dürstete er zu sehr nach Auszeichnung und Beförderung, die ihm gewiß war, wenn er den Flüchtling einfing, genug, er vergaß alle Rücksichten der Klugheit, und ungeduldig über die Hindernisse, welche sich der Gefangennahme des proscribirten Freischaarenführers entgegensetzten, rief er brüsk:
»Ich weiß nicht, wer Sie zu dieser Frage berechtigt ... gehen Sie Ihre Wege und mischen Sie sich nicht in die Angelegenheiten Anderer ... Und nun vorwärts, Ihr Leute, nehmt den Mann und das Weib mit dem Kinde in die Mitte.«
Eine dunkle Röthe hatte schon bei den ersten Worten des Officiers die Stirne des jungen Mannes gefärbt, doch bezwang er sich so weit, daß er den Andern vollenden ließ.
Wie aber die Polizeisoldaten Miene machten den Befehl ihres Vorgesetzten auszuführen, hob er drohend seine Flinte und rief mit gebieterischer Stimme, während er zugleich mit Anstrengung den Hund, welcher sich vom Instinct getrieben auf den Gendarmerie-Officier stürzen wollte, zurückhielt:
»Wie? Unverschämter, antwortet man so auf eine höfliche Frage ... Und habt Ihr,« und er trat einen Schritt gegen den Officier vor und blickte ihn durchdringend an, »habt Ihr vergessen, daß Ihr Euch einer Grenzverletzung schuldig gemacht habt und auf dem Boden der französischen Republik steht? Habt Ihr nicht jenen Grenzpfahl gesehen?« Und er deutete auf einen blau-weiß-rothen Grenzbaum, an welchem eine Tafel befestigt war, auf welcher die Worte standen: »=République française=.«
»Ich könnte Euch,« fuhr er ruhiger fort, als er bemerkte, wie die Gendarmen nebst ihrem Führer verlegen wurden, »ich könnte Euch festnehmen lassen und nach Straßburg abliefern, wo man Euch den Proceß machen würde wegen Verletzung der Republik mit gewaffneter Hand, aber ich will Nachsicht üben ... Doch jetzt macht schnell, daß Ihr fortkommt, oder ich schicke Euch den Gendarmerie-Capitain Molet über den Hals, der in dem Schlosse dort,« und er deutete auf ein hinter dem Birkenwäldchen liegendes kleines Gebäude »einquartirt ist.«
Murrend und knurrend, wie eine Meute, die der Befehl des Herrn von einem Stück Wild zurückruft, welches sie eben zerreißen will, trat die Streifpatrouille den Rückzug auf das deutsche Gebiet an und war bald in dem Gebüsche jenseits des Baches verschwunden.
Der Flüchtling streckte dem jungen Manne tief bewegt die Hand entgegen.
»Nehmen Sie den Dank eines Mannes hin, der nie vergessen wird, daß Sie dem heimathlosen Flüchtling die Freiheit retteten, für die er im Vaterlande mit den Waffen gekämpft.«
Der Andere entgegnete, die dargebotene Hand conventionell ergreifend und mit einer Gemessenheit des Tones, die fast überraschend abstach gegen die eben in der Vertheidigung des Verfolgten gezeigte Wärme:
»Es ist gut, mein Herr, Sie sind mir keinen Dank schuldig ... Wenn ich zwischen Sie und Ihre Verfolger trat, so geschah es nicht aus Sympathie für die Grundsätze, welche Sie hegen, denn ich hasse die Revolution und jene demokratischen Freiheitsideen, welche jetzt die Köpfe der Menge verwirren, sondern es geschah, weil ich sah, daß Sie Gatte und Vater sind.«
Und wieder traf ein leuchtender Blick seines Auges die junge Frau, welche unwillkürlich erröthend zur Erde niedersah.
Ein leichter Schatten verdüsterte auf einen Moment des Flüchtlings Stirne, als sein Befreier in so ablehnender Weise auf den warmen Ausbruch seines dankerfüllten Herzens antwortete, allein er unterdrückte dieses Gefühl rasch und sprach:
»Gleichviel ... wenn Sie auch kein Anhänger der Grundsätze sind, für welche ich gefochten und geblutet habe ... Walther Dennhardt wird doch nie aufhören sich Ihrer dankbar zu erinnern, und wenn Sie einst einen Mann suchen, der Ihnen einen großen Dienst leisten soll, so mögen Sie meiner eingedenk sein ... Und nun leben Sie wohl, mein Herr ... die Sonne sinkt und es ist noch eine tüchtige Strecke Wegs zur nächsten Eisenbahnstation. Gieb mir das Kind, Fanny.«
Die junge Frau reichte ihrem Gatten das Kind, welches noch immer schlummerte, und grüßte mit stummer Verbeugung den jungen Mann und seine beiden Freunde, die stille Zuschauer der Scene geblieben waren.
Auch der Flüchtling grüßte noch einmal seinen Helfer in der Noth mit einem Blick des Danks, dann wendete er sich zur Linken, der Heerstraße zu, welche nach der Hauptstadt des Elsasses führte, gefolgt von Fanny, die gedankenvoll hinaus ins Weite sah.
Sie waren schon zehn Schritte gegangen, als sie sich noch einmal von dem Andern angerufen hörten. »Ein Wort noch, mein Herr,« rief der junge Mann, auf die Stillstehenden zugehend, »Sie wollen heute noch nach Straßburg ... ich glaube kaum, daß es Ihnen möglich sein wird die Stadt heute vor später Nacht zu erreichen ... Es ist jetzt fünf Uhr ... in wenigen Stunden bricht schon die Nacht an und Sie haben noch zwei Meilen bis dorthin ... Für eine zarte Frau und für ein Kind von so jungem Alter dürfte eine Nachtreise doch bedenklich sein.«
Dennhardt warf einen fragenden Blick auf seine Gattin.
»O, was mich betrifft,« entgegnete die junge Frau mit Stolz und Energie, »so brauchst Du keine Rücksicht darauf zu nehmen ... ich hasse jenes Land,« und sie deutete nach der deutschen Grenze; »ich habe es nie geliebt ... und jeder Schritt, der mich weiter davon entfernt, dünkt mir Gewinn zu sein.«
Es waren die ersten Worte der jungen Frau, und das reine Französisch, in welchem sie gesprochen wurden, überraschte den Andern ebenso wie der energische Ausdruck des Hasses gegen Deutschland, der sich in ihnen aussprach.
»Sie sind eine Landsmännin von mir?« frug der junge Franzose mit lebhaftem Tone.
»Meine Frau ist Brüsselerin,« fiel der Flüchtling ein, indem sich eine Wolke auf seiner Stirn zeigte, »für die aber Deutschland die zweite Heimath wurde, die sie nie aufhören sollte zu lieben ... die sie nie schmähen sollte, selbst nicht in Momenten, wo die Seele erfüllt ist von Bitterkeit und dem Bewußtsein erlittenen Unrechts.«
Die Frau schwieg auf diese mehr schmerzliche, als in vorwurfsvollem Tone gesprochene Bemerkung ihres Gatten, und der junge Mann fuhr rasch fort: »Ich wollte Ihnen nur einen Vorschlag machen, der Ihnen unter diesen Umständen vielleicht annehmbar erscheinen dürfte. Ich bin der Besitzer dieser Fluren und jenes Schlosses, welches Sie dort hinter dem Birkenwäldchen sehen ... Wenn Sie sich hier von den Anstrengungen Ihrer Flucht erholen wollen, so steht es zu Ihrer Verfügung ... Doch,« fügte er rasch hinzu, als er eine gewisse Unentschiedenheit in den Zügen des Flüchtlings zu erblicken glaubte, »doch zuvor ist es nöthig, daß wir näher mit einander bekannt werden ... Kennen wir doch nicht einmal unsere Namen. Ich bin der Vicomte Edmund von Grandlieu.«
»Mein Name ist Walther Dennhardt, Bildhauer meinem Berufe nach.«
»Wie? Sie sind Bildhauer ... o, Das trifft sich ja herrlich,« fiel der junge Baron von Grandlieu ein, »ich habe eine wundervolle Antike in meinem Parke, eine Statue der Juno, an der leider ein Theil des rechten Armes fehlt ... Sie könnten, Herr Dennhardt, in voller Muße diesen Mangel ergänzen und mich dadurch zum lebhaftesten Dank verbinden.«
Mit einem schmerzlichen Lächeln zeigte der Bildhauer auf seine verwundete und mit Bandagen umhüllte Rechte. »Es thut mir in der That wehe, Herr Vicomte, daß ich Ihnen meine Dankbarkeit so schlecht beweisen kann. Ich werde wohl nicht so bald wieder den Meißel und den Hammer führen können. Der Bajonnetstich, der mir die Hand durchstach, hat vielleicht meiner Künstlerlaufbahn für immer ein Ende gemacht. Und nun nochmals herzlichen Dank für Ihr gastfreundliches Anerbieten, wenn wir dasselbe auch nicht annehmen können.«
»Wie, Sie wollen?« erwiderte der Baron von Grandlieu, indem er ein Gefühl der Verstimmung, welches ihn bei der abschläglichen Antwort des Bildhauers überkommen, unterdrückte. »Und wenn Sie vielleicht das Schicksal nach Paris führen sollte, so vergessen Sie dann nicht das Hôtel Grandlieu in der Rue de la Paix.«
Er grüßte, ließ noch einen lebhaften Blick auf die junge Frau fallen und ging dann zurück zu seinen Freunden, während die Flüchtlinge ihren Weg nach Straßburg fortsetzten, stumm und ernst, ein Jedes mit seinen Gedanken an die Vergangenheit und die ungewisse Zukunft beschäftigt, ein Jedes fühlend, daß zwischen ihnen Etwas lag, worüber es zur Erklärung kommen mußte.
2. Mann und Weib.
Die Vorhersagung des Barons von Grandlieu war in Erfüllung gegangen. Das Geschick hatte Walther Dennhardt nebst Frau und Kind nach Paris geführt ... An einem heitern Septembermorgen war er in der französischen Hauptstadt, die ihm schon von einem frühern Aufenthalte her nicht ganz unbekannt war, angelangt und hatte sich mit seiner kleinen Familie in einer der Vorstädte, in der Nähe von Belleville, eingemiethet.
Es war an einem Nachmittag, vielleicht eine Woche nach der Ankunft in Paris, als Dennhardt mit seinem Kinde am Fenster saß und gedankenvoll hinüberschaute in den Park des Nachbarhauses, in welchem der Herbstwind schon gelbe Blätter über die noch grünen Rasenplätze trieb.
Seine Frau war mit einer Dienerin ausgegangen, um einige Einkäufe für die häusliche Einrichtung zu besorgen. Dennhardt hatte eine Weile mit dem Kinde gescherzt und gespielt, bis es müde geworden das Köpfchen an seine Brust gelehnt hatte und eingeschlummert war.
Leise und vorsichtig, um die schlafende Kleine nicht zu erwecken, erhob er sich und legte sie behutsam in das kleine braunlackirte Schaukelbett, welches unweit des Fensters stand. Dann rückte er sich seinen Sessel an die Wiege und versank von Neuem in tief-ernstes Sinnen und gedankenschweres Brüten ... Die letzten drei Jahre, zugleich die bedeutungsvollsten seines Lebens, zogen an ihm vorüber. Gerade vor drei Jahren hatte er Paris, wo er in dem Atelier eines der berühmtesten Meister gearbeitet, verlassen, um einen Auftrag auszuführen, welchen er von der belgischen Regierung erhalten hatte. Er ging nach Brüssel, und hier war es wo er Fanny kennen lernte. Sie gehörte einer reichen adeligen Familie an, die sich lange gegen die Verbindung mit dem deutschen Künstler, der zwar einen ehrenvollen Namen in seiner Kunst, aber doch nur einen bürgerlichen trug, sträubte.
Aber Fanny war eine energische Natur; gerade der Widerstand, den sie fand, reizte sie, und eines Tages war sie mit Dennhardt aus Brüssel entflohen, um sich in einer Grenzstadt an der belgisch-holländischen Grenze mit dem Geliebten trauen zu lassen. Der Familie blieb darauf weiter Nichts übrig, als zu der vollendeten Thatsache ihre Zustimmung zu geben. Im Grunde der Herzen blieb aber der Zwiespalt unausgeglichen, und Dennhardt, Dies fühlend, verließ Brüssel, sobald er die übernommene Arbeit vollendet hatte.
Er kam nach Deutschland zurück in einer Zeit, deren mächtiger Zug auch kältere und weniger für alles Große und Schöne im Menschen- und Völkerleben begeisterte Naturen in unwiderstehlicher Gewalt mit sich fortriß, im Anfange des Jahres 1847.
Welches Ringen, welches Streben, welches Kämpfen in der Welt der Geister, auf allen Gebieten des Lebens, der Politik, der Kunst, der Literatur, der Gesellschaft. Die alte Weltordnung war im Begriff vollends unterzugehen, auch jene letzten Trümmer noch, welche die Revolution von 1789 übrig gelassen und die von der Restauration von 1815 mit aller Macht und Anstrengung aufrecht erhalten worden waren. In Frankreich klopfte die Revolution schon an die Thore eines Königspalastes, dessen Bewohner vielleicht hauptsächlich deßhalb seine Krone verlor, weil er über den schön aufgeputzten Reden und Declamationen einer corrumpirten, mit Orden, Titeln und Aemtern erkauften Kammermehrheit den Nothschrei und den Weheruf des Volkes in den Straßen überhörte.
In der Schweiz stand sich das Jesuitenthum von Luzern und das freie Bürgerthum der Eidgenossenschaft mit gewaffneter Hand gegenüber, schon witterte man in der Luft der Schweizerberge Etwas von einem Pulverdampfe, der wenige Monate später über die Ebene am Gislikon wogte und in dessen Wolken das jesuitische Sonderbündlerthum ersticken sollte ... Dazu die Bewegung der Geister in Deutschland selbst! Seit der Thronbesteigung Friedrich Wilhelm's IV. von Preußen war ein Ringen und Kämpfen entstanden auf den Gebieten des öffentlichen Lebens, wie man es vorher in Deutschland in dieser Weise nicht gekannt hatte. Große und leidenschaftliche Hoffnungen hatten sich an den Regierungsantritt dieses Königs geknüpft. Kaum ein Jahr war verflossen, und man sah mit zweifelloser Klarheit, daß man sich getäuscht hatte.
In der Presse, in den Kammern, in der Wissenschaft, auf dem Gebiete der Religion, überall liefen die Vorkämpfer der neuen Ideen Sturm gegen die alten Traditionen. Die Reden Itzstein's, Welcker's, Hecker's, Bassermann's, in der badischen zweiten Kammer fanden einen Wiederhall in ganz Deutschland und weckten gleiche Stimmen im Ständesaal zu Dresden, während die Presse mit ihrer ganzen Macht die Kammerredner unterstützte. Alles rief nach Freiheit; und so unklar für Tausende auch dieser Begriff war, so wunderlich die Vorstellungen, welche sich Viele von der Freiheit machten; das Wort hatte einen Zauberklang, der die Herzen mit gewaltiger Kraft ergriff und mit sich fortzog ... Die »Vaterlandsblätter« Robert Blum's, Gustav Struve's »Deutscher Zuschauer,« Keil's »Leuchtthurm« wurden heißhungrig verschlungen und jedes Blatt warf neue Funken in die schon entzündeten Gemüther. Dazu der Kampf auf dem Gebiete der katholischen Kirche, welchen Johannes Ronge durch seinen berühmten Fehdebrief aus Laurahütte an den Bischof Arnoldi von Trier zum Ausbruch gebracht hatte, die Aufregung der Geister wegen Lösung der socialen Frage, die immer drohender heranrückte und ihre Tirailleurs in ganzen Schwärmen socialistischer Schriftsteller vorausschickte, der ängstliche zögernde, halbe Widerstand der Staatsgewalten, welche den Boden unter ihren Füßen wanken fühlten, -- alle diese Momente mußten eine so empfängliche Natur, wie Walther Dennhardt, mit unwiderstehlicher Gewalt ergreifen.
Und Fanny? Sie war oder schien wenigstens ebenso leidenschaftlich für die Ideen der Freiheit und Gleichheit begeistert zu sein wie ihr Gatte, und als die gewaltige Katastrophe der Februarrevolution ausbrach, Deutschland von ihrer Macht ergriffen wurde, in Wien und Berlin die Barrikaden sich erhoben, da bedurfte es der ganzen Ueberredungsgabe Dennhardt's, um die junge Frau abzuhalten gleich ihm auf den Barrikaden gegen die Soldaten zu fechten ... Es liegt nicht in unserer Absicht, in dieser Erzählung alle die verschiedenen Phasen der so denkwürdigen Bewegung von 1848 und 1849 zu schildern, wir wollen nur so viel erwähnen, daß Walther Dennhardt und seine junge Frau sich den entschiedensten Vorkämpfern der demokratischen Partei anschlossen, und im Frühjahr 1849 finden wir sie in Baden, wo die letzten Kämpfe der Bewegung ausgefochten wurden. Hier entdeckte Dennhardt, dem seine Gattin im Sommer 1848 eine Tochter geboren hatte, zum ersten Mal einen Zwiespalt zwischen seinen und Fanny's Ansichten.
Die provisorische Regierung bot ihm die Stellung eines politischen Commissärs an. Er sollte mit ausgedehnten Vollmachten nach dem Schwarzwald geschickt werden, um dort die Bewegung zu organisiren. Es war dies eine Stellung ganz selbständiger Natur und von bedeutendem Einfluß.
Dennhardt schlug sie jedoch aus und zog es vor, als Freischaarenführer in die Reihen der Kämpfer zu treten.
Fanny machte ihm hierüber Vorwürfe: »Warum hast Du dieses Amt nicht angenommen?« sprach sie »und verurtheilst Dich selbst zu einer so niedrigen Stellung? Als ob es nicht Tausende genug gäbe, die gut zum Dreinschlagen sind. O, Ihr idealen deutschen Schwärmer, Ihr werdet niemals eine wirkliche Revolution zu Stande bringen; denn es fehlen Euch die energischen revolutionären Naturen. Ueberall diese ängstliche Bescheidenheit und Blödigkeit, die jungen Mädchen gut steht, aber wahrlich Männern nicht geziemt, welche eine Staatsumwälzung vollführen wollen.«
»Ich kämpfe nicht aus selbstsüchtigen, persönlichen Motiven, sondern für meine Ueberzeugung, für Deutschlands Einheit und Freiheit; ich schlug diesen Antrag aus, weil ich fühlte, daß ich dieser Aufgabe nicht gewachsen war. Als Kämpfer aber kann ich meine Pflicht erfüllen.«
Fanny lächelte spöttisch: »War es nicht ein deutscher Dichter, Euer Göthe, welcher das Wort vom Dienen und Herrschen sprach? Wohl, wenn die Freiheit und Einheit Deutschlands erkämpft ist, wird es noch immer Solche geben, die befehlen, und Solche, welche gehorchen müssen. Hast Du so große Lust zu den Letztern zu schwören?«
»Weder zu den Einen, noch zu den Andern ... ich will Nichts weiter als ein freier Bürger im freien Vaterlande sein. Doch lassen wir Das,« sprach er abbrechend, »diese Erörterung ist überflüssig ... und schmerzlich dabei ist mir nur das Eine, daß Du, Fanny, so wenig meine Grundsätze und Ueberzeugung kennst.«
Fanny schwieg. Doch als der Gang der Begebenheiten immer verhängnißvoller wurde, der Sieg der Sache, für welche Dennhardt die Waffen in feuriger Begeisterung ergriffen, immer zweifelhafter, da mußte er manche bittere Bemerkung seines Weibes hinnehmen, und obwohl widerstrebend mußte er sich doch gestehen, daß Fanny nicht aus Enthusiasmus, aus innerer Ueberzeugung seine politischen Bestrebungen gebilligt und an ihnen Theil genommen hatte, sondern aus ganz andern Beweggründen. Zur vollen Gewißheit darüber gelangte er nach jenem Auftritt an den Ufern des Rheins, wo er nur durch das Dazwischentreten des französischen Barons vom Kerker errettet wurde. Dennhardt hatte Fanny Vorwürfe über ihr gehässiges Wort gegen Deutschland, das sie dem Baron von Grandlieu gegenüber ausgesprochen, gemacht.
Da war ihrem Herzen in leidenschaftlicher Rede all die Bitterkeit entquollen, die sich lange in ihr angehäuft hatte.
»Du willst mir Vorwürfe machen,« hatte sie ihm erwiedert, »daß ich mit Worten des Hasses und des Abscheues von Deinem Deutschland gesprochen habe. Kann ich aber andere Empfindungen gegen Dein Vaterland haben? Ist es nicht das Grab aller meiner Hoffnungen und Träume geworden, hat es mir etwas Anderes als Täuschungen geboten?«
Und als Dennhardt sie mit einem großen fragenden Blicke angesehen, hatte sie unter dem Eindrucke einer sich immer höher steigernden Erregung weiter gesprochen: