Part 5
Wer kündet uns das Weben, Das alle Wolken treibt, Das tief verhüllte Leben, Das ewig droben bleibt? Und doch will er sich neigen Dem Kinde dieser Welt Und läßt sein Leuchten steigen Hinab aufs Erdenzelt.
Und läßt vor Seheraugen Sein ganzes Bild erstehn; Sonst mochte nie ihm taugen Daß Menschen ihn ersehn. Was nie sich wollt' gestalten, Sein Bildnis oder Maß, -- In königlichem Walten Prophetenauge sah's.
Das ist echt Gazzâlîsche Inbrunst. Es verkennen, hieße blind sein. Daraus folgt aber gleichzeitig, daß all diese zahlreichen Lieder aus der Zeit nach 1108 stammen, in welchem Jahre ungefähr die Werke Gazzâlîs in Spanien bekannt wurden. Wahrscheinlich sogar wurden sie erst nach 1120 gedichtet. Die religiöse Reife, die aus ihnen spricht, beweist, daß unser Dichter die Jahre seines Irrens hinter sich hat, daß er mit sich selbst im Reinen ist, daß er weiß, wo die Wurzeln seiner Kraft liegen. Gazzâlî war Jehuda Halevis Wegführer geworden und blieb es bis an sein Lebensende. Al Chazârî, das philosophische Werk Halevis, mit dem er sein Leben beschloß, zeigt denselben Haß gegen die Spekulation, dieselbe Verachtung plappernder Gottesverehrung, denselben Glauben an die prophetische Schau des »inneren Auges«, wie Gazzâlî ihn gelehrt hatte. --
Aber noch eines war es, was Jehuda Halevi über Wasser hielt: Das war das naive Selbstbewußtsein, die köstliche Gabe des Genies. Er fühlte sich als »Siegelring seiner Zeit« berufen, ihr den Stempel aufzudrücken. Zwar hatte sie ihn fortgeworfen, aber er blieb doch das Siegel. Er war »der Riese, der sich unter Zwerge beugen muß«, aber doch Riese blieb. Er war »der Löwe unter den Dichtern«, den es ekelt zu dichten, weil im Weinberg der Poesie »sich die Füchse breit machen«.
Und was war ihm sein Dichten? Nicht ein Beruf, aber eine Berufung. Er dichtete nicht, wie der Schuster schustert. Er glaubte an die Intuition alles dichterischen Schaffens. Ihm war das Höchste »der Tropfen, der vom Eimer rann«. Der Schaum über dem Meere. Das Meer der Weisheit krönt sich mit dem Schaum der Poesie. Es spricht durch den Schaum, und ihm war es prophetische Sprache. Oft klagt er, »daß er keine Vision erfassen könne«, ein anderes Mal überwältigen ihn die Verse, »ohne daß der Gedanke sie rief«. Dann wieder redet er sie an: »Wie seid ihr müde, ihr Verse, ihr meiner Gedanken Flügel wie so lahm? Zur falschen Stunde seid ihr immer gekommen, jetzt zur rechten schweiget ihr.« Als er einst mit den Freunden beim Gastmahle saß, forderten sie ihn auf, zu improvisieren. Er aber weigerte sich. Da wurden die Freunde immer fröhlicher, tranken und jauchzten ihm zu, bis er, vom Weine bezwungen, begeistert aufsprang und zu deklamieren begann: -- ein echt orientalisches Bild: Hafis in der Schenke. Jehuda Halevi dichtete, wenn er nicht anders konnte. Die Verse waren ihm unbändige Füllen, die sich oft »in seinen Zaum nicht schicken wollten«, manchmal aber plötzlich in seinem Zügel waren und den Taumelnden mit sich rissen. Er war ein echter Prophet der Dichterwelt. Und als Prophet fühlte er sich. In seinem Werke Al Chazârî spottet er derer, welche der Dialektik bedürfen, um ins Innere der Natur zu dringen. Sie sind ihm wie Dichter, die Silben zählen. »Der Schwachkopf braucht Dialektik, dem von der Natur zur Gottesschau Begnadeten fällt eines frommen Wortes Funken ins Herz, und schon steht seine Seele im Licht.«
Wenn Jehuda Halevi so sprach, sprach er von sich selbst. Dieses Selbstbewußtsein aber lehrte ihn schätzen, was er hatte, und verachten, was ihm versagt war. Sein war der bessere Teil: --
Und sie fragen: Kannst du leben Ohne Bruder freudevoll? -- Ja, ich kann's: aus eigner Seele Stets mir meine Freude quoll!
Und ebenso lernte er den Pöbel hassen, den gebildeten Pöbel vor allem, lernte es, »seine Perlen zu vergraben«, zu sorgen, daß »seines Goldes kein Ring in den Rüssel eines Schweines komme«. Dieser Haß gegen die Welt blieb ihm bis an sein Lebensende. Er hat seiner Zeit nie ganz vergeben können, was sie an ihm gesündigt hat. Noch in seinen letzten Tagen klagte er über die Menschen, die gerade die Besten immer leiden lassen, über die Fürsten, die mit ihrem Golde sein Gottesgnadentum anzutasten wagten.
Trotzdem entwand er sich von Jahr zu Jahr mehr der Verbitterung, die seine jungen Tage vergällt hatte. Seine frohe Religiosität blieb Siegerin. Er hörte auf, zu hoffen auf das, was die Menschen Glück nannten, und nichts blieb als der triumphierende Stolz des Dichters auf sein gnadenreiches Leben. Was waren alle Schätze der Erde neben seinem Reichtum, alle Pfeile des Neides und Hasses gegenüber seiner göttlich gefeiten Brust:
Sprechet nur zur Welt, zur schlimmen: Mag sie tun, was ihr gefällt, Härter doch als ihre Dornen, Stärker ist mein starkes Herz. Darf ich ihre Weine kosten, Will ich auch die Hefen nippen, Besseres verlang' ich nicht; Denn erprobt ist meine Seele: Alle gift'gen Bitternisse Werden. Honig meinen Lippen.
Das ist der ganze Jehuda Halevi. Was konnten Hunger, Verkennung, Neid, Haß, Erniedrigung ihm anhaben?
Immer an der Morgenröte Laß ich meine Wimper hängen: Seelen, die sich selbst erheben, Seelen, die in Hoffnung leben, Gott wird ihre Tore sprengen! --
So endete sein Selbstbewußtsein dennoch wieder dort, wo seine Demut endete: -- In Gott.
VIII
Jehuda Halevi war zum Manne gereift. Die Zeit der Irrfahrten war vorüber. Die Kämpfe freilich noch nicht. Noch manchen Sturm mußte seine Seele ertragen. Um das Jahr 1120 finden wir ihn in Sevilla wieder, wo er zum erstenmal eine Art Heimat gefunden zu haben scheint. Hier wird es wohl auch gewesen sein, daß er jene Frau heiratete, von der wir nichts wissen, als daß sie ihm eine einzige Tochter schenkte und daß sie vor ihm starb. Selbst ihr Name ist uns unbekannt. Hier schloß er auch die Freundschaft mit dem erheblich jüngeren Abul Hasan Meîr ibn Kammiâl, der -- wahrscheinlich 1121 -- an den Hof des Almoraviden Alî als Leibarzt berufen wurde. Er scheint Jehuda Halevi materiell unterstützt zu haben. Die Freundschaft zu ihm aber hat dem Dichter auch einen inneren Halt gewährt. Er fühlte sich nämlich in Sevilla durchaus nicht wohl. Er scheint damals aus sich herausgegangen zu sein, um für seine religiöse Ueberzeugung, die ja dem Judentum seiner Zeit ebenso fremd war wie Gazzâlîs Lehre der islamischen Theologie, Anhänger zu gewinnen. Es gelang ihm nicht, seine Stammesgenossen zu der Tiefe und Innigkeit seines Glaubens zu bekehren. Sie plapperten weiter ihre Gebete an der Wand stehend »wie die Ochsen an der Krippe«. Man nahm ihm sogar übel, daß er ein anderes Judentum wollte als die anderen, und sprach ihm die Berechtigung ab, mitzureden, indem man ihn auf seine materielle Notlage hinwies. Was unterstand der arme Teufel sich, die reichen Juden aus den Palästen Sevillas zu meistern? -- So entlud sich sein ganzer Zorn über das dickfellige Protzentum dieser Menschen, die nur »den Baum mit den Aepfeln aus Gold als Baum der Erkenntnis anerkennen wollten«. Damals gewährte ihm der Umgang mit dem jungen, hochbegabten Kamniâl eine große Beruhigung. Es war eine innige Freundschaft, welche die beiden verband, in der allerdings Jehuda Halevi, obgleich erheblich älter als Ibn Kamniâl, wie immer der beherrschte Teil war.
Viel mehr können wir aus den Tagen von Sevilla freilich nicht erzählen. Auch dauerten sie nicht allzulange. Wir schätzen die Zeit seines dortigen Aufenthalts auf ungefähr fünf Jahre. Danach weist uns eine verwischte Spur auf ein kurzes Verweilen in Cordova hin, wo er den Tod des Rabbi Baruch ben Isak Albalia (st. 1125) erlebt zu haben scheint. Dann finden wir den bereits grau werdenden Dichter in Granada. Aber auch dort hielt er es nicht aus, sondern verließ schließlich Andalusien ganz und zog nach dem Norden in die Heimat zurück, von der er ausgezogen: Toledo.
IX
Was ihn zu diesem Schritte veranlaßte, ist zweifelhaft. Möglich, daß ihn der 1126 erfolgte Regierungsantritt des Königs Alfonso VII. Raimundez von Kastilien dazu bewog. Dieser war den Juden freundlich gesonnen. Seitdem er gar den edlen Jehuda Hanassi ibn Esra mit einem hohen Staatsamte betraut hatte (1129), wurde Kastilien für die Juden geradezu ein Asyl. Die Zeit, in der Jehuda Halevi nach Toledo kam, würde nach dieser Auffassung um 1130 anzusetzen sein, was mit seinen übrigen Lebensverhältnissen in Einklang stehen würde. Jehuda Halevi ließ sich in Toledo als Arzt nieder und entfaltete bald eine große Tätigkeit. Zu groß für ihn. Er fühlte sich nach kurzer Zeit als ein Knecht seines Berufes. Zudem empfand er die Nichtigkeit seines Wissens und Könnens, klagte über die Wertlosigkeit seiner Kunst und über die Dummheit der Leute, die zu jeder möglichen und unmöglichen Stunde zu ihm gelaufen kamen, um Heilung zu verlangen, und brutal wurden, wenn er nicht heilen konnte. Trotzdem war er ein besserer Arzt, als er selber glaubte. Die natürliche Behandlung, die er anwandte, indem er das Hauptgewicht auf die Hygiene, auf Luft und Licht, Essen und Trinken, Bewegung und Ruhe, Schlafen und Wachen legte, verschaffte ihm viel Vertrauen. Und wenn ihm die angestrengte Tätigkeit auch lästig war, so hat sie ihm doch aller Wahrscheinlichkeit nach das gebracht, was ihm immer gefehlt hatte, die materielle Sorglosigkeit. Als er einige Jahre später nach dem Süden zurückkehrt, ist er ein unabhängiger Mann.
X
Um 1135 wird es gewesen sein, daß Jehuda Halevi über die Brücke von Cordova schritt, um nie wieder diese Stadt zu verlassen bis zu dem Augenblicke, wo er seine Wallfahrt nach Palästina antrat.
Cordova! Dieser Name bedeutet die letzte und reichste Epoche im Leben Jehuda Halevis. Eine glückliche Epoche. Wohl war er äußerlich ein alternder Mann geworden, als er seinen Einzug in die herrliche Stadt Andalusiens hielt. Aber er selber wollte es nicht wahr haben. Denn er fühlte sich jung wie am ersten Tag. Die schwarze Locke war ergraut, aber darunter blühten frische, jugendliche Züge, und es war seine Eitelkeit, auf den anmutigen Gegensatz zwischen dem weißen Haar und den braunen vom Barte umrahmten Wangen hinzuweisen. Die Unstetheit seines Lebens hatte ihn nicht beugen können. Spät war die Ruhe gekommen, aber nun war sie da und trug herrliche Blüten und Früchte.
Cordova! Hier lernte er kennen, was Ruhm heißt. »Ganz Israel bekennt sich zu dir,« rief ein Freund ihm zu. Und selbst konnte er von sich sprechen: »Jehuda Sohn Samuels! Enkel Samuels! Sein Zelt ist bekannt von den Enden Edoms bis zum Flachlande, von Kastilien bis Andalusien.« Man hörte auf ihn. Es sammelten sich Schüler um ihn, die er »als seines Gartens Blumen« liebte und pflegte, und die mit Andacht am Munde des Meisters hingen, der ihnen seine Religion predigte und den Glauben seines Lebens.
Von vielen umworben, gewährte er doch nur wenigen das Glück seiner Freundschaft. 1138 wurde Joseph ibn Zadîk Dajan[2] von Cordova. Er war es, der unserem Dichter am nächsten stand, in seinem Hause weilte er am liebsten, ihm Ehrenlieder weihend, die auf den Gastereien Ibn Zadîks vorgetragen wurden. Aber auch ein spätes Familienglück erblühte ihm noch. Er konnte seine Tochter verheiraten und wiegte noch ein Enkelsöhnlein auf den Knien, das denselben Namen trug wie er.
Im Scheine dieses abendlichen Glückes setzte sich Jehuda Halevi noch einmal nieder, um in einem umfangreichen Werke die letzten Schlüsse seines Lebens zu ziehen. Das ist die philosophische Schrift Al Chazârî, »das Buch des Argumentes und Beweises zur Verteidigung des verachteten Glaubens«. Als er im Jahre 1140 dieses Werk begann, da sollte es eine Streitschrift werden, eine Streitschrift gegen die Feinde von außen und die Feinde von innen. Seine weithin hallende Stimme sollte vom Ruhme Israels zeugen. Als er es beschloß, war es viel mehr geworden: Das persönlichste Bekenntnis seines Lebens. Und schreibend war er selbst ein anderer geworden.
Al Chazârî ist ein philosophisches Werk, geschrieben von einem Verächter der Philosophie, das sagt alles. Ein Werk des Verstandes, in Leidenschaft begonnen und vollendet, ein Werk des Beweises, dessen Argumente allein in seinem Pathos liegen. Dem kritischen Geiste hält es nicht stand, aber dennoch ist es stärker als er; um so viel stärker, wie Jeremia stärker ist als Aristoteles. Al Chazârî ist das Werk eines Dichters. Schon die Form ist eine dichterische: Der Dialog. Der König der Chazaren ringt um die Wahrheit. Eine Stimme war im Traume über ihn gekommen: »Dein Wille gefällt mir, doch nicht die Tat!« Da geht er, die Tat zu suchen. Aber er findet sie nicht. Der Philosoph, der Christ, der Muslim lassen ihn im Dunkel. Schließlich kommt er zum Juden, den er verachtet. Der lehrt ihn die Tat. Lehrt ihn die realste aller Religionen, das unmittelbarste Wissen von Gott: Offenbarung. Offenbarung ist das A und das O dieses Werkes. Und seine verschwiegene Predigt ist, daß Offenbarung gesucht und erkämpft werden muß und -- kann. Wohl hat die arme Zeit nichts als Ueberlieferung, die Tradition von Mund zu Mund, die ihr die Wahrheit aller göttlichen Offenbarungen verbürgt. Aber diese Ueberlieferung ist selbst Offenbarung, weil es die Ueberlieferung der Adelsmenschen dieser Welt ist, die Ueberlieferung derer, die am Fuß der Himmelsleiter stehen. Es ist das Kleinod Gottes, Israel, das die Gottesschau der Sechsmalhunderttausend kündet. Wer redet da? Wer wagt es zu zweifeln? Weh dem, der die Kette zerreißt, die uns mit den Jahrtausenden rückwärts verknüpft! --
Werden wir noch einmal Gott schauen? Ist es möglich, zu ihm zu dringen? Wer trägt uns zu seinem Throne? -- Der denkende Geist? Nimmermehr. Tausendmal heiler als das Auge der Spekulation ist das Auge der Prophetie. Wer beweisen will, geht in die Irre. -- Die Selbstkasteiung? Allein wird sie uns niemals Gott näher bringen. Eines muß hinzukommen: Die gute Tat. Sie ist die Kraft, die uns helfen wird. Nur durch Gottes Wort kommt man zu Gott. Sein Gebot ist die Brücke, die zu ihm führt. -- --
XI
Das Werk Jehuda Halevis näherte sich seinem Ende. Der Dichter fühlte, daß er seine Seele ausgeblutet hatte in dieses Werk. Es war die Predigt seines Lebens, die er der Mitwelt bot. Der Adelsmantel, den er Israel umhängt, trägt das Wappen seines eigenen Adels, des eigenen Wertes Bewußtsein ließ ihn das Kleinodentum Jakobs künden. Und das Gefühl des eigenen Prophetentums war es, was ihn als höchste Stufe die Stufe der Prophetie predigen ließ. Er wußte, was Offenbarung war. So konnte er von Offenbarung sprechen und sprach vom eigenen Leben. Und doch, obgleich er sich so für einen von Gott mit der tiefsten Schau Begnadigten hielt, doch wuchs sein Werk über ihn hinaus. Er hatte seinem Geschlecht den Weg zu Gott zeigen wollen. Am Ende fühlte er, wie fern er selbst noch von ihm war, wie unvollkommen sein Tun. Ein kleines Geschlecht war es, dem seine Rede gegolten hatte, aber er selbst war dieses Geschlechtes Knecht gewesen ein Leben lang. Um ihre Gnade hatte er geworben, ihr Lob war ihm Lebensbedürfnis gewesen, wie süß war der sauer erkämpfte Ruhm. So erwuchs ihm die erschütternde Gewißheit, daß seine Lehre mit seinem Leben nicht stimmte. Und die Unruhe, die sein ganzes Leben erfüllt hatte, kam wieder über ihn. Ein Suchen entzündete sich in seiner Seele. Eine Zeit schwerer Kämpfe folgte, aus denen heraus sich ein Entschluß läuterte, der alle seine Freunde in Schrecken setzte und sie fast an seinem Verstande zweifeln ließ: Jehuda Halevi wollte Spanien für immer verlassen und nach Palästina wandern. Er wollte sterben für seine Welt, sterben für seine Familie, sterben für seine Freunde, um das wahre Leben zu gewinnen. Der Gedanke, daß nur die vollkommene Tat zu Gott führe, brannte ihm die Seele. Er mußte dorthin, wo allein die Taten vollkommen werden konnten, ins heilige Land der Väter. Dort allein war die letzte Erfüllung des göttlichen Wortes möglich. Dort war das Tor, »das von der Erde in den Himmel führt«, dort die Jakobsleiter zur höchsten Schar. Dort würde er Gott schauen Auge in Auge, dessen war er sicher.
Vergebens waren die Warnungen der Freunde, die eine schwere Enttäuschung für den Dichter voraussahen. Oft gelang es ihnen fast, ihn wankend zu machen. Es kamen Augenblicke der Angst und des Zweifels für ihn. Immer aber gewann der eine süße Gedanke in ihm die Uebermacht: »Zion, Zion, du Krone der Zeit!« Lächelnd sah er das Ziel vor Augen. Es war ihm unentrinnbare Selbstverständlichkeit geworden.
Der Entschluß war gefaßt. Der Tag der Abreise kam. Da sammelten sich die wenigen Freunde in Cordova zum letzten Male. Es bildete sich eine kleine Gefolgschaft um ihn, die bereit war, mit ihm zu ziehen. Josef ibn Zadîk sandte ihm eine reiche Abschiedsgabe, die er mit folgenden, die Größe und den Charakter Jehuda Halevis tief kennzeichnenden Worten begleitete:
Armut schließt uns unsre Rechte; Darum, was die Seele möchte, Reicht sie leider dir nicht dar: Wie belohnen wir dein Künden, Juda, der uns armen Blinden Ein so großer Künder war?
Liedesvater, sag' mir, zeugte Dich der Dichterkönig? Säugte Selig einst Deborah dich? Seelen jagst du, nicht mit Schlingen, Nein, in deiner Liebe fingen All die frohen Herzen sich.
Deine Lippen sind so süße, Deine Reden Heldengrüße, Klar dein Wort und mannazart; Löwe und Gazelle scheinen Herrlich sich in dir zu einen: Kraft und Schwäche hold gepaart.
Dankerfüllt sang Jehuda Halevi noch einmal den Ruhm des Freundes. Dann umarmte er zum letzten Male die geliebten Schüler, die Tochter, den kleinen Jehuda, um sich plötzlich loszureißen und die Tore Cordovas durchschreitend dem Süden zuzueilen, wo das Schiff ihn erwartete, das ihn zu den Bergen der Heimat tragen sollte. Schon zu lange hatte er gezaudert. Deshalb konnte es ihm jetzt nicht schnell genug gehen. Wohl wußte er, daß in Granada ihn Freunde erwarteten, die ihn das letzte Mal sehen wollten. Aber die Angst, aufgehalten zu werden, veranlaßte ihn, die schöne Granatenstadt gar nicht zu berühren.
Es steht der Libanon vor mir, Da darf ich nicht »Granaten« pflücken: So will es meiner Sünden Zahl, Die Frevel so, die allzumal Auf meine Seele drücken.
XII
So kam er zum Meere, das ihm nicht unbekannt war. Oft hatte er an seinem Strande gesessen und mit den Kieseln gespielt oder den Wellen gelauscht, die kamen und gingen wie ein unterwürfiges Heer, die Hand des Königs zu küssen. Jetzt sollte er sich diesem Heere anvertrauen. Zagend betrat er die Planke des Schiffes und sah sich bald von brutalem Schiffsvolk umgeben, das prahlend die Klugen verachtet und nur den Schwimmer schätzt.
Die Reise war zunächst von günstigen Winden begleitet. Dann aber kamen stürmische Tage, an denen der Dichter unter der Seekrankheit litt. Gleichzeitig verfolgte ihn die Angst vor Piraten, und auch die Schiffsleute flößten ihm Mißtrauen ein. Trotz alledem aber brachten ihm die Tage auf dem Meere Augenblicke der höchsten dichterischen Offenbarungen. Ob der Sturm ihn umbrauste oder der Sternenhimmel der Mitternacht in die spiegelnden Fluten sank, seine Augen waren weit geöffnet, aus dem Brunnen der ewigen Erhabenheiten zu trinken. Er hat die Natur des Weltmeeres ausgeschöpft, wie sie sich nur ausschöpfen läßt. Die Woge sprach zu ihm, aber was sie sprach, war wieder nur und konnte nur eines sein: -- Gott.
Das Schiff war seinem Ziele nahe. Da brach -- es war im September des Jahres 1141 -- eines Tages ein stürmischer Ostwind los, der das Schiff nicht vorwärts ließ, vielmehr es zwang, rückwärts segelnd im Hafen Alexandrias vor Anker zu gehen. Bitterer Unmut erfaßte Jehuda Halevi. Aber es half ihm nichts, er mußte an Land. Doch nahm er sich vor, sobald als die Stürme nachließen, wieder in See zu gehen.
Kaum jedoch hatte sich unter den Juden Alexandrias die Kunde verbreitet, daß der gefeierte Dichter des Abendlandes in der Stadt sei, als sie herbeiströmten, ihn zu sehen und mit den ausgesuchtesten Ehren zu überhäufen. Der reichste Jude der Stadt, der Arzt und Rabbi Aaron ben Zion ibn Alamânî, zog ihn in seinen Palast. Dieser Palast allein schon wirkte auf den überraschten Dichter überwältigend. Da ging man über goldbedeckte Quadern, stieg in die Gärten hinab und wandelte zwischen blühenden Narden und Cyprusblumen an duftenden Springbrunnen vorüber zu den Myrtenlauben, in deren Zweigen die Nachtigallen sangen, während gurrende Tauben die Wege bedeckten. Alamânî veranstaltete für den Dichter rauschende Festlichkeiten, auf denen ihm die Edelsten Alexandrias in ausgelassenem Jubel huldigten, trinkend und singend und ihm selbst zum Singen begeisternd. Jehuda Halevi war bezwungen. So viel Liebe hatte er sich nicht träumen lassen. Er konnte nicht anders: er mußte diese Stunde genießen und blieb. So hatte ihn das Erdentum wieder umfangen, da er sich ihm längst enthoben wähnte. Ein später Liebesfrühling wird dem fast Sechzigjährigen beschert. Mit anakreontischer Freude singt er von reizenden Abenteuern unter den Fenstern der Schönen.
Dann aber kommt wieder die Wirrnis über ihn, und die Sehnsucht nach Zion erwacht von neuem. Die Sabbathe verhüllen ihm ihre Weihe, er kann nicht wahrhaft froh werden, er fühlt, daß er sich selber untreu geworden ist. So sehnt er sich, aus Alexandria fortzukommen. Eines Tages trifft aus Damiette ein Bote des Abû Sa'îd Chalfon Halevi ein, der ihm einen Brief von dem Fürsten der ägyptischen Juden, dem Nagid Abû Mansûr Samuel ibn Chananjah, überbringt. Jehuda Halevi wird eingeladen, nach Kairo zu kommen, um sich im Palaste des Fürsten seiner Gastfreundschaft zu erfreuen. Sofort sagt er zu und meldet gleichzeitig seinen Besuch in Damiette für später an. Er hofft, der Fürst wird ihm helfen, bald zum Ziele seiner Sehnsucht zu gelangen. Nachdem er in Alexandria noch einige Einkäufe erledigt hat, fährt er nach Kairo. Der Eindruck, den der glänzende Hofstaat des Nagid auf ihn macht, ist noch größer als der, den er in Alexandria gehabt hat, und übertrifft alle seine Erwartungen. Wenn er den Fürsten in seiner Staatskarosse unter den Klängen rauschender Musik und von Soldaten begleitet ausfahren sieht, muß er an Josef in Aegypten denken. Solche Macht eines Juden hatte er in Spanien nie gesehen. Samuel spielte in der Tat am Hofe des fatimidischen Sultans Al Hafis eine bedeutsame Rolle und konnte dadurch seinen jüdischen Brüdern eine starke Stütze sein.
Er empfängt unseren Dichter mit den höchsten Ehren, und als Jehuda seinen Palast betritt, fühlt er, daß er in ein Haus der Liebe und Freude getreten ist. Hier wird das ruhebedürftige Herz zur Ruhe kommen. Ein Fest folgt nun wieder dem anderen. Es ist, als wenn Aegypten ihn entschädigen will für die vielen Jahre der Entbehrung und Verkennung. Aber wieder kommen die Gedanken an das letzte Ziel und trüben die Freude. Wieder ergreift ihn die Unrast und treibt ihn weiter. Wenige Tage vor dem Chanukafest verläßt er plötzlich Kairo, um nach der Hafenstadt Damiette zu fahren, von wo aus er mit Hilfe des bereits genannten Abû Sa'îd Chalfon Halevi endlich ans Ziel zu gelangen hofft. In Damiette verweilt er genau vierzehn Tage bis zum elften des Monats Tebet. Hier wird er tief von der paradiesischen Natur Aegyptens ergriffen, die dem Dichter ihre ganze Blütenpracht enthüllt. Noch einmal tritt die Jugend vor seine Augen, alte Träume steigen empor, Träume der Liebe und Freundschaft. Abû Sa'îd versucht ihn zurückzuhalten, wie es jeder in Aegypten versucht hat. Man hatte ihn durch rauschende Feste von dem Ziele seiner Sehnsucht ablenken wollen, das so schön war und doch mit Enttäuschung enden mußte. Schließlich aber muß der Freund doch nachgeben, und am Tage nach dem Fasten des Tebet besteigt Abul Hasan Jehuda Halevi die Barke auf dem Nil, um weiter zu fahren: stromaufwärts oder stromabwärts? Wir wissen es nicht. Mit diesem Tage schließt für uns das Leben Jehuda Halevis. Schließt mit einer Frage: Hat er das Ziel seiner Sehnsucht erreicht? Ist er, wie die Sage erzählt, im Tore Jerusalems von dem Rosse eines daherjagenden Sarazenen zerstampft worden? Oder hat man ihn irgendwo im ägyptischen Sande verscharrt? --