Ein fröhlicher Bursch: Eine Erzählung
Part 2
Mit Baard aber war es so zugegangen. Sobald er hörte, daß der Bruder Not leide, taute ihm das Herz auf, aber der Stolz hielt ihn zurück. Er empfand das Bedürfnis, zur Kirche zu gehn, und dort faßte er gute Vorsätze, allein er brachte sie nicht zur Ausführung. Oft kam er so weit, daß er das Haus sehen konnte, bald aber kam jemand aus der Tür, bald war ein Fremder dort, oder auch Anders stand draußen und hackte Holz, genug, es war immer irgend etwas im Wege. Aber eines Sonntags zu Ende des Winters war er wieder in der Kirche, und da war Anders auch dort. Baard sah ihn; er war blaß und mager geworden, er trug noch dieselben Kleider wie früher, als sie noch zusammen gewesen waren, aber sie waren jetzt alt und geflickt. Während der Predigt sah er zum Pfarrer hinauf, und Baard erschien es, als sähe er gut und sanft aus, er gedachte ihrer Kinderjahre und was für ein guter Junge er gewesen war. Baard selber ging an jenem Tage zum Abendmahl, und er legte seinem Gott das feierliche Gelübde ab, daß er sich mit seinem Bruder versöhnen wolle, es möchte kommen, was da wollte. Dieser Vorsatz ging in dem Augenblick durch seine Seele, als er den Wein trank, und als er sich erhob, wollte er geradeswegs zu ihm hingehn und sich neben ihn setzen; aber es saß jemand im Wege, und der Bruder sah nicht auf. Auch nach der Predigt war wieder etwas im Wege; da waren zu viel Leute, die Frau ging neben ihm, und die kannte er nicht -- er meinte, es sei das beste, zu ihm ins Haus zu gehn und ernstlich mit ihm zu reden. Als der Abend kam, tat er das. Er ging auf die Stubentür zu und lauschte; da aber hörte er seinen Namen nennen, und zwar von der Frau: »Er ging heute zum Abendmahl,« sagte sie; »er hat gewiß an dich gedacht.« -- »Nein, er hat nicht an mich gedacht,« sagte Anders. »Ich kenne ihn; er denkt nur an sich.«
Dann wurde nichts mehr gesagt. Baard schwitzte, wo er stand, obwohl es ein kalter Abend war. Die Frau drinnen war an einem Kessel beschäftigt, der auf dem Feuer brodelte und prasselte, ein Säugling weinte von Zeit zu Zeit, und Anders wiegte. Da sagte sie die wenigen Worte: »Ich glaube, ihr denkt beide aneinander, ohne es eingestehn zu wollen.« -- »Laß uns von etwas anderm sprechen,« erwiderte Anders. Nach einer Weile erhob er sich, er wollte auf die Tür zugehn. Baard mußte sich im Holzschuppen verbergen; aber gerade dahin kam auch Anders, um einen Arm voll Holz hereinzuholen. Baard stand in der Ecke und sah ihn deutlich; er hatte seine schlechten Sonntagskleider ausgezogen und trug die Uniform, die er aus dem Kriege mit nach Hause gebracht hatte, dieselbe wie Baard seine; er hatte dem Bruder versprochen, sie nie zu berühren, sondern sie ihm zu vererben, wie ihm auch dieser das gleiche gelobt hatte. Die von Anders war jetzt geflickt und abgetragen, sein kräftiger, wohlgewachsner Körper steckte wie in einem Bündel Lumpen, und zugleich hörte Baard die goldne Uhr in seiner eignen Tasche picken. Anders ging dahin, wo das Reisig lag; aber statt sich gleich zu bücken und sich zu beladen, blieb er stehn, lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Holzstapel und sah zum Himmel auf, an dem die Sterne hell flimmerten. Dann seufzte er tief auf und sagte: »Ja -- ja -- ja; Herr Gott, Herr Gott!«
Solange Baard lebte, hörte er fortan diese Worte. Er wollte auf ihn zugehn, aber in demselben Augenblick räusperte sich der Bruder, und das klang so hart -- mehr gehörte nicht dazu, ihn zurückzuhalten. Anders nahm seinen Arm voll Holz auf und streifte so dicht damit an Baard vorüber, daß ihm die Reiser ins Gesicht schlugen, daß es schmerzte.
Wohl zehn Minuten lang stand er noch regungslos auf demselben Fleck, und man kann nicht wissen, wann er gegangen wäre, wenn ihn nicht nach der starken Erregung ein solcher Frost befallen hätte, daß es ihn durchschauerte. Da ging er hinaus; er gestand sich ganz offen, daß er zu feige sei, hineinzugehn; deswegen hatte er jetzt einen andern Plan ersonnen. Aus einer Aschbütte, die in der Ecke stand, die er soeben verlassen hatte, nahm er ein paar Kohlen, suchte sich einen Kienspan, ging in die Scheune hinein, schloß hinter sich und schlug Feuer. Als er den Kienspan angezündet hatte, leuchtete er in die Höhe nach dem Nagel, an den Anders seine Laterne hängte, wenn er in der Frühe des Morgens kam, um zu dreschen. Baard zog seine goldne Uhr heraus und hängte sie an den Nagel, löschte den Kienspan aus und ging, und da fühlte er sich so erleichtert, daß er wie ein junger Bursche über den Schnee dahinlief.
Am nächsten Tage hörte er, daß die Scheune in der Nacht abgebrannt sei. Wahrscheinlich waren Funken von dem Kienspan heruntergefallen, der ihm leuchten sollte, während er die Uhr anhängte.
Dies überwältigte ihn dermaßen, daß er den ganzen Tag wie ein Kranker dasaß, sein Gesangbuch hervorholte und sang, so daß die Leute im Hause glaubten, es sei nicht ganz richtig mit ihm. Am Abend aber ging er aus; es war heller Mondschein; er ging nach dem Gehöfte des Bruders, grub auf der Brandstätte nach -- und fand wirklich einen kleinen, zusammengeschmolznen Goldklumpen; das war die Uhr.
Damit in der Hand ging er an jenem Abend zum Bruder, bat um Frieden und wollte sich erklären. Wie es aber ging, ist schon erzählt worden.
Ein kleines Mädchen hatte ihn auf der Brandstätte graben sehen, ein paar Burschen, die zum Tanze gingen, hatten ihn am vorhergehenden Sonntagabend auf das Gehöft zugehn sehen. Die Leute im Hause erzählten, wie sonderbar er am Montag gewesen wäre, und da nun alle wußten, daß er und der Bruder bittere Feinde waren, so wurde die Sache bei Gericht angemeldet und ein Verhör vorgenommen.
Niemand konnte ihm etwas beweisen, aber der Verdacht ruhte auf ihm; er konnte sich jetzt weniger denn je dem Bruder nähern.
Anders hatte an Baard gedacht, als die Scheune brannte, hatte es aber zu niemand gesagt. Als er ihn am nächsten Abend bleich und verstört in sein Zimmer eintreten sah, dachte er sofort: Jetzt schlägt ihm sein Gewissen, aber für eine so schreckliche Tat gegen seinen eignen Bruder erhält er keine Vergebung. Später hörte er denn auch, daß die Leute ihn an demselben Abend, als es brannte, auf das Gehöft hatten zugehn sehen, und obwohl beim Verhör nichts nachgewiesen wurde, glaubte er steif und fest, daß Baard der Missetäter sei. Sie trafen einander beim Verhör; Baard in seinen guten Kleidern, Anders in seinen geflickten; Baard sah zu ihm hinüber, als er eintrat, und die Augen flehten, daß es Anders bis ins Herz hinein fühlte. Er will nicht, daß ich etwas sagen soll, dachte Anders, und als man ihn fragte, ob er dem Bruder die Tat zutraue, sagte er laut und bestimmt: »Nein!«
Aber seit jenem Tage ergab sich Anders dem Trunke, und es ging ihm sehr schlecht. Noch schlechter erging es jedoch Baard, obwohl der nicht trank; er war nicht wiederzuerkennen.
Da kam eines Abends spät eine arme Frau in die kleine Kammer, in der Baard zur Miete wohnte, und bat ihn, mit ihr zu kommen. Er erkannte sie; es war die Frau des Bruders. Baard wußte sofort, was sie zu ihm führe; er wurde leichenblaß, kleidete sich an und folgte ihr, ohne ein Wort zu sagen. Aus Andersens Fenster schimmerte ein schwacher Lichtschein, er blitzte und verschwand, und sie folgten dem Licht, denn es führte kein Weg über den Schnee. Als Baard wieder in der Flur stand, drang ihm ein wunderlicher Geruch entgegen, so daß ihm ganz schlecht wurde. Ein kleines Kind stand am Herd und aß Kohlen, es war über das ganze Gesicht schwarz, sah aber auf und lachte mit weißen Zähnen; es war das Kind des Bruders. Aber hinten im Bette, mit allerlei Kleidungsstücken zugedeckt, lag Anders, abgemagert, mit klarer, hoher Stirn und sah den Bruder hohläugig an. Baard schlotterten die Knie, er setzte sich an das Fußende des Bettes und brach in heftiges Weinen aus. Der Kranke sah ihn unverwandt an und schwieg. Endlich hieß er die Frau hinausgehn, Baard aber winkte, daß sie bleiben solle -- und nun fingen diese beiden Brüder an, miteinander zu reden. Sie erklärten sich alles, von dem Tage an, wo sie auf die Uhr geboten hatten, bis zu dem heutigen, wo sie sich wiedersahen. Baard schloß damit, daß er den Goldklumpen hervorzog, den er immer bei sich trug, und jetzt wurde es den Brüdern klar, daß sie sich alle diese Jahre lang nicht einen einzigen Tag glücklich gefühlt hatten.
Anders sagte nicht viel, denn er war nicht dazu imstande; Baard aber blieb am Bette sitzen, solange Anders krank war. -- »Jetzt bin ich wieder ganz gesund,« sagte Anders eines Morgens, als er aufwachte; »jetzt, mein Bruder, wollen wir lange zusammenleben und nie wieder voneinandergehn, wie in den alten Zeiten.« Aber an dem Tage starb er.
Die Frau und das Kind nahm Baard zu sich, und sie hatten es gut seit der Zeit. Worüber sich aber die Brüder am Krankenbett unterhalten hatten, das drang durch die Wände und die Nacht hinaus, es wurde allen Leuten im Kirchspiel bekannt, und Baard wurde der geachtetste Mann unter ihnen. Alle grüßten ihn wie jemand, der ein schweres Leid gehabt und wieder Freude gefunden hat, oder wie jemand, der sehr lange fern gewesen ist. Baards Gemüt wurde stark infolge der Freundlichkeit, mit der man ihm entgegenkam, er wurde gottergeben -- und er wolle etwas zu tun haben, sagte er, so entschloß sich der alte Korporal, Schulmeister zu werden. Was er den Kindern von früh bis spät einprägte, war die Liebe, und er selbst übte sie, so daß die Kleinen ihn liebten wie einen Spielkameraden und Vater zugleich.
Und diese Geschichte, die vom alten Schulmeister erzählt wurde, machte einen solchen Eindruck auf Öyvinds Gemüt, daß sie ihm zur Religion und Erziehung wurde. Der Schulmeister war für ihn ein fast übernatürlicher Mensch geworden, obgleich er so umgänglich dasaß und nur wenig schalt. Auch nur eine einzige Aufgabe nicht zu wissen, war ihm unmöglich, und lächelte er ihm zu, oder strich er ihm mit der Hand über das Haar, wenn er sie aufgesagt hatte, da war ihm den ganzen Tag froh und warm ums Herz.
Den größten Eindruck auf die Kinder machte es immer, wenn der Schulmeister ihnen zuweilen vor dem Gesang eine kleine Rede hielt und ihnen wenigstens einmal in der Woche ein paar Verse vorlas, die von der Nächstenliebe handelten. Wenn er den ersten von diesen Versen las, zitterte seine Stimme, obwohl er ihn jetzt schon seit zwanzig bis dreißig Jahren gelesen hatte; er lautete:
Seinen Nächsten man lieben muß! Niemals tritt ihn unter den Fuß, Läge er auch im Staube. Alles, was lebt, ist untertan Göttlicher Liebe! Sieh nur hinan, Liebe gibt dir dein Glaube.
Wenn aber dann das ganze Gedicht hergesagt war und er eine Weile dagestanden hatte, sah er sie an und blinzelte mit den Augen: »Auf, ihr kleinen Kobolde, und geht hübsch ohne Lärm nach Hause; geht hübsch artig, daß ich nur Gutes von euch zu hören bekomme, Kinderchen!« -- Während sie dann wie besessen lärmten, um ihre Bücher und Eßbütten zusammenzusuchen, schrie er in den Lärm hinein: »Kommt morgen wieder, sobald es hell wird, oder ich hole euch und mache euch Beine! -- Kommt ja zur rechten Zeit, ihr kleinen Mädchen und Jungen, dann wollen wir fleißig sein!«
4
Über sein weiteres Heranwachsen bis zu dem Jahre vor seiner Konfirmation ist nicht viel zu berichten. Er lernte am Morgen, arbeitete am Tage und spielte am Abend. Da er einen ungewöhnlich fröhlichen Sinn hatte, währte es nicht lange, bis die in der Nähe wohnende Jugend sich in den Freistunden dort einzufinden pflegte, wo er war. Ein großer Hügel zog sich bis an die Bucht hinab, davor lag auf der einen Seite das Haus an der Bergwand, und der Wald auf der andern, wie schon berichtet worden ist, und den ganzen Winter war hier an jedem schönen Abend und des Sonntags Eisbahn für die schlittenfahrende Jugend des Kirchspiels. Öyvind war Meister auf der Schlittenbahn, er hatte zwei Schlitten, den »Scharftraber« und das »Ungetüm«; diesen lieh er größern Gesellschaften, den andern lenkte er selbst und hatte dabei Marit auf dem Schoß.
Das erste, was Öyvind in der Zeit tat, war auszugucken, wenn er aufwachte, ob Tauwetter war, und sah er, daß es jenseits der Bucht grau über den Büschen hing, oder hörte er, daß es vom Dache heruntertropfte, da ging es so langsam mit dem Ankleiden, als sei an diesem Tage nichts zu tun. Erwachte er aber, und namentlich des Sonntags, bei knarrendem Frost und klarem Wetter, hatte er die besten Kleider und keine Arbeit vor sich, nur Überhören und Kirchgang am Vormittag und dann den ganzen Nachmittag und den Abend frei -- juchhe! da sprang der Junge mit einem Satz aus dem Bette, kleidete sich an, als brenne das Haus, und konnte kaum essen. Sobald der Nachmittag da war und der erste Junge am Wegesrande entlang auf seinen Skien dahergesaust kam, den Skistab über dem Kopf schwang und rief, daß es an den Bergabhängen um das Wasser widerhallte, und dann einer den Weg entlang auf dem Schlitten, und noch einer und noch einer -- da machte sich der Junge mit dem »Scharftraber« auf, lief den ganzen Hügel hinan und machte mit langem, gellendem Jodeln, das an der Bucht entlang von Berg zu Berg schallte und erst ganz in der Ferne erstarb, zwischen den zuletzt Angekommnen halt.
Er pflegte sich dann nach Marit umzusehen; war sie aber erst gekommen, so kümmerte er sich auch nicht mehr um sie.
Aber dann kam ein Weihnachtsfest, wo der Knabe wie auch das Mädchen ungefähr sechzehn oder siebzehn Jahre alt sein mochten und zum Frühling konfirmiert werden sollten. Am vierten Tage nach Weihnachten war ein großes Fest auf dem obersten der Heidehöfe bei Marits Großeltern, bei denen sie erzogen worden war, und die ihr dies fast nun schon seit drei Jahren versprochen hatten, jetzt aber endlich an diesem Feiertage damit herausrücken mußten.
Dazu war Öyvind eingeladen worden.
Es war ein halbklarer, nicht kalter Abend, kein Stern war zu sehen, am nächsten Tage mußte Regen kommen. Ein lauer Wind wehte über den Schnee, der hie und da von den weißen Heidefeldern weggefegt und an andern Stellen zu langen Schanzen zusammengetrieben war. Am Wege entlang war, wo kein Schnee lag, Glatteis, und das lag blauschwarz zwischen dem Schnee und dem nackten Felde und blitzte streckenweise auf, soweit man sehen konnte. An den Felswänden waren Schneelawinen niedergegangen; sie hatten Dunkelheit und Leere hinterlassen, aber zu beiden Seiten ihres Bettes war es hell und schneebekleidet, ausgenommen dort, wo sich die Birkenwälder zusammendrängten und es dunkel machten. Das Wasser war nicht zu sehen, aber halbnackte Heideflächen und Sümpfe lagen unten an den Felswänden hinauf, zerklüftet und schwer. Die Gehöfte lagen in dichtgedrängten Haufen mitten auf der Fläche; sie sahen in der Dunkelheit des Winterabends aus wie schwarze Klumpen, von denen sich Licht über das Feld ergoß, bald aus diesem, bald aus jenem Fenster. Nach den Lichtern zu urteilen, mußte es da drinnen geschäftig hergehn. Die Jugend, die erwachsne wie die halberwachsne, scharte sich von verschiednen Seiten her zusammen; die wenigsten gingen auf dem Wege, oder sie verließen ihn doch, sobald sie sich dem Gehöfte näherten, und schlichen sich dann weiter, einer hinter das Viehhaus, ein paar unter das Vorratshaus, etliche krochen hinter die Scheune und schrien wie Füchse, andre antworteten aus der Entfernung wie Katzen, einer stand hinter dem Backofen und bellte wie ein alter, bissiger Hund, dem die Quinte gesprungen ist, bis eine allgemeine Jagd angestellt wurde. Die Mädchen kamen in großen Scharen daher, sie hatten einige Burschen, in der Regel kleine Jungen, bei sich, die sich auf den Wegen um sie prügelten, um als Männer zu erscheinen. Wenn so ein Mädchenschwarm auf den Hof kam und der eine oder der andre der erwachsnen Burschen ihrer ansichtig wurde, stoben die Mädchen auseinander, flohen in die Gänge oder in den Garten hinab und mußten eine nach der andern hervorgeholt und ins Haus gezogen werden. Einige waren so verschämt, daß man Marit holen lassen mußte, daß sie sie kräftig hereinnötigte. Zuweilen kam auch wohl eine, die eigentlich gar nicht eingeladen war, und deren Absicht es durchaus nicht war, hineinzugehen, sondern die nur zusehen wollte, aber das Ende von der Sache war dann, daß sie doch wenigstens einen Tanz mitmachen sollte. Die, die Marit gern hatte, lud sie ein, zu den Altenteilern in eine kleine Kammer zu kommen, wo der Alte saß und rauchte und die Großmutter hin und her ging; man schenkte ihnen dann ein und redete sie freundlich an. Öyvind war nicht unter diesen, und das erschien ihm ein wenig wunderbar.
Der gute Spielmann des Kirchspiels konnte erst später kommen, deswegen mußten sie sich bis dahin mit dem alten behelfen, einem Häusler, den sie Grauknud nannten. Er konnte vier Tänze spielen, nämlich zwei Springtänze, einen Halling und einen alten sogenannten Napoleonwalzer; nach und nach aber hatte er den Halling in einen Schottisch umwandeln müssen, indem er den Takt veränderte, und ein Springtanz mußte auf dieselbe Weise zur Polka-Mazurka werden. Er spielte nun auf, und der Tanz begann. Öyvind wagte nicht gleich, sich zu beteiligen, denn hier waren zu viel Erwachsne; aber die Halberwachsnen taten sich bald zusammen, pufften einander vor, tranken sich Mut in dem starken Bier, und da kam auch Öyvind mit; heiß wurde es in der Stube, die Lustigkeit und das Bier stiegen ihnen zu Kopfe. Marit war an diesem Abend die begehrteste Tänzerin, wahrscheinlich weil ihre Großeltern das Fest veranstaltet hatten, und das bewirkte, daß auch Öyvind oft nach ihr sah; immer aber tanzte sie mit andern. Er wollte gern selbst mit ihr tanzen, deswegen blieb er einen Tanz über sitzen, um gleich zu ihr hineilen zu können, sobald er zu Ende war, und das tat er auch, aber ein großer Kerl mit dunkler Gesichtsfarbe und starkem Haarwuchs vertrat ihm den Weg. »Weg, Junge!« rief er und puffte Öyvind, so daß er beinahe rücklings über Marit gefallen wäre. Noch niemals war ihm so etwas begegnet, nie waren die Leute anders als freundlich gegen ihn gewesen, nie war er »Junge« genannt worden, wenn er an irgend etwas hatte teilnehmen wollen; er wurde dunkelrot, sagte aber nichts und zog sich in die Ecke zurück, wo der eben angekommne neue Spielmann saß und stimmte. Es war still in dem Gewimmel geworden, man wartete darauf, die ersten kräftigen Töne von »ihm selber« zu hören; er versuchte und stimmte, es währte lange; endlich strich er drauflos und spielte einen Springtanz. Die Burschen schrien und warfen sich Paar auf Paar in den Kreis hinein. Öyvind sah zu Marit hinüber, die dort mit dem starkhaarigen Manne tanzte; sie lachte über dessen Schulter weg, daß ihre weißen Zähne blitzten, und Öyvind empfand zum erstenmal in seinem Leben einen eigentümlich stechenden Schmerz in der Brust.
Wieder und wieder sah er sie an, aber je mehr er sie ansah, desto mehr kam es ihm vor, als sei Marit völlig erwachsen; das kann doch nicht sein, dachte er, denn sie ist doch noch mit bei unsern Schlittenfahrten. Aber erwachsen war sie doch, und der Mann mit dem starken Haarwuchs zog sie nach dem Tanz auf seinen Schoß; sie riß sich zwar los, blieb aber doch neben ihm sitzen.
Öyvind betrachtete den Mann; er trug feines blaues Tuchzeug, ein blaugewürfeltes Hemd und ein seidnes Halstuch; er hatte ein kleines Gesicht, ausdrucksvolle blaue Augen, einen lachenden, trotzigen Mund, er war hübsch. Öyvind sah mehr und mehr, er sah endlich auch sich selber an; er hatte zu Weihnachten neue Hosen bekommen, auf die er sehr stolz war, jetzt sah er aber, daß sie nur aus grauem Fries waren; die Jacke war aus demselben Stoff, aber alt und dunkel, die Weste aus gewürfeltem, eigengemachtem Stoff, ebenfalls alt und mit zwei blanken und einem schwarzen Knopf. Er sah sich um, und es schien ihm, daß wenige so schlecht gekleidet seien wie er. Marit trug ein schwarzes Mieder aus feinem Stoff, eine silberne Spange im Halstuch und ein zusammengelegtes seidnes Tuch in der Hand. Auf dem Hinterkopfe hatte sie eine kleine schwarzseidne Haube, die mit großen, geränderten seidnen Bändern unter dem Kinn befestigt war. Sie war rot und weiß und lachte; der Mann sprach mit ihr und lachte. Es wurde von neuem aufgespielt, und sie wollten wieder tanzen. Ein Kamerad kam und setzte sich neben ihn. -- »Weshalb tanzt du nicht, Öyvind?« fragte er freundlich. -- »Ach nein,« sagte Öyvind, »ich sehe nicht danach aus.« -- »Du siehst nicht danach aus?« Aber ehe er fortfahren konnte, sagte Öyvind: »Wer ist der da in den blauen Tuchkleidern, der mit Marit tanzt?« -- »Das ist Jon Hatlen, du weißt, der, der lange auf der Ackerbauschule gewesen ist und jetzt den Hof übernehmen soll.« -- In demselben Augenblicke setzten Marit und Jon sich. -- »Wer ist der Junge mit dem blonden Haar, der dort neben dem Spielmann sitzt und mich anstarrt?« fragte Jon. Da lachte Marit und sagte: »Es ist der Häuslersohn von Pladsen.«
Öyvind hatte ja immer gewußt, daß er ein Häuslerjunge sei, aber bisher hatte er das nie empfunden. Er fühlte sich auf einmal so klein an Körper, kleiner als alle die andern; um sich aufrechtzuerhalten, mußte er versuchen, an all das zu denken, was ihn bis dahin froh und stolz gemacht hatte, von der Schlittenbahn an bis zu jedem einzelnen Wort. Als er auch an seine Mutter und an seinen Vater dachte, die daheim saßen und glaubten, daß er jetzt vergnügt sei, war es ihm fast, als könne er die Tränen nicht zurückhalten. Um ihn her lachte und scherzte alles, die Fiedel schallte ihm gerade ins Ohr hinein, einen Augenblick war es, wie wenn etwas Schwarzes in ihm aufsteige, aber dann fiel ihm die Schule ein mit all den Kameraden und dem Schulmeister, der ihn streichelte, und der Pfarrer, der ihm beim letzten Examen ein Buch gegeben und gesagt hatte, daß er ein tüchtiger Bursch sei. Der Vater hatte selber dabei gesessen und zugehört und ihm zugelächelt. »Sei jetzt gut, Öyvind, hörst du?« glaubte er den Schulmeister sagen zu hören, indem er auf den Schoß genommen wurde, wie damals, als er klein war. -- Herr Gott, das alles hat ja so wenig zu bedeuten, und im Grunde sind alle Menschen gut; es sieht nur so aus, als wenn sie es nicht wären. Wir beide wollen tüchtig werden, Öyvind, ebenso tüchtig wie Jon Hatlen; wir wollen schon gute Kleider bekommen und mit Marit in einer hellerleuchteten Stube tanzen, unter hundert Menschen, lächeln und miteinander plaudern, zwei Brautleute, der Pfarrer, und ich im Chor, ich lächle dir zu, und die Mutter wohnt bei dir im Hause, der Hof ist groß, zwanzig Kühe, drei Pferde, und Marit ist gut und lieb wie in der Schule -- --
Der Tanz war zu Ende; Öyvind sah Marit vor sich auf der Bank und Jon neben ihr, das Gesicht dicht über dem ihren; ein heftiger, stechender Schmerz durchzuckte wieder seine Brust, und es war, als sage er zu sich selber: »Das ist ja wahr, mir ist elend.«
In demselben Augenblick erhob sich Marit und kam gerade auf ihn zu. Sie beugte sich über ihn: »Du mußt nicht so dasitzen und mich unverwandt anstarren,« sagte sie; »du kannst dir doch denken, daß es den Leuten auffallen muß; hol dir jemand und tanze!«
Er antwortete nicht, aber er sah sie an und konnte nichts dafür: seine Augen füllten sich mit Tränen. Sie hatte sich schon aufgerichtet und wollte gehn, als sie es sah und stehn blieb; sie wurde plötzlich dunkelrot, wandte sich um und kehrte auf ihren Platz zurück; aber dort wandte sie sich wieder und setzte sich an eine andre Stelle. Jon ging ihr sofort nach.
Er stand von der Bank auf, ging zwischen den Leuten durch, auf den Hof hinaus und setzte sich auf den Söller, wußte dann aber nicht, was er dort sollte, erhob sich, setzte sich jedoch wieder hin, denn er konnte ja ebensogut dort sitzen wie anderswo. Er hatte keine Lust, nach Hause zu gehn, wieder hineingehn mochte er auch nicht; es war ihm alles einerlei. Er war nicht imstande, sich klarzumachen, was eigentlich vorgefallen war; er wollte nicht denken, denn es gab nichts, wonach er sich sehnte.