Part 2
Wo bleibst Du, Gatte, der Du einst gewacht, daß mich nichts Häßliches berühren konnte. O Herzgeliebter, der Du meine Träume wie zarte Blumen pflegtest; Dich, o Dich seh ich in unsrer Kinder Mund geschändet! Muß dieses Herz denn alle Gifte schlucken?
zum Ältesten Sohn
Wißt Ihr, wie Eures Vaters Blick erglänzte, sooft er Euch in seine Arme schloß?
Ältester Sohn
Wohin ich sehe, streicheln Vaterhände die Schöpfung ihrer Lust in Stolzgefühl. Sie schleichen stumpf in ausgetretner Bahn an alle Fragen, die um Antwort schreien, mit blinden Blicken ängstlich, scheu vorüber und hoffen von der Kinder frischem Mut, daß er die Lösung findet, die sie meiden. Doch schiebt hier Trägheit durch Jahrtausende von Kind zu Kindeskindern Urkraft weiter, am Heu der Hoffnung wie ein Ochse kauend, so mach ich solch Versteckenspiel nicht mit!
Mutter
zur Tochter
Was hockst Du lauernd? Hilf ihm lästern, hilf!
Ältester Sohn
Wer nahm mir Felsen, die den Rücken krümmen? Hätt ich nicht früh durch mich Alarm geschlagen --
Mutter
unterbrechend
Wärst Du des Vaters wert geworden!
Ältester Sohn
Ja, im Viereck, breiter nicht als meine Schultern säß ich noch eingeklemmt! Ich dehnte mich und will mir nicht, wie's satte Eltern tun, das letzte Glück von Kinderkraft erbetteln!
Mutter
Seit Ihr geboren, dacht ich nie an mich!
Ältester Sohn
Armselig Herz, das Liebe heucheln muß, weil Du ganz hilflos warst, uns Lusterzeugte in diese Welt auch gleichbegabt zu setzen!
Mutter
Wühlst Du in meiner Qual?
Ältester Sohn
Ich kenn' Dich ganz an nackten Händen und dem Furchenspiel, das schamlos rund um Augen schwatzt und schwatzt!
Mutter
Die Runzeln, die Du schmähst, grubt Ihr mir ein!
Ältester Sohn
Ja, lieber gingst Du heut mit Heldensöhnen durch kniegebeugte Bürger lächelnd hin und legtest stolz, wie's Heldenmüttern ziemt, den Jüngsten, den sie halbtot mitgezerrt, »ich wünscht, ich könnte noch mehr Söhne bringen« --, dem Götzen Vaterland ans Herz!
Mutter
Hör auf!
Ältester Sohn
Dann ständest Du nicht schlotternd hier bei Nacht vor dem, was Zufall aus uns Kindern schuf!
Mutter
Ja, dieser Zufall frißt in meinem Kopf! Ich stecke voller Pfeile! Kinder! Kinder!
Ältester Sohn
Verliebte Laune, mehr Verlegenheit, gab diesem Leibe Form! Geronnen wie ein Käse!
Tochter
anklammernd am Ältesten Sohn
Zum Liebestaumel schaffen wir uns selbst!
Ältester Sohn
schüttelt sie ab
Die Dünstung Deiner Haut schon sammelt Wolken um meinen Geist! Was hoffst Du Närrin noch? Wird nicht die Perle an dem Grashalm Wasser, der grüne Traumsaal ein verdorrter Busch, kein Edelstein, ein abgerupftes Moos, das in der Hand, die es bewundert, welkt? Da soll ich Dir, Du mir Erfüllung bringen? Nein, wo ich Zweige öffne, fliehen Märchen --, und jagte ich durch rankenwilde Pfade den Sternen nach, die aus der Bläue lockten, so war der Wald zu Ende, öde Felder von Raben überkrächzt, verhöhnten mich!
Mutter
Ach, Kind! o lieber Junge! Herzenskind!
Ältester Sohn
Was? liebes Kind und Herzenskind und -- was? Wie Taschenkrebse an den Strand geschleudert Komm ich zwei Schritt von Ozeanen um!
Mutter
O schau die Menschen neben Dir doch an, wie sie in Demut ihre Tage leben und nicht erfahren wollen, was Du willst; -- doch leben sie beglückt. Ein frommer Spruch erbaut sie wirklich in den Feierstunden, und falten sie am Abend ihre Hände --, wie friedlich schweift dann Aug und Herz ins Land. Die Sonne, die in Wiesenbächen spiegelt und Feld und Wald noch einmal golderwärmt, tut ihnen wohl und gut wie Gottesgabe. Spannt dann der Schlaf die schwarzen Flügel aus, so senken sie vor ihm den Blick und bleiben unangefochten von der Finsternis in Zuversicht und träumen von dem Licht!
Ältester Sohn
Und schlöß ich mich mit Eisentoren ab, so hört ich doch das Käuzchen vor dem Fenster und ahnte aus dem schrillen Geisterruf die Welt der Nacht. Kein Dach ist hoch genug, das mir der Sterne stillen Lauf verbirgt.
Mutter
Das tiefe Glück, das ich bis jetzt genoß, in dessen Glanz das Dunkel Träumen war, weicht mehr und mehr von meinen Augenlidern, und was ich niemals ahnte, tritt hervor.
Ältester Sohn
Ihr habt uns irrgeführt, daß wir den Himmel nur noch mit Engelchören denken können, die Gott im frommen Wechselsang umschweben. Das mag gemeine Todesfurcht umgolden --, mir ist es Zunder, der im Blut verbrennt samt allen Kronen und gestickten Wappen, dem Kirchenschlüssel und der Messen Prunk --, wie warm und weichlich es uns auch umfängt und jeder Schwäche breite Betten baut. Ich will aus dieser Kneblung ganz heraus und reiß den Vorhang auf! Das Licht erscheine, vor dessen Donnerglanz uns Herrschsucht schlau, Gemäuern gleich, wie Eulen schlafbetäubte!
Mutter
Ist es im ewgen Ratschluß so beschlossen, daß sich die Welt, der Nebellandschaft gleich, vorm Sonnengeiste mehr und mehr enthüllt --, mußt Du es sein, der diese Schleier nimmt?
Ältester Sohn
Ich muß dorthin, wo wirklich Wahrheit herrscht und Lug nicht mehr wie eine Regenschnecke das Reinste meiner Triebe überschleimt. Und sind die Götter, noch so riesenhaft und weihrauchüberschüttet, nicht imstande den Narrn und sein Geklingel abzuschütteln, so stehn sie steinerner als Pharaonen wie Götzen da, nur wert, daß sie ein Sturm aus ihren Fundamenten wirft. Schützt sich die Welt mit Zaun und Grenzen auch vor dieser Kraft, die blutge Lungen schafft, ich muß zu ihr und reiße alles ein, was wider mich. Und kam dabei ans Licht, was Unrecht hinter kalten Mauern schon beim Sternenblaß und Hahnenschrei verübt --, mich schreckt es nicht, würd es so hilflos, nackt wie feuchtes Grabgewürm, das Deckung sucht, wenn man den glatten Marmor abgerückt. --
Mutter
Erahnend, nicht begreifend, was Du willst --, fühl ich in dem, der Knospen Schalen gab und Weltenkeime im Gesetz vollendet, daß es verderblich ist, das zu versuchen, was höchste Weisheit unserm Blick verhüllt. Was wir von ihrem Licht erfassen können, ist nicht viel mehr als Blitzgeleucht bei Nacht!
Ältester Sohn
Seh ich im Samen aber schon die Blüte, soll ich von Knoten bis zu Knoten warten? Des Wachstums Zeiten will ich so beherrschen, daß ich dem Winterzweig, wie's Inder tun, aus grünem Mark die Blätterflut erzwinge. Und ist die Kraftfaust wirklich gottverschlossen --, ich bieg sie auf, bis sich in flacher Hand die Linien aller Rätsel vor mir lösen!
Tochter
Und auch vor mir, daß ich den dunklen Sinn, der mir bei jedem neuen Mond das Blut aus diesem Körper jagt, begreife!
Mutter
Wir Mütter kennen diese harten Stunden; wenn wir schon leise Wechselrede halten mit dem, was stetig, schweigsam in uns wächst, ersehnen wir die Wartezeit zu kürzen. Wir schauen nach der Sonne, nach den Bäumen, doch unerbittlich bleibt vor jedem Wunsch die Wirklichkeit und zwingt zum Weiterschreiten; bis uns ein holdes Schwellen unsrer Glieder zum Himmel hebend, ganz mit dem erfüllt, was ewig durch die Brust der Schöpfung strömt: Wir lernen Wonnen der Geduld verstehen. Sie wirken seltsam rein, und wie wir reifen, wächst unser Kind zu der Geburt heran, Erzwungne Taten, noch so laut getan, verdorren wie der Zweig, von dem Du sprachst.
Tochter
Du hast geboren und zur Welt gebracht und atmest doch wie wir, kein Merkmal sagts? Getragnes Leid und süßerlebte Wonnen, um die ich Dich aus tiefster Brust beneide, durchadeln Dich und zwingen mich zu Dir.
Mutter
Laß Dich dem Strome, Kind, er wird Dich tragen, wie er schon vor Dir alle Weiber trug; o komm zu uns, dem Kreis der Schicksalsschwestern, dem dieses Daseins Odem fortzubilden beglücktes Dulden war, der seine Stirne nie hadernd gegen Schicksals Willen hob.
Ältester Sohn
Da steht Ihr beide vor mir, armverschlungen! Braucht ich wie Ihr nur Kräfte wirken lassen, ich macht's Euch nach und stierte in die Sterne! Die Frucht im Garten, die ich oft befühlte, wenn sie im Mondlicht kühl in meiner Hand ganz unbeweglich lag, und dann am Morgen taufrisch geschwellt, so sonnenwarm erglühte, -- lehrt mich den Abstand zwischen mir und allem, was still in seine Reife wachsen darf.
Tochter
zur Mutter
Mich widert dieses Lächeln der Erfahrung, mit dem Du mich noch fester an Dich drückst, um alle Sturmglut heißentjauchzter Sinne in Unentrinnbar-Schreckliches zu mauern!
Mutter
Ich laß Euch plappern, wie vorm Nachtgebet, da Euch mein »Amen« schließlich doch umschlang!
Tochter
löst sich aus der Umarmung
Könnt ich aus Deinen Augenschächten graben, was mich so seltsam überlegen beugt.
Mutter
Da Ihr noch blind für dieses keusche Wunder, das alle Schöpfung herrlich weiterführt, -- geb ich mich ihm nur grenzenloser hin --, und fühle schon, wie es die alten Glieder im Innern löst und ahnungselig nährt!
Ältester Sohn
vor der Mutter
So standst Du einst am Buchenstamm gelehnt und warst in jeder Linie so verschwollen, daß ich entsetzt in tiefstes Dickicht lief und Bilder der Natur mit Dir verglich, -- bis ich im wollgen Neste eine Katze verborgen fand, die Dir vollkommen glich. Ich schlug sie tot!
Mutter
Die Hand, ein Händchen erst, die mir beim Gruß schon stolzen Schmerz verschaffte, konnt das tun?
Ältester Sohn
Sie tats! Und mit dem blutgen Messer, das mir das Rätsel der Geschwulst geöffnet, kam ich zu Dir und fand im kleinen Bett ein schreiend Wesen! Da, die Schwester wars!
Tochter
beim Ältesten Sohn
Eh ich das Licht gesehn, von Dir befühlt --, eh ich Gedanken trug, von Dir begriffen --, so ward ich Dein und wuchs von Dir gehetzt Dir, Dir entgegen an die dunkle Brust.
Mutter
zum Feigen
Wie Aussatz fällts auf mich! Mir selbst ein Ekel! Die Tat ist nichts! Doch das Gespenst dahinter, wer das erblickt, wird schwarz wie Blühn im Frost!
Tochter
zur Mutter
Wie ein Stück Fleisch am Markttag liegst Du feil, das ich beäugen muß in allen Fasern!
Mutter
Unmenschen! Was hat Eure Brust erfaßt! Ach, ratlos irrt die Seele in den Raum!
beim Feigen Sohn
In Dir ist sie zur Marmorlast erstarrt;
hilflos neben dem Feigen
Die Welt liegt da wie eine Fehlgeburt, kein Kuß erweckt mehr einen Menschenlaut.
zu den beiden andern
Was laßt Ihr rote Blicke um mich kreisen?
Sie rafft sich auf
Der reine Hauch, der mit dem Körper wuchs und mich der Dinge Sinn erfassen lehrte, bis ich, was vor mir war, was kommen wird, sich schließen sah in einem Schicksalsring --, beschütze mich vor Euch!
Ältester Sohn
packt die Mutter
Welch reiner Hauch? Gib mir dies Wunder! Weib, die Faust vollbrächts und untersuchte wieder Eingeweide --, ob ich im Mutterleibe endlich finde, was hinter aller weichen Ahnung lockt!
Beide ringen, er wirft die Mutter hin
Mutter
aufgelöst
Wenns einen Sinn gibt in der weiten Erde, wenn all das teure, heißgeliebte Blut, das, seit wir Menschen sind, um Liebe floß, nicht ganz vergeblich war, fleh ich zu Dir, unnennbar, welterhaltende Gewalt: die Du des Vogels leichtes Körperchen im Federkleid erregst und pochen läßt, wenn sich ein Bube seinem Neste naht, die selbst dem Raubtier Lieblichkeit verleiht, wenn es für seine spielerischen Jungen das rote Fleisch der Antilope reißt --,
Ältester Sohn
zur Mutter
Die Finger vom Gebet!
Tochter
zum Ältesten Sohn
Wir binden sie!
beide gegen die Mutter
Mutter
flehend
Ihr schnürt Euch Eure eigne Kehle zu!
Tochter
zur Mutter
Ich will nicht länger meine Waden bergen und Schenkel, die im Lauf in ihren Bogen den runden Himmel fühlen, ganz umfalten mit Rock und Fetzen! daß der junge Leib wie im Gefängnis hungert!
Mutter
Wär ich taub!
Tochter
Dir will ich keine Kinder schaukeln! Ich dulde keinen andern Bart auf mir, als dieses Haar, das auch verurteilt ist.
Mutter
Ihr Ewigen im All, verlaßt Ihr uns, dann wird der Mensch ein Wolf, und -- greulicher.
Ältester Sohn
faßt die Mutter am Kinn
Wär nicht dies Auge, das mir eingeprägt, so oft ich von ihm schied und in der Fremde nichts Eignes hatte als dies Angedenken, vor dem ich still in Heimweh ganz zerfloß!
Tochter
Auf, Bruder, wenn wir dieses Weib erwürgten!
Ältester Sohn
Ist meine Scheu vor Deinem Mutterblick auch Trug? Ist jedes Wort der Sprache Lüge? -- Dann sei in Dir die Quelle zugestopft!
Mutter
reißt sich von ihrer Kinder Würgehand
Ein Totenfeld, weiß wie der Tag, steht auf!
Ältester Sohn
zum Kirchhof
Ich seh nur dünne Trauerweidenfinger sich schattenhaft im Nachtwind regen. Doch kein Gespenst aus mondengrünem Mai hockt irgendwo!
Mutter
zur Nebelbewegung des Morgens
Voraus, mein tapfrer Sohn! die Wunden bluten!
Ältester Sohn
zur Mutter
Du streichelst nasse Luft wie Lockenhaar?
Mutter
zum Kirchhofnebel
Ach Dank! o Dank! Wer immer Dich geschickt! Ich habe noch ein Kind, das zu mir kommt, ein bleiches Kind, doch ists ein Kind! O Gott!
Sie bricht schluchzend zusammen
Ältester Sohn
Ich reiße Deine Hoffnung auseinander wie Spinngewebe!
Tochter
Wehe, siehst Du das!
versteckt sich beim Feigen
Ältester Sohn
in Nebelschlangen
Gerippe, die Jahrtausende getragen, rolln schon von meiner Kraft zernebelt, wild an mir vorüber, daß ich ihren Moder wie flüchtge Kühlung atme --? Ich brech den Heilgenschein des Todes durch!
Er läuft auf den Kirchhof
Das Kreuz vom frischen Grab!
reißt es aus
Nun rieche hin, wie's aus dem Kirchhof stinkt! Verwest ist alles, der kalten Erde Raub und Deine Glut erwärmt nichts mehr!
Mutter
Mein Herz ist nicht aus Stein!
Ältester Sohn
zur Mutter
Ohnmacht in Euch, wenn fette Würmer schleichen, und sich in Augen Eurer Leibesfrucht Nachtpilz und Molch mit aller Fäulnis Wurzeln einnisten wie in Kot! O Mütter, Weiber: Ihr tragt das Grab in Eurem feuchten Schoß, was Ihr gebärt, ist Tod und nichts als Tod!
Mutter
kriecht auf den Kirchhof
Fruchtreiche Schollen, seht, ich komm zu Euch, die Ihr für kleinste Tropfen Schalen habt, wo sie ganz still und leuchtend liegen dürfen, bis ihre Zeit erfüllt --. Ich strecke Euch die Hände an das Herz! An Eure klebrig-holde Samenflut, die wärmend um das zartste Keimblatt steigt, vor Frost und Brand es schützend.
Ältester Sohn
auf den Gräbern
Zertreten! bleich, wie Blüten hingestreut verschwenderisch! Was willst Du noch von denen? Auf daß der Boden Macht ernähren kann, frißt er sich satt an unsrer Brüder Fleisch! Ja, rufe, bettle nur! Die sind verstummt!
Mutter
gräbt ihre Arme in die Erde
Was sich Dir anvertraute, warmes Land, kann nicht verloren sein! Es webt und rinnt durch diesen Erdball wie Geäder in einer Jungfrau Brust, Gefühle weckend, die sich der Menschheit hinzugeben wünschen!
Ältester Sohn
zu den Gräbern
Ihr da, engangeschmiegt und festgetreten, hört Ihr die Mutter nicht? He, aufgewacht: In Angst gefalln, unvorbereitet Du --, vom Land, das Eure Mutter küßt, gepeitscht, bis Ihr aus Eurer Zelte Aberglauben in diese Gruben fielt, was zaudert Ihr?
Tochter
beobachtend vor dem Gitter
Mir tanzt der Kopf! Er taumelt durch die Gräber, zersplittert Kreuze, daß der Hof gegeißelt, erschlagen ächzt. O hohe Bergesgipfel, wo Baum und Blatt in stummer Seligkeit sich in den freien Äther drängen dürfen, hebt mich zu Euch!
Ältester Sohn
zur Mutter
Stamm ich vom Maulwurf ab?
Er rüttelt sie vom Boden
Mutter
gräbt sich tiefer in die Erde
Du dämmst mein Blut nicht mehr! Vom Rausch der Tiefen unbändig angezogen und erfüllt, fließt es mit meinen Tränen in den Grund!
Ältester Sohn
zur Tochter
Wie alles an uns zerrt, daß wir die Erde mit unserm Leichnam füttern. Hirnentleert stürzt schon das Blut zum Fuß und läßt die Sohlen auf Mutterschlünden tappen wie auf Eis, das brechend letzte Eigenkräfte bricht!
Tochter
zur Mutter
Warum gabst Du uns Leben!
Ältester Sohn
zur Mutter
Hörst Du das?
Mutter
am Boden
Hätt ich Euch nun, als Ihr nach Brüsten schriet, am Stein zerschmettert, undankbare Brut, und Euch betrogen um das liebe Licht! Habt Ihr der Sonne holde Farbenglut nie auf der Tage Antlitz rein gefühlt und Euch am zarten Spiel der Luft erfreut? Und hob sich Eure Brust noch nie beglückt, wenn erntenheiß das gelbe Kornfeld stand? War all das nichts?
Tochter
Viel lieber tot sein!
Ältester Sohn
Ja!
Mutter
kommt in das Tor
Noch stehts bei mir, ich pack Euch am Gelenk, vollende das, was ich aus Liebe mied, und schlage Eure Köpfe aneinander in einem Schlag!
Ältester Sohn
Jetzt seh ich in Dein Herz!
Mutter
mächtig
Ich bin es müde, angeklagt zu stehen! Was wißt Ihr von der Mutter! daß sie schwach und Eure Torheit schützen wollte! Seht, nun ragt der Mütter Schatten, den ich rief, und spricht ein ernstes, hartes Wort mit mir: Sagt, hält der Fels die Quelle vor dem Sturz? Der Zweig die Blüte, eh sie fällt? Er läßt's geschehn. So fallt auch Ihr!
Ältester Sohn
Daß ich der Erde Ecken fassen könnte! Was mir erreichbar, mit hinunterreißen!
Mutter
Nur zu: es fielen in der Zeiten Sturm schon mehr als Ihr und ich. Es soll geschehen!
Ältester Sohn
zur Mutter
Und keine Wimper zuckt: schaust Du hinauf, den Blitz erwartend? Schlüge er uns alle!
Er bemerkt im Grau den Feigen
Tag friert herauf. Da hängt der Bruder, kalt wie ein bereifter welker Ast, und zittert. Im Sterbezimmer, wenn der Arzt am Puls im Flüstertone letztes Flackern zählt, geht's lauter her als in dem Herz. Genosse, wie ein beschlagner Spiegel ist Dein Blick.
Feiger Sohn
stößt einen Schrei aus
Ältester Sohn
taumelnd
So schreit das Schwein, vom Metzger abgestochen!
umklammert den Feigen Sohn
Wir haben diese Schollen nicht besudelt! Euch klag ich an, die Ihr uns morden hießt!
zu Tal
He, fette Bäuche hinterm grünen Tisch, Ihr habt es leicht, die Leuchter anzuzünden und aus vergilbtem Recht den Tod zu rufen! Stünd er so käsig einst bei Euch wie hier in diesem Bruderantlitz, das gesponnen aus allen schreckdurchrissnen Menschennerven!
Tochter
Die Berge lichten sich.
Ältester Sohn
Dies Blut am Arm stammt nicht von mir! Die Gräber nicht von mir!
Feiger Sohn
schreit wiederum
Ältester Sohn
hält ihm die Lippen zu
Ich würge jeden Laut an Deinem Mund! Und hoffnungslos im Rund wächst grauer Stein! He! bin ich festgeschnallt und ausgeliefert? Die ganze Welt zeugt gegen mich und gafft, wie ich vom Beil der Macht geköpft verende!
Er flieht auf den Kirchhof
Tochter
beim Feigen Sohn
Des Henkers weißer Handschuh unterm Frack ist gegen Deine Öde vollmondwarm.
Ältester Sohn
wirft von innen die Gitter zu
Tore zu! zu!
Tochter
will zu ihm
Schließt Du uns aus?
Ältester Sohn
springt auf die Mauer
Vielköpfge Macht aus einer Mutter Leib, mich beugst Du nicht! Mich rührst Du nicht mehr an! Schon dampft mir Schweiß von Sklavenschultern her, die, unter Deinem Thron geduckt mich suchen? Schau her, wie frei ich stehe! Frei von Dir, indessen fernster Sonnen milchger Schimmer sich schon wie neuer Busen zu mir wölbt, an dem ich bessre Nahrung finden werde, als mir die Mutter gab, um Knecht zu sein!
Tochter
Was wird aus mir? Aus mir! Mich schüttelt es!
Ältester Sohn
zur Mutter
Fluch Dir, der ich gedient und Werkzeug war! Eh ich von Dir getroffen niederfalle, härt ich zuletzt im Fuß das Muskelspiel und stoß mich so von diesem Erdball ab!
Er stürzt sich rücklings in den Kirchhof
Tochter
am Tor
Ich brech die Eisengitter!
im Kirchhof
Grauser Anblick! Mein Bruder, Bruder! Geierfraß, Gestank!
zur Mutter
Du flutest auf, und Deine Augen sehen mich wie das Meer, das Schiffe trug und schluckte, unendlich an?
Mutter
an der Leiche
Es hat sich ausgerast? Die Felsen, die Du sprengtest, schlugen Dich und tun wie fallendes Geröll im Sturz schon ihre Wirkung. Seltsam wird es Tag --, als bliese neuer Odem in die Brust!
Tochter
über dem Ältesten Bruder
Mit Dir schrumpf ich zu Asche, wie am Abend der bunte Himmel, wenn die Sonne sank, und wie ein Traum zergeht, vergehen wir.
Mutter
O eitrig Auge dieser kranken Nacht, läufst Du nun aus? -- In jungem Morgen dampfend steht hell, wohin ich seh, in weiter Welt des Wachstums mächtger Bau um uns und wächst.
Sonnenaufgang
Tochter
Verhaßtes Licht!
Mutter
Talfernes Sonnenläuten wie Kinderlachen, wenn die Mutter kommt und dem Gezwitscher Fensterläden öffnet! Schon wirfst Du Schatten, wandelst und belebst die graue Welt.
Tochter
stürzt zum Feigen
Ich brech den Kiefer! und hol mir Wörter aus dem Schlund herauf! Was zuckt um Deine Lippen plötzlich auf wie Geisterspuk in unbewohntem Haus? Riechst Du die Waffen? Ja es schwillt herauf!
Mutter
am Boden
Erregtes Wehen füllt den Horizont; er weitet sich ins All und strömt zurück in jede Krume der zerschlagnen Erde.
Tochter
über der Leiche
Du warst der Nerv von dem Gewimmel dort!
zum Tal
Ich fühle Euren Griff schon derb im Fleisch, die nackten Leiber nackt auf meinem Leib, der seine Poren schließt vor Eurem Dunst! Kriecht Ihr herauf? Gehorsam? Helmgedrückt? In Eurer Brunst geknechtet selbst, wie Stiere, für die ein Zuchtherr Stund und Tag bestimmt! Doch spannt man Liebe auch hinfort ins Joch --, ich schenke meinen Leib nicht her! Ein Sumpf soll eher Lasten tragen, als mein Schoß!
Mutter
Erwartend, feierlich kniet meine Seele, dem Herzschlag ungezählter Herzen lauschend, der sich in meinem Busen sammeln will.
Wachsender Truppenlärm
Tochter
beim Feigen Sohn
Dein schrecklich Haupt mög ihren Sieg erfrieren und jedes Wort, das ihn vererben will, wie eine Barke zwischen Eis erdrücken! Tauch auf! Du blasser Kopf! Tauch auf! Empor: An Hochzeitsbetten seist Du angenagelt als schlechtes Ampellicht für neue Zeugung, für Mütter, die gebären wollen: Tod! Die Zeit ist da! Jetzt kreise auf, bis Mut an Dir erstarrt!
Stimmen
talherauf
Schafft Raum!
Tochter
zwischen den Brüdern
Leb ich, um den Koloß, der Euch erschlug, zu füttern? Ich stoße der Gebärung Werkzeug ein!
Sie versteckt sich vor der anrückenden Mannschaft hinter Gräbern
Ein Soldatenführer
Die Nacht trug uns wie eine Königsstute zu unsres Willens Ziel, dem Sieg. Doch Männer, eh wir die Täler mit Triumph erfüllen, wolln wir die Schätze unsrer Dankbarkeit vor den Gefallnen opfern!
Der andre Soldatenführer
Fahnen hoch! Sie solln das Fest der Andacht hell umflattern! Wem weicht Ihr aus?
Ein Soldatenführer
bei der Mutter
O Frau, ich beuge mich.
Der andre Soldatenführer
an der Leiche
Verbrecherblut! Schon leuchten Häupter von Heroen auf, an deren Ruhm Jahrtausende sich sättigen, wie durstig Wild an Ozeanen säuft!
zur Mannschaft
Umstellt das Tor und wascht die Treppen rein!
Jüngster Sohn
den Kameraden wehrend
Mit Euren raschen Händen fort! Die Mutter! Und furchtbar von des Bruders Leiche ragend wie eine wilde Gottheit! Mutter! Darf ich den Arm, der solches Werk getan, verehren?
Der andre Soldatenführer
auf den Toten Sohn weisend
So schleift den Schurken fort! Streut Schwefel hin!
Mutter
blickt auf
Rührt nicht an Blut; es ist geheimnisvoll wie alles andre für die Welt vergossen!
Der andre Soldatenführer
Willst Du uns höhnen?
zur Mannschaft
Vorwärts! Zugepackt!
Mutter